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PROFESSOR OF
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1896- 1899.
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BEQUEATHED BY
ISloret ^lltaon ^tttch
PROFESSOR OF
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18S6-JS99.
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ATTENTION PATRON:
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DEUTSCHE PHnx)LOGIE
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BEGRÜNDET von JULIUS ZACHKR
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18 9 3.
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INHALT.
Seite
Zum Eckenüede. Von F. Vogt 1
Liederhandschriften des 16. und 17. Jahrhunderts II. III. Von J. Bolte . . 29
Ungedmckte briefe Herders und seiner gattin an Gleim. Von J. Pawel . . 36
Zur Klage. Von J. Bieger 145
Zwei berichte über eine Jerusalemfahrt (1521). Von R. Röhricht . . 163. 475
Über Wielands Geron. Von L. Singer 220
Über Goethes bruchstüoke des gedichtes ^der ewige Jude". Von H. Düntzer 289
Das nhd. pronomen. Von A. Jeitteles 303
Deutsche Wandertruppen in Dänemark. Von J. Paludan 313
Hans Sachs als moralist in den fastnachtspielen. Von G. Duflou 343
Die quellen von Klingers ^Derwisch''. Von K. 0. Mayer 356
I^dreks saga und Niflunga saga. Von R. C. Beer 433
Johann Sebastian Mittemacht Ein beitrag zur geschichte der schulkomödie im
17. Jahrhundert. Von G. Ellinger 501
«
Mitteilungen über handschriften der Zweibrückener gymnasialbibliothek. Von
A. Englert 537
Lied, genant: das menschliche leben ein träum. Von A. Jeitteles . . 544
Nekrologe.
Friedrich Zarncke. Von F.Vogt 71
Matthias v. Lexer. Von K. Weinhold 253
Theodor Wisen. Von G. Cederschiöld 362
Miscellen.
Zur geschichte des begräbnisses more tetäonico. Von K. Maurer 139
Zum drama vom verlornen söhn. Von Th. Odinga 140
Nochmals dribolde scheren. Von M. Pappenheim 140
Zu W. Müllers romanze „Est esf*. Von R. Sprenger 142
Gardinenwiese. Von R. Sprenger 286
Noch einmal täte im bedingungssatze. Von G. Böttichcr und ö. Erdmann 431
Zu den neutralen engoln. Von Ph. Strauch 566
Die zeichen > und <. Von H. Gering 566
Litteratur.
A. Schultz, das höfische leben, angez. von J. Meier 91
G. V. d. Gabelentz, die Sprachwissenschaft, angez. von H. Oldenherg . . 113
Hench, the Monsee fragments, angez. von H. Wunderlich 117
Herzfeld, die rätsei des Excterbuchos , angez. von E. Kooppol . . . . 120
IV INHALT
Seite
Bielschowsky, geschichte der deutschen dorfpoesie I; Hartmann, Heselohei's
lieder, angez. von F. Vogt 121
Seegers, textkritik von Hartmanns Gi*egorius, angez. von G. Rosenhagen . 125
Weiland, die Angeln, angez. von 0. Bremer 128
Holte, de düdesche Schlömer, angez. von H. Brandes 130
Schaub, nd. Übertragungen des Lutherschen N. T.; angez. von demselben . 132
Bötticher und Kinzel, denkmäler der älteren deutschon litt. III, 2—4, angez.
von G. Kawerau 137
Schönbach, altdeutsche predigten III, angez. von F. Bech 256
Genelin, unsere höfischen epen, angez. von H. Suchior 265
Zimmerli, die deutsch -französische Sprachgrenze in der Schweiz, angez. von
demselben 266
Schopss, Conrad! Hirsaugiensis dialogus, angez. von H. Althof 267
M. V. Waldberg, Venusgärtlein , angez. von G. Ellinger 273
Braitmaier, Goethecult und Goethephilologie, angez. von 0. Erdmann . . 287
Bechtel, hauptprobleme derindogerm. lautlehre, angez. von H. Möller . . 366
Ranisch, Y^lsunga saga, angez. von B. Sijmons 394
E. H. Meyer, eddische kosmogonie, angez. von F. Eauffmann 399
Weede, diu Wärheit, angez. von H. Wunderlich . . . • 402
Garke, prothose und aphaerese des h im ahd., angez. von demselben. . . 403
Lichtenberger, poeme et logende des Nibelungen, aogez. von F. Vogt . . 405
Hauff en, Caspar Scheidt, angez. von G. Ellinger • 417
Heine, Schauspiel der deutschen Wanderbühne, angez. von demselben. . * 419
Kraus, böhm. Puppenspiel von dr. Faust, angez. von demselben .... 421
Bolte, der bauer im deutschen liedo, angez, von demselben 423
E. Voigt, Egberts von Lüttich Fecunda ratis, angez. von R. Peiper. . . . 423
Müllen hoff, deutsche altortimiskunde UI, angez. von 0. Bremer . . . . 546
Housler, zur geschichte der altdeutschen vei-skunst, angez. von F. Kauff-
mann 552
Kraus, „Vom rechte** und „Diu Hochzeit**, angez. von H. Löbner .... 560
Reuling, die komische figur in deutschen dramen, angez. von Bolte . . . 563
J. Reicke, zu Gottscheds lehrjahren in Königsberg, angez. von 0. Erdmann 565
Neue erscheinungen 143. 287. 431. 567
Nachrichten 144. 288. 432. 568
Berichtigungen 144. 568
Register von E. Matthias 568
ZUM ECKENLIEDE.
Uns seit von Lutringen Helfrich
wie zwene rechen lobelich
Ze saemine bechomen
Erekke unde ouch her Dieterich
Sie waren beide vraislich
da von sie schaden namen
Als vinster was der tan
da si an ander fanden
Her Dietrich rait mit mannes chrafift
den walt also unchunden
Ereke der chom dar gegan
er lie daheime rosse vil
daz was niht wol getan.
Hiemali tempore
dum prata marcent frigore
et aquQ congelascunt
concurrunt in ^stuario
qui regnant cum Decio
et postquam convalescunt
socius a socio
lud US incitatur
qui vestitus venerat
nudus reparatur
ei trepidant diviti^
cui paupertas
semper servit libere.
10
Die metrische Übereinstimmung obiger Strophen der Carmina
Burana ist lange unbemerkt geblieben, ob wol doch in der handschrift
auch hier die deutsche sti*ophe unmittelbar hinter dem entsprechenden
lateinischen liedchen steht (Bl. 90 und 90**; Schmeller nr. 180. CLXXX'),
von dessen drei Strophen ich hier probeweise die erste mitteilte. Mar-
tin führt vielmehr Ztschr. f. d. a. 20, 47 die strophe des Eckenliedes
ausdrücklich unter denjenigen deutschen auf, welche „keine lateinischen
gegenstücke haben *^, und weder Burdach noch Meyer haben bei ihren
bemühungen, teilweise die priorität der deutschen Strophen der CB vor
den mit ihnen zusammengestelten lateinischen gegen Martin zu ver-
teidigen, jenes versehen berichtigt. Und doch handelt es sich gerade
hier um einen fall, in welchem die deutsche strophe gewiss die
ursprüngliche ist und^dem lateinischen liede nur als schema der bekan-
ten deutsclien weise angehängt wurde, nach welcher jenes gesun-
gen ward. Denn abgesehen von algemeinen erwägungen, die es
unwahrscheinlich genug machen, dass eine der beliebtesten weisen
der deutschen volksepik aus einem kleinen lateinischen spielerlied-
chen herstammen solte, zeigen die lateinischen verse hier in dem
dreimaligen fehlen der Senkungen (v6st6s nüttäntür 2, 10; hef h^c
ZJCITSCURIFT F. DKUTSCHK PHILOLOGIE. BD. XXV.
2 F. VOGT
est rögulä 3, 11) eine eigen tümlichkeit, die Martin selbst a. a. o. s. 56 fg.
als kenzeichen für die nachbildung eines deutschen musters auffasst.
Der schlussvers hat im Eckenliede die gewöhnliche form der epischen
langzeile: 3 hebungen mit klingendem oder 4 mit stumpfem ausgange
in der ersten, 3 hebungen mit stumpfem schluss in der zweiten hälfte.
Nacli der ersteren, herschenden form könte auch in dem lateinischen
üede der schlussvers der 1. und 3. strophe gelesen werden cui pau-
pertas semper servit libere, per quam noMs cutis erit morbida; aber
der schluss der zweiten cui so7's magis aut fortuna faveat nötigt
anzunehmen, dass die cäsur hinter die auf die zweite hebung folgende
Senkung verschoben wurde, so dass sich also der typus 3v^ + 3 zu
2w + 4 wandeltet
Aber nicht allein für die frage nach dem Verhältnis der vagan-
tenlyrik zur deutschen dichtung, auch für die beurteilung des Ecken-
liedes selbst ist die in die CB aufgenommene strophe von grosser
bedeutung. Zupitza, der in der Lassbergischen handschrift (L) die
„älteste gestalt" des Eckenliedes sieht, tut im Deutschen heldenbuch
V, XXXV den kritischen wert der Benedictbeurener str. (B) allerdings
mit der bemerkung ab: „ihre fassung weicht von L so bedeutend ab,
dass nicht zu zweifeln ist, dass sie aus dem gedächtnis aufgezeichnet
worden"; aber noch in seinen Prolegomena ad Alberti de Kemenaten
Eckium s. 16 scheint er nicht abgeneigt, B den vorrang vor L zu las-
sen. In der tat stelt meines erachtens die vergleichung beider Über-
lieferungen die ursprünglichkeit von B ausser zweifei. Vers 9 und 10
liest nämlich L: her Dietrich u?id der kilene man wol an denselben
stunde?i. Das sind durchaus nichtssagende flickverse, während B hier
bestimte angaben bietet, die volständig am platze sind: Dietrich kent
den wald, durch den er in nächtlichem dunkel ziehen muss, tatsäch-
lich nicht; und vor allem, was hier im gegensatz zu vers 11 entschie-
den bemerkt werden muss, er reitet, während Ecke zu fusse geht.
Das Dresdener heldenbuch (d) stimt mit L überein; die dritte, durch
den Augsburger und den Strassburger druck vertretene version (as)
liest vers 7 — 10: Ja also finster tvas der than Da xü den selben stun-
den Herr Eck der wolt nie abelan Den weg het er gefunden. Was
den anlass zu diesen ungeschickten änderungen gegeben hat, ist klar:
der cäsurreim solte eingeführt werden, während in der ursprünglichen
form der Eckenstrophe zeile 7 und 9 reimlos waren. Diese echte
gestalt der Ecken weise liegt allein in den CB vor; in der lateinischen
nachbildung bleiben die entsprechenden zeilen ebensowol konsequent
'^*"^fi reim wie in der deutschen strophe, während alle volständigen
ZUM EOEENLIEDE
Überlieferungen des deutschen gedichtes diesen ohne ausnähme ein-
geführt haben; keine von ihnen kann also die ursprüngliche fassung
des Eckenliedes darstellen. Zu diesem ergebnisse war schon vor 20 jäh-
ren Wilmanns (Altdeutsche Studien s. 97 fgg.) auf ganz anderem wege
gelangt Er hatte, was insbesondere die form betritt, bemerkt, das L,
d und as auch bei sonstiger Übereinstimmung der reimwörter doch in
denen des siebenten und neunten verses in der regel von einander
abweichen; und er hatte den schluss daraus gezogen, dass diese drei texte
auf eine verlorene quelle zurückgehen müsten, in welcher jene zeilen
noch nicht mit einander gereimt waren. Die Strophen der CB hatte
auch er nicht berücksichtigt; sie geben seiner annähme eine glänzende
bestätigung, wenn anders es einer solchen noch' bedurfte.
Wer die deutsche strophe der CB unbefangen und ohne rück-
sicht auf die anderweitige Überlieferung des Eckenliedes liest, dem
wird sie sicherlich als der anfang desselben erscheinen; und dass gerade
sie als Vertreterin seiner weise dem lateinischen liede in der Benedikt-
beurener samlung angehängt ist, würde sich natürlich am einfachsten
erklären, wenn das deutsche gedieht wirklich mit ihr begann. Aber
in L gehen ihr 68, in d 77, in as 62 Strophen voran. Diese berich-
ten, wie Ecke von drei königinnen ausgesant und ausgerüstet wird,
um ihnen den Dietrich von Bern zu bringen; wie er diesen dann zu
Bern und anderswo vergeblich sucht, bis er einen von Dietrich tötlich
verwundeten ritter findet, der ihn erst vor dem kämpfe mit dem gefähr-
lichen beiden warnt, dann aber auf die richtige fährte weist Dieser
todwunde wird in L Helferich von Lune, in D Helferich von Lone,
in as Helferich von Lutring genant; er gilt allen Überlieferungen als
einunddieselbe persönlichkeit mit dem in der eingangs mitgeteilten
Strophe genanten gewährsmanne der erzählung vom kämpfe Dietrichs
mit Ecke. In as begint diese strophe freilich ohne nennung des namens
Wir funden hye geschribeti stan Wie das xwen vnicerxagte man In
einen wald dar kamen; aber hier wird vorher str. 62 und nachher
str. 90, 6 Helfrich ausdrücklich zum heimlichen zeugen des kampfes
gemacht, und str. 130 fg. lässt ihn diese version nach beendigung des
kampfes hervorkommen und von Dietrich mit der nachricht über das
vorgefallene nach Bern geschickt werden.
Von einer solchen Verbindung dieser person mit den späteren
ereignissen wissen nun L und d durchaus nichts. Helfrich wird nach
der in rede stehenden strophe (L 69 d 78) überhaupt gar nicht wider
genant; und selbst mit der vorangegangenen erzählung von Helfrichs
Verwundung steht jene strophe von Helfrich dem gewährsmann in die-
1*
F. VOGT
son beiden Versionen eigentlich in gar keinem zusammenhange. Wäh-
rend as Str. 62 zu erzählen weiss, dass Helfrich, der sich vorher wie
ein sterbender gebärdete, zu den kämpfenden schleicht, indem er sich
seine wunden mit einem rasenstücke zuhält, lässt d (74 — 77) ihn durch
ein Zwerglein geheilt werden, so dass er am fünften morgen von dan-
nen reiten kann — wohin wird nicht gesagt, imd man gerät nicht
auf den gedanken, dass er noch zu Eckes und Dietrichs kämpf gekom-
men sein solte, da dieser doch nicht erst am fünften tage nachdem
Helfrich den Ecke zu Dietrich gewiesen hatte erfolgt sein wird. Nach
as 78, 11 — 13 begint der kämpf Dietrichs mit Ecke vielmehr in der
auf seinen kämpf mit Helfrich folgenden nacht, und die mit dieser
Strophe eng zusammenhängende as 79 findet sich auch in d (117).
d wird durcli die erzählung von Helfrichs h eilung wol die tatsache
haben erklären wollen, dass der todwunde überhaupt am leben blieb
und so der gewährsmann für die folgenden ereignisse werden konte;
darüber aber, auf welche weise er sie erfahren, hat der urheber die-
ser Version sich augenscheinlich keine gedanken gemacht. An eine
gemeinsame quelle für die berichte in as und in d ist natürlich niclit
zu denken; und so enthält denn auch L, die in der ältesten hand-
schrift überlieferte und zugleich (so viel muss man meines erachtens
Zupitza entschieden zugeben) die verhältnismässig ursprünglichste die-
ser drei redaktionen, keinen von beiden. Auch jene Strophe as 79
d 117, welche den der begegnung mit Ecke vorangegangenen kämpf
Dietrichs mit Helfrich und dessen drei begleitern voraussezt, fehlt in L
ganz. Das einzige, was hier möglicherweise einer Vorbereitung der
Strophe, die den Helfrich als gewährsmann nent, ähnlich sehen könte,
ist die mit d übereinstimmende kurze bemerkung 68, 2, dass Ecke
den wunden Helferich verbunden habe, insofern nun doch wenigstens
dessen heilung noch möglich gemacht scheint; da aber as etwas der-
artiges nicht enthält, vielmehr bestimt voraussetzt, dass Helfrich ohne
verband bleibt, so ist es sehr zweifelhaft, ob in der quelle Ldas schon
eine entsprechende strophe stand.
Jedesfals haben wir, was d und vor allem was as gegen L über
Helfrich angeben, als selbständige zutaten anzusehen, die wenigstens
in as deutlich dem zwecke dienen, eine in der quelle vermisste Ver-
bindung zwischen der geschichte des verwundeten Helfrich und der
berufung auf Helfrichs erzählung vom kämpfe Dietrichs mit Ecke her-
zustellen. In der gemeinsamen grundlage von Ldas hat sich nichts
deraii:iges gefunden; in ihr bestand — mögen wir nun L 68 für älter
oder für jünger halten — ein erträglicher Zusammenhang zwischen der
ZUM EGKRNLIRDE
oben mitgeteilten Strophe L 69 und dem vorangegangenen so wenig
wie in L. Wie der zum tode verwundete, schon mit dem sterbesakra-
ment versehene Helfrich dazu komt, den kämpf der beiden beiden zu
erzählen, ist ganz unerfindlich; Dietrich und Ecke aber werden vol-
ständig neu eingeführt, als wären sie noch gar nicht genant, als wäre
von Eckes langem suchen nach Dietrich nirgend die rede gewesen, und
ebensowenig davon, dass er ein pferd verschmähte. Dass es nacht ist,
wird von dieser strophe an vorausgesezt, während von ihrem anbruch
vorher in Ld nicht die rede war; vielmehr war in L die lezte Zeit-
bestimmung der morgen (52, 1 vgl. auch d 55, 12. 56, 1); nur nach
der auch hier auf herstellung eines besseren Zusammenhanges bedach-
ten Version as ist es abend 43 — 44, nacht 58. Ich kenne keine ein-
zige stelle im inneren eines unserer volksepen, an der so deutlich und
unvermittelt der anfang eines augenscheinlich selbständigen gedichtes
mitten in die erzählung hineinfährt. Selbst in as fängt bei allen Ver-
änderungen die Strophe doch noch wie von vorne an. L zeigt nur
eine für die frage nach ihrer Selbständigkeit bemerkenswerte ab wei-
chung von B: es schreibt als erstes wort erst statt tins. Das kann
hier nichts anderes heissen, als „erst jezt". Der urheber dieser Ver-
sion sezt also voraus, dass man das durch erst eingeleitete eigentlich
schon früher erwarten konte. Aus der vorausgegangenen erzählung
aber ergibt sich nicht der mindeste grund, weshalb Helfrich schon frü-
her seinen bericht hätte bringen sollen; nicht durch sie, sondern nur
durch eine ältere tradition kann daher jene erwartung begründet sein,
durch die tradition, nach welcher das Eckenlied eben mit dieser strophe
begann. Der redaktor geht also hier von der jüngeren Vorgeschichte
zu dem älteren anfange über, indem er sagt: „erst jezt komt die
(bekante) erzählung des Helferich von Lune"; und er kenzeichnet
dadurch zum überfluss noch ausdrücklich die stelle, an der die alte
dichtung begann.
So weiss denn nun auch die I^idrcks saga (c. 96 fg.) von der
ganzen scene zwischen Ecke und dem verwundeten rittor durchaus
nichts, und nirgend in der ganzen erzählung von Ekka wird Hjalp-
rikr auch nur genant
Fand sich also der name Helferich von Lutringen oder von Lune
ursprünglich allein in der oben mitgeteilten strophe, der ei-sten der alten
dichtung, so fragt es sich, was er dort zu bedeuten hatte. Schon frühe
ist die ansieht geäussert, dass der name des dichters dahinter stecke;
ohne dass man aber deshalb die vorausgegangene erzählung vom ver-
wundeten Helfrich für jünger erklärt hätte. Und zwar haben bekant-
6 P. VOOT
lieh Lassberg und ühland angenommen, dass von Ltine Helfmch ent-
stell sei aus von Linouw Heinrich, so dass der Verfasser des Ecken-
liedes demnach identisch wäre mit jenem Heinrich von Linouwe, wel-
cher nach der litterarischen stelle in Rudolfs von Ems Alexander de?i
waücere verfasste, nach der im Wilhelm von Orlens Ekkenis manJieit
hat geiihtet und geseit: dax ist der waUcere. Bächtold hat in seiner
Litteraturgeschichte der Schweiz s. 108 u. anm. diese Vermutung wider
aufgenommen. Da aber Ekkenis oder Ekkenes nicht der genetiv von
Ekke ist, andrerseits der vers an der stelle, wo jene namensform steht,
drei silben erfordert, so habe ich in Pauls Grundriss II, 323 nach den
von Wackemagel LB I*, 607 mitgeteilten Varianten Eggen, Erecke^
frageweise ern Ecken vermutet. Die ganze hypothese wird jedoch wider-
legt durch eine stelle, durch die Bächtold sie gerade stützen zu können
meint Er beruft sich a. a. o. auf die ihm aus einer abschrift bekan-
ten verse 7084 fg. des Wilhelm swer hat vemoynen oder gelesen von
dem wallcere hem Ekkenes mcere, aus denen hervorgehe, dass unter
dem Waller Ecke gemeint sei. Ich weiss nicht, wie sich das aus die-
sen versen eher ergeben soll, als aus den längst bekanten litterarischen
stellen im Wilhelm und Alexander. Jedesfals beweisen die verse,
welche den von Bächtold mitgeteilten in den handschriften unmittelbar
folgen, und deren abschrift ich der freundlichkeit des herrn dr. V. Zeid-
1er in Graz verdanke, dass der wallcere unmöglich der Ecke des volks-
epos sein kann. Der dichter fährt nämlich im satze fort:
dem ist wol Jcunt, toie iegelich
ein tumei du hebet sich
in der mitten obigsten xtt,
und tvie ein speriver dur strtt
aldar üf gesetxet tvirt.
Demnach gehörte der held dieses gedichtes, wie schon Docen, Mise. II,
292 in berichtigung seiner eigenen früheren ansieht (ebenda I, 75)
bemerkte, „in einen ganz anderen fabelkreis". Freilich steht die namens-
form in den älteren handschriften nicht fest; von 5 pergamenthand-
schriften bietet nach Zeidlers mitteilung nur eine Ekkenes^ die anderen
erkeynes, dkenes, klies, ereckes. Die erwähnung des dur strtt aufge-
sezten sperbers legt es ja nahe, Ereckes für das ursprüngliche und
wallcere dann für eine Verderbnis von Ouwcere zu halten; aber in wair
leere stimmen die handschriften überein; da wäre es denn doch merk-
würdig, wenn der name des albekanten Verfassers des Eree in ihrer
gemeinsamen quelle in dieser weise entstelt wäre, und wenn dann wei-
ter alle handschriften diesen namen eines gar nicht existierenden dich-
ZUM ECKENLIEDK
ters gläubig hingenommen, für sein werk aber an stelle des bekanten
Erek der vorläge auf ganz verschiedene namensformen geraten hätten,
statt vielmehr Erek beizubehalten, für den entstelten namen seines Ver-
fassers aber die bekante richtige form einzusetzen. Die abweichungen
der handschriften würden sich viel eher erklären, wenn es sich um
den namen eines wenig bekanten gedichtes handelte. Und so finden
sich denn auch nach Wackernagel a. a. o. 605 in der litterarischen
stelle des Wilhelm zu Ouwere und Ereckes gar keine abweichungen,
während zu Ekkenis ganz ähnlich wie hier die teilweise schon auf-
geführten Varianten eggenis ekkeins eilcins eygen, ja auch ereckes auf-
treten. Von Erec aber kann in dem dort vorliegenden zusammenhange
unmöglich die rede sein. Wir werden daher dieser lesart auch an der
anderen stelle keine entscheidende bedeutung beilegen dürfen. Dazu
komt nun noch, dass bei Hartmann nicht von der mitten ougsten xit^
und auch nicht eigentlich von einem turnier, sondern nur von einem
einzigen Zweikampf die rede ist Es handelt sich also augenscheinlich
um ein sonst unbekantes höfisches epos, und Heinrich von Linouwe
wird mit dem Eckenliede nichts zu tun haben. Der vomame der frag-
lichen persönlichkeit lautet auch nach dem zeugnis aller handschriften
und drucke Helferich; als die form des zunaraens ist durch die Über-
einstimmung der ältesten und ursprünglichsten aufzeichnung B mit der
von ihr ganz unabhängigen version as von Lutriiigen (Lutring) am
besten verbürgt.
Dieser name komt sonst nur noch einmal in der litteratur vor:
nach Dietrichs flucht 5156 heisst einer der fremden fürsten an Etzels
hof Helphrich von Luiringe. Dass wir hier nichts über diese persön-
lichkeit erfahren, dass er anderswo überhaupt unbekant ist, beweist an
sich noch nicht, dass er nicht wirklich der sage angehört haben kann.
Zu den sagenmässigen Überlieferungen haben sicher auch genealogien
und namenverzeichnisse gehört, ohne dass deshalb über leben und
taten jedes in ihnen vorkommenden beiden auch weitere traditionen
bestanden haben müsten. Ein solcher held könte Holfrich von Lutrin-
gen gewesen sein. Der Verfasser des Eckenliedes könte ihn als gewährs-
mann erdichtet haben, lediglich um durch die berufung auf einen
altüberlieferten, mit Dietrich von Bern in Zusammenhang stehenden
namen, mit dem man doch frei schalten konte, da man sonst nichts
rechtes von ihm wüste, seiner erzählung ein ehr- und glaubwürdiges
aussehen zu geben. Nach der lesart B uns seit scheint man ja
auch annehmen zu müssen, dass der redende, also doch wol der dich-
ter, nicht von sich selbst, sondern von seinem gewährsmanne spricht.
8 K. VOGT
Und wenn dessen name wirklich der alten sage von Dietrich und Etzel
angehörte, so konte das dann späterhin dazu führen, ihm auch an dem
hier erzählten abenteuer Dietrichs durch zudichtung einen anteil als
handelnde person zu verschaffen.
Trotzdem und trotz ztschr. f. d. a. 6, 438 fg. kann ich bedenken
gegen die annähme nicht unterdrücken, dass dieser Helfrich von Lut-
ringe wirklich der alten heldensage angehörte. Ob dem Zeugnisse des
gedichtes von Dietrichs flucht eine selbständige bedeutung beigelegt
werden darf, ist sehr zweifelhaft, da Heinrich der Vogeler das Ecken-
lied gekant und benuzt haben wird. Die verse von Ortnits tod
daz hat man iu (mch geseii,
2vie in der vmrm slafent vant
vor einer vrilden steinwant
er truoc in hiyi in einen berc,
die würme sugen in durch dax tverc
(Dietrichs flucht 2238 fg.)
stimmen mit keiner der überlieferten Ortnit- imd Wolfdietrichdichtun-
gen überein, auffällig dagegen mit dem Eckenliede. In jenen wird
ausnahmelos erzälilt, dass Ortnit nicht an einer felswand, sondern
unter einer linde eingeschlafen ist, als ihn der drachc findet; ein
rosentragender anger umgibt den bäum nach Ortnit DHE. III str. 565
— 567, eine breite beide, eine au, ein gefilde nach HB ed. Keller
293, 38. 294, 1. 23. Nun weicht Dietrichs flucht freilich auch sonst
in ihren mitteilungen aus Ortnits geschichte von den überlieferten Ver-
sionen ab; aber einerseits steht denselben nirgend so wie hier eine
ganz bestimte angäbe aller in betracht kommenden Ortnit- und Wolf-
dietrichtraditionen gegenüber, und andrerseits klingen die verse so wört-
lich an Eckenl. 21, 9 fg. an —
eiyi wurm sldfende in xeiner xit
vant vor eins steines wende,
der truoc in in den holen berc
und leite in vür die jungen:
die sugen in durch dax werc — ,
dass doch entschieden die annähme am nächsten liegt, Heinrich der
Vogler habe diese verse des bekanten, auch von seinem stamm- und
Zeitgenossen Ottokar (Grimm HS 170) erwähnten gedichtes im köpfe
gehabt, als er die fragliche stelle schrieb. Da aber jene verse nicht
in der erzählung von Dietrichs und Eckes kämpf, sondern in der An-
leitung stehen, so hat er ebenso wie Ottokar schon die erweiterte
ZUM ECKENLIEDE
fessuDg des liedes gekant, konte ihr also auch die Vorstellung ent-
nehmen, dass Helfrich von Lutringen ein held der sage sei. Als
solchen stelte er ihn dann am angeführten orte als blossen Statisten
neben den Helferich von Lunders, ähnlich wie er neben den Witege
noch den Witegouwe und Witegts sezte. Für den genossen, den er
analog dem Eckewart beigibt, mag er den sonst nicht bezeugten namen
Eckenot widerum dem erweiterten Eckenliede entlehnt haben (Dietrichs
flucht 4151 fg. 9715 fg. vgl. 5860; Ecke 210 fgg.).
Ist es somit höchst zweifelhaft, ob die echte sage jemals einen
Helfrich von Lutringen gekant hat, so verdient die frage, ob der name
nicht einfach so, wie er überliefert ist, der des dichters sein könne,
umsomehr erwägung, als es denn doch immerhin ohne beispiel sein
würde, dass ein sagenheld unmittelbar als erzähler der sage, zu wel-
cher er selbst gehört, vom dichter eingeführt würde. Das y^uns seit"'
müste man sich, wenn Helfrich der Verfasser wäre, im sinne des vor-
tragenden spielmannes gesprochen denken, ebenso wie die Morolf
CXXXYII behandelten formehi und wie vermutlich vers 1840 fg. von
Dietrichs flucht der uns daz mcere xesamne sl6% der tuot uns an dem
buoche kunt — wenn in diesem lezten falle nicht eine interpolation
der handschrift P vorliegt. Auch die nennimg des Albrecht von Keme-
naten Goldemar str. 2 passt mehr in den mund eines reproduzierenden
als in den des dichters^. Lutringen (Lutringe DFL, Lutring as) würde
als Zuname des dichters wol nicht auf das land, sondern auf einen ort
zu deuten sein. Noch heute gibt es ein dorf Lüttringen in Westfalen
(kreis Soest); als heimat des dichters könte etwa das heutige Liggerin-
gen (aus Liutgeringen) bei Konstanz in betracht kommen, welches in
der form Lutteringen in Gallus Oheims Chronik von Reichenau (Lit.
Ter. 84) 48, 21 vorkomt.
Die ehre, von dem erweiterer zu einem beiden der Dietrichsage
gemacht zu werden, würde dann dem dichter dadurch widerfahren sein,
dass, wenn auch nicht gerade ein Helfrich von Lutringen, so doch ein
Helfrich tatsächlich zu ihr gehörte. Er ist einer von Dietrichs getreuen
(nach DFL ursprünglich einer der unter Etzels schütz stehenden für-
sten), und er findet nach dem Nibelungenliede in den kämpfen mit den
Burgunden an Etzels hof, nach der I^idrekssaga in denen mit Erman-
rich seinen tod, während DFL und Rabenschlacht nur von seinem
tätigen anteil an den lezteren wissen. Nibelungen, Alphart, I's. nen-
nen ihn schlechtweg Helpfrich (Hjalprikr), DFL und Rabenschlacht teil-
weise ebenso, teilweise Helfrich von Lunders. Dass es dieser getreue
dienstmann oder bundesgenosse ist, der durch Eckenlied 59 in die
10 K. VOGT
Vorgeschichte zu Dietrichs und Eckes kämpf hineingezogen wird, kann
nicht zweifelhaft sein, da ihm dort genossen beigegeben werden, die
in den gedichten von Dietrichs kämpfen gegen Ermanrich mit ihm
gemeinsam im bundes- oder dienstverhältnis zu dem Born er stehen,
nämlich Huc von Tenemark, der im Alphart, Ortwin von Metz, der
in DFL und Rabenschlacht, und Liudegast, der wenigstens DFL 5900*
in dieser Stellung auftritt. Dazu passt es denn freilich schlecht genug,
dass eben diese recken im Eckenliede von Dietrich, man weiss nicht
aus welchem gründe, bekämpft werden, dass er den Helfrich zum tode
verwundet, die drei anderen, die hier — widerum ganz gegen die
sonstige tradition — als feiglinge erscheinen, sogar totschlägt. Ich
vermute, dass es sich hier um eine ganz wilkürliche Verwendung die-
ser namen handelt. Der beiname von Lune, welchen Ld an stelle
des von Lutringen dem Helfrich beilegen, macht die sacho nicht bes-
ser. Ein held dieses namens tritt sonst nur noch in der Virginal auf,
aber unter Verhältnissen, die widerum mit den im Eckenliede gegebe-
nen umständen ganz unvereinbar sind. Er herscht als herzog (Virg.
538, 12) von Septmer üf die Tüne, nimt Dietrich und Hildebrand,
der seinen söhn Rentwin aus dem Schlund eines drachen befreit hat,
freundlich auf seiner bürg c(e Ardne auf und freut sich noch den tag
erlebt zu haben, dass er den Berner von augesicht zu angesicht sieht
(184, 8). Dann schliesst er sich ihm und Hildebrand als treuer beglei-
ter und mitkämpfer auf ihren weiteren fahrten an. Also für jenen
kämpf Helfrichs mit Dietrich, von dem die einleitung des Eckenliedes
zu erzählen weiss, ist auch hier nirgend räum.
Solte dies motiv demnach lediglich zu dem zwecke erfunden sein,
um dem in der anfangsstrophe des alten liedes (L 69) genanten Helf-
rich, dessen namen man als den eines beiden der sage kante, auch
einen an teil an der handlung zu geben, so müste man freilich erwar-
ten, dass die episode in einen bessern Zusammenhang mit jener Strophe
gebracht wäre, als er nach den obigen darlegungen besteht. Nun wird
aber der durch Dietrich verwundete recke überhaupt nur in einer
Strophe Helfrich genant — auf Eckes befragen nent er seinen namen
und die seiner erschlagenen gefährten — und die Strophe hängt so lose
mit ihrer Umgebung zusammen, dass Ld einerseits und as anderseits
sie ohne nachteil an ganz verschiedenen stellen aufnehmen kouten;
weder an der einen noch an der anderen wird sie durch das voran-
gegangene vorbereitet, durch das nachfolgende vorausgesezt, und der
name des verwundeten ritters kann ebenso wie die seiner gefallenen
genossen ungenant bleiben, ohne dass man etwas wesentliches vermisst
ZUM ECKRNLIEDE 11
Ich halte es für nicht unmöglich, dass sie ursprünglich auch wirklich
ungenant blieben. Der Verfasser der Vorgeschichte hatte dann weiter
keine absieht, als das alte lied von Dietrichs und Eckes Zweikampf durch
die ausführliche Vorbereitung ihrer begegnung zu erweitem. Ein sehr
brauchbares motiv dafür war das zusammentreffen des den kämpf mit
dem Berner suchenden Ecke mit einem durch den gesuchten verwunde-
ten recken, der ihm die fährte weist, zugleich aber durch den leben-
digen beweis, den seine wunden für Dietrichs fürchterliche heldenkraft
geben, durch die erzählung vom Schicksal seiner gefährten und durch
die eindringliche warnung, die er an Ecke richtet, nur umsomehr die
erwartung auf den bevorstehenden kämpf der beiden spant. Dies motiv
findet sich nicht hier allein. Ebenso wird schon Parz. 504, 7 fg. von
Gawan erzält, wie er einen todwunden ritter findet, dem er beistand
leistet, der ihm dann den siegreichen gegner nent und ihn eindringlich
vor dem kämpfe mit demselben warnt, während Gawan sich so wenig
wie Ecke einschüchtern lässt und auf der fährte des verwundeten des-
sen überwinder verfolgt Den in der Vorgeschichte zum Eckenliede
ursprünglich namenlosen verwimdeten mag also erst ein interpolator
mit dem Helfrich identificiert haben, welcher in der auf diese scene
folgenden strophe genant wurde, da er diesen namen aus der Dietrich-
sage kante; den beinamen von Lutringen übertrug er dabei um so eher
auf den recken, als dieser nach str. 57 vom Rheine kam; und er legte
seinen gefährten namen von genossen des Helfrich der sage bei, ohne
sich weiter darum zu kümmern, welche rolle diese 4 beiden sonst in
Dietrichs Umgebung spielen und ohne durch weitere zusätze oder gar
änderungen einen besseren Zusammenhang mit dem anfange des alten
liedes herzustellen. Erst die version as erstrebte dann die engere Ver-
bindung zwischen der erzählung von dem verwundeten Helfrich und
der nennung desselben als berichterstatter über Dietrichs und Eckes
Zweikampf, ohne doch das wunderliche der ganzen kombination besei-
tigen zu können. Ld bemühten sich nicht die kluft auszufüllen, änder-
ten aber das der sage nicht entsprechende von Lutringen in von Lune,
Was die Vorgeschichte sonst noch enthält — Eckes gespräch mit
Vasolt und Ebenrot, sein beschluss mit Dietrich zu kämpfen, sein
gelöbnis ihn vor die 3 königinnen nach Jochgrimm zu bringen, seine
ausrüstung durch diese, sein langes suchen nach dem Berner (sein
kämpf mit dem meerwunder in Ld) — alles das ist gleichfals für den
kern der dichtung, Eckes und Dietrichs Zweikampf, entbehrlich, und
es fehlt ebenso wie die Helfrich -episode in der Pidreks saga. Die
kurze einleitung, welche diese der begegnung der beiden beiden
12 ■ F. VOGT
vorausschickt, weicht von der unseres Eckenliedos so volständig ab,
dass an eine gemeinsame quelle hier nicht zu denken ist. Dass Ecke
durch die königinnen zum kämpf mit Dietrich ausgerüstet ist und ihn
als gefangenen vor sie bringen will, erfahren wir freilich auch in der
l^idreks saga; aber wir erfahren es hier nicht in der einleitung, die
Eckes zusammentreffen mit Dietrich als ein zufälliges erscheinen lässt,
sondern es ergibt sich erst aus Eckes und Dietrichs Zwiegespräch; und
ebenso wird dies im alten liede der fall gewesen sein. Dieses noch
aus der Überlieferung völlig herauszuschälen ist allerdings nicht mög-
lich. Schon die gemeinsame gnindlage von Ldas kann nicht mehr her-
gestelt werden, da ja jeder text durch das einführen der cäsurreime
den Wortlaut der quelle wesentlich geändert hat, zudem aber auch noch
augenscheinlich durch die ungenauigkeit einer zwischen den verschie-
denen stufen schriftlicher aufzeichnung liegenden mündlichen Überlie-
ferung bedeutende Umgestaltungen erfahren hat. Und weiterhin deckte
sich jene nächste quelle von Ldas, wie auch Wilmanns schon annahm,
nicht mehr mit dem original; wie in ihr zu diesem die Vorgeschichte
hinzugekommen war, so kann sie natürlich auch andere zusätze und
Veränderungen erfahren haben, eine möglichkeit, die überall zu erwägen
ist, wo innere gründe die durch Ldas beglaubigte version verdächtig
machen, oder wo die Hdreks saga abweicht. Denn diese stimt in der
erzählung von der herausfordcrung Dietrichs durch Ecke und dem
beginne ihres kampfes mit den deutsclien gedichten stellenweise so
überein (ohne sich doch von ihnen oder ihrer nächsten grundlage irgend
abhängig zu zeigen), dass hier der erste teil des Originalliedes als die
allen gemeinsame quelle zu betrachten ist. Nach massgabe dieser
umstände aber aus der vergleichung der erhaltenen texte den Inhalt
jenes originalliedes zu orschliessen, muss versucht werden, wenn die
hypothese, dass dasselbe erst mit strophe-69 begonnen habe, sich
bewähren soll.
Ob auf diese eingangsstrophe von vornherein schon ein den Stro-
phen L 70 — 73, d 79 — 82, as 58 — 61 entsprechender passus gefolgt
ist oder nicht, lässt sich schwer entscheiden. Es wird hier erzählt,
dass die beiden beiden durch den glänz ihrer das waldesdunkel hell
durchstrahlenden rüstungen zusammengeführt seien, dass Dietrich den
Ecke gefragt habe, warum er ihm nachlaufe, und dass er auf dessen ent-
gegnung, er sei von drei königinnen nach dem Berner gesant, sich als
diesen zu erkennen gibt. Für die ursprünglichkeit dieses Stückes spricht,
dass Dietrich sich sonst nirgend nent, während ihn doch Ecke im fol-
genden kent; ferner dass in str. 74 vorausgesezt, str. 69 aber nicht angc-
ZUM ECEENUBDE 13
geben wird, dass Ecke hinter ihm herläuft. Dagegen falt ins gewicht,
dass Str. 74 mit den werten als Ecke Dieterichen vant, dd rief e)'
über Schildes rant sich an die erste erwähnung der begegnung der
beiden, also an 69, doch zweifellos besser anschliesst, als an die erzäh-
lung von ihrem ersten Wortwechsel; und dass in as diese folge (69 L
= 63 as, 74 L = 64 as) wirklich vorliegt, während die fraglichen
Strophen hier vor 69 L 63 as stehen (70 — 73L = 58— 61as), wo
sie entschieden noch weniger am platze sind. Betrachtet man sie daher
als einen zugleich mit der Vorgeschichte gemachten zusatz, der in der
einen version hier, in der anderen dort untergebracht wurde, so muss
man annehmen, dass der dichter, wenn er erzählte, dass sich die bei-
den fanden, nicht für nötig hielt anzugeben, wodurch sie sich erkan-
ten; wie denn auch Ecke tatsächlich seinen namen nicht nent, ohne
dass es klar würde, dass Dietrich mit einem unbekanten gegner
kämpfte, auch wenn man die Strophen in L, in welchen er ihn bei
namen anredet, mit Wilmanns für zusätze hält. Dass Ecke den Die-
trich verfolgt, kann dann erst aus str. 74 entnommen werden. Die
J)i(lreks saga weicht hier zu stark ab, als dass sie helfen könte die frage
zu entscheiden. Zwar nent sich auch in ihr Dietrich auf Eckes frage,
aber er gibt sich, um ihm zu entgehen, zunächst für Heime aus;
davon, dass die beiden durch den glänz der rüstungen zusammen-
geführt werden, findet sich nichts, und die scene ist, augenscheinlich
erst durch den sagaschreiber, mit dem vorangehenden kapitel von Die-
trichs kämpf mit Vidga in Verbindung gebracht Jedesfals war die
Strophe als Ecke Dieterichen vant ursprünglich nicht wie in L durch
die verse an alliu ros ich iier bin konien durch die dri küneginnen,
also du selbe hast vernomen mit der lezten strophe des fraglichen
passus verknüpft, denn die entscheidenden werte sind ei^st zugleich
mit dem cäsurreim hineingebracht, vgl. on ross so pin ich komen her
durch drey her konigine, die santen mich noch dem Ferner d, on
rossx so bin ich kmnfnen danii, mich sandten drey kilniginne nach
dir du munderküner man as — lesarten, welche es sehr wol möglich
erscheinen lassen, dass die erste erwähnung der drei königinnen
ursprünglich erst hier statfand.
Mit dieser sicherlich aus dem originalliede geflossenen strophe
begint nun auch schon Eckes anpreisung seiner waffen, diu'ch die er
Dietrich zum kämpfe zu locken sucht. Ihre einzelnen abschnitte haben
in den verschiedenen texten eine sehr verschiedene reihenfolge. In L:
brünne 75 — 77, heim 78, schwort 79 — 86, brünne (und sahs) 91. 92,
ponit 93 — 95. In d: schwort 85 — 88, heim 89, brünne 91 — 92,
14 F. VOGT
Schwert 93 — 95. In as: brünne 65, schwert 66 — 67, brünne 74. In
Ps.: heim, brünne, schild, schwert, geldgart. Wilmanns hat wol mit
recht vermutet, dass ursprünglich wie in as die die brünne betreffende
ablehnende antwort Dietrichs (as 65, d 92, L 92) vorangestanden hat,
wenn sich auch bei den starken abweichungen der einzelnen texte ihr
Wortlaut nicht mehr herstellen lässt. Aber zwischen ihr und der alge-
meinen erwähnung der sarwät am Schlüsse von as 64, L 74 mag doch
eine Strophe gestanden haben, in der Ecke seine brünne insbesondere
angepriesen hat; wenigstens deutet darauf, dass eine solche strophe
existiert habe, die Übereinstimmung der verse Er sprach genendä her
an mich, eine brünne trage ich L 77 und Nun kere Held daher an
mich, von gold ein Brinn die trage ich as 74, während die übrigen
verse dieser strophe ganz auseinander gehen und weder nach der Ver-
sion L, welche die brünne als weiss (nicht, der sonst herschenden
Vorstellung gemäss, als golden) bezeichnet, noch nach der version as,
welche hier schon zum beginne des kampfes übergeht, dem original
entsprechen können. Sehr bemerkenswert ist es, dass nach der über-
einstimmenden angäbe der drei Versionen in der Vorgeschichte Ecke
die berühmte brünne des Ortnit trägt, während in dem der alten dich-
tung entsprechenden teile nirgend darauf hingedeutet wird. Nur L
nimt im gespräche zwischen Dietrich und Ecke einmal auf diese Vor-
stellung bezug in einer strophe (91), die ihr ganz allein eigen ist, die
an ungehöriger stelle noch einmal wider auf die schon abgetane brünne
zurückkomt und die in ihrem ersten teile nichts weiter ist als eine
Variation von L 87 as 72. Auch die ebenfals nur in L überlieferten
Strophen 75 und 76 scheinen schon darauf hinaus gewolt zu haben,
ohne doch zum ziele zu kommen; wie unpassend sie sind, hat schon
Wilmanns nachgewiesen. Die einfügung dieser Strophen in L zeigt
gerade, dass man hier den Zusammenhang mit der Vorgeschichte noch
vermisste. d suchte in einer gleichfals die brünne, zugleich aber auch
das schwert betreffenden strophe in ganz anderer weise einen solchen
herzustellen (d 91. 93, 1 vgl. 24. 35); und ähnliche versuche finden
sich hier an anderen stellen, as fügt viel später zwei Strophen ein,
in denen Ortnit als früherer besitzer der brünne genant wird (124.
125); und wie eben diese version auf ganz eigenem wege durch die
auf Helfrich von Lutring bezüglichen zusätze eine bessere Verbindung
zwischen hauptteil und einleitung zu erzielen strebte, haben wir ge-
sehen.
In den lezten versen der die brünne betreffenden strophe (L 92,
7 — 13, as65, 10 — 13) hat Dietrich sich bereit erklärt zu kämpfen,
ZUM ECK£NLIEDE 15
jedoch erst am nächsten morgen. Ecke fährt fort ihn zu reizen durch
den hinweis auf sein begehrenswertes schwort. In der den Ursprung
desselben betreffenden ersten hälfte dieser strophe stimmen die drei
texte überein (L 79, 1 — 6, d 85, 1 — 6, as 66, 1 — 6); in der zweiten
hälfte gehen as schon zu der aufforderung zum kämpfe über, welcher
Dietrichs entgegnung folgt (as 67 = L 84), während L und d hier
und in 4 (bezw. 3) weiteren Strophen zunächst noch in der geschichte
des Schwertes fortfahren. Dass dabei L und d in den schlussversen
von L 79 d 85 und in strophe L 82 d 87 auf eine gemeinsame vorläge
zurückgehen, ist nicht minder sicher, als dass der text in d gröblich
entstelt ist d 86 weicht von L zwar sehr erheblich ab, aber sie ist
doch augenscheinlich nichts weiter als die unsinnige Verarbeitung einer
ganz ungenauen Überlieferung von L 80. 81. Und auch in d 88 blickt
bei aller Verschiedenheit von L 83 doch in den versen do er den ris-
sen groß erschlug, er thet im laides gar genug schliesslich noch die-
selbe quelle durch wie in L da mite er Hugebolden sluoc und worhte
vmnders gar genuoc . . . der . . . wa^ ein rise tmmäxen gröx. Der
ganze abschnitt in d wird also nur auf eine unzulängliche und ebenso
ungeschickt wie wilkürlich ergänzte Überlieferung derselben Strophen
zurückzuführen sein, welche in L im wesentlichen getreu widergegeben
sind. Dagegen hat d in 94 eine strophe vor L voraus, die, von den
entstelten anfangsversen abgesehen, aus dem original stammen wird.
Sie ist in d von den übrigen auf das schwort bezüglichen Strophen
durch die, welche von heim, brünne und ortband handeln, getrent,
stimt aber in den schlussversen mit as 66 überein : nun streit mit mir,
du Werder man . . . getvinest duß mit deyner hant, dich furchten alle
konige, vnd die doch ye geumnnen landt d; tvilt du darujnb mein
warten, erstreitst du das in deine hand, dich förchtend alle künig
tmd die ye geivunnend land as. Vers 6 und 7 eben dieser strophe
lauten in d: kein heim wart so vesten {: pesten v. 3), man schrit in do
mit als ein swan (lies stvam). An ihrer stelle stehen in as verse, die
sich noch auf die bereitung des Schwertes beziehen, und deren erster
(as 66, 6) in einem, holen berge mit L 79, 6 d 85, 6 buchstäblich
übereinstimt, also zweifellos noch ebenso wie die ihm vorangehenden
5 verse aus der quelle Ldas geflossen ist. Andrerseits aber müssen
auch die verse d 94, 6. 7 schon in der quelle von d und as an der
stelle gestanden haben, wo sie d überliefert; denn auf sie bezieht sich
übereinstimmend in der folgenden strophe d 95, 7 as 67, 9 äo es durch
alle heim einschlecht Danach ist as 66 jedesfals aus 2 Strophen zusam-
mengezogen, die den anfang und das ende von Eckes schwertanprei-
16 F. VOOT
sung enthielten und von denen die eine L 79 d 85, die andere d 95
entsprach. Freilieh ist damit, dass die zweite der grundlage von d
und as angehört hat, noch nicht schlechthin bewiesen, dass sie auch
schon in Ser quelle Ldas enthalten gewesen sein rauss. Da sie aber
hier der rede Eckes entschieden einen besseren abschluss gibt als L 83,
so wird es doch im hohen grade wahrscheinlich. Dann haben natür-
lich in Ldas die verse 84, 1. 2 auch gelautet: stt dax dtn swert ist
also gtcot daxz allen künegen schaden tuot und v. 9 : dax man ex durch
die helme sieht.
Dass as mit der beschränkung der schwertrede Eckes auf nur
eine Strophe nicht das ursprüngliche bietet, hat sich eben gezeigt In
der gemeinsamen quelle kann die Strophe, deren erste hälfte as 66,
1 — 6 entspricht, noch nicht wie as in die erneute ausforderung aus-
gelaufen sein; Ld müssen hier das richtigere überliefern, indem sie in
der erzählung vom Schwerte fortfahren; die ausforderung machte dage-
gen so wie in d den zweiten teü einer späteren strophe aus. Ist also
hier in as gekürzt, so ist es auch von vornherein viel wahrschein-
licher, dass as dasselbe verfahren auch sonst in diesem abschnitte
beobachtete, als dass die andere version hier interpolationen erfahren
habe; dass also die für die quelle Ld nachgewiesenen Strophen L80 —
83 nicht in Ld zugesezt, sondern in as fortgelassen wurden, vermut-
lich weil der einer alten, damals wenig bekanten sage entstammende
Inhalt derselben wie auf d so auch auf as schon in unzulänglicher und
unverstandener gestalt gelangt war.
Die ursprünglichkeit dieser Strophen wird nun aber auch durch
die I^idreks saga bestätigt, die gerade hier bis ins detail hinein mit L
übereinstimt. Vergleiche: der worhte im knoph und heizen klär als
ein Spiegelglas L 79, 12, oc eftra hialtit er scygt se^n gier ts. 98; die
scheide warhtens üxer golde, der vexxel was ein parte giiot L 80, oc
oll vmgerä fra hiolto7n oc til odx er med ravdo gvlM logd. oc fetlar
allir ero gvlli lagäir Ps. Das schwort heisst Eckisax Ps., ein sahs
L 80, dieses gewiss statt eines ursprünglichen Eckesahs (vgl. her Ecke?i
Sachs d 205), wonach denn dem berühmtea Schwerte dieser name schon
eigen war, ehe Ecke es bekam; auch Ps. leitet den namen nicht von
Ecca ab, sondern bringt ihre eigene kuriose etymologie. Weiter tra-
gen dann nach beiden Versionen die zwerge (oder der zwerg), von
denen es geschmiedet ist, das schwort durch neun königreiche, bis sie
an das wasser kommen, in welchem sie es härten; dies heisst die Dräl
diu da xe Troige rinnet in L, die Treya in der f s. Dann geht es in
teilweise wörtlicher Übereinstimmung fort:
ZUM SOKRNLIBDE
17
Dax swert dax was ml lange verholn,
iedoch so wart ex stt verstoln
von einem argen diebe.
der kam gesliehen in den berc
reht aisam ein tvilde gehverc.
dem künge RuotUebe
dem wart ex stt xe handen bräht:
der ku7ide ex wol behalten.
. . . unx dax stn sun vmohs xeinem
man
der tvart da mite xe ritter,
des menger 7iot gewan.
En pat sverä var stolit
oc leynt lengi,
en pat geräi Alfricr dvergr
hinn midi stelari,
Hann com i pat berg . . . feyw? -
oc gaf hann siäan
kononge Roxeleif.
par var pat vel varäveitt
par til er hinn ungi
Roxeleif bar pat.
oc par med drap hann marg-
an mann.
Eine L 83 entsprechende Strophe mag f s. nicht bekant gewesen
sein, im übrigen aber wird man hier die Übereinstimmung zwischen L
und Ps. einfach aus der allen erhaltenen Versionen gemeinsamen quelle,
dem alten Eckenliede, ableiten. Ich kann also Wilmanns nicht in der
annähme beipflichten, dass das L und I^s. gemeinsame zwar alt, aber
doch nicht beiden aus dem originale zugeflossen sei, dass vielmehr die
nächste grundlage von Ldas die betreffenden Strophen nicht enthalten
habe und dass sie erst in L aus einer abweichenden version, die eine
ausführlichere beschreibung des Schwertes gab und die auch der fi-
drekssaga zu gründe lag, in den text eingefügt seien. Wir haben
gesehen, dass sich spuren der fraglichen stücke auch in d zweifel-
los zeigen, ja dass solche auch in as noch erkenbar sind. Dass der
inhalt dieses abschnittes aber auf uns den eindruck einer „überflüssigen
Weiterung macht'', was an sich gewiss richtig ist, kann meines erach-
tens nur wider einmal beweisen, wie wenig wir solchen eindrücken
bei der kritik unserer volksepen trauen dürfen. Wir müsten sonst
such in der I'idrekssaga das stück für ein einschiebsei halten, denn in
ihr scheint die viel knappere darstellung in noch weit auffälligerer
weise durch diese ausführliche geschichte des Schwertes unterbrochen
und aufgehalten. Die alte sage vom Eckesahs galt dem dichter des
Eckenliedes gewiss nicht für überflüssig; und er brachte sie an, wo
sich ihm die erste gelegenheit dafür bot.
Auf die anpreisung des Schwertes erwidert Dietrich in L 84 d 95
as 67 übereinstimmend, dass er jezt, wo er wisse, eine wie gefährliche
waffe er gegen sich habe, ein tor sein würde, wenn er sich noch auf
den kämpf einlassen wolte, zu dem er vorhin schon geneigt gewesen.
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXV. 2
18 F. VOGT
Seiner furcht vor dem Schwerte gibt er auch in der fs. ausdruck: hvi
ma ec pitt sverä fltfia, meäan ec nia eigi sialvan pic sia; aber diese
Worte leiten hier nicht zur ablehnung des kampfes, sondern zu einer
drohenden widerholung der erklärung über, dass er den Ecke bei ta^^-
anbruch bestehen werde. Es ist unsicher, wie sich hier das weitere
gespräch ursprünglich abgewickelt haben mag. Nur in L 85 entgegnet
Ecke auf jene Weigerung Dietrichs, er habe die treflichkeit seines
Schwertes nur erlogen; aber der schluss dieser Strophe, der eine Ver-
wünschung des kampfscheuen gegners enthält, stimt wenigstens in den
versen du mäht tvol heixen Dietei'ich: dem v^iirsien da von Beme tuost
aber nicht geltch mit d 97, 12 fg. überein. Besser verbürgt scheint
schon die folgende Strophe (86); denn wenn auch ihr hauptteil, in wel-
chem der Berner Ecken den Übermut seiner werte vorwirft, L allein
unter den deutschen texten eigen ist, so schilt doch in der f s. Dietrich
ebenfals nach der schwertepisode Eckes prahlrede, und den schluss
(86, 11 fg.) doch beite unx ynorniint kome der tac: ich Itd von dinefi
handeUj sivax mir geschehen mac bietet ausser L nicht allein die Ver-
sion d (106), sondern auch as (69). Auf diese schlussverse folgt in
as (70) die L 99 entsprechende Strophe, welche begint (der Wortlaut
nach L): Her Ecke xornecltchen sp'ach, ich hcete ouch gerne guot
gemach, möhte ex sich gefüegen . . . nach dir ich vil gelaufen hän.
Das ist gewiss die ursprüngliche Verbindung, denn diese werte enthal-
ten die unmittelbare erwidening auf die in 86, 11 fg. (as 69, 11 fg.)
liegende aufforderung Dietrichs an Ecke, ihn bis zum morgen in ruhe
zu lassen. Völlig deutlich aber wird das erst durch den nur in L
vorausgehenden vers 86, 9, in welchem der Bemer Ecken vorwirft,
dass er ihn nicht 7nii gemache lasse. Es wird hier also in L der alte
text, in as die alte folge erhalten sein, sodass sich L 99 ursprünglich
an L 86 anschloss. Dazwischen müsten dann freilich schon in Ldas
die Strophen 97. 98 nachträglich eingeschoben sein; denn es kann nicht
wol auf Zufall beruhen, dass die folge L97. 98 1—3. 99 der reihe as 68.
69 1—5. 70 entspricht und dass auch d diese anordnung wenigstens noch
durchblicken lässt. In str. 97 weist Ecke den Borner darauf hin, dass
sein lob, wenn er den kämpf meide, bei den Jungfrauen zu schänden
werde und dass er auch seinen bruder Fasolt, der ihn als einen mann
gelobt habe, lügen sti-afe. Worauf denn Dietrich in str. 98 zunächst
mit einer Fasolts lob betreflenden wendung begint. In den übrigen
versen dieser Strophe gehen alle texte volständig auseinander: L 98,
4—13 stimt mit L 125, 4—13 (= as 106 d 159) fast ganz wörtlich
überein; d, welches ebenso wie L die eingangs wendung in der form
ZUM EOKBNUBDB 19
eines dankes gegen Eckes bruder überliefert, faselt in diesem tone auf
eigene faust noch die ganze strophe hindurch; as geht schliesslich in
die vorhin angeführten, L 86, 11 — 13 entsprechenden verse über.
Wilmanns, der meint, dass Fasolts erwähnung schon in der einleitung
jüngeren Ursprunges sei, hält (a. a. o. 135 fg.) dem entsprechend auch
die Strophen 97 — 98, die einzigen in der erzählung von Dietrichs und
Eckes kämpf, welche den Fasolt nennen, für später eingefügt Zu der
gleichen annähme wird natürlich neigen, wer die ganze einleitung
überhaupt für einen zusatz hält; denn obgleich ohne diese die erwäh-
nung Fasolts hier an sich wol möglich wäre, so liegt es doch am
nächsten, sie dem zuzuschreiben, welcher die Strophen 8 fgg. gedich-
tet hatte; und dazu komt nun, dass sie zwischen zwei ursprünglich
zusammengehörigen Strophen stehen. Sie werden also in der tat schon
in Ldas interpoliert sein. Wie es aber nicht selten vorkomt, dass als
schluss einer Interpolation zur erleichterung des Überganges zum fol-
genden die ihr zunächst vorangehenden echten verse mit oder ohne
Variation widerholt werden (vgl. das in dieser Zeitschrift XXII, 488 fg.
über Orendel 2207—32. 587 — 628. 1315 — 26 bemerkte), so mögen
auch in unserem falle, der lesart as 69, 11 fgg. entsprechend, die verse
doch beii um momunt kome der tac, welche schon die str. 86 abschlös-
sen, zugleich den schluss der interpolation 97 — 98 gebildet haben.
Von den übrigen Strophen, welche in L die strophe 86 von 99
trennen, finden sich 87 und 88 mit teilweise erheblichen abweichun-
gen des Wortlautes in allen drei Versionen an ganz verschiedenen stel-
len, ohne eigentlich irgendwo zu passen. Ecke verwünscht hier die
wege, die ihn zu dem feigling Dietrich trugen, und dieser erwidert
darauf. Das folgt in as ganz ungehörig hinter str. L 100 as 71 d 104,
in welcher, nach der in dieser beziehung zweifellos ursprünglichen Ver-
sion Ld, Dietrich sich endlich bedingungslos bereit erklärt zu fechten.
In d zerreissen die beiden Strophen die nach dem eben ausgeführten
bereits in der nächsten quelle von ^Ldas aufeinander folgenden L 98.
99, as 69. 70, d 100. 103. In L schliessen sie sich wenigstens in der
hier vorliegenden, auch durch d bestätigten fassung er sprach: scheid
ich alstis von dir, so solt du wol gehuben mir, ich inöhte sanfter
sterben schlecht genug an 86, 11 fg. an, wo Dietrich eben gesagt hat,
dass er morgen mit Ecke kämpfen wolle. Viel besser würde das auf
die völlige ablehnung des kampfes in 84 folgen; 87 allein würde hier
an stelle der mangelhaft verbürgten 85 sehr gut am platze sein, aber
88 würde nirgend mehr passen und sie etwa für später als 87 zu hal-
ten existiert sonst kein grund. Ich komme auf diese beiden Strophen,
2*
20 P. VOGT
für die Wilmanns s. 128 übrigens jüngeren Ursprung vermutet, noch
zurück. — Die ausschliesslich in L überlieferten, an sich durchaus
entbehrlichen Strophen 89. 90 sind zu schlecht verbürgt, als dass man
sie schon der quelle Ldas zuweisen könte. Dass für str. 91 nicht
allein dasselbe gilt, sondern dass auch ihr erster teil nur eine schlechte
Variation der grundlage von L 87 d 101, der zweite ein hier ganz
ungehöriger versuch ist, die zurückfühmng der brünne Eckes auf Ort-
nit aus der einleitung heranzuziehen, hat sich schon oben gezeigt;
ebenso, dass str. 92 zwar alt sein wird, aber nicht hierher, sondern
hinter 74 bezw. hinter eine 77 entsprechende strophe gehört.
Str. 93 — 96 sind dann wider L allein eigen. In ihnen preist
Ecke dem Dietrich noch ein von den königinnen köstlich geschmück-
tes ponit an, welches er vor der brüst trage, erwähnt dann noch ein-
mal die brünne, beschwört Dietrich um aller frauen ehre willen zu
kämpfen und geht dann mit der bemerkung, dass man ihn mit unrecht
lobe, zu dem Inhalte der schon besprochenen str. 97 über. So wie diese
Strophen vorliegen sind sie gewiss erst in L ausgeführt, aber der keim,
aus dem sie erwuchsen, wird schon im original vorhanden gewesen sein.
Was das ponit eigentlich ist, wird trotz seiner ausführlichen beschreibung
nicht klar, und in einer bedeutung, die hier aufschluss geben könte, ist
das wort sonst nicht nachgewiesen, vgl. Zupitzas anm. und Schultz, Höf.
leb. I, 39. Aber an entsprechender stelle, nämlich als lezter der gegen-
stände, die Ecke dem Dietrich rühmt, wird in I^s. ein geldgurt genant,
imd Ekka sagt, wie das gold in diesem, so brenne und glühe
sein herz, weil er ihn nicht erreichen und mit ihm fechten könne; aber
wenn Dietrich es um des goldes und der waflfen willen nicht tun wolle,
so möge er doch um der courtoisie der 9 königinnen willen
kämpfen; und aus diesem gründe zeigt sich denn Dietrich auch end-
lich bereit. In as wird nach den wafifen kein weiteres stück mehr
genant; statt dessen komt Dietrich zum schluss ganz unvermittelt noch
einmal auf die brünne mit den versen as 74, 1. 2 zurück, die, wie wir
sahen, sicher nicht hierher gehören (vgl. L 77). Dann fährt er, wider
ohne Übergang, vers 5 und 6 fort: mein hertz ist heisser dann
ein glüt, vor xorn so iviU es brinnen, worauf denn Dietrich v. 7 —
13 erklärt, nun wolle er mit ihm kämpfen doch allermeist durch
werde weib und auch durch gottes ehre so icag ich den meinen
pib, was abermals mit dem zunächst vorhergehenden in keinem
befriedigenden gedankenzusammenhange steht. Diesen gewinnen wir
erst durch I^s. Sicher hat im originale Ecke zulezt noch einen mit
gold versehenen gegenständ genant, gesagt dass sein herz noch mehr als
ZUM BCKENLIEDR 21
dies gold (vor kampfgier oder vor zorn) glühe und dass üietricli, wenn
nicht wegen dieser kostbarkeiten, so doch um der edlen frauen willen
mit ihm sich schlagen möge, worauf denn Dietrich einwilligt Daraus
erwuchs einerseits die breitere ausführung in L, andrerseits die aus
trümmerhaften reminiscenzen zusammengestückte Strophe as 74. Und
auch in d schimmert wenigstens in Eckes werten 108, 4 fg. wie wee das
meinem hertxen thut: es print vor gir recht als ein glitt und in
denen Dietrichs 104, 11 fg. vnd auch durch alle reine weib mid
hie durch got von himel so wil ich ivagen meinen leib eine schwache
erinnerung an die gemeinsame quelle durch. In as folgt nun jene
Strophe (74) unmitelbar auf die vorhin besprochenen, in den drei deut-
schen texten an verschiedener stelle überlieferten L 87. 88. Und in L
schliesst sich an eben diese beiden Strophen jener abschnitt über das
ponit (93 — 96), wenn wir von den erst in L dazwischen getretenen
Strophen 89 — 92 absehen. Strophe 87. 88 mögen also schon in Ldas
mit dem eben besprochenen passus, der as 74 und L 93 — 96 zu gründe
lag, zusammengehört haben, ihm unmittelbar vorausgegangen sein.
Auch dann würde sich 87 an 84 gut anschliessen; aber das ganze
würde sich gleichwol nicht in den Zusammenhang der überlieferten
dichtung einfügen, denn keine der vorliegenden Strophen würde geeig-
net sein es fortzusetzen. Die vergleichung der angezogenen stellen
von as, d und I^s. kann es kaum zweifelhaft erscheinen lassen, dass
Dietrich wie hier so auch ursprünglich auf die beschwörung um der
edlen frauen willen den kämpf aufnimt. Andrerseits aber verbürgt die
Übereinstimmung von L 99/100, d 103/104, as 70/71 für die nächste
vorläge von Ldas die version, nach welcher Dietrich daraufhin den
kämpf aufnimt, dass Ecke auf gottes hilfe verzichtet. Dass sich daran
wie in L so auch schon in jener vorläge die erzählung vom beginne
des kampfes (L 101 as 75 d 113) ansohloss, scheint sicher, denn es
zeigte sich bereits, dass die in as dazwischen stehenden Strophen nicht
hierher gehören, und über die törichten einschiebsei d 105 — 112 lohnt
es nicht ein wort zu verlieren. Man wird demnach annehmen müssen,
dass in der quelle von Ldas zwei berichte über den schluss des Zwie-
gespräches zwischen Dietrich und Ecke neben einander bestanden:
einer, welcher in den wichtigsten punkten mit der fs. übereinstimte
und den Strophen L 87. 88. 93 fg., as 72 — 74 zu gründe lag; ein
anderer, geistlich gefärbter, welcher wesentlich den Strophen L 85. 86.
99. 100 (d 97, 11 fg. 106, 11 fg. 103. 104; as 69, 11 fg. 70. 71) ent-
sprach; dieser leztere muss dann als der jüngere gelten; er wird im
folgenden mehrfach vorausgesezt und wird bestimt gewesen sein, den
22 F. VOGT
anderen, älteren zu verdrängen, der dann aber doch neben ihm bei-
behalten wurde.
Die ursprüngliche reihenfolge der Strophen vom anfange des ori-
ginalliedes bis zum beginne des kampfes würde also in der nächsten
grundlage von Ldas diese gewesen sein (ich bezeichne zweifelhaftes
durch runde, schon in Ldas interpoliertes durch eckige klammem,
Strophen, die nur teilweise die quelle durchblicken lassen, durch den
exponenten x): 69. (70—73). 74. 77'. 92. 79 — 83. d 94^ 84; darauf
a) 87. 88. 93'— 96" bezw. as 74' — b) 85'. 86. [97 — 98]. 99 fgg.
In derselben weise auch noch die erzählung von Dietrichs und
Eckes kämpf bis ins einzelne zu verfolgen, halte ich, da es sich ja
doch nicht mehr um eine widerherstellung des echten handeln kann,
für unnötig. Die vergleichung der drei texte, die Wilmanns durch
eine tabelle s. 138 fg. erleichtert, zeigt, dass die strophenfolge in den
einzelnen Überlieferungen hier weniger gestört ist, dass aber jede von
ihnen selbständige interpolationen enthält, und dass der Wortlaut der
gemeinsam überlieferten Strophen widerum sehr starken Schwankungen
unterworfen ist. Für das Verhältnis zur einleitung komt eine stelle in
betracht, wo Wilmanns der version as vor der meines erachtens ursprüng-
licheren L den vorzug gibt, nämlich as 77 — 84, L 103 — 107. Nach-
dem Dietrich nach seiner langen Weigerung endlich eingewilligt hat,
nicht erst am nächsten morgen, sondern sofort, trotz der finstemis zu
kämpfen, schlagen nach as 77. 78 die beiden auf einander los, dass die
hellen funken stieben, die äste von Eckes streichen von den bäumen
fliegen und dem Berner zahlreiche hiebe heim und schild versehren.
Da fleht dieser Ecken inständig, dass er ihm, der den tag über gekämpft,
von hunger und müdigkeit erschöpft, von vieren gar sehr verwundet
sei, doch bis zum nächsten morgen ruhe gewähren möge (as 78 — 79).
Ecke erfült diese bitte sofort. Zunächst legt er sich nieder und Diet-
rich hält wache; nach mitternacht weckt ihn Dietrich. Dann schläft
dieser, während Ecke wacht; als der tag naht, schreckt Ecke den Ber-
ner durch einen fusstritt aus dem schlafe und der kämpf begint von
neuem (as 80 — 84). Da ist es denn doch sehr auffallig, dass Ecke,
der zuvor Dietrichs wünsch, ihm die nacht noch ruhe zu lassen, hart-
näckig und höhnisch abwies, nun plötzlich ohne jede Widerrede darauf
eingeht; nicht minder, dass Dietrich mit dem gründe, dass er durch den
vorangegangenen kämpf und die dabei erhaltenen wunden erschöpft
sei, erst jezt und nicht schon bei seinem früheren verlangen nach auf-
schub zum Vorschein komt, wozu er doch umsomehr veranlassung hatte,
als Ecke seinem verlangen nach nachtruhe gegenüber darauf hinwies,
ZUM ECKENLIEDE 23
dass er selbst durch das laufen nach ihm müde genug sei und dennoch
derselben nicht bedürfe. Und vollends unpassend scheint es, dass
Dietrich jezt den Ecke wie ein kampfunfähiger um Schonung bittet,
Dachdem er ihm eben erst (L 102 as 76) unter der bemerkung, dass
er nicht fingerzahm auch nirgend am leibe lahm sei, mit zornigem
drohen seine überhebung verwiesen hat. Wenn nun der durchschnitlich
zweifellos ursprünglichere text L diese wunderlichen dinge nicht ent-
hält, sondern statt dessen eine gut zusammenhangende erzählung bietet,
so wird es gewiss richtiger sein, diese für die ursprüngliche, als sie
mit Wilmanns für die spätere zu halten, die erst der redactor L an
stelle des ihm zu auffalligen abschnittes der quelle eingesezt hätte.
Anschaulich treten nach L in der erzählung des kampfes die einzelnen
momente des Überganges von der nacht zum morgen hervor. Als die
beiden in der finstemis auf einander loshauen, sehnen sie sich
beide nach dem anbruch des tages (103) — nicht vor der zeit,
wie Wilmanns annimt, denn seine Voraussetzung, dass der kämpf schon
am abend begonnen hätte, ist durch den Zusammenhang nicht begrün-
det (s. oben s. 5); erst späte Interpolationen in d (106. 110) trugen
diese Vorstellung gegen den Zusammenhang hinein — . Dann lassen
sich die ersten verboten des nahenden morgens, die vöglein
vernehmen, ohne dass die kämpfenden ihrer achten, bis die erschöpfung
sie zu kurzer rast zwingt (104). Darauf hauen sie mit erneuter kraft
auf einander ein; die streiche dröhnen wie donnerschläge, das feuer
aus ihren helmen entzündet die äste, dass rauch wie nebel empor-
steigt, das gras wird niedergetreten, dass es aussieht, als hätte nie
etwas dagestanden (105 — 107). Nun zeigt sich ihnen das licht
des tages. Dietrich erhält einen gewaltigen schlag durch den schild
(108). Die sonne steigt in das gebirge empor: da ist Dietrich
ganz ohne schild und niuss weichen (110). — Die* version as enthält nur
die beiden lezten momente, d alle vier, bringt aber zwischen dem
ersten und zweiten, d. i. zwischen L 103 und 104 auch noch die as
entsprechende erzählung von Dietrichs und Eckes nachtruhe (d 117 —
122 = as 79 — 84) und überliefert trotzdem statt der als nötige Vor-
bereitung dazu gehörigen Strophen as 77. 78, welche die arge bedräng-
nis des Bemers berichten, vielmehr die L 103 entsprechende Strophe
115, nach welcher die beiden den anbruch des tages herbei sehnen
und nach der gar keine veranlassung zu Dietrichs bitte um waffen-
stilstand erkenbar ist. Es ist klar, dass hier in d nicht etwa die
älteste und volständigste version zu gründe liegt, aus der das eine stück
in L, das andere in as aufgenommen wäre, sondern dass d in die
24 F. VOOT
Version L die version as hinein interpoliert hat; d kann also för die
ureprüngliclikeit der episode, welche es in Übereinstimmung mit ai
berichtet, nicht die mindeste gewähr bieten. Dagegen wird die ver
sion L auch hier widenim durch die f s. bestätigt. Der vergleich des
Schwerterklanges mit donnerschlägen findet sich nur einerseits in L 10£
(«= d 125), einer der in as durch die erzählung von der nachtruh(
ersezten Strophen, andrerseits in der I^s. c. 100: ir helme s&re erklun-
gen von grdxen siegen durch den hac . . . reht als der tvilde dunersüu
V071 himel kceme gerixxen, vgl. oc sva niikill g?iyr oc storir brestii
ero af hoggom peirra sem hinar fnesto reidarprumur. Überliefen
also in diesem teile des gedichtes L das ursprünglichere, so ergibi
|! sich damit auch die spätere entstehiing der einzigen Strophe aus den
,jl der alten dichtung entsprechenden teile der erzählung, in welcher c
"?| und as übereinstimmend auf Helfrich und seine genossen bezug neh
^; men: ich meine die von Dietrichs Verwundung durch die viere han
1 1
|[ delnde as 79 d 117. Sie ist nicht anders aufzufassen als die Strophen
in denen as allein dem Helfiich eine rolle in der erzählung zuweisl
um eine bessere Verbindung mit der später hinzugekommenen vor
geschichte herzustellen.
:| Von den auf Eckes Überwindung folgenden teilen der dichtunj
sind für die beurteilung der einleitung nur noch zwei in betracht zi
ziehen.
1. Dietrichs kämpf mit Fasolt. Er steht mit der einleitung ii
gar keiner Verbindung und ist demnach gewiss älter als sie, umsomeh
als auch die fs. ihn, nicht aber die einleitung enthält. Die ausführunj
ist in der nordischen und in der deutschen Überlieferung eine ganz vei
schiedene; mir scheint die einfachere nordische ursprünglicher als di
mit anderweitig belegbaren sagonmotiven verbundene deutsche. Docl
ist hier keine Sicherheit zu gewinnen, so wenig wie über die altest
gestalt der in beiden gleichfals schon ganz abweichenden erzählunj
vom ausgange des kampfes zwischen Dietrich und Ecke. Das original
lied wird übrigens wol schon mit dem lezteren ursprünglich abgeschlos
sen haben (vgl. Wilmanns s. 135 fg.). Anspielungen auf die einleitun]
■'■ bringt erst as in die Fasolt- episode hinein (as 167. 176); zur kenzeich
nung ihres späten Ursprunges genügt schon ihre beziehung auf da
sogar in die einleitung erst nachträglich hinein gebrachte Köln.
2. Dietrichs besuch bei den königinnen. Hier gehen samt
liehe traditionen derartig auseinander, dass es zweifelhaft wird, ob di
gemeinsame grundlage überhaupt schon ein entsprechendes stück ent
halten hat. Die fs. sezt diesen besuch schon vor den kämpf mit Fasoll
ZUM ECKBNLIEDE 25
die deutsißhen Versionen bringen ihn als leztes abenteuer Dietrichs. In
der fs. komt Dietrich nur bis vor die bürg der königinnen; als er
bemerkt, dass sie ihre mannen gegen ihn rüsten, kehrt er um. In as
wird er aufs beste von ihnen empfangen und scheidet von ihnen, nach-
dem sie sich und ihr land in seinen schütz begeben haben. In d wirft
ihnen Dietrich unter den heftigsten vorwürfen Eckes haupt vor die
füsse und reitet ohne abschied davon (vgl. Wilmanns 97). L ist unvol-
ständig überliefert und enthält infolge dessen keine von den drei erzäh-
lungen, bereitet aber durch str. 149 fg. die in d überlieferte vor.
Gemeinsam ist also hier nur die Überlieferung, dass Dietrich sich
aufmacht, um die königinnen zu sehen, die Ecken nach ihm ausgesant
hatten. Solte das wirklich schon in der quelle aller erhaltenen texte
berichtet sein, so würde es natürlich schon durch das, was Ecke dem
Dietrich über die königinnen sagte, volständig ausreichend begründet
und vorbereitet sein, und es läge nicht die geringste veranlassung vor,
deshalb etwa anzunehmen, dass in jener quelle die königinnen schon
vor Dietrichs und Eckes begegnung erwähnt worden seien, dass sich
also doch in ihr schon etwas der einleitung ähnliches befunden haben
müste. Aber Eckes bericht von den drei königinnen, vor die er den
Berner bringen will und die den kämpf überhaupt veranlasst haben,
konte auch schon allein den einzelnen Versionen hinreichenden grund
geben, die erzählung anzufügen, wie nun Dietrich wirklich zu ihnen
komt, aber ganz anders als sie es gedacht und gewolt hatten. Ich
halte es für das wahrscheinlichste, dass die angäbe der Kdrekssaga
diesen Ursprung hat. Gerade sie, oder diejenige fassung der Ecken-
dichtung, aus der sie unmittelbar floss, hat ja auch sonst die geschieh te
jener königinnen selbständig fortgebildet, indem sie aus den dreien
neun töchter mit ihrer mutter macht und über sie in einer kurzen ein-
leitung ihre ganz eigenen angaben vorbringt, denen in den deutschen
texten nicht das mindeste entspricht und die merkwürdiger weise nicht
einmal das nachher in der erzählung des kampfes doch aus dem origi-
nale beibehaltene motiv von Eckes entsendung durch die königinnen
beriicksichtigen.
Für Ldas andrerseits bot die Vorgeschichte, die hier hinzugekom-
men war, ganz besonders veranlassung, die geschieh te von den drei
auf Dietrich und Ecke wartenden königinnen zu ende zu führen. Dass
Ld und as dies ganz unabhängig von einander taten, ist trotz der völ-
ligen Verschiedenheit ihrer darstellung deshalb nicht wahrscheinlich,
weil in ihnen die scene übereinstimmend auf Dietrichs kämpf mit den
beweglichen bildwerken folgt. Sie fügt sich übrigens in keiner von
26 F. VOGT
beiden Versionen ganz glatt und widerspruchslos an das vorangangene.
In as denkt Dietrich nach Eckes Überwindung gar nicht daran, die
königinnen aufzusuchen; er wird erst nachträglich, nachdem er allerlei
weitere abenteuer bestanden, durch Fasolt dazu gebracht. Als er zu
ihnen komt, ist zwischen ihnen eitel friede und freundschaft, während
er vorher seinen zom darüber, dass sie Ecken auf ihn gehezt haben,
kräftigsten ausdruck gegeben hatte (L 125 as 106). Stimt das nicht recht
zum kerne der dichtung, so steht nun auch mit der Vorgeschichte nicht
recht in einklang, dass die königinnen gottes gnade preisen, weil Diet-
rich sie aus Eckes und Fasolts gewalt erlöst habe, während man nach
der eingangsscene nicht ahnen konte, dass ein derartiges zwangs Ver-
hältnis bestand und dass sie so sehr den tod eben jenes Ecke wünsch-
ten , den sie dort mit unverletzbaren waflfen zum kämpf gegen Dietrich
ausrüsteten. Viel besser passt inhaltlich zu allem vorausgegangenen die
Version (L)d; sie ist ihm auch von vornherein weit fester dadurch
angefügt, dass Dietrich hier gleich nachdem er dem Ecke das haupt
abgeschlagen hat, erklärt, dass er nun zu den königinnen wolle (L 150.
159. 232. d 214); diese fahrt führt ihn dann zu den weiteren aben-
teuern. Und doch zeigt sich gerade hier noch deutlich die naht, die
das stück mit dem älteren teile der dichtung verbindet. Es ist die
merkwürdige scene, in der Dietrich, als er schon die rüstung des
gefallenen Ecke angelegt hat, von diesem, der nur betäubt war, gebe-
ten wird, er möge ihm das haupt abschlagen, da er doch verloren sei.
Dass dieser passus erst später eingefügt sei, hat Wilmanns s. 97 fg.
einleuchtend genug gemacht; ebenso dass in d, wo es fehlt, die erwäh-
nung der enthauptung (d 214) noch ungeschickter ist Die erzählung
von Dietrichs unfreundlicher begegnung mit den königinnen aber hängt
unauflöslich mit ihm zusammen. So verrät die erzählung dieser bege-
benheit, weit enfernt davon, etwa für die ursprünglichkeit der Vor-
geschichte zu sprechen, sowol in der version Ld wie in der version as
ihren späteren Ursprung; hat sich etwa eine der beiden schon in der
nächsten grundlage von Ldas gefunden, so rauss sie einer jüngeren
Schicht derselben angehört haben.
Von denjenigen Zeugnissen über das Eckenlied, welche einen
schluss auf die jeweilige gestalt der dichtung gestatten, setzen nur die
jüngeren die Vorgeschichte voraus, nämlich Dietrichs flucht, Ottokar
und Wittenweilers ring (DHb. V, 289); die älteren sprechen gegen ihre
existenz, nämlich die I^idrekssaga, die Carmina Burana und auch Jans
Enikel. Denn wenn dieser im Fürstenbuch von Österreich sagt (Grimm,
HS 160):
ZUM EGKSNLIEDE 27
lüir habn dicke vemomen,
vde der Bemer (hs. prenner) wcer komen
da er kern Ekken vant,
so hat er doch wol die einleitung nicht gekant, die ja gerade umge-
kehrt erzählt, wie Ecke, gegen Dietrich ausgesant, diesen durch ver-
schiedene länder hin sucht, bis er ihn endlich findet; vielmehr hat er
auf die anfengsstrophe des alten liedes bezug genommen (vgl. oben s. 1
V. 1 — 4. 8), ohne sich die erst aus dem folgenden deutlicher hervor-
tretenden umstände der begegnung beider recken genau zu vergegen-
wärtigen.
Anmerkim^eii«
1) Als ich schon im begriff stand diesen aufsatz abzusenden , gieng mir Mar-
tms recension meiner geschichte der mhd. litteratur (bd. XXIV s. 229 fg. dieser Zeit-
schrift) mit ihren einwendungen gegen die dort zuerst von mir behauptete abhängig-
keit der Strophen der CB von der weise des Eckenliedes zu. Aus folgenden gründen
glaube ich ausser den oben angegebenen , an meiner auffassung festhalten zu müssen.
1) Wenn Martin erwähnt, dass ich a. a. o. die Übereinstimmung selbst nur als eine
fast ganz genaue bezeichnet habe, so will er damit doch wol nicht sagen, dass die
deutsche Strophe und die lateinischen in der handschrift hier nicht ebensowol als
gegenstücke zusammengestelt seien, wie in anderen fällen, in denen er sie als solche
gelten liess und verglich. Tatsächlich stimmen sie ja, von der unbedeutenden modi-
fikation der Schlusszeile abgesehen, bis ins einzelste überein. 2) Dass die bildung der
Strophe weit mehr zu fremden als zu deutschen formen stimme, kann ich nicht
finden. Weit ähnlicher wenigstens als die von Martin herbeigezogenen beiden pastou-
rellon, deren abgesang volständig abweicht, ist z. b. Steinmars weise MSH U, 154'
und besonders auch die unter Dietmar von Eist überliefei*te , jedesfals noch dem
12. Jahrhundert angehörige MF 40, 19, welche bis auf die mangelnde cäsur der lezten
zeile und das fehlen der beiden den anfang des abgesanges bildenden langzeilen genau
übereinstimt. Die beiden klingend ausgehenden langzeilen in der zweiten strophen-
hälfte aber zeigen sich dafür z. b. im ersten und dritten Spervogelton sowie beim
jungen Spervogel, und sie bilden wie im Eckenliede zusammen mit einer Verbindung
von stumpf gereimter kurz- und langzeilo, nur in umgekehrter folge und mit voller
form der langzeile, den abgesang in dem liede MF 36, 23, welches G zusammen mit
Strophen des jungen Spervogel unter Dietmar von Eist überliefert. Der abgesang der
Eckenstrophe besteht also aus kombinationen national -epischer versgattungen, zu
denen sich analogieen schon früher in der deutschen lyrik finden. Dass nun in dem
lateinischen gegenstück die vorlezte zeile eine „in der lateinisch - romanischen dich-
tong beliebte und ursprüngliche '^ form hat (Martin s. 231, wo reimzeile statt
rcimsilbe zu lesen ist), könte für die bildung der deutschen strophe nach der latei-
nischen doch nur dann sprechen, wenn jene charakteristische form unverändert in
die deutsche fassung übergegangen wäre. Da sich aber statt dessen in dieser eine
auch in der deutschon dichtung beliebte und ursprüngliche form findet, nämlich die
erste hälfte der epischen langzeile, so sehe ich nicht ein, weshalb diese nicht auf
dem oben angegebenen wege in die beliebte lateinische form verändert sein solte.
Bei Martins auffassung fehlt auch die erklärung dafür, weshalb in der lezten zeile
28 F. VOGT, ZUM ECKENLIEDE
den 4 hebungen der lateinischen atrophe nur 3 in der deutschen gegenüberstehen. —
Was endlich die reimstellung aab ccb des aufgesanges betrift, so war dieselbe ein-
mal zur zeit der abfassung des Eckenliedes der deuischon dichtung schon bekant
Sodann aber ist es mir zweifelhaft, ob sie überhaupt in diese lediglich eret aus der
lateinischen oder romanischen übergieng. W. Meyer, Münchener SB 1882 11 , 150 fg.
erklärt sie für die lateinische dichtung aus der widerholung der ersten hälfte der
langzoile, zu der dann reimbindung trat. Dereelbe Vorgang lässt sich selbständig in
aUen einzelnen Stadien in deutsch nationalen Strophenformen bestimt nachweisen. Die
widerholung jener ersten hälfte, der weise, findet sich bekantHch im ersten Küren-
bergston, bei Meinloh und MF. 3, 22; den zutritt des reimes zeigt sodann MF. 4, 35.
Wenn in diesem lezten tone die langzeile mit gedoppelter und in sich gereimter
erster hälfte auf eine einfache langzeile gereimt wird (3u + 4a : 3ub4-3ub-|-4a),
so lässt sich daraus schon durch die naheliegende angleichuog der einfachen langzeile
an die erweiterte das in rede stehende Schema auf das natürlichste ableiten. — Die
ganze Eckenstrophe ist demnach gegründet auf die einfache und die reduplizierte
form der alten epischen langzeile, für deren erste hälfte die gestalt 3o oder 4, für
deren zweiten teil die form 3 oder 3u oder 4 zulässig ist; dieser leztgenanten ent-
spricht auch der einzige, vierhebige kurzvers z. 10; für eine zweihebige zeile ist in
diesem System kein platz; so zeigt sich auch von dieser seite, dass die deutsche
form die urspmnglichere ist. — Übrigens empfand man auch eine vei'wantschaft zwi-
schen den Stollen versen der Eckenstropho und einer andern sehr beliebten Volksweise,
jener alten, zuerst MF. 3, 7 belegten abart der Morolfstrophe mit regelmässigem
Wechsel stumpfen und klingenden reimes. Man ergänzte demnach die eratoren nach
massgabo der lezteren, indem man den schon übereinstimmenden drei versen noch
die mit dem dritten reimende langzeile anhängte. Zugleich wurde nun auch der schluss
der Eckenstrophe durch einführung klingenden ausganges und Verschiebung des zur
Morolfstrophe gehörigen ersten reimpaares nach dem gleichen Schema umgemodelt,
so dass sich, unter aufnähme des cäsurreiraes aus der 7. und 9. zeile der Ecken-
strophe jüngerer form, folgende weise ergab (die zusätze schliesse ich in eckige klam-
mern): 4a 4a 3ub [4 + 3ub], 4c 4c 3uC [4+3uc]; 4d + 3v.e 4d + 3ue, [4f 4f]
3ug 4 + 3vg. Sie findet sich in den unechten Neidhai-tliodcrn MSHIII, 296 fgg.
2) Nach Erck 1900 fg. fand der kämpf um den sperber vielmehr vor pfing-
sten statt. Über dasselbe motiv in anderen Artusepen s. Foerstor, Christian v. Troyes
ni, XV.
3) Falsch ist hier im DHB der punkt hinter v. 5. Das 7ncere von Goldemar
soll doch nicht berichten, dass der Bemer niemals den frauen liold gewesen; es soll
vielmehr erzählen, wie er, der sonst weiberscheue, zum ersten male von liebe
bezwungen wurde. V. 9. 10 hängen also von v. 5 ab und die drei dazwischen ste-
henden verse sind gemeinsam in parenthese zu setzen.
4) Im Widerspruch damit wird Liudegast DFl. 8629 und Rabenschlacht 734
unter Ermanrichs recken genant.
BRESriAU. F. VOGT.
29
UEDEEHANDSCHEIFTEN DES 16. UND 17. JÄHE-
HUNDEETS.1
n.
Das liederbuch des prinzen Joachim Karl Yon Braunschweig.
Die Wolfenbütteler bibliothek bewahrt als mscr. extravag. 264.
26. 4^ eine aus 35 quartblättem bestehende liedersamlung, auf deren
lederdeckel die initialen „IKHZBVLTZS|1601'' eingeprägt sind.
Die deutung der inschrift ergibt sich unschwer aus der Überschrift des
4. gedichtes als: „Joachim Karl, herzog zu Braunschweig und Lüne-
burg, thumpropst zu Strassburg". Der genante prinz war ein jüngerer
bruder des als dramatischer dichter bekanten herzogs Heinrich Julius,
geb. 1573 und gest. 1615. Das liederbuch hat nicht er selbst, son-
dern sein Sekretär niedergeschrieben, wie die bemerkungen zu zwei
dichtungen des prinzen (nr. 22 und 28) beweisen.
1. bl. la: Aus trewen hertzen mein
habe ich mich außerkoren (4 str.).
2. bl. Ib: Venus, ich gern wißen woltt (6 str.).
Auch in einem fl. blatt des 16. Jahrhunderts (Berliner bibl. Yd 7850, 18 nr. 2).
3. bl. 2a: Stetiglich nur an dich gedenckett mein hertze (6 str.).
Auch im Liederbüchlein, Nürnberg, Lantzenberger 1607 nr. 13 und auf einem
fl. blatte des 16. Jahrhunderts (Berlin Yd 7850, 24 nr. 3).
4. bl. 3a: Ach moder die zartt vnd schoen
der eheren eine krön (9 str.).
Überschrieben: Des hern Jochim Carln hertzog zu Braunschweig vnd Lüne-
burgk aufzügk auf dem ringrennen zu Stuckgart. — Vgl. über die zu
Stuttgart gehaltenen tumiere K. Pfaff, Geschichte der statt Stuttgart 1,
218—221 (1845).
5. bl. 4b: Gedenck eß, drewes hertz in ehren,
waß ich für schmertz vnd pein (5 str.).
Überschrieben: Des hertzogen von Württenberges liedt. — Gemeint ist wol
herzog Friedrich I, geb. 1557, t 1608.
6. bl. 5a: Bey mir mein hertz gantz iemerlich
sehr quelett sich. (5 str.).
Namenlied: BEATA. — Auch in dem liederbuche des Eostocker Studenten
Petrus Fabricius (Bolte, Niederdeutsches Jahrbuch 13, 55) nr. 7. Lantzen-
bergers liederbüchlein 1607 nr. 8. Val. Haußmann, Newe melodien 1608
nr. 6. Niederdeutsche Volkslieder 1883 nr. 149. Weiler, Annaion 1, 265
nr.375. Fliegende bll. in Berlin Yd 7850, 29 nr. 1. 32 nr. 4. Ye 1001, 4.
Melodie im lautenbuch des Job. Nauclerus v. j. 1615 (Berliner mscr. mus.
H. 250) bl. 76a. Dresdener hs. M 297, s. 148. Fried. Tautts lautenbuch
(Danzig X. fol. 25) bl. 49 b.
1) Fortsetzung zu bd. XXII, 397 dieser Zeitschrift.
30 BOLTB
7. bl. 6a: Mus dan die trewe mein
so ghar aus falschem hertzen
von dir beihonet sein (6 str.).
Akrostichisches namenlied: MAETHA. Ähnlich in Lantzenborgers liedeibüchlein,
Nürnberg 1607 nr. 3. Haußmann 1608 nr. 7. P. Fabricius nr. 8. Ditfurth,
Yolks- und geselschaftslieder 1872 nr. 4. Fliegendes bL in Berlin rd7850,
37 nr. 3. J. Nauclerus 1615 bl. 43 b.
8. bL 7a: 0 holdseliges bildtt,
erzeige dich nicht so wüdt (9 str.).
Eine vierstrophige fassung bei Regnart, Teutsche lieder 1578 3, 21. Aeist,
De arte amandi 1602 bl. Cvija = Hoffmann von Fallersleben , Geselschafts-
lieder 1860 nr. 109. Niederdeutsche Volkslieder 1883 nr. 150. Lantzen-
berger 1607 nr. 27. AUerley kurtzw. teutsche liedlein. Nürnberg 1614
nr. 13. Weller, Annalen 1, 265 nr. 375. Berliner mscr. germ. quart 733.
9. bl. 9b: Mit liebes flammen ist gantz entzundt
mein junges hertz, auch engstiglich wundtt (16 str.)
10. bl. 12 a: Ach lieb in leidt vnd gefehrligkeit (4 str.).
Namenlied: ANNA. — Auch bei P. Fabricius nr. 56.
11. bl. 13a: Es will, schönes lieb, das hertz in mir
für schmertzen ghar zuspringen (7 str.).
Vgl. Aelst, Blum vnd außbundt 1602 nr. 82. P. Fabricius nr. 190. Fliegendes
blatt bei Weller, Annalen 1, 263 nr. 363.
12. bl. 14 b: Frolich woltte ich singen,
ich kans, ich kans da nicht (7 str.).
P. Fabricius nr. 97. Niederdeutsche Volkslieder 1883 nr. 143. Fl. blatt von
1600 in Berlin (Yd 7850, 30 nr. 2). J. Nauclerus 1615 bl. 94b.
13. bl. 10 a: Betrübe dich doch nicht so ghar,
nimb selbst dein junges leben whar (9 str.).
Woller, Annalen 1, 264 nr. 366. Fliegende blätter in Berlin Ye 806 und 1656 nr. 3.
14. bl. 17 b: In einer hirßen jaget
Acteon jung vnd zartt (5 str.).
P. Fabricius nr. 20.
15. bl. 18 b: Betrübet ist mir mein hertz
vnd leidett große schmertz (7 str.).
Niederdeutsche Volkslieder 1883 nr. 136.
16. bl. 19b: Ach hertziges hertz, mit schmertz
erkennen thue, ich habe kein ruhe (3 str.).
Übei"schrift: Hertzog Friedrichen aus Churlandt liedt. — Friedrich, der söhn
Gotthards von Ketteier, lebte von 1569 — 1642. Dasselbe lied bei Böhme,
Altdeutsches liederbuch 1877 nr. 132. Niederdeutsche Volkslieder nr. 142.
Ambraser liederbuch 1582 nr. 37. Celscher 1600 nr. 9. P. Fabricius nr. 23.
Beriin, mscr. germ. fol. 636 s. 28 und mscr. germ. quart 733. Fliegende
blätter in Beriin Yd 7850, 8 nr. 3. 12 nr. 2. Ye 321, 1. E. Radecke,
Vierteljahi-schr. f. musikwiss. 7, 321.
LIEDERHANDSCHBIFTEN DES XVI. U. XYH. JHS. U. Ttt 31
17. bl. 20 a: Die fische ihm waßer whonen,
das wildt auch in dem waldt (8 str.).
Böhme, Altdeutsches liederbuch nr. 316 (aus Hainhofers lautenbüchern). Lan-
tzenberger 1607 nr. 21. Rosenberg, Zeitschr. f. d. geschichte der Juden 2,
242 (1888). Weller, Annalen 1, 266 nr. 383.
18. bl. 21b: Megdlein jung mein Sonnenschein,
ach du mein hertziges zuckermündelein (6 str.).
Überschrift: Der Dresensche aufzugk.
19. bl. 22b: Ach Amor, wie gantz wiederwertigh sein
deine werke dem schönen nhamen dein (8 str.).
Weller, Annalen 1, 265 nr. 373: fl. blatt vom j. 1601 (Berlin Ye 1005). P. Fa-
bricius nr. 80. Berliner mscr. germ. fol. 270 bl. IIb. Mel. bei J. Nauclerus
1615 bl. 99a. Dresdener hs. M 297, s. 147. Danziger hs. X. fol. 25, bl. 48a.
20. bl. 24a: Einiges lieb, getrewes hertz,
dir ist verborgen nicht mein schmertz (7 str.).
Weller, Annalen 1, 265 nr. 373: fl. blatt vom j. 1601 (Berlin Ye 1005). P. Fa-
bricius nr. 181. Niederdeutsche Volkslieder 1883 nr. 137.
21. bl. 25 a: Aus meinem gemüth ein newes liedtt
will ich singen von einem zartten jungkfrewlein (6 str.).
22. bl. 26b: Gedenckh, schönes lieb, wie schwer mir thutt ankhom-
men (7 str.).
Überschrift: Meines gnedigen fürsten vnd hem hertzogk J. C. liedt, von I. F. G.
selber gemacht.
23. bl. 27 b: Sage mir gut rath, zarth schönes jungkfrewlin (6 str.).
Namenlied: SOPHIA. — Auch bei P. Fabricius nr. 38. V. Haussmann 1594
nr. 17. J. Rudenius, Flores musicae 1600.
24. bl. 28 b: Betrubnuß vnd trawrigkeitt
mich plagett alle stundt (7 str.).
25. bl. 29b: Scheiden bringett mir schwere plag
von euch, schönes liebelein (7 str.).
26. bl. 31a: Erfrewen thutt mein junges bluett
hertz allerliebste mein (13 str.).
27. bl. 33b: Mir liebet auf dieser erden
ein frewlein hupsch vnd fein (5 str.)
28. bl. 34b: So scheide ich nun mit schmertz
von dir, mein einiges hertz (6 str.).
Überschrift: Ein ander liedt von meinem g. fursten vnd hem I. C. selbst com-
ponirt. — Ebenso begint nr. 1 eines 1603 zu Augsburg gedruckten fl. blat-
tes (Berlin Yd 7850, 37) und ein lied in Hainhofers lautenbüchern.
Von den hier und dort verstreuten reimsprüchen führe ich an:
bl. 9a: Lieben ohne lust, drincken ohne durst, essen ohne hunger:
lebestu lange, so nimbt mir es wunder.
bl. 27a: Gedenckh an mich, wie ich an dich; niht mher begher ich.
32 BOLTB
bl. 26 a: So mannig laüb auf bhömen stehet,
so mannig thier auf erden gehet,
so mannig blum ist auf dem feldt,
so mannig mensch lebet in der weldt,
so mannig tropfe ist im Rein,
so mannig stem am himmel sein:
so viell glückh, heil vndt frewdt
wünsche ich meinem liebsten zu aller zeit.
Zu solchen liebesgrüssen vgl. Uhland, Schriften 3, 261 fg. R M.
Meyer, Ztschr. f. deutsches altertum 29, 128 — 131. M. v. Waldberg,
Die deutsche renaissancelyrik (1888) s. 19 fg. 51. Weimarisches Jahr-
buch 2, 92. 113. 241, und auch einen im Wolfenbütteler mscr. nov.
637. 7 enthaltenen glückwunsch Joh. Phil. Ridels v. j. 1679:
So viel die Sommerszeith den Bauern bringet Rokhen,
So viel als Winterszeith hingegen Schnegen flokhen,
So viel am Firmament die schönen Sterne stehn.
So viel im Meer vndt Flussz der Fische annoch gehn,
So viel alß schwingen sich der Voglein in den Lüfften,
So viel alß nehren sich der Thierlein in den IQüfften:
So viel geb Ihm, mein Printz, der Höchste Glükh vndt Seegen,
An welchen alles ist alleine nuhr gelegen!
Im liederbuche des freiherrn Albrecht Ernst Friedrich von Crails-
heim (um 1748 zu Altdorf angelegt. Berliner mscr. germ. quart 722)
s. 386 Str. 3 und in einem fl. blatt des 18. jahrh. (Berlin Td 7909,
32, 1) heisst es:
Bis die wasser aufwärts rinnen
und all berge neigen sich,
bis kein feuer mehr thut biinnen,
so lang will ich lieben dich;
bis die mühlstein tragen reben
und darauf wächst süsser wein,
bis der todt mir nimt das leben,
so lang will ich dein eigen sein,
bl. 35b: Finis ein ende, des frewen sich meine hende.
in.
Das liederbuch der prinzessin Luise Charlotte Ton Brandenburg.
Auf der bibliothek der Petersburger akademie der Wissenschaften
liegt unter der Signatur XX. L. 5 quart ein liederbuch einer deutschen
fürstin. Es führt den titel:
Tabulatur Büchlein. Der Durchlauchtigsten , Hochgebornen Fürstin vnd Frew-
lein, Frewlein Loysae Charlotten, Marggrävin vnd Churfl. Frewlein zu Bran-
denburg, In Preufieu, zu Gülich, Cleve, Berge Heitzogin, Meiner gnedigsten
Fürstin vnd Frewlein. Im Jahr 1632. (Pergamentband in hoch 4°).
LIEDKRHANDSCjmiFTEN DES XVI. U. XVH. JHS. H. IH 33
Luise Charlotte, die ältere Schwester des grossen kurfürsten, war
1617 als die tochter des kurfürsten Georg Wilhelm von Brandenburg
geboren, vermählte sich 1645 zu Königsberg mit dem herzog Jakob
von Kurland (f 1681) und starb 1676^. Aus der zeit, welche sie am
hofe ihres bruders zu Königsberg verlebte, rühren die beziehungen her,
die den dichter Simon Dach mit ihr verbanden. In verschiedenen
gedichten^ besingt er sie; er feiert vor 1638 eine lustfahrt auf dem
Pregel, an der sie teilnahm, er wünscht 1645 zur Verlobung und zur
Vermählung widerholt glück, ebenso 1648 zur geburt ihres ersten Soh-
nes und richtet, als sie 1657 nach Königsberg gekommen war, vdderum
ein gedieht an sie. Heinrich Albert widmete ihr und der prinzessin
Hedwig Sophie 1642 die zweite aufläge des 1. teiles seiner Arien. Wenn
dies alles auch noch nicht notwendig auf ein lebhaftes Interesse der
fürstin an der dichtkunst hinweist, so gewint es um so mehr bedeu-
tung in Verbindung mit dem Inhalte des 1632 für sie angelegten und
in der folgezeit weiter fortgeführten liederbuches.
Dasselbe enthält zuerst einige stücke in deutscher lautentabulatur
ohne text (Bargomasco, Sarpande Gautiers, Psalm 39 und 134. „Wie
soll mir dan geschehen, wann ich dich meiden soll"), dann aber 40
lieder mit ihren weisen in mensuralnoten und einer einstimmigen
begleitung (viola di gamba). Da es von wert ist zu erfahren, welche
lieder damals in der vornehmen geselschaft eingang gefunden hatten,
so wird man die mitteilung eines Inhaltsverzeichnisses nicht für überflüs-
sig halten, zumal auf das Verhältnis der komponisten des 17. Jahrhun-
derts zu den werken der gleichzeitigen dichter, wie Opitz, Fleming,
Weise, bisher kaum geachtet worden ist. Von Dach rühren 2 num-
mern (7 und 14) her, beide von seinem freunde Heinrich Albert in
rausik gesezt und vielleicht noch vor dem erscheinen seiner Arien
(1638) aufgenommen; aus Opitz' dichtungen entlehnt sind 4 texte (8.
26. 27. 32). Die melodien sind, wie es scheint, aus den werken von
Joh. Hermann Schein (Musica boscarescia 1. 1621), Caspar Kittel (Arien
und cantaten. Dresden 1638. 30 lieder, darunter 16 von Opitz), An-
dreas Hammerschmied (Weltliche öden oder liebesgesänge 1 — 3. 1642
— 1649) und andern, deren nachweisung weiterer forsch ung überlassen
bleibt, entnommen; viermal, bei nr. 9. 15. 22 und 30, ist der kompo-
nist durch die anfangsbuchstaben W: R: oder Wal: Ro: bezeichnet.
1) K. W. Gruse, Curland unter den herzögen 1, 148. 183 (1833).
2) In der bibliographie , welche Oesterley seiner grossen Dachausgabe (1876)
angehängt hat, sind es die nr. 16. 57. 75. 239. 417. 534. 1131.— Ihre hochzeit ver-
herlicht auch J. C. Finx, Preuscher ehrenpreis (Königsberg 1G45) bl. Fla.
zvrrscimiFT p. drutschr phtlologte. bd. xxv. 3
34 BOLTK
Unzweifelhaft haben wir darin den „berühmten musicanten ** Walter
Rowe aus England widerzuerkennen, von dem H. Albert 1645 in der
Widmung zum 6. teil seiner Arien ^ spricht Nur ist es nicht ganz
klar, ob wir darunter den älteren musiker dieses namens, welcher am
24. juni 1614 zu Colin a. Spree seine bestallung vom kurfürsten zu
Brandenburg erhielt und 1626 sich als violist am mecklenburgischen
hofe zu Güstrow hören liess, zu verstehen haben oder seinen gleich-
namigen söhn, welcher 1638 mitglied der kurfürstlichen kapeile wurde.
Die grössere Wahrscheinlichkeit spricht wol für den älteren Rowe, und
dieser wird auch der lehrer der prinzessin und der Schreiber ihrer lie-
dersamlung gewesen sein. Eigentliche Volkslieder enthält die leztere
gar nicht, wol aber drei französische (15 — 17) und zwei englische (3.
13) lieder. Das erscheinen der lezteren ist bei der englischen abstam-
mung Rowes und dem starken einfluss der englischen instrumentisten
und komödianten leicht begreiflich.
1. Was ich itzundt anfang zu tichten (12 str.).
2. Wan ich thu ansehn meinen schmertzen (5 str.).
3. Delightles why sitzt thou soe, fa la la,
those foulded armes are signes of woe? Fa la la (4 str.).
Dahinter folgt ein deutscher text zu derselben melodie:
Kom, 0 schöne, kommö baldt, fa la.
die vöglein singen in dem wald: fa la (12 str.).
4. Frau nachtigall mit süssem schal (3 str.).
Aus JH. Schein, Musica boscai'escia 1, nr. 2 (1621).
5. Sich da, mein lieber Coridon (3 str.).
Schein a. a. o. 1, nr. 4.
6. Ihr deutschen gutt, wo ist der muth (4 str.).
7. Edler pregel, dessen fluss (5 str.).
Gedichtet von S. Dach s. 574 ed. Oesterley. Komponiert von H. Albert,
Arien 1, 21.
8. Jetzund kömpt die nacht herbey (9 str.).
Opitz, Teutsche Poemata 1624 s. 92 (über spätere nachahmungen vgl. das yor-
trefliche buch von M. v. "Waldberg, Die deutsche renaissance-lyrik 1888
1) In Fischers neudruck (1883) s. 181. — Über die Rowes vgl. L. Schneider,
Geschichte der oper in Berlin (1852) beilage: Geschichte der kuifürstlichen kapelle
s. 27 fg. 33. 40 fg. 44. Chrysander, NiedeiTheinische musikzeitung 1855 nr. 45 s. 355.
Danach C. v. Ledebur, Tonkünstlerlexicon Berlins (1861) s. 480. — Ein W. Rowe
starb im april 1671 zu Berlin. Kompositionen der Rowes ausser den in unsrer hand-
schrift vorliegenden haben sich nicht erhalten. Ein der Berliner bibliothek gehörendes
oxemplar von G. Yoigtländers Oden und liedem (Lübeck 1650) trägt auf einem vor-
e die inschrift: „E grege "Waltheri Rfowe]**.
LIEDERHAND8CHRIPTBN DES XVI. U. XVn. JHS. II. IH 35
s. 218 fg.). Komponiert^ von C. Kittel, Arien (1638) nr. 11 ,,8opra Taria
di Ruggiero*.
9. Ach gott, warumb muß ich so lamentiren (10 str.).
Melodey W. R[owe].
10. Ach liebste, laß uns eilen (3 str.)
Opitz 1624 s. 100 ,,im thon: Ma belle je vous prie". — Komponiert von Kit-
tel (1638) nr.9 und A. Hammerschmied, Weltliche odeu 1, 3 (1642).
11. 0 wie bist du, arge weit (16 str.).
12. Es ist warlich betrübte zeit (2 str.).
13. Though you are yongue and I am ould (3 str.).
14. Hie habt ir, jr Jungfrauen (4 str.).
Text von S. Dach s. 422 ed. Oesterley. Melodie von H. Albert, Arien 1, 7.
15. N'obtiendra je rien mon amour fidele (8 str.).
Melodie von W[alter] R[owe].
16. Sejour digne d'un roy, qu'adore Tunivers (2 str.).
17. Jamals vne si belle flame n'entra dans le coeur, d'un amant
(4 Str.).
19. Melancholey ist mein beste plaisir (10 str.).
20. Vergangne freudt, wo bistu hin (8 str.).
21. Vor traurigkeit vnd schmertzen (12 str.).
22. Wie gantz erbärmlich ist doch diese zeit (6 str.).
Melodie von W. R[owe].
23. Nimpfhen, was gedenckt ihr das (12 str.).
24. Amor, du falsche list (6 str.).
25. Lerne dich wohl kennen zuvor (8 str.).
26. Tugend ist der beste freundt (4 str.).
Opitz 1625 8. 204. Komponiert von J. We i c h m a n n , Sorgen - lägerin (Königs-
berg 1648) 1, nr. 9 und Hammerschmied 3, 23 (1649).
27. Was wirffstu, schnöder neid (6 str.).
Opitz 1624 8. 88.
28. Diana (Astrea) schon ihr Geladen
liebt sie mit grosser passion (6 str.).
29. Gleich wie das feur, wen mans nicht loscht (4 str.).
30. Adieu all trauren und klagen (6 str.).
Melodey Wal: Ro[we].
31. Gott ist mein heil, gluck, hulff vnd trost (4 str.).
Angeblich von der dänischen königin Sophia (1498 — 1568) gedichtet. Wacker-
nagel, Kirchenlied 4 nr. 1018. Vgl. 5, nr. 261.
1) Die von Waldberg s. 46 erwähnten kompositionen von Joh. Erasmus Kin-
dermann zn 13 liedem von Opitz (Opitzianischer Orpheus, das ist musikalische
eigetzlichkeit, erster teil. Nürnberg 1642) habe ich nicht einsehen können.
3*
36 BOLTE, LIEDERHANBSCHBIFTKN DES XVT. TJ. XVH. JHS. H. HI
32. 0 du gott der süssen schmertzen (7 str.).
Opitz 1624 s. 56 nach T). Heinsius. ^Auff die Courante: Si c'est pour mon
pucelage''. — Komponiert von Kittel 1638 nr. 20 und von C. C. Dedekind,
Aelbianische musenlust (Dresden 1657) bl. Blb. — Eine parodie bei Hom-
burg, Schimpif- und erasthaffte Clio 1642 bl. G8b. Die melodie „Si c'est
poui* mon pucelage'', welche auch J. Plavius, Hochzeitsgedichte (1630) s. 17
anfühi-t, findet man z. b. bei G. L. Fuhrmann, Testudo gallo -germanica,
Noribergae 1615 s. 38.
33. Alles leidt wendt sich zu mir (4 str.).
34. Kurtz ist die zeit, kurtz sind die jähr (6 str.).
35. Man sagt, das treuw sey s^ber mer geflogen (5 str.).
36. Die pein, so in meim hertzen (10 str.).
37. In lieb vnd leidt jch stehe jm streitt (5 str.).
38. Hier muß ich mich doch verwundem (4 str.).
39. Wer da will frisch und gesundt
was lang auf erden leben (10 str.).
G. Voigtländer, Oden und lieder (1642) nr. 57.
40. Das glücke braucht mich wie ein ball (15 str.).
A. Hammerschmied 2, 5 (1643) Dresdener hs. M297, s. 196. — Eine nach-
ahmung bei J. Sieber, Poetisierende Jugend (1658) s. 358: „Ich bin deß
glückes ball, es wirfft mich auff und nieder'', eine andre bei Schoch, Poe-
tischer lust- und blumengarten (1660) s. 193 nr. 93: „Das glück braucht
mich doch nur zur lust und wii-flPt mich nach belieben".
BERI.IN. JOHANNES BOLTE.
UNGEDEUCKTE BETEFE HEEDEES UND SEINEE GATTIN
AN GLEIM.1
29. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 18. Mai 1795.
Wir wollten Ihnen, Herzensfreund, den Dank für die Fabeln*,
die wir sogleich zum Nachtisch gelesen und uns an Ihrem menschen-
freundlichen Gemüth erfreut haben, nicht so lange schuldig bleiben —
nun endlich bringt ihn mein Mann hiebei, und ich lege ihn auf den
Altar der treuen schönsten Freundschaft auf Erden ! ^ Nur seit 4 Tagen
haben wir die Exempl. und Sie erhalten es sogleich mit dem ersten
Postwagen. 0 mögen Sie unsrer liebend dabei gedenken. — Von den
Briefen der Humanität hat mein Mann noch keinen Probebogen gese-
hen! Ohnerachtet das Manuscript seit 4 Monath fort ist. — Sobald
1) Fortsetzung zu bd. XXTV, 368 dieser Zeitschrift.
2) Das erste bändchen sendete Gleim am 20. juli 1794. Vgl. die anmerkung zu
nr. 28. 3) Herders Terpsichore.
PA WAL, BBIEFE HBRDKHS AN QLEIM 37
Sie kommen, sollen Sie zu Ihnen i. Lesen Sie indess im 3. Stück der
Hören das eigne Schicksal, es ist von ihm^. — Wielands Freude
muss ich Ihnen doch melden. Seine 4^ Tochter Lottchen, ein artiges,
gar gutes liebes Mädchen heurathet den Buchhändler Gesner aus Zürch,
ein Sohn des Dichters^. —
Vgl. hiezu Gleims antwortschreiben vom 24. mal, im besondem aber folgenden
noch imgedruckten brief Gleims.
Halberstadt d. 2*~ Juny 1795.
Ich komme von den Spiegelbergen Herzensbruder! Unter Nach-
tigallgesängen sang Terpsichore. Vortreflicher Gesang! Herder, ihr
Liebling, spielte die Leyer! 0 Herder! Herder!
Wer mag nach Dir die Leyer spielen?
Ich nicht, ich hange sie für immer an die Wand!
Und schwömm' ich, überschwemmt, in lyrischen Gefühlen,
Ich nähme, nähme sie nicht wieder in die Hand!
Du spielst sie wie der alte Spieler,
Dem Felsen tanzten, der den Höllenhund bezwang!
Ich, einst Anakreons, und des Tyrtäus Schüler,
Ein Schüler lausch' ich dir! Vortreflicher Gesang!
Ich sass allein, wo wir einst beysammen sassen, und lass in
den neuesten Briefen zur Beförderung der Humanität: „Der königliche
Jüngling hätte einen Anti-Prencipe schreiben sollen!^ Der königl.
Jüngling nicht, der königliche Mann schrieb einen in seinen Schriften,
hin und wieder, in seiner Epistel an seinen Geist, seinen Codicill usw.
Lassen Sie von Einem Ihrer Herder die Stellen zusammenschreiben,
so haben wir einen Anti-Prencipe. Herrlich ist alles in diesen Brie-
fen! 0 wie werden, wie müssen sie würken. Ach! war' ich ein
Jüngling wie wollt' ich mich würken lassen! „Wenn ich das Schwerste
und Grosseste gethan hätte, habe ich nichts gethan! ich weiss nicht,
dass ichs gethan habe, dem Ziele aber fühl' ich mich näher, ein Ret-
ter, ein Erhöher der Menschheit in mir und andern zu werden, aus
innerer Lust und Neigung**. 0 Herder! Herder! Du bist ein Erhöher
der Menschheit! 0 dass die Götter dir Gesundheit gäben und langes
Leben. Gebt, o ihr Götter! ihm und mir
Das längste Leben! Ihm, dass er
1) Die Sendung erfolgte schon am 2. pfingsttag.
2) ^Ich erkannte bey der dritten Zeile meinen Mann** schreibt Gleim am 24. mai,
^wer ihn nicht sogleich erkennet, ist blind! An jeder Zeile hängt das Wappen sei-
nes Geistes und Herzens!'^
3) „Sie wären herrliche Menschen'^, antwortet Gleim im angef. br.
38 PAWBL
Uns gebe, was ihr Götter ihm
Vertrautet, mir, dass ich, was er
Uns geben wird, noch alles les'.
Und alles lesen höre! Gebt
Ihm die Gesundheit, die der Mann,
Der für den Magen leben will,
Erfleht von euch, und nicht erhält!
Die gebt, ihr guten Götter! ihm!
Und hättet ihr derselben nicht.
So bitt' ich, 0 ihr Götter! nehmt
Dieselben mir, und gebt sie ihm!
Was mir an Leibnitz nicht gefällt? Er wollte deutsche Rath-
schläge schreiben, und schrieb sie nicht, weil etc. An dieses: weil
muss sich kein Leibnitz kehren. Worte werden nicht in den Wind
verhaucht, sie kommen durch den, der sie eingiebt an Ort und Stelle!
Wer weiss, hätt' er sie geschrieben, ob wir die jetzige Gräuel erlebt
hätten. Hier sind Nesseln! Sie stechen oder brennen nicht scharf
genug, ich weiss es, aber ich Angeschmiedeter, wie kann ich's besser
machen? Ach dass Ihr bey mir auf dem Spiegelberge gesessen hättet!
Es war eine Lust wie Himmelslust, ein Himmel, so dunkelblau schön,
wie die Engel nur ihn sehn, und die Nachtigallen sangen wie Herder.
Ich umarme euch herzlich
Gleim.
Lest doch ja die Gedichte der Fräulein von Schlieben. Ich kannte
sie längst aus einer Epistel in kleinen Versen, die ich in der Sanmx-
lung noch nicht gefanden habe.
Göthens Gedicht: Kennst du das Land usw. im 2. Theilo v. Mei-
sters Lehrjahren möcht' ich singen hören von ihm selbst, es ist vor-
treflich!
30. Herder an Gleim^.
Hier, bester Gleim, sind die Briefe 2. Diese 2 Theile enthalten
mehr, als die vorigen 4 enthielten. Gott gebe ihnen Glück und Ein-
gang; Er ist der Menschlichkeit und der Menschheit Vater. Herzlichen
Dank für Ihre Kriegsüeder. Gewiss haben wir Sie nicht für einen
Kriegsrath, sondern für einen Friedensfreund gehalten. 0 könnten Sie
nur bald auch der Herold dieser schönen Göttinn Irene werden. Aber,
1) Gleim empfieng den brief am 3. juni 1795.
2) Vgl. nr. 29.
BBIBFS HJEBDSBS AN GLBQI 39
aber! — Der Himmel jage alle dunkeln Wolken vom Horizont unsres
armen Europa und Deutschlands. —
Vale. 2 t Pfingstag [1795] in Eile
Herder.
31. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 3. Juny 1795.
ganz bei Ihnen!^ Ihr Wunsch, die Stücke in Bälde angezeigt zu
haben, soll erfüllt werden, sobald er sich findet. Das Buch hat sich
seit einiger Zeit verlohren. Vielleicht kann ich noch einiges diesem
Brief beifügen. Hier ist einstweilen ein vollständiges Exempl. der zer-
streuten Blätter. Die andern 2 erhalten Sie durch Ettinger aus Gotha.
Der hiesige Buchladen ist auch so schlecht, dass man nichts vorfindet.
So werden Sie aus Leipzig 2 vollständige Exempl. der Briefe über die
Humanität erhalten, durch den Buchhändler Kummer. Dann folgt noch
hiebei die verlangte 3. und 4. Sammlung auf Velin Papier. Sodann
ein Exempl. der Terpsichore für den wackern Karsten zum Andenken
von meinem Mann. In Ihrer Nähe werde der Jüngling an Geist und
Herz Ihnen ganz ähnlich. Die 5. u. 6. Samml. der Humanit Briefe
werden Sie nun auch erhalten haben. —
32. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 7. Dec. 1795.
Uns so ganz und gar zu vergessen! ^ Ist das recht? ist das
christlich und freundschaftlich? Haben Sie uns kein Wörtchen mehr
zu sagen — keine Ihrer Morgengedanken uns mitzutheUen? Liebster
Freund! Ich habe diese Nacht so viel von Ihnen geträumt, dass ich
diesen Morgen sogleich au Sie schreiben muss. — Werden Sie nicht
auch gerne hören, dass mein Mann fleissig ist?^ Senden Sie ihm Ihre
guten heitern Wünsche! Angefangen hat er nun, er muss aber sehr
fleissig seyn, wenn er fertig werden wUl. (Eine frohe Aussicht auf
künftiges Jahr haben wir: Sie wiederzusehen! Wann und wo, das
sollen Sie noch erfahren. Wenn die Bäume Knospen und Blüthen trei-
ben, 0 dann ist es so schön, die Freunde zu sehn! Oder wenn die
Barschen sich röthen, sanfte Gottesluft uns umwehet! Frau von Berg
ist im Octob. einige Wochen hier gewesen, mit ihrer Tochter, einem
recht lieben verständigen Wesen. — Im 10. Stück der Hören ist Ho-
mer und Ossian von meinem Mann; im Uten das Fest der Gra-
zien, im 12ten Iduna oder der Apfel der Verjüngung. —
1) D. 8. 193 zeile 10 von oben.
2) Gleim schrieb das leztemal am 4. September. Vgl. dazu Gleims antwort-
brief vom 13. december.
3) Herder arbeitete am 3. teil der Terpsichore.
40 PAWEL
33. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 12. Merz 1796.
Liebster Herzensbruder und Freund, So eben kommt Ihr lieber
Briefe und ich soll mit der rückkehrenden Post bestimmen, wann uns
die glücklichen Tage zu Theil werden sollen bei und neben Ihnen zu
sitzen! Ach liebster Freund, der 2. april hätte Lockendes genug für
uns, ein Einzigesmal das Fest mit Ihnen zu feyern; aber die leidige
Unmöglichkeit hält uns ab nichts anderes in der "Welt. — Nach
allem Berechnen und Ausrechnen seiner Amtsgeschäfte kann mein Mann
vor Ende July nicht aus Weimar 2. —
34. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 7. April 1796.
Verzeihen Sie, allerbester Freund, dass ich Gottfrieds lateinisches
Werk 3 und seinen Brief einige Tage aufbehalten habe es Ihnen zu sen-
den — es sollte die Terpsichore zugleich mitkommen, die wir nur eben
erhalten haben ^. Möge dieser Theil Ihnen doch auch so gefallen, wie
die ersten. Ich empfehle Ihnen und den zwei Lieben, die Maria,
die meine Schutzpatroninn geworden ist, und die gewiss auch die
Ihrige ist. Ihr, wollen wir irgend eine Laube ein heiliges Plätzchen
weihen und im August miteinander dahin wallfalirten, die Herzens-
schwester und Luise werden schon für die Lilien und Rosen sorgen
die wir ihr streuen wollen. Leben werden Sie, und nicht sterben, Sie,
unser Treuester! Das junge, rothe, warme Blut, gegen unser kaltes,
frostiges verbürgt es nicht, dass sie eher auf unsre Gräber Rosen pflan-
zen werden als wir auf das Ihrige? Nein, Theuerster, Sie sterben
nicht und sterben nie! Ende Juli oder Anlang August wollen wir
uns bei Ihnen verjüngen^ wie bei einem Lebensquell. Aus Friedrich
Richter wollen wir das Gold heraussuchen und froh und glücklich
seyn^. Ganz recht hat die Schwester, sagte mein Mann, dass sie ihn
1) Vom 16. märz.
2) Siehe Gleims antwort vom 26. märz.
3) Seine dissertation, auf grund welcher er am 19. märz d. j. zu Jena pro-
movierte.
4) Der dritte teil. Vgl. Gleims antwortschi-eiben vom 13. april.
5) Herder traf auch am 17. august in Eislebon mit Gleim zusammen. Vgl.
hierzu die folgenden briefe vom 29. juli, 5. und 8. august. Über den besuch selbst
den brief von Herders Gattin an Gleim, Weimar, den 25. august.
6) Als antwort auf Gleims äusserung vom 16. märz: „Mit allen seinen Sonnen
und Sonnenflecken ist er ein guter, heiTÜcher Genius, ein Regenbogen, ein Donner-
wetter, ein Veilchen, eine Rose? was ist er nicht alles? auch ein Dornstrauch ist
er**. Vgl. auch das urteil von Gleims nichto Dorothea in Gleims brief an Herders
gattin vom 26. märz. Gleim selbst äussei-t seine meinung über Jean Paul in seinem
BBIEFE HBRDEBS AN GLEIM 41
den desperaten^ nennt. Allerlei Namen hat er! an Gemüth ein
Kind, an Geist ein Mann; dies sanft zu verbinden, ist die grosse
Kunst — dies hoffe ich, soll ihm noch gelingen. —
(Nachschrift von Herders hand.)
Hier kommt Terpsichore zuerst 2, liebster Gleim, statt meiner.
Nehmen Sie sie froh und freundlich in Ihre Hütte auf. Sie ist zwar
nur ein Echo der vorigen Theile; aber alles in ihr war nöthig. — Die
Br. über die Humanität (die ich mir so sauer werden lasse) werden
zu ihrer Zeit folgen ^. — Dann auch der 2 Th. der zstr. Bl. neue Ausg.
Und weil Sie doch die Theologie vor Allem haben, ein altchristliches,
ächtkatholisches, theologisches opus^. — Richter, den die Schwester
Gleims mit Recht einen desperaten Menschen nent, hats meiner Frau
an-e-than^ (man muss das "Wort niedersächsisch aussprechen) und es
scheint Eurem Kreise auch ziemlich. Gestern ist mir im Fixl die Ma-
gie der Phantasie vorgetragen worden, wo dann einige Recepte des
An-e-thans merkbar sind. Es ist eine schöne und reiche Abhand-
lung, sonst kenne ich ihn noch wenig; weil mir die Zeit fehlt, mich
in diesen süssen Abgrund zu werfen. Lebt wohl, ihr Lieben! — Meine
(einem noch ungedruckton briefe an die frau von Klenk, geborene Karschin bei-
gegebenen) gedieh te vom 22. januar 1800:
Unser Jean Paul ist ein grosser Geist,
Aber seine TVitzeskraft reisst
Oft ihn aus den Schranken
Wahrer menschlicher Gedanken
In*s Gebiet der falschen, und in dem
Zu verweilen ist ihm angenehm!
Waer' er immer ihrer maechtig,
Wenn sie lieblich oder praechtig
Wie der Aar in hohen Lüften kieisst.
Dann waer' er der groessto Geist!
Und in dem noch ungedruckten brief an dieselbe vom 17. juli 1800 schreibt er über
ihn: „Ich lieb' ihn auch, halt ihn, wie meinen Friederich den zweyten für einen Ein-
zigen, wünsche mit ihm zu leben, wie Sie's nur immer wünschen mögen".
1) „Dieser Richter", schreibt Gleim an Herders gattin am 26. märz, „sagte
beim vorlesen seines Hesperus gestern die Nichte Dorothea Gleim, ist ein furchtbarer
Mensch. Heute sagte sie, dass er ein Desperater sey, und meinte sehr was Hohes".
2) Vgl. dazu Gleims urteil in seinem antwortbrief vom 13. april.
3) Schon am 16. mai sendet sie Herders gattin an Gleim: „Erst vorgestern
sind die Briefe der Humanität angekommen, und sogleich müssen Sie sie haben".
4) Herders Erlöser.
5) Gleim schreibt hierauf am 13. april: „Ja wohl hats Jean Paul Friedrich
Richter uns ane-dahn, nicht ano-tan. Wir leben und weben in ihm. Kein Haus,
in dem man ,He hätt et uns anedahn!" nicht sagt".
42 PAWEL
Terps. reicht härtere Kost Ich wünsche guten Appetit und Prosit die
Mahlzeit Vale !
35. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 30. Mai 1796.
Veränderlich sind die Gedanken der Menschen und die Dinge die
sie bewegen! Da ich eben heute an Sie, Herzensfreund, schreiben und
unsre Ankunft in Mitte des Juny bei Ihnen melden wollte, kommt der
Brief der uns sagt dass Vossens, die wir seit Pfingsten bei Ihnen dach-
ten, erst den 2. Juny zu Ihnen kommen werden i. | Dörfen wir Sie nun
bitten, Theuerster, uns zu melden, wie lange Vossens bei Ihnen blei-
ben werden? und ob Sie von der letzten Woche im Juny bis zum
20. July frei von Geschäften, frei vom Capitel und von Fremden seyn
werden? Ob sich in diesem Zeitraum 10 — 24 Tage in Ihrem Hütt-
chen für uns finden werden um der theuersten Freundschaft, dem
Wohlwollen und der Liebe ungestört zu leben. Aber ganz auMch-
tig. — Im Fall einer Hinderniss richten wirs alsdann so ein, dass wir
den 25. July von hier abreisen, d. 26. bei Ihnen eintreffen, und bis
zum 7. August bei Ihnen bleiben, wenn Sie so lange uns behalten
mögen? —
(Nachschrift von Herders band.)
Weimar d. 18. July 1796.
Was meine Frau schreibt, lieber bester Gl. ist alles reine Wahr-
heit, die Sie selbst einsehen. Wir sind in üble Zeiten gefallen, imd
mit unsern Kindern in theure Zeiten. Könnten wir uns in Eisleben auf
einige Zeit sehen, so wäre es ein Mittelweg; aber es muss Sie nicht
beschweren. Schreiben Sie frei, wie es Ihnen ums Gemüth ist — Wo
nicht, und Gott uns leben lässt, so kommen wir künftiges Jahr zu
Ihnen. Können wir uns aber in Eisleben ohne Ihre Beschwerde sehen,
wohlan. Job. Paul wird Sie sehr freuen. Von meinen Hum. Br. 7. 8.
haben Sie mir ja noch kein Wort gesagt 2. — Leben Sie wohl, bester,
mit Besuchen ermüdeter. —
1) Über Vossens besuch vgl. den brief an Gleim vom 27. juni 1716 (Briefe
von J. fl. Voss herausg. v. Abr. Voss. Leipzig, 1840. 2. bd. s. 319). Dazu Gleims
nachruf: ,,Euch Götter ruf ich an, die er im Herzen trug,
Wenn er an Leier oder Pflug
Die Hand anlegte, schüzt auf seiner weiten Keise
Den Mann, den edlen Mann, den Mann, der eure Weise
Zu singen aus Jonia,
Aus Andes, aus Siciüa
Verpflanzte**.
2) In dem nicht abgesendeten noch ungedruckten antwortschreiben vom 20. juli
äussert er: -Also hätV ich meinem Herder über seine beyden letzten Sammlungen s.
BBIEFE HEBPKR8 AN OLFOH 43
36. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 29. July 1796.
Wir erhalten so eben Ihren Brief vom 24. liebster Freund. Den
friedlichen Nachrichten des H. Ob. C. V. Sack können wir nicht trauen.
TJnsre neuesten Nachrichten von gestern und heute lauten ganz änderst.
Nemlich die Franzosen wollen wirklich in Chursachsen einfallen. —
Liebster Freund, reisen können wir in diesen Tagen auf keinen Fall;
das sehen Sie selbst. Wir wollen nur ein 14 Tage noch abwarten —
da muss es sich doch zu etwas entschieden haben. Und wenn wir
uns erst Ende August in Eisleben sehn, so ists ja immer noch
schön. Mein Mann kann seines Amts wegen nicht weg — und
unser Hauss können wir nicht Preiss geben, wenn sie in unsrer Ab-
wesenheit kommen sollten. Melden Sie uns nur vorläufig, welche
Tage im August Capitultage seyn könnten; damit wir nicht dergleichen
wählen. —
37. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 1. August 1796.
Hier schicke ich Ihnen unsern Erlöser, liebster Freund! Wemi
es nun schon ein theologisches Buch ist, so erlasse ich Ihnen das
Lesen nicht Wenn Sie Nachts nicht schlafen können so nehmen Sie
es in die Hand; es muss in einer stillen Stunde gelesen werden. —
Briefe zur Beförderong der Humanität noch nichts gesagt? Kann seyn, kann seyn!
Es wäre kein "Wunder; beym ersten Lesen erstaunt' ich, beym zweyton lernt' ich,
beym dritten bemerkt' ich das Schönste, das Beste. Zwischen den dreyen Lesungen
waren der Zerstreuungen namentlich viele; schrieb ich meinem Herder, so wärs eine
flüchtige Schreiberey. Sollt ich etwas nur, wehrt von ihm gelesen zu werden, ihm
sagen, so müsst ich Zeit haben aufzuschreiben, und auszustreichen; wie Er ins Reine
gleich, kann ich nicht schreiben — Herder ist unser grösster Mann , er hat Lessingen
und Winckelmann uns ersetzt, sag' ich den Freunden, die, dass man seine Meinun-
gen ihnen sage. Freunde genug sind; sagt ichs meinem Herder, so war es etwas
Überflüssiges! Er ist ein erstaunlicher Mann! — Mit allem, was ich lass, war ich
in höchstem Grade zufrieden, nur nicht mit seinem Schimpfen und Schelten auf die
Deutschen und ihre Fürsten. Bittrer Spott ist's eigentlich, und bittrer Spott erbittert,
bessert nicht — darüber aber möcht' ich meinem Heixler nichts sagen, weil ich, die
Stellen auszuschreiben, ins Einzelne zu gehen die Zeit nicht habe; der schlimmsten
Eine war, wo er des Stranges erwähnt, was in zweyen Stellen geschieht, diese Stellen
hat die Muse Carolina zuverlässig nicht gelesen, sie wäi'on gewiss sonst ausgestrichen;
wo sonst alles durchaus vollkommen ist, da wird mau durch einen Sommersprossen,
durch einen einzigen beleidigt! — Heut, Theurer! hoff ich Briefe von Euch zu erhal-
ten! und den bestinmiten Tag zum Abreisen zu erfahren! Sehn müssen wir uns, und
wären auch, wies gestern hiess, die Fi-anzosen, auf dem Wege nach Leipzig bei
Euch, 80 müssen wir doch in diesem Jahre noch uns sehn, ich kann sonst nicht
rahig sterben. Ihr Gleim.
44 FAW£L
38. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 5. Aug. 1796.
Wir erhalten so eben Ihren Brief vom 31. July liebster Freund ^
Die Franzosen . . finden^. Künftigen Montag kann ich Ihnen über
die Gewissheit der Neutralität schreiben und wenn alles gut steht, so
könnten wir den 14 oder löten in Eisleben seyn; richten Sie sich
vorläufig ein wenig darauf ein 3. Eben ... herbei schaffen^. Rich-
ters Portrait sollen Sie mit der Zeit schon bekommen^, ich will mich
darum bemühen. —
39. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 8. Aug. 96.
Liebster Freund, man sagt sich für gewiss ins ohr dass Sachsen
einen Separatfrieden geschlossen habe. Wir haben nun nichts mehr zu
fürchten und wünschen dass Ihnen der 17. August (der fallt auf
einen Mittwoch) zum Rendcz vous in Eisleben angenehm seyn möge.
An diesem Tage reisen wir von hier früh aus und gedenken Abends
8 Uhr in Eisleben zu seyn^. —
40. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 2. Sept 96.
Unendlich haben Sie uns erfreut durch die Nachricht Ihrer glück-
lichen Heimkunft^. — Mein Mann wollte Ihnen heute über Hederich^
sogleich schreiben, aber an diesem mit Arbeit von 7 Uhr an besetzten
Tage, werden Sie ihm verzeihen wenn ich schreibe. Hederich ist ein
1) Zu diesGDi brief vgl. Gleims leben von Körte s. 86.
2) D. s. 211 zeile 12 von oben.
3) Herder und Herders gattin waren am abend dos 17. im gasthof zum gol-
denen löwen in Eisleben mit Gleim zusammengetroffen.
4) D. Zeile 1 von unten.
5) Gleim verlangte es für seinen Freundscliafts-tempel. Herders gattin schreibt
deswegen an Jean Paul selbst, Weimar, juni, 1797: „Unser Gleim liebt und Hest sie
mit allem Feuer der Jugend und Theilnehmung. ' Ich soll ihm ein Bild, ein Gemähide
nähmlich, von Ihnen verschaffen".
6) Vgl. die anmerkung im vorhergehenden briefe.
7) „Wie war's im goldenen Löwon mir so woW schreibt Gleim am 17. Sep-
tember an Herder. „So wie wir im goldenen Löwen waren, wären wir auf Erden im
Himmel, so müssen wir immer nicht beysammon seyn! 0 wie waren wir die zwey
Tage so glücklich!" In vollem gefühle seiner Einsamkeit schreibt er:
In dieser Lumpenwelt soll ich noch lange weilen?
In dieser Lumpenwelt, in welcher Wölfe heulen,
Und Schlangen zischen, soll
Ich, zwischen Fröschen, Raben, Eulen
Noch singen? Gnädiger Apoll,
Triff mich mit deinen schärfsten Pfeilen,
In dieser Lumpenwelt ist — ist mir nicht mehr wohl!
8) Vgl. die folgenden briefe.
BRIEFE HERDERS AN GLKTM 45
ausgezeichneter genievoller Mensch; er hat möglich viel gelernt, ist zu
seinem Schaden die Kantische Philosophie durchgegangen und nahm
hernach zur Medecin seine Zuflucht um wieder menschlich zu werden.
Er verdient Ihre Liebe und Empfehlung. —
41. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 18. Nov 1796.
Es scheint mir ein Jahrhundert dass ich Ihnen nicht geschrieben
habe^ — Damit ich nicht leer vor Ihnen erscheine, sende ich Ihnen
als einen Beitrag, die 3 ersten Bogen des 6. Th. der Zerstreut. Blät-
ter 2. Zwar ist darinnen nur von dem ehelichen Glück die Rede —
ist es aber nicht schön, nicht aufmunternd, dass die Muse diesem
Glück auch einmal ihre Töne weihet! Ein ganz glückliches Ehepaar
wird nicht leicht Krieg mit seinem Nachbar anfangen. — Kurz, lieb-
ster Freund, ich finde die Dichterin Faustina so schön, und glaube
sogar dass sie etwas deutsches Blut in den Adern hatte. Wenn Sie
jetzt nicht Zeit haben hineinzublicken, so muss die liebe Luise daraus
vorlesen beim CafF6e und den stillen Abendstunden. Ich schicke Ihnen
diese Gedichte gegen den Willen meines Mannes, er sagte, einem Dich-
ter solle man keine Gedichte schicken, sie steckten alle in ihm selbst —
er bedörfe keiner fremden. Wenn das so ist, so bitte ich Sie, sie als
Prosa zu lesen. Ich habe diesmal meinem Willen gefolgt — (Wie
gewöhnlich. Das was mir gefällt, ist das Symbol der Frauen. (Zusatz
von Herders band) ich dachte, was mir gefällt, gefällt Ihnen gewiss auch
— und diesmal behielt mein Mann unrecht. —
(Nachschrift von Herders band.)
Gefalle Ihnen die Faustina 3. Und sei das Capitel glücklich abge-
laufen. Schreiben Sie ja bald^. Ich bin zerknickt und ausgemergelt.
Lebt alle wohl, ihr lieben. Euer treuer H.
42. Herders gattin an Gleim. Weimar am 2. Feiertag
d. 26. Dec. 1796.
Ich will den Feiertag mit Ihnen feiera. ewigtheurer Freund! —
Zuerst .. durchwehte Die nächstfolgenden Stücke^ sollen Sie nach
und nach haben. Mir dünkt es sei angenehmer die Stücke einzeln zu
1) Der lezte brief war vom 7. Oktober.
2) Herder begann mit der samlung erst am 24. august.
3) Das erste buch der gedichte und reime des 6. teiles der zorsti*euten blätter.
4) Gleim antwortet am 10. dec. (D. I s. 218).
5) D. s. 220 zeile 14 von oben.
6) Der zerstreuten blätter.
46 PAWEL
lesen. Die liebe Luise ist so gut und nimmt diese einzelnen Bogen
in Verwahrung bis das ganze beisammen ist und wird alsdann die
Besitzerin davon. Sie erhalten Ihr eigenthümliches auf andenu Papier
wie von Rechtswegen. Das erste Buch soll Ihr dedicirt seyn. —
(Nachschrift von Herders band.)
— reichlich ^ Die Rec. über Voss Homer hat nicht Böttiger, sondern
Gottlieb Schlegel gemacht 2, d. i. der ältere Schlegel, der auch den
Shakesp. nun übersetzt, Stücke aus Dante geliefert hat u. s. f. Es
kann kein Krieg werden. Valete optüni.
43. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 27. Jan. 1797.
Sie Ewigtheurer Freund, haben uns eine Freude mit dem Ge-
burtstagslied gemacht^. Wahrhaftig Schmidt verdient es, dass Sie die
Saiten so, so für in rührten. Jedes Wort ist Wahrheit. Nun müssen
die reichen Stolbergs ihm noch eine Klamersruh verschaffen! sie müs-
sen für die Musen es thun, die durch ihn so manche Freuden ihnen
verschafften. Hören Sie, Freund Gottes, das Domcapitel muss die Kla-
mersruh auch bauen helfen — sinnen Sie darüber nach, wenn die
Morgenröthe Sie weckt, Edler Lieber! der Dichter muss nicht erbärm-
lich sorgen, nicht wie die Raupe Blätter nagen — Nectar muss er
trinken mit den Göttern — amen! Helfe Ihnen Deutschlands Genius
dazu. Nun bitte ich um eine Erläuterung der Stelle Ihres Gedichts:
Ein Gottgeschöpf für einen Thron,
macht er aus eines Müllers Sohn!
Darüber hat der Vater, die Mutter und Gottfried jedes eine besondere
Lesart; und ich wette es ist keine die rechte, denn es bleibt in jeder
etwas dunkles. Geben Sie uns Licht, Herzensfreund. Nun müssen Sie
auch dem wiedererstandnen Voss ein lied singen. Er muss nicht ster-
ben , der treue Vater und Mann. Ich denke mir das Ehepaar wie Phi-
lemon und Baucis — nur mit dem Unterschied dass Sie fromme gute
Kinder haben. Wieland hat im Januar 97. den Anfang gemacht die
Musen Almanache zu recensieren. Er musste diesmal einen strengem
Weg einschlagen — der Dichter der Grazien. Künftigen Monath kommt
1) D. 8. 221 zeile 21 von oben.
2) Gleim schrieb am 16. okt. an Herder: ^ Böttiger nimmt an den Katzbalge-
reien gewiss noch keinen Anthoil. Die Rocension, das Urtheil über Yossens Homer
ist, glaub' ich, von ihm, kann von keinem andern sein.
3) Gleims Clamersnihe.
BRIBFR HBRDERH AN QLEIM 47
der Schillersche. Bester Freund, was die Revolution nicht vollendet
hat, das vollenden^ die Xenien beim deutschen Pamass. — Aber es
gibt einen Aether über dem Parnass.
Wohlauf dann.
Auf in die Lüfte des heitern Himmels
Urania wird unsre Führerin! —
1) ,Die Xenien vollenden" nift Gleim in einem briefe an Herder den 1. febr.
1797, ,,Ich leg' es aus, die Xenien sind reissende "Wölfe, noch ärger als die Jaco-
biner. Die gegen sie ausgegangenen Jäger sind gar schlechte Schützen. Wieland,
hoff ich, wird sie treffen, und so Gott will, der alte Polens, Euer Gleim". Aber
noch am 10. december 1796 schreibt er an Herder: „Wieland war imwiUig auf die
Angriffe, die sich Goethe und Schiller gegen mich erlaubt hatten. Wo find' ich diese
Angriffe? In den Xenien hab' ich sie nicht gefunden, und Klamer Schmidt, auf
dessen Commentar Ihr mich verwiesen habt, hat sie nicht nachweisen können, also
müssens wohl heimtückische Angriffe seyn, in Schrifteleyen, die ich jetzt nicht mehr
lese. Die Zeit ist mir zu edel geworden! Sie mögen übrigens angreifen, so viel
und so arg sie wollen, mich kümmerts nicht, es wäre mir unlieb nur, weil ich mit
ein paar Worten gegen die Xenien mich erklären wollte. Hätt ichs angegriffen, so
schien ich nicht unparteiisch. Sagt mir Einzige, Eure Meinung! '^ BekanntUch erschie-
nen am 2. april 1797 fünfzig stück Xenien Gleim, „dem Stifts- und Musenjubilar an
seinem Geburtstag gewidmet" als gegenschiift zu den bekanten Schiller- Goetheschen
Xenien. Ygl. hierzu das 36. Peleus überschiiebene stück. Darüber FieUtz, Aus der
Xenienzeit in Schnorrs Archiv, VI. s. 258fgg. Bezeichnend ist Gleims urteil in einem
noch ungedruckten brief an frau von Klenke vom 12. okt. 1796: „Bald wird auf dem
deutschen Pamasse für ehrliche rechtschaffene Leute nichts mehr zu thun seyn!
Schiller und Goethe sind die reissenden Wölfe geworden, und morden auf ihm ! Sagen
Sie's keinem Menschen, Tigeni mögen Sie's sagen; ich habe mit ihnen nichts zu
thun, will mit ihnen nichts zu thun haben. Halten Sie auch die beyden guten Kin-
der bey sich zu Hause; giengen sie aus, sie würden von den Wölfen zerrissen! Es
ist noch nicht böse genug in der Welt, Goethe dünkt mich ein Tirann, wie Robes-
pierre auf dem Pamasse ". Interessant ist Gleims äusserung in einem noch ungedruck-
ten briefe an frau von Klenke vom 14. april 1797: „Von vor Kurtzem auf dem deut-
schen Pamass erschienenen Weimarischen Faunen der alte Peleus genannt, hat aus
Liebe zu seiner Muse, dem guten getreuen alten Mädchen , eine Göttin ist diese Muse
nicht, sich verführen lassen, ein gewisses Etwa.s drukken zu lassen! Ich leg' es
nicht bey, weils schlecht gedrukkt ist! Wirds noch einmahl, wie ich vermuthe, les-
barer abgedrukkt, dann send' ichs, und sage meiner Freundin, dass die Zeit mit die-
sem Etwas getödtet zu haben, mich gereut, ins Ohr ganz leise!" Schiller selbst
äussert bei der angelegenheit über Herders duldsamkeit, mit der er sich des ange-
griffenen Peleus angenommen hatte, an Goethe: „An Herders Confession über die
deutsche Literatur verdriesst mich noch ausser der Kälte für das Gute auch die son-
derbare Toleranz gegen das Elende **. Vgl. Hoffmeister, Bemerkungen zu den Xenien,
im besondem aber Voss, brief an Gleim vom 9. april 1797, und Abr. Voss, Über Vos-
sens Verhältnis zu Schiller und Goethe.
48 PAWEL
44. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 19. Merz 1797.
Froh und glücklich hat uns Ihr lieber Brief und Ihre holden
Blätter^ gemacht ewig theurer Freund. Sie haben uns lange warten
lassen, um uns destomehr zu erfreuen. Eben lese ich wieder Amor
und Psyche. Unschuld und Weisheit hat es Urnen dictirt Auf Rosen-
hlättem bringen Sie uns die goldenen Lehren. Wie schön ist Nro 5.
24. 25. 26. 33. 37. 38. 39. 42. 49. 61. 63.! wie schön und treflich
ist alles! Man sollte, man könnte jedes Stückchen mahlen. Das
wären Rosen, unvergängliche Rosen. — Auch für die zwey einzelnen
Gedichte tausend Dank. An mein Vaterland kannten wir schon,
und fanden Ihre Patriotische Seele schon im Titel, so wie im ganzen
Gedicht. Wem schlägt doch noch irgend so das Herz für das Gute.
Auch an Europas grosse Frauen ist vortreflich, wöchten sie doch
beherzigen die Heldinnen und auch verstehen! Die Anecdote mit
der vornehmen Frau ist recht hochadelich! Es ist beinah so schön,
wie wenn die fränkischen (Bamberg- und würzburgischen) vornehmen
Frauen im Kissinger Bad sagen: es ist heute das Modejournal ange-
kommen, wir lösen aber nich beim Brunnen. Nun auch ein Wort von
uns. — Wo? und wie hat Polens geantwortet? Das hätten Sie hübsch
sagen sollen. Wir lesen fast keine Journale. Wir wollen das Berl.
Archiv jetzt halten. Es sind so hübsche Sachen darinnen, auch um
Ihrentwegen. Es sollen Parodien der Xenien herausseyn worunter Hal-
berstadt steht. Von wem sind sie? ich habe sie nicht gesehen; nach
allem was ich von ihnen gehört habe, können sie nicht von Ihnen
noch von Schmidt seyn; und so trage ich daher kein Verlangen dar-
nach. Hier ist nun das vollständige Exemplar der zerstreut Blätter,
Allerbester; Ihre Theilnehmung und Beifall ist süsser Lohn. Die Ge-
dichte imd Legenden sind auch meine Lieblinge 2. Die einzelnen Rosen
gehören der holden Luisa. — Noch etwas sehr gutes muss ich Ihnen
sagen. Wieland hat in vergangener Woche ein nahegelegenes Gut mit
einem schönen grossen Hai^s für 22000 Rth. gekauft und zieht mit der
ganzen Familie im Frühjahr hin. Lesen Sic sein Briefchen hierüber
und freuen Sie sich, dass sein guter Genius ihm manches Herbe jetzt
durch seinen ländlichen Aufenthalt versüssen will. Er ist ein vortref-
licher Vater, und verdiente ein grösser Geschenk von der deutschen
Nation, als diese 20000 Rth. die er nur durch das Wunder seiner
1) Gleim sendete am 1. März sechs Exemplare von Amor und Psyche.
• 2) So schreibt er auch schon am 30. dtn;. 1796 au Gleim: ^In den zerstreu-
*<Jn Blättern kommen liegenden, für die Ihr mich als einen Kirchenvater verehren
t*.
BRIEFE HERBERS AN GLEIM 49
neuen Ausgabe erhalten hat. Nun, freuen wir uns mit ihm über sein
Sabinum, und wünschen ihm die schönste Abendröthe des Lebens.
Mündlich habe ich ihn noch nicht gesprochen; er wollte heute kom-
men, ward aber zur Herzogin Mutter gebeten. —
45. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 14. July 1797.
Theurer Einziger Freund. Sie werden es mir verziehen haben,
dass ich meinen versprochenen Brief bisher nicht geschickt habe^ —
Herr Merkel 2, den Sie so freundlich aufgenommen und einen so 1.
Brief auch ihm geschickt haben, ist so ganz zufrieden und entzückt
von Ihnen gekommen, und hat uns durch die Nachricht erfreut dass
Sie sehr sehr wohl und munter sind, und unser liebevoll gedenken.
0 das ist alles was wir wünschen. Nun rückt allmälich der August
heran, wo wir Sie sehen sollen geliebter Freund 3. Wie stehts aber
um Ihre Harzreise, die Sie diesen Sommer zu den gräfl. Stolbergischen
thun werden?* und wann erwarten Sie Voss? Fast vermuthe ich, dass
Sie im August noch nicht vom Harz zurückseyn werden, und dass wir
mit unserm Besuch jetzt ganz zur Unzeit kommen. Mein Mann und
ich haben schon darüber deliberirt wie, welche Zeit wir wählen um
Ihnen nicht lästig zu kommen. —
Denken Sie, der trefliche Hederich ist vor 6 Wochen an einem
Nervenfieber ohnweit Wien gestorben: Eine so glückliche Organisation
so frühe aufgelöst Zu der Zeit da alle Fremde Wien räumen mussten
und er (aus Mangel vielleicht) nicht wohl zurück kommen konnte, so
ging er als Feldarzt mit ins Feld und musste nun in einem Feldlaza-
reth seinen Tod finden. Es ist nur Eine Stimme, Eine Klage um ihn.
Nun er ruhe sanft! und wohl denen die ruhen.
46. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 24. Sept 1797.
Einziger Freund. Tausendmal Verzeihung wegen meines Still-
1) Mit bezug auf ein in dem briefe vom 9. juni gegebenes versprechen , „näch-
stens durch die Post ein Mehreres zu schreiben".
2) Der bekante gegner Goethes und der romantiker. Vgl. den eingang dieses
briefes und Gleims brief vom 17. juni d. j.
3) „Voss und Herder besuchen mich im Hüttchen**, schreibt Gleim an frau von
Elenke am 28. noY. d. j. Über Herders mitte august erfolgten besuch siehe den brief
von Herders gattin an Gleim vom 25. aug. d. j.
4) Gleim unternahm zwei reisen, die eine nach Dessau, Leipzig, Halle, Gie-
bichenstein, Aschersleben, Magdeburg, die andere nach Braunschweig, wohin auch
Voss gereist war. Siehe Gleims brief an frau v. Klenke vom 2. aug. d. j.
ZnrSCHRIFT F. DRT7T80HR PHTLOLOOIE. BD. XXV. 4
50 PAWEL
Schweigens. — Auch möchten wir gern von Ihrer grossen Beiso etwas
hören. Böttiger sagte uns, dass Sie nach Leipzig gegangen sind^. —
(Nachschrift von Herders Hand.)
Willkommen zu Hause, Ihr Lieben, von Eurer schwärmerischen
Reise nach schönen Gärten und Lustörtern. Wir sind frommer wie Ihr;
wir reisen nach Menschen und zu Menschen. Nun sitzen wir zu Hause
und ich stehe den Tag über vorm Pult. Gearbeitet ist in der Zeit
nichts oder wenig; die Tage vergehen wie im Schlaf. — Die Musen
sind fem und der 1. Geist, nach dem Begrifl der Schwester Gleminde,
hölzern. Die Bücher kann ich also auch nicht zurückschicken: denn
ich habe sie noch nicht gebraucht. Danke für den Luther; ich wollte,
dass Sie mir auch etwas von seinem Muth geschickt hätten, der mir
ganz fehlet. Wenn ich Eine Seite seiner Schriften lese, entfallt mir
der Meinige ganz und gar. — Sie, liebster Gleim, wird Wörlitz ohne
Zweifel zu etwas Neuem begeistert haben; sie sind noch aus Luthers
Jahrhundert und Geschlecht; wir sind die peior progenies. — Was sagen
Sie zu den neuen Auftritten? Ach, in welche Zeiten sind wir gefal-
len! und was werden wir noch erleben? Der Himmel stehe uns und
den Unsrigen bei. In Amerika die schreckl. Erdbeben; in Europa ein
Auflösen aller Bande der Treue und liebe. — Wir, ihr Lieben wollen
einander treu seyn und bleiben; auch der Tod soll uns nicht scheiden.
Lebt alle herzlich wohl.
47. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 16. März 98.
— nun wieder 2. Es wird nun ernstlich auf eine Badreise gedacht
Wenn es bestimmt ist, so will ich Ihnen schreiben. Schade, dass
Lauchstädt, wohin Sie diesen Sommer gehen werden, nicht das Bad
ist das ihm Hülfe bietet. Schwefeldampfbäder sind die einzigen die
ihm helfen. Und so werden wir Sie mit der Herzensschwester und L
Luisen hier in loco bei uns sehen, nach der Badezeit — Dass Sie
sich des Catechismus^ so annehmen freut meinen Mann gar sehr. Die
1) Vgl. die anmerkung zum briefe vom 14. juli. Über die reisen selbst vgl.
noch Gleims briefe vom 19. sopt und 8. okt. d. j.
2) D. s. 238 zoile 6 von unten.
3) Gleim hatte ein exemplar an einen seiner Berliner verwanten, den gehei-
men tribunalrat und oborconsistorialrat Lamprecht mit der bitte gesendet, es dem
oberconsistorium zum zwecke amtlicher einführung vorzulegen. „Mein Eatechismus*
schreibt darüber Horder an Gleim als nachschrift zu dem obigen briefe, „wird in
Preussen nicht eingeführt werden; dazu sind Eure Pröbste zu aufgeklärt*'. Vgl.
Gleims antwortschreiben vom 31. märz.
BRIEFE HERDERS AN GLEIM 51
erste Auflage war in den ersten 4 Wochen vergriffen; die 2te musste
sogleich fertig gemacht werden. Er wird auf der Messe zu haben seyn.
Wollen Sie indessen noch Exemplare von hieraus haben, so befehlen
Sie wie viel? Bald schicke ich Ihnen einen neuen Theil christl. Schrif-
ten i. Nun leben Sie tausendmal wohl. —
48. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 11. Nov. 99.
Ich habe Ihnen auf Ihren lieben Briefe auf der Stelle antworten
wollen, einziger treuer Fi-eund, wenn ich gekonnt hätte. — Hier ist
der Schillersche Musenalmanach. Sie müssen ihn aus unsrer Hand
haben, da die Buchstaben v. E. f. von meinem Mann sind. Schiller
hatte ihn angelegentlich um Beiträge gebeten in dem Augenblick als
gedruckt wurde und das Gedicht der Fräul. v. Imhof nicht den Kalen-
der ausfällte^. In wenig Wochen schicke ich Ihnen etwas besseres,
einen Naturhymnus von Schafkesburi, den auch Sie gesungen haben so
vielfach*. Das rechte Gefühl hat nur eine Stimme. — Dank, Dank^
49. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 14. Febr. 1800.
— ahnden^. Die Stelle von Amor und Psyche Gott weiss wo sie steht!
mein Mann hat sich selbst rein vergessen 7. Wir haben in den zer-
1) ^Wenn die geistlichen Schriften ankommen, denn ist mein Festtag I*^ schreibt
Gleim an Herder am 2. mai. Bald darauf kamen sie an. Ygl. den folgenden brief
und Gleims dankschreiben an Herders gattin vom 9. mai d. j.
2) Vom 27. Oktober d. j.
3) Vgl. Gleims antwortschreiben vom 27. november.
4) Die Sendung erfolgt nebst beilage von Herders neuerdings ausgegebenem
,,Gott* am 27. december.
5) D. s. 262 zeile 1 von oben.
6) D. s. 267 zeile 13 von oben.
7) In dem noch ungedruckten brief vom 6. Januar 1800 schreibt Gleim: „In
einem Ihrer "Werke, lieber Freund, lass ich: die schöne Mythe von Amor und Psyche
wäre nicht genug genutzt, und wurde begeistert zu meinem Amor und Psyche. Nun
such ich dieses gelesene und kann*s nicht finden, und muss es wieder lesen, eh ich
meinen mit schönen Zeichnungen veraehenen Amor aus der engen in die weite "Welt
versende. Haben Sie 1. Fr. doch die Güte, die Stelle dieser Auferweckung der schö-
nen Fabel mir anzuzeigen. Sie sparen mir den Ärger über mich selbst, dass ich
nicht besser im Gedächtnis sie behalten habe^. In demselben briefe äussert er über
Herder: „Sie thaten so viel, als menschliche Kräfte thun konnten; standen im Dienste
der Menschheit auf einer der höchsten Stufen. Von den kritischen Wäldern bis zur
Ausgabe des Kleinsten ihrer Geistesmuse solche Bäume! welche Früchte! Im Tem-
pel der Humanität waren Sie bis zu seiner Finreissung als erster Priester, sahen ihn
einreissen, und waren, soll ichs heraussagen? nur mir vielleicht zu geduldig; sehn
die Träumer gerathen in ein heiliges Feuer, schlagen uns die bösen Geister, die so
stolz vor ihren Augen auf den Trümmern sitzen , nicht mit ihres Geistes Schwert und
4*
52 PAWEL
streuten Blättern nachgesucht, aber vergebens. Man wird Ihnen ja die
angeführte Stelle glauben. NB. Briefe der Humanität 6. Sammlung,
p. 11. da steht es. Unendlich freuen wir uns auf Ihren mit Zeichnungen
versehenen Amor und Psyche. Ja wohl ist in dieser Mythe alles was
schön und erhaben in der menschlichen Seele ist — wo Psyche das
Wasser des Lebens holt — gibt es was erhabeners? —
50. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 3. Mai 98.
Theuerster liebster Freund. Anstatt Einem Theil christl. Schrif-
ten, schicke ich Ihnen zwei. Scheuen Sie sich nur nicht vor den
dicken Büchern; das Papier ist Ursache daran; auf gewöhnlichem Pa-
pier sinds nur 2 dünne Bändchen. Diese wünschen denn nun, in
Ihren stillen Morgenstunden von Ihnen gelesen zu werden. Ich wünsdite
dass der Inhalt der 5ten Sammlung Sie reizen möchte. — Ihr Urtheil,
Ihre Empfindung, Ihr Beifall gilt meinem Mann für 1000 Leser. Aus
Ihrem Herzen hat er gewiss geschrieben; lassen Sie uns das Echo
bald hören K — Vorigen Sonntag hat Wieland eine Tochter von 14 Jah-
ren, Wilhelmine, an der Auszehrung verlohren. Es war ein vorzüg-
liches Mädchen voll Gutmüthigkeit und Grazie, auch hatte er sie sehr
lieb; und leider ist sie gestorben da Vater und Mutter hier in der
Comödie waren. Leben Sie wohl einziger Freund. —
51. Herder an Gleim.
An Ihrem Geburtstage, liebster Gl. muss an kein Weggehen der
Freunde gedacht werden; vivamus, dum vivimus et nos amemus*. Dies
sei unser Motto, wie bisher, so fortan.
Der Frühling kommt; er wird mit allen seinen Blumen kommen
und den Minnesinger, den vielfachgcliebten und bekränzten kränzen.
Ist auch Einer, sind auch zwei, die ihn mit bekränzten nicht mehr
sichtbar, sie feiern sein Fest droben.
Wir in unserm Kreise. Der Geist waltet hinüber. Richter ist
noch mit uns und feiert es mit; der Sommer wird ihn wahrscheinlich
Feuer, thatens aber so schonend, so human, dass die Einreisser ihre Schläge Dicht
fühlten! Sie schlugen mit Simsons Schwert drein und Schande floss von der Ver-
brecher Wunden! Böse Buben bewarfen den hohen Priester mit ihres Geistes
Schneebällen, und wohl vielleicht, ich weiss es nicht, ich komme nicht ams dem
Hüttchen, mit etwas Ärgerm. Diese muss mein Herder werfen lassen , nur wie ein
Fels im Meere stehen, die Schaum wellen stossen sich an ihm zurück*^.
1) Vgl. die anmerkung zum vorhergehenden briefe.
2) Gleim hatte am 22. märz geschrieben: „Lasst uns, so lange wir hier Doch
sind, hier sein für einander!^
BBIEFE HRRDKRS AN QLEQi 53
auch von uns rufen i, aber vor der Hand nicht in eine andere Welt,
als die Hymenäus^ ihm anweiset. Yale, dum vivimus, et nos amemus.
Vale, vale, valete. Unser Herzog ist bei Klopstock in Hamburg gewe-
sen, der wohl auf ist; mich freut herzlich der bejahrte Jüngling. Gleim
und Klopstock sind meine Götter der alten Ordnung; das übrige ist
meist alles junges Gemüete.
Mein ist der alte Wein!
Der alte Wein ist mein;
Den jungen mag ich nicht
Wie Jesus Sirach spricht.
Und er sprach recht Ist Ihnen das Magimum oder Archimetrium latei-
nisch, und ein paar Bogen desselben Yerf.(assers) die Gelehrtenwelt
deutsch zu Händen gekommen? Wo nicht, schicke ich Ihnen die
letzte: denn des lat. Buches überhebe ich Sie gern. Hinten ist auch
eine namentliche Anrede an Richter.
Nochmals herzlichen Wunsch, mehr als Glückwunsch, Geliebter,
unsem besten Gruss unserer Schwester, Himli's, Dohms, und wer Ihren
lieben Tag feiert H.
52. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 21. April 1800.
Einziger! Die Beschreibung Ihres Festes hat uns unendlich
gefreut, und vor allen der Vogel der Sie früh morgens begrüsste. 0
wir sangen aus diesem Vogel! Ihre entfernte bezauberten Freunde
waren in ihm. Das hat die Herzensschwester gewusst Aber, Bester,
wir müssen alles haben was geschrieben und gedruckt worden ist, auf
diesen Tag — halten Sie es uns nicht vor Theuerster!^ Unser Mit-
1) Er war schon mitte kommenden monats nach Leipzig und von da mit sei-
nem Verleger Matzdorf nach Berlin gereist.
2) Vgl. den brief von Herdei-s gattin an Gleim vom 23. mai d. j. Dem brief
fehlt die Zeitangabe. Dem inhalte nach dürfte er gegen mitte des monats apnl
abgefasst worden sein. Herder fügte zu seinen briefen selten ein datum hinzu, so
dass sich seine freunde fortwährend beklagten, er schreibe seine briefe sine die et
consule.
3) Bald darauf sendet Gleim das für den 2. april bestimte gedieht mit einer
Widmung für Caroline Herder:
Den 2ten April 1799.
Lasst mich meine Muse lieben!
"Wenn ich ihr getreu nicht war,
Ist sie mir getreu geblieben,
Heut sinds volle sechzig Jahr!
54 PAWKL
gefiihl bekräftigt und bestätigt das Gute noch mehr. — Ich würde
Ihnen heute, mit meinem kranken Körper nicht schreiben, wenn es
nicht die Freundschaft geböte, für die guten Wielands. — Suchen Sie,
so finden Sie einen guten passenden Ort für den armen jungen Men-
schen! und dass er je eher je lieber kommen darf. Sie thun ein
"Werk der Menschenfreundlichkeit, das Ihnen Gott belohnen wird. Wie-
lands wissen kein Wort davon, dass ich Ihnen schreibe. Wie werden
Sie über Ihre Freundschaft überrascht werden. Mein Mann bittet auch
darum, was Sie irgend zu thun im Stande sind^. —
53. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 27. Juny 1800.
Glückliche Stimmungen treffen zusammen, Herzensfreund und
Bruder! Ihr Brief vom lOten hat uns electrisirt! Wir kommen.
Heut ist Festtag! frohe Gäste
Sind im Hüttchen heut bey mir!
Heut an diesem hohen Feste,
Sing ich ihre Lieder ihr!
Ihre Lieder sind die besten,
Singen meinen Herzensdank
Ihr, und meinen lieben Gästen,
Kann kein eigener Gesang!
Einen alten lasst uns singen.
Aufgeschoben! Scherz und Spott!
Singen lasst uns, lasst uns singen:
Nun! und danket alle Gott!
Kam itzt Herr Taoitus in unsre deutsche Hütton,
Schrieb er ein Buch vonunsem Sitten
So gut, wie schon einmahl, der Wahrheit all so rein,
Wie damals, er! Wie ganz ein andres wird es seyn!
1) Gleim antwortet hierauf am 5. mai 1800: „Ich komme zurück von einer
kleinen Reise zum Amtsrath Zimmermann, einem unsrer besten Landwirthe, hab^
aber für unsem W. nichts ausgerichtet! Alle jungen Preussen weitien Soldaten, aUe
Hauswirthe geben beträchtliches Lehrgeld. Z. meinte, dass eine Verwalterstelle mit
Jahrgehalt schwer zu erhalten seyn werde, auch will er sich noch alle Mühe geben.
Der Nähme des Vaters spricht für den jungen Mann. — Wie so gerne trüge ich
zum Vergnügen unsres Wielands etwas bey! Haben Sie, Theuerste, doch die Güte,
das einliegende zweyzeiligtc Schreiben baldmöglichst an ihn zu befördern. Es betrift
ein ihn angehendas Gespräch mit dem itzt bey uns sich aufhaltenden Herzog yon
Braunschweig! Kam die Tage her ein Wagen vor meine Thür, gleich sprang ich zu
sehen, ob er die heiligen Engel Herder und Jean Paul zu mir ins Hüttchen brächte.
Bey der herrlichen Witterung wäre den beyden guten Geistern eine Gesundheitsreise
wohl sehr nützlich gewesen. In vier Wochen sagte der eine vor sechsen send ich
Ihnen meinen Titan — Titan! ruffcs nun, und Kalligone rufts nun im Hüttchen
und in allen seinen Winkeln^.
BBISFE HERDERS AN GLEIM 55
treuer Freund, wir kommen! Wo könnte mein Mann für seinen
Geist und für sein Herz, das, wie Wekerlin sagt:
durch und durch wund ist,
gesunderen Balsam holen als bei Ihnen, Mann Gottes und der Wahr-
heit Ihre Stimme ruft ihn unwiederstehlich zu Ihnen — und wir
heben unsere Augen schon auf zu jenen Bergen, wir athmen schon
die balsamische Luft von Halberstadt! — Ach wenn wir Ihnen aber
nicht zu früh kommen, Allerbester? Im August kann mein Mann nicht;
die Ursache sollen Sie mündlich hören. Ende July ist Schulexamen;
also bleibt uns nur der Anfang July übrig und so gedenken wir, uns
den 2. July in den Wagen zu setzen und den 3. Abends bei Ihnen zu
seyn^. —
Ach Sie können nicht glauben, wie seit dem Montag, da Ihr 1.
Brief kam und mein Mann den Entschluss fasste, wir alle belebt sind —
Und so geleite uns dann ein guter Engel zu Ihnen! Wir werden den
3. Abends etwas spät kommen. — Unsere Arme sind schon nach Ihnen
ausgebreitet, unser Herz ist bei Ihnen.
(Zusatz von Herders band.)
Wir kommen, wir kommen mit starker Kraft,
Vater Gleim ists, der uns Gesundheit schafft
Und Freuden schafft. Wir kommen!
Bis dahin Gott empfohlen.
54. Herders zusatz zu dem briefe seiner gattin an Gleim 2.
Weimar d. 25. July 1800.
Nach dem Christ - freundlichen , ökonomisch - politischen , auch
cameralistischen Sendschreiben meiner werthen Hälfte will ich etwas
genealogisch -poetisches beifügen, und zwar eine Frage. In einer An-
merkung zu Ws. Gedichten älterer Ausgabe steht folgendes: „Von dem
Vater dieses Dichters, (Gleims Anakreons) habe ich noch 3 Stücke in
Händen, woraus ich sehe, dass er in der deutschen Elegie, wenn er
gewollt, dem Tibullus hätte gleichen können, dem kein Römer beige-
kommen und noch kein Teutscher nachgegangen ist^. Besitzen Sie
1) Herder traf auch am abend des 3. mit seiner gattin, einem söhne, der
tochter und einer freundin bei Gleim ein; der besuch beschränkte sich nur auf einige
tage. Siehe Gleims brief vom 14. juh. Ebenso den brief von Herders gattin yom
15. juli und die folgenden briefe.
2) D. a. a. 0. s. 275.
3) „Mein seeliger Vater •*, antwortet Gleim am 30. juli, „mag ein Tibull, ein
Properz gewesen seyn, ich weiss nichts davon '^.
56 PAWEL
diese Stücke ihres treflichen Vaters, dessen Angesicht sich meiner
Frauen und mir so auszeichnete? warum haben Sie mir nie etwas
davon gesagt? Und darf man sie lesen?
Mein effigies wird nun glückl. angekommen seyn^ und wird,
hoffe ich, sein Plätzchen besser einnehmen, als der schläfrige matther-
zige Herr, der ehemals dahing, ja wohl recht hing. Dieser steht
wenigstens, wenn auch der, den er vorstelte, der Stelle nicht sonder-
lich werth seyn sollte. Allenfalls gelte er für einen italienischen Abbatt
oder Prälaten , der auch zu singen hat: sicut erat in principio et nunc
et semper. Ich hoffe noch einmal zu sehen, wie sich der H. da aus-
nimmt. Dass ich in Ihre und der Schwester Leinwand gekleidet werde
und zwar bei lebendigem Leibe, freuet mich sehr; da trage ich Ihr
Andenken recht an mir. Lebt wohl, ihr Lieben. Nach einer beschwer-
lichen Woche, da ich alle Schulen examinirt und visitirt habe, waren
wir heute auf dem Ettersberge; ein herrlicher Tag und eine schöne Ge-
gend. Ich legte mich in den Wald und schlief ein herzlich ermattet
von den vorigen Tagen und umweht von lieblichen Lüften. An Euch
dachten wir oft. Ja wenn wir Vöglein wären, oder Ihr Vöglein wärt,
nach dem alten Liede! Nun lasse, zu folge eines noch älteren Liedes
Anakreon nur seine Tauben fliegen, das sind Briefe; Er selbst wage
sich nicht auf die Reise, bis er sich gesund wie ein Fisch und frisch
wie ein Vogel fühlt. Dem Bohlenbaumeister unsern Gruss gleichfalls
allen Lieben des Hauses.
55. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 7. Nov. 1800.
Geschwind liebster Herzensfreund, lesen Sie die Recensionen —
indessen wird sich Ihr heiliger Eifer gegen uns ein wenig gelegt haben.
Könnten wir nur diesen Augenblick den Caff6e morgends mit Ihnen
trinken, und die beiden ehrwürdigen Männer zusammen rauchen, so
könnte alles von beiden Seiten ins Reine gesprochen werden. Aber es
war alles meine Schuld! denn nun ist es der zweite Brief den ich
an Sie geschrieben und wieder verbrannt habe. Ich hatte darinnen
mein Herz zu laut über die Fürst. Gallizin ausgeschüttet Da fand
ich nun dass sich das für eine Frau nicht schickt gegen eine Frau von
so viel überwiegendem Verstand wie die Fürstin besitzt, sich dies
1) Herders Grattin wollte es bereits am 17. juli an Gleim senden, doch geschieht
es erst den nächsten tag. Vgl. den brief vom 15. juli: „Ich wollte Ihnen gestern,
wie ich versprochen hatte, meines Mannes Bild schicken, es war aber nicht möglich.
Störungen aller Art belästigten uns vom morgen bis Abend, ich konnte zu nichts
kommen. Hier ist es nun".
BBIKFK HTCRDRBS AN GLEDf 57
heraoszunehmen. Kurz und gut, ich schämte mich, und verbrannte
den Brief. Aus diesem Brand, oder vielmehr aus diesem heiligen Feuer,
stieg der Engel der Menschlichkeit heraus und erzehlte uns folgende
Geschichte: An die Himmelsthür kam einmal ein Mann und wollte ein-
gelassen werden. Petrus sprach: wer bist du? er antwortete: ich bin
ein Römisch -Katolischer, von der alleinseligmachenden Religion. Petrus
sprach: Setze dich, und warte. Darauf kam ein zweiter, klopfte an
die Thür um eingelassen zu werden; Petrus sprach: wer bist du? ich
bin ein Lutheraner, von der allein seligmachenden Religion der Pro-
testanten. Petrus sprach: Setze dich und warte. Dann kam ein drit-
ter und klopfte an. Petrus: wer bist du? ich bin ein Calvinist, von
der allein seligmachenden Religion der Reformirten. Petrus sprach:
Setze dich und warte. Dann sahen die drei Wartenden sich einander
gewaltig an — es stürmte und war übles Wetter; sie froren; die Zeit
wurde ihnen lang, sie gähnten (oder wie mein Mann sagt: sie hojahn-
ten) — da sangen sie das lied miteinander: „Wir glauben all' an
einen Gott**. Hierauf schloss Petiiis die Thüre auf und sprach: „Ge-
het ein , zu des Himmels Freuden ! "
Ach bester Herzensfreund, lassen Sie uns über kranke und irrende
Menschen, ein mitleidiges und menschliches Urtheil fällen! Stolb.^ war
schon lange ein Katholik — ihm wars unter den Protestanten unwohl —
er wollte seine Meinung ihnen despotisch aufdrücken, es gelang nicht
und so ging er zu seiner Partei über, wo er sich frei und glücklich
fühlen mag. — Im Vertrauen aber muss ich Ihnen sagen, dass wir
nicht ganz zufrieden sind über das Betragen von dem H. Geheimen
Rath Jacobi und Voss. Betragen sich Freunde gegen einen kranken
Freund also? Schreiben Sie uns doch bald liebster Freund , und freund-
lich und gut wie der Sohn Gottes im Rothen Buch — und behalten
uns lieb. —
Zusatz von Herders band:
Die Geschichte meiner Frauen ist zwar erbaulich aber lang; die
meine ist kürzer. Schwester Gleim mag sie erzählen: Er is afe-
stahn! Und damit gut. Lebt wohl, Liebe. Wir singen, lieber Vater
Gleim, wie wir sangen und uns in dem Gartensaal verschrieben: Sicut
erat in principio — lebt bestens wohl.
1) Gleim hatte schon in mehreren vorhergehenden briefen auf das schärfste
und leidenschaftlich übertriebenste über Stolbergs übertritt geurtoilt. So in dem
briefe vom 3. September, 10. September und 12. Oktober. Herder zieht in scharfer
polemik dagegen. „Was geht Sie der verii-rte, oder kranke Stolberg anl Hat jeder.
58 PAWEL
56. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 19. Jan. 1801.
Was werden Sie denken, Einziger, dass ich so spät auf Ihr
freundliches Andenken, und auf das holde Geschenk, wenn schon kei-
nen Dank, doch ein Echo der Liebe zurücksende! Was soll ich sagen?
Haben Sie uns nicht im alten Jahrhundert mit so manchen Beweisen
Ihrer treuen, seltenen Freundschaft überhäuft? Und soll das neue
Jahrhundert auch so anfangen — Gottgeliebter Freund — es ist süss
zu geben — aber es ist eben so süss von Ihnen zu empfangen! Man
hofft, man wünsclit den Werth zu besitzen, den Ihr Herz uns giebt —
Ja man ist in dem Augenblick, wenn wir Ihre Briefe erhalten, bes-
ser — wir sind im Himmel! — Es ist eine ungesunde Witterung.
Auch Goethe lag tödtlich krank an einem Rothlauf am Kopf Durch
unsem vortreflichen und glücklichen Arzt Hofrath Starke in Jena
(unsers Gottfrieds Lehrer) wurde er gerettet!^ —
(Nachschrift von Herder.)
Glück auf! im neuen Jahrhundert *. Wie Ulysses nach Ithaka
sind wir schlafend hineingeschifft, wenigstens ich, da ich mich eben
zu Bett legte; und wusste am grossen Neujahr, wo man viel Glänzen-
des erwartete, über nichts Angelegentlicheres als das alte „Vater unser,
der du bist im Himmel" zu predigen; es ist mir die Summe aller
Wünsche. Wir Alten gehen mit ihm in die Schlafkammer einer
nicht sein Gewissen, seine Religion frei?'' ^Über den Abtrünnigen*, antwortet
darauf Gleim am 13. november, ^wollen wir nicht mehr streiten. Der "Wahrheit
aber kann ich nichts vergeben, also muss ich sagen, was ich für wahr halte, dass
man erkannte Wahrheit ihren Feinden nicht Preiss geben müsse, dass in gegenwär-
tigem Falle von Toleranz nicht die Rede sey. Von der Abfallgeschichte wisst ihr,
meine Lieben in dem Herrn, bey weitem nicht genug, das z. B. nicht dass der
Vater seine Kinder zwingen wollte, dass er rasste wie ein Toller, Voss und Jacobi
thaten meines Erachtens, was sie thun mussten, das gegebene Ärgemiss war Ihnen
zu gross. "Was sie thaten, hätten an ihrer Stelle wir auch gethan! Bruder Her-
der, sagt' ich, ist ein guter Protestant, zum Beweise braucht's seiner Predigt nicht,
die metaphysische "Wahrheit aber liegt ihm mehr, als die protestantische am Herzen,
sonst könnt' er bey der ernsthaften Sache nicht lachen! Der Pi*äsident lacht, und
der grosse Consul arbeitet an Herstellung des alten feyrspeyenden Pabstthums, das
sind Zeichen kommender böser Zeiten!"
1) Gleim antwortet hierauf am 8. februar: „Dass Euer Goethe, der dann und
wann nur meiner nicht auch gewesen, die fatale Krankheit überstanden hat, freut
mich sehr. Gott erhalte den Bessern der besten "Welt!*'
2) Herder dichtete aus diesem Anlasse „die Vermählung des achtzehnten und
neunzehnten Jahrhunderts ''.
BBISFB HEBDEBS AN QLEIM 59
jungen Braut, da es uns dann so so ums Herz ist; wir gehen
indess und
die Götter seyn mit uns.
Zum Seckend. Taschenbuch, Quart 1. habe ich nichts gegeben.
Die Elegieen sind von Seckend. und Knebel; A. weiss ich nicht, von
wem? Die Spanische Romanze, Blanka, ist allein von mir; vor vie-
len Jahren ins Tiefurter Journal gegeben, das damals als Zeitveilxeib
geschrieben, nicht gedruckt ward. Daher hat Seckend. den verges-
senen Schmetterling erbeutet Im 2ten St kommen einige Stücke von
mir vor, worunter Ihnen ein paar gefallen werden. Ich habe mich
genannt: denn die Namlosigkeit wird mir immer mehr zuwider. Lei-
der habe ich am Namen nichts mehr zu verlieren und Gottlob nichts
m
mehr zu erbeuten. So gehe ich ins Neue Jahrhundert
Gegen Ostern wird Sie eine Göttin besuchen i, die Sie einst
wünschten. Möchte sie auch seyn, wie Sie sie wünschten. Vielleicht
geschieht mit ihr auch ein Wunder, dass sich ihr buntes Gewand in
ein Schnee- oder vielmehr Silberweisses verwandelt
Wohlan dann, Lieber, Glück auf! mit allen den Ihrigen im Hütt-
chen. Wie viele unsrer Freunde haben das Jahrhundert 8 nicht erlebt;
GotÜob wir leben. Vivamus igitur, nosque amemus.
^^ Herder.
57. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 6. März 1801.
Unser Stillschweigen wird Ihnen gesagt haben, Theuerster Unver-
gesslicher, dass es mit uns auch nicht zum besten stand 2. Mein Mann
war den ganzen Februar unwohl und gedrückt. Er verlohr durch den
Tod zwei sehr wackre Collegen, worunter der Eine der Instructor
imsres Erbprinzen und seiner Geschwister gewesen war — ein treflicher
Lehrer — der andere war die rechte Hand des Consistoriums für die
Waisen und Armen. Beide Verluste haben meinen Mann sehr ange-
grijBfen.
Nun Gottlob dass Sie leben und dass Sie noch Freude imd
Wohlseyn um sich verbreiten. Dass nur das Gute des Charakters
nur das menschenfreundliche, liebende, thätige im Andenken
zurückbleibt, das haben wir bei diesen zwei Männern lebhaft gefühlt —
Man hat bisher soviel von Tod und Sterben gehört — aber das Hören
aus der Feme ist nicht das, als wenn uns bekannte verdiente Männer
1) Adrastea. Siehe den folgenden brief vom 30. märz.
2) Das lezte schreiben war das vorhergehende vom 19. Januar.
60 PAWKL
in der Nähe, von der Seite verschwinden. Solche Erfahrungen spre-
chen dann sehr ernsthaft zu einem. Ach ich habe Ihnen so lange
schon schreiben wollen — aber ich habe nebst meinem eignen Leiden
mit meinem Mann gelitten. Der schlaffe Winter hat ihm gar nicht
wohl gethan. Der beständige Wechseleindruck vom Körper auf die
Seele und von der Seele auf den Körper hat unsers Doctors Kunst
recht in Athem gehalten. Nun Sie verzeihen unser Schweigen, nach-
sichtsvoller Freund! Bleiben Sie nur jetzt gesund und senden uns
freundliche Worte; denn der Mensch lebt nicht allein vom Brodt usw.
Ihr schönes Gedicht fängt den Monath März an^. Der erstaun-
lich gelehrte Böttiger war recht entzückt über Ihr Lob^. Ich soll
das schönste von ihm Ihnen wieder zurücksagen. Es ist sonderbar wie
diese ernste Zeiten, uns auch ernst und streng selbst machen. — Wir
sehen den erstaunlich gelehrten Mann seltner. — Mein Mann hat aller-
dings dem braven Körte eine Vorrede zum rothen Buch^ versprochen;
er will auch sein Wort halten, sobald Körte die Stücke in Ordnung
hat. Denn, theurer verständiger Freund, Sie schmähen doch nicht
über unsem Wunsch wenn wir 1) die schweren Namen, die der Jugend
nicht leicht genug im Gedächtniss bleiben, etwas verändert, oder be-
kannter gemacht wünschten? 2) Sollten nicht die Perioden hie und
da auch leichter, einschmeichelnder für die Jugend gemacht werden
können? Würden sie nicht dadurch selbst orientalischer, d. i. noch
einfacher, schöner, und für die Jugend (der Sie es doch einmal bestimmt
haben) passender werden?* Ich lege Ihnen dies ans Herz. Spricht Ihr
Geist und Genius Ja dazu — so werden Sie mit oder ohne Körte
Hand anlegen und das Werk alsdann meinem Mann senden. Sie selbst
aber müssen ja nicht der Verleger werden, sonst bleibt das liebe Gut
wieder oben auf dem Boden liegen, und Sie haben ja immer ungeheu-
ren Schaden davon. Ich sollte nur die Herzensschwester seyn, ich
wollte ihnen hübsch vorrechnen wie unrecht Sie thun, auf eigne Kosten
drucken zu lassen. Das muss kein gescheuter Mann thun. — Mein
Mann — kann heute nicht schreiben — ich soll Ihnen aber sagen,
1) An den ersten Jänner 1801. N. T. Merkur 1801 s. 163.
2) Gleim äusserte sich in einem briefe an Herder (8. febr.) sehr lobend über
Böttigers Recension von Herders Terpsichore und bat Herder, ihm für das gemachte
vergnügen „seinen Geistdanf zu sagen.
3) Die von Körte veranstaltete zweite ausgäbe. Das buch erschien ohne die
vorrede. Siehe die folgenden briefe.
4) Vgl. Gleims widerlegeude entgegnung in seinem antwortschreiben vom
11. märz.
BHIKFE HERBERS AN GLEIM 61
dass sich im Orient, im Persischen, ungemein schöne wohlklingende
Namen, bedeutend auf die Stelle sich auffinden, worüber Sie selbst
die grösste Freude haben werden. Er grüsst Sie 1000 mal — und
will bald gedruckt bei Ihnen erscheinen i.
58. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 30. März 1801.
Ich möchte das köstlichste Räucherwerk auf den Altar des 2. Aprils
streuen, um die Nebel zu vertreiben, die um Sie waren, da Sie den
letzten Brief schrieben 2, Einziger. Die Abendröthe Ihres Lebens muss
der Morgenröthe und dem Tag gleichen.
An jenem Tage wehten die Winde sanft.
Und kündigten der Erde den Lusttag an;
Die Blumen blühten, und am Abend
Träufelte leiser der Abendregen.
Als dich 0 Sohn der schöneren Grazie,
Die Mutter sanft im Arme zuerst umfieng.
Aus einer Himmelsmutter Armen
Dich, ein Geschenk, an das Herz sich drückte.
Feiern wir doch diesen goldenen Augenblick und vergessen die
ganze Welt.
Mein Mann wird Ihnen sagen, dass Sie wegen dem rothen Buch
recht haben. — Ich habe in der Dumpfheit meines Sinnes Ihnen erzehlt,
was hie und da ein Leser über das rothe Buch gewünscht hatte. Das
hätte ich nicht sollen. Das rothe Buch ist kein gemeines, hin und
herzudrehendes Machwerk, es ist Eingebung, und muss es bleiben.
Der Leser lese es dem ungewohnten Ohre einmal vor, und es wirds
vernehmen. Also darinnen völlig Eins — und also freundlich umher-
geschaut Bester. Sie haben des Edeln Samen viel gestreut — er ist auf-
gegangen und wird femer aufgehen, denn es ist ein ewiger und
unvergänglicher. Auch mich schauen Sie wieder freundlich an. Aus
liebe zu Ihnen hatte ich etwas albernes geschrieben — übergeben Sie
jenen Brief den Flammen, wenn es nicht schon geschehen ist. Sie
haben indessen die Adrastea erhalten, Theuerster — lesen Sie sie jnit
Ihrer alten treuen Liebe, mit Ihren Grundsätzen, die ja ganz die mei-
nes Mannes auch sind. Nur Bande des Herzens und Charakters kön-
nen eine Freundschaft knüpfen, wie die unsrige, übers Grab hin.
1) Adrastea. Siehe den folgenden brief.
2) In dem schreiben vom 30. dec. D. s. 305.
62 PAWEL
Dass mein Mann Ihren Beifall hofft, und wünscht — das sagen
Sie sich ja selbst schon. — Diese Adrastea macht uns die Herzen kund
und offenbar — Ach fallen Sie nicht auch ab, sonst könnte der Spruch
erfüllt werden: „und sie verliessen ihn alle". Doch wie könnten Sie
das — da Sie selbst den Geist und die Anwendung der Geschichte,
den Gebrauch und die rechte Anwendung der Wissenschaften zur Cul-
tur der Menschen nur zu betrachten und diese Grundsätze ins Leben
zu verbreiten gewohnt sind. Auf diesem Standpunct lösen sich, auch
die schmerzhaftesten Misklänge, doch endlich in Harmonie auf.
Seyn imd bleiben Sie uns hold und gut Einziger — unsre liebe
und Verehrung ist unvergänglich. Wir grüssen die Herzensschwester
und was Sie lieben herzlich. Ihre
C. H
Zusatz Herders an Gleim.
An die Adrastea, Bester, haben Sie mich so oft erinnert, dass
ich sie gewissermassen für Ihr Werk halte. Für Wahrheit und Eecht
stehn Sie gewiss, gesetzt, dass Sie auch hie und da dies und jenes
anders ansehn und beurtheilen sollten. Das schadet der Göttinn nicht.
Also
Herder an Gleim.
Gleimio
Adrasteam Nemesin
d. d. d.
Herder.
Dass Sie mich von der Vorrednerei zu einer Schrift, die keiner
Vorrede bedarf, erlöset und absolvirt haben; dafür Dank!!! Ich wüste
nicht, was ich sagen sollte, wüste eigentlich auch vom ganzen Ver-
sprechen nichts: wie, wenn, bei welcher Gelegenheit es gesagt worden.
(Siehe hinten die Anmerkung). Das weiss ich, dass Sie zu Olims Zeit
eine Vorrede zu den Fabeln von mir verlangten; wie lange ist das
eben ? Seitdem sind die Fabeln ohne Vorrede erschienen und befinden
sich wohl; was soll ich zum rothen Buch vorreden? Mahomed sagte:
„ich bin vom Himmel gesandt. Euer Prophet; wer will mein Wezir
seyn? (ohne Vorrede.) Ali stand auf und sagte. Ich! Du bist der
Prophet des Herren! Der ganze Stamm folgte". Du bist der Prophet
des Herrn! und ich dein Ali, sage ich gehorsamst sans phrase et sans
preface. — Veränderung der Namen ist auch nicht nöthig. Man ist
an diese und an ähnliche gewohnt; sie sind wohlklingend, und im
Himmel, wo bekanntlich nur orientalisch gesprochen wird und wir
BRIEFK HERDERS AN OLRIM 63
uns alle verstehen, spricht man in dieser Mundart. Dank Ihnen für
die Worte über Erdmannsdorff. Videbimus ubi reponendus sit dominus.
"Wenn Sie an Bälde gedenken, sprechen Sie wie aus dem Todten-
reich. Wer denkt jetzt an Bälde?
Chor: Ja Bälde!
Leben Sie wohl. Wenn ich einmal Zeit habe, will ich sehen,
ob er nicht einen Bruder findet, und Terpsichore sich zur Adrastea
gesellen kann. Bis dahin bin ich mit Wünschen zum häuslichen Fest-
altar, wie mit Gruss und Treue Ihr
alter H.
Zusatz von Herders gattin.
Ei, ei, mein lieber Gemahl, Sie haben ein schwaches Gedächt-
niss — es war vor 2 Jahren da der Wilhelm Körte seinem Oncle eine
heimliche Freude mit einer neuen Ausgabe des rothen Buchs machen
wollte und meinen Mann um eine Vorrede bat — nemlich um ein
hübsches Wort — es sollte ja keine Deduction seyn — und da ver-
sprachs mein Mann dem guten Neffen der dem guten Oncle Freude
machen wollte — Wenn Körte unsre Briefe aufgehoben hat, so kön-
nen Sie als Belege gegen den H. Yicepraesident dienen. Adio, adio.
Ich wünsche Ihnen allen ein besseres Gedächtniss und einen recht
freundlichen Tag.
59. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 10. Aug. 1801.
Theuerster, Geliebtester.
Ihre dictierten Zeilen vom 20. Jul.^ haben wir erhalten; ich kann
aber heute nicht darauf antworten, sonst müsste ich bitter klagen um
Ihre Augen. Nur einige Nachricht muss ich Ihnen von unsrer Keise
geben, die wir nach Baiem zu Adelbert thun. übermorgen gehts
durchs Voigtland, über Baireuth, Amberg und Waldmünchen, nach
Arnschwang, wo wir unter dem Dach unsres Sohnes einige Wochen
zu leben gedenken. Mein Mann hat eine Entlastung seiner Geschäfte
höchst nöthig. In ein Bad wollte er nicht Adelbert wünscht unsre
Gegenwart; und so macht sich die Reise. Wir werden etwa 5 — 6 Wo-
chen ausbleiben. Bei unsrer Heimkunft sollen Sie sogleich von uns
hören*, und ich will Ihnen von den Bergen und Wäldern Baiems
erzehlen. Merkwürdige Städte dieses Landes werden wir nicht auf-
1) D. 8. 292.
2) Herders gattin schrieb erst am 1. november.
64 PAWBL
suchen ; dazu gehört Zeit und Geld. Nur Einsamkeit und Stille suchen
wir, und die hoffen wir bei Adelbert zu finden. 0 könnte ich ein
Mittel für Ihre Augen finden! Auch Ihre dictierten Briefe sind uns
theuer und werth. Senden Sie uns dergleichen unter der gewöhn-
lichen Adresse hierher — unser Doctor sendet sie uns zu. Mein Mann
ist unter Rechnungsabnahmen und athmet kaum. Verzeihen Sie dass
er Ihnen nicht selbst Adieu schreibt. Sein Geist und Herz ist bei
Ihnen! Sie sind ihm doch noch gut und glauben doch nicht, dass er
aus der Gnade Gottes gefallen ist? Bonstetten, der Begnadigte, ist
nicht bei uns gewesen. Ach Tlieuerster, wir sind alle arme Sünder
vor Gott — nur die liebe hält die Freunde und die Welt zusammen.
Entziehen Sie uns Ihre Liebe nicht. Auch entfernt sind wir Ihnen
und den Theuren im Hüttchen nahe.
Ihre
ewige C. H.
60. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 18. Dec. 1801.
— die Hüllet Es wird ja auch wohl wieder anders werden. Das 3. St.
der Adrastea wird in 3 — 4 Wochen fertigt. — An dieser späten Er-
scheinung ist nun mehr der Drucker als der Autor schuld. Die Welt
hat gar zu viel Geist und muss ihn bekannt machen — die Geschäf-
tigen laufen ihm alle den Rang ab.
— Lessing steht^ Nun lassen Sie uns bald ein freundliches Wort
hören und dictiern einen langen grossen Brief, geliebter Freund, und
sagen uns wie es Ihnen geht und der Herzensschwester, die Ihre Lei-
den gewiss doppelt mit trägt. Vernehmen Sie die innere Sonne seines
Lebens, treue Gefährtin, Pflegerin und Herzensschwester! Was macht
Körte? wo ist er?* Sagen Sie uns auch etwas von seinem Leben imd
Thun. Das ganze Hüttchen und was Ihnen angehört, die gute Madll
Keller^ mit eingeschlossen, ist von uns allen herzlich gegrüsst. Und
bei Ihnen^ —
1) D. s. 294 zeile 4 von unten.
2) Den 1. Januar 1802 sehreibt sie noch: „Bald wird dieser Raphael Ihnen das
dritte Stück der Adrastea vorlesen". Die Sendung erfolgte erst am 18. februar. Siebe
den folgenden brief gleichen datums.
3) D. z. 17 von unten.
4) Körte begab sich in folge eines bruchs zwischen ihm und dem seines angen-
leidens wegen launischen Gleim anfangs november nach Berlin.
5) Tochter eines benachbarten pfarrers, Gleims ^gehülfin".
6) D. zeile 18 von unten.
BBIEFE HERDERS AN GLEDf 65
61. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 15. Jan. 1802.
Theuerster, an den wir täglich denken! — Ach Gott könnten wir
nur Abends ein Stündchen zu Ihnen fliegen ! Wäre die Jahreszeit nicht
so strenge und der Patienten weniger, Gottfried würde zu Ihnen flie-
gen und wenigstens seine Kunst versuchen, Ihnen den Schlaf wieder
zu verschaffen.
Über Bothes Unglück sind wir recht erschrocken ^ Mein Mann
hat seiner Übersetzung des Euripides in der Adrastea mit überzeu-
gendem Lob gedacht. Er achtet das poetische melodische Gefühl die-
ses Mannes recht hoch. Welch eine hai*te Prüfung ist ein solchog
Unglück. — Ich habe gestern nach Leipzig um das Buch geschrieben
„Auf der Erde giebts ärgere Teufel". Sobald es kommt, sollen Sies
gleich erhalten. Hier in Weimar ists nicht. Wir umarmen Sie und
die Herzensschwester mit ewiger Liebe.
62. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 18. Febr. 1802.
Theuerster Einziger. Das 3te Stück der Adrastea kommt endlich
hiebei. Verzeihen Sie die Verspätung. Wir waren aber in Disput mit
Hartknoch — wir wollten dass er einen Titel wie zu den vorigen
Stücken liefern sollte — er that es aber nicht und meinte das 3te und
4te Stück soll nah aufeinander folgen, die Leute würden gleich in Einem
Band zusammenfinden und brauchten daher nur Einen Titel. Dies ist
die Ursache dieses Misstandes der mir sehr misfällt. Möge Ihnen der
Inhalt dieses 3ten Stückes gefallen bester Freund. Ihr Urtheil über
die Fabel, ob es mein Mann so getroffen hat, ist ihm vom grössten
Werth. Sagen Sie ihm bald ein freundliches Wort, Meister des Schö-
nen, Guten und Wahren. Sie selbst und Ihre grossen Verdienste kom-
men in die Stücke wenn Friedrich kommt. Sie, Patriot der Deut-
schen von Herz und Geist! darauf freue ich mich! — Leben Sie für
heute wohl, Ewigtheuerstcr Freund, und liebste Herzensschwester.
Gott schenke Ihnen und uns Gedult bis der erfreuende Frühling kommt
und Sie die Nachtigallen im Garten wieder hören. 0 die Natur ist
die einzige Trösterin für alle Leiden! dass wir doch das Bild von ihr,
einer liebenden Mutter nie vergessen. Ewig sind wir und bleiben
wir die Ihrigen.
63. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 5. April 1802.
Ewig theuerster. Ich habe an Ihrem lieben Fest, dem 2. april,
von morgens 2 Uhr an — nur in Schmerzen denken können an die-
1) Vgl. Gleims brief vom 20. Januar und das antwortschreiben von Herders
gattin vom 5. februar.
ZEITSCHBIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXV. 5
66 PAWEL
sem frohen Tag. Auch mein Mann war zwischen Arbeit und fremden
Besuch getheilt dass er auch nicht zum Athem kommen konnte, sonst
hätte er Ihnen wenigstens Kuss und Gruss diesen Tag zugeschickt —
Wir hoffen, dass Sie uns in Ihrem Herzen nicht vermisst haben, wenn
der Kreis der Freunde an diesem Tag um Sie war. Wir waren bei
Ihnen mit Herz und Seele. — die bessere Zeit bringend Im IV.
Stück der Adrastea p. 287 steht über Bothes Übersetzung die Anmer-
kung ■) „Wer die Griechen in ihrer Sprache nicht lesen kann, lese
sich Bothes Übersetzung des Euripides laut vor. Ein erster kühner
Versuch dem andere folgen mögen. In ihm wird ein Geist laut und
lebendig, an den uns eine schleichende Prosa- Übersetzung kaum erin-
nert" 2. Die Stimmen .. folgen mögen^. Wieland hat den Ion
des Euripides übersetzt; er kommt in das nächste Stück des attischen
Museums. Er kam darauf, da eben auf dem hies. Theater ein Ion
von Schlegel aufgeführt worden ist; ein freies freches Stück, eine Ver-
sündigung an den Griechen, und an dem Schönen und Edeln. Statt
der Pallas, wie sie beim Euripides erscheint, erschien Apollo und
bedankte sich für die schöne Lust die er in der Hole mit der Dame
gehabt hatte!!! Man traute nicht mehr aufzusehen. Solche schamlose
Frechheit will man hier für griechischen Geschmack ausgeben. Dass
Sie dergleichen Versündigungen weder sehen noch hören — darüber
freuen Sie sich. Nun genug für heute.
64. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 13. Mai 1802.
Wieder eine so lange Pause, theurer Herzensfreund! Verzeihen
Sie der armen Geplagten, und noch mehr verzeihen Sie meinem Mann,
dem armen Geplagten! Sehen Sie die hier kommende 5te Adrastea
als den Inhalt seiner Briefe an, die er Ihnen bisher hätte schreiben
können und sollen*. Die Preussische Krone ist Ihnen gewidmet,
ächter Patriot! Wir verlangen Ihre Gedanken hierüber zu hören.
Mann Gottes und Prophet. Schreiben Sie nur bald, Ihre Stimme ist
ein Ton aus der Welt der Wahrheit! Sie sind mir doch nicht böse,
dass ich einige Gedichte aus den Zeitgedichten, denen, die Sie für den
Merkur sandten, beigestellt habe. Es war gegen Ihren Willen.
1) D. s. 302 zeile 11 von unten.
2) Und am 5. febr. schreibt sie an Oieim : „Meines Mannes Note in der Adra-
stea 4 1. St. heisst also: "Wer die Griechen in ihrer Sprache usw.
3) Zeile 8 von unten.
4) Vgl. Gleiins antwortschreibeu vom 26. mai.
BBIEFB HERDERS AN GLEEM 67
Uns allen dünkte aber, es wäre nicht unrecht, dass sie bekannt wür-
den. — Ich bin aber nicht ruhig bis ich Ihre Absolution liierüber habe.
Mit dem Besuch unsres guten Doctors heissts denn: der Mensch
denkt und Gott lenkt —
Ich beneide die treffliche Voss dass sie für den Bothe diess
zusammengebracht hat. Die Emigranten haben mir hier alle Brunnen
und Quellen erschöpft. Auch habe ich 3 Wittwen mit 6 unversorgten
Kindern auf meine Schultern und mein Herz genommen. Sie können
sich nicht denken, wie sehr dieser Theil hier verlassen ist, und wie
es mir schwer hielt einige Beiträge für diese sichtbar Leidenden zu
erhalten. Bei 'solchen Gelegenheiten muss man wie König Karl XII,
selbst vorangehen.
Indessen will ich es noch nicht aufgeben für Bothe etwas zu hof-
fen, wenn Sie mir nur einen kleinen Aufsatz hierüber, den ich pro-
ducieren könnte, gefällig schicken wollten. Ich mag unsere paar Louis-
d'or nicht so allein schicken^. Mein Mann und ich umarmen Sie und
die Herzensschwester mit ewiger Liebe. Gottes Engel seien bei Ihnen
— sie machen Urnen das liebe Hüttchen zu einem Sonnentempel. Wir
alle gross und klein senden Ihnen unsre Wünsche, die das Wort nicht
ausspricht Ihre
C. H.
65. Herders gattin an Gleim. Weimar den 16 July 1802.
Theuerster Einziger. Es steht nicht gut bei mir, darum habe
ich bisher geschwiegen. Warum sollte ich durch unsre Leiden die
Ihrigen vermehren. Der Rheumatism. der sich hartnäckig bei meinem
Mann auf die Augen geworfen hat, und andere Übel, erfordern ohne
Aufschub eine ernstliche Cur. Er geht daher in wenig Tagen nach
Achen und hofft bei dieser Quelle, die ihm einmal so grosse Dienste
geleistet hat, auch jetzt wieder Hülfe zu finden. —
Der gute Bothe hat meinem Mann einen Theil des Euripides
zugeeignet, und ihm eine wahre Freude damit gemacht Gern würde
er ihm selbst dafür danken, seine Augen aber erlauben es nicht.
Bester, er bittet Sie, ihm in seinem Namen dafür zu danken — er
sinnt darauf wie er ihm seinen Dank thätig zeigen kann. Was heute
nicht geschieht kann morgen geschehen.
1) Gleim trug sich mit der Idee, für Bothe eine subscription oinzuleitoii, gab
sie aber später auf. ^Den Plau**, schreibt er den 20. mai aii Hordere gattiu, „für
den guten Bothe, den Hut in der Hand, ein Almosen zu sammeln, hab' ich, weU
ich ihn seihet nicht ausführen kann, aufgegeben*^.
5*
68 PAWKL
Und Sie Einziger verzeihen, dass auch Ihnen mein Mann nicht
schreibt Er sitzt noch unter Acten und Einrichtung zur Abreise, die
seine Augen über Gebühr angreifen. — Das 6te Stück der Adrastea
werden Sie durch unsem Buchhändler spedirt erhaltend Nun leben
Sie wohl geliebter Einziger und Mann der alten Zeit Gedenken Sie
unsrer auch mit alter Liebe — mein Herz brannte mir oft Ihnen zu
schreiben, aber meine Kräfte reichen nicht hin.
Mein Mann schickt Ihnen hier einen Orpheus von Thorild, da
er Ihnen von sich selbst nichts schicken kann. 0 leben Sie wohl —
alles Gute, was Sie so reichlich thaten, versammle sich jetzt um Sie
wie eine Gesellschaft guter Engel und mache Ihnen das Hüttchen zum
Himmel.
66. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 28. Oct 1802.
Wir haben Sie nicht vergessen, einziger, unvergesslicher Freund! —
Seit dem Uten dieses sind wir erst wieder hier*. Ich war aber in
den ersten 14 Tagen recht krank, und unfähig zu allen Geschäften.
Mein Inneres rufte mich schon lange, Ihnen zu schreiben — und jetzt
kommt Ihr lieber Brief und beschämt mich. Die Cur in Achen ist
meinem Mann ziemlich wohl bekommen — er spürte abwechselnd dass
es mit seinen Augen besser geht — auch seine andern Beschwerden
des Körpers fühlte er erleichtert — Wir waren vom 27. July bis zum
3. Sept in dem theuren theuren Achen! Das warme heisse Wetter war
für des Vaters Cur vortreflich, aber für mich höchst angreifend war
der Schwefeldunst der heissen Quelle, die in dem Hause war, worin-
nen wir logirten. Indessen zogen wir mit Dank gegen Gott von die-
ser Gesundheit bringenden Quelle. Mein Mann fühlte nach und nach
eine bessere Gesundheit bei sich einkehren. Die Bewegung der Reise,
die gesunde Luft in Stachesried trugen das ihrige bei. Wir fanden
Adelbert in voller Thätigkeit —
Auf dies alles drückte das Siegel, die Ankunft der Frau von
Berg in Stachesried. Sie hatte in Eger den Brunnen gebraucht und
da sie sich in der Nähe von Stachesried glaubte, so brachte sie selbst
einen jungen Menschen, der ihr anvertraut ward, ins Oconomische
Institut. Ihr Ersclieinen war uns überraschend und wohlthätig. —
Wir reisten vergnügt von Stachesried ab. Jetzt ist mein Mann
in die volle Amtsarbeit wieder versunken. Ach könnte er seine Augen
nur diesen Winter schonen!
1) Gieim antwortet hierauf am 14. nov.: ^Noch haV ich so viel Leben, dass
ich ein Stück von der herrlichen Adrastea noch erwarten kann*^.
2) Von Aachen.
BRIEFE HERDERS AN OLEIM 69
Tausendmal umarmt er Sie seinen ewigen Freund, imd sendet
statt seines Briefs seine Ariadne in Viewegs Taschenbuch ^ Geden-
ken Sie seiner in den schlaflosen Nächten. Täglich und stündlich
schicken wir Wünsche zum Himmel für Sie, und die gute Schwester,
die wir eben so herzlich und treu umarmen.
Ihr Lied hat uns sehr sehr gefallen. Böttger hat es zwar schon
in den Septemb. einrücken lassen und die ihm nachgeschickte Strophe
hinten andrucken lassen — es ist aber gemeinschaftl. beschlossen, dass
es in den November ordentlich und ganz eingerückt werde, damit, es
seine volle Wirkung thue. In diesem Lied sind Sie ein Priester
der heiligen Natur. Nun vor heute genug Freund Gottes! Ich bin
nach der langen Abwesenheit noch nicht so recht bei mir zu Hause —
oder vielmehr fühle ich mich abgespannt, und möchte nur Ruhe, Ruhe
gemessen.
Mit unsterblicher Liebe auf Erden und im Himmel sind wir die
Ihrigen, Einziger. Carol. Herder.
67. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 30. Dec. 1802.
. . Lebensgefährtin umgesehen^. Die Vorsehung hat ihn eine
finden lassen — die zweite Tochter des Herrn von Münchhausen, wohn-
haft auf seinem Gut Herrn -Gosserstädt (5 Stunden von hier) ist seine
Braut. H. v. Münchhausen ist der Sohn des ehemaligen Ministers bei
Friedrich dem Einzigen, bekannt durch seine vesten Grundsätze. Der
Sohn gleicht ihm auch hierin; er ist dabei ein vortreflicher Landwirth,
und erzieht seine Kinder häuslich und für die Landwirthschaft. — Seine
zweite Tochter ist ein verständiges gutmüthiges sanftes Wesen, die
einmal eine liebende Gattin werden wird — ihre Jugend allein machte
mich sorglich, denn sie ist erst 15 Jahre alt. Adelbert wül aber noch
1 — IV2 Jahr auf sie und sein Glück warten. Und so wird denn die
Vorsehung alles zum Besten lenken. H. v. Münchhausen ist so honett
und übernimmt den an Ostern zu zahlenden Termin von 7600 Rth.
wodurch Adelbert sehr erleichtert wird.
Geben Sie nun auch Ihres Herzens Segen dazu, Geliebter. Gott
lasse uns Freude und Glück an diesem Bündniss erleben! Adelbert
ist in der Woche vor Weihn. wieder nach Stachesried abgereist. Es
gab bei seiner Anwesenheit so viele und mannigfaltige Geschäfte, dies
1) flÜDseres Herders Melodrama ist ein vortreffliches Gedicht" äussert darüber
Gleim an Herders gattin am 14. november.
2) D. s. 305 Zeile 8 von oben.
70 PAWJiL, BBIEFB HERDERS AN aLEDI
Anliegen mit eingeschlossen, dass Ihre Liebe und Güte mein Schwei-
gen verzeihen wird.
Über Ihre gesandten lieben Poesien ^ nächstens von dem was uns
vorzüglich gefallen hat — lichte Blättchen von ihm^. Von Will-
manns sollen wir noch Calenders erhalten, worinnen meines Mannes
Kalligenia steht. Sie müssen sie sich vorlesen lassen.
68. Herders gattin an Gleim. Weimar d. 4. Febr. 1803.
Sie sind krank gewesen, schreibt mir der gute Schmidt — Ach
warum können wir Sie nicht die Abendstunden besuchen! Statt unser
schickt Ihnen mein Mann den entfesselten Prometheus, wovon ich Ihnen
letzthin geschrieben habe. Er fängt das 7te Stück der Adrastea an.
Sobald das 7. Stück fertig ist, sollen Sie es haben. Ach vergessen Sie
uns doch nicht, und dictiren nur einige Worte an uns — oder die
Herzensschwester dictirt Lassen Sie uns nicht ganz ohne Ihre Worte
der Liebe.
Dem lieben Schmidt danke ich vorläufig für seinen freundschaft-
lichen Brief — ich bin seit drei Wochen nicht wohl — die Kälte ist
mir sehr empfindlich und macht mich leiden — der Freund wird mich
entschuldigen. Ich bin der Hauss- und Familien -Secretaire — Da
giebts dies und jenes zu rathen, zu ordnen, zu sorgen — Niemand
kennt der Eltern Liebe, der Eltern Sorge, als der sie selbst im Her-
zen trägt Aber noch Einer ist, der sorgen hilft über alles Hoffen
und wünschen. Sein Auge reicht weiter als das unsrige — Er macht
das Schwerste leicht, durch Liebe und Gedult
Die Augen meines Mannes machen mir noch viele Sorgen. Ver-
zeihen Sie ihm dass er schweigend ist — er muss sich schonen. Im
Geist ist er bei Ihnen — wie oft! wie oft sind wir beide bei Ihnen
beiden Herzensfreunden!
Auf immer und immer
die treue
C. H.
Finde Sie doch dies Briefchen heiter und liebend an uns denkend!
1) „Ihnen, Herzensschwester, ein Zeichen meines Lebens zu geben, send' ich
Ihnen hierbey ein Möpschen, das einst der Schoosshund der Gräfin Christine Stolberg
gewesen ist, und ihr gestohlen wui'de, worüber sie un tröstbar war. Eingemischte
ernsthafte Gedanken mögen den kleinen Trostgedichten einigen "Werth geben".
2) D. s. 305 zeile 25 von oben.
WÄHRING-WIEN. J. PAWEL.
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FRIEDRICH ZARNCKE.i
In der nacht vom 14. zum 15. Oktober 1891 starb Friedrich Zarncko nach
mehrwöchigem schwerem leiden. Sein name ist in der germanistischen weit und
über sie hinaus ein so bekanter und vielgenanter, sein einfluss auf die im lezten
vierteljahrhundert ausgebildete Germanistengeneration ein so weitreichender, dass auch
der leserkreis dieser Zeitschrift, zu deren mitarbeiten! er nicht gehörte, gern einen
blick auf dies nunmehr vollendete, arbeitsvolle leben werfen wird.
Friedrich Zamcke wurde am 7. juli 1825 in dem dorfe Zahrenstorf bei Brüel
in Mecklenburg -Schwerin geboren. Sein vater war ein würdiger geistlicher, der, frei
von dogmatischer befangenheit, mit echter frömmigkeit eine edele geistesbildung zu
vereinigen wüste, ein hochgeachteter prediger, Seelsorger und berater seiner gemeinde,
ein vortreflicher lehrer und erzieher seiner kinder. Seine gediegenen kentnisse sezten
ihn in den stand, seinem Friedrich, den er mit einigen Zöglingen zusammen unter-
richtete, eine gute Vorbildung für obersekunda zu geben; und seine lehrart war eine
so ausgezeichnete, dass der söhn noch in seinem lezten lebensjahre bekent, ihn habe
nie der gedanke verlassen, dass er alles, was er etwa wissenschaftlich zu leisten
vermocht, doch nui* dem wunderbar klaren untenichte verdanke, durch den der vater
ibm die grundlage seines denkens geschaffen hatte. Lehre und vorbild dieses man-
nes, zugleich der einfluss einer rastlos tätigen mutier, treuer familiensinn und alle
die woltätigen eindrücke, die gerade das ländliche pfarhaus einem jungen gemüte zu
geben vermag — das waren die gaben, die ihn begleiteten, als er ins leben hinaus-
trat In drei jähren absolvierte er die oberaten klassen des Eostocker gynmasiums,
und ostem 1844 konte er, mit einem glänzenden abgangszeugnis versehen, die dor-
tige Universität beziehen, um theologie und philologie zu studieren.
Die freudigen erwartungen, mit denen er an die theologischen Vorlesungen
herantrat, scheinen nicht befriedigt zu sein. Schon im verlaufe des ersten Seme-
sters gab er dies fach auf, während ein coUeg über deutsche litteraturgeschichte
beim professor Christian Wilbrandt den wissbegierigen jungen Studenten, der
schon damals schrieb, die litteratur sei von jeher sein Steckenpferd, auf das lebhaf-
teste zu germanistischen und ästhetischen Studien anregte. Nachdem er diese noch
das folgende semester hindurch unter Wilbrandt fortgesezt hatte, wante er sich
{ostem 1845) nach Leipzig. Und hier gab nun vor allem Moriz Haupt seiner wis-
senschaftlichen bildung die festere gmndlage. Haupt, der ihn im zweiten semester
zu seinem famulus machte, muss ihm von vornherein ein wohlwollendes Interesse
entgegengebracht haben. Gleich anfangs ermahnte er den sanguinischen jungen bur-
schenschafter, sich nicht in politische händel zu verwickeln; denn so sehr er selbst
auch der aufkeimenden politischen bewegung zustimme, so sei doch noch soviel
Unklarheit in ihr, dass eine tätige betoiligung an ihr nur ein hemnis für die ent-
wickelung eines Jünglings sein würde. Als er Zamckes „verliebe für das altdeutsche**
erfuhr, billigte er sie durchaus, warnte ihn aber, ja nicht etwa die klassische philo-
logie über ihr zu vergessen. Zamcke hat den rat getreulich befolgt, und während
der drei semester seines Leipziger aufenthaltes hat er beiden fächern ein eifriges Stu-
dium gewidmet Bei Gottfried Hermann hörte er Aeschylus, Thucydides und
Aristophanes; bei Haupt Babrius, Horaz, Dias, Tacitus Germania, geschichte der
1) Für flreimdliche anskonft aaf mancherlei anfragen und für bereitwillige mitteilong biographi-
schen roaterials sage ich aach an dieser stelle horm professor Ed. Zamcke und fräolein Ottilie
Zarncke in Leipzig, sowie herm prof. Zenker in Erlangen henlichen dank.
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altdeutschen poesie, Parzival, deutsche grammatik; bei Danzel geschichte der neue-
ren deutschen poesie und geschichte der bildenden künste. So sehr ihm Hermanns
philologische kritik und sein fliessendes latein in den interpretationskollegien impo-
nierte, so unklar schien ihm seine griechische und lateinische poetik und so kauder-
welsch sein deutsch. Durchwog des lobes voU ist er dagegen in briefen an seine
eitern über Haupts Vorlesungen, an denen er sich gar nicht satt hören konto. So
schreibt er am 12. mai 1845: „Haupt gefält mir von tag zu tag mehr. Du glaubst
nicht, mit welcher klai'heit und ruhigen besonnenhoit er spricht .... Was er im
coUeg gibt, ist in der tat ausgezeichnet; nicht sowol, weil es etwas neues ist, son-
dern weil er es so deutlich, in so correcter form und fassung demonstriert Er spricht
ganz frei und zeigt überall gründlichen fleiss und hellen verstand, zugleich gemüt
und hingebung genug, sich in ein produkt der litteratur hineinzuleben und den ein-
druck schön zu reproduzieren". Besonders wurde er, gleich im ersten Semester,
durch die Gennania-vorlesuDg zu Tacitus hiogezogen, in dessen Schriften er sich mit
einer wahrhaft schwärmerischen andacht und ehrfurcht vertiefte. Auch an Haupts
lateinischer goselschaft nahm er tätigen anteil, und seine erste arbeit, über die prae-
fatio des Livius, erhielt das für Zarnckes art sehr charakteristische prädikat einer
dissertatio accuraiissime conscripta, ne dicam fiimis accurate. — Daneben boten
ihm das Leipziger theator und die Dresdener kunstsammlungen reiche gelegenheit,
auch seine ästhetische bildung zu vervolkomneu ; den genossen von der burschen-
schaft, mit denen er im wissenschafQichen kränzchen fleissig die dramen unserer klas-
sikor behandelte, galt er auf littcrarisch- ästhetischem gebiet als zuverlässigster führer.
Mit empfohlungen von Haupt an Lachmanu versehen, siedelte er für das
Wintersemester 1846/47 nach Berlin über. Ob er seine absieht, in Lachmanns
Seminar und in seine deutsche geselschaft einzutreten, wirklich ausgeführt hat, scheint
sich nicht mehr ermitteln zu lassen. Auf seinem Berliner abgangszeugnisse ist nichts
davon bemerkt, so wenig wie von den Vorlesungen, die er bei Boeckh, Enke, Ranke,
Ritter, Trendelenburg wenigstens anfänglich gehört hat; nur je ein colleg bei Joh.
Franz und E. Ciirtius ist dort verzeichnet*. Jedesfals hat er Weihnachten 1850 bei einer
kürzeren anwesenheit in Berlin Lachmann und die brüder Grimm besucht imd freund-
lichen empfang bei ihnen gefunden. Auch suchte ihn Lachmann ebenso wie Haupt
in Leipzig auf. Von briefen der beiden, die er gelegentlich erwähnt, hat sich nichts
erhalten.
Gegen ende der Berliner Studienzeit beschäftigten ihn voi'ai'beiten zu einer
doctordissei*tatioD. Eine im jähre 1845 von der Rostocker Universität gestelte preis-
aufgabe: „Ist das tragische prinzip des Shakespeare und des Sophokles dasselbe?*
solte ihren gegenständ bilden. Doch ist die ai'beit augenscheinlich nicht zur Vollen-
dung gekommen. Nachdem er mit dem sommersemester 1847 in Rostock seine Stu-
dien abgeschlossen und ohne einreich ung einer schriftlichen arbeit das examen rigo-
rosum im deutschen, englischen und griechischen summa cum laude bestanden hatte,
wurde er am 20. Oktober zum doctor der philsosophie promoviert'.
Nach einiger zeit bot sich ihm eine beschäftigung, die seinen wissenschaft-
lichen neigungen und besti'ebungen vortreflich entsprach: die katalogisierung der wert-
volsten mid reichhaltigsten samlung älterer deutscher litteratur werke, der Meuse-
1) Doch mag Ijachmann ihm gestattet haben , an den Übungen , die er damals im anschluss an
die Vorlesung über deutsche grammatik abhielt, teilzunehmen, ohne diese zu belegen.
2) Reinhold Bechstein hatte die gute, diese notizen aus den akten der Roßtocker philoso-
phischen fakultät für mich zu ermitteln.
FBUDBICH ZABNCKE 73
baohsohen bibliothek. Diese im hinblick auf ihren etwaigen ankauf durch die
preussische regierung zu verzeichnen, war seit anfang des Jahres 1848 Zacher beru-
fen; im juni desselben Jahres wurde Zamcke beauftragt, zunächst neben Zacher, dann
allein die arbeit fortzusetzen. Ostern 1850 konte er den katalog ab^hliessen, und im
herbste desselben Jahres wurde der ankauf für die königliche bibliothek in Berlin vol-
zogen. Zacher hat in einem (in dieser Zeitschrift XX, 393 fg. mitgeteilten) briefe an
Weinhold ein anschauliches bild von seinem leben inmitten der bücherei auf Meuse-
bachs gut Alt-6eltow bei Potsdam entworfen. Unter diesen schätzen weilte auch
Zamcke, und die lange beschäftigung mit ihnen ist gewiss nicht nur für die ent-
wickelung einer gewissen samlerliebhaborei bei ihm, sondern auch für die ausbil-
dung der hauptrichtung seiner Studien, der richtung auf litte rar historische quel-
len forschung, von nicht geringer bedeutung geworden. Insbesondere forderte der
reichtum an deutschen inkunabeln zu eingehender beschäftigung mit der litteratur des
ausgehenden mittelalters heraus; Brants nan'enschiff lockte in 13 ausgaben, darunter
ein trefliches exemplar der editio princeps; und dass die ihm zugewante arbeit dem
fetten boden der Meusebachschen bibhothek entspross, hat Zamcke späterhin dadurch,
dass er die ausgäbe des Narrenschifö dem andenken des verdienten samlers widmete,
pietätvoll anerkant.
Zunächst aber galt es nun, nach beendigung der bibliothekarischen arbeit sich
nach einer festen tätigkeit umzusehen, die zugleich die weitere Verfolgung seines
eigentlichen lebensziels, des lemens und lehrens der deutschen philologie ermöglichte.
Wider lenkten sich seine blicke nach Leipzig, welches als Universität wie als mittel-
punkt des deutschen buchhandels die gewünschte gelegenheit am besten gewähren
konte. Mit dem bnchhändler Georg Wigand verabredete er ein untemehmen, zu
dessen leitung Zarncke bei der Vielseitigkeit seiner wissenschaftlichen interessen, wie
er sie später in seinen Schriften bewährte, vorzüglich geeignet war. Es galt die grün-
dung einer Wochenschrift, die eine volständige und schnelle Übersicht der gesamten
litterarischen tätigkeit Deutschlands vermitteln würde. Sie solte daher alle in den
deutschon buchhandel fallenden werke bibliographisch möglichst genau anzeigen, von
allen bedeutenderen wissenschaftlichen Zeitschriften eine gedrängte übersieht des
inhaltes bringen und zu allen wichtigeren büchem, sowie zu solchen, deren inhalt
und zweck aus dem titel allein nicht erkant werden könten, erklärende notizen und
kurze berichte liefern, um den leser mit dem werke seinem inhalt und seiner form
nach im algemeinen bekant zu machen und die Stellung desselben zu der übiigen
litteratur kui'z anzudeutend So ei'schien denn am 1. Oktober 1850 die erste nummer
des „Litterarischen centralblattes für Deutschland*^, dem Zamcke als
redakteur von da an eine hingebende tätigkeit bis an sein lebensende gewidmet hat.
Anfänglich macht sich, dem ursprünglichen plane gemäss, in den ai'tikeln des blattos
das rein bibliographische noch mehr bemerklich; blosse titelangaben sind nicht selten;
die reforate sind meist kurz, wenn auch in der regel schon mit einer beurteilung
verbunden; die gesamte deutsche litteratur wird berücksichtigt. Almählich tritt das
wissenschaftlich -kritische dement stärker hervor, die mbrik „poesie** fält fort, rein
bibliographisch werden nur noch die Zeitschriften, dissertationen und programme ver-
zeichnet, die blossen inhaltsangaben werden seltener, auf die Charakteristik der ein-
zelnen werke und auf das ui'teil über sie fält mehr und mehr der eigentliche Schwer-
punkt Es gelang Zamcke sehr bald die hervorragendsten gelehrten als mitarbeiter
1) Vgl. das Programm iu der ersten nommer.
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und naseweise abschrift*^ dieser vorläge (Litt, centralbl. 1854, sp. 116. Zur Nibelun-
genfrage s. 20). Es ist sehr zu bedauern, dass Zamoke in der alzu bescheidenen
meinung, die Wissenschaft habe nur gewonnen, wenn ihm ein mann zuvorgekommen
sei, „dessen längst anerkante Verdienste dazu beitragen würden, der Wahrheit die
gebührende geltung zu verschafEen*^, die eigene arbeit um der Holtzmannschen willen
zurückhielt. Denn darüber herscht jezt gewiss kein zweifei mehr unter den germa-
nistcn, dass die anschauungen, welche er in seiner schrift niedergelegt hatte, der
Wahrheit erheblich näher kamen als die Holtzmanns. Aber er gab sich gefangen.
Schon in der ersten anzeige der Untersuchungen (Litt. cbL a. a. o.) erklärt er die
meisten einwendungen gegen C aufgegeben zu haben, ja er wünscht geradezu, sich
schon volständig überzeugt erklären zu können: „denn welch gewinn wäre es, wenn
man sich mit voller gewissensruhe dem genusse des textes jener prachthandschrifk
hingeben könte, deren edler, aus einem gusse geflossener, massvoller stil auch in
dem blossen handschriften-abdruck zur bewunderung hinreisst*. Und in seiner
antritsvorlosung hat er dann, sichtlich unter dem eindruck solcher empfindungen, den
Übergang volzogen.
Die fteundlich bescheidenen, ehrenden werte, mit denen Zamoke am Schlüsse
dieser Vorlesung Moriz Haupts als seines lebrers und Vorgängers gedachte, werden
bei diesem wenig Widerhall gefunden haben. Denn gross war die entrüstung über
den angriff auf Lachmanns kritik. Im decemberheffce der Kieler monatsschrift ergieng
sich Müilenhoff über „die herren Holtzmann und Zarncke und das ABC der Nibe-
lungen'^ — leider in einem tone, der nur dazu angetan war, die gegner auch seinen
stichhaltigen argumenten unzugänglich und die sachliche fortführung der discussion
unmöglich zu machen. Es war „ein gift gefallen*^, an dem die germanistischen Stu-
dien lange krankten. Gegensätze wissenschaftlicher methode, wissenschaftlicher nei-
gungen und fähigkeiten hatten sich schliesslich so persönlich zugespizt, dass mistrauen
und geringschätzung zwischen anhängem und gegnem der Lachmannschen Nibelun-
genkritik geradezu traditionell wurde. Auch Zarncke hat darunter gelitten; nicht
allein insofern, als man auf jener seite seinen Verdiensten die gebührende anerken-
nung versagte. "Wer ihn wahrhaft schäzt, wird noch mehr bedauern, dass auch
ihm in der einzelkritik wie im gesamturteil über seine gegner der blick mehrfach
getrübt ward.
In der Nibelungenfrage verteidigte er — von den recensionen im Centralblatt
abgesehen — vor allem zwei jähre später in seiner ausgäbe und in den Beiträgen
zur erklärung und zur geschichte des Nibelungenliedes (Berichte der
Sachs, akad. VIII, 153 — 266) seinen Standpunkt. Auch wer diesen nicht teilt, muss
ihm für die saubere, handliche ausgäbe der redaktion C mit den zweckmässigen bei-
gaben, vor allem der musterhaft knappen und klaren einleitung, dank wissen; nicht
minder aber für die aus einem reichen schätze litterarischer, historischer und kultur-
geschichtlicher kentnisse geschöpften Sacherklärungen, die sich in jenen „Beiträgen*'
finden. Ein teil des aufsatzes im Jahrgang 1859 der Germania und die abhandlung
über die jagd im Nibelungenliede in Paul und Braunes Beiträgen vom jähre 1885 kön-
nen als foi*tsetzung dieser erläuterungen beti'achtet werden, die leider nicht zu einem
ui-sprünglich beabsichtigten roalkommentar vervolständigt und abgerundet wurden.
Schon seine Vorlesungen und die neuen auflagen seiner ausgäbe boten ihm die ver-
anlassung zur fortdauernden beschäftigung mit der Nibolungenfrage. In weitere kreise
drang noch einmal das kampfgetöse, als ihn im jahie 1877 eine gar zu souveiftne
äusserung Scherers über Lachmanns gegner zu einem heftigen angriff auf des meisters
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heptadengläubige jünger veranlasste. Drei jähre später spürte er, wie er mir damals
schrieb, grosse lost, ,, wider einmal mit frischen kräften in die Nibelungenfrage hin-
einzutreten*. Nach den weiteren werten dieses briefes hatte er sich schon damals
seinem ursprünglichen Standpunkt und demjenigen Bartschs insofern genähert, als er
einen grossen teil der plusstrophon in C aufgab, während er doch meinte, dass C in
viel mehr punkten als B die originale lesart biete; eine ansieht, die er dann 1887
auch in der ausgäbe formulierte \ An der Verwerfung der handschrift A hat er bis zulezt
festgehalten; und damit erachtete er auch die hedertheorie von vornherein für abgetan.
Mitten unter den stürmen des ersten Nibelungenstreites legte der junge pro-
fessor den grund zur eigenen häoslichkeii Am 9. april 1855 wurde er in der hei-
mat vom vater mit Anna Pauline Geitner aus Leipzig getraut. Neun jähre war
er mit ihr vereint; dann wurde sie ihm durch den tod entrissen; sie blieb ihm fürs
leben unersetzlich. Aber eine verwitwete Schwester, sein söhn und drei töchter, die
in seiner näheren und nächsten Umgebung blieben, haben ihm bis zulezt die Segnun-
gen des familienlebens erhalten.
Die junge ehe schien zunächst durch eine andere gefahr bedroht In rastloser
tätigkeit hatte Zamcke neben den Nibelungenarbeiten auch die ausführung eines teiles
des von Benecke vorbereiteten, von W. MüUer weiter bearbeiteten mittelhoch-
deutschen Wörterbuches übernommen und zugleich die von den Brant-studien
ausgegangenen forschungen zur älteren speciellen und algemeinen Universitätsgeschichte
eifrigst fortgesezi Die reihe seiner ausgaben von urkundlichen quellen zur geschichte
der Universität Leipzig war im 3. bände der abhandlungen der königlich sächsischen
geselschafk der Wissenschaften eröfnet Zur Verwirklichung des planes einer zusam-
menfassenden chai'akteristik des deutschen Universitätslebens im mittelalter war mit
der vorrede zu dieser publikation und mit dem ersten bände der unter dem titol
,iDie deutschen Universitäten im mittelalter*^ vereinigten quellenschriften
von algemeiner bedeutung der erste schritt getan. Eine anzahl ähnlicher bändchen
solte schnell folgen. Der ansehnliche quartband der Acta rectorum universitatis Lip-
äiensis war dem erscheinen nahe. Eine Untersuchung über das Muspilli war begon-
nen. Schon war auch seinen bestrebungen und leistungen durch die im Oktober 1858
erfolgte beförderung zum Ordinarius die wolverdiente anerkennung zu teil geworden.
Da schien es, als solte seinem mannigfaltigen schaffen vorschnell ein ende gesezt
werden.
Ein blutsturz warf ihn im juli 1859 auf das krankenlager, und die ersten zei-
chen einer tuberkulösen lungenerkrankung wurden bemerkt. Im Oktober war er so
weit erholt, dass es ihm möglich schien, sich zum winteraufenthalto nach Nizza auf-
zumachen. Aber auf der reise, in "Wien, befiel ihn eine neue, schwerere lungenblu-
tung, der bald noch andere folgten. Ei-st ende november konte die reise fortgesezt
werden; doch wurde jezt Venedig als näher liegendes ziel gewählt. Am 2. december
schrieb der kaum vom tode errettete in Venedig die vorrede zu den Acta rectonmi,
und bis zum april 1860 verbrachte er dort eine zeit fortschreitender genesung. Durch
längeres verweilen in Meran, in Berneck im Fichtelgebirge und in der mecklenbur-
gischen heimat wurde seine gesundheit weiter gefestigt, so dass er im Wintersemester
1860/61 seine lehrtätigkeit wider aufnehmen konte. Aber ei'st nachdem er im früh-
ling oder sommer 1862 eine schwere brustfelentzündung durchgemacht hatte, war das
leiden endgültig überwunden; und es folgten nun 29 jähre festester gesundheit und
nngeschwächter arbeitskraft.
1) Vgl. aach Lit. cbl. 1875 sp. 457 fg.
78 voOT
Von dem am mittelhochdeutschen Wörterbuch übernommenen anteil
konte Zamcke infolge der krankheit nur die halfte zur ausführung bringen; ihrer
YoUendung widmete er während des winters 1862 — 63 seine ganze kraft; so konte
im frühjahr 1863 der die buchstaben M — R umfassende band erscheinen. Das mit-
telhochdeutsche Wörterbuch wurde eine wahre fundgrube nicht allein für die deutsche
Wortkunde, sondern auch füi* die realien, für die grammatik, kritik und Interpretation
der mittelhochdeutschen denkmäler, das wichtigste hilfsmittel für den wichtigsten teil
der altdeutschen Studien. Der dank dafür ist noch heute eine ehrenpflicht jedes ger-
manisten gegen Benecke, Müller und Zamcke. Wenn gegner der beiden lezten es
vorzogen, ihnen in recht gehässiger weise einzelheiten aufzumutzen, ohne ein wort
der anerkennung für die gesamtleistung zu finden, so ist das nur ein trauriges Zeug-
nis für jene parteiverhältnisse, welche aller gesunden jkritik den boden entzogen.
Hatten Zamckes yoröffentlichungen bisher ausschliesslich der litteratur und
dem bildungswesen der blute und der spätzeit des mittelalters gegolten, so lieferte
er demnächst auch den beweis, dass seine Studien weit genug über diesen Zeitraum
hinweg nach yorwärts und rückwärts ausgegriffon hatten. Das lebhafte interesse für
die neuere deutsche litteratur hat ihn von der universitätszeit weiter durch das leben
begleitet, zeitweilig auch die richtung seiner philologischen forschung bestimt. Als
am 19. Oktober 1865 die Universität Leipzig den Jahrestag begieng, an dem vor
100 Jahren Goethe unter ihre studierenden aufgenommen war, erschien als festschrift
Zamckes abhandlung „Über den fünf füssi gen Jambus mit besonderer rücksicht
auf seine behandlung durch Lessing, Schiller und Goethe". Von ihrem ersten auf-
treten in der altfranzösischen und in der mittelhochdeutschen litteratur an wird hier
diese versart durch ihre nach zeiten, nationalitäten und dichtungsgattungen verschie-
denen entwickelungsformen hindurch bis in das vorige Jahrhundert verfolgt, wo sich
nun für die deutsche nachbildung zunächst die französische, dann die englische
gestalt des fünffüsslers als massgebend erweist, bis Lessing aus dieser einen für seine
dichterische Individualität sehr charakteristischen dramatischen vers fi-ei herausbildet
An diesen knüpft dann Schiller umittclbar an, während Goethe vom italienischen
olfsilbler ausgeht (der ihm, wie Zamcke später zeigte, durch Heinse vermittelt wurde).
Die verschiedenen kunststufen, die der fünffüssler in Schillers und Goethes dichtung
durchläuft, die besondere art seiner rhythmik und deren Zusammenhang mit dem
Charakter ihrer poesie werden nun auch hier feinfühlig aufgespürt und klar gelegt
In demselben jähre aber, welches diese trefliche studio zur geschichte unserer
modemen metiik und litteratur eintmg, hat Zamcke einen förderlichen kleinen bei-
trag zur geschichte einer unserer ältesten dichtimgen geliefert, indem er das Verhält-
nis der auf den Ursprung des Heliand bezüglichen Praefatio zu den Versus de
poeta feststelte, die iuterpolationen jener bestimte und so widerum zeigte, wie wol
er auch höhere kritik zu üben verstand, wenn die Überlieferung ihm nur genügende
anhaltspunkte für dieselbe zu bieten schien. Gleich das nächste jähr brachte zwei
weitere Untersuchungen zur litteraturgeschichte der zeit des fränkischen reichs, deren
eine die Sage von der trojanischen abkunft der Franken auf ein gelehrtes
misverständnis zui'ückführte, während die andere, schon vor der krankheit begonnen,
jezt zum ersten male den christlichen Ursprung der im Muspilli zu tage tretenden
voi"stellungen quellenmässig feststelte. In späteren jähren reihten sich diesen beson-
ders auf die quellen gerichteten Untersuchungen zur vormittelhochdeutschen periode
die über das Georgslied und über das Annolied au.
FBISDBIOH ZABNCKE 79
Aber die gegenwart war dazu angetan, der Vergangenheit das interesse auch
des eifrigsten forschers streitig zu machen. Mit nicht geringer Spannung wird er,
der schon als burschenschafter für Deutschlands einheit geschwärmt hatte, die ereig-
nisse des Jahres 1866 verfolgt haben, und ohne einen inneren konflikt zwischen
preussischem und sächsischem Patriotismus mag es wol nicht abgegangen sein. Mit
um so rückhaltloserer begeisterung konte er im jähre 1870 die verheissungsvolle Ver-
einigung aller deutschen stamme zum kämpfe gegen Frankreich begrüssen, und, schon
seit Oktober 1869 rector der Universität, fand er reiche gelegenheit seinen feuereifer
für die grosse sache in wort und tat zu bewähren. Wie es ihm gelang dadurch die
herzen der coUegen und der commilitonen zu gewinnen, zeigten jene, indem sie ihm
auch für das jähr 1870 — 71 wider das rectorat übertrugen, während alle aus dem
feldzuge heimgekehrten Studenten ihm durch Überreichung eines mit ihren bildom
geschmückten albums ihren dank bekundeten. Mit einem kurzen, aber schönen und
gedankenvollen rückblick auf die schwere, herHche zeit des grossen krieges legte er
im Oktober 1871 sein ehrenamt nieder.
Auch ich kam damals nach beendigtem kriegsdienste nach Leipzig und wurde
mit freuden zeuge der Verehrung, die ihm Studenten aller fakultäten entgegentrugen.
An einem oktobertage stand ich ihm zum ersten male in dem behaglichen arbeitszim-
mer an der Qoethestrasse gegenüber. Noch sehe ich den statlichen mann vor mir,
wie er die dunkelen, lebhaften äugen unter hoch zusammengezogenen brauen for-
schend auf mich richtete, als weite er aus mir herauslesen, was wol nach einem
£dda-colleg bei Adelbert von Keller und einem kriegsjahre an altnordischem wissen
in mir vorhanden sein könne; denn mein anliegen galt der aufnähme in seine nor-
dische geselschaft. Ich erreichte, was ich weite; und einen abend jeder woche konte
ich mich nun in seinem gelehrtenheim mit einer anzahl gleichstrebender genossen unter
seiner leitung in der Übersetzung der Gylfaginning, später der Eyrbyggja saga üben.
Seine anforderungen waren nicht gering. Es ging von vornherein flott vorwärts, und
jeder muste mit schritt halten, mochte er sehen, wie er es fertig brachte. Aber
immer war sein urteil human, niemals spöttisch oder souverän abweisend, immer
fordernd, niemals entmutigend. So war es auch in den deutschen Übungen, die er
seit dem sonmier 1872 abhielt und aus denen sich dann das eifrigst durch ihn geför-
derte germanistische scminar entwickelte; so auch in den persönlichen besprechungen,
für die der vielbeschäftigte rat suchenden schülem bereitwillig seine zeit opferte.
Sein freimdliches, herzlich wolwoUendes wesen, die lebhaftigkeit, mit der er, selbst
rastlos tätig, zur energischen förderung einer einmal ergriffenen arbeit trieb, der
eifer, mit dem er ernsthaftem und ehrlichem sü'eben die wege zu ebnen bemüht
war — das war es, wodurch er persönlich am meisten wirkte. Dem einzelnen das
ziel seiner arbeit stecken, ihm den weg dahin weisen oder ihn auf seinen eigenen
pfaden hinter sich herziehen war nicht seine art. Er hat es nie darauf angelegt
schule zu bilden, sondern nur der freien entwickelung des einzelnen die grundlage
zu geben.
In seinen Vorlesungen gieng er mehr ins detail, als es manchem, dem nur
an den hauptpunkten, nicht an specialfragen lag, nötig erscheinen mochte; die jezt
immer wachsende, von der öffentlichen meinung und den prüfungsreglements eifrigst
unterstüzte zahl derjenigen studierenden, welche nichts mehr fürchten, als dass sie
auf der Universität etwas lernen könten, was für ihr examen oder für das amt nicht
unmittelbar notwendig ist, mag sich vollends durch das gebotene „überbürdet^ gefühlt
haben. Aber wer nur ein fünkchen forschenstrieb besass, der muste gefesselt und mit-
78 VOBT
Von dem ain mittolhoohdeutschen Wörterbuch übernommenen ante
koDto Zarncke iufolge der knmkbeit aar die bnlfto ziir ausführuDg brii^eii; ihn
TolleDdung widmete er wührend des winters 1863—63 seine ganze kraft; so kont
im frühjahr 1863 der die bachstaben M— R umfassende band erBcheioen. Das mil
telbocbdautache würtorbnch warde eine wahre fiuidgnibo nicht allein für die dentsoli
Wortkunde, sondern aach für die realien, für die grammatik, kritik und inteiprotatio
der mittelhochdeutschen deoltmäler, das wichtigste hilfsmittol für den wichtigsten te
der altdeutschen Studien. Der dank dafür ist noch heute eine ehrenpflicbt jedes goi
inanisten gegen Beuecke, Müller und Zarncke. Wenn gegner der beiden lesten (
vorzogen, ihnen in recht gehässiger weise einzelbeiten aufzumutzen, ohne ein woi
der anerkennuug für die geaamtleistung zu finden, so ist das nur ein trauriges zeu^
iiis für jene parte iverliültoisso, welche aller gesunden kritik den bodeu entzogen.
Ilattcn Zanickes Veröffentlichungen bisher aosschliesslicb der littonitur an
dem bildungswcscn der blute und der spätzeit des nitttelAltora gegolten, so liefert
er demnächst auch den beweis, dass seine Studien weit genug über diesen zeitraui
hinweg nach vorwärts und riickwHrte ausgogriffen hatten. Das lebhafte intoresso fü
die neuere deutsche litteratur hat ibn von der universitStszeit weiter durch das lebe
begleitet, zeitweilig auch die richtung seiner philologischon fonohung bestirnt. AI
am 19. oktolwr 18C5 die univeisität Leipzig den jEihrestag begieng, an dem \t
100 jähren Oocthc unter ihre studierenden anfgenommen war, erschien als festschii
Zamckos albandlung „Über den fünf/üsaigen Jambus mit besonderer rücksid
auf seine Behandlung durch Lossing, Schiller und Goethe". Ton ihrem eraten au
treten in der altfranzösischen und in der mittelhochdeutschen litteratur an wird hi(
diese versart durch ihre nach Zeiten, nationalitäten und diohtnngsgattangen Tersobii
denen entwickelungsfonnen hindurch bis in das vorige jahiiiiuideit TSifolgt, wo üa
nun für die deutsche naohbildnng zunächst die frusBsiBQlu, dann die <>'igli>M*
gestalt des fünnusslcrs als massgebend erweist, bis Lesaing Hns dieser daBn Ar tan
dichterische iodividualitSt sehr charakteriBtisohen dnimatisolifln Tsn faä hanniUUl
An diesen knüpft dann Schiller nmittelbar an, während Goethe \
olfsilbler ausgebt (der ihm, wie Zarncke ap&ter leigtc, durch Heinae ver
Die verschiedenen kunatstufen, die dar fünSüsslei in Bcliillera und Goetliee'^
durchläuft, die besondere ort sdner rhythmik und deren Zusammenhang i
Charakter ihrer poesie werden nnn auch hier feintfi)ilig aufgespürt und klar gelegt
In demselben jähre aber, weluhea diew bcfliübe Studie zur gcseliiohto t
modernen metrik und litteratur eintrug, hat Zarnoke einen fördorlicljon Vluiue
trag zur geschichte einer unseror filtestm diehtongen geliefert, indem or du vat
nis der auf den Ursprung des Heliand betO^iohen Proffatio :
poeia foststelto, die inteipolationen je kMtimte und gd widerum z
er aucli höhere kritik zu üben veistani ^^die üherlieferung ibni
anhaltapnnkte für dieselbe zu bieten ^^Beieh dos nfiobste^
weitere Untersuchungen zoi littoratarg ^^V' ^'* ''<^^ ^
eine die Sago von der trojanisch ^^H" <^'"' ^''Ajj^
mis Verständnis zurückführte, während ^^^ Bl^i^ vi
jezt zum ei'ston male den christlichen t
voretellungen quellenmäaaig feststelte. Jn
dura auf die <iucllen gerichteten unto BT
die über das Georgslied und Über dae
frudbicb zabncke 79
Aber die gegenwart war dazu angetan, dor yergangeuhoit das iutoresse auch
dea eifrigston forschere streitig zu mauhcn. Mit nicht geritiger spaDuung winl er,
der schon als borschenEcliaFter für DeutschlandH einholt geschwärmt hatte, die ereig-
nisse des Jahres 1866 verfolgt haben, und ohne einen inneren konflikt zwischen
preuBsischem und g£ohsischem Patriotismus mag es wol nicht abgegangeu sein. Mit
nm so rückhaltloserer begeisterung konte er im jähre 1870 die verheissungavollo ver-
eiuigang aller deutschen atfimme zum kämpfe gegen Frankreich begriissen, und, schon
seit Oktober 1869 rector der uniTsisitat, fand er reiche goleg^ihoit seinen feuereifer
für die grosse Sache in wort und tat zu bewähren. Wie es ihm gelang dadurch die
herzen der collegen und der oommilitonen zu gewinnen, zeigten Jene, indem sie Ihm
auch für das jabr 1870 — 71 wider das rootorat übertrugen, währeud alle aus dem
feldzuge heimgekehrten Studenten ihm durch überreichuag eines mit ihren bildern
geschmückten albums ihren dank bekundeten. Hit einem kuizen, aber schönen nnil
gedankenvollen rückbliok auf die schwere, herliche zeit des grossen krieges legte er
im Oktober 1871 sein ehrenamt nieder.
Auch ich kam damals nach beendigtem kriegsdienste nach Leipzig und wurde
mit frenden zeuge der Verehrung, die ihm stndenten aller fakult£ten entgegen trugen.
Au einem oktobertage stand ich ihm zum ersten male in dem behaglichen arbeitszitii-
mer an dor Qoothestrasse gegenüber. Noch sehe ich den statlicben mann vor mir,
wie er die dunkelen, lebhaften äugen unter hoch zusammengezogenen brauen for-
sehend auf mtoh liohtete, als wolto or aus mir herauslesen, was wol nach emem
Edda-coUeg bei Adelbert von Keller und einem kriegsjahre an altnordischem wissen
in mir voihanden sein kSnne; denn mein anliegen galt der anfnahme in seine nor-
dische geselsohaft. Ich erreichte, was icb weite; und einen abend Jeder woche konte
iah mich nim in aeinem gelehrtenheim mit einer antah] gleich streben der genossen unter
seiiieT iaitang io der übeisetiung der Oylfaginning, später der Eyrbyggja saga üben.
Sein« anfordernngaa TOran nicht gering. Es ging tod vornherein flott vorwärts, und
jeder mute mit adiTitt haitau, moohte er sehen, wie er es fertig brachte. Aber
imiiwr wv Bein nrt^ human, niemals spöttisch oder sonverän abweisend, immer
fiMsind, aieniaU eotmntigend. So war ee auoh in don deutschen Übungen, die er
r 1672 abhialt und bds dmen sich dann das eifrigst durch ihn gefdr-
dertu (;ermauiatLSühe somiiia
,r entwickelte;
lat suchoiidcQ achülern bereitwillig seine zeit opferte.
Sein freundliches.
herzlich
wol wollendes
weaen, die lebbaftigkeit, mit der er, seibat
rastlos tlitig, zm
onorgiseh
en fSrdontng
einer einmal ergi-iffcuen arbeit ti'ieb, der
eiter, mit dem ei
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\^^^d ehrlichem streben die wege zu ebnen lemüht
war — das wai- o
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^^^^^^tönlich am meisten wirkte. Dem einzelnen d.ts
tid Heiner aibeit
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; dahin weisen oder ihn auf seinen eigenen
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Huio «t Er hat es nie darauf angelegt
schule zu bil:<
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zu geben,
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üabou. Aboi^H
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80 VOGT
gezogen werden durch den lebendigen eifer, mit dem er jede wissenschaftliche frage
anfasste xmd klar legte, durch seine offenkundige freude am spüren und finden auch
im kleinen, durch seine anregenden hinweise auf gebiete, die der wissenschaftlichen
forschung noch offen standen. Immer war er sorgsam beflissen seine Vorlesungen
auf dem Standpunkte der neuesten forschung zu halten, mochte es die gramma-
tik sein, deren gebiet er als lebhaft: interessierter beobachter fremder Untersuchungen
betrat, oder die deutsche litteraturgeschichte des mittelalters, bei der er recht aus
der fülle eigener Studien schöpfen konte. Auch in seinen übrigen Vorlesungen, über
Walther von der Yogelweide, das Nibelungenlied, den Parzival, den Faust, hat er die
orgebnisse eindringender selbständiger forschungen verwertet, von denen dies und
jenes auch veröffentlicht wurde. Eine herausgäbe seiner collegienhefte hat er aus-
drücklich untersagt; er hat sie auch nicht durchweg wöiiüch ausgearbeitet, vieles
nur durch stichworte angedeutet. So blieb auch seinem vortrage der reiz des unmit-
telbaren. Die äugen auf das heft gerichtet, sprach er doch mit grosser lobhaftigkeit
Die Zuhörer strömten ihm damals in menge zu; neben G. Curtius hatte er unter den
philologisch -historischen docenten das grösste auditorium.
Unter den arbeiten der siebziger jähre treten die eng zusammenhängenden
über den priester Johannes und über den jüngeren Titurel als die weitaus
umfassendsten in den voi*dergrund. In dem einen falle galt es, eine überaus weit
verbreitete litterarisohe sage auf ihren Ursprung zurückzuführen und aus der über-
reichen tradition die einzelnen Stadien ihrer entwickelung klarzustellen ; in dem ando-
i-en falle selten einige stücke eines inhaltUch au einem punkte mit der Johannessage
verknüpften gedichtes kritisch horgestelt und erklärt, zugleich dessen sehr verwickelte
und ausgebreitete handschriftliche Überlieferung gesichtet und in oin bestirntes Schema
gebracht werden. Ein gewaltiges material war für beide arbeiten zu bewältigen.
Allein für eine der verschiedenen quellen der Johannestradition, welche Zarncke im
zusammenhange mit seinen Untersuchungen kritisch herausgab, gelang es ihm96hand-
schriften nachzuweisen und etwa 80 teils im original, teils nach mitgeteilten proben
zu verwerten. Die Untersuchungen aber führten ihn weit über den kreis seiner
fachstudien hinaus in die orientalische geschichte des mittelalters. Die ausdauer,
Vielseitigkeit und klarheit, mit der er solche aufgaben zu lösen verstand, zeigte er
auch hier. Leider ist er nicht zum abschluss des Werkes gekonmion. Die erste
abteilung der in den Abhandlungen der sächsischen geselschaft erschienenen endgül-
tigen, zusammenfassenden gestalt desselben, eine neubearbeitung von 4 in den jähren
1874/75 erschienenen Universitätsprogrammen, folgte im jähre 1879 der schon 3 jähre
früher erschienenen zweiten abteilung; die verheissenen beiden schlusskapitel blieben
aus. In der Titurelstudie, welche die auf den graltempel bezüglichen stücke umfasst,
zeigt er wider, wie ausgiebig er die realien mittelhochdeutscher dichtung zu behan-
deln wüste. Die handschriftenfrage ist wol durch die vorsichtig abwägende erörterung
der schwierigen Verhältnisse nicht endgültig erledigt. Jedesfals hat er, wie er es
beabsichtigte, durch sie eine sehr wichtige Vorarbeit für die dringend zu wünschende
ki'itische ausgäbe des gedichtes geliefei-i
Für das nächste Jahrzehnt wurde seine forschung mehr als je durch die neuere
litteratur angezogen, um sowol ihre niederungen wie ihren gipfel zu streifen: Chri-
stian Reuter und Goethe bildeten den mittelpunkt seiner Studien. Auf jenen bis
dahin so gut wie unbekanten poeteu eines unerfreulichen Zeitalters wurde Zamckes
aufmerksamkeit gelenkt, als ihm der buchhändler dr. A. Eirchhoff mitteilungen über
Leipziger städtische akten machte, durch die Reuter als vei-fasser des SohelmofEsky
FBISDRICH ZABNCKE 81
erwiesen und über sem leben und schriftsteilem überhaupt ein ungeahntes licht ver-
breitet wurde. Durch weiteres nachforschen in archiven, kirchenbüchem , standes-
amtslisten, durch briefliche anfragen bei bibliotheken und bei personen, von denen
nur irgend auskunft zu erwarten war, brachte er dann das material zusammen, aus
dem er ein lebhaft anschauliches bild des dichters und seiner Umgebung entwerfen
konte, eine litterarisoh- kulturgeschichtliche Charakteristik, wie er sie seit seinem
Sebastian Brant nicht geliefert hatte. Und wer dann das erscheinen seiner weiteren
einzelpnblikationen über Reuter imd die litterarhistorische Stellung seiner dichtung
verfolgte, wird mit lebhaftem interesse gesehen haben, wie sich jenes bild mehr und
mehr vervolständigte und abrundete. Des Verfassers spürfreude, die vielseitige betrieb-
samkeit, die er bei dergleichen aufgaben entwickelte, sein unverdrossenes streben,
den gegenständ bis in alle Verästelungen hinein zu verfolgen — kurz Zarookes ganze
ai'beitsweise tritt hier besonders charakteristisch und anteilheischend hervor.
An der spitze der Goethe-aufsätze steht eine gratulationsschrift an Karl
Hase, der durch die Verheiratung seines sohnes mit Zai'nckes ältester tochter diesem
verwantschafÜlch verbunden war und den Zaincke schon früher (1873) durch eine
kleine litteraiische gäbe geehrt hatte. Diesmal war es eine scharfsinnige Studie über
den Elpenor, welche im zusammenhange mit dem anlass und der quelle des dra-
mas den geplanten verlauf desselben über das erhaltene bruchstück hinaus zu recon-
struieren suchte. Ein anderes antikisierendes fragment, nach Zarncke zur Befreiung
des Prometheus gehörig, gab ihm später (1888), so klein es ist, doch gelegenheit
sein geschiok im entziffern schwer lesbarer niederschriften wie in ihrer umsichtigen
und scharfsinnigen erläuterung zu bewähren, eine kunst, die er in reichem masse
schon in der festgabe gezeigt hatte, mit welcher er im jähre 1884 die Dessauer phi-
lologenyersamlung beschenkte, nämlich in der ausgäbe und erkläruug des iin übelsten
zustande überliefeiien notizbuches Goethes von der schlesischen reise des Jahres
1790. Seine eingehende beschäftigung mit der Faustsage hatte schon im jähre 1874
die bibliographie des Faustbuches in Braunes neudruck eingetragen; ihr folgten im
jähre 1884 ein aufsatz über Joh. Spiess, im jähre 1888 wichtige ergänzungen. Zarn-
ckes umfänglichste und verdienstvolste Goethe -publication aber war das erzeugnis einer
langjährigen, aus inniger Goethevei'ehrung iliessendon liebhaberoi. Eine mit der rich-
tuüg seiner Studien auf litterarhistorische qucllenkunde eng zusammenhängende und
ihr dienstbar gemachte sammeil ust mag, wie schon oben angedeutet wurde, bereits
durch die tätigkeit in Meusebachs bibliothck angeregt sein. So legte er es denn
darauf an, einzelne teile seiner eigenen schönen büchei*samlung nach und nach ganz
besonders zu vervolständigen ; abgesehen von Christian Reuter wurden Ijcssing und
Goethe, vor allem die Faustlitteratur, reichlich und sorgfaltig bedacht; so manche
dahin gehörige Seltenheit wui'de erworben, manche bibliographische entdeckung
gemacht. Den glanzpunkt aber bildete (}ine auf die Vereinigung der reproduktionen
sämtlicher Goethe-bildnisse gerichtete samlung. Hier sezto er wider seine unver-
gleichliche ausdauer, rührigkeit und Sorgfalt ein, um nach und nach tausende von
naohbildungen zusammenzubringen, unter denen \iele nur für ihn hergestelt wurden
und sonst nicht vorkommen. Wie überall, so verband sich aber auch hier für ihn
selbstverständlich mit der mühsamen samlung aucli die eingehendste wissenschaftliche
Untersuchung und sichtung. Ihr entstamt ausser einer reihe von cinzelaufsätzen das
mit gewohnter hingäbe und akribio ausgeführte, giimdlegende Verzeichnis der
originalaufnahmen von Goethes bildnis, mit seinen wertvollen illustrativen
l>eigal)en; ein wichtiger und vordienstlicher beitrag zur (iocthobiographie.
ZEITSGHRirT F. DEUTSCHE PHD.OLOOIR. BD. XXV. ^
82 VOGT
In den beiden lezten jähren seines lebens nahm heimatliches Interesse seine
foder vorwiegend in anspruch. Ein kapitel aus der universitätsgeschichte seiner zwei-
ten heimat, Leipzig, der um die mitte des 15. Jahrhunderts geführte merkwürdige
process des studiosus Nikolaus Winter, hatte schon vor langen jähren bei der
amtlichen beschäftigung mit den Universitätsakten seine aufmerksamkeit auf sich gezo-
gen. Wie es ihm stets widerstrebte, in den dingen, mit denen er sich zu beschäf-
tigen hatte, irgend etwas unklares und verwon'enes bei seite zu lassen, so hatte er
auch in diesem falle keine mühe gescheut, in die schwierige und verwickelte ange-
legenheit licht zu bringen. Jezt mochte die beschäftigung mit Christian Reuters pro-
zessen die sache des Nikolaus Winter wider in erinnerung bringen, der mit Beuter
das Schicksal der relegation von der Universität Leipzig teilte. Dem gegenständ fehlte
diesmal das litteraihistorische interesse, ja er war an sich so unbedeutend wie mög-
lich. Aber er eröfnete unter Zamckes behandlung einen ausblick auf bedeutende
rechtsgeschichtliche Verhältnisse, und so lieferte der Verfasser widerum den beweis,
wie er auch an sich geringwertige dinge durch eindringende, nach allen selten aus-
greifende erörterung wissenschaftlich fruchtbar zu machen verstand. — In die mecklen-
burgische Jugendheimat führte ihn sein leztes werk zurück, die nur für die familie
geschriebenen und gedruckten Erinnerungen an den vater und grossvater.
Charakteristisch genug hat er selbst hier seine darstellung auf die gewissenhaftesten
und umständlichsten urkundlichen forschungen gegründet, hat ihr selbst hier den
grösseren kulturgeschichtlichen hintergrund gegeben. Aber nur in diesem falle konte
sich mit der wissenschaftlichen gründlichkeit die der persönlichen anschauung ent-
stamte lebenswarme schildoi-ung geliebter personen und Umgebungen verbinden. Ein
woltuender hauch kindlicher pietät ruht über dem buche; und trotz der alzu beschei-
denen Zurückhaltung, die der Verfasser über die eigene person beobachtet, hat er in
ihm seinem edlen herzen das schönste denkmal gesezt.
Es ist, als hätte er eine ahnung davon gehabt, dass seinem leben ein ziel
gesezt sei, da er jezt den blick zu dess^i anfangen zurückwante. Und doch blieb
ihm körperliche rüstigkeit und arbeitsfrische bis zulozt gewahrt. Plötzlich überfiel
ihn am 17. September ein unterleibsleiden, welches, bald von heftigen fieberanfällen
begleitet, trotz der liebevollen pflege seiner kinder den bedrohlichsten Charakter
annahm. Ein innerer entzündlicher durchbruch von gallensteinen hatte, wie sich
später herausstelte, eine eitervergiftung des blutes zur folge gehabt. Und doch
schien seine kräftige natur dem übel noch wideratand leisten zu wollen. Es war
eine zeit banger Spannung für die ganze Universität. Denn keines ihrer mitgüeder
war wol enger mit ihr verwachsen als Zamcke. Fast 40 jähre hindurch hatte er ihi*
seine beste kraft gewidmet: dreimal war er — ein in neuerer zeit unerhörter fall —
durch das vertrauen seiner kollegen als rector an ihre spitze gestelt gewesen \ hier
und in andern ehronämtern hatte er eine seltene umsieht und gewantheit bewährt;
die philologisch -historische klasse der sächsischen geselschaft der Wissenschaften, der
er lange als eines ihrer eifrigsten mitglieder angehörte, leitete er seit 1888 als Vor-
sitzender; als director actoinim der philosophischen fakultät hatte er sich wie kein
anderer in die geschichto der Universität eingelebt; er war ein lebendiger träger ihrer
traditionen und er sparte nicht sein wissen für eigennützige zwecke; er war ein
allezeit liülfbereiter berater, und gerade die jüngeren kollegen fanden in dem von
amts- und altersstolz zeitlebens unberührten manne stets das freundlichste entgegen-
kommen. So hörte man denn wol die äusserung, dass man sich die aniversität
1) 18G9,/70. 1870/71. 1881/82.
FSISDRIOH ZARNCKE 83
ohne Zarncke gar nicht vorstellen könne; und als dann endlich doch das schmerz-
liche ereignis eintrat, da wurde algemein aufrichtige trauer und herzliche teilnähme
laut Am schönsten haben Georg Rietschel und Wilhelm "Wundt an seinem sarge
mit einer lebendigen Charakteristik des vei'storbenen öffentlich zeugnis abgelegt für
die seltene liebe und Verehrung, deren er sich, wie in der familie, so auch unter
den freunden und unter den amtsgenossen erfreut hattet
Und einen nicht minder herben verlust als seine kollegen betrauerten in sei-
nem hingang seine schüler, die ehemaligen sowol wie die gegenwärtigen. Hatten
doch auch jene noch lange nach ihrer Studienzeit wenigstens im brieflichen gedan-
kenaustausch seinen rat, seine hülfe, sein liebevolles interesse, kurz die tieue fort-
führung jenes freundschaftlich teilnehmenden und fördernden Verhältnisses erfahren,
in welches er einst auf der Universität zu ihnen getreten war. Jener oben geschil-
derten art seines akademischen wirkens entsprechend fühlten sie sich mehr persönlich
als durch die besondere richtung ihrer Studien an ihn gebunden. Nicht wenigen
unter ihnen blieb Zamckes eigentliches arbeitsgebiet, das litterarhistorische, am fern-
sten, während sie ihre kraft gerade auf das von ihm kaum bebaute sprachwissen-
schaftliche concentrierten. Und doch würde man Zarnckes bedeutung in der geschichte
der germanistischen Wissenschaft unterschätzen, wolte man nicht zugestehen, dass
die wissenschaftliche denkweise seiner schüler durch ihn wesentlich mitbeeinflusst ist.
Ich wüste die seinige nicht besser zu charakterisieren als durch das urteil,
welches er mir einmal über einen von mir sehr geschäzten germanisten schrieb: „er
ist ja ein feiner köpf, aber er gehört ganz der schule, die den Scharfsinn höher stelt
als das gefühl für Wahrscheinlichkeit und glaublichkeit ''. Er hielt es für durchaus
notwendig, dass wissenschaftliche aufstellungcn niemals den engen Zusammenhang
mit den objektiven, jedermann wahrnehmbaren tatsachen verlieren. Diese zu ver-
mehren und zu sichten galt ihm für förderlicher, als der noch so kunstvolle und
scharfsinnige auf bau von hypothesen, die seines erachtens nicht auf ausreichender
sachlicher grundlage, sondern auf einem aufbauscheu an sich düiftiger, auf ein-
seitiger auslegung an sich vieldeutiger tatsachen ruhten, oder die auch mehr von
geschmacksurteilen als von beweisen abhiengen. Wurde nun vollends solchen auf-
stellungen durch die zuversichtlichkeit der behauptungen und durch das voi*weg-
vordammen alles Widerspruches der schein einer Sicherheit gegeben, von der sie
tatsächlich weit entfernt waren, und wurden sie in einem bestimten kreise als fest-
stehende dogmen behandelt, deren Wahrheit nur von untergeordneten geistern niclit
recht erf&sst zu werden vermöge, so sali er hier ein verderbliches und hassens-
würdiges treiben, dem er mit dem ganzen zorn, dessen sein erregbares herz fähig
war, entgegentrat. Jener seiner gi'undanschauung entsprechend betätigte sich sein
eigener Scharfsinn nicht zum kleinsten teile in dem aufspüren und fruchtbarmachen
bisher ungcnüzten wissenschaftlichen niaterials; und es liegt in der natur der sache,
dass ihn dieser sein entdeckungstrieb besonders auf entlegenere gebiete führte. Aber
niemals fand er im blossen stofsammeln genüge. Gerade das sichten und klären
besonders verworrener und weitläufiger Verhältnisse war sein eigentliches element.
Hier entwickelte er seine ganze bewunderungswürdige ausdauer, mochte es den liei-
ligen gral oder den rock des Nikolaus Winter gelten. Die anschauung, die sein
lehrer Haupt einmal aussprach, dass der philologe so gut wie der botaniker auch
1) Zur erinnerang an den heimgang von dr. Friedrich Zarncko (Leipzig, Breitkopf
tuid HKrtel, 1891) b. 7 fg. 14 fg. Kurze, treüicho worte im namen der schüler sprach Sievers (ebenda
». 18 fg.).
6*
84 VOGT
das luikraut zu berücksichtigen habe, machte sich auch bei ihm geltend. Dass er
seine ausserordentliche arbeitskraft nicht mehr auf höhere und grössere aufgaben con-
centiiert hat, ist bei alledem gewiss zu bedauern. Schliesslich i-ächte sich doch auch
die an sich heilsame abneigung gegen den wissenschaftlichen subjectivismus, indem
sie ihn zu einer übergrossen Zurückhaltung gegen eine im gi'össeren stile konstruktive
wissenschaftliche tätigkeit überhaupt und in weiterem zusammenhange damit auch zu
einer unterechätzung der besonders auf diesem gebiete liegenden Verdienste MüUen-
lioffs und Scherers führte.
Auch in anderer beziehung wirkte auf ihn sein wissenschaftliches prinzip zu-
gleich fördernd und beschränkend. Den festen boden, welchen er immer unter den
füssen haben weite, fand er nur in den schriftlichen quellen. Gregen alles, was
ganz oder zum guten teüe aus mündlicher Überlieferung floss, war er von einem
gewissen mistrauen nicht frei. So blieb das eigentlich volkstümliche, mythus und
mündliche sage, sitte, brauch und mundart seinem Studienkreise fem. Auch darin
bemhrte er sich mit Haupt. Aber anläge und neigung führten ihn nicht wie diesen
auf die textkritik. Ihn zog vor allem das verfolgen weiti-eichender litterai'historischer
zusammenhänge an, wie er .sie in den mittelalterlichen sageustoffen fand; nur muss-
ten diese beziehuugen sich quellenmässig nachweisen lassen. So reizte es ihn beson-
ders, wo man volksmässige traditionen mythischer oder sagenhafter art annahm, an
deren stelle schriftliche oder gelehrte Überlieferung nachzuweisen. Das gelang ihm
zweifellos bei der Trojasage; ebenso beim Muspilli und bei der tiersage, über die er
in seiner litterarhistorischen Vorlesung, längst ehe MüUenhoffe aufsatz erschien, diesem
im wesentlichen entsprechende anschauungen detailliert vortrug. Auch die Nibelun-
gensage, die Gralsage und die Faustsage wurden in den bezüglichen coUegien aus-
führlich erörtert, und immer suchte er so viel wie möglich der schriftlichen tradition
zu ihrem rechte zu verhelfen. Auf die Überlieferungen vom priester Johannes wurde
er natürlich widerum durch das besondere interesse an den litterarischen sagen
geführt.
Der einfluss der grundanschauimgen Zarnckes auf seine schüler ist wol nicht
zu verkennen, wenn diese sich zum guten teile möglichst an das zweifellos wahr-
nehmbare, greifbare zu halten suchen. Dieser umstand mag wenigstens mitwirken,
wenn nicht wenige von ihnen exacte sprachliche Untersuchungen vor allem bevor-
zugen, und wenn andere bei der kritischen behandlung der texte sich weit enger,
als es bisher geschehen war, an die handschriftliche Überlieferung anschliessen,
gegen conjekturalkritik aber und gegen das auflösen eines überlieferten textes in angeb-
lich einst verschiedene demente sich mistrauisch verhalten. Es scheint, dass diese
konservativere richtung und die Überzeugung, dass man die Sicherheit der bisher
geübten kritischen methode überschäzt habe, sich in weiteren kreisen bahn bricht,
was voraussichtlich manche weitere Umgestaltung in unserer Wissenschaft zur folge
haben wii*d. Freilich machen sich auch schon ausschreitungen genug bemerklich,
und die tatsache, dass ein jeder zunächst von den altmeistem der kritik ausserordent-
lich viel lernen muss, ehe er es versuchen dai'f sie zu berichtigen, wird noch nicht
überall genügend gewürdigt. — Auf denjenigen gebieten , welche Zamcke feraer lagen,
zeigt sich auch bei seinen schillern der einfluss Müllenhoffs und Scherera.
Dem persönlichen Verhältnis zwischen ihm und seinen schülem tat eine Ver-
schiedenheit dieser oder jener wissenschaftlichen meinung keinen einti*ag. Wer sei-
nen beistand brauchte, fand ihn allezeit auf dem platze; wo er nichts zu helfen hatte,
zog er sich leicht zurück.
FBIEDRICU ZARNCKE 85
Der einband dos lezten buches, welches er geschrieben hat, ist niit einem
omblem geziert: ein mächtiger eichbaum überschattet einen bieneukorb, um den der
schwärm sich tummelt; darunter steht der wahrspruch „tätig und treu**. Er hat
ihn gehalten bis zum tode.
CHRONOLOGISCHES VERZEICHNIS VON ZARNCKES SCHRIFTEN.
1850—91.
Recensionen im littorahschen centralblatt.
1850.
Die Meusebachsche bibliothek.
Deutsche zeitung 1850 nr. 40 2. beilage und Naumanns Serapeum jahrg. XI
8.89 — 96. 109—112.
1851.
Ein Spruch und ein rätsei von Hans Folz. Zs. f. d. alt. 8, 537 — 42.
1852.
Der deutsche Cato. Geschichte der deutschen Übersetzungen der im mittelalter unter
dem namen Cato bekanten distichen bis zur Verdrängung derselben durch die
Übersetzungen Seb. Brants am ende des 15. jahrh. von dr. Fr. Zarncke. Leip-
zig (Georg Wigand) 1852. VI, 198 s. 8.
1853.
Hans Vindlers Blume der tugend. Zs. f. d. a. IX, 68 — 119.
Über die Quaestiones quodlibeticae. Ebenda s. 119 — 126.
Zur frage nach dem Verfasser des Reineke. Ebenda s. 374 — 88.
Zum pfaffen Amis. Ebenda s. 399 — 400.
1854.
Sebastian Brants narronschiff herausgegeben von Friedrich Zarncke. Mit 4 holz-
schnitten. Leipzig (Georg Wigand) 1854. CXLII, 495 s. 4.
Zur Nibelungenfrage. Ein vertrag gehalten in der aula der Universität Leipzig am
28. juli von Friedrich Zarncke. Nebst zwei anhängen und einer tabelle. Leip-
zig (S. Hirzel) 1854. 42 s. 8.
1856.
Beiträge zur erklärung und geschichte des Nibelungenliedes.
Berichte über die Verhandlungen der köuigl. sächs. geselschaft der Wissenschaf-
ten zu Leipzig. Philol. histor. Masse. Band 8 s. 153 — 266.
Das Nibelungenlied herausgegeben von Friedrich Zarncke. Leipzig (G. "Wigand)
1856. LXXX, 444 s. 16. — 2. aufl. 1865. — 3. aufl. 1868. — 4. aufl. 1871. —
5. aufl. 1875. — 6. aufl. (12. abdinick des textes) 1887.
Kaspar von der Roen. Germania 1, 53 — 63.
Zum Nibelungenlied. Ebenda s. 202—7.
1857.
Die urkundlichen quellen zur geschichte der Universität Leipzig in den ersten 150 jäh-
ren ihres bestehens.
Abhandlungen der philol. histor. Masse der königl. sächs. geselschaft der Wis-
senschaften. Bd. 2, 509—922 und 2 tafeln.
Die deutschen Universitäten im mittelalter. Beitrage zur geschichte und Charakteri-
stik derselben, mitgeteilt von Friedrich Zarncke. Erster beitrag. Leipzig
(T. 0. Weigel) 1857. X, 266 s. 8.
86 VOGT.
1859.
Acta rectorum universitatis studii LipsieDsis in de ab anno MDXX 1 1 II usque ad annum
MDLYnn auctontate et auspiciis Joannis Pauli de Falkenstein a potentissimo
Saxoniae rege rebus ecclesiasticis et institutioni publicae administrandis praefecti
edidit Fridericus Zarncke. Anno post conditum Lipsiae Studium generale
CCCCL post Christum natum MDCCCLVIIU typis et impensis Bemhardi Tauch-
nitz. Xn, 526 s. und 2 tafeln, fol.
Zum Nibelungenliede. Germania 4, 421 — 39.
1861.
Die Statutenbücher der univei'sität Leipzig aus den ersten 150 jähren ihres bestehens
im namen der philol. -histor. klasse der k. sächs. geselschaft der Wissenschaften
herausgegeben von Friedrich Zarncke. Leipzig (Hirzel) 1861. Xu, 625 8. gr. 8.
1863.
Mittelhochdeutsches wöi*terbuch. Mit benutzung des nachlasses von G. F. Benecke
ausgearbeitet von "W. Müller und F. Zarncke. 2. band l.abteilung M — R. Bear-
beitet von Friedrich Zarncke. Leipzig (S. Hirzel) 1863. VI, 825 s. 8.
Beiträge zur mittellateinischen Spruchpoesie : 2 gereimte Übertragungen der sog. Disticha
Catonis, über den Facetus, ein Supplementum Catonis.
Berichte über die verhandl. der k. sächs. geselsch. usw. bd. 15, 23 — 78.
Über die neuaufgefundenen ältesten statutenbücher der juristischen fakultät der Uni-
versität Leipzig. Ebenda s. 79 — 92.
Rede zum gedächtnis von Jacob Grimm und zur eröfnung der germanistischen section.
Verhandlungen der 22. versamlung deutscher philologen und Schulmänner in
Meissen. Leipzig 1864. 4. S. 62—66.
Jacob Grimm. 1^^^-
Die Wissenschaften im 19. Jahrhundert Eine rundschau für das gebildete
Publikum. Band 9 heft 1. Sondershausen 1864.
1865.
Der hundertjährigen widorkehr des tages, an welchem "Wolfg. Goethe am 19. Oktober
1765 in die zahl ihrer studirenden aufgenommen ward, widmet die univei'sität
Leipzig die nachfolgende abhandlung ihres mitgliedes dr. Friedrich Zarncke.
Über den fünffüssigen jambus mit besonderer rücksicht auf seine behandlung durch
Lessing, Schiller und Goethe. Leipzig, druck von A. Edelmann. [1. abteilung.]
VI, 93 s. 4.
Weitere beitrage zur mittellateinischen Spruchpoesie. I. Eine dritte gereimte bear-
beitung der s. g. Disticha Catonis s. Cato interpolatus.
Berichte über die Verhandlungen der königl. sächs. geselsch. usw. 17, 54 — 103.
Über die praefatio ad librum antiquum lingua Saxonica conscriptum imd die versus
de poeta etc. Ebenda s. 104—112.
1866.
Über das althochdeutsche gedieht vom Muspilli.
Berichte über die Verhandlungen usw. 18, 191 — 228.
Über die sogenante Ti'ojanersage der Fi'anken. Ebenda 18, 257 — 85.
1868.
Zui* Vorgeschichte des narrenschifs. Naumanns serapeum 29, s. 29 — 54.
Zum Nibelungenliede. Germania 13, 445 — 67.
FBIfBDBICH ZARNCK£ 87
1870.
Eine vierte Umarbeitung der sogenanten Disticha Catonis.
Berichte über die Verhandlungen usw. bd. 22, 181 — 192.
Miscellaneen germanistischen inhaltes: 1. Zum zweiten Helgiliede. 2. Zum Hilde-
brandsliede. 3. Metrum alemannium. 4. Zu Wolframs Parzival. 5. Zu Wolframs
leben. 6. Friedrich der grosse und das Nibelungenlied. 7. Kaspar von der Rhön.
8. Zur geschichte des fün^ssigen jambus. 9. Des Paulus Aemilius Romanus
Übersetzung der bücher Samnelis. Ebenda s. 193 — 226.
1871.
Zwei mittelalterliche abhandlungen über den bau rhythmischer verse.
Berichte über die Verhandlungen usw. 23, 34 — 96.
Hede bei der Übergabe des rektorates.
Reden gehalten in der aula der Universität Leipzig beim rectoratswechsel am
31. Oktober 1871. Leipzig, druck von Edelmann. 4. S. 1 — 23.
Zur Vorgeschichte des narrenschifs. 2. mitteilung. Leipzig (T. 0. Weigel) 1871. 8 s.
gr. 8.
1873.
Fides. Constantia. Robur. Die drei freunde von der rasenbank und das denunciations-
protokoll. Ein beitrag zu den idealen und irtümern. Herrn geheimen kirchonrat
dr. Th. Carl Hase am 4. juni 1873 mit freudigen glückwünschen überreicht von
einem Freundschaftlich Zugethanen. [Druck von Drugulin in Leipzig. In 25 exem-
plaren abgezogen.] 30 s. 8.
1874.
Über den althochdeutschen gesang vom heiligen Georg.
Berichte der k. sächs. geselschaft usw. bd. 26, 1—40.
Ex ordinis philosophorum mandato renuntiantm* philosophiao doctoros. . . . MDCCCLXXIII
— MDCCCLXXIV creati. Praemissa est Friderici Zarncke h. t. decani com-
mentatio „de epistola quae sub nomine presbyteri Johannis fertur'' patrio sermone
conscripta. lipsiae, typis A. Edelmanni. 66 s. 4.
1875.
Memoriam Frid. Aug. Guil. Spohnii die XX. mens. jan. anni MDCCCLXXV . . . cele-
brandam indicit Frid. Zarncke h. t. decanus. Praemissa est Friderici Zarncke
commentatio „de patriarcha Johanne quasi praocursore presbyteri Johannis'' patrio
sermone scripta. Lipsiae, typis A. Edelmauni. 18 s. 4.
Memoriam Joh. Aug. Ernestii die XX. mens. Jan. anni MDCCCLXXV . . . celebran-
dam indicit Frid. Zarncke . . . Praemissa est Friederici Zarncke conunentatio „ de
epistola Alexandri papae UI ad presbyterum Johannem'' patrio sermone scripta.
Lipsiae, typis A. Edelmanni. 21 s. 4.
Memoriam Car. Frid. Kregelii de Stombach die XVn. mens. Julii anni MDCCCLXXV
... celebrandam indicit Frid. Zarncke ... Praemissa est Friderici Zarncke
commentatio „de rege David filio Israel filü Johannis presbyteri" patrio sermone
scripta. Lipsiae, typis A. Edelmanni. 23 s. 4.
Ex ordinis philosophonim mandato renuntiantur philosophiao doctores. . . a MDCCCLXXIV
— MDCCCLXXV creati. Praemissa est Friderici Zarncke commentatio patrio
sermone conscripta, in qua, quis fuerit qui primus presbyter Johannes vocatus
sit, quaeritur. Lipsiae, typis A. Edelmanni. 35 s. 4.
Über Olivers historia Damiatina und das sog. 3. buch der historia orientalis des Jacob
von Vitry. Berichte der k. sächs. geselsch. usw. bd. 27, 138 — 148.
88 VOGT
Eine zweite redaktion der Georgslegende ans dem 9. Jahrhundert.
Berichte der k. sächs. geselsch. usw. bd. 27, s. 256 — 277.
Das Nibelungenlied. Ausgabe für schulen mit einleitung und glossar. 5. (6.) abdrack
des textes. Leipzig (G. Wigand) 1875. — 2. aufl. 1876. — 3. aufl. 1879. —
4. aufl. 1881. — 5. aufl. (10. abdr. des textes) 1884. — 6. aufl. (11. abdr. des
textes) 1887.
1876.
Kleinigkeiten: 1) Zu Walthers olegie. 2) Zu den gedichten vom herzog Ernst.
Beiträge zur gesch. der deutsch, spr. u. litt. 2, 574 — 585.
Zur geschichte der gralsage. Ebenda 3, 304 — 334.
Der Graltempel. Voi*studie zu einer ausgäbe des jüngeren Titurel von Friedrich
Zarncke.
Abhandlungen d. phil.-hist. kl. d. k. säohs. geselsch. bd. VII nr. 5 s. 373 — 554.
Der priester Johannes, zweite abhandlung, enthaltend kapitel IV, V und VI, von
Friedrich Zarncke.
Abhandlungen der phil.-hist. klasse der k. sächs. geselsch. bd. VIII nr. 1 s. 1
— 186. (Vgl. jähr 1879).
Wolfenbüttler bruchstück des Jüngern Titurel. Germania 21, 431 — 434.
1877.
Über das fragmeut eines lateinischen Alexanderliedes in Verona.
Berichte der k. sächs. geselsch. bd. 29, s. 57 — 69.
Über eine neue lateinische redaktion des briefes des priesters Johannes.
Ebenda s. 111 — 156.
Die Heptadeu mid die Heptadisten. Preussische Jahrbücher 40, 475—486.
Die Berleburgor haudschrift des Titurel und der schluss dieses gedichtes.
Germania 22, 1 — 16.
Die Tübinger Titurelbruchstückc. Ebenda 16 — 19.
Zur kritik der Goethebildnisse.
Augsburger alg. zeitung beil. 1877 nr. 173. 178. 188. Hauptblatt 225.
1878.
Zur kritik der Goethebilduisse. Augsb. alg. zeitung beil. 1878. Nr. 278. 288.
Zu den Heptaden. Preussische Jahrbücher bd. 41 s. 108 — 109.
Zui' Waltherfrage. Berichte der k. sächs. geselsch. bd. 30, 32 — 40.
Zur coUatiou der haudschrift A der klage. Ztschr. f. deutsch, altert. 22, 316 — 319.
Nachtrag zu seinem vortrage über zwei neue lateinische redaktionen des presbyter-
briefes (vgl. 1877, s. 111 fg.). Berichte der k. sächs. geselsch. bd. 30, 41 — 46.
[Bibliographie der Faustbücher, unterzeichnet F. Z.
Braunes neudrucke nr. 7 und 8. S. III — XIX.J
1879.
Der priester Johannes, erste abhandlung, enthaltend kapitel I, II und III, von Frie-
drich Zarncke.
Abhandlungen der phil. - hist. kl. der k. sächs. geselsch. bd. VE nr. Vin s. 827
- 1030. (Vgl. jähr 1876.)
Zwei Goethebüsten. Augsb. allg. zeitung beil. 1879 nr. 100.
1880.
Zu Germania 24, 392 fg. (Gegen Nageies vei*such, die Romfahrt des biscbofs Wolf-
ger in das jähr 1199 zu setzen). Geiinania 25, 71 — 72.
PRIEDRIOH ZARNCKE 89
Zu Walther und Wolfram. Beiträge z. gesch. d. deutscheu spr. u. litt. 7, 582 — 609.
Zur 50 jährigen widerkehr des tages, welcher einst K. A. Hase der Universität Jena
zuführte zum 15. 7. 80 widmet innige gltiok- und Segenswünsche der Freund-
schaftlich Zugethane. Leipzig, druck von W. Drugulin. 44 s. kl. fol. Abgezo-
gen in 50 bezifferten exemplaren (über Elpenor).
Eine verschollene und wider gefundene Goethe - Statuette von Rauch.
Augsb. alg. Zeitung beil. 1880 nr. 215.
1881.
Zu den Eügelgen'schen Ooethebildnissen. Augsb. alg. zeitung 1881 nr. 101.
Karl Augast und Goethe von Juel. Ebenda beilage nr. 231.
Über geschichte und einheit der philosophischen facultät. (Rede gehalten beim antritt
des rectorats). Leipzig 1881.
1882.
Theodor Kömers relegation aus Leipzig. Nach den akten I. U.
Augsb. allg. zeitung 1882. Beil. nr. 249. 250.
Zu der rhythmischen version der legende von Placidas-Eustathius (Zs. 23, 273 fgg.)
Ztschr. f. deutsches altert 26, 96 — 98.
Rectoratswechsel an der Universität Leipzig am 31. Oktober 1882. 1 (s. 1 — 16). Rede
des abtretenden rectors dr. Friedrich Zarncke. Bericht über das Studienjahr
1881 — 82. Leipzig, druck von Edelmann. 4.
1883.
Zwei neue, von herm dr. Milchsack in Wolfenbüttel aufgefundene bruchstücke einer
handschrift der gedichte Walthers von der Vogelweido.
Berichte der k. sächs. geselsch. bd. 35, 145 — 158.
Goethes Jugendporträts. Goethe -Jahrbuch 4, 141 — 154.
Einst und jezt. Aus dem verfassungsieben der Universität Leipzig. Festrede zui* feier
des geburtstages sr. m^'. des königs Albert am 23. april 1883 in der aula der
Universität Leipzig gehalten von dr. Fr. Zarncke, d. z. prorector. (S. A. aus
der wissenschaftlichen beilage der Leipziger zeitung 1883, nr. 36).
1884.
Christian Reuter, der Verfasser des Schelmuffsky. Sein leben und seine werke. Von
Friedrich Zarncke.
Abhandl. der phil.-hist. klasse d. k. sächs. geselsch. bd. IX nr. Y s. 455 — 661.
Zu Goethes doctordissertation. Goethe -Jahrbuch 5, 345.
Johann Spiess, der herausgeber des Faustbuches, und sein vorlag.
Augsb. alg. zeitung beil. 1884 nr. 246.
Goethes notizbuch von der schlesischen reise im jähre 1790. Zur begrüssung der
deutsch -romanischen section der 37. versamlung deutscher philologen und Schul-
männer in Dessau am 1. Oktober 1884 herausgegeben von Friedrich Zarncke.
Leipzig, druck von Breitkopf und Härtel. In 100 exemplaren gedruckt. 32 s.
und 1 tafel. gr. 4.
1885.
Die jagd im Nibelungenliede. Beiträge z. gesch. d. d. spr. u. litt. 10, 384 — 402.
Althochdeutsche paradigmata von F. Z. Sommersemester 1885. Als manuscript
gedruckt (von Breitkopf und Härtel in Leipzig). 8 s. gr. 8.
Zu den Goethebildnissen. I. Zu den Kügelgenschen.
Augsb. alg. zeitung beil. 1885 nr. 263.
90 VOGT, FRIEDRICH ZARNCKE
Zu den Goethebildnisson. IL Das Fraserporträt. Ebenda nr. 266. 267.
Zu den Goethebildnissen, m. Die porträis des Jahres 1779. Ebenda nr. 268.
1886.
Zum niederdeutschen hochzeitsgediohte aus dem jähre 1694.
Korrespondenzbl. d. Vereins f. niederd. Sprachforschung 11, 83.
Zwei neue Ooethebildnisse und einiges andere. Augsb. alg. zeitg. beil. 1886 nr. 13.
1887.
Christian Reuter redivivus. Berichte der k. sächs. geselsch. bd. 39, 44 — 104.
E. Schnippel, Über das runenschwert des kgl. historischen moseums zu Dresden
mit einleitenden bemerkungen von Zarncke. Ebenda 125 — 170 mit 3 tafeln.
Weitere mitteilungen zu Christian Reuters Schriften. Ebenda 253 — 277.
Christian Reuter als passionsdichter. Ebenda 306 — 368.
Zum Annoliede. Ebenda 283 — 305.
Das englische Volksbuch vom dr. Faust. Anglia band 9, 610 — 612.
1888.
Eurzgefasstes Verzeichnis der originalaufhahmen von Goethes bildnis. Zusammenge-
stelt von Friedrich Zarncke. Mit 15 tafeln.
Abhandl. der phil. -bist. kl. der k. sächs. geselsch. bd. XI nr. I s. 1 — 132.
Neue mitteilungen zu den werken Christian Reuters.
Berichte der k. sächs. geselsch. bd. 40, 71 — 136.
Zur bibliographie des Faustbuches. Ebenda s. 181 — 202.
Bruchstücke aus Goethes befreiung des Prometheus. Goethe -jahrb. 9, 3u. 4. 77 — 82.
Aus dem uotizbuche von der schlesischen reise.
Goethes werke herausg. im auftrage der grossherzogin Sophie von Sachsen.
Abt. m bd. 2 s. 20—24. 331 — 333.
Nochmals allerlei über Goethebildnisse. Augsb. alg. zeitung beü. 1888 nr. 94. 97. 100.
1889.
Berichtigung fremder und eigener angaben zu Christian Reutor.
Berichte der k. sächs. geselsch. bd. 41, 28 — 35.
1890.
Zur Ecbasis captivi. Berichte der k. sächs. geselsch. bd. 42, 109 — 126.
Zu Goethes schlesischer reise. Goethe -Jahrbuch 11, 64.
Causa Nicolai Winter. Ein bagatelprocess bei der Universität Leipzig um die mitte
des 15. jahrhundeits. Von Friedrich Zarncke.
Abhandl. der phiL-hist. kl. der k. sächs. geselsch. bd. 12 nr. 1 s. 1 — 114.
Zu den reduplicierten pi"äteriten.
Beitr. z. gesch. d. deutsch, spr. u. litt. 15, 350 — 359.
1891.
Aus dem leben des grossvaters und dem jugondleben des vaters. Den geschwistem
erzählt von bruder Friedrich. Als manuscript gedruckt. Leipzig, draok von Breit-
kopf und Härtel. XII, 224 s. und 1 tafel. 8.
BRESLAU. FRIEDRICH VOQT.
MfilEB, ÜBER SCHULTZ, HÖFISCHES LEBEN 91
LITTEEATUR
Alwin SehnltZ) Das höfische leben zur zeit der minDesinger. Zweite ver-
mehrte nnd verbesserte aufläge. Leipzig, S. Hirzel. 1889. 1. band XVI, 688 s.
mit 176 holzschnitten. 16 m. 2. band 504 s. mit 196 holzschnitten. 14 m.
(Schluss.)
S. 538] Zabdtcorte bedeutet an den angeführten stellen nicht das von Schultz
angegebene, üi'sprünglich hatte es zwar wol diesen sinn; aber später heisson alge-
mein alle werte, die während des spiels gesprochen werden, xabelworte, xobelrede,
und es scheint dann eine scherzhafte, witzig pointierte conversation zu bedeuten. Es
komt uns wunderbar vor, dass man bei dem Schachspiel viel gesprochen haben soll,
während imsere vorfahren daran keinen anstoss nahmen.
8. 540] Zu anm. 2 vgl. noch Renner 21813.
S. 542] Anm. 1 füge hinzu Teichner Earaj. anm. 221.
S. 544] Das ringspiel (anm. 2) wird auch Parz. 368, 12 und Willohalm 327, 8
{vingerlin snellen) erwähnt. — Das oben genante fragen scheint öfter angewant zu
sein: So spielt ein liebhaber mit seiner geliebten um ein ^Yvb% an*^ Lieders. 1, 140,
498). Erst würfeln sie, wer die frage tun daif, dann entscheiden sie durch das zie-
hen eines halmes: wer den längsten erhält, darf fragen (145, 675 fgg.). Bedingung
ist auch hier wol, dass auf die frage wahrheitsgemäss geantwortet werden muss.
Ebenso wird um die frage gespielt in der anm. 3 aus dem kloster der minne (Lie-
ders. 2, vers 200) angeführten stelle. (Solte übrigens statt vifiger xelln vielleicht vin-
ger sneUn zu lesen sein?)
S. 545] Bei dem tanze nimt der herr die schleppe der dame mit in die band:
Der künee leite dö den tanx: Er iia/m die v^rouwen mit ir stcanx. St sungen tvun-
necliche Virg. 1007, 1; Der herre üf slahen liex einen tanx, Er 9iam die künegin
mit ir swanx Virg. 1032, 1; vgl. ebd. 1091, 4 fgg. — Auch die mänuer tragen
kränze beim tanzen, so Karl (Karlm. 292, 50 fgg.) und Godyn (Kailm. 210, 58). Über
die art des zusammentanzens von zweien oder dreien vgl. lol. 4831 und 5303. Fer-
ner tanzen zwei herren und eine dame noch Gärel 4875 fgg. 4893 fg. Gesang und
musik verschiedener instrumente begleiten den tanz Virg. 1033, 2 fgg.: Die herren
tanxten im gexelt Und ouch die edelen m'otiwen. Si sungen vnmneclich gesanc,
Dar under suchen harpfen kla?ic: Man fnac st gerne schouwen. Bumnen wurden
ouch erschalt Und seitenspil du mite: Man horten verre durch den walt.
Auch der tanz ist in seinen formen der mode unterworfen. Mit dem ausgang
des mitteMters wird er immer wilder und toller, und es scheinen zum teil welsche
tanze die neuen zu sein. Im Ring (39 b, 3; 30 b, 7) wird alte e und niuwer sit
unterschieden, und der Teichner ergeht sich schon fiiiher in dem raisonnemont: Der
mit xühten tanxen pfUege, Da^ wmr hundertstunt so weege, Dan da^ treten üf und
nider. Er ist gote raste wider Umh den seihen ridewanx, Dan umh xiihticlichen
tanx (Karaj. anm. 213). Genauer geht derselbe dann noch an folgender stelle auf
den unterschied ein: J? dö sach man tanxen lis, Darnach huop sich reigen sider,
Nu ist c^ nit dan üf und nider. Ich wei^ nit, wie ich§ nennen solt, Ob ich;^ über-
nemen (Übernamen geben) wolt. Er vergleicht den tänzer dann mit den auf und
nieder hüpfenden weinpressem, mit einer kuh die mit ihrem Schwanz die fliegen
veijagt oder mit einem hii*sch , der sein geweih abreibt. Und dann erzählt er das von
Neidhart (HMS. 3, 205; XVm, 7) als niuwer fiovcsin erwähnte dahinschleiohen
92 H£I£R
mit ciuem mit weiu gefültcu bcclier auf dorn baupt, das auch auf bildom dargestelt
wild : Ich dmick hoch icol da^ e^ nit was Und da^ einer ein lüter gla^ Uf dem
houpt im reigen füert Volley win da§ nie verrüert: Da^ war nu eim tcmxcßr Vü-
liht des vil swcbt. Halt umb^ glas wil ich gedagen: Er möht Verliesen ab sim
kragen Mantel roc und gtigelhuot Mit dem schütten so er tuot. Ich gedenk noch
wol den tac Da^ man senfter reien pfUic Dan man ietxunt tanxen siht Lie-
dei-s. 3, 295, 20.
S. 546] Es wurde sowol nach instrumentalmusik, wie nach tanzliedern der
reihe getanzt; vgl. Ring 38 c, 32 fgg. Weniger künstliche tanzlieder, als gewöhnlich,
die aber wol mehr den tatsächlichen Verhältnissen entsprechen, finden wir im Ring
38 c, 41. 39, 18. 39, 40. 39 c, 25.
S. 549] Über im virelai vgl. zu lol. 3103; der von Schultz mit Böhme davon
getrente Fierlefei ist wol der gleiche tanz, und nur der name ist entstelt. — Der
boxolt ist an der angeführten stelle und sonst immer nur ein ausdruck für minnespil
(vgl. DWb. 2, 271), wie der gimpelgampel.
S. 551] Über die namen von musikinstrumenten war noch zu vergleichen Ro-
quefort, j^at de la Litterature fran^ise s. 98 fgg. und Hoffmann von Fallersleben
IIor(ß BelgiccB 6, 190 fgg. Im einzelnen werde ich die citate an den fraglichen stel-
len geben. Vgl. auch das verbot des rates zu Speyer (Eßlgard nr. 503 s. 445, 38 fg.
a. 1347): (man soll nicht bei nacht gehen) tnH deheinre phiffen, drumen, orgeln,
quifüemen, rotden, videln oder ander seilen sptl, wie dax heisset.
S. 554] Über die rotte siehe auch Horae Belg. 6^ 198.
S. 555] ghitertie Horae Belg. 6, 197; vgl. noch Verdam en Verwys, Mndl. wb.
2, 1984. — citole Richars li biaus 4125, sitole Horas Belg. 6, 199; Mndl. wb. 1,
1508. — rtü)ebe Cieom. 17275, rebebie Horse Belg. 6, 198. — Zu anm. 7 vgl. Hoff-
mann, Hoi"88 Belg. 6, 197.
S. 557] Über Symphonie vgl. Hone Belg. 6, 199. — Anm. 11: Frauend. 211, 9
ist wol fioler, floyten zu schreiben, vgl. noch Ottok. v. St. cap. 639: Herphen, Rot-
ten und Fidein Dex wax da der Paumgart voller j Pusawn, Pfeiffer und Holler
Dex wart so vil da gehört usw.
S. 558] Anm. 3 füge hinzu schalmeinn Ottok. von St. cap. 687; Durmars 7726.
— Anm. 4 war wol auf s. 559 anm. 10 zu verweisen. — Anders als Coussemaker
fasst Hoffmann den chorus auf, vgl. Hör® Belg. 6, 196. — In dieser anmerkung (5)
war auch wol die später (s. 573 anm. 4) angeführte stelle: Roman de Brut 18832 zu
citieren.
S. 561] Anm. 2 war auf s. 559 anm. 10 zu verweisen. — Zu anm. 4 vgl. Hone
Belg. 6, 197, zu anm. 5 ebd. 6, 197, zu anm. 7 ebd. 6, 196. — Gar nicht erwähnt
Schultz das licion, mlat. liciniay lichina, ein blasinsti'ument, eine art trompete,
vgl. Du Gange 5, 100, Horse Belg. 6, 197 und De Trojaensche oorlog 699 (von
Schultz s. 558 anm. 5 citiert).
S. 502J Zu anm. 2 vgl. noch Mhd. wb. 3, 45 a, Grieshaber, Pred. 2, 20 fg. —
Über die armonie siehe noch Du Gange 1, 396, Horse Belg. 6, 196, Troyen 5566
(Mndl. wb. 3, 160). — Anm. 7 ist ein merkwürdiges misverständnis in folge des
ausfalleus eines citates zu verzeichnen: Tundalus und Roths dichtungen sind zweierlei,
und das angeführte citat ist aus Roth entnommen. Aber es gehört hier eben so wenig
her als Tund. 51, 47 {da was xitern unde glien): beide male ist der substantivierte
Infinitiv glieti gemeint. Und das verbum gUen bedeutet „kreischen, einen hellen,
ÜBER SCHULTZ, HÖFISCHES LEBBN 93
pfeifenden ton von sich geben **. — Mit der herleitung von Schirtnelle hat Schultz
sicher recht, vgl. noch Flani. 598.
S. 563] Vgl. zu den im zweiten absatz gegebenen ausführungen noch das von
Hoffmann (Horae Belg. 6, 190 — 200) gesagte.
S. 564] Man hört gerne vorlesen: so sizt die tochter des königs von Persien
in ihrem zeit und lässt sich aus einem buche die Eneide vorlesen, wie Träfe xefüe-
rH wiBre Und wie jeemerltche tlmas der rtche Sich dannen stal mit sinem her . . .
Als e^ iu ofte ist geseit (Wig. 73, 6). — An den höfen unterhielt man sich gern
und oft mit der erzählung von abenteuern: Oewonheit hänt sc (Helfrichs samenunge)
al vtretage, Die alten und die jungen, Si enpflegen sanc noch Seiten spil, Die
Jierren van dventiure sagen: Des hdnt st getriben vil Virg. 295, 9. — Der Teich-
ner beklagt sich, wie der geschmack seiner zeit verschieden ist: So spricht jener :
^Lusent her! Sagt uns von hem Ecken klingen*^ ^, So spricht der ander: ^Er
sol singen! Wir hän an lihter predige genuoc usw. (Kang. anm. 215).
S. 565] Der beruf des Sängers und des Schreibers ernährte seinen mann: Sin-
gen wnd sagen vnd halbes heute (pergament) Nerent noch vil tumber vnd wiser leute
ßemier 4309. — Schon damals gab es hoflieferanten , hofbarbiere, hofschauspieler.
Wolfger gibt in Rom Minutori antiqui ducis LiupoMi ij. tat. bon, (s. 28. 45). Ein
ander mal wird apud Niwemhurch loculatori episcopi die summe von XXX. defi.
überreicht (s. 21). Die discantores domini pape erhalten ein talent (s. 27). Zwei
Spielleute des königs von NavaiTa erwähnt die Vie domestique (s. 55). Ein Rupertus
ioculaior regis unterzeichnet eine Urkunde Heinrichs IV. (Toeohe, Heinrich VI.
s. 504). — Über die Stellung der spielleute und das verhalten der Mrche ihnen gegen-
über vgl. noch Wilmanns, Walther von der Vogelweide s. 296 zu II, 5. Über spiel-
leute in Tirol vgl. Schönbach, Ztschr. f. d. a. 31, 171 fgg. — Anm. 3: Das thema,
was es bedeute, guot umb ere Giemen, und ob es beschämend sei, erörtert der Teich-
ner (Earaj. anm. 217) sehr ausführlich in einem gedichte. Um misverständnisse iu
der Interpretation des ausdruckes zu vermeiden, hätte Schultz vielleicht kurz in klam-
mern zufügen können, dass guot umb ere nennen heisst: „gut nehmen für die ehre,
die man einem andern mit seinen liedern orweisf*. — Der zom der geistlichkeit war
im einzelfaUe nicht so schwer; er richtete sich immer nach der Individualität des
betreffenden. In Wolfgers , des patriai'chen von Aquileja, reiserechnungen finden wir
z. b. cuidam Lodderpfaffo XII den., cuidam wallero girovago XXX. den. (s. 21),
euidam lodderpfaffo V. sol. bo7i. (ebenso viel wie Walther von der Vogelweide erhält;
ß. 45).
S. 566] Hier war wol noch der bericht Otlohs von St. Emmeram zu erwähnen.
Tgl. Wilmanns, Walther von der Vogelweide s. 40. — Wie Rüdeger im Rosengarten
(1001 fg.) dem spielweib seinen mantel schenkt, so geben auch die gesellen Dietwarts
ihre kleider hin (Dietr. Fl. 730 fgg.). Meister Otte weiss im Eraclius noch von der
fi^igebigkeit der herren seiner zeit zu erzählen: man gab in phärt und gewant. E^
leite etelicher an, Da^ sin vater und s1n ati So guotes nie niht geican. Sus ge-
schiht noch manegem man (ed. Graef 2400).
S. 568] Für das marionettentheater der spielleute vgl. noch die stelle im Mala-
gis, die von der Hagen in seiner Geimania 8, 280 fgg. heraushebt.
S. 569J Zu den verschiedenen arten der beschäftigung eines joculators ver-
gleiche: tamhüren ind seilen spil, Dar was sagen ind singen, Dar %d van mestern
1) Dieee stelle zeigt, dass Karajan im irtum ist (a. n. o. s. 106), wenn or meint, der Teichner
enrihne die deatscho heldonsage nirgends ausdrUclclich.
94 MEIER
springen Sack men hunstltchen vil Crane 4539. Un menestrel qm jouet d'oiseaux
und einen menestrel de cornet erwähnt die Vie domestique (s. 55). "Wolfger gibt
einem ioetdator cum ctdtellis taL veron. (Beiserechnungen s. 29 und 48). Zu dem
messei-spiel vgl, noch Herb. Troj. 9307 fgg. und unsere obigen bemerkungen zu
s. 168.
S. 570] Über die spruchsprecher vgl. HoraB Belg. 6, 200 fgg. — Die mora-
listen nahmen wohl nicht bloss an den spässen der leute, sondern an ihrem ganzen,
uusitlichen lebenswandel anstoss.
S. 573] Die Stellung der kirchenfürsten zu den spielleuten war bei den einzel-
nen, je nach ihrer Individualität ganz verschieden. Freigebig gegen sie ist Wolfger
von Aquileja, der ^uf seinen reisen förmlich von ihnen überlaufen wui*de. Merkwür-
dig ist der unterschied zwischen Deutschland und Italien: sobald Wolfger über die
grenze, im süden, ist, verdoppelt sich der ström der gehrenden. Ich habe mir
notiert: Inter diuerscts istriones distrihuehantur apui Paduam XXXIL soL venet,,
Aput Ferrariam in palmis ctiidam vetulo ioculatori in rufa tunica V. sol, mexa-
twrum, Cuidam alii vociferatori V. sol. mexanorum, Aput Bononiam: Florda-
mor ioculatori tal. bon. (s. 25); Ajmt Florentiam euidam Ebberardinorum epi-
scopo et cuidam alii mimo dim. tal. veron.\ domino episcopo XII. den. frisac.
Cuidam vetulo discantori et flliis eius tal. (s. 26); Uli francigene cum giga ei
socio suo dim. ial.j Cuidam alii clerico in viridi tunica IL sol., Qilioto mimo
V. sol. sen. apui Aquam Pendentem^ Cuidam alii mimo U. sol sen. (s. 27); Qua-
tuor ioculatoribus IL tal. bon. (s. 28); Aptä Mutinam cuidam, Lombardo istrioni
dim. lat. mexafwrumy Aput Veronam Ioculatori cum ctdtellis tal. verofi, Alii mimo
V. sol. veron. (s. 29). Über die in Deutschland genanten vgl. ebd. s. 31 und 57.
Nicht erwähnt sind in dieser aufzählung die spilmip, die ich jezt besonders
nachtragen werde. Schultz hat manches, was über sie künde gibt, übersehen. Zu-
erst seien die genant, welche sich in Wolfgers reiserechnungen finden: Aput Ferra-
riam Cuidam cantatrici V. sol. inexajiorum (s. 25); Aput Senas cuidam, canta-
trici et duobus ioculatoribus VIL sol. et VI. den. sen.y Aptä Sutrium puellis cun^
tantibus IL sol. veron. (s. 26); Aput Veronam puellis cantantibus V. sol. veron.,
Apui Boxam cuidajn ioculatrici dim. tal. veran. (s. 30); Aput Augustam locula-
tricibus Uli sol. (s. 31) — Vor Kriemhilde musiziert ein spielweib: Mn maget spilte
mit einer rotten cor der künegin richj Alle die e^ horten die icurdeti freuden rieh,
Rinder sich trat der margrdve (Rüdeger) unt xoch abe dux gewant Und gap c^
der spilmennefi mit stner muten haut (Grimm, Roseng. 999). Auch Agnes, die
geliebte und mörderiu könig Wenzels von Böhmen, war wol eine ioculatrix. Es
heisst von ihr: Die chund videln vnd singen Und was xu solhen Dingen Hübsch
und chlug (Ottok. v. St. cap. 754). Ein edles und reiches spielweib schildert Berthold
von Holle im Bemäntln (6170 fgg.)- L>dr quam ein vrouwe gemeit Oereten di gut
umm ere 7Uim. Swär vorsten vil xesampne quam, Dar reit si nd dorch manig
laut. Di tcas so w^ten bekant. Or phert was mit rtcheit Oextret unde or sei-
bir cleit.
S. 576] Anm. 1 waren wol in dem citat die folgenden verse mit anzuführen
oder aber ein usw. zu setzen. — Zu anm. 2 füge hinzu: Der schall der fahrenden
erklang allenthalben, Die sungen manig Lid Zu Lob und xu Preis Von (Ester-
reich dem Fürsten weis Vmb die Er, die er da begie Ottok. v. St. cap. 653; Mani-
ger hannde Liet Sy von detn Hof sangen. Wem da was gehnigen, Der lobt da aer
ÜBER SCHULTZ, HÖFISCHES LEBEN 95
Den Chtmig und Hofes Er; Wer sein aber engalt Der flueekt und sehalt Vnd
tcam vfignmi7ier Phlicht, als noch heivt geschieht Ottok. v. St. cap. 689.
S. 578] Schultz führt hier (anm. 2) aus Salimbene 1287 (s. 377) eine stelle
an, die als interessaDte parallele zu Ulrichs von Liechtenstein Yenusfahrt noch nicht
gewürdigt ist. Es zeigt, wie dergleichen sachen in der luft lagen, und dass Ulrichs
tun durchaus nicht so aussergewöhnlich war, wie es uns jezt scheint. Da die
stelle kurz ist, führe ich sie hier an: (In der fastenzeit) aeceperunt {Regini, die
vonReggio) enirn a dominabus mtäuo vestes muliebres plures eoru7n quibus ifiduti
eoeperunt ludere et per civitatem cum Imstiludio discurrebant et, ut midieres
melius apparerent, cum cerusa alba dealbabant larva^, quas suis mUtibtis appo-
nebant.
S. 579] Zu Sant Gertruden minne ist noch nachzutragen Ruodlieb od. Seiler
IV, 162, Nie. de Bibera 1980—85 und zu vergleichen Böckel, Volkslieder aus Ober-
hessen XXXV fgg. und Grimm , D. myth.* 49 fg. Der ursprüngliche grund für St. lo-
hannis sogen war wol die z. b. Rabenschi. 286, 6 fg. erwänte tatsache: Ich bevilhe dir
diu kint Als got sin mtwter Bevalch Saiü lohan Do er fiam den tot. Vgl. noch
Grimm, D. myth.* 49. Nachtr, 31, Zingerle, Wiener Sitzungsberichte 40, Weimai*.
Jahrb. 6, 28 fg., Böckel, Volkslieder aus Oberhessen XXX Vn fgg. und füge hinzu
Ottok. V. Steyer cap. 827: Der herzog Albrecht ist reisefertig. Dar trug man jm san
Safid Johanns Mynn, Ring 223, 37 und St Martin Stricker 5, 165 (Mhd. wb. 1,
177 b).
S. 582] Zu anm. 3 war noch Wilmanns, Beitr. 1, 21 — 31 zu vergleichen. In-
teressant ist auch ein erlass des erzbischofs Wemher von Mainz an die geistlichen
seiner diöcose, in dem er ihnen verbietet, das haar gelockt zu tragen (vulgariter
cruUe), waflFen zu führen, sowie panzer und weltliche tracht anzulegen, auf öffent-
lichen platzen zu tanzen, beginen in ihren häusern zu halten usw. (Barn*, Hess,
urkd. 2, 278 fgg. nr. 303 a. 1277).
S. 583] Der pfaffe war den frauen lieber als der ritter: Der ritter macht mich
[IVU] xe schänden (hs. standen) Oder der kneht in den landen. Wann sie sint gar
unversehwigen (var. sie sint g. vnderschwigen) : Dar umb ist der pfaffe gesigen
(= ist gesigende; var.: verschivigen): Oen ich nü bt den pfaffen ligen, So muox
er den munt xuo tuen und steigen Keller, Altd. ged. 1, 106, 25 fgg.
S. 584] Von dem bischof sagt Nie. de Bibera (1170): Angarians clerum ia^et
in sinibus mulierum und (1179) Devorat et potat, natam cum cmiiuge dotat, Chri-
ste, tua dote, reputans quasi pro nihilo te. — Die auch von Schultz näher ausge-
führte lebensweise des höheren clerus lässt mich auch bei dem in Wolfgers reise-
rechnimgen (s. 7 und 17) erwähnten Odackariis filius episcopi an einen natürlichen
söhn und nicht, wie Zingerle im glossar will, an einen geistlichen söhn, einen cle-
riker denken. — Anm. 6: auch Alex. Neckam , De nonünibus utensilium s. 66 (Schultz
1, 207 anm. 1) erwähnt machinamenta in modum virilis membri: (Die stubenmagd
hat acus) grossiores ad laqueos inducendos, grossissimas , cu?n amoris illecebris
indulgecU. Doch lässt sich die kunst oder natur dieser acus grossissiinae nicht ganz
sicher entscheiden. — Über den zuchtlosen lebenswandel der mönche und nennen
siehe lieders. 1, 422, 40 fgg. Über die nennen führe ich hieraus folgendes an: Nu
tint man selten ain nunnen Si hab in dem hertxen ain. Wenn si soll den salter
main So ist anders nicht ir acht, Denn da§ si jenem kleinot macht Vnd jm min-
nen (bs.minen) brieff erxüget (Lieders. 1, 422, 65). Vgl. lohannes dietus der Nun-
san de Stey^nfurt Baur, Hess. urk. 1, 677 nr. 1021 a. 1368.
96 MJSIEB
S. 585] Auch die beginen leben unsitlich; ihren lebenswandel schildert uns
Nie. de Bibera 1629 fgg., vgl. noch zu lol. 3133.
Das hibelinum sucht Wilmans, Beitr. 1, 10 anm. 1 zu erklären. Ich gestehe,
dass ich nicht so ganz überzeugt bin, obgleich ich die deutung nicht für unmöglich
halte. Vgl. übrigens auch pipinna (parva mentula) Mart. 11, 72, 1. Ich möchte
eher an einen Zusammenhang irgendwelcher aii denken mit bibilionarey bibionare,
sanguine inquinari. Bibinarium autem est sanguis menstruus mulierum, Bibinutn
menstruum, id est fluor sanguinis (Du Gange 1, 649 c).
S. 586] Ob die erzählung im Lanz. 5964—69 (vgl. 5944—53) sich auf den
von der kirche später heftig und oft bekämpften cotitis a posteriore bezieht, weiss
ich nicht mit bestimtheit zu sagen, halte es aber für wahrscheinlich.
S. 587] Von Karl dem Grossen wird berichtet, dass er sich der verborgen
sunde schuldig gemacht habe (Karlm. 317, 8 fgg., 321, 26). Vgl. femer Der Borte,
(OA. 1, 174, 737 fgg.): Her Heinrich (frau als man verkleidet) sprach: y,Min gerine
Ist einer ha7ide dinc: Ich minne gerne die 7nan, Nie deJiein tvip ich getcan. Tuot
ir da^ und swa^ ich wil, Wüide unde vederspil Oib ich iu mit willen. Dix muo^
gescheiten stille'^.
Unter den sicheren' Zeugnissen für die Verbreitung der Sodomie in Deutschland
während des 13. Jahrhunderts wai' noch anzuführen Frauend. 266, 4 fgg.: Man sprach:
diu künegimie hat verseit Hern Hademär (von Küemingen) ir tyoste hie; Da^ tet
si für war ritter 7iie. Ich wcen, si^ dar utnbe hat getan y Da^ man des giht, er
7ninne die man. Die verirrung war um so weitgreifender, als die höchsten sich
nicht von ihr freihielten: Defi selben werren (die paedei*astie) Brüefeni sumelich
herren Die in wenden sotten Obs ere hohen wollen: Nil sint si in so heimelich,
Da^ si da von sint schänden rieh Und man des offcnlichen gihty Si haben der
schände mit in phliht Ulr. von Liechtenstein, Frauenb. 616, 31.
S. 588] Ganz so schlimm wie in Paris war das treiben der dirnen in Deutsch-
land nicht, kaum mehr in die öffentlichkeit dringend als heutzutage in grösseren
Städten. Der oft genante Nie. de Bibera (2025) schildert uns die Erfuiier zustände:
Forsan adhuc dices: age die, vhi sunt meretriceSj
Aut in quo vico? Veraciter hoc tibi dico
Pectore quo gesto: pauce sunt in manifesto,
Qiwt sint occulte, si scire cupis^ homo stulte,
Indagare satis potes hoc sine dogmate vatisj
Quippe nefas tale tempus quadragesimale
Ne loqUfare exposcit. Veneris quicunque iocos seit
Aut delectatur in talibus, ille loquatur
Aut perscrutetur, quia per me non prohibetur.
Aus dem Eraclius (2220 fgg.) erfahren wir den preis ihrer hingäbe: Ir mugt
hie manege vinden Diu iuch iuwers willen wert Und wan drter phenninge geri.
Später scheint der preis heruntergegangen zu sein. Im anfange des 16. Jahrhunderts
sagt Jörg Graff in seinem liede von dem heller: Vier Mller man vor xeiten gab
Einer bälerin: iex ist es ab, Ist auf drei hcUler kunien Da^s machen die faulen
hau^fneid. Die in der stat geen umbe (Böhme, Altd. Idb. m*. 488 v. 7). Zwei hel-
ler machten etwa einen pfennig aus, vgl. Schmeller' 1, 1076.
S. 592J Anm. 2 füge hinzu: Shi dienest was gen wiben kranc Und dat^ er
manegei' über ir danc An gewan ir ere Tand. 10744, Dort kamt ein man fttid
ÜBER SCHULTZ, HÖFISCHES LEBEN 97
ein totp! Dem manne wil ich Jietnen den lip, Bi dem ivibe sullen wir alle („ vier-
zig oder mehr*) ligen Tand, 10774; vgl. Tand. 10975 fgg.
S. 593] Hier wären vielleicht noch die ideale des ritterlichen lebens im 13. Jahr-
hundert darzustellen gewesen, wie sie Ulrich von Liechtenstein im Frauenbuch fixiert:
einmal schöne frauen, dann gutes essen und trinken, endlich edele rosse und
prächtige gewänder und zimiere. Zu diesen idealen ti*eten dann noch vier dinge
hinzu, die man vergeblich miteinander zu vereinen sich bemüht: gottes huld, welt-
liche ehre, bequemlichkeit und reichtum (Frauenb. 587, 1 fgg.). So ist der gesichts-
kreis der ritter auch im algemeinen kein weiter. Die passionen für jagd und spiel
gehen über ihre berechtigung sehr oft hinaiis (Frauenb. 607, 3 fgg.; 635, 15 fgg.).
Sonst sind es nur schöne weiber, rosse und männliche taten, die den ritter zu
interessieren vermögen, vgl. Kaiserchr. 1, 135, 25 fgg. und weiter Grane 4062 fgg.
(Demantin 4005 fgg.): ^^^ ^(^l ^i^ rote, so stunt ein dort: Sie sungen lief, sie
sprächen wort, Ir rede was van der jaget ein deil, Sie sprächen umb der minneii
heil Ir itlich ^^ den stunden. Dar wart geret ü^ manegen munden Umb der even-
türe wer.
Der wichtigste punkt in dem Verhältnis der beiden geschlechter, das Verhält-
nis zwischen ehe und dienst, ist noch nicht genügend aufgekläi*t und erfordert eine
nochmalige umfassende durcharbeitung des gesamten materials. Ulrich von Liechten-
stein muss wegen seiner schon gekenzeichneten neignng zu reminiszenzen im frauen-
dienst mit grosser vorsieht benuzt werden. Anders dagegen steht es mit dem lange
nicht genug beachteten Frauenbuch. — Über das ideal eines frauenritters äussert
sich Ulrich im Frauenbuch (649, 17 — 650, 15): „Er soll stät sein und soll nur eine
üebe haben; sonst ist es keine herzensliebe, und er ist kein guter minnen diep.
Wer viele frauen auf einmal liebt, vor dem sollen die frauen ekel empfinden, wie
ein ritter vor einer gemeinen dime. Es gibt ritter, die lieber zehn jähr ohne freun-
din wären, als dass sie eine dime umarmten, und die nacht und tag den frauen in
der hofnung auf süssen lohn dienen*^. Aber man scheint doch nicht nach diesem
rezept gehandelt zu haben: man saget uns an detn meere Da^ dö minnete 7iieman
wtp Er enhcete dan ir lip Ze siner rehten e genomen. Nu ist e^ ü^ den xüJiten
kernen: Ob einer möhte drizic hän. Er wolt sich niht genüegen län, Er het ir
dannoch gerne me Bit. 490.
Der dienst des rittei*s soll sich aber nicht seiner frau oder seiner henin allein
widmen, sondern in ihrer person soll er allen dainon dienen: ^mmn dinest solt ir
(seine frau) eine hdn*^. ^Ich aleine? ^ sprach dat wifj y,Ir solt umtner durch
mtnen lif Allen vrouwen denen gar Ind nemen ir mit grd^e war. S6 wert üwe
lof gepriset, Da ir üch mit dinste lotset Andern vrowen swe se sin: Der sdve
dtnst ich och bin^ Grane 4619. Ob aus solchen und ähnlichen ansichten die auffas-
snng der ehelichen treue geflossen ist, wie sie Wolfdieterich (DIX, 33, 1) äussert?
Wai^ schändet iu, scheine frouwe, minnete ich joch drt? (d. h. Griechinnen)
Wil ich an^ reht gedenken, so muo^ ich iu wesen bi.
Auch von ihren frauen scheinen die männer mitunter nicht feste ti'eue zu ver-
langen, ja sie verkauften sie wol selbst: Also man vint mangen swachen Der umb
p fennine leien, pf äffen Lot bt sinme unbe släfen, Der selbe nimt für ere guot
Teichner, Eany. anm. 217. Aber auch ohne diese ein willigung des ehemannes sind
die frauen aus der guten geselschaft käuflich. Ulrich von Liechtenstein tadelt sie,
dass sie feil sind für geld (Frauenb. 611, 21 fgg.), oder aber doch durch geschenke sich
mit bestinunen lassen (ebd. 612, 15 fgg.), endlich dass sie einem unter ihrem stände,
ZEITSOHBIirr F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXV. '^
98 MEIER
einem menschen geringer herkunft sich hingehen, hloss deshalb, weil er in ihrer
Umgebung ist und sich ihnen zu allen zeiten bequem nahen kann (ebd. 612, 25 fgg.).
S. 594] Anm. 1: Auch Marpaly sagt: Mhi magetuom hdn ich behalten iex
wol fünfxec jdr Einem werden fiirsten, da^ sage ich iu für war, Der heilet Wolf^
dietertch, ü§ Kriechenlande gebom Wolfd. D. 89, 1.
S. 595] Ebenfals ein eiserner keuschheitsgürtel wird in der folterkammer der
bürg zu Nürnberg aufbewahrt
S. 598] In anm. 3 ist die zweite stelle aus dem Tandareis (15176) zu streichen:
es ist eine einfache höflichkeitsformel, die nur besagt: „ich wäre froh gewesen, hätte
ich ihm mehr helfen können''. — Anm. 7: Aussetzen von kindeiii und kindsmord
erwähnt auch Nie. de Bibera 1641 und 1650. — Anm. 8 füge hinzu Ring 15, 1 fgg.:
Doli; gibt der ai*zt der Motze genaue anweisung, wie sie eine künstliche Jungfern-
schaft herstellen soll.
S. 599] Hier wäre wol der ort gewesen, wo Schultz die einteilung der frauen,
wie sie tatsächlich bestand, hätte besprechen können: si habe man oder ein witwe
st Oder ein maget, die 7iamen dri Hab wir: da^ vierd sifU ledigiu w1p, Der mt^ih
hat manegiu sehosnen Itp, Die fünften friundin sint genant. Nimmer nameti ist
mir bekant, Die man uns müge von rehte geben Frauenb. 618, 11. Über die a7nw
(friundin) handelt Ulrich dann noch 628, 31. 631, 2; über die ledigiu unp 620,
7 fgg. 626, 27 fgg. Ehe ich auf die erklärung eingehe, will ich noch zwei stellen
anführen, die auch hierher gehören: Ich gesach nie mit ougen frowen noch möge-
dm Die dir hie xc lande mugen geno^am sin Wolfd. B. 11, 3. Ledic wtp auch
bei Walthor 47, 24; vgl. Wilmanns zu dieser stelle. Aus der doppelten technischen
bedeutung von meit ist möglicherweise Gudr. 801 , 3 zu erklären. — Welches sind
nun die von Ulrich angegebenen fünf kategorien? Doch wol 1) frau. 2) witwe.
3) haustochter, noch in der gewalt der eitern oder des Vormundes oder am hofe als
dame der herrin. 4) eine Jungfrau mit dem rechte der Selbstbestimmung, wie "Wil-
manns (a. a. 0.) gut und knapp sagt. Man kann vielleicht in mancher beziehung die
peeress in her oum right damit vergleichen. 5) concubiue.
S. 605] Die kleinode, welche die schüler von ihren geliebten bekommen haben,
sind folgende: Do wtste der erst ein giddrn vingerlin, Der ander xwei kleider
stdin, Der dritte ein badela^hen Oe^icet von höhen Sachen, Der vierde ein gürtet
wol beslagen, Da^ sott er durch stn vrouwen tragefi, Dirre einen biutel würzen
vol Von golde geworht wol. Jener ein houhen stdtn, Der eine ein vürspan guldht
GA. 3, 583, 233.
S. 609] Zu dieser frage sind wol Henrici's ausfühningen in seiner dissertation
Zur geschichte der mhd. lyrik (s. 42 fgg.) zu vergleichen. Sie gehen zwar weit über
das ziel hinaus, enthalten aber in einigen punkten unbestreitbar richtiges.
S. 615] Anm. 6 füge hinzu: Burgceren und ouch andern letxen, Den muo^ ick
dan ran armuot Mtn tohter geben xuo d&tn guot Dai^ hie vor min eigen was,
Wander da^ guot an sich gelas. Da nimt er dan mm tohter mite, Diu wol eins
hiderbc7i mannes bite Teichner, Karaj. 286.
Vor der öffentlichen Schliessung der ehe galt die faktische volziehung dersel-
ben als unschicklich: Solher xuht der degen pflac, Da^ er bt ir niht enlae, ünx
er die maget wol getan Vor künegen und vor fürsten nam Ze einer ettchen konen
Mel. 11525.
S. 618] Den frühen Zeitpunkt des heiratens tadelt auch der dichter von Diet-
richs almen und flucht (179): SU der site ist hin getan, Da^ man die vrouwen
ÜBER SCHULTZ, HÖFISCHES LEBEN 99
und ir man Ü ir tage %e einander git Des ist diu werlt hl dirre xit An mnnegmi
Sachen gar %e kranc: Daz er haben muo^ undanc Der uns den site brähte Und
sin von erste geddhte. — Über das heiratsalter vgl. Wackemagel z. A. Heinr. 225,
zu lol. 1253 und femer: Hugdietrich ist zwölf jähr alt (Wolfd. B. 9, 1), da sagt er:
luieh einer schcsnen frouwe^i so stät mir der muot ebd. 10, 1. Demantin passiert
OS, dai^ Jie eine maget sach Ein kint von xicelf jären (98). Er will sie zui* frau,
aber ihr vater sagt: y^nein*^, sprach di wert, y^desn mag nicht sin Mtn tochfer is
noch ein kint^ (160). Vgl. noch: Wax man von min ye gela-sx Dex wist si 7iit
umb ein har. Wol vff fünfxehen jar Was du jU7ig wirtin Lieders. 1, 599, 8. Wei-
ter siehe noch die zu 1, 152 angeführte stelle aus Ottokars Reimchronik (cap. 174).
S. 625] Ein gemisch von volkstümlichem und kh'chlichem brauch bei der hoch-
zeit bietet Heinrichs von Fieiberg Tristan: Der bischof ti*aut zwar das paar, aber die
trauung hat statt während des festtanzes, wo das junge paar in den kreis geführt
wird (633 fgg.). Nach dem ringwechsel setzen sie sich: vil kerxen icurden iif gexunt.
Man brächte in trinken sä xustunf. Do sie getrunken, dö hiez man Tristane sä
XU bette gän (657). Sind das kerzenanzünden und das weintrinken ' alte rechtsge-
brauche? Sonst komt die adustatio zur besitzorgreifung vor (RA. 194 fg.), und über
weintrinken beim verloben siehe Böckel, Volkslieder aus Oberhessen s. XXV und LV
fg.; vgl. auch den leitkauf (die heirat uraprünglich ein kaufgeschäft). Solte so auch
das weintrinken in der brautnacht zu erklären sein?
S. 634] Das bringen von suppe in der brautnacht erwähnt Ring 43 , 30 fgg.
8. 636] Dass ursprünglich jungfrauschaft die bedingung sine (|ua non für die
Verleihung einer morgengabe war, scheint auch Ring 43 c, 21 fgg. zu bezeugen:
Wisst dax sey ein junchfraw was! Dar umb so gib ich ir ril drat Ein par
sehuoch xe morgen gab.
S. 641] Bei dem einzug ihres heiTn kommen die einwohner des landes ihm festlich
geschmückt mit den reliquien unter dem geläut der glocken entgegen. So ist es
bei dem einzug Otto's von Bayeni und seiner geraahliu in sein land: Das Volch all-
gemein Orosx und klein Wo er cham in ain stnt Do eylt gegen jm drat Mit dem
Chrefcx und Heyltum. Ooft xu Lob und xn Frum Muest man dy Glocken letcten,
Damit sy pedewten Dax sy alle do Seiner Ghnnft warn fro Ottok. v. St. cap. 771.
(Ebenso eine Schilderung vom jähre 1436 Ztschr. f. d. ph. 23, 28 v. 13 fgg).
S. 647] Füge hinzu: Dieter wh einz (ein land) Wolfharten lech Mit siben
vanen riehen Bit. 11602; dö man dö gaz. Vür den degen ralsches laz Die rarsten
mit vanen giengen Ir lehen sie enphiengen, Diu sie von im solden hän Tand.
18112. — Zu der cäremonie der belehuung gehört manchmal wol nocli der kuss, den
der lehnsträger dem herm gibt, vgl. Grimm, RA. 143, Tand. 15229 fgg.: Der werde
künec lech ir sdn Ein herxoctuom rirhc. Er sprark xer meide minnenliche:
yfVrowe, ir sult küssen mich Nach lehens rehf"". „/M^ tu/)n ieh""^ Sj>rach diu min-
necltche maget und Sauer, Cod. dipl. Nass. 1, 3, 196 nr. 2173 a. 1339, wo Gode-
frid V., herr zu Eppensteiu, seinen enkeln alle seine lehen überträgt: bit geralden
henden, bit gekusten mwule, alx 7nan lehen xu recJtte lihen sal.
S. 652] Die dreimalige frage war überhaupt rechtsvoi-schrift; vgl. noch das von
Schultz (1 , 624 anm. 7) angeführte verbot der bürgerlichen eheschliessung mit der
dreimaligen frage ^Placet vobis?^
8. 653] Auch im Ring (33, 7) findet die eheschliessung ohne priestor statt.
Erst später gehen sie in die kiruhe, wo der pfaiTer geg<.>u die heimliche ehe heftig
7*
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opponiert (Ring 33 d, 5 fgg.). Diese inconsequenz ist dadurch hervorgerufen, dass
"Wittenweiler im Ring das gedieht von Metxen köchxtt verarbeitet hat.*
Zum zweiten teile.
S. 2] Anm. 4 vgl. noch Netz 3948 und den namen Strebekox Wyss, Hess. urk.
1, 85 a. 1250; 1, 244 a. 1276; 1, 258 a. 1277 u. ö. — Anm. 5 füge hinzu Türh.
Trist. 532 — 541 und Yirg. 948, 7 fgg.: St stechent, sehie^enty werfent stein, Die
Herren algetneine. St tvurde^i xe rate under ein: Swelher wtirfe %e kleine.
Der solde ein vuoder tctnes geben. Über das spiel den sieget werfen vgl.
PBrBeiü-. 15, 221 fg.
S. 3] Zu der ganzen erläuterung der waffen ist jezt W. Boeheims WafTenkunde
(Leipzig 1890) zu vergleichen, wo manche abbildungen gegeben sind, die bei Schultz
fehlen. Auf eine im einzelnen durchgeführte vergleichung mit Schultzens werk und
eine auseinandersetzung dessen, was zur ergänzung seines Werkes dient, kann ich
mich hier nicht einlassen, sondern muss mich mit dem algemeinen verweise begnü-
gen. — Anm. 2 füge hinzu Karlm. 55, 52 fgg. 56, 46 fgg.
S. 6] Das im Biterolf als aufenthalt Mimes erwähnte Azzaria bei Tolet ist wol
das heutige Medinet Azzahrä bei Cordova (Ztschr. f. d. a. 16, 111); anders W. Grimm,
HS. 148.
S. 8] Vgl. Ein hrünn stn todfenroc was Diu was geworht xe Kaukasas
Walb. 807.
S. 9] Über die Erfui-ter Waffenschmiede äussert sich Nie. deBiberal691. Auch
die von Kolmar hatten einen guten namen, denn die von Neidhart (XXV, 24) und
Goeli (HMS. 2, 78 b) erwähnten Kolmerhüete sind wol dort gefertigt. Vgl. auch
loJmnnes dicttis platinmaghere (Mainzer canonicus) Baur, Hess. urk. 2, 863 nr. 865
a. 1321; apotheca qicondam Qerhardi Platenmecher (Mainz) ebd. 3, 30 nr. 957
a. 1328.
S. 11] Schultz erklärt unrichtig eisenhüte von Romente als „romanische'' und
meint in der parenthese „griechische?*' Über die geographische läge und bedeutung
von Romante vgl. Ztschr. f. d. a. 15, 322.
S. 12] Es war vielleicht auch auf 1, 507 anm. 2 zu verweisen, wo ebenso den
kaufleuten geboten wii'd das schwort nicht umzugürten, sondern an dem sattel zu
befestigen. Das den knappen und kaufleuten gemeinsame wäre in diesem falle das
fehlen der ritterwürde.
S. 13] Anm. 2: Ein swert brün unde breit Scharpf unde wol erleit, Ze bei-
defi ecken vil gereht Eracl. ed. Graef 1309.
S. 14] Klafterlange swert erwähnt Ottokar von Steyer cap. 714.
S. 16] Auch silberne scheiden werden genant: Er fuorte umbe ein guot swert,
Diu sclieide diu was silberin, Oehilxe und knöpf gtädin Eracl. 4998.
S. 22] Anm. 1 : Einen schaft aus neun stücken erwähnt Bit 7450 fgg. — Anm. 4
füge hinzu: einen schaft humin Bit. 880. — Anm. 7 fehlt Itinerar. IV, 19.
S. 24] Trockenes holz schien für speerschäfte am besten geeignet: Schefte grö^
dürr als ein bein Dar an vil scharpfe tsen (besonders berühmt waren die von
Angram und Kalte Bit. 2202) Namen üf den vürsten haß Virg. 97, 9. Aber man
1) Herr professor H. Sachier macht mich freondlichst darauf anftnerksam , dass die in der Vie
domestique (s. 112) auftretende enore violatj die von uns in dieser Zeitschrift bd. XXIV, 889 (zu 1 , 202)
und XXIV, 651 fg. (zu 1 , 506) besprochen wurde , wahrscheinlich fftr sucre viokU veischrieben oder vw-
lesen ist und verweist mich auf die bei £. v. Lippmann Geschichte des zuckers (Leipng 189Ü) im
Sachregister unter veUchenxucker für das vorkommen von suore viokU gegebenen nachweise.
ÜBER SCHULTZ) HÖnSCUES LEBEN 101
Dahm im notfall auch eineu frischen bauinstamm, von dem nur die äste abgehauen
waren: Er (Wolfdieterich) Äie^ im bringen y hoeren wir noch 8agen\ Ein tannen wol
gesneitet, swa^ xwene mokten getragen (Wolfd. DVII, 195, 3). Die sper grd^ (d. h.
dick) und unbesniten werden sehr oft erwähnt: Mel. 3421. 8253. 9499. Gärel 3569.
Tand. 6053. 14260. Ein sper umnähen gro^ Frauend. 219, 26 fg. 220, 21 fgg. Ein
armdicker, kräftiger speer wird erwähnt Demant. 785. Gewöhnlich waren aber die
Speere geglättet und gefärbt (Mol. 3419. Lanz. 2772. Frauend. 82, 29 fg. 161, 15 fg.
453, 19) und zwar mit den wappenfarben ihrer träger: Sin sper war gevarwet bld,
Sin wäpen wol dar an bekant Mel. 3358 , Sin sper oueh geverwet was Rehte grüene
alsam ein gra^y Als wäm diu andern wäpen sin Mel. 3391, Des dbents ich sehs
sper verstaehy Oeximiert nach dem Schilde min Frauend. 76, 4 fg.; vgl. 73, 27 fg.
Ein roter glänzender sper wird erwähnt Tand. 13558, ein zweifarbiger, schwarz und
rother Tand. 9102. Aber man hatte auch andere mittel den speer zu verzieren: Man
umwand den schaft mit gold (Ein sper fuort e^ [Laurin] in stner hant Bewunden
wol mit golde Lamin 154) oder schmückte ihn mit blumonketten (Er fuort ein sper
xe mdi^en grö:^ Von pluomen ruoch ufid niender blo^ Frauend. 219, 11). Sind so
auch die geflortiu sper im Lanzelet (geflortiu sper und gügerel Unde kovertiur von
siden 646) aufzufassen? Ich möchte es beinahe glauben, wenn ich auch keineswegs
die von Schultz mit den wbb. angenommene bedeutung leugnen will.
S. 25] Anm. 7 : Diu stange was apfaltertn Und also gebunden Mit tsen oben
und unden Da^ der ungefüege schaft Von des holten küneges kraft- Gewinnen mohte
keinen schranx Part. B. 5288.
S. 27] Zu anm. 4 war die stelle Bit. 2301 fgg. anzuführen : Der schaft der was
oueh überwogen .... Mit einem phelle tusenvary Da^ des nieman wart gewar Da^
er von helfenbeine schein, — Anm. 6: nü bunden si die banier an Lanz. 8346. —
Mit unrecht sagt Schultz, dass Ulricli von Liechtenstein Frauend. 209, 1 seine aus-
lüstung schildere: er beschreibt die seines landsmannes, Ilsunc von Scheuflich, wie
schon Bechstein zu der stelle richtig bemerkt. Daher fallen auch Schultzens folge-
rungen weg.
S. 28] Ein wertvolles banner wird beschrieben Bit. 7491 fgg. — Weiter: Da^
er xeiner banier solt haben Da^ was ein van unx an die hant Vofi dem besten
saben den man vant In des küneges lant von Marroc Lanz. 4424. Bei nichtgobrauch
werden die fahnen um den lanzenschaft gewunden : dö man den vatien uf gewaiüy
Den schaft den nam an die hant Randolt ü^ Meilan Bit. 7447. Sie werden also
grade so behandelt wie die heerfahnen; vgl. 2, 234 anm. 11. Die banier wii'd mit
dem Wappen oder seinen färben geziert, das zeigt die folgende stelle: Oräve RH-
schart hie^ dö Ein vremde banier binden an Lanz. 3166, sin banyr glich dein
Schilde Job. v. Michelsberg v. 73 (v. d. Hagen, Germ. 2, 95). — Auch reliquien band
man an den speer: Amolt der w7gant Eine kefsin her an da$ sper banty Die her
in dem tome nam Eother 4102. Dieser mit reliquien versehene speer dient aber
zugleich als heerzeichen (vgl. Rother 4159 fg.), und so ist es mit dem oben erwähn-
ten banner (Bit. 7447. 7491) wol ebenfals. Es lässt sich beides nicht gut auseinan-
deriialten, da hier der köpf des banners auch mit einer scharfen spitze versehen ist.
8. 33] Anm. 2: Wa^ in emerte Da^ sult ir hoßren hie xe stunt: Da§ tet ein
kernt stdtne Da^ truoc er under dem halsperge sine (Rabenschi. 651, 3). In dem
hemd sind vier reliquien versiegelt (ebd. 652, 1 fgg.), Palmätstdtn hemde von 72
poehen mit Sant Pangrazien Heiltum Wolfd. B 2, 349, 2 fgg.; Da^ stdin hemdc
macht er für die brüst wol hundertvalt Wolfd. D. VI, 160, 3. — Anm. 6 war auf
102 MEIER
2, 82 anra. 1 zu verweisen. Füge hinzu Krone 2830. 2835, Crane3892 fgg.. Demant.
7527 : Ein tepet wart dar nedir gebreit Dar üf sa^ der geticerg gemeity Do schütte he
an di holten^ sin. Ferner: Do hie^ er im gewinnen Allen stnen liamas Der im
schiere kamen was. Ein tepech wart nider gespreit Und ein küsse darüf geleit,
Da der Jierre üf sa^ .... Ma7i schuohte im an siniu bein Zwo hosen iserin (Eraol.
4938). Dann zieht er seinen halsberg und darauf den waffenrock an, nimt das
Schwert und lässt sich die sporen umgürten (4951 — 4969).
S. 34] Ourthosen werden von Ottok. v. Steyer kap. 536 erwähnt: Ourthosefiy
halsperig und swert Chursit utid Platten Must er sich da satten. — In der erklä-
ruDg der anm. 1 angeführten Willehalmstelle wird Schultz Wolfram nicht ganz gerecht:
Es ist zugleich ein Wortspiel zwischen senftenier als stück der bewafnung und senf-
tenier als einem dinge „c?a^ sanfte tuot*^ beabsichtigt. Dadurch gewint dieses spiel
erst wider die echt Wolframische färbung.
S. 35] Anm. 4: Nun wei^ ich doch niht rehtCj wa^ Witege an im roch, Da^
er im xuo dem slitxe ein swert durch sincn lip stach Alph. 304, 3; der vierde gert
Da§ er ain gespicx Swert Durch jn stach durch den Slicx Ottok. v. St. kap. 738.
S. 38] Bei Joppe hätte auf 1, 264 und bei Auqueton auf 1, 302 verwiesen
werden sollen. Ein wambe^ von hiiggeran wird Mor. v. Craon 828 erwähnt. — Über-
gangen ist von Schultz der gleichbedeutende purpunt (franz. pourpoint): Eyn pur-
punt daden sy eme omme Van (hs. Va) wyssen pellen als eyn swane Karlm. 55, 7;
vgl. 62 , 32 fg.
S. 39] Ich halte das spaldenier trotz seiner Zusammengehörigkeit mit lat
spaJla, fi'z. espaule nicht mit Schultz für ein nm* die Schulter deckendes klei-
dungsstück, sondern meine, dass es den Oberkörper bedeckte. Ich glaube in
der gleich zu citierenden, auch sonst wichtigen, stelle würde der zweck des
spaldeniei"S anders umschrieben sein: Sin schiniere (v. d. Hagen: schiviere; zu
Schultz 2, 37 anm. 6) tcären guot Mit golde übergo:^en. Uf der huf gedo^^en Lac
ein stdin huffenier. Von blankeit ein spaldenier Zieret im den lip wol; Sin plate
was yesteines vol. Sin artne heten spo^^enier Bedecket unde mu^zefiier GA. 1, 472,
644. Forner: Da;^ spalier giwt von siden da^ mtwz ich von im hdn Wolfd. D, 12, 3.
Do ejitwdpenf man in sd xe haut; Man lie dem degen wert erkant Niht dan sin
spaldenier an Und viiorte in üf den turn dan Tand. 11162. — Anm. 3: Da^ gaote
colliere muoz ich von im tragen Da^ der degen xiere hat umbe sinen krctgen
Wolfd. D. 13, 3. Die deutsche übei*sotzung von colliere ist halsbant. Auf das pur-
punt unter halsberg und waffenrock legt Karl an : einen halsbant der was goet
Karlm. 55, 9, vgl. 62, 34.
S. 42] Die wichtigen stellen aus der Vii'ginal scheint Schultz übersehen zu
haben; ich führe sie hier an: Die ringe sach man rtsen: Von ir swerten da^ ge-
Schach. Wie ril der starken nieten brach Von stahel und oußh von isen 62, 3; Sin
swert was der heiden hngel. Ez wolf th sj)alten manegen nagele Die wol vernie-
tet wären 96, 1; Vil borten klar von siden Die enthaften sich von siegen gro^
Und liei^n manigen nagelnief, Der sich von .starken blechen slöz 109, 10.
8.44] Zu anm. 1 vgl. noch Du Gange 1, 659. 8, 183. Auch über den Jaxe-
ra?it bringt Du ('ange beachtenswertes bei (4, 282).
S. 45 1 Die rüstung wurde bald nach dem gebrauch gereinigt: Sin hamasch
schouwet man gar j Man macht ez lieht unde glanx Mel. 7962; Min hamasch er vofi
1) Fals die form koüen richtig golesen ist . so liegt eino ähnliche falsche ana]ogie vor , wie bei
niederd. this für %ins ( <; lat. ceiisus) , da kolx^ aus lat. cakeiis , ital. cdixo entstanden ist.
ÜBER SCHULTZ, UÖnSCHES LEBEN 103
mir enpfie: Dar an so hie^ er legen vli^, Da^ er gemachet mirde loi^ Frauend.
238, 30; Sie hie;^en ir fialsperge Ü4 sehüUen U7ide vegen, Die durch iou und
durch regen Na:; unde rostic wären Eracl. ed. Graef 4726; (Es wurde) in den gren-
den Diu sarwät gereinet JJjid die helme beleinet Mit rtltchen ximieren Krone 22118.
Ebenso Krone 665, wo nach Niedner (Turnier s. 75) vegete zu lesen ist. Vgl. noch
San Marte, Waffenkunde s. 18.
Schultz hätte die formen für frz. hauhergeon nicht so unvermittelt neben ein-
ander setzen sollen, da so leicht mis Verständnisse entstehen können: hauhergeon geht
auf mlat halbergium (Du Gange 4, 160), hdberjml aber auf mlat. halbergeolum,
afrz. haubregetä zurück. Anm. 8 war noch auf Lucae's nachtrag zu seiner bemer-
kung über häberjcel Ztschr. f. d. a. 33, 256 zu verweisen.
S.46] Anm. 4 füge hinzu Ferguut495 (Schultz 2, 30 anra. 13). Femer: Wolfd.
D. 33, 3 heisst es: ein brünje vest van home het er geleit an sich] ac lesen: %wo
hrunigen; Grimm, Roseng. 1654: Stvie da^ Stfrit hünnn wrere, drt halsberge leit
er an, Dass es ganz gut möglich war, mehrere halsberge über einander anzuziehen,
zeigt die erzählung Ottokars von Steyer (cap. 314), wie jeder krieger aus der bela-
gerten Stadt, da ihnen freier abzug mit dem was sie auf dem leibe tragen bewilligt
ist, sich den besten hämisch heraussucht, den er finden kann: Mit giä Halsperigen
drein Sach man manigen da gen, Da het Ettleicher xwen Doch sach man da
ehainen Er het xe mynnist ainen. — Drei bmnnen sind OrendelXIU, 31 erwähnt.
S. 47J Anm. 2 füge hinzu: mu^^efiier GA. 1, 472, 652. — Die spo^^enier aLs
armbedeckung (GA. 1, 472, 651 fg.) kent Schultz gar nicht. — Die platte scheint einen
notwendigen bestandteil der rüstung ausgemacht zu haben : Do wax er (der von Schar-
fenberg) verricht Wann dax er der Platten hiet Glicht. Den Grdven da^ hart Vnd
die andern peswart. Man suecht alain in der Stat Ob yeman dhaine hai. Es
wird aber keino gefunden (Ottok. v. St. cap. 569).
S. 48J Zu der orörterung über bonit sind unsere obigen bemerkungen zu 1, 315
zu vergleichen. Goldene bonit werden Rother 1851 eiwähnt: Sie trogen bontt gul-
din Da inne göt gesteine.
S. 49] Über kuret ist Lexer 1, 1794 und Du Gange sub curetum zu verglei-
chen. — Zu anm. 3 füge hinzu: Die maget die iserinen hant Enphie wid hiex in
üfe stdn Gärel 1810.
S. 50] Es ist wol zu erwähnen, dass hersenicr eine ableitung aus ndl. hersen
ist, welches widemm mit hir^i eng zusammengehört, das aus *hirsni, *hir^ni out-
standeu ist (Kluge, Etym. wb.''144).
S. 51] Mit unrecht ändert Schultz aum. 6 in dem citat aus Türheims Willehalm
das koufen des drackes in koifen\ das orstere ist nicht zu beanstanden, vgl. goufe
Wolfram, Wüleh. 92, 12.
S. 52] Vgl. Sin Mrsenier er al xe hant Wider üf sin houbet xoch Tand. 6800 ;
letweder sin heim abe baut. Ouch losten üf die härsenier Durch den luft die
helde fier Erkuolten ufide ruoten da Mel. 6090; vgl. 6121 fgg.
S. 55] Zu anm. 7 füge hinzu: Helme und ouch die hüetelin Diu wurden
schiere ah genomen I^anz. 6838.
S. 56] Anm. 3: vgl. Jänicko zu Bit. 639. — Anm. 4: vgl. Cmiradus dictus
Beckenhuhe (Mainz) Baur, Hess. urk. 2, 523 nr. 538 a. 1297,
S. 58] Das anm. 5 angeführte beispiel aus dem Frauendionst ist zu streichen,
da Uliich hier als frau Venus kämpft, und also Schlüsse daraus auf die tracht der
ritter anzulässig sind. Ebenso kann die erzählung von Ilsän, der als mönch mit sei-
104 MEIER
nea brüdern schwarze kutten über der rüstung führt, nichts beweisen. Endlich sind
die stdin moutoerij die Lanz. 4431 erwähnt werden, als wappenzeiohen oder sonstige
zierraten zu betrachten: der könig führt sie an allen stme gereite. — Ein vierfar-
biger wafFeni'ock wird im Meleranz (10053 fgg.) geschildert: Stn w&penrocy stn cur-
sU Was von richem pfellel wit, Der vo?i vier varwen wa^s^ Rot und grüen cUsam
ein gras Wi^ und blä die vierde. Der waffenrock ist mit dem wappen verziert: Der
fielt wart sä vil schiere bereit, Ein wäfenroc dar üf geleit. Der was von balmat-
stden. Dar in xwen am von golde rot, Als ime diu wäre schulde gebot Yivg,7b5^ 1.
Besonders betont wird immer die weite des rockes: Sin wäpenroc wa^ stdin Von
gesteine gap er liehteii schin, Vo7i tnangerhande sachen Mit vwein und sibenxec
vachen Laurin 205.
S. 65] Anm. 1 : lumiere Chast. de Couci 1699. Vgl. noch PfafP, Germ. 33, 33.
S. 72] An dem ximier wurde vor allem der ritter erkant. Es wird an dem
4
heim mit einer binde festgebunden: Dalkors der degen ellenthaft Uf dem- velde sä
xuha/nt Stn ximier von dem helme bant Da^ er mit ritters handen Dester e
bestanden Würde in der äventiure tan: Wan in getorste nicht bestdn Kein ritter
dem er was bekant Hcinr. v. Freib. Tiist. 2046. Das ximier konte leicht abge-
stochen werden. So geschieht es dem Tristan mit seiner sträle. Später findet er
sie wider und bindet sie auf seinen heim (ebd. 2137). Ein anderes beispiel bietet
Garel (3647 fgg): Der ar wart ouch gerüeret Der üf des wirtes helme stuont; Dem
wart ein slac mit eilen kuni Da^ er rwnen muost den heim: Er viel verhouwen
in den melm. — Besonders genau und insti-uktiv wird das ximier des Tandareis
(Tand. 12516 fgg.) geschildert; ein anderes beschreibt der Pleier im Meleranz (5943 fgg.)
S. 73] Schollen am ximier erwähnt Ulrich von Liechtenstein Frauend. 208, 14
fg. Andere belege siehe Lexer, 2, 692 sub schelle.
S. 75] Anm. 3 ist an der aus dem Frauendienst angeführten stelle (452, 3)
Diu w(bI statt Diu wol zu lesen, wie ich PBrBeitr. 15, 332 wahrscheinlich zu
machen gesucht habe. — Eine der wichtigsten stellen für die kentnis des helmschmuckes
hat Schultz nicht beachtet; sie findet sich in Job. von Michelsberg Ritterfahrt in
Frankreich (von der Hagen, Germ. 2, 93 fgg.). Es heisst dort v. 57: sin heim von
brunem stahel klar Oab lichten spiegelvarbeti schin. Ein krantx prislichen giU-
din Ölest vf des helmes kröne, Dar in gestecket schone Vergulter gyres vedem vil,
Dar an gehangen ane xil Von golde wunenklich talier. Der minnen xeichen, ein
slogier, Vlovk ob des gyres vedern. Den man da sa^h vledem. Od siden mide
wol geworcht,
8. 77] Crinale als helmdecke aufzufassen, wie Schultz will, scheint mir nicht
gut angängig. Crinale ist mlat. in keiner zu den angeführten stellen passenden be-
deutung belegt. Aber für crinarium und crinile ist die bedeutung sertum mehrfach
nachweisbar (Du Gange 2, 620), und das mag auch an unserer stelle die meinung sein.
S. 78] Auf der reise trug man, wenn nicht gefahr in unmittelbarer nähe war,
keine waffen, ausser das schwort, das den ritter nie verliess: Tandareis hat nur
sein schwort umgegürtet (Tand. 4222 fg.); er trägt einen pfellerrock, ein kappe
und einen pfauenhut (ebd. 4216 fgg.). Wie er angefallen wird, ergreift er noch
einen schild, den ihm — wie auch wol die andern stik)ke der rüstung — ein knabe
führt (4230 fg.). Die rüstung wird oft, wie hier, von den knappen getragen (die
königin hie:^ disem, werden man Zwen knaben mit im vüeren dan Helm schilt unde
sper Tand. 9022) oder aber man lud sie auf saumtiere: Wafit sy meist vngewapent
t^BEB SCHULTZ, HÖFISCHES LEBEN 105
reden, Sy Iiadden do na yren seden Op ir somer geladen Ir wapeti des sy groes-
sen scheiden Namen in der seluer nacht Karlm. 122, 9; dor ungetreue "Willis wird
auf ein ross gebunden : Hynder yn sy (seine Wächter) loden Er alre halsberge Karlm.
494, 44; Ir stdt xe disen xtten Niht in hamasch rtt&n Ir sult da^ hamasch
swctre üf mtnen soumcere Durch iuwer Itbes ruowe legen Tand. 12720; Sin wäpen
lif den s6men lach Der he mafichen vor om sach Demant. 7421; Mit golde harte
xiere Vil schilte sach jnan glts^en, Manegen heim tdt^n Gebunden üf die soume
Wig. 271 , 26.
Ebenso galt es scheinbar für unschicklich mit dem hebn auf dem haupt und
dem Speer in der band einer dame gegenüber zu treten: Sus reit er xuo der müre
Da er diu küneginne vant. Stnen heim er abe bant Und saxt in üf den satel-
bogen. Er was hövesch und wol gexogen: Stn houbet da^ enttväfent er. An die
müre leint er sin sper Wig. 15, 27.
S. 79] Anm. 3 füge nach Virg. 821, 5 hinzu: 866, 5.
S. 80] Anm. 7 füge hinzu: Ich enma^c 7nin harnasch niht getragen Zc viie^n,
dest mir xe swcere Tand. 10233.
S. 83] Zu anm. 2 vgl. noch Lieders. 3, 305, 30: E:^ lit nit an den gelwen
sporn, Da mit man frowen verdienen sol.
S. 84] Der Schild war von holz : 2khant enxtinde sich da^ bret Und verbran
im vor der hant Wig. 179, 33; Ein guldinen lewen er truoc Der wa^ üf da^ bret
erhaben Lanz. 4422. — Um den schild herum gieng ein rand, der kantet: Als vmb
des Schildes rande Oenck eyn kantet van golde geslagen Earlm. 56, 13. kuntel, das
wol von griech. xavd^og (radreif) abgeleitet ist, lässt sich auch in dieser seiner bedeu-
tuDg „schildreif, -rand'* leicht mit jenem vermitteln. Eine andere bedeutung ist
durchaus die gewöhnlichere: vgl. Fr. PfafF, Germ. 33, 33.
S. 86] Zuweilen wird die buckel künstlerisch gestaltet, so in den formen einer
blume: Da:^ diu buckel solde sin Da^ was eifi bluojne guldln Gcworht mit groz^m
fli^ Wig. 169, 16.
S. 88] Zu anm. 8 ist noch zu vergleichen Alph. 192 fg., Crane 3111 fgg.,
Frauend. 72, 12 und PBrBeitr. 15, 327 fg.
S. 89] Nicht bloss zur konservierung der maierei, wie Schultz (2, 97) meint,
diente das tegimen in clypeis, der hulfl, sondern auch um die wappenbilder zu
verhüllen, wenn man unerkant bleiben weite: {röter samit) Der ouch den schilde?i
decke bot, Da:^ si da bi iht wehren bekant Swd si riten durch diu lant Wig. 245,
11; KarUes schilt was ouertreckt, Hey en woulde en ncit voren endeckt Durch xei-
ehen, dat da ynne stunt, Hey en woulde neit, dat eman worde kunt, Dat hey were
de konynk Earlm. 379, 22; Den schilt von golde spamien tmt Den bedaJitcfi si so
gar Da^ des da nieman wart gewar Bit. 2298.
S. 93] Unter den wappenzeichen ist auch das türbant zu erwähnen, vgl. A. f.
d.a. 15, 218 fg. — Zu halbieren vgl. noch A. f. d. a. 15, 220 und PBrBeitr. 15, 331.
8. 95] Bei den bestimmungen über die wappenfrage scheint zu erwägen zu
sein, dass der fürst, wie er so viel fahnen hatte, als ihm länder gehörten, auch so
viel Schilde besass: Do sprach Ospinel der vrie: Her, ich bin van Orbie. Myn
vader hadde vunff schilde Ind was hoesch ind mylde Karlm. 413, 5.
8. 96] Das wappen auf den Schilden war gemalt: Mac ich dir (dem löwen)
niht gehelfen, ich wil dir widersagen, Deich dich nie mere gemälet an minem
»
schilie wette tragen Wolfd. A., 601, 3; Hoerstu e^, geselle leice, den ich an dem
106 MKIER
schiltc habe: Hilfstu niht dinem gesellen y ich hei^ dich schaheti abe Wolfd. D. VIII,
97, 3; vgl. noch AVolfd. D. VIU, 82, 3, Da xuo v^uorfe er eifien schilt, Dar an
ron rotem golde was Gestrichen man^c edel wilt Virg. 4, 11. — Zu anm. 7
füge hinzu: (Sie) frumten ir gereite Mit spceher rtehheite Von golde kosth(Bre Als
e^ diu schiltcere Wol geniacfien künden Die nian xe den stunden Ze Ackers vant
in der Iiabe Lanz. 8839. — Anm. 9 : üf einem schilde der was gel Einen eher xobe-
Hu Undr eifiem backet guldln Mel. 8159; Diu buckel diu gap lichten schin Von
arabischem golde Als er selbe uolde; Dar under ein pantel xobelhi. Die spangen
wären guldin Die üf dem schilte warn geslagen Gärel 3104.
S. 97] Anm. 3 ist zu bemerken, dass an der Erecstelle (5540) hulft eine con-
jektur Haupts ist.
S. 100] Vgl. zu aiun. 11 noch: Si dahten diu vil guoten niarc: Von stdle
ma.?ne decke starc Leiten si üf ir ka^teldn Dietr. Fl. 8701 . Eine covertiure silberin
wird Klage B. 2909 erwähnt.
S. 101] Über die eisenpanzeruug wurden seidene decken gebreitet: Teivr Phelle
lagen Auf de7i Raveiten, Die fnan xe paiden seyten Vber dax Eisen het gestrekcht.
Wo sich dax Eisen phekcht Vnd die tewrn Sameit Die gaben Olast widerstreit
Wo die Sunn daran schain Ottok. v. St. cap. 148; Er reit ein ors swarx gevar
Mit einer kovertiure gar Bedecket von samite. An der xeswen site Was si grüene
alsam ein gras: Da xe der linken haut si was Tunket rot als ein bluot Wig. 169,
8; Ein decke lanc und wit Wa^ der tserinen decke dnch, Der man richer koste
jach: Ein phelle rot, dar in gesjiiten Mit vil kostliclien siten lAehart wi^ hermin,
Ir klä wären guldin, Ir ougen wären gränät Tand. 2108, edeliu ros Mit sidin
wdfen wol bcdaht Virg. 952, 4. Femer werden wappen auf der kovertiure noch
Gärel 3082 fgg. und 3100 fgg. erwähnt.
S. 102] Es wird weiter als teil der kovertiure das lankenier erwähnt: rot
was oiich sin lankenier GA. 1, 471, 607. 472, 667. 473, 669; kovertevr undc
lankenier neben einander Joh. v. Michelsberg v. 51 (v. d. Hagen, Germ. 2, 95). —
Aus der ersten aufläge ist das versehen stehen geblieben, dass die croupibre den
„bug" des rosses beschützen soll: im gegenteil, sie liegt vielmehr über der kruppe
des pferdes.
S. 103] Anm. 2 füge hinzu: Covertiure und tehtier, Diu wären schoene unde
guot Eracl. ed. Graef 4988. Die angeführte stelle aus Wolfdietrich (D V, 202, 3) ist
wol hier zu streichen imd eher anm. 1 anzuführen, vgl. unsere obige bemerkung zu
1, 499.
S. 106] Diesen abschnitt kann ich in manchen punkten nicht guthelssen: mir
scheint Niedner (a. a. o.) bei abweichenden ansichten meistens, obwol nicht immer,
im recht zu seio. Leider beeinträchtigt die übertriebene schematisieiiing die klarheit
der darstellung bei ihm nicht wenig. Ich kann hier auf eine alseitige Würdigung von
Schultzens ansichten nicht eingehen, sondern beschränke mich darauf, einzelne punkte
liier zu berühren und im algemeinon auf Niedners arbeit zu verweisen.
S. 110] Anm. 2 war wol auch an Alphart 402, Rosengarten ed. Grimm s. 78,
9, 1 und Frauend. 199, 13 fgg. zu erinnern.
S. 114] Die waffou waren stumpf: rfof^ (ein scharfes Speer) Wolter bt deft xiten
hun üf den keiser t;erstochen, swie man furnierte doch Part. B. 15107. — Die im
turnier gefallenen von füi-stlicher abkunft verzeichnet Du Gange Diss. VI, 26, Räumer,
Hohonstaufen VI, 557. Auch Ulrich weiss im Frauondienst (86, 14 fgg. 87, 24)
ÜBER SCHULTZ, HÖFISCHES LEBEN 107
von im turniei' gefalleneu zu berichten, die vom treten der rosse übel mitgenommen
werden. Es wird jemand von den pferden zeiireten GA. 3, 458, 116 fgg.
S. 117] Bei der „tafeirunde* war auch Reinfr, 190 und 284 zu erwähnen,
stellen, die schon Niedner (a. a. o. 41) bei der erörteiimg der tavelrunde citiert.
S. 118] Anm. 2: vgl. Diez, Leben der troubadoui-s ed. Bai'tsch s. 236.
S. 120] Ulrich von Liechtenstein gibt vor (iYauend. 116, 9 fgg.), es seien ein
hündchen, ein gürtel, ring und heftel von einer dame als tumiorgewinn gesant
worden.
S. 122] Besonders habgierig beim turnier sind die österhet-ren nach Wig. 216,
22 fgg. Ebenso urteilt die Krone 2938: niht nach den osterherren disiu tjostiure
stuont\ vgl. Niedner a. a. o. s. 17. Auch die vom Rheine kämpfen um gewinn (Bit.
8202): Die recken von dem Rtne Ällextt phlegen ritterspil Und wie si tumieren
Vit hediu üf vhist und ouch gewin.
S. 124] Die krojierer beschreiben die wappen und wissen sie zu erklären: dai^
schilt hrüvieren Turnei von Nautei? B. 954. So erhelt sich auch der dem homus-
geber unverständliche ausdruck in der Virginal (1047, 1 fgg.): Der ivdfen knapj>en
krtren so Und ouch die vürsten priviertent (= prüviertent) do Und ouch die rit-
ter gemeine.
S. 127] Anm. 7 ist der beleg Parz. 465, 24 als nicht hergehörend zu strei-
chen, hingegen Parz. 738, 28 hinzuzufügen. Die gleiche bedeutung hat voilenj ver-
vcelen-, ich verweise nur auf die zahlreichen belege, die das mhd. wb. (3, 214 fg.)
gibt und hebe die aus dem Frauendienst als besonders instruktiv heraus. — Anm. 9
füge als beleg hinzu: Crane 3071 fgg. 4364- fgg., Demant. 1187 fgg.
S. 128] Die anm. 3 von Schultz angeführte stelle aus dem "Wolfdieterich (D VII,
198, 2) gehört nicht hierher: es ist dort davon die rede, dass Wolfdietrich den gra-
fen vom ross nimt imd mit ihm, den er mit den armen hält, eine strecke fortreitet
und ihn dann zur ei-de wirft. Ähnliche reiterstückchen werden Bit. 8870 fgg. und
Parz. 73 , 18 fgg. erwähnt.
S. 129] Die knappen sorgten im turnier, dass ihr herr frische Speere erhielt:
Sin gesellen bat der ritter klär Da^ sie im etlich knaben liej^en, Die solden des
icol genießen j Die stn pflcegefi in dem ^wrwc/Tand. 12829. Und als Tandareis später
im kämpf einen ritter heransprengen sieht, sagt er zu seinen knappen: stt mir mit
den spem bi (Tand. 13812). — Zu anm. 11 vgl. noch Demant. 3900. 4100.
S. 130] Wenn Schultz sagt: „man nante solch einen mann (einen tüchtigen
ritter) einen waldzerstörer (waltswe^ide)'^^ so ist das nicht ganz richtig: nicht „mau*'
tut es, sondern die dichter, welcho Wolfram nachahmen und ihn bewundem, gebrau-
chen diesen wol von ihm geprägten, jedesfals aber von ihm in curs gesezten aus-
druck.
S. 131] Über die bedeutung des fride beim einzelkampf und beim turnier
äussert sich Schultz nicht, und doch ist diese frage sehr wichtig, vgl. Niedner a. a. o.
26 fgg. — Unverständlich ist mir der Vorgang, dass bei einer ritterlichen ^jost der,
welcher den andern zu boden geworfen hat, über ihn mit absieht weg reitet. So
verstehe ich wenigstens die beiden mir bekanten stellen: Meleranx den truhste^en stach
Hinder da^ ors iif den plan: Daj^ was im selten e getan. Er reit uf in und trat
in nider. Des erholt er sieh wider Mel. 5108; Tandaieis fält den Kandaljon vom
ross: mit xames siten reit er Uf in imd trat in nider, Do hidfen im die sincn
leider, Da^ er niht den lip verlos Tand. 10881.
108 HEIEB
S. 133] Mit recht bemerkt schou Niedner (a. a. o. 68 fg.), dass au den in den
anm. 4 und 5 angeführten stellen das schlagen mit den Schwertern auf die ritter,
das mit den prügehi auf die kipper geht.
S. 134] Auch Ottokar von Steyer weiss in zwei berichten über tumiere zu Graz
und zu Wien davon zu erzählen, dass das spiel im turniere bald zu blutigem ernst
geworden wäre, fals die fürsten nicht das tumier aufgehoben hätten (Ottok. v. St.
cap. 738, fol. 706 a. 708 a).
S. 135] Zu Ulrichs erzählung von dem vereitelten Friesacher tumier vgl. auch
PBrBeitr. 15, 321. — Schultz meint, dass die kipper gewöhnlich vom tumier aus-
geschlossen gewesen seien. Indessen hätte er das richtige aus der, auch von ihm
imten in der anmerkung citierten , stelle aus Niedners tumier (s. 68) entnehmen kön-
nen, wo es heisst: „sie (die kipper) werden wol bei den meisten tumieren damaligor
zeit nicht gefehlt haben*.
S. 137] Berthold von Holle schildert im Demantin (613 fgg.) die tribüne der
damen: Beännmde gemachet was Ei7i so hoch palas Von holze Mch unde rieh.
Manig frouwe vmnnigltch Was ht der juncfrouwen dar Und manig ritter ^ da^ is
war, Di or di wäfen sagete. — Eine gute Schilderung eines turnierplatzes gibt der
Ring (8 , 26) : Dar xuo ward geschaffen Da^ man auch schalte machen Einen xaun
all umh den plan Da^ wa^ jo also schier getan Und dar auf scholt man prügi
legen Durch der schönen fratcen wegen Die den turner schalten sehen. — Anm. 5:
Weitere und zum teil charakteristischere belege hätte Schultz aus Niedner a. a. o.
s. 73 entnehmen können. — Dass bei mancher tjost auch lieder von den rittem
gesungen werden , berichtet Ulrich von Liechtenstein (Trauend. 458 , 8 fgg.) : Diu liet
gesungen tcurden vil: Für war ich iu da^ sagen ivtl, Bt den lieden wart geriien
Manie tjost tidch ritters siten. Diu liet fnan vil gerne sanc Da fiwer üz tyast
von hclme spranc: Si dühten manegefi ritter guot, Si rieten ritterlichen mtwt.
S. 139] Mit unrecht hat Schultz die Lachmaun'sche textconstitution von Parz.812,
ü fgg. aufgenommen. DiePaul'sche darlegung (PBrBeitr. 2, 97), die weiterhin Niedner
(a. a. 0. s. 32 fg.) vervolständigt hat, hebt klar ihre unzulässigkeit hervor und zeigt, dass
zu schreiben ist: der dritte ist xen muoten: Ze rehter tjost den guaten Ich hurteeliclien
hau gcriten\ vgl. auch noch die von Paul angeführten stellen Willeh. 29, 15 und
361, 21 fgg. — Was die weitere interpretation der fünf stiche anbetrift, so kann ich
mich mit Köhler und Schultz nicht einverstanden erklären, die mit ungenügenden
gründen das tumier nur als massenkampf in geschlossenen formationen auffassen.
Ich möchte vielmehr Niedner beistimmen, der eine Zusammensetzung aus massen-
und einzelkampf annimt, ohne jedoch seine ausfühmngen in allen einzelheiten unter-
schreiben zu können. Wie wollen z. b. Schultz und Köhler bei ihrer auffassung das
justieren zwischen den scfiam erklären, das als etwas besonders mutvolles gerühmt
wird (vgl. Niedner s. 53 und Tand. 12833: ich stcech gern etlich »per enx4cei Nach
killte xtvischen den scfiarn; vgl. auch weiter Sachsenspiegel 1, 38, 2)?
S. 140] Schultz hat den Zusammenhang übersehen: nicht Demantin, sondern
Andifor mft den namen der schönen Delasie. Au den in der anm. 3 aus Demant.
angeführten stellen wird 6730 Alophie von dem vogt und 6734 Beamunt von Krga-
nant angerufen.
S. 141) Das zäumen erwähnt Schultz gar nicht bei seiner Schilderung des tur-
niere, und doch ist es von grosser Wichtigkeit, vgl. Niedner a. a. o. s. 67 fg. und
auch Ring 7b, 37 fgg.; 7c, 20 fgg.; 8b, 38 fgg. Es scheint beim schwertkampf auch
darauf angekommen zu sein mit den, allerdings stumpfen waffen den zaom der
ÜBER SCHULTZ, HÖFISCHES LEBEN 109
rosse zu durchschlagen und so das fiihrungslose ross mit fortzuziehen: der reiter
konte kaum so schnell die zügel widergewinnen, da er in der rechten hand das
Schwert und in der linken den schild hatte. Anders als eben angedeutet kann ich
die bekante stelle im Biterolf (8450 fg.) nicht verstehen : Ja siht nian von ir handeri
(von den nicht tumiererfahmen leuten des "Witzlan) Durch xoume selten ge-
slagen.
S. 142] Dass bei lichte tjostiert wurde, erzählt Uliich von Liechtenstein: Diu
naht den tac het gar verswant. Nach großen liehten ich do sant: Der kmn mir
üf da^ velt gar vil. Für war ich iu da^ sagen wil, Wir stdcfien bt des lichtes
schtn: So gern dient ich der vrowen min (Frauend. 271, 25).
S. 152] Auch Räpot von Valkenberc (Frauend. 474, 25 fgg.) gehört wol zu den
schnaphähnen , die sich durch plündern und rauben ernähren.
S. 157J Der besiegte gibt knieend mit handschlag seine Sicherheit: Als er die
scheinen maget sach Er kniete vür sie unde sprach: Vrowe, ich bringe iu sicJier-
heit Tand. 9650; Diu maget die isertnen hant Enphie und hiesi in üfe stän
Gärel 1810.
S. 174] Bei den ordalen war vielleicht noch ein algemeiner verweis auf Grimm,
KA. 912 fgg. hinzuzufügen. Eine interessante erzählung eines Ambers über die got-
tesgerichte und zwar über den Zweikampf, die feuer- und wasserprobe und über die
Stelvertretung bei weibem und krüppeln steht in dem werkchen von G. Jacob, Ein
arabischer berichterstatter aus dem 10. oder 11. Jahrhundert (Berlin 1890) s. 14
fgg. — Über die bedingungen bei einem Zweikampfe mit einem hunde handelt
GA. 1, 179, 371 fgg.: Man sol dem man ein knütel geben , Da mit er vristen
kan stn leben. Armes gro^ und elen lanc, Da^ ist mtn rät und min gedanc:
Ouch gebe man dem hunde Die xend in stnem munde, Da mit er sich weren sol,
Des mac er sich vrten wol.
S. 199] Anm. 9: tüsent schütxen wol geriten Gärel 4300. Vgl. auch die abbil-
dungen in Boeheims "Waffenkunde s. 390— 392.
S. 202] Anm. 4 ist Schultzens angäbe wol dahin zu berichtigen, dass nach der
gewöhnlichen annähme armbrust wol kaiun aus der form areubalista, sondern viel-
mehr aus mlat. arbalista entstanden ist. Eine andei'e etymologie, die schon Gott-
sched (vgl. Adelung, Wb. sub armbrust) aufgestelt hatte, versucht W. Boeheim
(Waffenkunde 402) wider aufzunehmen. Seine aufstellungen sind ihm zwar sehr
sicher, aber doch nicht richtig. Er sagt: „Der deutsche name sezt sich aus den wer-
ten ,arm^ und ,rüstung^ zusammen und bedeutete somit ursprünglich eine ,ai'm-
rüstongS Mit dieser bezeichnung ,armrust^ erscheint sie schon im 12. jahrhundei*t.
Am ende des 15. Jahrhunderts unterlag das wort armrnst einer neuen Schreibart, die
dem m ein b anfügte, wie u. a. bei lüumblich, saumb, Beheimb, ziemblich". Jedes
einzelne, was Boeheim hier anführt, ist nun unrichtig: Im 12. Jahrhundert, wie auch
sonst, komt meines wissens die Schreibung armrust nie vor, sondern schon seit dem
11. Jahrhundert wird stets armbrust geschrieben (Schmeller* 1, 145). Diese form
tritt hoch- und niederdeutsch auf und wird von hier aus durch die nordischen spra-
chen entlehnt. Ende des 13. Jahrhunderts taucht eine form ärmst auf. Vom ein-
fach lautlichen Standpunkt wäre trotz alle dem angeführton eine entstehung des
wertes aus arm und rust (instrument, Werkzeug Schmeller' 2, 163) nicht ganz
unmöglich, und die form ärmst könte direkt darauf zurückgehen. Der einschub des
b als übergangslaut wäre wie bei kumber << cumulus zu erklären. Allein die Schwie-
rigkeiten scheinen mir zu überwiegen, so dass man diese etymologie keineswegs als
110 MEIER
hinlänglich begründet hinstellen kann. Indessen ist mir die deutung aus arhalista
ebenso unwahrscheinlich.
S. 203] Eine besondere art dei' armbrust war die hraparmbrust Ottok. v. St.
cap. 714; vgl. noch Schmeller* 1, 145.
S. 212] Bei der besprechung der streithämmer war wohl auf fig. 111 (s. 205)
zu verweisen, wo die abbildung eines solchen sich findet.
S. 213] Das Verhältnis von kiüle und kolbe (anm. 3) ist so, dass khde ui-sprüng-
lich die am ende des kolbens befindliche kugel, mit welchem werte es auch lautlich
zusammenhängt, bezeichnet. Ei'st später wird der name hiide auf die ganze wafi'e
übertragen.
S. 216] Anm. 1: Ein Zusammenhang von fiatsehe j fletsche mit poln. palasx
wird kaum anzunehmen sein. Die nebenform plasche ist zu erklären wie flecken :
placken f fletxen : pletxen (vgl. noch Lexer 2, 388).
S. 219] Die kolmerhüete. welche die bauem tragen, haben wir schon oben zu
s. 9 erwähnt. Sie waren auch hier anzuführen. — Dass die fusssoldaten manchmal
auch eisenrüstungen tragen, zeigen stellen, wie die folgenden: Ich fiier ou^h %wei
füsent schützen dar Und x'tser xwei tüsent sarjant Gärel 2394; Zu dem kunig
cham dar Zu fussxen ain gros Her, Wot berait xu Wer Vnd in gancxem Har-
nasch Ottok. v. St. cap. 678.
S. 225] „Unter der fahne jemandes sein**, heisst „sich einem unterstellen, auf
seiner seite unter ihm kämpfen". Dies zeigt auch schon, dass eine hauptfahne, die
des führenden fürsten, den raittelpunkt des ganzen bildete. Vgl. Bestät er (Tristan)
in d&tn lande j Wir stn iemer me genesen Und miw2i Rwl der grdve wesen Mit
vorhte wnder dtnem vanen Türh. Trist. 140.
S. 228] Ungelenk im ausdruck sind die folgenden sätze: „Im deutschen und
englischen wird der cari'occio gewöhnlich standart genant** (s. 228), „In den deutschen
gedichten wird das wort stanthart selten erwähnt ** (s. 229) und „Deutsch wird das
caiToccio heerwagen genant ** (s. 234).
S. 229] Anm. 5 : Die carrosche von Mainz erwähnt Ottok. v. St. cap. 678.
S. 230] Eine genaue Schilderung des carroccio, hier heei-wagen genant, und
seiner einrichtung gibt Des teufeis netz 7241 fgg.
S. 237] Anm. 2: Zu den citaten aus Demantin ist auch noch Demant. 10681
fgg. zu vergleichen.
S. 238] Anm. 2 füge hinzu: Virg. 663 fgg., Gudrun 195, 2.
S. 241] Über die grosse von Wegstrecken, die einzelne am tage zurücklegten,
teilt auch Gasner (a. a. o. s. 120) einiges mit. Vgl. ferner noch die Vie domestique
(s. 60 fg.): Jean de Bleis legt an einem tage bis zum disner 35 kilometer, an einem
andern tage in der zeit vom mittagessen bis zum abend 13 kilometer zurück.
S. 245 1 Schultz hätte noch anführen sollen, was es heisst den woldan riten\
tooldan ist ein rascher Verstoss gegen den feind, eine gewaltsame rekognoscierung,
vgl. J. Grimm, Ztschr. f. d. a. 5, 494 fgg. (wo aber die mythologische deutung
um-ichtig ist), Bartsch zu Demant. 7381, Ottokar von Steyer cap. 319. 343. 740. Vgl.
weiter geweidiger ryt Böhmer, God. dipl. Moenofrancfurt. 587 a. 1344.
S. 251] Ein anderes zeit wird geschildert Altsw. 91 , 28 fgg. : Da^ gexelt was
ein rot balkin. Die seil wären grüen sidin^ Von silber waren die pfel, Vmi rotem
gold sunder fiel Warn die knöpf uf dem gexelt. — Das zeit des Godomas, welches
Meleranz erkämpft, weiss derPleier in den glänzendsten färben zu malen (Mel. 10379
— 10398). — Die oben im text gegebene darstellung entspricht nicht der in der
ÜBER SCHULTZ, HÖFISCHES LEBEN 111
anmerkung (3) angeführten stelle des Frauendienstes: Ulrich hat vier banner und
lässt diese je einen i*osslauf von einander entfenit aufstellen. So vvird ein carroe
begrenzt: eingehegt wird es durch schnüre, die um diese vier banner geschlungen
werden. Längs derselben lässt er in Zwischenräumen seine mit fahnen gezieiien
Speere in die erde stecken.
S. 255] Vor dem beginne dos krieges werden die heergesetze beschworen: er
(der kaiscr) gebot da§ man svmor (E^ wc&re riter oder kneht) Den Jierfride: duz
was reht Eracl. ed. Graef 2718.
S. 266] In der nähe des feindes soll jeder die nacht hindurch im hämisch
bleiben und sein ross an der band halten (Alph. 330 und 332).
S. 267] Die wache dauert einen tag lang, so war es bestimt: In den selben
xiten wären diu reht, Swer die wart wolt suochen^ ritter oder kneht, Der phlac
ir wol mit eren bi^ der tae ein ende nam. Also tete ouch Alphart , als eitlem
ritter wol yexam Alph. 205.
S. 277] Die anm. 6 aus dem Tandareis (13638 fgg.) angeführte stelle ist zu
streichen, da hier vom tumier die rede ist. Dagegen ist zu citieren Dietr. Fl. 8744
fgg. 8759 fgg.
S. 281] Ottokar von Steyer schildert die reichsfahne : Des Reiches Warxaychen
Daz ist ain Vane smal Der get lang her xu tat (cap. 810).
S. 282] Das singen von liedem vor imd während des kampfes wai* algemein:
Zesamen st dö drangen, die schefte brdchens gar, Ir wise st dö sungen in bei-
dent/ialp der schar Wolfd. A. 336, 3. Das Kyrieleis wird gesungen: Ein sendleich
Oesankch Ilubens mit dem Kyrieleis, Sain wax ir Raisx, Do si xu einander staph-
ten Ottok. v. St. cap. 571; Ec si den Rueff vol sungen, Do chomen si gedrungen
Zu einander mit ainem. Stoxx Ottot. v. St. cap. 572. Das gewöhnliche schlachtlied
war aber der leich ^Sant Marei, muoter unde meit, AI utuer not st dir geJdeit^
(vgl. Schultz 2, 279): Do hueb der Ootes Kaplan Ainn Ruff mit lauter Stimm an:
Sand Marey Muter, Diser Ruef guter Wirt selten geschwigen von den Heren,
Denn so »y xesamen cheren Mit Helm verpunden Ottok. v. St. fol. 626 h. — Aber
nicht immer waren die lieder der ausdruck kampfesfreudiger Stimmung: der feige
suchte sich am abend vor der Schlacht durch sie mut einzusingen und wolte freudig
erscheinen: Der x<ige truwet niht genesen Als er den vtent ane sist. Er beginnet
singen stniu liet Sam er stolx und fro si Und ist doch niender da bt (Ei'acl. ed.
Graef 4734).
S. 292] Durch das „besitzen** des Schlachtfeldes machte man sich zum eigeu-
tümer desselben ; vgl. noch Der kütiec besas; die naht da:^ trat Herz. Ernst B. 4751 ;
die naht besäßen sie da^ wal ebd. 4870.
S. 296] Über wei^l vgl. Lexer 3, 748 und meii^el ebd. 1, 2090. Die gewöhnlichen
heilmittel bei Verwundungen erwähnt noch Eracl. ed. Graef 4804: Sie bedorften de-
keiner salben, Weder wei^l noch phlaster. Eine grüne übelriechende salbe, die
Bechstein für ungi4entum populeum hält, erwähnt Ulrich im Frauendienst (28, 2 fgg.).
Für die eignen verwundeten wird nach besten kräfton gesorgt: „iVw rolge mir,, Lam-
parte^, sprach aber Albertch, ^Uhd suochen wir die töten, da^ ist gewi^^nltch.
Die wol genesen kunnen under diseme her. Die sende wir in barken Zuo den kie-
len Üf da^ mer'' Ortnit IV, 342, 1.
S. 297] Die Chirurgen müssen damals nicht sehr vertrauenerweckend operioi-t
haben. Und darum war es ein grosses wagnis, wenn Uhich von Liechtenstein zu
112 MDKR
dem entschluss kaoi: Der lefs, der ich drie hän, Der fcü ich eine smden lan
(Frauend. 25, 3). Auch bei kleinen Operationen ^urde der patient festgebunden
(Frauend. 25 , 27). Wie bei dem aderlassen und baden , so gab es auch günstige und
ungünstige zeiten für ojierationen. Für besonders vorteilhaft scheint der mai gegol-
ten zu haben: E^ ist nü gar enwiht: Ich sntd iuch vor dan maien niht. Kumt
ir mir in dem maien her, Bi min triuwen ich itteh wer: Ich maeh tu itterH
inunt also, Da^ ir sin Sit von schulden vrö (Frauend. 24, 5 fgg.)-
S. 298] Des Teufels Netz (7282 fgg.) erwähnt, dass man die armen, die ver-
wundet waren, ruhig auf dem schlachtfelde habe liegen lassen.
S. 303] Anm. 1 : Vgl. noch Des teufeis netz 7279 fgg.
S. 305] Über die ausplünderung von leichen vgL die ausführung der band-
Schriften BC in Des Teufels Netz nach 7289.
8. 306] Zu dem gebrauch, im notfalle erde oder gras statt der hostie in den
mund zu nehmen, war wol auf Wackemagels erörterungen Ztschr. f. d. a. 6, 288 fg.
und auf ßöckel, Volkslieder aus Oberhessen s. XCVHI anm. 1 zu verweisen.
8. 307] Die gefallenen mannen des Ermrich werden den vögeln überlassen
(Dietr. Fl. 9891 fg.). Später (10050 fgg.) aber wird erzählt, dass Dietrich die edel-
sten habe aufheben und bestatten lassen, ja sie beklagt habe, obwol sie seine feinde
gewesen seien. Der dichter fasst sein urteil über dieses tun so zusammen: er hegie ein
tugent an der stat Daz vil selten dehein künec ie Solhe tugefide hegie Hie beror
bi shieti tagen (Dietr. Fl. 10046). Ähnliches wird Alph. 462 fgg. berichtet: Do sprach
der vogt von Beme: E;^ sol erhübet wesen, Da;; fnan vüere xe lafide, Die mugent
noch genesen. Die töten al gelfehe sol man hie begraben: Vtende und vriunde
sulen des urloup haben,
S. 323] Anm. 7 füge hinzu: (XJCXLin, CCCL.
8. 333] Anm. 8: Nu pegund vaste schreien Der oben in der keiben (Fez:
Scheiben) sa^ Ottok. v. St cap. 40.
S. 337] Weisse und schwarze segel erwähnt Heinr v. Freibergs Trist 6345 fgg.
S. 367] Anm. 6: Rüdeger der gap duo Eines lörboumes xwX Einem garxün,
der stuont da bi Und horte gar diu nuere Wa^ in enboten wd^re Bit 9932. —
Anm. 10: ^Neind, icerder gräve, du solt min böte sin"^. Einen valken saxte im
üf die hont die edel kaiserin Wolfd. D. VlII, 203, 1. Er wolle in mit gewalte
ü^ dem satel geworfen hän, Do er im kam so nähe, des vogels wart er gewar:
Den sper warf er wnbe, der edele für sie klär ebd. 205, 2. — Auf andere weise
deutet Wälwein dem Lanzelet an , dass er nicht mit ihm kämpfen will (Lanz. 2381 fgg.).
S. 368J Anm. 4: (Karl) nam xo eme ey^ien rittere Ihd maehden sieh xwene
myssagere Ind heyngen eynen schilt umb gekert Vp eren ruck vnuerueirt Ind geyn-
gen afie landen do Der stat %o Agune xo. Also plagen de boden xo der xyt Ere
botschafft xo done ans nyt Karlm. 348, 40.
S. 409] Bei der von Schultz anm. 5 angeführten stelle aus der Krone (11735
fgg.) ist wol das ^don enmohten^ am anfange nicht zu entbehren, um das oitat ver-
ständlich zu machen. Übrigens ist liier von der bezwingung der Ginover die rede,
und die gleichsetz ung des iget mit dem priapus stüzt Schultzens auffiassung, dass
der igel dieselbe maschine sei, wie der widdor; vgl. priapus als bezeichnung des
Widders bei Schultz oben anm. 4.
S. 437] Kam ein feindlicher krieger zu nahe an die mauer der belagerten Stadt
heran, so suchte man ihn mit krapen (krapfen) zu fassen und herauf zu ziehen. So
wird Orendel gefangen (Oreud. 2353 fgg.).
ÜBIB SCHULTZ, HÖnSCflXS LIBIN 113
S. 450] Über die plündenmg seitens der Soldaten vgl. noch Des Teufels Netz
7290 fgg.
S. 454] Nach einer stelle im jüngeren Titurel (5873) gibt Schultz schlechtweg
an: „Der könig schwur bei seinem harte, und dieser eid galt als unverletzlich •*. Das
ist in dieser algemeinheit sicher unrichtig, vgl. Von Britanien Fanisor, Der üf
sime koibte swor Zu dinste dem von Etigela/nt Demant. 9921; So is he di werde
Ächilant, Di üf sine krönen swor Stnre amieitf do he vor U^ stme riche in
Engelantf He wolde or dtnest tun bekant ebd. 9880; Ich swür ufid lotete ome do,
Do he mir elagete sine not, Des werdtn Demanttnes döt: Den stcür ich üf die
erönen min. Di eit mö^ gehalden sin, Da^ si mir Hb adir leit ebd. 6064.
Den schwur bei dem harte tut noch der kaiser Cosdroas {er stouor bi sinem barte
Eracl. 5178) und Otto mit dem barte (swa^ er bi dem barte geswuor, Da^ lie^ er
alle^ war Otte 6). — Das richtige in Schultzens anschauung scheint mir in folgen-
dem zu bestehen: Man schwöii; im algemeinen bei einem höheren; gott schwört bei
sich selbst. Und so mag es auch kommen, dass — ein abglanz göttlicher würde —
die könige bei sich selbst, bei einem teil ihrer person und einem attribut ihrer her-
schaft schwören.
S. 470] Aus anm. 7 geht nicht hervor, dass die kirchenglocken beim begräbnis,
sondern nur dass sie beim todesfall, wie noch heute vielfach, geläutet wurden.
HALLE ▲. 8., AÜGÜST 1890. JOHN MKIKB.
Die Sprachwissenschaft, ihre aufgaben, methoden und bisherigen
ergebnisse von G. t. d. Gabelentz. Leipzig, T, 0. Weigel. 1891. XX und
502 8. gr. 8. 14 m.
Dem werke, über das wir hier berichten, wird es versagt bleiben, beurteiler
zu finden, welche mit der über die erde reichenden sprachkentnLs des Verfassers
wetteifern könten. Aber doch darf und muss auch von dem an solchem massstabe
bemessen engen Standpunkte der indogermanischen linguistik aus der versuch gemacht
werden, den vielseitigen Inhalt des buches zu würdigen; oder sagen wir für unser
teil lieber: einige bruchstücke dieses inhalts, wie sie eben den interessen des bespre-
chenden nahe liegen. Mögen andere von andern selten her das ihrige beitragen!
Der "Verfasser erzählt einmal, wie sein vater ihn gewöhnt habe, kein unnützes
buch zu lesen: in derselben zeit könne man eine neue spräche hinzulernen, und davon
habe man mehr!^ In dem bilde der Sprachwissenschaft, welches v. d. Oabelontz hier
entwirft, nimt denn auch die technik des lemens und übens tiefer stehender spra-
chen, von denen nur etwa ein stück bibelübersetzung oder dgl. vorliegt, breiten
räum ein. Wie man seine coUectaneen anlegen soll, papier nicht sparen, deutlich
aber klein schreiben: über diese und ähnliche dinge wird — gelegentlich nicht ohne
eine gewisse breite, die man überhaupt in dem buche wahmimt — praktischer rat
erteilt. Dann wie elementargrammatiken und wie kurze grammatische Vorschulen
1) An dies wort klingt eine stelle des bachs an (s. 184) , die mir zn charakteristisch scheint , am
sie zn übergehen. Der Verfasser wirft die frage anf: gesezt es gelänge, die Ursprache der Indogermanen
in aller volkommenheit herzustellen, was wäre damit gewonnen? Die erste antwort lautet recht beschei-
den: ,,Man hätte zn tausend bekanten sprachen noch eine tausend und erste'*. Dann folgt freilich noch
eine zweite and dritte antwort. Aber ich bezweifle, dass unter den erforschem indogermanischer spra-
chen ein einziger auf jene erste verfallen sein würde.
ZnrSOHBIFT F. DBUTSCHK PHILOLOOIE. BD. XXV. 8
118 WUNDERLICH
Seine ausgäbe bietet naturgemäss eine bereicheruDg des textes, da er ja die
erst Dach Massmann veröffentlichten blätter mit einbeziehen konte; aber auch gegen
Weinhold bringt er für Isidor neues material bei (blatt XXXVI).
Wichtiger scheint mir die entzifferung einzelner neuer werte an anderen stel-
len und vor allem die feststellung einzelner woiifragmente, wodurch verschiedene
conjekturen teils gestüzt ^ teils beseitigt werden *, namentlich da in dem zeilengetreuen
abdruck auch die lücken räumlich präcisiert sind*.
Derartige ergebnisse greifen oft über die conjekuralkritik hinaus in andere
gebiete über. So ist es z. b. für die syntax von interesse, dass in XXXII, 11 die
lesaii ist galesan für legitur gegen Weinholds conjektur uuirdit galesan graphisch
gesichert ist; vgl. auch Daer in VI, 10 für qtii gegen so er in Müllenhoffs Sprach-
proben u. a. Ebenso kann es für syntax und formenlehre wert gewinnen, dass in
XV, 28 die lesai-t habest der Sprachproben nicht gestüzt ist, dass vielmehr das manu-
script habes zeigt.
Die Selbständigkeit des herausgebers zeigt sich aber auch in änderungen, zu
denen er ohne handschriftliche grundlage gelangt. So hat z. b. in XXVTII, 22
seine lesung dodh gegenüber doch bei Massmann und joh in den Denkmälern alle
Wahrscheinlichkeit für sich, namentlich, wenn man XXXIX, 12 zum vergleich her-
anzieht, wo auch die Denkmäler (172, 2) dodh lesen. Auch in ferne XXVIII, 23
und Alle XXIX, 2 dürfen als Verbesserung gelten, während der oonjunctiv sii in
XVII, 8 gegenüber dem indicativ bei Braune (Ahd. lesebuch s. 22 nr. 5 z. 6) minde-
stens hätte begründet werden müssen.
Auf Massmann ist Hench gegenüber neueren emendationen , wenn ich richtig
beobachtet habe, nur einmal zurückgegangen: XXVUI z. 13 Loboen truhtin alle liuti
de ottin enti so selb inan loboen alle liuii (Laudate dominum onmes gentes et com-
mendate eum omnes populi). Die handschrift zeigt hinter so seih ein verblasstes so,
auf welches gestüzt die Denkmäler so selb relativisch aufgefasst hatten und somit an
enti nicht festhalten konten. Hench bemerkt, dass die tinte dieses blattes sich in
so unvennindeii:er frische erhalten hat, dass die verblasste färbe von so der rasur
oder ähnlichem zuzuschreiben, die partikel also jedesfals zu eliminieren sei. Dann
steht auch der Massmannschen lesung nichts mehr im woge.
Verdienste hat sich der herausgeber vor allem auch um den lateinischen
text er^'orben, in erster linie beim Matthäusevangelium (vgl. einl. XIV — XX), des-
sen lateinische vorläge dem codex Amiatinus zunächst komt, jedoch mit so bedeu-
tenden abweichungon, dass dem syntaktiker grosse vorsieht geboten ist in allen den
fallen, in denen uns die fi-agmente nur den deutschen text erhalten haben.
Was nun den abdruck des deutschon textes betrift, so bezeichnet ihn der
herausgeber selbst als einen diplomatisch-kritischen (einl. XXV). Diplomatisch
ist er insofern , als die zeilen und die Zwischenräume zwischen einzelnen werten \md
wortteilen festgehalten wmden, ebenso wie die interpunktion , die abkürzungen und das
schwanken zwischen grossen und kleinen buchstaben; kritisch insofern, als Schreib-
fehler verbessert, offenbai'e lücken ergänzt und conjekturen eingefügt wurden, wo sie
auf Wahrscheinlichkeit ansprach machen konten und syntaktisch erforderlich waren.
Compromisse werden niemals alseitig befriedigen, namentlich die von Hench wider
1) Vgl. XXV, 10 gegen Braune, Ahd. losebnch s. 23 nr. 8 z. 2. Vgl. vor allem X mit Branne s. 20.
2) Vgl. V, l gegen Braune s. 18 z. 21; XXVIII, 15 (haret) gegen MSD.« 166 (4, 4).
3) Vgl. z. b. XXVI, 17 gegen MSD.» 165, 4.
• tJBEB HENGH, MONSSE-FRAOUKNTS 119
eingeführte zerreissung der Wörter dürfte neben so einschneidenden eingriffen, wie sie
der kritiker sich erlaubt, befremden. Nach dieser seite hätte wol eine probe genügt
(wie sie das facsimile in der tat bietet), um ein bild der Schreibergewohnheiten zu
geben. Der Vorwurf der inconsequenz wii*d hier schwer zu umgehen sein; wir
begreifen nicht, warum der herausgeber, der Schreibfehler zu verbessern verspricht
und in YII, 24 das eine xa imo ausstreicht, daneben das halb angefangene h nach
quad wider einführt; wir wundem uns auch über die rückkehr zu kebem statt kebom
in XVII, 8. Auch gautieridont in XXIX, 5, die auslassung von so in XXXV, 23,
von axantuuurtin in XXXIX, 28 und die lücke in XXXIII, 5. 6 muss befremden.
Bei utMmissu in XXIX, 16 hätten wir wenigstens auseinandersetzung mit MSD.,
die tmaamissu lesen (s. 167, z. 11), erwai*tet.
Einfache druckfehler sind wol meistar in XXIX, 1 und die zahl „9** in den
anmerkungen (s. 84) zu gauueridon XXIX, 5.
Wie schon im titel angedeutet, gibt unser herausgeber auch anmerkungen,
grammatik und glossar, sowie eine einleitung.
Am wenigsten gelungen ist die einleitung. Wie es dem herausgeber schon
nicht glückte, in dem ersten abschnitte „History of the manuscript and editions*^
seine eigene leistung gegen rückwärts abzugrenzen, so hat er es auch nicht verstan-
den, durch die „description of the manuscript*^ ein anschauliches bild von dem codex
zu geben. Vor allem führt uns die schwankende terminologie in-e. Auf seite IX
werden die blätter des codex bald „pages** bald „leaves* bald „folios** genant, was
um so mehr verwirt, als am einzelnen blatte die vorder- und die rückseite textlich
eine getrente rolle spielen imd als die gleichen zahlen bald auf das einzelne blatt,
bald auf quatemionen bezug nehmen. Ausserdem wird bald nach dem jetzigen
bestand, bald nach dem früheren gerechnet; das ist um so störender, weil wii*
nicht etwa auf seite IX, sondern erst später aus dem texte ersehen können, dass
beide bestände sich nicht decken. Vielmehr lag blatt I (bei Hench) fi-üher etwa in der
mitte des vierten quatemio; blatt IV und X konton deshalb die äusseren blätter eines
quatemio bilden, weil zwischen IX und X (bei Hench) ein blatt (x) fehlt.
Die anmerkungen enthalten nur textkritischen apparat; da der abschnitt
„Grammatical treatise" nur laut- und formenlehre behandelt, so wäre die syntax
bei solch einer fundgrube für syntaktische boobachtungen, wie es die fragmente
sind, ganz leer ausgegangen', wenn sie nicht im glossar wenigstens gestreift würde.
Blieb 80 die syntax unberücksichtigt, sind ebenso für die „notes** die anregungen,
die in den anmerkungen zu Müllenhoffs und Scherera Denkmälern so reichlich aus-
gestreut sind, unwirksam geblieben, so ist anderei*seits die laut- und formenlehre
zu breit geraten. Sie greift über den kreis der Monsoer fragmente hinaus durch
mitteilungen, die weder neu sind noch dazu sich eignen, die oigenart der fragmente
zu beleuchten. Was sollen phonetische mitteilungen, wie die auf s. 102 und s. 113,
wenn sie ausser allem bezug stehen zur graphischen widergabe?
Dankenswert dagegen ist die breite nach ihrer statistischen seite hin. Das
ganze material, das hier zusammengetragen ist, in ei-ster linie auch die doppelvokale
als längebezeichnungen und die graphischen Schwankungen der lateinischen werte
bieten solide Stützpunkte für andere forscher. Die „conclusion'', die Hench seinem
grammatikalischen abriss anhängt, wird teilweise durch seinen späteren fund (vgl.
1) Die einzige syntaktische bemerkang in s. 110 ,,^na does not occnr . . in its fonction as pre-
120 KOEFPEL, ÜBER HERZFELD, RÄTSSL DES EXXTEBBÜOHS
s. XXIV und XXV) erschüttert, wonach der eine Schreiber, der die gesamten frag-
mente geschrieben hat, verschiedene vorlagen hatte, bei deren einer er die reihen-
folge änderte, um das Matthäusevangelium an die spitze zu stellen. Nicht nur die
bald grössere bald geringere Sorgfalt des abschreibers, sondern auch die Verschieden-
heit der originale hat also die graphischen Schwankungen bedingt, die zwischen Baiem
und Rheinfranken lavieren.
Die beziehungen unserer fragmente zum Isidorübersetzer eingehender zu
untersuchen, hat sich Hench vorbehalten, und wir dürfen erwarten, dass sich die
gründlichkeit und der hingebende eifer, mit denen der herausgeber bis jezt die for-
melle grammatik und die textkiitik behandelt hat, nun auch der syntax und der Sti-
listik zu gute kommen mögen.
HEIDELBERO, JANUAR 1892. H. WUNDERLICH.
Die rätsei des Exeterbuches und ihr Verfasser von Oeorgr Herzfeld. Ber-
lin, Mayer & Müller. 1890. 72 ss. 2 m.
Mit gewissenhafter berücksichtigung der einschlägigen litteratur nimt Herzfeld
nochmals die frage auf, ob die rätsei des Exeterbuches von Cynewulf verfasst seien.
Nach bekantem Schema vergleicht er in gründlicher weise die rätsei mit den anderen
werken Cynewulfs und es ergibt sich ihm als das A und 0 seiner Untersuchungen
die Überzeugung, dass die rätsei mit grosser Wahrscheinlichkeit Cynewulf zuzuschrei-
ben sind. Mit einer ausnähme: das vielumstrittene erste rätsei trent er von der
rätsei -samlung, indem er es nicht als rätsei, sondern mit Bradley als einen drama-
tischen monolog auffasst, den er Cynewulf abzusprechen geneigt ist (s. 64 fgg.). In
einem nach trag (s. 71 fg.) nimt er noch Stellung zu der von Sievers neuerdings (Angüa
XIU, 1 fgg.) geäusserten ansieht, dass die rätsel vor Cynewulfs zeit entstanden seien.
Er ist von der Stichhaltigkeit der gründe, welche Sievers entwickelt hat, nicht
überzeugt.
Herzfelds Untersuchung ist mit grossem fleisse durchgeführt. Oleichwol habe
ich nach dem Studium derselben das gefühl, dass wir durch sie der erkentnis der
Wahrheit nicht näher gekommen sind. Ich halte diese ganze, hauptsächlich auf
Übereinstimmungen im wertschätze und in stilistischen und metrischen gepflogenhei-
ten begründete forschungsmethode für verfehlt, in erwägung des formelhaften wesens
der altenglischen poesie. Um auf diesem gebiete zu einigerraassen sicheren, die
Chronologie der dichtungen aufhellenden ergebnissen zu gelangen, müssen wir gewiss
auf dem von Sievers betretenen wege rein sprachlicher kritik weitergehen. Ich
gestehe, dass Sievers' argumente gegen die annähme, dass Cynewulf die rfitsel
gedichtet habe, für mich mehr überzeugendes haben, als alle die fein ausgearbeiteten
Zusammenstellungen Herzfelds, die zu gunsten der autorschaft sprechen sollen.
Dass Herzfelds ausfühiiingen im einzelnen viel gutes bringen, möchte ich zum
schluss nochmals betonen. Besondere bcachtung scheint mir die von ihm neu gebo-
tene lösung des 51. rätseis (s. 69) zu verdienen.
MÜNCHEN, MÄRZ 1891. B. KOIPFEL.
F. TOGT, ÜBER BUCLSCHOWSEY , DORFFOESDE 121
Geschichte der deutschen dorfpoesie im 13. Jahrhundert. I. Leben und
dichten Neidharts von Reuenthal. Untersuchungen von Albert Biel-
sehowsky. (Sonderabdruck aus Acta Germanica 11, 2). Berlin, Mayer und Mül-
ler. 1891. Vm und 294 s. 9,50 m.
Hans Heselohers lieder. Ton dr. Angrnst Hartmann. Erlangen, Fr. Junge.
1890. (Separatabdruck aus der festschrift für Kourad Hofmann. Romanische for-
schungen V, 2). 70 s. gr. 8.
Zwei verdienstliche beitrage zur frühesten und spätesten geschichte der „höfi-
schen dorfpoesie*. Diese bekantlich durch Lachmann eingeführte benenn ung der dui'ch
Neidhart begründeten dichtungsgattung möchte Bielschowsky allerdings am liebsten
aus unserer litteraturgeschichte verbannen, weil nach seiner meinung nur der klei-
nere teil von Neidharts liedem für die hofgeselschaft, der grössere für das doifpubli-
kum bestirnt war (s. 250 fg.); Lach mann habe jenen namen mit besonderer rück-
sicht auf eine Strophe gewählt, welche Haupt mit recht für unecht erklärte. Aber
erstens bedarf die litteraturgeschichte einer bestimten bezeichnung für die ganze
gattung, für die „unechten", von nachahraern Neidharts herrührenden Strophen und
Heder so gut wie für die von ihm selbst verfassten; zweitens tragen doch auch
die nach Bielschowskys ansieht für die bauern bestimten gedichte Neidharts keines-
wegs einen rein dörflichen Charakter, sondern sie verraten deutlich genug den ritter-
lichen stand des Verfassers, auch seine Vertrautheit mit der technik höfischer kunst.
Die mischung dieser verschiedenen demente, die in der einen oder anderen weise
schliesslich überall in diesen gedichten hervortritt, lässt entschieden die beibehaltung
der einmal eingebürgerten Lachmannschen benennung zweckmässig erscheinen.
Des Verfassers Stellung in dieser frage hängt nun schon mit einer sehr wich-
tigen Seite seiner schrift zusammen. £s ist ihm ganz besonders darum zu tun, den
volkstümlichen Ursprung und die volkstümlichen bestandteile der Neidhartschen dich-
tong aufzuweisen. So werden denn im 1. abschnitt (Ursprung der dorfpoesie)
Neidharts reien aus der frühlingsfeier, insbesondere aus den dabei gesungenen, mit
tanz verbundenen liedem der mädchen abgeleitet, im dritten (inhalt der som-
merlieder) die charakteristischen eigenhciten ihres inhaltes damit in Zusammenhang
gebracht Im vierten kapitel tritt uns aus der behandlung der form der sommer-
lieder insbesondere die volksmässige einfachheit ihrer syntax, die Schlichtheit und
Sparsamkeit ihrer poetischen mittel im gegensatz zu den höfischen lyrikem vor äugen.
Im 6. werden als das publikum der sommerlieder die bauern bezeichnet, zu
deren frühlingstänzen die reien gedichtet und gesungen wurden; nur ganz ausnahme-
weise fasste Neidhart bei ihnen eine höfische Zuhörerschaft ins äuge. Für die
bostimmung der reihenfolge der sommerlieder (kap. 7) gilt der grundsatz: je
volkstümlicher um so älter, je höfischer um so jünger; und ihre metrik (kap. 13)
zeigt in der Unteilbarkeit oder zweiteiligkeit der Strophen, in der grösseren einfach-
heit der reime und in dem einflusse des vierhebungstypus , dass sie auf volkstüm-
licher tradition ruht; die „ Otfridstrophe '^ ist schliesslich die gemeinsame grundlage
ihrer verschiedenen formen.
Dem gegenüber verraten nun die winterlieder viel nähere berührung mit
der höfischen poesie, aber daneben ist doch auch in ihnen der Zusammenhang mit
dem Volksleben und der Volksdichtung nicht zu verkennen. Bei Zusammenkünften
der minner im winter soll es sitte gewesen sein, einerseits eine poetische beschwö-
nmg oder Verwünschung des winters, andrerseits aber auch spotlieder zu singen;
122 F. VOGT
später kamen beide geschlecbter zu gemeinsamer Unterhaltung zusammen, auch zum
tanze, der aber hier nicht die rolle spielte wie beim frühlingsfest und, eben weil er
späteren urspninges war, sich in höfischen formen bewegte. Alle diese umstände
haben ihre spuren in Neidharts -svinterliedem hinterlassen, die, in der höfischen drei-
teiligen Strophe gebaut, teilweise, aber keineswegs durchweg, für den tanz bestirnt
sind, die winterklage und die Verspottung von männem enthalten, die fi'auen dage-
gen ganz in den hintergrund treten lassen (s. 23 fgg.)- Dies Verhältnis höfischer und
volkstümlicher bestandteile und beziehungen wird nun, unter besonderer betonung
des Unterschiedes von den reien, nach allen Seiten hin an den winterliedem in einer
der erörterung über die sommerlieder genau entsprechenden kapitelroihe dargestolt,
und in einem besonderen abschnitte wird noch der nachwcis hinzugefügt, dass nicht
der mindeste anlass zu der mehrfach vorgebrachten annalime vorliegt, Neidharts
dichtungen, insbesondere die winterlieder, seien durch die altfranzösischo pastourel-
lenpoesie beeinflusst.
Der inhalt der reichhaltigen schrift ist damit noch nicht erschöpft. In den
angedeuteten kapiteln komt natürlich ausser dem punkte, den ich als besonders cha-
rakteristisch hervorhob, noch mancherlei anderes zur spräche; zwei parallelkapitel
über den bau der reien und der winterlieder (V und X) behandeln die einzelnen
teile der dichtungen und ihre innere Verknüpfung, sowie die frage nach ihrer vol-
ständigkeit und nach der Zusammengehörigkeit der einzelnen Strophen eines tones;
ein anderes kapitel (II) ist dem leben Neidhaiis gewidmet. Alles das ist woldurch-
dacht, und es wird auf grund eingehender piüfung des dem Verfasser zu geböte ste-
henden materials und der arbeiten anderer in ansprechender form, ohne die beliebte
tuerei und efFekthascherei dargestelt. Manches hätte sich fi*eilich bei etwas weniger
schematischer anläge des ganzen knapper zusammenfassen lassen; noch häufiger hätte
eine grössere kürze erzielt werden können, wenn der Verfasser zu gunsten beweisen-
der und beweisbarer dinge nichts beweisende und nicht beweisbare überall bei seite
gelassen hätte.
Eine sti'engere Sichtung wäre meines erachtens schon bei den im 1. abschnitte
beigebrachten alten Zeugnissen zur frühlingsfeier zu wünschen gewesen; auf tanze
und gesänge zur frühlingszeit geht schliesslich nur das capitulare bei Benedictus
Lovita und die nachricht der chronik von St. Ti'ond (s. 4. 5); und auch sie beziehen
sich nicht auf den mai, in den nach s. 15 „das hauptfiühlingsfest fält*' und „an den
der deutsche natureingang überall anknüpft".
Ganz ohne grundlage scheint mir die annähme, dass bei den alten fmhlings-
gesängen zwischen dem morgenhymnus und dem nachmittags -tanzliede zu scheiden
sei, und der versuch, gar noch den alten hymnentypus aus Neidharts natureingängen
herzustellen (s. 14 fg.). Das gleiche gilt für das „alte winterbeschwörungsliod " s. 24,
als dessen anfang übrigens nicht ein nu'gend belegtes owe dir sumencunne hätte
reconstruiert werden sollen; Neidhaii: gebraucht in diesen eingängen niemals das dir,
und MF 37, 18 ist bekantlich nicht, wie Lachmann liest, so we, sondern so wol dir
su7nencun7ie überliefert, was hier der scheidenden sommeiwonne als ein freundlicher
abschiedsgruss nachgerufen wird, den Reinmar MF 182, 4 der entschwundenen freade
nachsendet.
Hat der Verfasser vorhin schon mancherlei Zeugnisse ohne genügenden grund
auf das rituelle frühliugslied bezogen, so stelt er dasselbe weiterhin entschieden zu
einseitig als das Volkslied x«r' i^oxriv hin, wenn er lediglich von ihm die anwendung
des natureinganges bei den minnesängem herleitet, im fortbleiben oder in der nmge-
ÜBER BIBLSOHOWSKT, DORFPOESIB 123
staltung des natureingaDges aber überall eine geflissentliche abkehr vom volkstiim-
lichen sieht Dass beim Kürnberger eine solche nicht vorliegt, zeigt doch wol sein
poetischer stil und sein metrum zur genüge; welch eine kluft liegt nicht zwischen
seinen liedem und denen eines Hausen, Morungen, Roinmar! Und doch soll sich bei
ihm die „tiefe Verachtung, mit der die gute geselschaft des 12. Jahrhunderts auf das
Volkslied herabsah*^, ebensowol zeigen wie bei diesen, nur weil in seinen 15 Strophen
kein beispiel für den natureingang vorkomt. Die verwendimg desselben im minue-
liede hängt aufs engste zusammen mit der von jedem unverknöcherten menschenher-
zen empfundenen beziehung zwischen der eigenen Stimmung und dem leben der
natur: freudiges hoffen bei seinem erwachen, wehmut bei seinem absterben. Beim
liebenden betrift das natürlich das eine, alles beherschende gefühl; und so ergibt sich
von selbst im minnesang die parallele zwischen dem jahrzeitbilde und dem liebes-
ieben. Die Voranstellung des erstei'en entspricht dem auch sonst in der lyrik
wie in der Spruchdichtung bemerklichen streben, vom objektiven zum subjektiven,
vom algemeingültigen zum besonderen falle zu schreiten; sie ist demgemäss häufig,
aber sie ist nicht notwendig. Dabei wird nun die parallele zwischen dem herbstbilde
und dem liebeskummer mindestens ebenso früh und ebenso oft angewendet wie die
zwischen dem frühlingsbilde und der liebeshofnung und liebeslust; die eine gattung
zeigt keinen volkstümlicheren Charakter als die andere; und doch würde nur die
zweite parallele sich nach den ausführungen des Verfassers erklären lassen und mit
seiner ansieht, dass die liebeslyrik „allein im frühhngsliede die Schwingungen des
herzens ertönen liess*^, im einklang stehen. — Entsprechen die herzenserfahrungen
nicht den Stimmungen, die mit der Jahreszeit im einklange stehen würden, so wird
das als eine abnormität empfunden, und es tritt in dem kontrast zwischen naturbild
und liebesieben in die dichterische erscheinung: trotz dem frühling liebesleid, trotz
dem winter liebeslust. Und ganz von selbst schliesst sich an diese vorstellungsreihe
weiteriiin der gedanke: keine fiühlingswonne ohne liebesglück, bei liebesglück kein
winterleid. Ich halte das nur fär ganz naturgemässe Variationen jener parallele zwi-
schen natur- und Seelenleben, nicht für eine tendenziöse höfische Umänderung der
allein volkstümlichen einen form. Gibt es wol ein minnolied, von dem man behaup-
ten Icönte, dass es dem volksliede näher verwant sei als das rührend schlichte mich
danket niht sö guotes MF 3, 17? und doch müsten wir es nach Bielschowskys
ansieht zu depjenigen gedichten rechnen, deren Verfasser, um sich nicht „in den
AUgen der höfischen geselschaft zu kompromittieren, an der form und tendenz des
natureinganges so lange herumändorten, bis es kaum noch als kind des volkliedes zu
erkennen war**. Natürlich haben die höfischen lyriker, die in den verschiedensten
richtoDgen nach einer bereicherung der poetischen mittel strebten, die längst übliche
oaturparallele nicht immer wider vorbiingen können; und wenn dieser und jener
unter ihnen, von dem genug überliefert ist, um ein volständiges bild von seiner
knnst zu geben, bei auch sonst erken barem streben nach gewählter darstellung den
natureingang ganz vermeidet, so darf man da gewiss eine absieht vermuten, die bei
der beurteilung seiner Stellung zu den volkstümlichen traditionon mit ins gewicht
Uli, Allein für sich beweist aber die Verwendung oder nichtverwendung des natur-
einganges, seine Verwertung als parallele oder als kontrast noch nichts, und in dem
umfange und in den formen, in welchen Neidhart ihn gebraucht, gehört er eben zur
tanzpoesie, die bei den älteren lyrikern nicht vertreten ist.
Aus dem abschnitte über Neidharts leben hebe ich besonders den wolgelun-
genen wahisoheinliohkeitsbeweis dafür hervor, dass das lied 101, 20 im herbst 1241
122 F. VOGT
später kameD beide geschlechter zu gemeinsanier Unterhaltung zusammen, auch zum
tanze, der aber hier nicht die rolle spielte wie beim frühlingsfest und, eben weil er
späteren Ursprunges war, sich in hofischen formen bewegte. Alle diese umstände
haben ihre spuren in Neidharts ^vinterliedem hinterlassen, die, in der höfischen drei-
teiligen Strophe gebaut, teilweise, aber keineswegs durchweg, für den tanz bestirnt
sind, die winterklage und die Verspottung von männem enthalten, die fi'auen dage-
gen ganz in den hintergrund treten lassen (s. 23 fgg.)« Dios Verhältnis höfischer und
volkstümlicher bestandteile und beziehungen wird nun, unter besonderer betonung
des Unterschiedes von den reien, nach allen Seiten hin an den winterliedern in einer
der erörterung über die sommerlieder genau entsprechenden kapitelreihe dargestolt,
und in einem besonderen abschnitte wird noch der nachweis hinzugefügt, dass nicht
der mindeste anlass zu der mehrfach vorgebrachten annähme vorliegt, Neidharts
dichtungen, insbesondere die winterlieder, seien durch die altfranzösische pastourel-
lenpoesie beeinflusst.
Der inhalt der reichhaltigen schrift ist damit noch nicht erschöpft. In den
angedeuteten kapiteln komt natürlich ausser dem punkte, den ich als besonders cha-
i-akteristisch hervorhob, noch mancherlei anderes zur spräche; zwei parallelkapitel
über den bau der reien und der winterlieder (Y und X) behandeln die einzelnen
teile der dichtungen und ihre innere Verknüpfung, sowie die frage nach ihrer vol-
ständigkeit und nach der Zusammengehörigkeit der einzelnen Strophen eines tones;
ein anderes kapitel (II) ist dem leben Neidhai*ts gewidmet. Alles das ist woldurch-
dacht, und es wird auf grund eingehender pmfung des dem Verfasser zu geböte ste-
henden materials und der arbeiten anderer in ansprechender form, ohne die beliebte
tuorei und effekthascherei dargestelt. Manches hätte sich freilich bei etwas weniger
schematischer anläge des ganzen knapper zusammenfassen lassen; noch häufiger hätte
eine gi'össoro kürze erzielt wei'den können, wenn der Verfasser zu gunsten beweisen-
der und beweisbarer dinge nichts beweisende und nicht beweisbare überall bei seite
gelassen hätte.
Eine sti'engere Sichtung wäre meines erachtens schon bei den im 1. abschnitte
beigebrachton alten Zeugnissen zur frühlingsfoier zu wünschen gewesen; auf tanze
und gesänge zur frühlingszeit geht schliesslich nur das capitulare bei Benedictos
Levita und die nachricht der chionik von St. Ti'ond (s. 4. 5); und auch sie beziehen
sich nicht auf den mai, in den nach s. 15 „das hauptfrühlingsfest fält* und „an den
der deutsche natureingang überall anknüpft".
Ganz ohne grundlage scheint mir die annähme, dass bei den alten frühliogs-
gesängen zwischen dem morgenhymnus und dem nachmittags -tanzliede zu scheiden
sei , und der versuch , gar noch den alten hymnentypus aus Neidharts natureingängen
herzustellen (s. 14fg.). Das gleiche gilt für das „alte winterbeschwörungslied " s. 24,
als dessen anfang übrigens nicht ein nirgend belegtes owe dir sumertüunne hätte
reconstruiert werden sollen; Neidhaii; gebraucht in diesen eingängen niemals das rftV,
und MF 37, 18 ist bokantlich nicht, wie Lachmann liest, so we, sondern so wol dir
surnerwunn^ überliefert, was hier der scheidenden sommeiwonne als ein freundlicher
abschiedsgruss nachgerufen wird, den Reinmar MF 182, 4 der entschwundenen freade
nachsendet.
Hat der Verfasser vorhin schon mancherlei Zeugnisse ohne genügenden grund
auf das rituelle fi-ühlingslied bezogen, so stolt er dasselbe weiterhin entschieden zu
einseitig als das Volkslied xia i^oxn^ hin, wenn er lediglich von ihm die anwendnng
des natureinganges bei den minnesängem herleitet, im fortbleiben oder in der umge-
ÜBER BI1L80H0WSKT, DORFPOBSIB 123
staltung des natureingaDges aber überall eine geflissentliche abkehr vom volkstüm-
lichen sieht Dass beim Kümberger eine solche nicht vorliegt, zeigt doch wol sein
poetischer stil und sein metrum zur genüge; welch eine kluft liegt nicht zwischen
seinen liedem und denen eines Hausen, Morungen, Roinmai! Und doch soll sich bei
ihm die „tiefe Verachtung, mit der die gute geselschaft des 12. Jahrhunderts auf das
Volkslied herabsah*^, ebensowol zeigen wie bei diesen, nur weil in seinen 15 Strophen
kein beispiel für den natureingang vorkomt. Die verwendimg desselben im minne-
liede hängt aufs engste zusammen mit der von jedem unverknöcherten menschenher-
zen empfundenen beziehung zwischen der eigenen Stimmung und dem leben der
natur: fi*eudiges hoffen bei seinem erwachen, wehmut bei seinem absterben. Beim
Hebenden betrift das natürlich das eine, alles beherschendo gefühl; und so ergibt sich
von selbst im minnesang die parallele zwischen dem jahrzeitbilde und dem liebes-
ieben. Die Voranstellung des ersteren entspricht dem auch sonst in der lyrik
wie in der Spruchdichtung bemerklichen streben, vom objektiven zum subjektiven,
vom algemeingültigen zum besonderen falle zu schreiten; sie ist demgemäss häufig,
aber sie ist nicht notwendig. Dabei wird nun die parallele zwischen dem herbstbilde
und dem liebeskummer mindestens ebenso früh und ebenso oft angewendet wie die
zwischen dem früblingsbilde und der liebeshofnung und liebeslust; die eine gattung
zeigt keinen volkstümlicheren Charakter als die andere; und doch würde nur die
zweite parallele sich nach den ausführungen des Verfassers erklären lassen und mit
seiner ansieht, dass die liebeslyrik „allein im frühlingsliede die Schwingungen des
herzens ertönen liess*^, im einklang stehen. — Entsprechen die herzenserfahrungen
nicht den Stimmungen, die mit der Jahreszeit im einklange stehen würden, so wird
das als eine abnormität empfunden, und es tritt in dem kontrast zwischen naturbild
und liebesieben in die dichterische erscheinung: trotz dem frühling liebesleid, trotz
dem winter liebeslust. Und ganz von selbst schliesst sich an diese vorstellungsreihe
weiterhin der gedanke: keine frühlingswonne ohne liebesglück, bei liebesglück kein
winterleid. Ich halte das nur fäi* ganz naturgemässe Variationen jener parallele zwi-
schen natur- und Seelenleben, nicht für eine tendenziöse höfische Umänderung der
allein volkstümlichen einen form. Gibt es wol ein minnolied, von dem man behaup-
ten könte, dass es dem volksliede näher ver^vant sei als das rührend schlichte mich
dunkei niht sö guotes MF 3, 17? und doch müsten wir es nach Bielschowskys
ansieht zu denjenigen gedichten rechnen, deren Verfasser, um sich nicht „in den
äugen der höfischen geselschaft zu kompromittieren, an der form und tendenz des
naturcinganges so lange hoiiimänderten , bis es kaum noch als kind des volkliedes zu
erkennen war**. Natürlich haben die höfischen lyriker, die in den verschiedensten
richtungen nach einer bereicherung der poetischen mittel strebten, die längst übliche
naturparallele nicht immer wider vorbringen können; und wenn dieser und jener
unter ihnen, von dem genug überliefert ist, um ein volständigcs bild von seiner
kunst zu geben, bei auch sonst erkenbarem streben nach gewählter darstellung den
natureingang ganz vermeidet, so darf man da gewiss eine absieht vermuten, die bei
der beurteilung seiner Stellung zu den volkstümlichen traditionen mit ins gewicht
fält Allein für sich beweist aber die Verwendung oder nichtverwendung des natur-
einganges, seine Verwertung als parallele oder als kontrast noch nichts, und in dem
umfange und in den formen, in welchen Neidhart ihn gebraucht, gehört er eben zur
tanzpoesie, die bei den älteren lyrikern nicht vertreten ist.
Aus dem abschnitte über Neidharts leben hebe ich besonders den wolgelun-
genen wahrsoheinlichkeitsbeweis dafür hervor, dass das lied 101, 20 im herbst 1241
124 F. VOGT, IteEB BUSLSCH0W8ET, D0BFP0I8IE
verfasst ist, während mich der versuch, noch spätere bestirnte daten für einzelne
lieder festzustellen, insbesondere die beziehung des liedes 33, 15 auf die Ver-
leihung des königsringes an den herzog im mai 1245, nicht überzeugt hat — Engel-
mars vielumstrittenen spiegeli'aub mit Bielschowsky als eine art pfandnahme aufzu-
fassen, die ihm ein gewisses anrecht an die besitzerin verschaffe , hat manches für
sich; nur wird man die annähme durch des Verfassers erklärung von 48, 20 fg. nicht
stützen können. Denn wenn hier das mädchen , welchem Neidhart einen griffel geraubt
hat, erzürnt sagt, sie wolle nimmer seinen treirös singen noch nach ihm den reien
springen, so kann doch das dem Sänger und tanzführer gegenüber nur im eigent-
lichen sinne gefasst werden, nicht mit Bielschowskys auslegung wie unser „nach
jemandes pfeife tanzen".
Bei der erörterung des Inhaltes der sommerlieder fält es auf, dass der Verfas-
ser die typische hindeutung auf den unwiderstehlichen dichter nicht zur geltung bringt
Durch sie wurde schon ein stark subjektives dement in die reien hineingetragen, wel-
ches bei deren Charakteristik entschieden berücksichtigung heischt; und der umstand,
dass es immer wider gerade der ritter oder knappe ist, der als der auserwählte der
bauemmädchen erscheint, scheidet diese lieder denn doch bei allen sonstigen bezie-
hungen genugsam von der poesie der bauein. Denn dass diese selbst in ihren lie-
dem schon vor Neidhart den ritter als den begünstigten liebhaber besungen haben
selten, ist eine Vermutung des Verfassers (s. 112), die wol keine Zustimmung finden
wird. In den gesang der ditmarsischen bauem ist das motiv sicher erst aus der
höfischen dorfpoesie gekommen. Der umstand, dass der volksgesang sich friiher so
gut wie heute aus der kunstdichtung bereichert hat, ist noch lange nicht genug
gewürdigt. Sehr bemerkenswert ist doch auch, dass der miserfolg in der liebe, die
Verdrängung des dichters durch bäurische neben buhler, im winterliede ebenso typisch
ist wie seine unwiderstehlich keit in den sommerliedem; ja wenn ihm im sommer ein
liebesleid widerfahren ist, so beklagt er das doch nicht im sommerliede, sondern im
winterliede. Die alte naturparallele in ihrer einfachsten form übt hier eine wahre
zwingherschaft aus; gewiss war sie so schon zu einem unveränderlichen motiv in der
gattung von bauemliedcm erstart, an die Neidhaiis poesie anknüpfte.
Bei der behandlung des Inhaltes der winterlieder sind bairische sitten der
gegenwart s. 189. 191 in glücklicher weise zur erklärung herbeigezogen. Unter den
berührungen dieser gattung mit der höfischen dichtung werden beziehungen zu Mo-
nmgens liedem hier zueret nachgewiesen; die belegstellen hätten freilich widerum
einer strengeren kritik unterzogen werden sollen; es finden sich genug verse unter
ihnen, bei denen die entlehnimg aus Morungen oder auch die entlehnung überhaupt
mehr als zweifelhaft ist; zwei stellen sind unrichtig aufgofasst: MF 128, 7 fg. spricht
Morungen nicht von der geliebten, sondern von der höfischen geselschaft; MF 122, 22
ist zu tcol ir vil süexer nicht lip zu ergänzen, sondern süexer ist dat sing. fem.
Bei der frage nach der Zusammengehörigkeit der Strophen jedes einzelnen
tones verhält der Verfasser sich mit recht ablehnend gegen die modernen auflösnngs-
bestrebungen; aber ausnahmelos lässt sich die regel, dass Neidhart in einem tone
nie mehr als ein lied gedichtet habe, nicht durchführen, besonders nicht bei dem
tone 69, 25 fg. Der versuch, der s. 246 fg. gemacht wird, auch hier die regel äu
retten, scheint mir nicht glücklich.
In dem abschnitt über die metrik wird Meyers versuch, aus der häufigeren
oder seltneren Verwendung bostimter reimworte die reien auf bestirnte perioden zu
verteilen, einer vernichtenden kritik unterzogen. Des verfassen methode, aus der
ÜBER HARIMANN, HESELLOHEB 125
gesamtzahl der hebungen einer strophe Schlüsse auf deren grundtypus zu ziehen, ist
freilich auch nichts weniger als einwandsfrei. Das streben, zu möglichst festen
regeln, zu möglichst abgerundeten, leicht formulierbaren ergebnissen zu gelangen,
lässt ihn überhaupt nicht selten zu gekünstelten mittein greifen oder das gewicht der
zu geböte stehenden tatsachen überschätzen. Das weitere fortschreiten seiner for-
schungen wird ihm wol von selbst etwas entsagung in dieser hinsieht eintragen. So
sehen wir dem zweiten teil seiner arbeit mit guter erwartung entgegen.
Ein kleiner, aber recht dankenswerter beitrag zur lösung seiner weiteren auf-
gäbe ist durch Hartmanns ausgäbe der vier lieder des Hans Heselloher gelie-
fert, von denen bisher nur eines veröffentlicht war. Die erklänmg dieser ungelenken,
aber stellenweise von gesundem humor belebten Spätlinge höfischer dorfpoesie ist
durch Hartmanns anmerkungen, die freilich noch nicht alle Schwierigkeiten heben,
dagegen manches entbehrliche enthalten, doch entschieden gefördert. Urkundliche
nachweise werden hinzugefügt, welche den Hans Heselloher für die zeit von 1450 —
1483, seinen bruder Andi'e (der nach einer hier mit nicht eben zwingenden grün-
den angezweifelten angäbe Füetrers gleichfals ein dichter war) für 1443 — 1483
bezeugen, während Hans im jähre 1486, Andre 1493 als verstorben erwähnt wird.
Mit dem nachweis einer nachahmung Hesellohei's in Fichards handschrift und einer
solchen im Neidhart Fuchs verbindet dann der Verfasser einige weitere interessante
beitrage zur erkentnis der quellen des lezteren. — Möchte das bisher arg vernachläs-
sigte Studium der spätmittelhochdeutschen lyiik bald durch die monographische behand-
lung auch anderer Sänger dieses Zeitraums weiter gefördert werden!
BRESLAU. F. VOGT.
Neue beitrage zur textkritik von Hartmanns Gregorius. Ton Hermann
Seegrers. Kieler diss. 1890. 47 s. In comm. bei G. Fock, Leipzig. 1,50 m.
Die lateinische Übertragung von Hartmanns Gregorius durch den Lübecker
klenker Arnold ist eine litterarhistorisch beachtenswerte erscheinung. Ausser ihrer
kultur- und sprachgeschichtlichen bedeutung komt ihr sogar das recht zu, in fragen
der textkritik des deutschen gedieh tes gohöii; zu werden, da sie nur um einige jähre
jünger als das original und, obwol später, doch ungleich besser überliefert ist.
In diesem sinne dies denkmal zu verwerten ist die aufgäbe der vorliegenden abhand-
lung. Der Verfasser hat sich aber nicht damuf beschränkt einzelne stellen nach
gewissen gesichtspunkten zu gruppieren, danach den kritischen wert der lateinischen
Schrift zu bestimmen und demgemäss einzelne lesarten des deutschen textes zu bestä-
tigen oder zu berichtigen — vielmehr weiss er aus dieser Untersuchung ein so wol
sachlich, wie rein technisch höchst interessantes problem zu entwickeln.
Er begint im ersten teile seiner arbeit damit, durch einen vergleich mit dem
original zu zeigen, dass die Übertragung im ganzen eine recht fi'eie zu nennen ist,
was besonders daher rührt, dass Arnold sich bemüht, geistlichen ton und geistliche
anschauung in die erzählung hineinzutragen. Daraus ergibt sich , dass sein werk nur
in solchen fällen für die textkritik dos Gregorius verweilet werden kann, wo es sich
um bedeutsamere, den sinn ändernde Varianten handelt (s. 11). Jedoch kann uns der
Verfasser an einer reihe von stellen zeigen, dass die in zweifelhaften fällen bisher von
der khtik befolgte Wertschätzung der einzelnen handschiiften richtig war; das resul-
tat ist also im ganzen ein bestätigendes. Berichtigung finden wir nun für v. 993
126 SOSENHAGEN
(821)^, WO nach Arnolds text die von Paul in der volständigen textausgabe durch
rede ersezte lesart vische wider herzustellen ist. Einen besonderen fall bilden die
verse 1043. 44 (871. 72), welche in der vorläge Arnolds augenscheinlich gestanden
haben, unter den handschriften des deutschen gedichts aber einzig in A sich finden.
Seegers hält mit Martin diese verse für interpoliert und gewint so das bemerkens-
werte resultat, dass die vorläge Arnolds in naher beziehung zur handschrift A gestan-
den haben muss. Wenn mir nun auch die annähme Martins begründet und somit
die folgerung des Verfassers berechtigt erscheint, so halte ich es doch für bedenk-
lich, wenn er noch weiter geht und ohne weiteres die von Seelisch (in dieser Zeit-
schrift XVI, 284) aufgestelte einteilung der Gregoriushandschrift in zwei gruppen m
und n sich zu eigen macht, demgemäss er die vorläge Arnolds der gruppe m zuweist.
Hier komt Seegers zu weit auf das gebiet der blossen Vermutung, als dass er die
folgerungen sicher aufbauen könte, welche wir nachher kennen lernen werden. Viel-
leicht wii'd uns in der angelegenheit der Gregoriushandschriften das ergebnis der hand-
schrift K weiterbringen.
Im zweiten teile der arbeit macht sich der Verfasser den weg zu seinen
weiteren ausführungen dadurch frei, dass er zeigt, dass die von Schmeller heraus-
gegebene lateinische Gregorsdichtung (Ztschr. f. d. a. II, 488 — 500) für die textkri-
tik in Hartmanns Gregor nicht in betracht komt. So kann er dann im dritten teile
aus dem im ei*sten teile gewonnenen die nutzanwendung ziehen auf die einleitung
zu Hartmanns erzählung, welche von dem entsprechenden abschnitt bei Arnold
beträchtlich abweicht. Der Verfasser geht aus von der zwar beiden gemeinsamen,
aber doch sehr verschiedenartigen Verwendung des gleichnisses vom barmherzigen
Samariter. £r findet einerseits, dass bei Hartmann die darstellung nur lose an das
biblische vorbild anknüpft, dass sie wenig mit der sonst erkenbaien im mittelalter
üblichen behau dlung des Stoffes übereinstimt, und dass schliesslich dieses biblische
motiv auch mit dem inhalt des gedichtes nur sehr locker zusammenhängt; anderseits,
dass die einleitung des Arnold im wesentliclien nur die in den predigten und erklä-
renden geistlichen Schriften übliche symbolische behandlung des evangeliums bietet
und so zwar teilweise mit dem mhd. texte übereinstimt, aber nirgends eine der ein-
zelheiten widergibt, welche diesem eigentümlich sind. Deshalb schlägt der Verfasser
vor, das Verhältnis Arnolds zum mhd. texte für diese einleitung umzukehren und zu
erwägen, ob das ältere hier nicht bei Arnold zu finden sei und die nachahmung
in der vor Hartmanns Gregorius in einigen handschiiften (nicht in der ältesten A!)
überlieferten einleitung. Da nun dem Verfasser die Urheberschaft Hartmanns für
die einleitung aus manchen Übereinstimmungen mit dem stile und der Weltanschauung
anderer Schriften Hai-tmanns wahrscheinlich ist, so nimt er an, dass Arnold zuerst
die beziehung auf die biblische erzählung dem Gregor als einleitung vorausgeschickt,
und dass sodann Hartmann, dadurch angeregt, im späteren alter ebenfals eine dich-
tung vei-fasst habe, welche jene ei-zählung enthielt, und diese einer zweiten recen-
sion des Gregor als einleitung vorausgestelt habe (s. 45). Er sieht sich hierin bestärkt
durch seine annähme über die vorläge Arnolds. Er meint, diese habe, ebenso wie
die handschrift A, überhaupt die einleitung nicht enthalten; die einleitung komme
vielmehr nur der grappe n (CD EG) zu, welche die zweite, nach einsieht von Arnolds
buch entstandene recension repräsentiere. Auf diese weise werde dann auch der
1) Ich eitlere nach der Zählung des textabdracks von Paul (1882) unter beifügung der LAdmuum-
schen yAhlnag in klammer.
ÜBER SBEGBRS, TEXTERITIX DBS GREGOBIUS 127
widersprach zwischen dem tone der einleitung, welcher im algomeinen ein höheres
alter des dichters vermuten lasse und besonders in z. 5 fgg. ausdrücklich einen gegen-
satz zu den tumhen jdren ausdmcke, und der algemein angenommenen früheren
datierung des Gregorius befriedigend ausgeglichen.
Ein hin weis auf die weitgehenden folgerangen, welche sich aus einer solchen
annähme ergeben, genügt um es zu rechtfertigen, dass wir etwas näher darauf ein-
gehen , als in der aufgäbe dieser besprechung zu liegen scheint. Mir scheint die frage
am ehesten deutlich zu werden an einer undeutlichkeit, in welcher der Verfasser
sich bewegt. Seine auseinandersotzung geht aus von der biblischen erzählung vom
barmherzigen Samariter; die folgerangen werden aber ohne weiteres auf die ganze
einleitung bei Hartmann bezogen. Ganz können wir sie aber nicht der ursprüng-
lichen fassung des gedichtes absprechen, weil am Schlüsse dei-selben unverkenbar,
teilweise mit wörtlicher anspielung auf sie zurückgegriffen wird, v. 3959 — 3988
(3787 — 3816). Nun zerfält aber die mhd. einleitung in zwei deutlich getrente teile,
V. 1 — 86 und V. 87 — 170, von denen nur der zweite das biblische thema bebandelt,
der erste aber keine spur davon enthält. Demgemäss wäre nur der zweite teil
als späterer zusatz anzusehen. Dies scheint mir aus folgenden gründen mindestens
möglich.
Die beiden teile finden sich auch bei Arnold wider. Sie unterscheiden sich
dadurch sehr kentlich von einander, dass der erste nur einen knappen auszug der
Hartmannischen werte gibt, der zweite dagegen, vom inhalt abgesehen, fast noch
weitläufiger ist als der abschnitt bei Hartmann. Es lässt sich nun durch nichts
erweisen, dass dem Arnold der erste teil nicht vorgelegen habe, vielmehr scheint
die individuelle ausdrucks weise Hartmanns noch erkenbar zu sein. Man vergleiche
z. b. s. 2 ^nunc ergo qui aliquando fabulis scenicis mtentus futsti"' und y^Mtn
herxe hat bexwtingen vil dicke niine xungen, dux st des vil gesprochen hdty dax
nach der tcerlde Ime stdt!"' v. 1 — 4; sowie den schluss ^pereutü ad tartara ducti^
und jf leitet üf den ewegen tot"" v. 86. Dagegen ist es kaum denkbar, dass Hart-
roanns zweiter teil (v. 87 — 170) dem Arnold bekant gewesen sei. Dies scheint mir
durch die darlegung von Seegers hinreichend klargestelt zu sein, indem dieser zeigt,
dass Arnold hier gar nichts von der eigentümlichen darstellung Hartmanns widergibt,
sondern nur, was ihm die geistliche tradition bot. Die einfachste erkläinmg hierfür
Hegt darin, dass er dies stück aus eigener initiative in die einleitung neu einfügte.
Was ihn dazu veranlasste, war wol der gedanke, den er gleich zu beginn schon
geäussert hatte, dass die gnade gottes allein selig mache, welcher nach der symbo-
lischen erklärang auch dem gleichnisse zu giunde liegt.
Umgekehrt lässt sich manches dafür anführen, dass v. 87 — 170 bei Hartmann
durch das vorbild Arnolds hervorgerufen seien. Das gleich nis mit seiner üblichen
interpretation lag der auffassung Hartmanns, dass die erlösung auf einem inneren
Vorgang, der riuwe beruhe, so fern, dass er kaum anders als durch eine äussere
anregung dazu veranlasst werden konte, es in die einleitung zu seinem Gregor zu
verflechten. Infolge dessen verrät die darstellung das bemühen , einen fremden bestand-
teil in seinen gedankenzusammenhang hineinzuarbeiten. Dazu kommen aber noch
äussere anhaltspunkte, welche darauf schliessen lassen, dass die vorse 87 — 170 tat-
sachlich in einer älteren fassung des Gregor nicht vorhanden gewesen sind. Dies
ist einmal die künstliche form des Überganges vom ersten zum zweiten teil, wo der
weg, den der Samariter wandelt v. 97, gewaltsamer weise mit der engen Strasse, die
zur Seligkeit führt v. 87, identificieii: wii'd; und dann der auffällige umstand, dass
128 BBIMXB
der zweite teil mit demselben gedanken endet, wie der erste, dem gedanken, dass
der xwtvel, d. i. das gogenteil der riuwe, zur ewigen yerdamnis führe. Der dich-
ter scheint absichtlich dem neuen abschlusse der einleitung ein ähnliches aussehen
gegeben zu haben wie dem älteren, um die einfügung zu verbergen, und diese'
annähme wird endlich noch bedeutsam gestüzt durch den tatbestand der Überliefe-
rung: die älteste handschrift, A, hat die ganze einleitung nicht; die jüngeren, I
und K, haben sie ganz; aber die fragmente, welche von der einleitung in G enthal-
ten sind, gehören nur zum ersten teile, sie schliessen mit y. 86 und leü in
üf den ewegen tot und gehen dann gleich ohne lücke zum anfange der erzählung
über: E^ was ein wälhische^ lant.
Alles dies zusammen macht es mii- wahrscheinlich, dass die Verwendung der
geschichte vom barmherzigen Samariter zuerst von Arnold herrührt und dann von
Hartmann nach einsieht der Übersetzung übernommen ist, wol in dem bedürfnis,
seinen wichtigsten gedanken in möglichst eindringlicher, gottwolgefälliger form zu
widerholen. An Hartmanns urhebei*schaft für die verse87 — 170 zu zweifeln, liegt auch
meiner meinung nach kein gi*und vor. Es ist auch leichter zu erklären, dass Hart-
mann selbst, als dass irgend ein späterer Schreiber das buch Arnolds in die hände
bekommen hat. Auf demselben wege, auf dem Wilhelm von Lüneburg noch bei
Hartmanns lebzeiten Hartmanns werk erhielt, konte er ihm auch eine abschrift der
arbeit Arnolds zugehen lassen. Seegers scheint es als möglich hinzustellen (s. 45),
dass Hartmann das gleichnis erst selbständig behandelt habe; wahrscheinlicher ist es
mir, dass es gleich mit bezug auf den Gregorius ausgearbeitet wurde.
Die von Seelisch vorgeschlagene gruppierung der Gregoriushandschriften bedarf
mit rücksicht auf unsere darlegungen noch erneuter prüfung. Auch kann ich nüch
nicht einverstanden erklären mit der meinung, dass nur wenn die ganze einleitung
späterer zusatz wäre, der widersprach zwischen der üblichen datierung des gedichtes
und dem tone der einleitung aufgehoben würde. Dieser widersprach ist gar nicht so
gross. Der ausdruck mtniu tumben jdr v. 5 besagt nicht mehr, als dass der dichter
nunmehr aus einer anderen Stimmung heraus schreiben wUl, als früher; er passt
zum tone der ganzen erzählung und hindert gar nicht, dass derselbe nach diesen
werten noch den Iwein schreiben konte. Man braucht noch kein greis zu sein, um
von seinen y^tumben jären^ reden zu können.
Mit den angeführten einschränkungen halte ich die hypothese des Verfassers
für ebenso bemerkenswei*t, wie sie originell ist; sie darf auch meines erachtens in
allen fällen, wo sie in frage kommen kann, nicht unberücksichtigt bleiben.
FLENSBUBO, IM OKTOBER 1891. 0. BOSENHAOBN.
Die Angeln. Ein kapitel aus der deutschen altertumskunde. Von Lud-
wig: Weiland. Tübingen, Laupp'sche buchhaudlung. 1889. 40 s. Im.
Vorliegende schrift, die der Verfasser in ansprachsloser weise als ein „kritisch -
wissenschaftliches referat'' bezeichnet, gibt eine zusammenfassende darstellung dessen,
was die bisherige forschung (besondera Müllenhoff, Möller und Seelmann) über die
herkunft der Angelsachsen ermittelt hat^ Eine solche zusammenfassende und kri-
tische darstellung kann man nur wilkommen heisson, und es ist erfreulich, dass die
1) Nicht benuzt ist Langhans , Über den m-spmng der Nordfriesen; ten Brink, Beowvlf s. 191-
207; Ref., Ndd. Jahrbuch XIII, s. 6— 12; Siebs, Zar gesch. der engl.-fries. spräche, s. 6— 26.
ÜBEB WEILAND, DIE ANGELN 129
veiiagshandlung einen sonderabdmck von dieser schrift herausgegeben hat, welche
einen teil der „Festgabe für Georg Hansen zum 31. mai 1889, Tübingen 1889" bil-
det. Bas verdienst der arbeit besteht in der kritischen Sichtung der bekanten Zeug-
nisse der geschichte * und der ags. sage. Das hauptergebnis ist ein völlig gesichertes :
Jütland und Schleswig- Holstein ist die Urheimat der Angelsachsen, und zwar kamen
die kentischen Juten aus Jütland, die Angeln aus Schleswig, die Sachsen aus Hol-
stein und von der Eider- und Eibmündung. In allen einzelnen, weitergehenden fragen
gestattet die dürftigkeit unserer Überlieferung keine so sichere antwort. Man wird
hier nie über einen gewissen grad algemeiner Wahrscheinlichkeit hinauskommen. Fra-
gen, wie die über die beteiligung der Chauken und Friesen an der besiedelung Eng-
lands, werden daher von den forschem sehr verschieden beantwortet. Ein sicherer
fortschritt ist allein von den ergebnissen der Sprachforschung zu erwarten, welche
freilich so komplicierter natur sind, dass vor voreiligen Schlüssen nicht genug
gewarnt werden kann. Leider ist die zahl der methodisch geschulten Sprachforscher
auf dem gebiete des friesischen und des sogenanten nordfriesischen winzig klein, und
femer stehende sind nicht leicht in der läge sich ein urteil über die von einzelnen
aufgestelten behauptungen zu bilden. Hat doch Siebs in seinem buche Zur geschichte
der englisch - friesischen spräche und in Pauls Grundriss den lesern eine gemeinsame
Ursprache des ostfriesischen und des sogenanten nordfriesischen zugemutet! Es kann
nicht meine aufgäbe sein, an dieser stelle zu zeigen, wie weit die sogenanten nord-
friesischen mundarten eine nähere beziehung zu den ags. mundarten ergeben. Nur
so viel steht fest: 1) dass beide sprachen einander von hause aus näher standen als
dem ost- und westfriesischen; 2) dass eine unmittelbare zurückführung einer nordfrie-
sischen mundaii; auf eine ags. daran scheitert, dass die mehrzahl der mundartlichen
unterschiede des ags. erst auf britischem boden die uns bekante geographische aus-
dehnimg gewonnen hat; 3) dass von den beiden sprachen, welche man wohl unter dem
namen nordfriesisch zusammenzufassen pflegt, die der inseln Sild, Föhr, Amram und
Helgoland der westsächsischon mundart Englands verhältnismässig am nächsten steht.
An dieser stelle sei nur einer einzelheit erwähnung getan, zu deren besprechung
Weilands schrift herausfordert. Dass Chauken an der besiedlung Englands beteiligt
gewesen, ist sehr wohl glaublich, aber durch nichts beweisbar; auch die quelle der
Sprachforschung versagt in diesem falle. Um so unfruchtbarer ist es darüber hypo-
thesen aufzustellen, ob die Nordhumbrer (so Weiland mit Möller) oder die Kenter
(so Weiland, Gott. gel. anz. 1889, s. 942) Chauken sein. Einen auf englischem boden
noch erkenbaren, besonderen stamm werden die Chauken schwerlich gebildet haben;
ihr name gieng in Deutschland unter dem der Sachsen auf; weshalb nicht auch in
England? Möller glaubt, dass die be wohner von Sild, Föhr, Amrum und Helgoland
alte Chauken seien; Weiland s. 38 (s. 156) und Gott. gel. anz. 1889, s. 942 möchte hier
eher an die Avionen denken. Die Wohnsitze der Avionen lassen sich ziemlich sicher
bestimmen. Es ist bisher unbeachtet geblieben, dass die sildringische sage ihren namen
bewahrt hat; sie kent ein geschlecht der Utce7i, welche von ostcn her, also aus dem
marschlande gekommen sein sollen*; bweii ist sprachgeschichtlich == ags. dawart =
urgerm. *Auw(mix,; Äviones bedeutet „bewohner des maischlandes " ; das volk hat
1) Bei Weiland fehlt die bekante stelle aus JEI£reds Orosios von der läge Schleswigs betuh Wine-
dum cmd Seaxum and Ängk.
2) Hansen y XJald' Sdld'ring tialen, s. 22; Hansen, BoitrSge zu den sagen usw. der Nordfrie-
sen , 8. 90.
ZEnSCURIFT F. OKUTSCUE PHILOLOGIE. BD. XXIV. 9
130 BRANDES
also in dem schleswigschen marschlande gesessen und ist identisch mit unseren heu-
tigen ^ Nordfriesen*'.
Neu ist die s. 36 (s. 154) ausgesprochene sehr ansprechende Vermutung, dass
Theudebert in dem briefe an Justinian im jähre 535 mit den ,,8axonibus Euciis, qui
se nobis voluntate propria tradiderunt", die kentischen Juten Beda's gemeint habe.
Ich möchte das gleiche auch von dem Euthio bei Venantius Fortunatus glauben,
welcher neben dem Saxo und Britannus als feind der Franken genant wird.
HALLE, 14. MÄRZ 1891. OTTO BREBiER.
De Düdesche Schlömer. Ein niederdeutsches drama von Johannes
Stricker. (1584). Herausgegeben von Johannes Bolte. 76 und 236 s. 8. Nor-
den und Leipzig, Soltau. 1889. (Drucke des Vereins für niederdeutsche Sprach-
forschung, in.).
Die von Bolte geUeferte ausgäbe des Stiickerschen Schlömer macht ein wert-
voUes niederdeutsches litteraturdenkmal algemein zugänglich. Der originaldruck (A)
des dramas, der sich in einigen wenigen exemplaren erhalten hat, die zum teil
deutschen, zimi teil ausländischen bibllotheken gehören, ist 1584 in der Balhomschen
officin zu Lübeck hergestelt. Der neudruck widorholt A buchstabon- und seiten-
getreu; auch die alte interpunktion findet sich in ihm im wesentlichen wider. Aus
den nachdrucken von 1593 (B und C) hat der herausgeber eine anzahl von randglos-
sen aufgenommen, die wie die mehrzahl der in A stehenden auf biblische stellen
hinweisen; im übrigen hat er sich auf die korrektur der in dem alten druckfehler-
verzeichnis angegebenen versehen und auf die berichtigung einiger weiterer offenbarer
irtümer des Originaltextes beschränkt. Allen anf orderungen, die wir an einen neu-
dnick zu stellen gewohnt sind, ist somit entsprochen: Boltes text ersezt das original
voll und ganz.
Der umstand jedoch, dass der Balhornsche druck nicht als eine gute überlie-
feiTing des werkes Strickers gelten kann, da er an mehr als einer stelle Schwierig-
keiten bietet, die nur durch mehr oder minder starke eingriffe gehoben werden
können, lässt es mir zweifelhaft erscheinen, ob Bolte gut daran getan hat, ein so
conservatives verfahren einzuschlagen. Manche Verderbnisse hätten sich nach anlei-
tung von B C mit leichtigkeit beseitigen lassen. B und C lesen v. 185 Stervet; der
herausgeber hat den wink nicht beachtet und das an der stelle unmögliche praei des
schwachen verbums, das A sezt, beibehalten. Auf die widerherstellung des verses
hat B in zweckentsprechender weise bedacht genommen; die achte silbe wird durch
einschaltung des flickwortes gar vor saliehliek gewonnen. Den hüyup v. 733 hat
Bolte festgehalten, obwol schon Lübben (Wb. 2, 328) mit dem ausdrucke nichts
anzufangen wüste. "Wir haben es mit der imperativischen bildung k&pup zu tun,
durch die der haushälterische sparsame sinn der frau, der auch v. 577 fgg. angedeu-
tet ist, dem Standpunkte des mannes entsprechend charakterisiert wird. An v. 2242:
Sunder ydt affgeraden schlicht haben B und C anstoss genommen. B ändert: Raden
mi tJio dem, C: Sunder Iiebhent äff geraden. Keiner dieser vei*suche, dem verse
aufzuhelfen, befriedigt jedoch. C lässt den folgenden infinitivsatz : Mit en tho holdn
dat frouicden^pil unbemcksichtigt, und B entfernt sich viel zu weit von dem in A
überlieferten. Ordnung lässt sich nur schaffen, wenn man liest: Sundr liebhen nty
geraden schlicht. Weren v. 2229 ist in Were zu bessern.
ÜBER DEN DÜD. SCHLÖMER ED. BOLTE 131
Über einige zweifelhafte stellen hat sich Bolte in den anmerlningen ausgespro-
chen, de puix in der redensart de putx gheit my an -ist in der anmerkung zu v. 844
richtig erklärt. Eine euphemistische bezeichnung des teufeis, wie Lübben meinte,
kann de putx schon deshalb nicht sein, weil die wendung sowol im Schlömer wie
im Fall Adams und Even mehrmals dem teufel selbst in den mund gelegt ist. Da
sie ausser an den von dem herausgeber citierten stellen im Schlömer v. 347 und
V. 3921, in Strickers erstem drama bl. B*, Ciiij^, Fviy* und je zweimal auf bl. G*
undGij* erscheint, so müssen wir schliessen, dass sie bei dem dichter in besonderer
gunst stand. Einmal (Fall Adams bl. Dij') hat er de putx durch Das Spielchen
ersezt. — Die verse 3599 fgg.:
Heffstu dy denn wol supen sehn,
Lautem, sehenden, honen, sehinehen,
Dith dreff he so steds Dach und Nacht.
werden verständlich, wenn man my für dy schreibt. Stricker will sagen, dass der
Schlömer beim genuss von wein und hier einen unglaublichen eifer an den tag legte.
Die redensart ist imlängst in dieser ztschr. XXI, 256 von Gering mit bezug auf Lau-
remberg I, 352, im Nd. korrespondenzbl. 12, 37 von Sclilüter und ebd. 13, 3 von
Sand VOSS behandelt worden. — In dem v. 5009: De HERR wert kamen kaniende
liegt weder ein hebraismus vor noch ist ramende zu lesen. Stricker, der nicht die
von Bolte citierte zweite sondern die erste hälfte von Hab. 2, 3: De Wyssegginge
wert yo noch eruüllet werden tho syner tydt, vnnd werth entliken fryg an den da>ch
kamen (Wittenberg, H. Lufft 1541) im sinne hatte, schrieb: De HERR wert kamen
am ende. Der reim ende : weh, der sich damit ergibt, hat bei unserem dichter nichts
auffallondes. Dem, was der herausgeber s. 56 fgg. der einleitung über seine reim-
kunst bemerkt, ist hinzuzufügen, dass er auch in seinem ersten drama ohne beden-
ken rweÄr ; Äc/wfp/f er (bl. Bv*, Bvij^, Ciij**), mehr : tau^etithlnstncr (bl. Bv*), lehr:
Sehepffer (bl. Gvi*) bindet, am e7id „endlich'' braucht er im Fall Adams (bl. Miiij*'):
Doch bleibt Jammer, not vnd elend
Der Sünden sold, der Tod am end.
Zu tho gloven v. 1145 habe ich einen hinweis auf ztschr. XXI, 256 vermisst.
Das auf nd. gebiete seltene wort Grindt v. 1511 tritt im Fall Adams bl. Evj^ auf:
Meinestu, das ich sey ein Kifid?
Nim hin den puff an deine7i grind.
Die redensart „sich die kühe nehmen lassen" belegt Bolte zu v. 2222 erst aus Schrif-
ten, die dem ende des 16. Jahrhunderts entstammen. Indess erläutert sie schon
Agricola in der ersten sprich wörtorsamlung unter nr. 154: Er leßt yhm die kice nemen
= Er leßt sich bald erxurnen. Die v. 3429 — 3430 lehnen sich an einen bekanten
Spruch an, der volständig im Nd. reimb. v. 2107 — 2112 steht und der von Johannes
Junior in die form des leberreims gebracht ist (vgl. Nd. jahrb. 10, 82 nr. 99).
Das Verzeichnis der abweichungen der drucke B und C von der Originalausgabe
enthält einige überflüssige angaben. Die unzweifelhaften druckfohlor der jüngeren
drucke und einiges andere hätten ohne schaden fortbleiben können. Die Variante zu
V. 1480 muss geragen heissen, die zu v. 2433 aller Wahrscheinlichkeit nach gdan.
Auf welchen vers sich die zu v. 3230 angegebene var. my fehlt C bezieht, habe ich
nicht ermitteln können.
Vortrefliche abhandlungen über Johannes Stricker, das spiel von Adam und
Eva, die quellen und den inhalt des Schlömer leiten die ausgäbe ein. Besonders in
9*
132 BBANDE8
der Schilderung des lebensganges des dichtere und in der quellenunterauchung zeigt
sich Boltes umfangreiche kentnis aller einschlägigen fragen im helsten lichte. Die
daratellung der zahlreichen bearbeitungen des Everymanstoffes oder, wie man jezt
auf grund der darlegungen Kalffs wol besser sagt, des Elckerlijcstoffes verdankt der
eigenen forachung des herausgebera ausseroixientlich viel.
Die druckkorrektur ist mit Sorgfalt behandelt. Brei versehen im texte, die
ich mir notiert habe: disser statt dith v. 61, schon statt schal v. 1335 und landmodt
statt lanckmodt v. 5463 führe ich nur deshalb besonders auf, weil eins von ihnen
bereits die ureache einer bemerkung über die mundart Strickere geworden ist
BERLIN. HERHAN BRANDES.
Über die niederdeutschen Übertragungen der Lutherschen Übersetzung
des N. T., welche im 16. Jahrhundert im druck erschienen. Von Karl
Eduard Schaub. Greifswalder diss. 1889. 75 s.
In Schaubs abhandlung über die im 16. Jahrhundert gedruckten nd. Übertra-
gungen der Lutherischen übereetzung des N. T. haben wir einen beitrag zu der
noch ausstehenden umfassenden geschichte der nd. bibelübersetzung erhalten. Wer-
den in der kleinen schrift auch manche fragen, die sich an die nachlutherische nd.
bibelübertragung knüpfen, nicht einmal gestreift, so sind einzelne ihrer ergebnisse
doch wertvoll genug, um in uns den wünsch rege zu machen, eine ähnlich angelegte
arbeit über das Verhältnis der vorlutherischen nd. bibelausgaben zu einander und zu
den hd. drucken zu besitzen. Hinsichtlich der sich an Luther anschliessenden nd.
bibelübereetzung dürfen wir manches von der von Reiffer scheid vorbereiteten textaus-
gabe erhoffen.
Schaub, der von der absieht ausgegangen ist, Bugenhagens antoil an der nd.
bibelübereetzung des 16. Jahrhunderts zu bestimmen, bespricht an erater stelle die
texte, die vor der einwirkung dieses gehülfen Luthere auf das nd. übereetzungswerk
liegen, den Hambui'ger (Hg) und den Wittenberger (Wl), die beide in das jähr 1523
fallen. Der Verfasser betritt gleich hier den boden, auf dem er sich in der folge
fast ausschliesslich bewegt, den der textvergleichung. Wie ängstlich von ihm jeder
schritt vom wege vermieden ist, Hesse sich an zahlreichen beispielen zeigen. Eins
möge genügen. Dei" von Schaub benuzte, der AVemigeroder bibliothek gehörige
druck von W 1 schliesst: gedrücket tho Wittemherg dorch Melchior vnde Michael
Lotther hr'öder M. D. XXIII , während Dath Nyge Testament tho dude, Vuittem-
herg.j welches mir aus der bibelsamlung der hiesigen königlichen bibliothek zur Ver-
fügung steht und das mit dem von Goeze beschriebenen identisch zu sein scheint,
auf bl. eevj* den vermerk trägt: Gedruckt tho Vuitte7?iberg dorch Melchior Lotter
den Jüngern 1. 5. 23. (Wx). Schaub geht über diesen unterechied, auf den ihn
Goezes Historie der gedruckten niedereächsischen bibeln hätte hinführen müssen, mit
stilschweigen hinweg. So lange wir aber nicht über das Verhältnis orientiert sind,
in dem die beiden Wittenberger drucke von 1523 zu einander stehen, haben auf
textvergleichung gegründete ausführungen über die beziehungen von Wl zu Hg nur
einen sehr geringen wert Auch die frage, ob dem Hamburger drucke oder einem
der Wittenberger die priorität gebührt, wird möglichei'weise durch dieses Verhältnis
berühri. Nur scheinbar wird die über die ereten nachlutherischen nd. bibeln her-
schende Unsicherheit noch dadurch vermehrt, dass Goezes auszügo aus dem in seinem
besitz befindlicli gewesenen exemplar sich in oi*thographischer beziehung von den
ÜBER SCHAÜB, NIEDERD. ÜBEBTRAOüNaEN VON LUTHERS NT. 133
entsprechenden abschnitten des Berliner exemplars unterscheiden, denn in der wider-
gabe der Orthographie der von ihm verzeichneten drucke ist Goeze leider durchaus
unzuverlässig. Eher kann man sich auf seine bemerkungen über druckeinrichtung,
fehler in der Seitenzählung und ähnliche merkmale verlassen. Da seine diesbezüg-
lichen angaben s. 156 fgg. auf den von Melchior Lotter d. j. hergestelton druck pas-
sen, so hege ich, obwol seinem exemplar das schlussblatt abgieng, keinen zweifei,
dass er diesen in bänden gehabt hat. Einige eigentümlich keiten , an denen der druck
leicht zu erkennen ist, hat Goeze übersehen. Im ersten teil ist das XXX. bl. als
XXXI. und das LXXI. als LXXII. bezeichnet, so dass die blatzahlen XXXI und
LXXn zweimal auftreten; im zweiten teil sind die zahlen der bll. XVIU — XXV
in Unordnung geraten. Der druck zeigt diese folge: XVIII, XVIU, XIX, XVEU,
XXI, XXII, XXIII, XXV. Die Signatur des vierten blattes fehlt in den lagen B,
E — L, Q, S, T, a, b, d — f, 1 — o. Die von Schaub Wl entnommenen citato habe
ich zum teil in dem NT Melch. Lotters d. j. nachgeschlagen, und es hat sich heraus-
gestelt, dass beide drucke in orthographischer hinsieht nicht unbedeutend von einan-
der abweichen. Ich lasse einige belege folgen: Mt. 13, 46 kostlike Wl, köstliche
Wx. — Lc. 5, 1 tlio hören dat wart gades Wl, tho koeren dat worth OadesWx. —
Lc. 22, 67 gelikte Wl, gher^ie Wx. — Mt. 2, (vgl. kap. IV des anhanges) 1 van
Wl, von Wx; 3 den konnig Wl, de k. Wx; 5 ist geschreuen Wl, is g. Wx;
6 vofh Wl, van Wx; 7 von Wl, van Wx; 8 vorforscheth Wl, vorfroscheth Wx;
12 in or Wl, yn or Wx; 13 Heren Wl, heren Wx; vnde sede Wl, vnd s. Wx;
15 Heren Wl, heren Wx; 16 sendete Wl, sendede Wx; mit Wl, mith Wx;
18 ere Wl, ore Wx; 19 sü Wl, su Wx; eren Wl, heren Wx; 22 de Oalliley-
sehen Wl, des O. Wx; 23 vp dat Wl, vp dath Wx. Im übrigen scheint mir
schon nach dieser probe, auf deren Unzulänglichkeit ich nicht hinzuweisen brauche,
die annähme einer engen Zusammengehörigkeit der beiden Wittenberger drucke
zulässig.
Interessant ist der von Schaub gelieferte nach weis, dass Hg undWl die Hal-
berstädter bibel nicht unberücksichtigt lassen. Der Zusammenhang zwischen der vor-
lutherischen und nachlutherischen nd. bibelübersetzung ist somit dargelegt. Freilich
scheint sich der Verfasser unserer schrift der Wichtigkeit der von ihm gefundenen
tatsache nicht voll bewust geworden zu sein. Denn anstatt den spuren dieses Zusam-
menhanges in den von Bugenhagen beeinflussten texten nachzugehen, begnügt er sich
bei der besprechung von W2, dem ersten, bisher unbekanten druck, dem Bugen-
hagens tätigkeit zu gute gekommen ist (ex. in Schaubs besitz), mit der kurzen bemer-
kung, dass sich der Urheber dieser Übersetzung um die vorlutherische Halberstädter
bibel nicht mehr gekümmert habe. Selbst wenn diese behauptung richtig wäre, so
wäre noch immer die möglichkeit, dass die vorlutherische fassung durch vermittelung
von Hg und Wl ihre einwirkung geäussert hätte, zu erwägen gewesen. Daran hat
Schaub nicht gedacht. Schaubs abschliessende äusserung lässt sich zudem in der
form, in der er sie vorträgt, schon deshalb gar nicht aufrecht erhalten, weil die
anzeichen einer fortdauer des einflusses der vorlutherischen bibel , die in der AVitten-
berger ausgäbe von 1524 unzweifelhaft vorhanden sind, eine direkte benutzung der
Halberstädter bibel durch den unter Bugenhagens äugen arbeitenden Übersetzer kei-
neswegs ausschliessen. Die beiden stellen, die Schaub anführt, um die abhängigkeit
des von ihm mitW2 bezeichneten druckes von Wl zu erweisen: Matth. 20, 4 (und 7)
L ynn den tveynberg, Wl W2 ynn mynen icytiberg (der zusatz W2 toyngarden
soll sich wol auf Wl beziehen? Wx hat toyngarden) und Matth. 22, 4 L meyn
134 JiRANDRS
malxeyt hob ich hereyt, Wl W2 myn maltydt ys beredet können mit gleichem
rechte als Zeugnisse für boziohungen von W2 zu H angesehen werden, da sie in
der fassung H von Wl aufgenommen sind. Entscheidet man sich aber auch auf
grund weiterer beobachtungen einmal d^ür, "Wl als die quelle der genanten lesarten
in W2 zu betrachteü, so bleibt die indii'ekte beeinflussung der von Bugenhagen
inspirierten bibelübersetzung durch die vorlutherische nd. bibel bestehen. Die lesart
myn maltydt ys beredet hat übrigens schon W3 zu gunsten des engeren anschlusses
an Luther aufgegeben.
Bugenhagens anteil an der nachlutherischen nd. bibelübersetzung bestirnt
Schaub auf gnind der eigenen auslassungen des theologen über diesen punkt, die in
die voiTeden und nachreden verwebt sind, die er zu den 1524 — 1541 erschienenen
ausgaben geschrieben hat. Dass die werte Bugenhagens als eine zuvorlässige quelle
anzusehen sind, wird niemand besti'eiten wollen; ebenso sicher ist aber, dass Schaub
ihnen einen sinn unterschiebt, den sie nicht haben können. Bugenhagen spricht sich
über sein Verhältnis zu AV2 folgondermassen aus: Dyth nye Testament ys vlytich
vordüdesehet , also dat me vnstrafflick de rechte menynge, alse de Euangeltsten
vnde Apostele gescreuen hebbeti, hyr ynne lesen mach, vnde ys nicht, alse de erste
vordüdeschynge was, sünder reyn vnde fyn^ vth vnses werdigen vaders Doctoris
Martini vordüdeschynge. Wo wol öuerst dat desse arbeyt ys mdlenbracht dorch
eynen andern, doch hebbe ick gehandelt vnde radt gegeuen in allen örden vnde
steden, dar ydt swer tcas in vnse düdesch tlio bringende. Schaubs interpretation
knüpft an den von Bugonhagen gebrauchten ausdruck swer an. Er soll dem unge-
nanten und nach des Verfassers meinung auch wol ungelehrten, des griechischen
unkundigen Übersetzer an allen schwierigen stellen mit seinem rate geholfen haben,
unter den schwierigen stellen sollen aber in erster linie solche zu verstehen sein, an
denen Luthers fassung aufgegeben werden muste, weil sie nicht genau dem grund-
texte entsprach. Diese auslegung gewint einen schein der berechtigung dadurch,
dass W 2 tatsächlich das streben erkennen lässt, den Lutherschen text nach dem grie-
chischen original zu berichtigen. Trotzdem ist sie unhaltbar. Schaubs fehler ist,
dass er das wort swer wilkürlich aus dem zusammenhange herausgenommen hat.
Bugonhagen sagt gar nicht, dass er an allen schwierigen stellen mit seinem rate und
seiner hülfe eingetreten sei, sondern er boscheidot sich mit dem Verdienste, für eine
singemässo Übersetzung in den fällen gesorgt zu haben, dar ydt swer was in vnse
düdesch tho bringende. Er war auf nichts anderes als auf ein tadelloses nd. gewand
für Doctoris Martini vordüdeschynge bedacht. Auch die möglichkeit, dass Bugen-
hagen zuweilen bei der suche nach einem treffenden nd. ausdruck für eine Wendung
Luthers den grundtext zu rate gezogen habe, kann ich nicht zugeben. Durchmustert
man die von Schaub bezeichneten textänderungen in W2, die im anschluss an den
grundtext erfolgt sind, so stösst man kaum auf einen einzigen fall, wo der engere
anschluss an das griechische original dem nd. Übersetzer bei seiner arbeit eine
erloichterung gewährt haben könte. Ging man etwa Schwierigkeiten aus dem wege,
wenn man Job. 19, 13 yußßad^ä mit Öabbatha widergab, anstatt bei Luthers Baba-
tha zu bleiben, oder wenn man vorzog, Mt. 7, 4 Ix tov dif&aXfioV aov (vth dynem
oge)^ Lc. 1, 6 it/LKforegot. (beyde)^ Lc. 9, 45 negl toO ^rijjiaTog tovtov (umme dat'
snlue wort)^ Lc. 24, 38 iv rmg xuQ&uug vfAßv (in iuwe herte)^ Joh. 8, 12 iv tj
axoTuc {in der düsterfiisse) ^ Rom. 4, 24 ^It]aoöv tov xvqiov (Heren Jesum) zu über-
tragen anstatt Luthers atis deni äuge, alle beyde, vmb dasselbe, ynn ewer hertx,
yn finsternis, hern Jliesum Christ? Förderte es das bemühen, Luthers text in
ÜBKB 8CHAUB, NIEDERD. ÜBERTRAGUNGEN VON LUTHERS NT. 135
jeinem niederdeutsch vorzulegen, wenn man Joh. 4, 45 wente se weren dar ock vp
dat fest gekamen, Joh. 17, 14 (oder 16) gelyck alsc ick ok nicht van der werlt hyn
nach dem grundtexte zusezte? Hat das zurückgreifen auf den griech. text aber nicht
dazu beigetragen, Schwierigkeiten zu beseitigen, die bei der Übertragung des Luther-
schen textes ins niederdeutsche auftauchten, so ist es auch nicht auf Bugenhagens
rechnung zu setzen, sondern dem Übersetzer beizumessen, der demnach wol über
ein umfangreicheres wissen verfügte, als Schaub anzunehmen scheint.
Das Verständnis des Zusatzes, den die nachrede Bugenhagens in WS, einer
nicht unwesentlich verbesserten zweiten ausgäbe von W2, erhalten hat: Dar hauen
ys in dessem testen drucke vlytigen tltogedaUj dat ym vorigen vorsümet vnde vth-
gelaten was, Dartko ock etlike siede klarliker vordüdeschet , wird durch die doutung
der ursprünglichen fassung der begleitworte bedingt, "Wenn Bugenhagen auf text-
ergänzungen aufmerksam macht, so kann er nur werter und sätze der Lutherschen
Übersetzung meinen, die in der ersten aufläge der nd. Übertragung übergangen waren.
Solche versehen des Übersetzers oder druckers lagen Mt. 17, 20 und Joh. 20, 5 — 7
vor. Grössere Schwierigkeiten macht die orklärung des zweiton teiles des Zusatzes,
in dem Bugenhagen erwähnt, dass ock etlike stede klarliker vordüdeschet seien. Bei
der bestimtheit, mit der sich unser gowährsmann stets äussert, kann man in dieser
bemerkung nur einen hinweis auf die durch Schaub hinlänglich bezeugte erneute
benutzung des grundtextes erblicken. Hätte Bugenhagen das Verhältnis des nd. tex-
tes zum Lutherschen im sinne gehabt, so hätte er sich zweifellos klarer ausgedrückt,
zimial er sonst Saßesck düdesch und hochdiidesch, vnse diidesch und Doctoris Mar-
tini vordüdeschynge , de Saßische Biblia und de liochdüdeßche Bihlia sorgfältig aus-
einanderhält. Die berichtigung der druckversehen der ersten ausgäbe wie einzelne
Verbesserungen nach dem grundtext in W3 bin ich geneigt, Bugenhagens tätigkeit
zuzuschreiben, wenngleich man in dem zusatze die ausdrückliche bezugnahme auf
die person des Schreibers vermisst. Ich stütze mich bei meiner Vermutung auf die
anfangsworte des zweiten Zusatzes, der den begleitworton in der Wittenberger aus-
gäbe von 1533 zu teil geworden ist: Thom testen . . . Jiebhe ick ock g&tnaket Sum-
tnarien. Bugenhagen konte so nur fortfahren, wenn er vorher mindestens zwei Vor-
züge des nd. textes genant hatte, die aus seiner beteiligung an der herstellung des-
selben resultierten. Da er in der ei-sten fassung des nach- resp. Vorworts nur das
eine verdienst für sich in anspruch nimt, für eine singemässe nd. Übersetzung schwer
widerzugebender Wendungen Luthers sorge getragen zu haben, so müssen wir ihn als
den Urheber der nachbesserungen anerkennen, deren der zusatz in 'W3 gedenkt.
Bugenhagens anteil an den unter den wichtigen nachlutherischen nd. texten
in erster reihe stehenden Wittenberger drucken von 1524 und 1525 beschränkt sich
somit darauf, dass er bei dem ersten drucke rat erteilte, wo der Übersetzer um einen
passenden nd. für einen Lutherschen ausdruck verlegen war, und dass er, als die
neue aufläge vorbereitet wurde, einerseits die bestandteile der hauptvorlage bezeich-
nete, die in der ersten ausgäbe nicht zu ihrem rechte gekommen waren, andrerseits
für einige stellen auf grund des griech. textes eine durchsichtigere fassung angab.
Will man sich überzeugen, dass auch in W3 nicht alle Veränderungen nach dem
griech. grundtexte von Bugenhagen herrähren, so braucht man nur einen blick in
Schaubs liste s. 38 fg. zu werfen. Bugenhagen war es allein um das bessere Ver-
ständnis des textes zu tun, die meisten der durch Schaub verzeichneten neuen les-
aiten erklären sich aber nur aus der absieht, eine möglichst genaue übereinstinmiung
mit dem grundtext auch in nebensächlichen punkten herzustellen.
136 BRANDES, ÜBER SCHAUB, NDEDBRD. ÜBERTRAaüNGEN VON LUTHERS NT.
Die eigentümlichkeiten der einzelnen drucke belegt Schaub durch staÜiche rei-
hen von beispielen. Bei genauerer nachprüfung ergibt sich allerdings, dass es um
die beweiskraft der belegstellen nicht immer zum besten bestelt ist Für die abhängig-
keit des von Schaub Wl genanten textes von Hg beweisen weder die fälle etwas,
in denen zu Hg und Wl die Vulgata stimt, noch die, in denen entweder die mög-
lichkeit einer einwirkung der Vulgata oder mischung des Lutherschen textes und der
Halberstädter bibel angenommen werden kann. Lc. 5, 39 L der alte ist milder, Hg
de olde is heder ^ Wl de olde is better steht vetus melius est zur seite, zuLc. 19, 10
L das verloren ist, Hg dat vorlaren was, W 1 dath vorlaren was stelt sich H
dath dar was vorgan, qtwd perierat, mit Mt. 7, 2 L wirt euch gerichtet wer-
den, Hg "Wl werde gy gerichtet werden ist zu vergleichen H werde gy vorordelt,
itidicabimini. Auch die fälle hätten in diesem Zusammenhang unberücksichtigt blei-
ben müssen, in denen solche nd. ausdrücke gewählt sind, die jedem niederdeut-
schen bearbeiter durchaus nahe lagen. Wenn Mc, 14, 56 L stympt nicht vhireyn
von Hg Wl mit droech nicht ouer eyn, Mc. 15, 24 L wilcher was vhirkeme mit
we dar wat van kreege widergegeben werden, so steht die Selbständigkeit der bei-
den Übersetzer noch keineswegs in frage. Der ihnen von Schaub untergelegten
bedeutung entbehren femer alle die stellen, die sich durch stark hervortretende
eigenheiten im Sprachgebrauch des Urhebers von Wl erklären lassen. Obwol der
Verfasser unserer schrift durch beispiele die in W 1 sich geltend machende neigung,
das verbum mit den hilfsverben willen, kunnen, scholen usw. zu verbinden, wie die
abneigung des bearbeiters gegen die anwendung der inklination belegt, hat er keine
bedenken, Lc. 6, 44 L man lieset nicht = Hg Wl men kan nicht kßen und Mc.
14, 19 L ichs = Hg Wl ick dath unter die beweise für die verwantschaft von
W 1 mit Hg aufzunehmen.
Mit der spräche der von ihm behandelten texte ist der Verfasser nicht hin-
länglich vertraut. S. 35 berührt er die bekante nd. erscheinung, dass subst die Vor-
silbe ge abstossen. Unter den beispielen, die er anführt, findet sich Joh. 6 water
W2 gegenüber gewesser L, obgleich ein entsprechendes nd. subst. mit der vorsilbe
ge, das der Übersetzer hätte verwenden können, nicht vorhanden ist. Ebensowenig
ist gericIUestol neben richtestol belegt, wenngleich hier die möglichkeit der existenz
zugegeben werden kann, da gerichte neben richte erscheint. Das erste beispiel des
abschnittes Mt. 9, 16 L ttich = W2 wände gehört überhaupt nicht hierher, da von
dem nd. bearbeiter ein ganz anderes wort gebraucht ist als von Luther. In dem Ver-
zeichnis der in den für die abhandlung benuzten Übersetzungen erscheinenden Wör-
ter, welche bisher gar nicht oder in anderer bedeutung belegt sind, trift man auf
mehr als einen gut bekanten bestandteil des nd. Wortschatzes. Genau mit der von
Schaub geforderten bedeutung findet man in den von ihm genanten lexikalischen
hilfsmitteln, dem Mnd. wb. und dem Mnd. hdwb., aufgeführt: averlop, averflödich,
averwynynge, hedroch, docht, dorhaftich als overlop, overvlodich, overwinninge,
hedrech, dacht, doraftich, femer hör de, seeltagen, spletter, wolteren neben bordene,
seletogen, splittere, weiteren. In anderen fällen unterscheiden sich Luthers aus-
drücke von den in den mnd. Wörterbüchern angesezten bedeutungen ganz imerheblich.
BERLIN. HERMAN BRANDES.
EAWSRAU, ÜBER DENKMÄLER DER ALT. DEUTSCHEN LITT. 137
Denkmäler der älteren deutschen litteratur für den litteraturgeschichtlichen
Unterricht an höheren lehranstalton im sinne der amtlichen bestimmungen vom
31. märz 1882 herausgegeben von dr. G. B($ttieher, Oberlehrer am Lessing-
gymnasium, und dr. Karl Kinzel, Oberlehrer am Grauen kloster zu Berlin.
Halle a. S., buchhandlung des Waisenhauses, m 2 u. 3: Martin Luther, aus-
gewählt, bearbeitet und erläutert von dr. Rieh. Neubauer, professor am Grauen
kloster zu Berlin. 1890 und 1891. IX, 187 s.; VII, 252 s.; preis je 1,80 m.
in 4: Kunst- und Volkslied in der reformationszeit, ausgewählt und
erläutert von dr. Karl Kinzel. 1892. Vm, 140 s. 1 m.
Neubauer hat sich seiner aufgäbe, aus Luther eine auswahl für die zwecke
höherer lehranstalton zu treffen, mit grosser umsieht unterzogen. Das erste heft
bringt überwiegend den kirchlichen reformator, das zweite den deutschen mann zur
anschauung. Heft 1 wird daher ausser dem lehrer des deutschen auch dem geschichts-
lehrer und besonders dem religionslehrer wükommen sein. Für die stofauswahl ist
hier der gang der reformationsgeschichte bestimmend gewesen. Luthers leben bis
1517 in der treuherzigen erzahlung seines Schülers Mathesius macht den anfang;
dann beleuchten den ablassstreit Luthers eigener späterer bericht in der schrift „Wi-
der Hans Worst** sowie auszüge aus den 95 thesen nach der deutschen Übersetzung,
die von J. Jonas stammen soll. Von den drei reformatorischen hauptschriften ist
„An den christlichen adeP in umfänglichen wörtlichen auszügen, Gaptivitas babyl. in
kurzem referat, „Freiheit eines christenmenschen ** wider im auszug mitgeteilt. Die
"Wartburgszeit vergegenwärtigt der brief Luthera an seinen vater, in welchem er über
seinen eintritt ins kloster gegen des vatei's willen bekentnis ablegt und seine schrift
de votis monasticis einleitet. Die rückkehr nach Wittenberg ist durch den berühm-
ten brief an den kurfürsten und eine der predigten gegen die bilderstürmer charak-
terisiert. Dann wird Luthers lehre von der obrigkcit durch stücke aus der schrift
„Von weltlicher obrigkeit*' gekenzeichnet. Die lezten stücke gelten dem bibelaus-
leger (vorrede auf den psalter) und bibelübersetzer; dazwischen ist die schrift
über das martyrium Heinrichs von Zütphen eingeschaltet. Seinen bahnbrechenden
principiellen erklärungen über die Übersetzungskunst ist mit recht ein grösserer räum
zugewiesen; den wert seiner eignen Übersetzungsleistung illustrieren in pai*allel-colum-
nen mitgeteilte proben aus der mittelalterlichen deutschen bibel und aus seiner Ver-
deutschung, wobei auch seine eigene fortarbeit an seiner Übersetzung beiücksich-
tigt ist
Bunter ist der Inhalt des zweiten heftes. Luthers bahnbrechende Schriften
Über das Schulwesen eröfnen hier den reigen, einige andere stücke weltlichen Inhalts
folgen; dann fabeln, gleichnisse, Sprüche und reime, mit grosser belesenhoit aus den
verschiedensten teilen seiner Schriften zusammengetragen; sodann eine auswahl von
dichtungen, wobei dass kirchenlied nur durch „Ein feste Burg" vertreten ist, offen-
bar um heft ni 4 nicht weiter vorzugreifen; und auch der briefschreiber Luther
komt in 9 gut gewählten nummem in humor und zom zu seinem rechte. Eine präch-
tige beigäbe ist das kapitel „Aus der lebensweisheit Luthers*, kürzere sinvolle aus-
spräche und betrachtungen aus verschiedenen Schriften^ besonders auch aus den
tischreden zusanmiengestelt. Kurz, die auswahl verrät einen kundigen und seiner
aufgäbe gewachsenen mann. Die textrecension geht auf die originale oder wenigstens
auf die ältesten gesamtausgaben zurück. Die orthographischen wilkürlichkeiton der
alten drucke sind beseitigt; Luthers spräche ist unversehrt, aber in einer das Ver-
ständnis des Schülers erleichternden Schreibung widergegeben. Alle hülfe, deren der
138^ KAWEBAU
Schüler sachlich oder sprachlich bedarf, ist ihm in knappen anmerkungen unter dem
text geboten; kurze einleitungen orientieren ihn über die entstehung und die geschicht-
liche Situation der einzelnen Schriften. So ist genügend dafür gesorgt, dass der
Schüler auch in privater lektüre zum Verständnis und genuss des lesestoffes gelangen
kann. Aber auch weitere kreise werden den im 2. hefte s. 215 — 252 gegebenen
„grammatischen anhang* freudig begrüssen, der knapp und übersichtlich über
lautstand, wortlehre, flexion und über syntaktisches bei Luther belehrung bietet —
für jeden theologischen leser Luthers eine sehr wilkommene gäbe. Es sei her\'or-
gehoben, dass der Verfasser für den in diesen blättern in lezter zeit mehrfach nach-
gewiesenen imd behandelten gebrauch des ^thäte^ im conditionalsatz in der bedeu-
tung „nicht vorhanden wäre** eine beispielsamlung bietet, welche, ganz unab-
hängig von den in diesen blättern bisher mitgeteilten stellen, den erweis liefert, wie
verbreitet diese so lange übersehene redeweise in Luthers Schriften ist. Ob seine
herleitung aus vorausgeseztem wanne [wofern nicht] taetey haltbar ist, vermag ich
nicht zu beurteilen ^. Ich mache nur darauf aufmerksam , dass die jüngst erschienenen
Analecta Lutherana et Melanthoniana von G. Lösche, Gotha 1892 wider drei neue
beispiele aus Lutherschen tischreden bieten: s. 214: wen des [das] tket [seil, caro
nostra], so wolt wir im [dem satan] wol ein xom entsitxen: wenn unser fleisch
uns nicht zu schaffen machte, wolton wir dem teufel wol trotz bieten; s. 294: wen
Arius kette getan, wenn A. nicht aufgetreten wäre; s. 380; hett Cherinttis [Cerinthus]
gefhan, Joannes nunquam haec scripsisset = wäre Cerinth nicht aufgetreten. Ich
notiere femer G. Witzel, Drey Gesprechbüchlin von der Religion Sachen. Leipzig
1539. Bl. M: „Fwei thet das geld, es gienge weder Pf äff tioch Sefiger noch Güster
einen trit ins Chor^^ würde nicht geld dafür bezahlt. — Zu den sachlichen
crläuterungen sei zu bd. IH, 2 s. 84 bemerkt: die walfahrt nach Regensburg in der
reformationszeit galt nicht „den leibem gewisser heiligen'*, sondern der kapelle der
„schönen Maria**; zu III, 3 s. 20: die „Waldenser**, von denen Luther redet, sind
die böhmischen brüder, vgl. Erl. ausgäbe 28 s. 389. in, 2 s. 143 lies Claus Harms
(st. Harm).
In heft m, 4 gibt Einzel zunächst eine auswahl aus dem kirchenliede des
16. Jahrhunderts, wobei er die auswahl auf solche lieder einschränkt, welche sich
bis in die gegenwart in kirchlichem gebrauch erhalten haben. Neben Luther sind
Speratus, N. Decius, N. Herman, P. Eber, B. Waldis u. a. bis auf Phil.
Nikolai vertreten. Fi'eilich handelt es sich hierbei zum teil um sehr misichere
Verfasserschaft. Bei Albrecht v. Brandonburg-Culmbach („Was mein gott
will**) erhebt Kinzel selber zweifei; aber auch Job. Hess als Verfasser von „0 weit
ich muss dich lassen •* gehört wol nur jener späten gesangbuchslegende an, wie ihm
das lied „0 mensch bedenk zu dieser frist" sicher abgesprochen werden muss. Die
notiz bei Nikolai, dass er „wegen seiner gelehrten streitschrifren dr. theol. von Wit-
tenberg wui'de", verleitet zu dem inigen glauben, als hätte man damals ehrendok-
toren emant. Gut ist es, dass der herausgeber diesen geistlichen liedern anhangsweise
die alten lateinischen texte solcher stücke anfügt, die von Luther deutsch umgedich-
tot wurden; ebenso die mittelalterliche form von leisen, welche die reformation sich
angeeignet hat; auch die andern proben aus der lateinischen geistlichen poesie sind
am platze. Doch ist es nicht ausreichend, wenn der schüler erfährt, dass Luthers
lieder, neben selbständig erfundenen, aus bearbeitungen lateinischer vorlagen oder
1) Ich glaube es nicht; vgl. die notiz bd. XXIV, 432 dieser Zeitschrift. 0. E.
ÜBER DENKM. DBB ALT. DEUTSCHEN UTT. 139
aus psalmenumdichtuDgen bestehen. Wo bleibt die bearbeitung und erweiterung von
deutschen liedem, die er vorfand (z. b. nr. 3 ^Gelobet seist du, Jesu Christ'')? wo
die bearbeitung andrer biblischer texte (z. b. nr. 5) und wo seine katechismuslieder?
Aber die auswahl selbst ist geschmackvoll und instruktiv, und die beigefügten orläu-
terungen werden lehrem und schülem wilkommen sein.
Als repräsentanten der weltlichen kunstdichtung sind Fischart und
Hütten (warum in dieser reihenfolge?) gewählt; dann folgen die berichte über den
meistergesang von A. Puschmann 1574 und Wagenseil 1697. Schliesslich sind
34 Volkslieder, darunter in nr. 27 — 34 historische, aus den samlungen von Uhland,
V. Liliencron und Goedeke gut ausgewählt. Auch dieses heft darf, neben seinem
nächsten zweck für den litteraturgeschichtlichen Unterricht, als hülfsmittel auch für
den geschichts- und religionsunterricht an höheren lehranstalten empfohlen werden.
KIEL. 0. KAWERA.U.
MISCELLEN.
Zur gesehichte des begräbnisses „more Teutonieo^^.
Auf s. 505 des XXIV. bandes dieser Zeitschrift hat R. Röhricht unter obigem
titel mehrfache beispiele für die sitte angeführt, leichname durch kochen in fleisch-
teile und knochen zu zerlegen. Ein weiterer belag mag aus einer isländischen quelle,
dem Einars f)attr Sokkasonar, hier beigebracht werden.
Die quelle erzählt, wie die Grönländer beschlossen, in ihrem lande einen eige-
nen bischofsstuhl zu errichten, und den Einarr Sokkason nach Norwegen schickten,
um diesen plan auszuführen. Mit hülfe des königs Sigurdr Jörsalafari gelang es
diesem, den priester Amaldr zur übernähme der würde zu bestimmen, welcher denn
auch vom erzbischof özurr von Lund für Grönland geweiht wurde; die isländischen
annalen setzen seine weihe in das jähr 1124. Über Norwegen fahren Amaldr und
Einarr nach Grönland ab, werden aber durch schlimmes wetter genötigt auf Island zu
zu überwintern, wo demzufolge nach isländischen annalen im sommer 1126 drei
bischöfe am Allthinge anwesend waren. In demselben jähre erreichten die beiden
genossen Grönland, wo sofort das bistum organisiert wurde. Gleichzeitig mit ihnen
war von Norwegen aus ein zweites schiff abgegangen, von einem manne namens
Ambjöm geführt; aber dieses kam nicht an und galt als verschollen, bis endlich
nach längerer zeit von einem Grönländer namens Sigurdr das leere schiff, und teils
in einem landzelte, teils nahe bei diesem die leichen der manschaft gefunden wurden.
Da Hess nun Sigurdr in den kesseln, die man bei den toten fand, die leichen sieden,
am das fleisch von den gebeinen zu lösen, und brachte diese dann mit allem gute,
das er bei den verstorbenen fand, nach dem bischofssitze zuGardar; es geschah jenes
aber, weil es so leichter schien, die gebeine zur kirche zu bringen. Die einschlä-
gigen werte stehen in Grönlands historiske mindesrmserker II, s. 690 und in der
Flateyjarbok DI, s. 447; der verfall gehört aber nach dem Schlüsse der saga jedes-
fals noch der zeit vor dem tode des königs Hai-aldr gilli an (f 1136), und mag etwa
in das jähr 1130 gesezt werden.
MÜNCHEN. K. MAURER.
140 MISGSLLEN
Zum drama vom verlorenen söhn.
Die ministerialbJbliothek von Schaffhauson besizt als nr. 23 ihrer haudschriften
ein bändchen „Lateinisches Schauspiel. Travestie der parabel vom verlorenen söhn.
1588 •*. Im handschriftenverzeichnis ist auf grund einer bemerkung auf dem lezten
blatte des mscr. als Verfasser Samuel Bovillus (= Oechsli)* angegeben, aber mit
unrecht. Jene notiz lautet: Acta est haec comoedia a clarissimo viro D. Samuele
BovillOy hoc tempore scholae Scaphttsianae rectore. Anno 1588 ulthni temporis
4 die septembris. Der Schaffhauser schulrector hat also nur die aufführung veran-
lasst; das stück selbst aber ist eine wörtliche abschrift des Acolastus von Gna-
phaeus, die offenbar für schulzwecke — denn schüler führten das stück auf — her-
gestelt war. Weder Holstein noch Spengler (Der verlorene söhn. Innsbruck 1888*)
erwähnen diese handschrift. Von S. Oechsli stamt nur der prolog und der epilog,
beide deutsch abgefasst; sie stehn am Schlüsse des dramas nach der lateinischen pero-
ratio. Der prolog besteht aus 100, der epilog aus 170vei-sen, alle parweise gereimt;
nur im epilog sind 27 — 29 (abschnitt) sowie am Schlüsse 168 — 170 je drei verse
durch denselben reim gebunden.
Der prolog enthält eine rochtfertigung solcher „nutzlichen ergetzlichkeit **
(v. 22) auch in traurigen Zeitläuften, da sie zur boförderung der gottesfurcht diene (29
— 40), die Jugend zum fleiss und eifer im studieren reize (41 — 60), von weisen
leuten auch an anderen orten hochgeschäzt werde (61 — 68). Speciell der inhalt
dieses Stückes sei nützlich:
Und lernt darauss ein ieder Christ
Sund, schand zu meiden, in der not
Sich kehren zfi dem lieben Gott (69 — 80).
Bemerkenswert ist, dass v. 85fgg. deutsche vorbereitende inhaltsangaben,
sowie deutsche ge sänge erwähnt werden:
Jedoch, das ir auch köndt verston,
Wie eins werd auff das ander gon,
So würt man euch in teütscher sprach
Vorhin erzellen alle sach.
Euch zg€t braucht man euch teutsche gsang.
Von beiden ist aber in dor handschrift nichts erhalten.
Im epilog werden die aus dem inhalte des Stückes sich ergebenden lehren
den Zuhörern nachdrücklich an das herz gelegt.
Beide stücke, zu deren volständigem abdruck hier kein räum ist, können zur
oigänzung der vorhandenen ausgaben des „Acolastus" dienen.
ZÜRICH. THEODOR ODINGA.
Nochmals dribolde seheren.
Zu den dankenswerten ausführungen des herm collegen Siebs über y^dribolde
scheren^ (bd. XXIV s. 567 dieser Zeitschrift) erlaube ich mir einige bomerkungen hin-
zuzufügen.
1) Vgl. Baochtold, Schweiz, lit. gesch. s. 64, anmerkung.
2) Zu Spenglers vorzeiclmis dor Acolastns - aaffiihningen sind aus Bächtold , Schweiz, litt. -gesch.
s. 58 fgg. nachzutragen: 1535 Zürich; 1570/71 Zürich; 1596 Solothum; 1627 Steckbom; sowie unsere
Schaffhauser aufführung vom 4. September 1588.
MI8CELLEIT 141
Da Babucko*s ausgäbe des Josef, Von den sieben todsünden (Norden 1875)
mir hier leider nicht zugänglich ist, vermag ich nicht zu untersuchen, ob in der
von Siebs nach Schiller -Lübben IV, 612 angeführten stelle die bedeutung von tri-
holt == platte, tonsur in der tat anzunehmen ist. Aus den citierten werten scheint
sich dies mir nicht ohne weiteres zu ergeben, und das von Schiller und Lübben zu
jener erklärung gesezte fragezeichen ist jedesfals nicht unberechtigt. Ohne zweifei
stelt sich der tribolt hier wie bei Johann von Buch als eine art der haarschur
dar; aber nur der nähere Zusammenhang könte erkennen lassen, ob diese wirklich
im dienste einer ernstlich gemeinten mönchsweihe statfand und somit als tonsur
im technischen sinne verstanden werden muss. Indessen ist dies eine für uns nicht
erhebliche frage. Denn auch wenn für die in rede stehende stelle die bedeutung von
tribolt = tonsur feststünde, so müste dieselbe gleich wol für den prolog zumßioht-
steig abgelehnt werden. Johann von Buch will durch das y^dribolde scheren"' die
bösen menschen für jedermann kentlich machen — es liegt auf der band, dass dies
nicht durch eine tonsur geschehen konte. Nicolaus Wurm bemerkt, dass man auf
diese ai*t die geisteskranken zu bezeichnen pflege — es ist nicht minder deutlich,
dass auch hierfür nicht eine tonsur dienen konte. Wenn also in der angeführten
stelle, was dahingestelt bleiben muss, eine solche ein tribolt genant wurde, so wäre
dies nur aus einer änderung der bedeutung dieses wertes im laufe der zeit zu
erklären.
Die urspiüngliche bedeutung von dribold betreffend habe ich nun folgendes zu
dem bd. XXIV s. 284 fg. bemerkten nachzutragen.
Herr oberbibliothekar dr. Steffenhagen hierselbst hatte die freundlichkeit
mich darauf aufmerksam zu machen, dass Nicolaus Wuim (Handschriftenklasse E
des Richtsteigs s. Homoyer s. 85 note 79) bei seiner motivierung des dribolde sche-
ren unzweifelhaft an diejenige der bestrafung zu haut und haar dui'ch die
ßuchsche Sachsenspiegelglosse gedacht hat. Wurm nämlich hat Johann von Buchs
Worte im Richtsteigprolog -nUppc dat me de gttden bekaiide^ verändert in die woi*te:
dax sy moehtin frome lute irkc7incn und sich vor in hutin. Und die glosse
zu Ssp. II, 13 § 1 gibt als zweck der strafe zu haar an, ,^dat ?ne 'n bekente unde
sik vor eme hodde (so in der mir von herm dr. Steffenhagen freundlichst mit-
geteilten form der Amsterdamer handschrift; s. übrigens Homeyer Ssp.' I, 243).
„Man wird also", meint herr dr. Steffenhagen, bei ^dribolde schereri zunächst an die
entehrende strafe des haarabscherens zu denken haben, wofür auch die Zusam-
menstellung mit dem , durch die zähne brennen' im Richtsteigprolog spricht. Vgl.
die belegstelleu bei Grimm, RA. s. 709, 11". Ohne die möglichkeit dieser annähme in
abrede stellen zu wollen trage ich doch bedenken sie zu teilen. Die anlehnung
Wurms an die glossenstelle erklärt sich zur genüge aus der gleichheit des zwecks
bei den verschiedenen anwendungsfällen der haarschur. Wurms weite y,mocht ich
sy bescheren gleich den toren als man pflit c%u tun den rechten toren^^ durch
welche er Johann von Buchs j^dribolde scheren^ ersezt, lassen doch erkennen, dass
er in diesem die besondere art der haai-schur erblickt, die geisteskranken zu teil wird.
und dies wird gerade dann noch wahrscheinlicher, wenn Wunn sich im übrigen hier
an die glosse zu Ssp. II, 13 § 1 anschloss und somit viel mehr veranlassung hatte
an die haarschur der diebo als an die der geisteskranken zu denken. Dass bei
diesen eine eigentümliche art der haarschur statfand, um sie anderen leuten kentlich
zu machen (s. auch die von Siebs angezogene stelle bei Schiller -Lübben IV, 77),
dürfte für die zeit Nicolaus Wurms dui'ch dessen werte selbst für den unwahrschein-
142 BnSCELLSN
liehen fall erwiesen sein, dass dieselben lediglich eine irrige umsohreibong
Buchschen „dribolde scheren"' sein selten.
Was nun schliesslich die etymologie des wertes drihold anbelangt, so m
ich natürlich hier das wort an die herren fachmänner abtreten. Sachlich scheint :
gegen die ansieht von Siebs namentlich zu sprechen, dass der dribold seinen nan
dem Vagabunden entlehnt haben soll, dass aber einerseits es eine blosse (ich fi
hinzu: eine meines erachtens nicht wahrscheinliche) Vermutung ist, dass jeder va
bund geschoren wurde, und dass anderseits, auch wenn dies richtig wäre, äa
die haarsehur weder ihren Ursprung noch jemals ihre alleinige oder nur vorzügli«
anwendung bei den vagabunden gehabt hat.
Unter diesen umständen scheint mir eine viel einfachere deutung von drih
den Vorzug zu verdienen, die mir herr bibliothekar dr. "Wetzel in Kiel freundlic
mitgeteilt hat, und deren sprachliche zulässigkeit nach dem urteile des herm co)
gen Gering bedenken nicht unterliegt. Daniach wäre driholt einfach eine zusa
mensetzung von dri und huU = häufe, bündel (Schiller-Lübben s. v. bt
I, 449 fg. Berghaus, Sprachschatz der Sassen s. v. bült I, 270) und bezeichn
somit ein bei der schür übrig gelassenes dreibündel oder di'eibüschel von haaren
dem köpfe. Sachlich würde dies augenscheinlich sehr gut passen.
KIEL, 29. FEBBÜAB 1892. MAX FAPPENHEIM.
Zn Wilhelm Mttllers romanze „Est est^^
In der romanze Est est (Gedichte von Wilhelm Müller, herausgegeben \
Max Müller. Leipzig, 1868. 2, 64) schildert der dichter mit köstlichem humor, \
ein deutscher ritter, dem auf seinen zügen in Italien die welschen weine nicht mi
den, seinen knappen vorausschickt, damit er an das tor einer jeden schenke, wo
den Stoff gut finde, ein ,est^ schreibe. In Montefiascone mundet nun dem der e»
muskateller so gut, dass er mit „feuerrotem stift" ein doppeltes est an die tür c
taveme schreibt.
„Und der ritter kam, sah, trank
Bis er tot zu boden sank**.
Der knappe aber sezt ihm einen leichenstein mit der inschrift:
Propter nimium est est
Dominus mens mortuus est.
Aus der anmerkung Max Müllers zu diesem gedichte seines vaters (a. a.
s. 190) können wir nur im algemeinen entnehmen, dass dieser die sage poetisch f
behandelt hat. Genaueren aufschluss darüber gibt uns eine bemerkung Longfello\
der im december 1827, kurz nach dem tode des auch von ihm geschäzten dichte
in Montefiascone sich aufhielt. Er war offenbar durch die romanze Müllers, von d<
sen liedem er einige der schönsten ins englische übei-tragen hat, veranlasst werde
den ort zu besuchen, worauf auch ein citat aus derselben schliessen lässi Er beric
tet in Outre-Mer, Italy (Prosa Works, Authors edition. London G. Roudledge a
Sons 0. j. s. 469) folgendes: y^I passed a night at Montefiascone , renoumed for
delicate Muscat wine, which bears the name of Est, and made a midnight p
grimage to the tomb of the Bishop John Defoucris, who died a niartyr to his lo
of this wine of Montefiascone,
NEUE EBSÜHEINÜNOEN 143
y^Propter nimium Est, Est, Est,
Dominus metis mortutis est*^,
Ä marble slab in the pavevient, wom by the footsteps of pilffritns like myselfj
Covers the dominie's ashes. There is a rüde figure carved upon it, at whose feet
I trcteed out the cahalistie words, ^Est, Est, Esf^, The remainder of the inscrip-
tion was ülegible by the flickering light of the sexton' s lantem "".
NOBTHEIM. R. SPRENGER.
NEUE ERSCHEINUNGEN.
Altmann, W., Studien zu Eberhart Windecke. Berlin, E. Oärtner. 1891.
Vin und 109 8. 2,80 m.
Der Verfasser bringt aus der bisher so gut wie unbeachtet gebliebenen hand-
Schrift der Wiener hofbibliothek nr. 2913 neue abschnitte und ergänzungen zu
Windeckes weltchronik bei, die besonders auch für historiker von interesse sind.
Ausserdem wird die ganze handschriftenfrage vom historischen gesichtspunkte aus
behandelt.
Bernhardt, £., Die fürwörter der anrede im deutschen (du, ihr, er, sie).
Abdruck aus den Jahrbüchern der kgl. akadomie gemeinnütziger Wissenschaften zu
Erfurt, neue folge, heft 17. 21 s.
Auf grund der von J. Grimm (Gramm. IV, 297 fgg. Kl. Schriften HI, 236
fgg.) gegebenen anregungen hat der veifasser den Sprachgebrauch in mehreren
älteren und neueren deutschen dichtwerken genauer beobachtet — Eine recht
interessante Studie über dasselbe thema ist früher veröffentlicht von Werner
Hahn im Deutschen montagsblatt (Berlin) vom 26. 11., 3. 12., 10. 12. 1888 und
5. 1. 1889; eine ältere schon von Friedrich Gedike (vorgelesen in der Berliner
akademie der Wissenschaften am 30. Januar 1794, erechienen bei F. ünger).
Kneiper, Philipp, Französische familiennamen in der Pfalz, und franzö-
sisches im Pfälzer volksmund. Zweite verm. aufläge. Eaisei'slautem, Aug.
Gotthold. 1891. 84 s.
Larsson, Ludyig, ordförrädet i de älsta islänska handskrifterna . . . leksikaliskt ock
granmiatiskt ordnat. Lund 1891. Phil. lindstedts universitets-bokhandol. (VI),
VI, 438 SS. 4. Nur in 200 exemplaren gedruckt. 20 kr.
Meyers Idassilierausgaben. Kritisch durchgesehen und erläutert. Leipzig und Wien,
bibliographisches institut.
In dieser empfehlenswerten samlung sind neu erschienen Gellerts dich-
tuDgen (auswahl in einem bände), bearbeitet von A. SchuUerus; Eichen dorffs
werke (auswahl in zwei bänden), bearbeitet von R. Dietze; forner Hauffs werke,
herausgegeben von Max Mendheim (3 bände). Die texte sind koiTekt, die einlei-
tungen knapp aber gründlich durchgeai'beitet. Der preis von 2 mark für jeden
teil in gutem ganzleinenband ist bei der vorzüglichen ausstattung sehr massig
zu nennen.
Mftller- Frauenstein, G., Von H. v. Kleist bis zur gräfin M. Ebner-Eschen-
bach. Zehn vortrage über die neueste deutsche litteratur. Mit 10 bildnissen in
holzschniti Hannover, L. Ost. 1891. VUI und 382 s. 4,50 m.
Zur orientierenden übei*sicht, sowie zum anhält für den lelirvortrag recht
bnaci^bar.
142 MISCELLXN
liehen fall erwiesen sein, dass dieselben lediglich eine irrige Umschreibung des
Buchschen ^dribolde scheren'*' sein selten.
Was nun schliesslich die etymologie des wertes drihold anbelangt, so muss
ich natürlich hier das wort an die herren fachmänner abtreten. Sachlich scheint mir
gegen die ansieht von Siebs namentlich zu sprechen, dass der dribold seinen namen
dem Vagabunden entlehnt haben soll, dass aber einerseits es eine blosse (ich füge
hinzu: eine meines erachtens nicht wahrscheinliche) Vermutung ist, dass jeder vaga-
bund geschoren wurde, und dass anderseits, auch wenn dies richtig wäre, doch
die haarschur weder ihren Ursprung noch jemals ihre aUeinige oder nur vorzügliche
anwendung bei den vagabunden gehabt hat
Unter diesen umständen scheint mir eine viel einfachere deutung von dribold
den Vorzug zu verdienen, die mir herr bibliothekar dr. "Wetzel in Kiel freundlichst
mitgeteilt hat, und deren sprachliehe zulässigkeit nach dem urteile des herm colle-
gen Gering bedenken nicht unterliegt. Daniach wäre dribolt einfach eine Zusam-
mensetzung von dri und bult = häufe, bündel (Schiller-Lübben s. v. bidte
I, 449 fg. Berghaus, Sprachschatz der Sassen s. v. hült I, 270) und bezeichnete
somit ein bei der schür übrig gelassenes dreibündel oder di'eibüschel von haaren auf
dem köpfe. Sachlich würde dies augenscheinlieh sehr gut passen.
KIEL, 29. FEBBÜAB 1892. MAX FAPPENHEIM.
Zn Wilhelm Mttllers romanze ^^Est est^^
In der romanze Est est (Gedichte von Wilhelm Müller, herausgegeben von
Max Müller. Leipzig, 1868. 2, 64) schildei-t der dichter mit köstlichem humor, wie
ein deutscher ritter, dem auf seinen zügen in Italien die welschen weine nicht mun-
den, seinen knappen vorausschickt, damit er an das tor einer jeden schenke, wo er
den Stoff gut finde, ein „est*' schreibe. In Montefiascone mundet nun dem der edle
muskateller so gut, dass er mit „feuerrotem stift" ein doppeltes est an die tür der
taverne schreibt.
„Und der ritter kam, sah, trank
Bis er tot zu boden sank".
Der knappe aber sezt ihm einen leichenstein mit der insehrift:
Propter nimium est est
Dominus mens mortuus est.
Aus der anmerkung Max Müllers zu diesem gedichte seines vaters (a. a. o.
s. 190) können wir nur im algemeinen entnehmen, dass dieser die sage poetisch frei
behandelt hat. Genaueren aufschluss darüber gibt uns eine bemerkung Longfellows,
der im december 1827, kurz nach dem tode des auch von ihm geschäzten dichters,
in Montefiascone sich aufhielt. Er war offenbar durch die romanze Müllers, von des-
sen liedem er einige der schönsten ins englische übeiixagen hat, veranlasst worden,
den ort zu besuchen, worauf auch ein citat aus derselben sehliessen lässt. Er berich-
tet in Otäre-Mer, Italy (Prose Works, Authors edition. London G. Roudledge and
Sons 0. j. s. 469) folgendes: ^I passed a night at Monteßascofie , renoumed for a
delicute Muscat wine, which bears the ttawe of Esij and made a midnight pil-
grimage to the tomb of the Bishop John Defoucris, who died a niartyr to his love
of this unne of Montefiascone.
NEÜS EB8CHEINT7NOEN 143
jfPropter nimium Est, Est, Est,
Dominus metis mortuus est"'.
Ä marhle slab in the pavement, wom hy the footsteps of pilgrims like myself,
Covers the dominie*s ashes, There is a rüde figure carved upon it^ at whose feet
I ircteed out the eabalistie words, j^Est, Est, Est"". The remainder of the inscrip-
tion was illegihle by the flickering Light of the sexton* s lantem ".
NOBTHEIH. B. SPRBNQBR.
NEUE ERSCHEINUNGEN.
Altmann, W., Studien zu Eberhart Windecke. Berlin, E. Oärtner. 1891.
Vin und 109 8. 2,80 m.
Der Verfasser bringt aus der bisher so gut wie unbeachtet gebliebenen band-
Schrift der Wiener hofbibliothek nr. 2913 neue abschnitte und ergänzungen zu
Windeckes weltchronik bei, die besonders auch für historiker von interesse sind.
Ausserdem wird die ganze handsohriftenfrage vom historischen gesichtspunkte aus
behandelt.
Bernhardt, £., Die fürwörter der anrede im deutschen (du, ihr, er, sie).
Abdruck aus den Jahrbüchern der kgl. akademie gemeinnütziger Wissenschaften zu
Erfurt, neue folge, heft 17. 21 s.
Auf grund der von J. Grimm (Gramm. IV, 297 fgg. Kl. Schriften III, 236
fgg.) gegebenen anregungen hat der Verfasser den Sprachgebrauch in mehreren
älteren und neueren deutschen dichtwerken genauer beobachtet. — Eine recht
interessante studio über dasselbe thema ist früher veröffentlicht von Werner
Hahn im Deutschen montagsblatt (Berlin) vom 26. 11., 3. 12., 10. 12. 1888 und
5. 1. 1889; eine ältere schon von Friedrich Gedike (vorgelesen in der Berliner
akademie der Wissenschaften am 30. Januar 1794, erschienen bei F. Unger).
Kneiper, Philipp, Französische familiennamen in der Pfalz, und franzö-
sisches im Ffälzer volksmund. Zweite verm. aufläge. Kaiseralautem, Aug.
Gotthold. 1891. 84 s.
Larsson, Ludvig, ordfön*ädet i de älsta islänska handskriftema . . . leksikaliskt ock
grammatiskt ordnat. Lund 1891. Phil. Lindstedts universitets-bokhandel. (VI),
VI, 438 SS. 4. Nur in 200 exemplaren gedruckt. 20 kr.
Meyers Idassikerausgaben. Kritisch durchgesehen und erläutert. Leipzig und Wien,
bibliographisches institut.
In dieser empfehlenswerten samlung sind neu erschienen Gellerts dich-
tungen (auswahl in einem bände), bearbeitet von A. Schullerus; Eichendorffs
werke (auswahl in zwei bänden), bearbeitet von R. Dietze; ferner Hauffs werke,
herausgegeben von Max Mendheim (3 bände). Die texte sind korrekt, die einlei-
tungen knapp aber gründlich durchgearbeitet. Der preis von 2 mark für jeden
teil in gutem ganzleinenband ist bei der vorzüglichen ausstattung sehr massig
zu nennen.
Müller- Franenstein, G., Von H. v. Kleist bis zur gräfin M. Ebner-Eschen-
bach. Zehn vortrage über die neueste deutsche litteratur. Mit 10 bildnissen in
holzschnitt. Hannover, L. Ost. 1891. VUI und 382 s. 4,50 m.
Zur orientierenden Übersicht, sowie zum anhält für den lehrvortrag recht
braucl^bar.
144 NAGHBIOHTEK
Norgres indskrifter med de aBldre raner. XJdgivne for det norske historiske kilde-
skriftfond ved Sophus Bngge. Iste hefte. Christiania 1891. A. W. Broggers
bogtrykkeri. 48 s. 4.
Das erste heft dieser hochbedeutenden pablikation, auf die wir in einer aus-
führlichen besprechung zurückkommen werden, behandelt die runeninschriften auf
dem steine von Tune, dem brakteaten von Fredrikstad und der bronzefigur von
Freihus.
Olbrich, Karl,- Goethes spräche und die antike. Leipzig, F. W. v. Bieder-
mann. 1891. 116 s. 2 m.
Der Verfasser bespricht für die Wortstellung namentlich das attributive
adjectivum, für den wortgebrauch die fortlassung des artikels, die prädicative
anfügung ohne als, den comparativ und Superlativ der adjectiva, vei-schiedene
Verwendungen der casus, den gebrauch der participia und die neubildung zusam-
mengesezter adjectiva. Bei einigen gebrauchsweisen kann man zweifehi, ob sie
wirklich durch antikes vorbild veranlasst worden sind; manchmal hätte mit schär-
ferer kritik dasjenige ausgesondert werden können, was selbst durch den Vorgang
Goethes im deutschen nicht üblich geworden ist. Sonst aber ist die arbeit sorg-
fältig ausgeführt und sehr dankenswert.
Schulze, Berthold, Zwei ausgewählte kapitel der lehre von der mhd.
Wortstellung. Mit besonderer rücksicht auf "Wolframs Parzival. Berlin, diss.
1892. (Heinrich und Kemke). 58 s.
Inhalt: 1. Die Stellung verbum — subject im aussagesatze ohne satzeröf-
nende bestimmung. 2. Die negativ -excipieronden sätze. — Der Verfasser macht
sich die sache nicht leicht; er hat nicht nur fleissig gesammelt und gezählt, son-
dern auch seine resultate mit rücksicht auf die früheren erörterungen der hierher
gehörenden fragen gründlich erwogen. Lehrreich ist namentlich die besprechung
der nachsätze mit voranstehendem verbum (s. 40 fg.), sowie der inversion nach
und (s. 44fgg.), die neulich von herrn Job. Pöschol (Grimma, G. Gensei. 1891.
13 s. 4) zum gegenständ einer besonderen abhandlung gemacht worden ist. o. e.
NACHRICHTEN.
Der ausserordentl. professor dr. Konrad Burdach in Halle ist zum Ordinarius
ernant, prof. dr. Oskar Brenner in München als nachfolger Lexers nach Würzbui^
versezt.
Es habilitierten sich für germanische philologie: in Heidelberg dr. Bernhard
Kahle, in Halle dr. Siegmar Schnitze, in Wien dr. Ferdinand Detter.
Gestorben: am 29. Januar 1892 in Strassburg professor dr. Bernhard ten
Brink (geb. 12. jan. 1841); am 15. februar zu Lund der ordentl. professor der nor-
dischen Philologie dr. Theodor Wisen, mitglied der schwedischen akademie (geb.
1835).
Berichtigung.
Bd. XXIV s. 467b vers 9 kafidais] lies kanda'isy s. 482a vers6 v.u. Pvhuri]
lies PVImrt.
Hallo a. S. , Buohdnickoroi iloa Waisenhauses.
ZUE KLAGE.
Unter Lachmanns kriterien für die „unechten" teile der Nibelun-
genlieder nent K. Müllenhoflf („Zur geschichte der Nibelunge not"
s. 3) vornehmlich zwei innere kenzeichen. Das eine sind „wolfeile
beschreibungen von kleidern und ritterfesten" — sicher der beste
beweis für jüngeren Ursprung der betreffenden partie. Das Nibelungen-
lied in den auf uns gekommenen fassungen gehört eben bereits der
„höfischen" periode an; der geschmacksrichtung dieser epoche also
entrichten schon die redaktoren der fassung A, in noch höherem grade
aber die von B und C ihren tribut Ein zweites kriterium innerer art
ist das „müssige anbringen der burgundischen beiden (Dancwart, Ger-
not u. a.) bloss in der absieht, damit sie nicht vergessen werden".
Mit recht bemerkt Müllenhoflf: „Solte aus den liedern ein gedieht wer-
den, so durften nicht einzelne personen lange strecken hindurch dem
blick entschwinden; so brachte man sie an, auch wo sie eigent-
lich nichts zu sagen noch zu tun haben". Auch diese manier der
Überarbeiter und erweiterer steht im zusammenhange mit höfischem
geschmack, mit den gewohnheiten des ritterepos. Die alte heldensage,
einfach in ihren mittein und beschränkt in der anzahl der auftretenden
personen, liess ihre nebenfiguren abtreten, sobald sie nicht mehr
unmittelbar in den gang der ereignisse eingriflfen. Das ritterepos dage-
gen schwelgt in Staffage. Ganze heerlager von beiden, mehr oder
weniger individualisiert, in grösserem oder geringerem zusammenhange
mit der eigentlichen handlung, bringt es auf den Schauplatz; und wo
sich gelegenheit bietet, sorgt es dafür, dass die herren nicht der Ver-
gessenheit anheimfallen, und selten sie weiter nichts tun als beim
nächsten tumiere mit ijostieren und buhurdieren. Im Verhältnis dazu
steht natürlich das Interesse an der person des haupthelden: daher die
fortsetzungen und abschlüsse der unvollendet gebliebenen grossen epen,
des Willehalm, Titurel, Tristan; ein Interesse, das sich überwiege und
sarg des beiden hinaus erstreckt: daher die Zusammenfassung der lie-
der von Hagens Jugend, von Hilde und von Kudrun zu einem ganzen;
daher die geschichte der eitern des holden im Tristan und im Parzival,
ZSETSCHRIFT F. DEUTSCHE FHILOLO&IE. BD. XXV. 10
146 BIKORR
an dessen schlnss der dichter noch einen ausblick auf die geschieh
Lohengrins, des sohnes des Parzival, gibt.
Eine zeit, die einer solchen geschmacksrichtung huldigte, und
der man anfieng auch die alten heldenlieder zum ritterroman umz
giessen, muste in den Nibelungenliedern noch etwas mehr vermiss«
als etwa das widerauftreten Dancwarts oder Rumolts. Wo blieb dei
vor allem nach dem untergange der Burgunden Brünhilt, die do
Hagen zum morde angestiftet hatte und damit der lezte urgrund v<
der Nibelunge not geworden war? Was wurde aus dem reiche d
Burgunden nach dem falle der drei könige? Was aus der witwe d
markgrafen Rüedeger und aus seiner tochter, deren verlebter Giselh
gefallen war? Was endlich aus Dietrich und Hildebrant, den eilende
die nun alle ihre leute verloren haben — was schliesslich auch a
Etzel? Mag uns heute das Nibelungendrama vollendet und in si
abgeschlossen erscheinen —- das publikum an der wende des 12. ui
13. Jahrhunderts konte darüber ganz anderer ansieht sein.
Nun finden in der tat alle jene fragen eine — wenn auch nie
überall befriedigende — beantwortung in jenem gedieh te, das uns
den handschriften als anhang zum Nibelungenliede erhalten ist, n
der benennung (v. 2160): diu klage. Oder vielmehr (genauer au
gedrückt) in einem teile dieses gedichts. Denn dasselbe zerfalt s(
nem Inhalte nach in zwei an umfang ziemlich gleiche abschnitte. D
vordere gibt einleitungsweise (bis 293) in kurzen zügen eine darstt
lung vom untergange der Nibelungen; alsdann werden (294 — 126
die einzelnen hervorragenden beiden der Burgunden, Hunnen ui
AmeluDgen aus ihrem blute weggeschaft und bestattet Bei jede
erhebt sich neue klage der überlebenden. Da wir etwas diesen klag«
entsprechendes in unserer älteren litteratur nicht besitzen, so lass«
wii* es auf sich beruhen, ob dieser teil des gedichts, der beinahe jed
handlung entbehrt, seinem Inhalte nach im geschmacke der alten saj
oder des neueren ritterromans ist, und ob er überhaupt für einen foi
setzer der Nibelungenlieder notwendig war. Der zweite teil, von 12'
an, gibt dafür das gewünschte. Die überlebenden, Etzel, Dietrich, H
debrant, senden boten nach Bechelaren und Worms, an ihrer spitze d<
spilman Swemmelin, der schon das botenamt versah, als er die Bu
gunden zu dem verhängnisvollen feste lud. Man kent ihn daher
Worms bereits (1792). Die rüstungen und streitrosse von Büedeg
und Günther führen sie mit sich. So geht es zunächst über Wie
nach Bechelaren. Gotelint und Dietlint, die bereits infolge von trä
men und der art und weise, wie sie die boten dann herannahen sehe
ZUR KLAGE 147
von bösen ahnungen erfüll sind, will man zuerst, dem geböte Dietrichs
gemäss, mit der lüge abspeisen, Rüedeger sei mit Etzel auf der her-
fahrt begriffen. Allein als Dietlint weiter in die boten dringt, wie
denn Krierahilt den Hagen, wie sie Günther empfangen, ob sie beiden
verziehen, vor allem wo denn ihr bräutigam Giselher bleibe, und man
sie auch jezt noch mit falscher hofnung trösten will — da kann einer
der boten sein schluchzen nicht mehr zurückhalten und nötigt zum
geständnis der Wahrheit. Jedoch lässt Etzel versprechen, dass er für
beide frauen wie ein vater sorgen wolle; auch Dietrich entbietet ihnen
seinen dienst und stelt seine baldige ankunft in aussieht. Von hier
machen sich die boten nach Worms auf den weg. Gotelint kann sie
vor trauer bei ihrem abschiede nicht empfangen (1635), nach wenig
tagen stirbt sie vor gram (2115). Dietlint behält noch so viel besin-
nung, um den verwanten in Worms melden zu lassen, dass sie mit
Giselher verlobt gewesen sei (1640). Beim weiterzuge der boten nach
Worms tauchen nun alle alten bekanten aus dem entsprechenden teile
des Nibelungenliedes, dem zuge der Burgunden von Worms nach Beche-
laren, wider auf: zunächst Pilgerim von Passau, bei dem das gedieht
lange verweilt 1647 fgg.; er ist ja nächster verwanter, froun Voten
swesterkint Der bösen Baiem wird gedacht 1745 fg., die jedoch dies-
mal ganz zahm sind, aus respekt vor Etzel (vgl. ihr verhalten gegen
Werbel und Swemmel Nib. 1369 aus dem gleichen gründe), ja die
boten mit gäbe unterstützen. Else hört, wie es den Burgunden ergan-
gen und freut sich, nunmehr an Hagen und Dancwart für seines bru-
ders (Gelphrat, der name wird nicht genant) tod gerächt zu sein (1753
— 1763). In Worms sodann finden sich (1765 fg.) alle jene personen
vor, die das lied dort zurückgelassen: Brünhilt, der junge könig, Ru-
molt, dem Nib. 1459 Günther weib, kind und reich übergeben hatte —
und der Verfasser verfehlt nicht, auf Rümoltes rät mit nachdruck liin-
zuweisen Kl. 2010, 2029 fgg.: wie es scheint in den damaligen ritter-
lichen kreisen ein beliebtes motiv, das auch Wolfram im Parziv. 420,
26 — 30 verwendet. Auch Sindolt der schenke tritt auf (1872). Nur
Hunolt fehlt, der im liede anfangs immer mit Sindolt zusammen
erscheint und in A mit ihm zusammen (719) zum lezten male genant
wird, während ihn C an dieser stelle nicht erwähnt. Uote erscheint
von ihrem sedelhof bei der von ihr gestifteten abtei ^^ Lorse (1842),
vgl. Nib. 1082, 5 fg. (nur in C). Dort wird sie auch bestattet, als sie
vor gram gestorben ist (1992). Brünhilt hat als anstifterin von Sieg-
frieds ermordung die lezte schuld am ganzen unheil, darf also nicht
straflos ausgehn, wo die andern dem furchtbarsten geschick verfallen
10*
148 BIE6SR
sind. Sie einfach infolge Schmerzes um die gefallenen sterben zu las-
sen, wie Gotelint und XJote, schien dem dichter mit der Brünhilt des
IV. liedes und der brautnacht doch nicht vereinbar, auch war das
motiv verbraucht; daher deutet er ihren ungeheuren seelenschmerz an,
in der selbstanklage, Kl. 1987 — 1991.
Bis hierher reicht, um mich so auszudrücken, der destruktive
teil des gedichts: nunmehr begint der Verfasser wider aufzubauen. Sche-
rer (L. 6.^ s. 124) charakterisiert den eindruck, den der schluss von
der Nibelunge not auf den heutigen leser macht, mit den werten:
„Bliebe uns die hofiiung, dass Dietrichs loos sich mildem werde, dass
noch unter seinem kraftvollen regimente irgendwo das heil erblühen
könte, so hätten wir die empfindung wie am schluss einer Shakespeare-
schen tragödie, wo, nachdem eine generation voll sünde und schuld
dahingeraft ist, nun unter führung eines jungen, reinen beiden ein
neues leben zu beginnen scheint. Aber es ist nicht so. Der dichter
erö&et uns keinen solchen beruhigenden ausblick. Er sagt ausdrück-
lich, dass er nichts mehr zu berichten wisse, als dass man die gefal-
lenen beweinte. Dieser Etzel, dieser Dietrich, dieser Hildebrant, die
an dem grabe des liebsten stehen, was sie besassen, haben keine zukunft".
Wie disharmonisch muste dieser ausgang des ganzen das publikum
berühren, das keinen rechten sinn mehr für die alten heldenlieder in
ihrer grossartigen tragik hatte, das publikum der höfischen ritterromane!
Schon aus diesem gründe verlangt das Nibelungengedicht in jener
weicheren zeit einen anhang, der das gewaltige drama wenigstens durch
frohe ausblicke in die zukunft mildert. Nun ist ja für den haupthel-
den des Nibelungengedichtes, Siegfried, gleichsam schon gesorgt in
jenem gedichte selbst: Nib. 659 fg. wird ihm ein söhnlein geboren,
Günther nach seinem seh wager genant; dieses söhnleins gedenkt der
sterbende sorgend 936; Kriemhilt (1030) befiehlt es der obhut ihres
heimziehenden vaters, den sich der teilnehmende leser auch nach der
katastrophe an Etzels hofe gleichfals noch am leben denken kann.
Für das burgundische haus sorgt unser Verfasser: die hoesten und die
besten (Kl. 1998) versammeln sich auf die nachricht Swemmels hin bei
hofe, und das um seinen rat befragte volk schlägt vor, den jungen
könig (Sivrit II, Nib. 662) zum ritter zu schlagen und ihn U9ider kröne
(]en zu lassen; so werde man nicht mehr ohne voget sein und der
königin ein teil erleschen ir ungefiiegen klage. Schon Pilgerim (Kl.
1725 fgg.) hatte den boten aufgetragen, die Ountheres man an ihre
treue gegen diesen und den jungen könig zu mahnen, den sie m
einem man xielicn sollon. Dann tröstet Sindolt (Kl. 1878) Brünhilt
ZUB KLAGE 149
damit, dass er ihr die aussieht auf krönung ihres sohnes eröfnet End-
Kch dringt Rumolt (Kl. 2039) auf ausführung des beschlusses. So wird
denn zu Worms das fest der krönung gefeiert (2046). Der leser kann
befriedigt abschied nehmen.
Nun zu den Amelungen. Dietrich tritt mit Hildebrant die rück-
kehr in sein reich an, nimt aber seine verlobte Herrat, Hekhen swe-
ster tohter, mit (zweimal im lied erwähnt, Nib. 1321 und 1329, ohne
dass sie dort irgendwie selbständig hervortritt). So braucht der leser
auch an seinem Schicksale nicht zu verzweifeln: dieser Dietrich und
damit auch sein getreuer Hildebrant haben eine Zukunft! — Aber auch
über Dietlints geschick werden wir einigermassen beruhigt. Dietrich
berührt, wie er versprochen, Bechelaren, wo er freilich Gotelint tot
findet Herrat küsst die verwaiste Dietlint, drückt sie an ihre brüst
imd verheisst ihr, so lange Dietrich lebe, solle sie nicht verlassen sein
(Kl. 2120 fgg.) — eine anmutige, echt höfische rührscene! Dietrich
selbst aber schwört ihr 2136: sol ich deheine ivtle leben, ich toil dich
einefn manne geben, der mit dir boive diniu lant. Er befielüt sie ir
vater mannen. Sie erschrickt (2141), dax diu vil gröxe ere (über das
land ihres vaters zU herschen), an si eine was komen. Der dichter
versichert dann noch, dass man ihr alle ihr zukommende ehren habe
zu teil werden lassen, dass niemand ihr etwas zu leide getan, und
dass sie vil gerne des ihr von Dietrich versprochenen gatten gehart
habe. Dass der versprochene gemahl nicht noch wirklich eintrift, und
dass das ganze nicht mit einer hochzeit abschliesst, ist nicht schuld
unseres Verfassers: er hatte eben beim besten willen keinen der hol-
den aus diesem kreise mehr zu vergeben, und für den alten Hildebrant,
der Kriemhilden in unsinne erschlagen, war sie ihm doch zu gut.
Wie viel besser war da der dichter des Schlusses der Kudrun daran:
dem gestattete die zahl der glücklich geretteten, zulezt eine dreifache
hochzeit zu veranstalten! — Am schlechtesten komt der arme Etzel
weg, der überhaupt durchweg mit grosser Ungunst behandelt ist und
wenig mänlich und königlich erscheint (Kl. 415 fg., 425, 510 fg., 1155,
2091 fg.). Allein der ist ja ein beide! Er war zwar fünf jähre lang
Christ, hat sich aber durch seine abgot wider zum abfalle verleiten las-
sen (Kl. 494 fgg.). Über ihn und sein Schicksal sezt sich der höfische
leser noch am ehesten hinweg. Er muss denn 'auch daran verzweifeln,
dass ihn gott von neuem annehmen will: er hat keinen trost als den
tod (496 — 504). Er ist zulezt von allen verlassen, niemand kümmert
sich um ihn (2100), er ist nicht tot und nicht lebend, swebt in einem
ttmlm (2098). Der dichter weiss nichts von seinem Schicksale, nach
150 B1£6£B
abzug der Araelunge (2101 fg.), wie er ja auch in der sage hiemach
völlig spurlos verschwindet
Verdankt aber die Klage oder doch der von uns betrachtete teil
derselben seine entstehung dem höfischen geschmack, den der abschluss
der Mbelungentragödie nicht befriedigte, so muss sich zeigen, wie auch
im einzelnen die ganze behandlung der aus der Nibelungensage über-
nommenen personen demselben rechnung trägt. Bei weitem im Vor-
dergründe des Interesses steht für den höveschen man natürlich das
weih Kriemhilt. Mit ihr beschäftigt sich unser dichter ganz beson-
ders angelegentlich und oft. Man denke sich die Kriemhilt, die den
eigenen söhn mit Überlegung und absieht ihi*er räche opfert (wenigstens
in der fassung von AB str. 1849), die ihre am morde des gatten
unschuldigen brüder Gemot und Giselher mit ins verderben stürzt, mit
dem blutigen haupte ihres bruders Günther vor Hagen tritt, diesen
selbst schliesslich enthauptet, vor dem forum jener ritter und damen!
Ihre handlungsweise also bedarf in jeder hinsieht der erklärung, recht-
fertigung und, wo es angeht, milderung. Was das lezte betritt, so
lässt unser gedieht 1968 Kriemhilt Hagen nicht eigenhändig das haupt
abschlagen, nur den befehl zu seiner und Günthers abschlachtung
geben, während allerdings 367 und 374 mit der fassung des Nibelun-
genliedes stimmen. Freilich hält es an der lezten stelle der Verfasser
für nötig, gegenüber seinem publikum, das die tötung des grimmen
Hagen durch weibeshand für lüge halte, sehr energisch die Wahrheit
des geschehenen zu betonen! Davon, dass sie Ortlieb opfert, erwähnt
unser dichter nichts, wie ja auch die fassung C des liedes diesen
besonders grauenhaften zug der älteren dichtung beseitigt hat. Sehr
warm ist seine Verteidigung Kriemhilts. Vor allem ist es ihm natür-
lich um ihr Seelenheil zu tun. 279 fgg. wendet er sich deshalb gegen
die, welche meinen:
— daz si der helle sivaere
habe von soUien schulden,
daz si gein gotes hutden
getvarben hab so verre,
daz got unser herre
ir sele niht emvolte —
eine stelle, die ja ausdrücklich den eindruck bezeugt, welchen die
Kriemhilt des Nibelungenliedes auf das damalige publikum machen
muste. Der dichter weist jene ansieht scharf zurück: man solle nicht
lieblos über andere urteilen, niemand sich so von sünde frei dünken,
ZUR KLAGE 151
dass er der gnade gottes nicht bedürfe; die sei aber Kriemhilt sicher
zu teil geworden, da sie ja mit dem tode gebüsst und alles, was sie
getan, nur aus triuwe getan habe. Denn ihr verrat an den Burgun-
den ist eben nur scheinbar untriuwe: sie ist kein mann, der sofortige
appell ans schwort ist ihr versagt, 64 fgg.:
sine haete mit ir henden
ob si möhte sin ein vian,
ir scheiden, als ich mich verstdn,
errochen manege stunde,
geschehen ex niene künde:
tvan si haete vrowen lip.
Jene tnuwe als einziges motiv behandeln auch 69 — 79:
ivan ex ir rechen gexam,
des ensol si nieman schelten und
stver dax maere merlcen kan,
der sagt unschuldic gar ir lij),
wa7i dax dax inl edel tvip
taete nach ir triuwe
ir räche in gröxe?^ riuwe.
Wer solte, fügt der dichter hinzu (70 fgg.)? künftighin noch den mut
haben, eine tat der treue zu volbringen, wenn man es den entgelten
lasse, der rehter triwen künde phlegen? Ja unser dichter lässt sogar
Etzeln selbst eben diese „treue'', durch die er alles verloren hat, noch
preisen 415 fgg.:
het ich die ganxen triuwe
an ir werden Übe erkant,
ich het mit ir elliu lant
gerümet e ich si het verlorn,
getriuwer tvip wart nie gebarn
von deheiner ymioter mere.
Man beachte, wie diese gattentreue in den lezten liedern der Nibelun-
gen in den hintergrund tritt, und Kriemhilt immer nur als die välen-
iinne erscheint. Daher denn ihr tod durch Hildebrant, den wir am
Schlüsse des XX. liedes fast wie eine woltat, eine notwendige sühne
empfinden, hier scharf verurteilt wird, 366:
di mit unsin7ie het erslagen Hiltebrant; 375 fgg.: dar umbe vlos
och si den Itp von Hildebrant dne not man klagt der küni-
ginne tot deiswär von alle?n rehte, riter unde knehte die tätenx
pilliche.
152 fiIE6£R
399 klagt Hildebrant selbst um sie. Dem Zugeständnis 652 fg. tief
diu kimigin daz eine län, daz si Bloedelinen usw. — so enwdere ex
aUez niht getan folgen 657 die worte ez was also gebrouwen von des
iievels schulden, um Kriemhilt zu entlasten! 954 fg. muss ganz
algemein (ähnlich wie 65 fg. die physische schwäche des weibes) weib-
liche kurzsichtigkeit, Unzulänglichkeit weiblichen Verstandes, infolge
dessen es ihr nicht gelungen sei, ihre räche so einzurichten, dass
ihre brüder, vor allem Gernot und Giselher verschont blieben, als eine
art von entschuldigung herhalten. Ganz ähnlich 130 fgg.:
diu enhet sin also niht gedäht
si het ez gerne da zuo bräht,
do siz brüefen began,
daz niwan der eine inan
den Itp haete verlorn.
Also sie hätte, als sie ihren racheplan auszuführen begann, nicht
gedacht, dass es soweit kommen würde. Und ganz fatalistisch heisst
es kurz vorher, aber in demselben sinne, 119 — 123:
stvie gern in (Hagen) het gescheiden dan
Krimhilt diu künigtn,
des enkunde niht gesin:
dö lie siz als ez mähte,
wan ez niht anders tohte.
Kriemhilts guter wille, das wird immer betont, war vorhanden, aber
es muste eben so kommen! Sehr bezeichnend ist auch 144: da wird
hervorgehoben, dass das ganze unheil hätte leicht verhütet werden
können, wenn jemand Etzeln davon mitteilung gemacht hätte, dass in
so vtent waere Krimhilt ir swester (vgl. 473):
die von Burgonde lant
liezenz durh ir ilbermuot:
dö het och Kriemhilt wol behuot
mit listecltchem sinne,
daz ers niht wart inne.
Also, wenn die Burgunden, die bedrohten, Etzeln keine mitteilung
von den ihnen bekanten absiebten der Schwester machten, so war dies
von ihr erst recht nicht zu verlangen. Einzig ihr Übermut brachte
jene ins unglück. Der dichter, wie man sieht, quält sich förmlich ab,
entlastende momente für Kriemhilt zu finden! Bedenklich viel wird
freilich dem urteile des lesers zugemutet, wenn Kriemhilt 405 gerühmt
wird, dass sie ie unvalschiu wort hete bt ir Übe,
ZÜB KLA6E 153
Alles Unheils Ursache wird dagegen zusammengehäuft auf das
haupt Hagens, der es fertig gebracht hat, Eriemhilt zu allen zeiten
Schmach und schände ohne zwingenden grund zu bereiten (Kl. 2019
%.) — derselben Kriemhilt, die noch im tode Dietrich durch ihre Schön-
heit zur bewunderung fortreisst (Kl. 386 fg.: wir sehen wie der dichter
bestrebt ist, auch hierdurch ihr die Sympathie seiner höfischen leser zu
gewinnen!) Auch Rumolt meint 2022: dar umbe ichz ir niht mixen
teil Wenn 625 fg. der alte Hildebrant beim anblicke von Hagens
leiche in die worte ausbricht:
nu seht wä der välant
ligt, der ex allex riet
dax manx mit guote niht etischiet,
dax ist von Hagen schulden.
xe mtner frowen hulden
möhten si wol stn komen,
so klingt das fast wie bewuste replik auf die worte Hagens zu Kriem-
hilt, Nib. 2307, 3 fgg.:
du hast ex nach dinem toillen xe einem ende bräht,
und ist och rehte ergangen als ich mir hMe gedaht usw.
den schatx weix nu nieman wan got unde min:
der sol dich vdlentinne immer gar verholn sin/
Kl. 648 fg. wird dem Hagen geßuochet sere von den leuten, die seine
leiche gewahren. Ebenso flucht ihm bischof Pilgerim 1710:
dax in sin muoter ie getruoc,
dax milexe got sin geJdeity
dax sus lange wemdex leit
und also grimmiu 'trmere
und och so vil der swaere
von im ist erstanden
so vMen in den landen.
Wenn aber über den tod Hagens sogar die als roh und gewalt-
tätig verschrieenen Baiern sich freuen, 1761, weil er künde striis
nie werden sat, so führt uns dies zu einem dem bisher besprochenen
verwanten, durch den höfischen geschmack hervorgerufenen momente,
der degeneration der alten recken als solcher. Wir finden —
worauf W. Scherer hingewiesen hat — diese erscheinung schon inner-
halb der Nibelungenlieder. Der kecke, tolkühne, mit der türe ins haus
fallende Siegfried des ersten Uedes (Nib. 56. 59, 106 — 109, 121, 124)
wird im dritten glatt, höflich, ein sentimentaler schäfer (Nib. 284 fg.,
154 BUGEB
290 fgg., 319), der sich nicht einmal mehr zutraut, die liebe eines
mädchens zu erringen; Günther, an dem im ersten liede „jeder zoll
ein könig" war, verialt im zweiten liede infolge der kri^erklärung
der Sachsen und Dänen förmlich in melancholie (Nib. 146, 152, 154,
157, 4). In unsrem gedichte ist es Etzel, der, wie schon angedeutet,
zu einer ganz würdelosen rolle degradiert wird, während er im liede
zwar gutmütig, aber doch würdig und königlich erscheint (vgl. z. b.
Nib. 1833 '— aber er ist dann unversöhnlich 2026, 3 fgg.; 2032;
2074, 4). Hier ist sein gebahren weibisch; das sagt ihm Dietrich ins
gesiebt Kl. 509 fgg.
ach öwe dirre niaere,
gefreischt man diu m dax latit,
daz ir mit mutender haut
stet als eifi bloede wip,
. diu ir xuht und ir Itp
nach friunden sere hat gesent
In Ohnmacht fält er dreimal: 425, wo ihn Dietrich ebenfals darum
tadelt, 1154 und 2092. 317 fgg. wird die art seines wüefens als lasier
für ihn bezeichnet, wofür er aber kein gefühl mehr habe, weil er den
si7i vefTwandelt Wenn er 415 fgg. die ihm so verhängnisvoll gewor-
dene treue Kriemhilts gegen den ersten gatten pmst, wird ihm schon
einiges zugemutet. Die werte dort: ich het mit ir eUiu laut gerümt
e ich si het verlorn in seinem munde heben Kriemhilt auf seine Unko-
sten; des herschers eines so grossen reiches, als der Etzel zu denken
ist, sind sie wenig würdig. Noch sei bei dieser gelegenheit den sehr
interessanten versen, Kl. 479 — 504, enthaltend Etzels selbstanklage,
eine betrachtung gegönt. Er gesteht, dass seine heidengötter ihm nichts
geholfen, dagegen ihn der christengott gestraft habe, weil er, der
fünf jähre christ gewesen, wider abgefallen sei. Jezt werde ihn gott,
wenn er sich abermals bekehren wolle, gar nicht wider annehmen.
Dieses motiv der vemoijierung Etzels findet sich nun auch in der fas-
sung C des liedes: Rüedeger, als werber für Etzel bei Kriemhilt, weist
deren bedenken, einem beiden sich zu vermählen, vornehmlich damit
zurück, dass er bereits christ gewesen sei, jedoch wider abgefallen;
würde Kriemhilt sein weib, so mühte stn noch werden rät (Z. 192, 3).
Wir sehen , die aus diesem motiv gezogenen folgerungen sind dort ganz
verschieden, ebenso seine Verwendung. Wir bemerkten oben, dass
diese epoche mit ihren gemilderten sitten, ihren weicheren empfindon-
gen, kein rechtes Verständnis mehr haben konte für die grossartige
tragik der alten heldensage. Das über ganze geschlechter herein-
ZUB KJAGE 155
brechende unheil erschien ihr zu ungeheuer, der Untergang dieser hei-
den zu furchtbar; sie fragte sich: wo sind die diesem Verhängnis ent-
sprechenden Verschuldungen?! Etzel, der, in der deutschen sage kei-
neswegs als „geissei der Völker" erscheinend, bruder, weib, kind und
die besten seiner mannen verliert, stelt also dem höfischen Verfasser
nicht das leichteste problem — selbstredend nur dem duldsamen. Dass
aber der unsere nicht zu den religiös unduldsamsten gehört, das zeigt
neben der naiven bemerkung 437 fgg.: stvie si wären heiden, och
2vas xerbarmen umbe sie, der umstand, dass man 1170 %. auch Bloe-
delin christlich begräbt, für seine seele betet und Dietrich als es iriu-
wen iohte pfafiFen herbeiholt den heiden, der och die gexam. Dazu
1089 fg. Wer so denkt, der kann sich nicht damit zufrieden geben,
dass gottes Strafgericht einfach deshalb über Etzel hereinbricht, weil er
eben beide ist. Etwas anderes freilich ist es, wenn dieser, der so vil
der recken in kristenlicher e bei sich hat, selbst fünf ganze jähre Christ
war, dann aber got betrouc — gleichviel, ob unser dichter dies motiv
erfunden hat oder ob er es aus C, wo es ganz anders verwendet ist,
herübemahm.
\ Für die Burgunden dagegen ist die alte Verschuldung, Siegfrieds
ermordung, schon durch die sage gegeben; sie braucht nur immer ins
gehörige licht gerückt zu werden. Und das unterlässt unser dichter
bei keiner gelegenheit. So heisst es Kl. 98/99 ich waeti si alter sünde
engulten, und nicht mere — lezterer zusatz, wenn er nicht blos den
vers hat füllen sollen, sieht gerade aus wie eine ab wehr derer, die
das geschick der Burgunden etwa zu hart finden könten; 113/14 do
mtwse in misselingen von einen alten schulden; 635 fg. Hildebrant in
den mund gelegt:
ich enkan mihs a?iders niht versten,
wan dax die helde üxerkorn
den freislichen gotes xom
nu lange her verdienet hdn.
Auch meister Hildebrant wird schwach und ohnmächtig: Kl.
1044 fgg. soll er Rüedegers leiche aus dem blute heben; doch sie ist
ihm zu schwer, die ihm von Hagen geschlagene wunde bricht wider
auf, und er sinkt über der leicho zusammen. Etzel selbst begiesst ihn
mit Wasser — ganz wie es sonst den weibern geschieht, die ja fast alle
ihre Ohnmacht durchmachen. Gut, dass sich der alte held wenigstens
später seiner schwäche schämt, 1059!
Recht charakteristisch sind die verse Kl. 695 fgg. über Volker.
Unser dichter besorgt, die leser könten bei dem küenen spilman etwa
«/'
156 6IEQEB
an einen „fahrenden" ihrer zeit denken. Daher die ausdrückliche Ver-
sicherung, Volker sei aus freiem geschlechte und habe schönen frauen
ritterlich gedient
Wir wiesen schon darauf hin, wie Kl. 144 fg. die Burgunden
gleichsam selbst für ihr geschick verantwortlich gemacht werden, weil
sie durch ir übermuot Etzeln nichts vom zorne Kriemhilts gegen sie
verrieten. Derselbe gedanke begegnet uns auch Nib. 1803. Der unter-
schied zwischen dieser und jener stelle liegt in der art und weise,
wie im liede dies motiv so ganz beiläufig eingeflochten wird, nur um
zu zeigen, wie bei einem haar der grimme unde starke hass Kriem-
hilts doch nicht zum ziele gekommen wäre, gegenüber der rolle, die
es in der klage spielt. Der dichter wird nicht müde es immer wider
aufzutischen:
Kl. 456 dax si dax verdagieri mich,
dax kom von ir übermiiot
472 dwe dax nieman mir verjehen
wolde der rehten muere,
dax in so vient waere
Krtmhilt ir swester!
558 jd waerex anders mir geseiL
ir tot und min arbeit
het ich wol understän,
628 (Worte Hüdebrants):
ja het wir vemomen
harte wol diu muere,
vnr heten iwer swaere
vil wol understanden.
607 tvaer ex mir e kunt getan,
si müesen aUe stn genesen,
Dass dieses schweigen als falscher stolz gleichsam den Burgunden zum
Vorwurf gemacht wird, kenzeichnet die auffassimg unseres gedichtes:
die recken hätten also von vornherein bei Etzel gewissermassen um
schütz gegen die Schwester bitten sollen?!
Bezeichnend für höfische auffassung ist die stelle Kl. 796 %g.
Dass schoene meide unde wip die toten, die doch den Unten reihte
ungenaeme sind (1137), ihrer blutigen rüstung entkleiden müssen, weil
es an männern fehlt, steigert noch das jammervolle der läge. 800 hält
der Verfasser es für angezeigt, sich ausdrücklich auf seine quelle zu
berufen, damit man ihm glaube. 803 fg. weint Etzel am allermeisten
ZUR KLAGE 157
gerade darüber. Und als er dann gesunder manne vil (806) herbei-
kommen sieht, raft er, der sonst nichts kann als jammern, sich um
der tvip willen zu einem anfall von zorn auf, 808:
weit ir des haben ere,
daz wtp mit töten umbe gdnt usw.
Noch sei der etwas sentimentalen scene Kl. 1428 fgg. gedacht.
Rüedegers ross, sonst gewohnt sich mit dem zäume loszureissen und
zurückzulaufen sobald es seinen herrn vermisst, lässt sich jezt gedul-
dig von den knappen führen, nur von zeit zu zeit sich umsehend: es
weiss eben, dass sein herr tot ist! Das erinnert fast an Iweins gefühl-
vollen löwen.
Unsere aufifassimg von der entstehung der Klage oder vielmehr
ihres zweiten, eine wirkliche handlung darstellenden teiles steht nun
allerdings im Widerspruch mit derjenigen des auch um unser gedieht
verdientesten forschers, K. Lachmanns. Sein urteil lautet (Zur Klage
s. 287): „Das gedieht von den Nibelungen hat augenscheinlich in der
Klage nicht fortgesezt werden sollen, obgleich sie die handschriften
derselben beifügen. Ja, der dichter hat es nicht einmal gekant: wann
und wie Etzeln gaste in Heunenland gekommen (sagt er 85), wisse
er nicht, sondern nur dass herren und mann gar freudig von über
Rhein gefahren seien. Kleine Widersprüche und auslassungen würden
so viel nicht beweisen: aber hier sagt er ausdrücklich, von einem
bedeutenden teile der sage sei ihm nichts bekant". Allein wir sahen
oben, dass der Verfasser der Klage seine boten nach Worms ganz den-
selben weg nehmen lässt, den die Burgunden im liede in umgekehrter
richtung einschlagen. Um den aufenthalt bei Pilgerim beiseite zu las-
sen, da Lachmann diesen erst bei Vereinigung von Klage und Nibe-
lungen in diese lezteren hineingetragen sein lässt: wenn die boten
durch Baiem und Schwaben ziehen (Klage 1745 fgg. — Nib. 1433 usw.);
wenn es heisst, wer in in Beiern widerreit, von den wart in niht
getan, also nach dem ganzen zusammenhange der stelle mit beziehung
darauf, dass die Burgunden damals von den Baiem angegriffen wor-
den sind; wenn Elses und seines von Hagen und Dancwart erschlage-
nen bruders erwähnung geschieht — so wird damit doch Kl. 85 wert-
los gemacht Wir werden auf diesen Widerspruch noch zurückkommen.
Ob der Verfasser gerade eine der uns erhaltenen fassungen des liedes
gekant und benuzt hat, und welche von ihnen dies gewesen ist; ob
und wieweit in eine derselben widerum motive der Klage verarbeitet
worden sind — das alles bleibe dahingestelt. Nur auf eines sei es
158 BIE6RR
erlaubt aufmerksam zu machen. Es gibt mehrere wörtliche Überein-
stimmungen zwischen stellen der Nib. und der Klage; man vergleiche:
Nib. 1010, 1 ein jaemerlichez scheiden wart dö da getan
mit Kl. 1213 ex was ein grimmez scheiden von kristen und von
heiden;
ebenso Nib. 1369, 2 ir silbe?' unt geivant dax ennam in nieman:
man vorhte ir herren xom
mit Kl. 1745 swer in in Beiren imderreit, vo7i den wart in niht
getan (dax muost man durch ir herren län) ;
Nib. 1417, 4 durch dax er videlen honde, was er de^' spilman genant
mit Kl. 695 durch dax er videlen kiinde, dax volk in xe aUer stunde
hiex einen spilman;
Nib. 1772, 2 küener videlaere wart noch nie dehein
mit KI. 672 küener helt xen handen videlns nie mer began;
Nib. 1803 mit Kl. 456 und 472 (s. oben);
Nib. 2015, 2 fg. dax bluot allenthalben durch diu löcher vlöx und
da. xe den rigelsteinen von den töten man
mit Kl. 819 dax bluot allenthalben vlöjs durch diu rigeUoch hetmider;
Nib. 2139, 4 vater aller tutende lac an Rüedegere tot
mit Kl. 1066 dd truog man Rüedegere, vater aller lügende;
Nib. 2260, 4 ow^ dax vor leide yiieman wol sterben m^ac
mit Kl. 1033 öwe dax nieman sterben mac unx im kumt stn lester tac
(beidemal werte im munde des verzweifelnden Dietrich!) — Nun ist
die frage, ob in diesen stellen, die meist dem lezten drittel der Nibelun-
gen angehören, da es ja eben die Klage mit dem untergange der Bur-
gunden zu tun hat, jeder mit Müllenhoff (Z6NN. s. 79) nur formein
und ausdrücke sieht, wie sie in aller epischen poesie feststehn und
sich selbst in liedern aus ganz verschiedenen gegenden widerholen.
Wir haben, als wir die entstehung imseres gedichtes nachzuweisen
suchten, nur die handlung im zweiten teile desselben in betracht gezo-
gen; für den ersten Hessen wir die sache imentschieden. Wir wollen
jezt soweit gehen, zu sagen: wer dem Nibelungenliede in dem von uns
gekenzeichneten sinne fortsetzung und abschluss geben wolte, der
konte zwar passend die aufhebung der toten und die klage der hinter-
bliebenen mit berichten; aber er hätte dieses aller handlung bare
moment schwerlich zu solcher länge ausgesponnen. Dazu stiessen wir
bereits auf Widersprüche im einzelnen zwischen beiden teilen des ge-
dichts. Im vordem wird ausdrücklich die ermordung Hagens durch
Kriemhilts eigene band hervorgehoben, Kl. 367 — 374, aber 1968 fg.
heisst es den recken loblfehen hiex st beiden nemen den Itp, Auf den
ZTTTt KLAGE 159
Widerspruch zwischen v. 85 und der darstellung der botenreise 1745 —
1763, durch die der Verfasser beweist, dass er vom zuge der Burgun-
den nach Etzels hofe recht wol weiss, machten wir eben aufmerksam.
Lachmann („Zur Klage" s. 288) nent noch 246 und 961, wo Gemot
schuldig, 1705 wo er unschuldig sei; auf den saalbrand, der 294 und
854 erwähnt, sei später keine rücksicht genommen; Irincs tod (209,
540, 1186) fehlt in des spielmanns erzählung 1925. Dass der vordere
teil des gedichts als steril und langweilig bezeichnet werden muss,
während der hintere entschieden anmutige scenen bietet (Lachm. a. a. o.
8. 289), könte man der Verschiedenheit des inhalts zuschreiben, beweist
an sich nichts, gewint aber an bedeutung im verein mit andern beweis-
momenten.
Wie steht es nun mit der Verknüpfung der beiden teile? Liest
man von 1247. an, wie Dietrich und Hildebrant beschliessen, mit Her-
rat Etzel zu verlassen, wie dann die wafiFen und rüstungen aufgesam-
melt und aufgehoben werden, so hat man mit 1273, 1 den eindruck,
dass doch hier eigentlich die sache zu ende sei, und ist, wenn man
den Inhalt des ganzen nicht schon vorher kent, höchst neugierig, was
denn nun noch kommen solle! Nun geben Dietrich und Hildebrant im
folgenden (1273, 2 fgg.) Etzeln den rat, jene waffen den waisen der
gefallenen zuzusenden. Woher diese plötzliche Sinnesänderung, nach-
dem soeben beide geraten haben, die wafiFen zu behalten und aufzu-
bewahren, und nachdem Dietrich beim anblick der herrenlos daliegen-
den wafiFen 12Ö3 geäussert hat, die emoixxen wir wem nu geben?
Warum komt ihm jener gute gedanke nicht gleich hier? Dazu tritt
doch die Zusendung der wafiFen, durch die Etzel die jungen (1279)
sich geneigt machen soll, im folgenden überall recht sehr in den hin-
tergrund. Von einer eigentlichen Übergabe der wafiFen ist nirgends die
rede, nirgends findet sich eine hervorhebung oder erwähnung dessen,
dass Etzel es sei, der ross und wehr als geschenk sende, vgl. 1468 fg.,
1613—1769 fg., 1776, 1792: hauptsache ist überall die botschaft.
Denken wir uns, der vordere teil, die eigentliche „Klage", habe, ein
selbständiges poem, mit dem entschlusse der Amelunge abzuziehen und
mit der aufsamlung der wafiFen geendet, so gehörte für den fortsetzer
nicht alzugrosse erfindungsgabe dazu, an diese wafiFen seine botschaften
so anzuknüpfen, dass die Zusendung derselben an die hinterbliebenen
als veranlassung für die botschaft hingestelt wird. So liess er den
schluss seines Originals unangetastet — wie er den anfang unangetastet
gelassen hat Denn wenn es v. 10 fgg. heisst:
160 BIBGEB
des en kundez niht beliben,
ex enst och da von bekant,
tüie die von Burgonde Umt
bt ir xttn und bt ir tagen
mit eren heten sich betragen,
so können diese lezten drei zeilen doch unmöglich auf den inhalt des
ganzen gedichtes oder auch nur des ganzen vorderen teiles gehen, son-
dern nur auf 13 — 293. Der sinn der stelle kann dann wol nur der
sein, dass unser zweiter Verfasser sich gleichsam entschuldigt, dass er
noch einmal den inhalt der Nibelunge n6t, den er sonst mehrmals als
bekant voraussezt (24, 800, 2011), gebe; allein sein original, das buoch
des tihtaere verlange es so. — Ein zweites moment komt bei jener
stelle hinzu: der 1250 gefasste plan der Amelunge, heimzuziehen, mit
Herrat, komt erst 2076 fgg., ganz am Schlüsse des ganzen, zur aus-
führ ung. Ist unser gedieht ein einheitliches werk, so versteht man
nicht, was dieser verschlag doii; soll, vor absend ung der boten, deren
rückkehr abgewartet werden muss. Anders, wenn 2056 fgg. dem fort-
setzer von 1250 fgg. angehört
Wenn nun am Schlüsse erzählt wird, der bischof Pilgerim von
Passau (der zweifelsohne schon 22/23 gemeint ist), habe üx liebe der
nefen sin das maere lateinisch abfassen lassen (vgl. auch 1730 — 1741
und 2050 fg.), so liegt doch an sich kein grund vor, diese angäbe völ-
lig in den wind zu schlagen. Warum soll nicht in dieser notiz Wahr-
heit und dichtung sich mischen, und soviel wahr sein, dass das latei-
nische original am hofe Pilgerims, ende des 10. Jahrhunderts, entstanden
ist? War es eine prosaniederschrift, wie man nach 2148 und 2156
denken könte — oder hat vielleicht ein geistlicher am bischöflichen
hofe, ein gewanter versificator, eine lateinische elegie „de caede Nibe-
lungorum" verfasst, deren hauptinhalt die querellae bildeten? Daneben
erscheint als quelle das buoch eines tihtaere (9 fg.; desgl. 285, 1 des
buoches meister und 800 der meister)^ jedesfals die direkte vorläge
unseres Verfassers, wie man vermutet hat eine der vielen Kl. 2157/58
bezeugten deutschen um- und nachdichtungen. Das lateinische werk
aber sowol wie das buoch wird von unserer klage ganz algemein als
quelle für disiu mae?'e genant; 2151 gibt sie den inhalt ihrer quelle
an mit den Worten: tvie ex sich huob usw. unde wie si alle gelägen
tot, ähnlich 1732 %g. Nicht an einer einzigen stelle bezieht sich der
dichter für den inhalt des zweiten teiles auf eine quelle, was er doch
sonst so liebt (vgl. 9, 22, 148, 285, 800, 1099) — weder auf den
tihtaere noch auf Pilgerim. 2072 ah man uns gesagt Mt und 2043
ZUR KLAGE 161
a& vrir diu Hute hoeren sagen sind doch zu algemein fonnelhaft, um
ernstlich in betracht zu kommen; in lezterer stelle könte man, will
man ihr gewicht beilegen, eher die bezeugung einer dritten, münd-
lichen quelle sehen.
Allein, wenn wir nicht ganz im irtum sind, verrät sich unser
Verfasser im anfange des gedichtes selbst als zudichter. V. 5 sagt er:
het ich nu die sinne,
dax six gar xe minne
hasten die ex erfunden!
nun, die jammervolle geschichte seinem publikum so gut es geht zu
Ueben, bemüht er sich eben durch den zweiten teil, seine zudichtung,
den befriedigenden abschluss! Daher auch v. 7 die bitte, sich zu gedul-
den und die rede fürehax zu hören.
Was nun den schon erwähnten Widerspruch zwischen 85 und
1745 fgg. betrift, so weiss freilich der ältere teil der Klage nichts von
jenem teile der Nibelungen, wol aber der fortsetzer. Er hätte vielleicht
ohne Schwierigkeit die werte seines Originals 86, jdne weix ich 7iiht
der niaere abändern können etwa in iu sint wol kunt diu maere —
jedoch er übersah diesen Widerspruch, wie so manchen andern.
Nun konstatiert allerdings Lachmann (Zui- Klage 287 fg.) auch
innerhalb unseres zweiten teiles Widersprüche, die auf verschiedene in
demselben verarbeitete recensionen hinweisen sollen. Dagegen sei fol-
gendes angeführt. Wäi'e mit frotve 1633 wirklich Gotelint gemeint,
so ist doch dann der Widerspruch in direkt aufeinander folgenden
versen so schreiend, dass ihn selbst ein ganz mechanisch arbeitender
redaktor nicbt übersehen konte. Beispiele für derartige „vei-sehen"
dürfte man anderwärts vergebens suchen! Nein, die werte 1634 der
marcgrävinne riehen sind gerade des gegensatzes wegen hinzugesezt:
sie sollen motivieren, warum die tochter für die boten sorgt, nicht,
wie es sich gehörte, die gattin des fürsten selbst (man setze also hin-
ter güetlichen :). Als frowe ist Dietlint auch 1523 bezeichnet.
Ähnlich steht es mit 1398 fgg. Die boten bringen es bei Isalde
in Wien trotz Dietrichs befehl nicht fertig, die masre xu kein, wie
sie sich ja schliesslich auch vor Gotelint und den Baiem verraten:
an den boten six ervant 1381, das ganze gebahren derselben muste ihr
bald das geschehene verraten. Was die Wiener wissen, das kann man
auch dem landvolk dieser gegend nicht geheim halten; so komt man
bis Treisenmüre: von hier bis Becheläron zwingt man sich wider zu
strengstem schweigen, damit nicht etwa Rüedegers angehörige, betreff
deren die boten ganz besonderen auftrag haben, sie über den sach-
ZDTSGHBIFT F. DEÜTSOHB PHILOLOGIB. BD. XXV. 11
162 BDSGBR, ZUR KLAGE
verhalt zu täuschen, schon vor ihrer ankunft künde erhalten. Was
der Verfasser will, drückt er vielleicht hier wie dort nicht besonders
geschickt aus; aber er ist eben kein künsÜer, das zeigt jede seite.
Freilich auch nicht der stümper, für den man ihn wol bei weniger
eingehender betrachtung seines opus halten möchte. Denn gerade
dadurch, dass Dietrich befiehlt, die Wahrheit zu heln und dass dies
nachher bei der grosse des Jammers für die boten nicht durchführbar
ist, hat der Verfasser gewisse dramatische efiPekte zu erzielen versucht
Und zweifellos ist ihm das gelungen in der scene Kl. 1473 — 1555:
über Rüedeger selbst gelingt es den boten zunächst die frauen zu
beruhigen, indem sie zugleich, dem kern der sache geschickt auswei-
chend, dieselben schon hier der freundschaft Etzels und Dietrichs ver-
sichern — da fragt Dietiint nach einzelheiten, nach dem empfang der
Burgunden durch Kriemhilt, zulezt nach ihrem bräutigam: einer der
boten kann nicht mehr an sich halten und weint — jezt ahnt Dietiint die
ganze grosse des unheils: si und min vater sint waetlich tot — bei
diesen werten bricht nunmehr einem der boten dax schrien mit dem
bhcote aus dem munde — hierauf die lezte dringende frage der Gote-
lint, tme schiedet ir von minem man? und der böte muss die volle Wahr-
heit enthüllen! Niemand wird dieser scene eine gewisse dramatische
Spannung und dramatische Steigerung absprechen. Dass in dem dop-
pelten auftrage, ross und rüstung zu überbringen und gleichzeitig den
tod der besitzer zu verheimlichen, eigentlich ein Widerspruch liegt, das
entgieng dem dichter. Die ganze waffensendung ist ihm eben, wie
wir sahen, völlig nebensache, sie ist nur äusserlich die brücke, die
vom vorderen, älteren teile herüberleitet
Fassen wir zum schluss nochmals zusammen, was sich zur gesamt-
beurteilung der klage ergeben hat, so dürfte dies das folgende sein.
Unsere „Klage" geht in ihrem vorderen teile, als dem grundstock des
ganzen, zurück auf ein lateinisches werk vom ende des 10. Jahrhun-
derts. Dieses, oder eine deutsche umdichtung desselben, wird gegen
ende des 12. Jahrhunderts, zur zeit der aufblühenden ritterlichen dich-
tung, im höfischen geschmacke fortgesezt, in der absieht, dass das
ganze nunmehr eine fortsetzung und einer einigermassen befriedigenden
abschluss des Nibelungenliedes bilden soll. Der höfische dichter, der
jenes alte gedieht „Klage" findet, wird vielleicht gerade erst durch
dasselbe zur fortsetzung der „ Nibelungensage " angeregt Jedenfals
kamen ihm diese totenbestattungen und -klagen gerade recht: sein
höfischer leser muss doch, bevor er die weiteren Schicksale der über-
BÖQBIOHT, BBBIOHT ÜBKR UNS JIRÜSALKMTAHBT 163
lebenden erfahrt, genau wissen, wie man die toten begrub! Bei der
fortsetzung wurde natürlich auch jener vordere teil einer Überarbeitung
in demselben sinne unterzogen (die vielleicht zum teil schon der deut-
sche umdichter, des buoches meister, besorgt hatte), jedoch nicht sorg-
faltig genug, als dass nicht einzelne Widersprüche zwischen dem vor-
deren und dem hinteren teile unbeseitigt geblieben wären.
CHEMNITZ, IM JANUAR 1892. J. BIEOBB.
ZWEI BEEICHTE ÜBEE EINE JEEUSALEMFAHET (1521).
Nachdem wir bereits in dieser Zeitschrift XXIfT, 26 auf einen
eigentümlichen zweig der deutschen litteratur „die pilgerschriften" kurz
hingewiesen und die gereimte darstellung einer Jerusalemfahrt veröffent-
licht haben, legen wir jezt zwei ebenfals bisher unbekante ausführliche
berichte dieser art unsren lesern vor, wobei wir noch besonders her-
vorheben, dass die zahl dieser deutschen texte, welche teils Über-
setzungen älterer pilgerschriften, teils Zusammenstellungen der ablass-
stätten „jenseit des meeres", teils endlich gereimte oder prosaische
reiseschilderungen enthalten, ausserordentlich gross ist; eine Übersicht
ist in des herausgebers Bibliotheca geographica Palaestinae (Berlin 1890,
744 s., 8^) geboten worden.
Es wird zur genüge bekant sein, mit welcher pietät man bereits
in der ältesten zeit des Christentums alle diejenigen statten Palästinas,
mit denen sich die erinnerung an die geschichte Christi, seiner apo-
stel und der Jungfrau Maria auf grund der sicheren Zeugnisse der
evangelien oder der wenig zuverlässigen angaben apokryphischer Schrif-
ten oder endlich gewagter exegetischer combinationen verknüpften, zu
fixieren suchte, wie man die durch die tradition einmal festgelegten
punkte schliesslich zu einem geschlossenen ganzen verband, diese aber
im vierzehnten, fünfzehnten und sechszehnten Jahrhundert zum teil
wider verschob, zum teil noch erheblich vermehrte. Wir begegnen
daher in den ausführlichen reiseschilderungen, von denen hier haupt-
sächlich zu reden ist, fast immer einem gewissen regelmässig widerkeh-
renden stocke von angaben, nämlich einer Zusammenstellung aller
andachtstätten des heiligen landes (meist nur Jerusalems und seiner
nächsten Umgebungen), zum teil, da hier einfach ein sogenantes pilger-
buch eingelegt ist, mit genau denselben werten, zum teil mit einzelnen
Veränderungen und zutaten, welche für die geschichte der tradition
11*
164 RÖHRICHT
und der durch bauten oder , besitzwechsel eingetretenen tatsächlichen
Veränderungen von bedeutung sind. Aber neben diesem traditionellen
kern tritt doch wider eine solche fülle interessanter nachrichten über
eigene erlebnisse, historische ereignisse und personen in den Vorder-
grund, dass wir eine hauptquelle für die kentnis und das Verständnis
des specifisch kirchlichen wie des algemeinen kulturlebens darin erken-
nen müssen. Jedenfals liegt der erste antrieb zu einer niederschrift
der eigenen erlebnisse in dem streben, sich und seinen nachkommen
das andenken an eine so grosse und mühevolle, aber auch gott wol-
gefällige buss- und bet-fahrt zu sichern oder, wenn der Verfasser ein
kleriker war, andere zur nachahmung anzuspornen und über die ein-
richtung einer solchen langen reise genauer zu unterrichten. Die
abfassung machen sich aber manche pilgerschriftsteller recht leicht; sie
schreiben das eben erwähnte pilgerbuch einfach in ihren text hinein,
ergänzen es durch einige persönliche bemerkungen oder kopieren ältere
umfangreiche reisebeschreibungen und ändern sie bloss in der aufzäh-
lung der daten, namen und anderer nebensachen. Sehr häufig wird
genau dieselbe reise von Venedig nach Jerusalem und zurück von
zwei oder mehr berichterstattern geschildert; in diesem falle ist ein
doppeltes verfahren zu beobachten. Entweder nämlich führen sie zu-
sammen ein gemeinsames tagebuch, und jeder stelt daraus für sich
einen eigenen text mit kleinen abweichungen von der vorläge zusam-
men, oder aber jeder gibt einen vom andern volständig unabhängigen
bericht (ja erwähnt manchmal kaum seine reisegefährten), der je nach
dem ritterlichen oder bürgerlichen, geistlichen oder laien- Standpunkte
verschieden gefärbt ist. Dieser zweite fall liegt hier vor.
Der pfalzgraf Ottheinrich bei Rhein unternahm 1521 eine reise
nach Jerusalem und hat uns in seinem tagebuche (1521 — 1534) eine
beschreibung derselben hinterlassen; sie ward in den „Deutschen pil-
gerreisen nach dem heiligen lande" veröffentlicht^. Ihr wert besteht
weniger in genauen angaben über die heiligen statten, welche in einem
nicht mehr erhaltenen anhange besonders aufgezählt und beschrieben
waren, als vielmehr in sehr sorgfältigen Schilderungen des lebens auf
Cypern und Rhodus und in einer ausführlichen aufzählung der wich-
tigsten reisegefährten. Diesem berichte treten zur seite unsere zwei
texte, deren Verfasser sich aber leider nicht genant haben und auch
nicht erraten lassen. Der erste bericht stamt aus der feder eines
1) Von Röhricht und Meisner, Berlin 1880, 351 — 401; vgl. die unter dem-
selben titel von Röhricht allein besorgte neue bearbeitung, Gotha 1888. Beide Schrif-
ten sind im folgenden kurz mit RM. und R. bezeichnet.
BERICHT ÜBER EINE JERÜSALEMFAHRT 165
Schweizers, da er sagt, er freue sich „gebom sein ain Schweytzerlein"
lind schildert die reise von Venedig nach Jerusalem und zurück im
wesentlichen genau mit denselben details wie Ottheinrich, der auf der
heimfahrt in Parenzo seine reisegefahrten verliess. Dagegen ist sein
bericht doch in mancher beziehung wider ausführlicher, so besonders
durch die genaue aufzählung der heiligen statten, durch die erwähnung
kleiner erlebnisse, besonders aber durch die reflexionen, welche Jeru-
salem und die not des volkes in Palästina und auf Cypern in ihm
erweckt; dieses lezte moment scheint die annähme zu begünstigen,
dass der Verfasser bäuerlicher abkunft war. Trotzdem zeigt er einen
gewissen stolz; über die Unmöglichkeit, wie die hohen herren aus der
begleitung des pfalzgrafen die ritterwürde des heiligen grabes zu empfan-
gen und über die kalte aufnähme, die er mit seinen schweizerischen
reisegefahrten seitens der Johanniter auf Rhodus erfuhr, weiss er sich
sehr einfach zu trösten und angesichts der recht splendiden tafelgenüsse
seiner reichen mitpilger lobt er sich das habermus seiner bergigen heimat
Kürzer als sein bericht ist der zweite; er begint mit der ankunft
in Jerusalem und schliesst mit der landung auf Cypern während der
rückfahrt. Ob er ursprünglich überhaupt diesen umfang gehabt hat
oder nur verstümmelt vorliegt, können wir nicht ausmachen, doch
scheint uns das erstere als wahrscheinlicher, da sehr viele pilgerberichte
die beschreibung der hin- und rückfahrt einfach als nebensächlich
übergehen. Trotz dieser kürze und trotz mancher unvermeidlichen
widerholung hat unser bericht manches neue, so vor allem viele höchst
sorgfältige angaben über masse und zahlen, welche sich auf die hei-
ligen Stätten beziehen, woraus ein schluss auf den geistlichen stand
des Verfassers sich eigentlich von selbst ergibt, femer eine genauere
erzählung über den raubanfall bei Ramiah und das Schicksal des patrons
der pilger. Die spräche lässt ebenfals auf schweizerische abkunft
schliessen.
Der herausgeber ist nicht germanist, um den sprachlichen wert
dieser texte in das rechte licht zu stellen und ist daher seinem col-
legen herm dr. Arwed Fischer, welcher dieser mühe bereitwillig und
sachkundig sich unterzogen hat, vielen dank schuldig. Sonst hat er
sich in der erklärung des eigentlich traditionellen auf das notwendigste
beschränkt, hauptsächlich mit rücksicht auf den Charakter dieser Zeit-
schrift und in erwägung, dass wir in den unübertroffenen specialstu-
dien von Titus Tobler eine fast erschöpfende behandlung der ganzen
traditionsfragen besitzen, so dass es nur angezeigt erschien, besondere
bestätigungen oder abweichungen kurz anzumerken.
166 RÖHBIOHT
Zum schluss spricht derselbe herm oberstudienrat prof. dr. W. von
Heyd in Stuttgardt, welcher auf diese texte aufmerksam machte, und
herm prof. dr. Staudenmeyer, direkter des königl. würtembergischen
filial-archivs zu Ludwigsburg, welcher aus diesem archiv (abteilung
Weingarten) die höchst sorgfältigen copien selbst besorgte, seinen herz-
lichen dank aus.
Itinerarium ins H. Land. L
Item des ersten hindan gesetzt, was sich von Heymad aus auf
dem Weg darzu was zu Venedig verluffen. Zu Venedig sind wir auß-
gefaren auf das schiff am fünften tag Juni, der do was des heyligen
Bischofs Bonifacius, vnnd also lagen wir still bis an Frey tag, der do
was der sybendt im Juni; ain stund vor tag zoch man all segel auf
vnd fuoren mit genedigem wynnd vnnd gnosnen wetter denselben tag
zimlich weyi Angeend der nacht stuond der wynd ab vnnd ward
styll wynnd, den man nennet Bonatzo^, der do wert bis am Mitwuchen,
do schlugen wir die ersten schala^, kamen in ain stat genennet Rug-
wina*, da ligt ain haylige Junckhfraw Euffemia, der leychnam Ich
vnnwirdiger mitsamt anndem gesehen hab. Ditz gedacht stat ligt in
Hy Stria vnnd ist zu Zeiten von Grauen Cristoffel franckha Ban, auf
Beuelch dess Römischen kaysers^, gewunnen worden, vnnd ain gros
Raub daruon gefuert. Dis land nach meinem Bedünckhen ist vast
rauh vnnd steynmechtig, doch zimlich gewechs weyns vnnd koms,
aber des flayschs welicher hannd man wyll überflüssig. In dieser
stat belyben wir den tag, der do was der zwölft im Juni. Auf die
nacht besamelten sich die Bylger wider zu schyff, belyben zu erwar-
ten des wintz die nacht vnnd morgentz den dreuzehenden tag Juni. —
Item in diser Zeit, alls wir außgefaren waren von Venedig mit
gedachtem styllem wynnd, der vnns dann hie har dann dort hin try-
ben was, sahen wir nahen ligen hüpsch land, alls Frey Jul. Crauatis^
Histria, auch mänich Stät häryn in disen landen gelegen, alls Piran,
Vmago, Cita noua, Parentza, Pollal Dis stet ligen an den Stand
des meers vnnd ettlich auf Höhinen, das maus bescheydenlich sehen
mag. —
1) Dieses hiess nach Ottheiimclis angäbe Coresti, Coressi, ob zu corazza, har-
nisch? 2) bonaccia ital. meeresstille.
3) scala ital. treppe, hafen. 4) Rovigno.
5) Maximilian I; die eroberang Rovignos erfolgte 1509 durch Christoph Fran-
gipan.
6) Croatien; was soll Frey (frei?) Jul. bedeuten?
7) Pirano, Umago, Cittanova, Parenzo, Pola.
BKSIOHT ÜBIB UNK JERÜSALKMFAHRT 167
Item auf den vierzehenden tag Juni in der nacht kam vnns ain
wynd an, wol etwas widerwertig, der vnns treyb das Romanisch Bürg
hinuf, nahend gein Anckhona vnnd gein Loreta zw, das wir es auch
bey zwaintzig meyllen sehen mochten. Da dann ettlich Bylger ir
andacht ordneten, nach ains yetlichen geschickhlichayt. Also warden
wir getryben das gepürg hinuf den fünfzehenden vnnd den sechzehen-
den tag Juni, das wir darzwisphen auch manich Schloss vnnd Kloster
sehen mochten. —
Item am sybenzehenden tag Juni zu nacht, alls wir lanng ge-
schruwen heten nach ainem wynd, kam vnns schnelligklich ain Sturm-
wynd an, wiewol er mit vnns was, must man doch durch vngestümig-
keit wyllen des winds die segel abnemen, die man gar schwerlich
vnnd kaum gewynnen möcht, also das gefär was vnnd sorglicheit
Erwartz mit grosser geferte, wo man die segel nit het mögen bezwin-
gen. In disem waren die Bylger etlich betrüebt, doch ainer meer
dann der annder, aber mir was nit sonnders daruon angelegen, ver-
meynt, sollt also sein, wiewol Ich sach ettlich mit ernstlicher Bitt sich
dem Almechtigen beuelhen, die der Sachen etwas bas ain erfaren heten.
Auf solichem ward Ich mich auch durch mein offen Beychtsprechen
dem Schöpfer aller dingen aufopferen, mit mir zw hanndlen, was sein
Mayestat meinthalben auf gesetzt hat, könnt auch darnach nit sunders
beten, dann Ich, mein andacht leyder wenig ist, des tags verbracht
vnnd gesprochen hat, mir was lustig, das das Schyf also gumpet vnnd
ainer hiehin vflf, der ander dorthin zu fallen gezwungen ward, Etlich
auch gar herlich speyen warden. Aber nachdem der Segel behaflftet
ward, was nit gros sorg meer, wiewol der wind dieselb nacht vnnd
morgens bis zw Vesper grymlichen noch lag, beschach doch nyemandts
nüchtzig leyd noch schaden, dann das ain Schyf, den man neanet den
Barckhen, verloren ward, das man für ain Fortuna^ seyt gehallten
werden. Dann ain Sprüchwort ist: Ain Naf^ on ain Barckhen ist
gleichwie, wie ain Barckh on ain Naf. —
Item har zwischen tryb vnns der wynd das Bulgist^ gepürg hinuf,
da man auch etlich hüpsch gelegenheit vnnd schloss vnnd Stät ligen,
die von vnns gesehen wurden, vnnd insonders ain grosse Stat haysst
vnd würt genennet Prendis*, soll fast gros sein, vmbgeben mit dem
meer, in gleichnus wie Venedig, auch in grosse, wiewol nit souil Leut
darynn wonen. Ditz stat ist ain vnnd des Reichs Pulgezen^ Dar-
1) fortnna ital. stürm. 2) navo ital. das grosse schiff.
3) apulisch. 4) Bnndisi.
5) Apnlien, Puglia.
168 BÖHRICHT
nach stets daran CaJabrien, das wir von weiten auß gesicht ver-
luren. —
Item am Achtzehenden vnnd am Newnzehenden tag Juni kamen
wir des ersten gar nachet auf ain Innsel genennet Corffo^, beschleust
sechtzig meyl in vmbkrays, gehört den von Venedig in schirm. Dar-
gegen an ettlichen orten dreyssig meyl, an etlichen viertzig daruon
ligt ain gepürg, heyst Zimera^, begreyfft wol hundert vnd sechtzig
meyl, steet an die Türckhen, in welichen wonen etlich völckör, sind
weder Cristen noch Türckhen, reden aber alboneschis^, sind noch nye
bezwungen worden, weder von glaubigen, noch vngelaubigen, wiewol
maus vor Zeiten vnndorstanden hat, doch vngeschafiFt abgestanden.
Schaft* das sy nit aus irem Lannd komen, sodann yemands von ann-
dem Völckem zw in anlent, mögend sie in bestreyten, so thuend sie
es. Ists dann nit, so fliehends dem gebürg zu. Alßdann seind sie
vnbegreyfFenlich, ir schnell laufFen schaffts, das man will ainen zim-
lichen Roßlaufen fürsetzen. So sie ain Cristen fahend, so verkaufFend
sie im den Türckhen, so sie aber ain Türckhen fahend, so tödten sie
im von stund an. In disem gebürg würt geseyt, das auf ain Zeit ett-
lich Fürsten, von Venedigem geschickht, ankamen, die ...^ von den
weybem verjagt warden. Daraus kombt, das die weyber auch streyt-
ten. In disem gepürg wechst gnug, was man bedarf, kom, wein vnnd
gut keß, sagt man auch das, das Hüpschest Zimerholtz vil, das im
ganntzen land sey, das sie doch nit auf dem lannd [lannd], dann mit
grossen listen. Diß sind so böß Leut, das ain Spruch wort daraus
komen, so man yemandts schellten will, das man spricht: Bist böser
dann ain Zimeriet. —
Item darnach kamen wir zw ainer Innsel zimlich weyt, mit allem
versehen, was zw notturfft der menschen bedarf, hayst Cefolonia^.
Beherrschen die von Venedig, gar nahendt dabey leyt auch ain Inn-
selein, heyst Santa maura^, haben den von Venedig durch vnnd in
vertragsweis den Türckhen vbergeben. —
Item am Donerstag der do was der zwaintzigst im Juni schlugen
wir die andern schala, oder anfaren in der Innsel Alzantty®, wölche
in Beschlus hallt bey achtzig meylen, darynn sind bey sechtzig Dörflin,
vermögen bey viertzig tausent mannen, darunter zweyhundert wol zw
Roß gerüst gefunden werden zw ainem Bedürfifen, wiewol die gedach-
ten leut nit gros widerstand thund den vngleubigen, vmb des verstannds
1) Corfu. 2) Chimara. 3) Albanesisch. 4) das macht
5) Lücke. 6) Kephalonia. 7) Santa Maura (Leukadia).
8) Zante.
BBRICHT ÜBEB UNI JBRXJSÄLBMFAHRT 169
wyllen, dann sie mit vnnd zu ainander haben, werden sie doch mit ...^
zw Zeitten vberfaren, derohalben sie nechtlich gros wacht zu roß vnnd
fuos hallten müssen, vnnd so der feind vnnd vberfall zw gros würd,
eyllt weyb vnd man dem schloss zw, das eben starckh ist von mau-
ren, sunst von Ingepew* gar nützig, denn etlich Maine Heußlin, dar-
ynn behelffen sie sich Vnnd so sie es ain Monat enntheben mögen,
kumbt in von Venedig Hilf, die wol Newnhundert meyl zw in haben.
Ob sie dann schon Heuser verbrennen, sind sie doch nützig werdt,
dann kains ist das, das über ain gaden oder gemach ellenklich auf-
gepawen sey, darzw in klainem BegryfF, also das mich bedünckt, man
find wol in vnnsem lannden ains Bauren haus, das derselben zway-
hundert in kostlicheit übertrefft In der Innsel, sprechen sie, dörffen
nit hoch bawen, ains tayls der Räubern halb, des andemn dess Erd-
bydens halben, die daselben gar manichmal erheben, das man wol
sieht an dem Schloss, das ligt auf ainer zimlichen Höhe, wie etlich
thüm zerspallten sind. In disem Schloss sind zwo kirchen, aine der
Cristen, die ander in greckischer Zungen. In diser Innsel wächst alles,
was man bedarf, auch ettlich spetzerey, Cypett^, süßhol ts, das man
vast wolfeyl haben mag, an ettlichen vunden herein sind auch gar
lüstig ebene, da gesund zu wonen. Ditz Insel würt annderwert genen-
net Romani*, wann do in der gut Romanier wechst, den wir auch ver-
suchten, das etlicher nit auf den füessen möcht geston, ettlicher vor
sterckhe nit trinckhen möchten. In der gedachten Innsel waren wir
bis auf den Ainwndzwaintzigisten tag Juni zu nacht, mit zimlicher
narung versehen vnnd in leydenlichem gellt, wiewol die Herberg dürr
angeschlagen ward, dann vnnser Acht musten über nacht ain Ducaten
zalen, vrie wol wir auch Hüß darnach eyllten. In diser redt man
greckhisch, doch vil welischs das selb gesind. —
Item dargegen über nit sonders weyt stost das Türckhenland an,
welichen zw dem fordersten anstöst, ain starckh schlos ligt, haist Castel
Dumes^, von welichem man noch kumen möcht zum Heyligen lannd,
doch durch gros gefer vnnd wagnus der Reuber. —
Item am Ainvnndzwaintzigisten tag zu nacht bescheid man menigk-
lich wider zw schiff, da wir dann die nacht sunder wind verbliben
1) Lücke. 2) gebäude.
3) zibetto ital. zibet, drüsenabsondening der zibethkatze, vielfach als parfiim
oder arzenei angewant.
4) RomaDia, als name für Zante sonst nicht bokant.
5) Bei Ottheinrich 366 Turnes (Torneste) genant, Zante gegenüber an der küste
von Mona.
170 RÖHRICHT
bis auf den zwayvnndzwaintzigisten tag, an wolichem wir nit weyter
fuoren, dann das wir genannt Schloss vnnd Innsel sehen möchten. —
Item am drewundzwaintzigisten tag Juni des morgens kamen wir
an ain gebürg, geheyssen Morea, das vor Zeiten der Venediger war,
an disem gepürg füren wir hinuf denselben tag vnnd auch den vier-
vnndzwaintzigisten im Juni, der do was sannt Johanns tag des Hay-
ligen teuffers, an disem gepürg ligen ferren von einander zwo Stet,
gehayssen Modun^ vnnd Tordan 2. die wir scheinparlichen sehen waren,
von welchen man sagen was, wie sie vor kürtzen so reich Stet waren
in gewallt der Venediger, aber ...^ durch den Türckhen abgewunnen,
darzw wie souil Bluts derselben beeder partheyen vergossen sey, got
gedenckh der armen seel in Barmhertzigkeit ! Ich ward fragen vnnder
annderm ain frumen man, was die vrsach wer, der mir nit änderst
anntwort, allain sprechen: wir Cristen möchten so frümbklich erberk-
lich hanndlen, got der Himlisch vater geb vnns mer glückh zu strey-
ten wider sein feind, alls Er vor Zeiten mer gethon, wollt Ich nit
weyter ergründen, dann mögt wol gedennckhen, was auf Im zw ruch
trug. Quia propter peccata eueniunt aduersa. —
Item am Zinnstag, der do was der Fünfvndzwaintzigist Juni, am
morgen kamen wir nahend an ain Innsel, geheyssen Zerrigo*, ist Cri-
sten der von Venedig. In diser Innsel, wurt geseyt, gewonnt haben
die schön Helena, alls sie durch Pariden Rwigklich hingefuert ward,
dardurch Troia zerstört. Ditz Innsel ist bey Achtzig oder mer meylen
weit, darüber ligt ain Innsel, mag von der Rauben niemand inwonen,
heyst Zerrigo minor. Bey derselben muß man nahend hinfaren, steet
nit weyt von dem anstoß der Insel Candia. —
Item am sechsvnndzwaintzigisten tag Juni, der do was der lieben
Heyligen tag, die man nennet die syben schläfer, das sich wol beschein,
dann ettlich gut Herren vnd gesellen schliefFen, bis das man essen
zutrug, an demselben kamen wir gegen dem anstoß der Innsel Candia,
da zuuor ligt ain fleckh, geheyssen Gyssano^, das wir sehen möchten.
Doch füren wir noch bis morgen zu nacht, der do was der syben-
vnndzwainzigist tag Juni, mit sambt der ganntzen nacht, das wir weder
zw lannd noch vnnsers wegs faren konnten, die Innsel verlib vnns all
stund vnnder äugen, so widersins erzaigt sich der winnd. Vnd wie-
wol der Patron des Schifs des willens was, die Bylger abzusetzen, das
lannd lassen zu beschawen vnnd sich mit ettlichen wein zuuersehen,
1) Modon. 2) Coron. 3) Lücke. 4) Cerigo.
5) Wol die insel Grabusa am nord-west-eingange der bai von Eisamo.
BERICHT ÜBER EINI JBRVSALEMFAHRT 171
must er doch daruon ston vnnd schickht sich wider den gestrackhsten
weg zufaren auf Rodis. Also musten wir die gedacht Innsel fürfaren,
ynerkhannt alles, das mengem schwer angelegen, doch ward mir geseyt
vf mein erforschen von der gedachten Innsel, das vor Zeiten ain
mechtig künigreich ain gewalltigen Bracht füren gewesen sey, vnnd
vor Zeiten durch kriegs not von Venedigem bezwungen worden, vnd
die künig vertryben, doch dem volckh die gnad erzaigt, das sie frey
sitzen, sunder steur, sunst möchten die genannten Venediger nit behall-
ten, dann das lannd mit versehen ist mit starckhen fleckhen, das tür
kain gewallt sein möchten. Aber der wyllen der leuten vnnd Inwoner
machens stai*ckh, die so günstig sein sant Marx, auß vor gedachter
nachgelassner freyhait willen, das sie maynen würden, sich wider all
wellt vor gewalt beschirmen. Dise Innsel beschleust syben hundert
meyl im vmbkreys, darynn wonhafftig funden werden ob zway mal
hundert tausent menschen vnnd meer, das zw glauben steet, dann ob
sechzehen tausent Hofrayten vnnd wonungen herein funden werden,
ettlich klein, etlich zimlich grösser nach gewonhait vnnd Brauch dess
lannds. Dis lannd ist überflüssig korns vnnd weins, darzw allerhannd
flaisch, was man begeret, man spricht vnnd seyt auch, wiewol ain gros
summ weins järlich gesamelt werd, herynn der Innsel sey doch vber-
flüssigkait der milch mer dann des weins, die sie zw notturfift brau-
chen, das überig in keß vnnd annders verwanndeln, nach Brauch irs
lannds, des sie darnach ain gros Zal den frembden zuuerkhauffen zw-
schickhen. —
Item am sybenvnndzwaintzigisten tag Juni auf die nacht kam
vnns ain zimlich genediger wind, vnd der do wert dieselben nacht,
in der wir deswegs zimlich gefürdert wurden, der do wert bis auf
den Achtvnndzwaintzigisten tag, warden wir getröstet, so Er also ver-
lib, möchten wir alls auf den Newnvndzwaintzigisten tag, der do was
sannt Peter vnnd Pauls, der lieben Zwelfpoten tag, zw Rodis ^ ankö-
rnen, das doch etlich Bylger widerstryten vnnd vermeynten vnmüglich
zu sein, dann der gedacht winnd was etwas still vnnd zimlich warm. —
Item am Achtvnndzwaintzigisten tag Juni auf den Anbys^ stund
der wind ab, vnnd ward aber Bonato, der do wert den tag vnnd die
nacht, mit sampt dem Newnvndzwaintzigisten tag, das wir gar wenig
des wegs gefürdert wurden. —
Item am Dreyssigisten tag Juni kamen wir nahend am morgen
zw ainer Innsel genannt Nyssary^, in welcher vier Castell funden wer-
1) Bhodtts. 2) Zur frühstückszeit 3) Nisyro.
172 RÖHRIOHT
den. Dise Innsel ist etwas von Hohem gepürg, doch volkomen, was
man bedarf, zw leybs notturfift. Dis gehört den Herren vpn Rodys zw
vnnd ist dreyssig meyl weyt von derselben Herren . . .^ Diß Innsel macht
vil Schwefel vnnd grosse menig der Feygen, also das ain Herr allain
von den Zehennden aufnymbt derselben Feygen vierhundert Ducaten,
nit weyt von dannen ligt das Schlos samt Peters 2, mit sambt annde-
ren Innseln, die mit Schlössern wol bewart stand. —
Item am ersten tag July, der do was der Montag vnnd vnnser
lieben Frawen Haymsuchung oben, schickhet sich das glückh, das wir
begirig lanng gestannden waren, Rodys die Stat zu sehen. Also auf
die Non Zeit stunden wir ab dem SchyfF, vnnd warden verliehen em-
pfanngen, zimlich versehen mit Herberg, auch alles was zw Speis not
ist, aUain das den Bylgem fast wider was der starckh wein, den man
bringt gemainklich auß Candia, für mich zu reden. Er hat mich nahend
getödt, ye mer Ich tranckh, ye hitziger Ich ward, also das Ich mich
hueten must außzugon, allain auf der nacht, da Ich lanng nichs sehen
mocht, dann das gebew, das do eben wunderbarlich mächtig ist, zu-
uor an in verren ston drew starckh thüm wie die Schlösser, der vnderst
hayst sant Niclausthum. Do wir inn seyen gesein, da gesehen haben
mächtig wol geordnet geschütz, auch ain fast gewaltig gebew, vnnd am
Herausgon not man vnns zu trinckhen. Also bot man vnns gnugsamen
guten wein, den wir getrunckhen betten, wann wir haimlich bey einan-
der gesessen weren. Der oberst haist sannt Katerina thum, der Mit-
tel der Frantzhosen Thum. Diß bewaren gewaltigklichen den . . .^ vnnd
ain grosse weyte des mers, das nyemand beleyben mag. Damach ist
die stat, die nit sunders gros ist, mit ainer viertzigschuchingen mau-
ren vmbgeben, die mit zwen vast tiefen graben bewart, in wunderbar-
lichem gepew, mit mancher haimlicher gewer. Doch bricht man vil
ab , die in ander sterckhin gehauen soUn werden. Darüber ist ain . . .*,
haist der ...^, ist teutscher Zungen, der sich in trew emnstlich in solichem
bezeigt, als wol bewyst das werckh, wölhes, so es auß gemacht würt,
wol mag der mechtigist sterckhsten gebawen sein, alls auf erdtrich fiin-
den werde. In disem sarch vnnd vmbkrevß der Stat sind manich vnnd
vil annder gepauwen Heusslin, die all in gewelb bedeckht sind, vnnd
kains vber zway gemach hoch, allain das Schloss. Dise stat ist mit
zimlichn kirchen nider gebawen, weder lay latinist vnnd greckhisch
versehen, wölhe mit gezierden gnugsam begäbet, doch aber tryfift die
oberst nit vnbillich sannt Johanns tempel, wölher in myten des Schloss
1) Lücke. 2) Vgl. RM. 22; R. 59 fg.; Conrady, Vier rheinische Palästina -
pilgerschriften 105. 3) Lücke. 4) Lücke. 5) Lücke.
BSRIOHT ÜBSR EINE JSRÜSALEHFAHRT 173
ligt, vnnd vmbgeben ist, nit sunder gros, aber mit Zierden reychlichen
begabt, darunter der merertayl auß klarem gold gearbayt sind. Alda
ist ain osterlam vnnd zwen enngel darneben vnnd annders mer. Dar-
zw sind all Ampeln vnnd vil licht stöckh, mit sambt den Zwelpoten
an beeden wennden erhebt, silber übergüUdt, so schon, das mans ach-
tet, werdt sein Zwayhundert tausent Ducaten vnnd mer. Das Hayltum
daselbst ist überflüssig. Alda ist ain Messin creutz gemacht auß dem
Beckhin, daraus got der almechtig seinen Jüngern die füß wuosch.
Item zwen dorn, die blüen all karfreytag. Item ettlich der pfennig,
da got vmb verkaufft ward. Item ain Arm von sant Katarina vnnd
meer. Der vmbkrais dess Schloss ist zimlich weyt, aber gegen der
Stat ganntz nichtig, werhaffüg, wann sie wennd die Stat mit sampt
dem schlos behallten. Ditz ist außgetailt den Ritern nach Zal vnnd
menge der leuten. Doch haben die teutschen die mynsten. Diser Her-
ren leben vnnd Regiment ist mir mit sunders mißfällig, mich bedünckht,
haben ain zimlich lieb vnnd aufsehen zusamen, des gemaynen volckhs
Zucht vnnd insonders der weyber ist nit gantz durch mich bewert,
dann mich dünckht, seyen etwas zuuil vnschamhafftig, das Ich nit zw
Rytten hab. Die Zerung vnnd Herberg ist teur vnnd kostlich, auch
ist fast bös gellt luoffig härein. Vor diser ötat sinnd zw Zeiten bey
fünfRzig Jaren^ gelegen die Türckhen Hundert tausent starckh, haben
sie beschossen gewaltigklichen , dann man funden hat bey vier tausent
grosser Stainen kugeln in rynngweys der Stat, die noch bey Zeit zw
ainer gedechtnus vmb die weg ligen, zu letzst gestürmt vnnd weyt
erüberiget, also das man maynt, wer schon gethon. Do kam der obrist
Meistor, der do was ain Cardinal, schlug sein feind hertigklich zurückh,
mit gnad, das die Cristen sighafftig warden, da zw ainer gedechtnus
gepawen ist ain schön kloster, gehayssen zw sant Victoria. Dis Innsel
ist bey Hundert vnnd viertzig meylen in vmbkreis, vnnd vermag dreys-
sig tausent man, sind, on die Stat Rodis, sunst Schlösser vast starckh
auch daryn, heissen Lindouw, Ferraclo, Polochia^. Do ist kains, man
mag sechs Hundert man lannge Zeit behalten vnd versehen mit speis.
Die gedacht Stat ist auch nit so vest versehen mit mauren, alls mit
Munition versorgt, das man sehen mag dann durch die gantzen Stat
sinnd gewelb vnnder der erden, die vol körn geschüttet stond, vnnd
annders was man bedarf, auf syben Jar lang. In diser Stat beliben
wir bis auf den vierdten tag Juli, des Barchen zu erwarten. Darzwi-
1) 1480; vgl. EM. 183, 371.
2) lindo, Castello di Ferraclo, Polaka.
174 RÖHBIOHT
sehen sach Ich nichs sonnders, dann hüpsch gepew vnnd geschütz,
wie obstat, darnach drew Straussen, die grußlich zw schawen sind von
wunderbarlicher gestallt, auch ir seltzam Ayer brueten. Die lauffen
in ainem hüpschen garten mit anndem Rossen. In disem garten was
auch ain man, der brüetet Ayer auß drewhundert auf ain mal, es weren
Hüner oder Ennten, Gännß, Pfawen Ayer. Dis bedaucht mich auch
insonders wunderbarlich zu sagen. Ich fragt, wie vil Er wol außbrue-
ten möcht ains Jars. Anntwort Er, als vil Er Ayer het, vnnd so sie
geschlossen sind, so gibt Ers ainem koppaunen zu fuoren. —
Item an dem fünften tag Juli schyffien wir aber von dannen
vnnd kamen mit genedigem wind, den tag vnnd nacht, mit sambt dem
sechsten vnnd sybenden tag, ain gros Zall meylen vnnsers wegs über
das Hoch meer, in welchem wir kain Innsel noch lannd sehen moch-
ten, wiewol vnns zuuerston geben ward, weren gerichtig der Innsel
Cyprien enntgegen, die wir zw der linckhen Hannd verluren. —
Item den Achtenden tag Juli stunden wir begirig nach Vertrö-
stung des Tatron ^ vnnd seiner schifmaystem vnnder äugen zu erlangen
das Haylig lannd Suriam^, des wir doch betrüebt warden. Harrung
manchem beschwert bracht, doch getröstet morgens, seitens nit so frw
mögen ersten, würden Irs verlanngen gewert vnnd ersettiget —
Item Alßdann morgens, der do was der Neundt tag Juli am
aufgon der sonnen, vnnd Ich noch schlaffen lag, ward gemeldet durch
den paren^ darüber gesetzt, der auch harvon, von den Bylgerin ver-
irrt* wurtt, geschrien: terra, terra! Daruon ain erheben ward der Bil-
geren, lauffen zu schawen, dannckhten got der gnad nach ains
yetlichen andacht. Ich hört aber in gemayn nit vil singens noch Jubi-
lieren. Erlangten also des morgens bey viertzig meylen vnnd kamend
angeends ainem alten Schlos vber, haist Castrum peregrinorum ^, da
vor Zeiten etwan die Bilger ausstunden. Aber vmb wyllen das den-
selben manichs vnbillichs beschach, hat geenderet, lennden nun zumal
auff Jassa^, ist vor Zeiten der Rodiser Hern vnndertönig gestanden,
weihe mit gewallt vnnd kriegs not heruon vertryben sind worden. —
Item denselben Neundten tag Juli fuoren wir vmgeends dem stad
nach hinauf, do dann auch etlich allt turn vnnd wonungen gesehen
wurden, mit ganntz styllem wind, den man nennet Calmas''. Diser
wert auch die nacht durgentz vnnd den morgen, den zehenden tag,
1) Verschrieben für patron. 2) Soria, Syrien.
3) "Wol der sogenante „geschworene patron''. 4) Lies verehrt?
5) Capellum peregrinorum d. heutige Athlith. 6) Jaffa.
7) calma ital. windstille.
BKBIOHT ÜBER EINS JSBÜSALBMFAHBT 175
das wir wenig dess wegs gefördert wurden. Doch wurden wir durch
gnad gots geleytet, das wir auf den Mittag nahet gein Jaffa ankamen,
vnnd alls wirs nahend sehen mochten, ward durch den Wirdigen Her-
ren Bischof Vicentz Octuensis^ prediger ordens Meß gehallten, vnnd
da andechtigklichen das Te Deum laudamus gesungen, vnnd darnach
ainer den andern zuuerzeihen ermanet. —
Item alls von stund an nach Mittag fuor der Patron zw lannd,
do Er dann den Guardian von Jerusalem begryff, der durch ander
Bylger willen gein Jaffet komen ward, vnns verkhünt, soltens für ain
glückh achten, kemen dester bälder ab dem Schyff, dann sonnst weren
die Bilger gemainlich Acht, Newn oder Zehen tag behallten worden,
wir würden aber in zway tagen dess SchyfFs erlöst. Also wyst Ich
nit, wes die schuld, allain das wir die yrten^ vberschlugen vor dem
Wirt, musten bis an den sybennden tag in vngedullt gefanngen ston,
doch aUweg beredt, morgens morgens, farend Ir zu lannd. —
Item an dem Fünfzehenden tag Juli sahen wir ettlich zu roß
komen, schlugen zwu Zollten auf, do all die Bylger orfreuet, dan wir
in sorgen stunden, würden vnns nit zw lannd lassen, alls vor meer
beschehen ist, Vnnser fömemen zw verbringen, vmb kriegs leuf wil-
len, die sich her inn dem lannd erheben, dann sich gar newlich die
Herschafft vnnd gewalt zw Jerusalem geendert vnnd verwandeilt het,
nach mittag kamen ettlich vil derselben Türckhen, die man nennet
Jeniterey^, zw vnns in das schif, besahen ettlich kaufmanschatz, dar-
gegen sie verteuschen wollten zway futer Marder oder Tebelin^. Doch
warden sie nit ains, vnnder disem wurden gar man schwer betruebt
von dem mer, also das sie dort hinfielen wie das vich, doch trunckhen
ettlich gar seuberlich wein, den sie von stund an wider speyten, dar-
nach wider antrunckhen. Aber ettlich wollten kain wein versuchen,
vnnder disem bedünckht mich manicher geschickht, vnnd etlich zw
nichtigem tügig^. —
Item auf den sechzehenden tag Juli, der do was des Hayligen
sannt Alexius vnnd Zertaylung der Apostel, des morgens frw warden
wir gefriert zw lannd, ward ains yetlichen namen vnnd seins vaters
auf verschryben, darnach geteylt in zway gewelb geleit, auf ain wenig
stro, den tag vertryben wir bis zu nacht. Also was man aufhallten
die Bylger, mit Essel^ in gnügsamkait must man wir hindner sich
mer zu beschickhen, beleyb man bis morgens. —
1) Ottheinrich 360 nent den bischof zu Dalmanen, der für JjeoX. walfahrtete.
2) zehrung, wiiishausrecbnung. 3) janitscharen.
4) zibellino iÜl. zobel. 5) tauglich. 6) esel.
176 RÖHBICHT
Item von Jaffet das annder...^ nennen darum * Jaffet, das dasselb
Jaflfet zwu meyl daruon ligt, bedaucht mich nit sonnders zu merckhen,
dann das ain gewonlich anfaren der Bilgerin daselben beschicht, spricht
man, sey ain hüpsche allte Stat gewesen, vor Zeiten von Noe sün
gepawen worden. Vff dise Zeit sieht man noch zwen allt tum. Daruf
die wach des anfarens gehallten, vnnd darunter ettlich gewelb, darein
die Bilger gelegert, ettlich zwen tag, etlich drew tag, werden. Dar-
bey in weytem vmbkreys vil alts starckhs gemeuer ligt, darunter hüp-
sche gewelb funden sehen werden. Von dem lannd aber bedaucht
mich vnfruchtbar dann zu wonen, als wol erzaigt das arm innwonet
volckh von beeden Cristen^, alls sie sagen, vnnd moren, auch die auß
beleyten sollte ain Herr von Rama^ vnnd ain geschickhter von dem
Herren von Jerusalem, bedauchten mich mit zu achten gegen vnnsem
Herren. —
Item auf den Achtzehenden tag Juli des morgens ward gnugsam-
lich versehen den Bilgerin vmb Essel, doch ettlich schwach, also das
mancher zu Häuf fiel, Manicher zu fuß zugon gezwungen, vmb das
die Essel nit volgen. Also waren wir geleyten in guter Hut, bis gein
Kama, darz wischen ligt ain zerstört Stätlin, hayst Jaco^, auch annder
mer, die wir in gesiebt haben möchten, das land aber gnugsamlich
lustig, dann das vor türry auf dieselb Zeit, wenig wachsen möcht
Das volckh, vnnd insonders die frawen arbaytselig, also das mich Irs
lebens verwundert, die frawen verbinden sich, das maus kaum mag
vnnder äugen schawen, vnnd sind doch zumal vngestallt. Also nit
nach langem wegen kamen wir gein Kama, dauon mich nichtig bedaucht
zu bedenckhen, dann das vor Zeiten sollt ain schön Stat gewesen, alls
Er zaigt hin vnd her, ain allt gepew mit ettiichen tümen sich erzai-
gen weyt in vmbkrais, vnnd alls wir nechst darzw kamen, stund zuuor
ain gemaurt haus, ain schein habend, darein wir durch ain ennge
thür gelassen, vnnd in ettlich gewelb daselbst außgetailt Dis Haus
würt geseyt den Bilgern zw gutem von ainem Herren von Burgund^
gepawen worden sein, doch bedaucht mich, sollt en gekaufR; gewesen,
dann das gebew erzaiget kainen Spital der Bilger, laß Ich beleyben.
Herein komen von vil geschlecht Jung volck, sich sprechend Cristen
zu sein, brachten Ayer, Brot, trauben, Feygen, Hüner, aber kain
1) Lücke. 2) Text: harum.
3) Wol aus Anabitae (verschrieben für Arabitae, d. i. wol Nestorianer) ent-
standen; vgl. Conrady 45.
4) Der emir von Ramia. 5) Jazur.
6) Philipp; das jähr der erbauung dieser pügerherberge ist nicht sicher.
BSRICHT ÜB£B XINK JSBÜSALEMFAHRT 177
wein. Das volchk in diser Stat wonnt in den zerbrochnen gewelben,
da in vnnsern lannden nit die vnuemünflFtigen thier weren.
Item in derselben nacht, wiewol Ichs nit dann von ferrem gese-
hen, was darkomen ain Türckhischer gesannten, das land zu beordern
mit grossem Heer vnnd kostlichem gewalt, alls ettlich sagen, die in
seiner Zelt gewesen durch verwiUigung vnnser patron. Alda was der
Pfaltzgraf, Hertzog Ott vnnd annder, gehaben han wol vierhundert
kamelthier^ vnnd annder Pferd vnd rüstung, doch vnnder annderen
loben sie mer, dass sie vnnder souil volcks ain semlich stillen vema-
men vnnd hörten, das nit müglich wer vnnder kristen zu gerieten,
alls auf mytternacht füren sie für auf Gazara^ zw. —
Item auf den Achtzehenden tag Juli des aubends nach vil müe
vnnd ansuchen, den Gwardian, den Patron, vnnd auch die Beleyter,
warden wir wider zw Essel beryten, vnnd zogen durch Bama hin ain
lannge weyl, durch vil zerstört gebew, unnd alls wir ettlich ebnen
vnnd Berglin gefuoren, ain stund oder zwu in die nacht, ward das
leger gehallten bey ainem brinner, vnnder ainem zerstörten schloßlin,
hayst Castel latron^. Da lagen wir mit ettlicher sorg der Arabier. —
Item auf den Newnzehenden, zwu stund vor tag, bestimbt man
aber auf zu sein. Also fieng bald an ain zimlich ruch staynet gebürg,
vomen an nyder, vnnd angeends ye hoher vnd höher komen, also auf
die zehenden stund vnser Zeit kamen wir zw ainem paß. Do waren
wir gelassen in ainen garten, ward lachen zwischen mir vnnd ettlichen
tür, dann wir für den wein hinaus waren, wann auch ainer ain Bröt-
lin hat, aß ers auß dem Ermel, auß disem warden wir aber geschriben,
ains yeckhlichen namen, vnnd fiengen dauon von stund an aufzureiten
am Berg werdt bis gein Jerusalem, dahin wir kamen von den gnaden
gots zw Vesper Zeit lieblichen empfangen von den Brüdern, auch an-
geends tisch gesetzt vnnd gespeyst, mit zimlichem vast gutem wein
getrenckht —
Item auf dem weg von Rama bis gein Jerusalem ward nit gese-
hen, dann manch zerstört gepew, dardurch man ryt noch bey Zeit,
öttlich arm leut warn, vnnd vnder annderm zehen meyl von Jerusalem
Ugent, ward vnns gezaigt ain zerstört Behausung auf die linckh Hannd,
das vor Zeiten genennt ward Aranathia*, dauon sannt Joseph, ain
haymlicher Jünger des Herren bürtig was. Daselbst auf die Eecht
1) Ottheinrich 376. 2) Gaza.
3) Heut el-lätrÜD.
4) Arimathia, sonst identificiert mit Nebi Samwil.
ZKUSOmOFT F. DEUTSCHE PHILOLOQIE. BD. XXV. 12
178 RÖHRICHT
Hand ward vnns weyter gezaigt ain Schlößlin genannt Silo^, daselbst
soll gewesen sein die arch gots, soll auch daselbst künig saul gesalbet
sein worden vnnd erweiter künig genennt. —
Item alls wir nun das mal genomen vnd dess Essens vnnd
trinckhens ersettiget, ward aim Bylger innsunders überanntwort ain
tabett, darauf zu ligen, vnnd ain lyderin küsß vnnder sein Haupt
Ward darnach gefuert in ain Haus den Bylgem zw Herberg bestymbt,
daran sich ettlich vergnügten, etlich vereahen sich annderßwo. Dis
Haus ist nahet dem tempel in wunderbarlichem gepew eingebawen,
also das man spricht, sey vor Zeiten des Patriarches wonung gewesen,
ist wol zu glauben etwas wirdigs gestanden sein, nach gestallt der
zerstörten mauren, auf disen mag man sehen vber die ganntzen stat
Jerusalem, die in ganntzer Zerstörung ligt. Aber in wesen mags wol
das schönst vff erden geheyssen werden. —
Item den Zwaintzigisten tag Juli, des morgens warden die Brue-
der wider versamelt in dem Closter des Bergs Sion, vnnd da ain schon
Ambt gehallten vnnd volenndet, darnach ain sermon oder ermanung
den Bylgern in drew sprachn, lateinisch, welisch vnnd teutsch, zw
gutem vnnd vnnderweysung gehallten, insonders sich auf vier Articul
bewaren.
Den ersten, so yemands sunder vrlob des babst dahin komen auß
versaumnus oder vnwissnhait, harumb in den strickh dess Bandts gefal-
len, ward menigklichs da absoluirt vnnd enntledigt. —
Des Andern, not zu sein, ainem yetlichen ain gewissen glauben
der Dingen daselbst geweyst werden, sunder welhem nützig zu erlan-
gen ist —
Des Dryten, ain Brüderliche liebe vnd sundere Diemut einander
zu beweysen, auch kainer für den andern sich erhöhen. —
Zum Vierdten, gedult, also so yemands belaydigt würd von den
moren oder anndern, mit got, sunders murmlen emphahen, auß wöl-
hem wir dann war Bilger genennt werden möchten. —
Zum Fünfften, theten sie die armen Vetter die Ersamen Bilger
biten, so in nit beschehe nach ains yetlichen gefallen, das die vetter
betreffen werd, sey in speyssen, oder in annderen, sollt man in Vor-
zeichen, dann mer des mangels schuld, dann des bösen willen, nit
wollen erzaigen, des sie sich mit got bezeugten. Damach ward ain
schön proceß angefangen vnnd den Bylgern klärlichen erzaigt die
Misteria des Bergs Sion, daraus alles vnnser Hayl geflossen. —
1) Nach der altchristlichen meinung lag das alttestamentliche Silo bei dem
heutigen Nebi Sainwil (Tobler, Topogr. II, 883).
BERICHT ÜBER SINE JEBÜSALEMFAHRT 179
Item zum ersten ward vnns gezaigt Nachdem das kloster auf
dem Berg zw Höchst gepawen, sind die vnndersten wonungen die
wey testen, also das zimlich zu wonen ist, vnnd seind vil Heuser vnnd
wonungen, darin sich vnnser Hayl verlaufFen hat, in gepewen. Aber
zw dem Höchsten dess Bergs ^ gat man ettlich Staffel auf, in ain qua-
drierten wolgezierten chor, nit sunders weyt, der zuuoran in Mittel
ain schönen altar ston hat, ward vnns erzelt, die aygenntlich Stat
gewesen sein, da got der Herr das letzst nachtmal nam mit seinen
Jüngern, do Er dann aufgesetzt hat das New testament vnnd geendet
das allt, auch verhanndelt, wie dann anzaigt der Passion, nit weyt
bey drew sehnten daruon, auf die Recht Hand, ist ain Altar, do der
Diemütigist sich begürtet mit ainem tuch, den Jüngern ir fueß vnd
von ersten Judas geweschen hat, zu bedeuten vnns in Diemut zu
leben. Zw der linckhen Hannd sinnd auch ettlich altär, sind die stet,
do das Haylig Osterlamb geproten. In disem ist ablas aller sünd. Von
dann ward gegangen in proceß auß dem chor ebens fiios an ain Stie-
gen, die bey Ainvnndzwaintzig Staffel hat, gleich alls wer es den von
gedachten stetten ain gemach höcher, ward vnns zuuerston geben, alls
Ich glaub die stat gewesen sein, das der Haylig gaist an dem Pfingstag
der muter gots vnnd Hayligen Jüngern bey zwaintzig gewesen, frawen
vnnd man erschinen sey, da sich dan verlaufFen, alls an dem Hayligen
pfingstag in der kirchen gehallten würt Dis ist verlegt mit staynen,
dann die moren nit wollen vnns darein gon, umb willen, das man
sagt, soll sein auf der Begrebung Dauid vnnd Salomonis. In diser
stat ist ablas für pein vnnd schulden. —
Item daruon ward abgegangen mit der proceß, do nun der kreutz-
gang ist, in ain klain gewelb Cappellin, ward zu glauben geben, die
stat gewesen sein, da got der Herr erleucht, alls die Jüngern versa-
melt Sassen mit verschlossner thür vmb forcht willen der Juden, Zum
anndem mal durch Beschlossne thür erschein, vnnd zum lotsten sannt
Thomas sein finger in die aller Hayligsten seyten legen lies, do sich
dann verluff nach Innhallt des euangeliums. Ist auch aplas aller
sfinden. —
Item nach disem ward vnns erlich ausserthalb des Closters gewys-
sen zerstört aber mit etlichn Staynen bezaichnet, das Ich hernach mit
anndem bedennckhen will. Biß ist was in der gotzhaus begryffen.
1) Zion, wo allen pilgern die kapeUe des lezten abendmahls, der fusswaschung,
die küche für das osterlamm, die kapelle der ausgiessung des heiligen geistes, die
graber der jüdischen könige und die St. Thomaskapelle gezeigt werden (Tobler, To-
pogr. n, 101 — 125).
12*
180 BÖHBIOHT
Damach warden wir zw essen gesannt, da nit vast wol gekocht was.
Doch gaben vnns die Brueder gnugsamlich wein vnnd Brot, fannd man
auch ayer, trauben, Feygen zw kauffen. —
Item desselben Ains vnnd zwaintzigisten tag Juli zw aubend war-
den wir beschriben in den tempel des hayligon grabs, welher, alls mich
bedaucht, in seinem vmbkreis von vnns ains wunderbarlichen grösten
gepew, dem gantzen Berg Caluarie beschütz, von innen noch vil vnnd
manich zei-störtem gewelb, das gantz Misterium der heyligen steten,
das leyden Cristi anzaigen, etlich höh, etlich nider, in Circkhelweis
begryffen, doch etwas meer lang dann brayt, als durch die lieben väter
vnns Bilgern guetlich gezaigt ward. Des ersten warden wir gefüert
zw der rechten Hannd des Hayligen grabs in vnnser frawen Capel,
die dann denselben vätem zuuersehen zusteet. Harynn allweg zwen
Brueder wonen, zu bewaren das grab, doch werden von drew Monat
abgewechseilt, alßdann annder^ auch thund. In derselben Capellen*
ordnet man ain procession, ain yetlicher Bilger in seiner Hanndt haben
ain brynnede kertz, ward vnns von ersten erscheint in derselben Capell
zu merckhen vier stückh. Item, das auf dem mitein Altar die Stat
sey, do der almechtig seiner geliebten Muter erstmals, mit erklertem
leyb, nach der aufersteeung erschinen sey, alls guetlich zw glauben
ist Item zw der Rechten selten in ainem geter ain tayl der seul, do
das vnschuldig lamb gegayslet, do man noch bey tag die straich inn
ston sieht ^. Item den ersten Altar über vf vier schryt, in Circkhels
weis, mit getaylten Staynen verzaichnet, soll das heilig Creutz erkhannt
worden sein*, dann der Schacher Creutz waren auß disem glückh dem
Creutz der erlösimg, ward aber erkhannt auß auflegung ainer gestorb-
nen frawen, die zu leben erkhückht^ ward. Haryn ist ablas aller
sünd. —
Item heraus gerichtig, der tür über, auf fünf sehnt, zwen gezaich-
net stein, auf dem der almechtig got, vnnd auf dem anndem sannt
Maria Magdalena^ nach der aufersteeung, alls Er sprach: Noli me tan-
gere, da ist Vergebung siben Jar syben karenl Item darnach gestrackhs
hinab zw ainer höbin, do das haylig lamb behallten ward®, nit on
1) Lücke. 2) St Marienerscheinungs-kapelle.
3) Die geisselungssäule. 4) Ej-eazerkennuDgsort
5) erquickt, d. h. neu belebt 6) Maria -Magdalenen- stein.
7) Karenen, aus quadrageua entstanden; „ein ablass von 7 karenen ist der
erlass zo vieler zeitlicher strafen als vordem durch ein vierzigtägiges fasten und büs-
sen abgetragen werden musten'' (Conrady 72).
8) Kerker Christi.
BERICHT ÜBSR »NE JERU8ALRMFAHRT 181
sunder gros pein vnnd schmach, vntz das Creul» vnnd was zw der
marter zwzurüsten was, auf ain lange Zeit verzogen. Da ist verzeich-
nus syben Jar syben karen. —
Item da dannen dem Circkhel nach zw ainer Capell, da die
Juden vmb den kostbarlichen vngeneeten Rockh gespilt habend Ist
ablas syben Jar syben karen. —
Item daruon auf vier schrit warden wir abgefuert^ Staffel in die
Gapell, zw er der heyligen frawen Helene gepawen^. Harinn sie auch
Ir Betbaus het zw dem heiligen Creutz, alls sie dann sehen mocht
durch ain Vennster hinab, do dasselb funden was. Herynn ist ablas
aller stind. —
Item von diser steigt man ab Acht Staffel in ain rauhen felsen
gehawen, do dann das lobwirdig Holtz vnnsor erlösung funden*, in
ainem Herten felsen, ab ainem tayl gehawen, spricht man sey gewe-
sen ain allt Brunn oder Cistem dasselb HayP geworffen vnnd darnach
mit stainen vnnd wüstem verschüt daselbst verborgen zwayhundert
Jar. Da ist ablas aller schuld. Dauon der gruob kamen wir zw
ainer Capellen, da in ainem Altar sichtig stat ain saul, daran der
almechtig gekrönnt vnnd verspot ist worden^. Da ist ablas syben
Jar. —
Item dauon warden wir ermannt zw andacht mit der muter gots
4>rechen, vememen all die fürgonnd, ob sye ain schmertz gleich dem
meinen, das menigclichs zu betrachten het, warden also gefuert, Staf-
fel VI. In groß betrachtung kamen zw der Stat Golgata oder Caluarie,
da auch ain gesyert gewelb gepawen in zimlichen weyty, mit ainem
Bogen vnnderbawen, auf wölchem zw der aiiien selten der almechtig
got auf das kreutz genagelt '', do ist ain altar den Brüdern von Sion
empholhen, auf der andern seyten drew schrit von ainander ain ge-
zierd ainem altar gleich, do die gruben des heyligen kreutz ains ellen-
pogen tief gewesen ist Dis ist mit ainem Marmel bedeckht, doch ain
Rundloch gelassen ains gemuntz weit, das mit ainem vbergülten Blech
beschlagen. Daruon auf drey schrit erzaigt sich augenscheinlich der
wunderlich Bergbruch ainer halben eleu weyt, nahendt bei disem ain
altar, da die stat erkhennt soll sein, alls der sun der betruebten Muter
in die schos geleyt ward. Hie ward vnns aber geprediget ain schön
sermon, also der andacht hat, ward in waynen geraytzt. BQe ist auch
1) Kleiderverteilungskapelle. 2) Lücke.
3) 8t Helenakapelle. 4) Ereuzerfindungskapelle.
5) Lücke. 6) Säule der Verspottung.
7) Krenzerhöhungskapelle.
182 RÖHBICHT
ablas aller sünd. Harby zw der seyten dess letzsts sinnd zwo seul,
do der gut Schacher zw der Rechten vnnd der Bös zw der linckhen
selten gehanngen ist^ —
Item von dannen warden wir wider abkomen auf die ebne des
tempels zw der Salbung, welche auf Aylf schrit von dem eingang des
Tempels enntgegen stat, mit ainem grabstein gemerckht werden mag*.
Do ist Vergebung aller sünd. —
Item zw letzst kamen wir zw der einfüemng des aUerhayligisten
grabs, das mit ainer vor Capel vnnd sunst mit ainer andern Jacobi-
tischen kirchen vmbgeben vnnd beschlossen ist. In wölher vor Capell
die marien den enngel gots ston fanden 3, sprechen, wer will vnns den
stein dess grabs verrückhen, musten also sittigklich nach einander
eingan, dasselb vnzelich gnadenreich grab, dann der einganng dessel-
ben nyder, ains halben maus hoch erhebt, inwendig in zimlicher wytte
vnnd lennge, also das sich ain gros man oder drew wol mögen gerü-
ren (meiner aber wol fünf). Ditz ist ganntz mit Marmel besetzt, also
das mich bedünckht, wunderbarlich wirdig gesehen werden, mit ett-
lichen Ampeln gezierdt, sunst nichtig ist harinn dann gros Hitz, vnnd
darnach den Innern menschen ain empsigkliche Betrachtung der wir-
digen Höchsten außlegung. Heraus ist enntstanden all vnnser Hayl
Ich* gnugsam vernomen die mayestät derselben stat, allain das ablas
aller sünd verlihen. Ditz haylig grab steet allen offen, den Bilgem drew
nacht zw allen Zeiten. Damach enndet sich die procession vnnd thet
ain yetlicher Bylger weyter sein andacht nach seins Hertzen anligen
Item in disem tempel wonen die geschlecht von Cristen, Von Ersten
Jacoby^ hinder dem grab vnd mit im die Goffory®, Item daselben
über in ainer Capellen Furiani^, Item Indiany^ auf die linnckhen Sey-
ten, Item Armeny^ in ainer Capellen auf den Indumie^^, Item Greci
in coro. Item Gorsy^^ in Caluarie locus ^2, Item Latini aut Franckhi
in der vorgedachten Capellen vnnser Frawen. Item Nestoriani komen
mit medan Emer^^. Item die weyssen Russen komen auch minime^*.
Die geschlecht sinnd stätigs beschlossen, bis maus ab vrlaubt singen,
1) Säulen der Schächerkrouzlöcher. 2) Salbungs- oder Adamskapelle.
3) Eogelskapelle. 4) Lücke. 5) Jacobiten oder Kopten.
6) Unbekanter sektenname, wol arg verschrieben.
7) Suriani, syrische Christen. 8) Abyssinier. 9) Armenier.
10) Der stark entstelte name ist nicht zu erklären. 11) Georgier.
12) Vgl. Tobler, Golgatha 292. 13) Ist nicht zu erklären.
14) Unverständlich. Diese erwähnung der "Weiss -Russen ist die älteste in der
occidentalischen pilgerlitteratur.
BERICHT ÜBBB EINE JERüSALEBiFAHRT 183
7nnd lobt ain yetlicher nach seiner andacht. Also das es ain sunders
wyldhoren ist —
Item Hereyn waren wir beschlossen die nacht bis auf^ tag des
Monats Juli, vnnd alls aqf denselben, zwu stund in tag, warden wir
aussgelassen. —
Item In disem tempel vnnder dem Berg Oliueti ist ain Capell?
dess do ligen die gebrueder Gottofridus vnnd Baldowinus^. In der-
selben mag man auch schein parlichen sehen den Felsen Bruch, darin
das haupt Ade fanden ^. Ablas syben Jar syben karen. —
Item Medium terre in dem chor der grecen^. Item vor disem
tempel sinnd vier Capelln, die ain vnnser frawen vnnd sannt Johanns
Ewangelist, aine allerhayligen Enngeln, aine sannt Johanns teuflfers,
aine sannt Marien Magdalenen^ Ablas bey Ayde syben Jar syben
karen. —
Item nach dem Anbyß auf den^ tag Juli warden wir vnnser
ettlich gefaert zw ersuchen die wirdigen stet in Jerusalem, von ersten
die kirchen vnnser frawen, da sie zw schul ist ganngen^, ablas syben
Jar. Item die Porten, die man nennet speciosam^, do der Arm mensch
sannt Peter vnnt Johans bat vmb ain gaub^, vnnd sie anntworten,
gellt noch gauben haben wir nit, begerst aber gesund zu werden, soll
dir verlihen sein, alls von stund an ward er gelöst der krannckheit,
ablas syben Jar syben karen. Item das Haus Simons leprosi, da got
sant Marien Magdalenen ir sünd vergab, ablas syben Jar syben karen.
Item das Haus was auch des wegs des Reichen maus, der Lasaro das
almusen verseyt Item ain Bogen zw memoria, do der almechtig got
sprach zw den weybem, weinend über euch vnnd eure kinder. Item
darnach da vnnser frawen geschwannd, alls sy sach ir liebes kinnd
vnnder die schanntlichen schächer verurtaylt sein. Da was ain schöne
kirchen ^®, nun ain Roßstal. Da ist ablas syben Jar syben karen. Item
1) Lücke.
2) Ihre gräber sind heute noch erhalten (Tobler, Golgatha 147 fgg.).
3) Der name Golgatha (schädel) stanit nicht von der fonn des hügols, sondern
aus der legende, dass dort Adams haupt begraben lag (Tobler 254 — 55).
4) Der glaube, dass Jerusalem der weltmittelpunkt sei, der auch in mittel-
alterlichen „radkarten '^ darstellung gefunden hat, ruht auf einer falschen Übersetzung
der psalmstelle 74, 12; die fixierung desselben in der heil, grabeskircho ist zu ver-
schiedenen zelten ganz verschieden gewesen (Tobler, Golgatha 277, 326 — 330).
5) Heute noch unter denselben namen erhalten. 6) Lücke.
7) Mariae schale. 8) Sehr verschieden fixiert. 9) gäbe.
10) Die kirche Maria de Spasmo (Tobler, Topogr. 1, 450—51).
184 RÖHRICHT
weyter auf aim tryweg^, do die Juden Simonem Cirineum bezwangen,
das kreutz zu tragen gotes Herren, syben Jar syben karen. Item ain
Bogen 2, do vermaurt ston die zwen Stayn, alls Pilatus das vrtail fallt,
vnnd auf ainem Cristus vnnser Herr, vnnd auf dem anndem Pilatus stand,
gedacht würt ablas syben Jar. Item das Haus Pilati, ist nun ain Ross-
stall, do got gegayslet worden ist, ablas syben Jar. Aber das Haus in im
selbs würt noch bey Zeit in gröstem Reichlistem gebaw gewesen sein,
alß dann erzaigt der Vmbkrais. Herynn wont noch bey Zeit der Regennt
der Stat^ vnnd zeucht sich von ainem tayl auf den Beschluss dess tem-
pels, den Ich heraus bey Basten beschawet hab. Item bey disem das
Haus Herodis, etwas höher gelegen dem Berg nach, auch zerstört*,
ablas syben Jar syben karen. Item ain kirchen, do die wirdigst muter
gepom ward^, ain Hauß Joachim vnd Anne, herynn würt gesehen ain
gewelb vnder der erd mit enngem einganng vermaurt vnd finnster.
Da soll die geburt verlaufPen, auf ditz mal last man nit vil Bilger mer
hinnein, muß gellt zalen, ablas aller sünd. —
Item ain gros tieffe ergrabne grub , ainem gemaurten weyer gleich,
do das wasser was, genannt Pisina^, das im Jar ain mal von dem-
enngel gots bewegt, vnnd welcher dann der krannckhen des ersten
darein kam, ward erlediget, do got auch den Betrysen^ gesund machet,
ablas syben Jar. Item die port, durch wölhe sannt Steffan gefuort
ward®, züuerstaynigen, syben Jar ablas. Item die guldin port^, do
der künig aller könnigen an dem palmtag durch gerytten, ablas aller
sünd. Item das Haus Veronice, gar zerrissen vnnd zerstört Ab-
las syben Jar. Item der tempel Salomonis, das mich bey schönestem
bedaucht zu schauwen sey alls zw Jerusalem gesehen mag werden.
Wiewol man vnns nit darynn gelassen, hab Ich doch von dem Berg
Oliueti vnnd auß dem Haus Pilati, wie obsteet, souil vermerckht, das
ain schön gebew, vnnd in gros wird vnd acht gehallten, eingemauerte,
do ain weite ist, allain ettlich Bäum halben vnd etlich Stegen, ist er
vast gros vnnd weyt, in quader gestellt, also das Ich nit wol verglei-
chen kan. Aber meins Bedünckhens, das manche Stat etwas geacht,
die nit so weyt in Begryf hab. Diser vmbkrais ist mit zwölf eingäng,
schöner porten, bewart, zw allen orten, vnnder wöllichen manich Am-
1) Das sogenante Trivium. 2) Der Ecce- Homo -bogen.
3) seit 1508 (Tobler, Topogr. I, 231).
4) Eine auffallende angäbe, da dies haus nach anderen quellen bei beginn des
sechszehnten Jahrhunderts als besonders prächtig sich zeigte (Tobler, Topogr. 1, 650 — 51).
5) St. Annakirche. 6) Probatica piscina, der schafteich. 7) ahd. bet-
tiriso = betlägeriger. Matth. 9, 2. 8) St. Stephanstor. 9) Porta anrea.
BIRICHT ÜBER KINE JXRÜSALEMFAHRT 185
pel hanngen, durch welche man weit zw dem tempel sehen mag, der
do steet in mytten, in rundy gepawen, mit vil vnnd manich fennster
geziert, darzw mit lustigem gemeel, das man nennet Musagica^ geord-
net, von ynnen wais Ich nichtzig, dann Ichs nit besehen, sonnst sinnd
auch ander kirchen den Hayden gepawen, die zw vnnd stand nach
In Begrif des gemaurten Beschlus. Ist ablas aller sünd. Item das
Haus Bartolomey^ do kain mor inn wonen mag. Item die Stat, do
Abraham seinen sun Jacob geopfert wolt haben. Item die Eysinn
port^ Item die gefennckhnus sannt Peters, da Ich an seinem tag inn
gewesen bin. Ablas syben Jar. —
Item auf den drewvnndzwaintzigisten Juli warden wir morgens
frw gefuert zw fuos gein Bethania, do vf dem weg ligt das Haus Judas,
da Er sich auch erhennckht. Daruon auf zwu meyl zw dem Haus
Simonis Leprosi, do das mal gehallten was, alls Lazarus erstannden,
vnnd daselbst sancta Madalena den Herren begoß mit der kostbarlichen
salb, daruon Judas geergert, den Herren verryet. Weyter zw dem
Haus vnnd grab Lazari, da ist ablas aller sünd. Nahet darboy ain
HüUtz*, da sancta Maria Magdalena etlich Jar gebüest, auch der Stannd,
alls Jesus sprach, Lasarus kum herfür, ablas syben Jar. Item ain
guten weg, ain schlangen schuss daruon zw dem Haus Marie Magda-
lene, alls Martha zu Ir kam sprechen, der Herr ist hye, ablaß aller
sünd. Item auf ain Büchsenschuss das Haus Marthe, in dem der
Herr offt zw Herberg was, ablas syben Jar. Item nahend darbey der
stain, auf wölchem der almechtig got rwet, alls Im begegnet Martha,
Sprechen, Herr werst hie gewesen, wer mein Bruder nit gestorben,
ablas syben Jar syben karen. Item auf. demselben weg, am Haimer-
keren, besuchten wir die haylige stat des Bergs Oliueti, vnnd zum
ersten an die stat, do der Herr sannt die zwen Jünger nach dem
essel, genannt Betphage, den Berg hinauf in die kirchen, do der
almechtig zw Himel gefaren, alls mann dann in dem Stayn die fuoß
tryt sieht, ablas aller sünd. Darbey das grab sancte Pelagie, vnnd
do sie gebüest hat, ablas syben Jar. Item auf die Recht Hannd das
Haus Galilea*, die stat, do der enngol dess Herren der muter gots
verkhünt Ir Hinscheiden, ablas syben Jar. Item alls wir abgestigene
waren zw der kirchen sannt Marco, do die Apostel den glauben auf-
gesezt, ablas syben Jar. —
1) Musivisch. 2) wird nur in einer einzigen pilgerschrift ohne Orts-
angabe erwähnt (Conrady 260). 3) Porta ferrea.
4) Algemein wird eine höhle als biissplatz angegeben (Tobler, Topogr. II, 459).
5) Vgl. Tobler, Siloahquelle 246.
186 RÖHRICHT
Item darnach zw der Stat, do der almechtig got von dem Jüng-
sten tag warzaichen geseyt, Sprechen, so Ir werden sehen krieg, den
Bruder wider den anndern aufston ablas syben Jar. Item darnach,
do Er das Pater noster aufgesetzt, ablas syben Jar. Item darnach
zw der stat, da er geweynt haben soll vber die Stat Jerusalem, Spre-
chen, so du auch bekanntest, würdest auch waynen, ablas. Item
auch zw der Stat, alls vnser fraw zu Himel gefaren, sant Thomas Ir
gürtel empfieng, ablas syben Jar. Item darbey die Stat, do die him-
lisch königin rwet, alls sie zw den hayligen Steren gon wollt, ablas
syben Jar syben karen. Item darnach zw der Stat, da der eriöser
drew mal gebettet, in ainer wunderbarlichen Hüly, ablas aller sünd.
Item darnach zw der Stat, die man noch bezaichnet sieht mit drew
sitzen, alls der Herr die drew Jünger sitzen ließ zu beten, vnnd sie
darnach in Schlaf Seiend, ablas syben Jar. Item nahet darbey zw der
Stat, aUs Er gefanngen gepunden wurd, ablas aller sünd. Item die
stat darnach do Petrus Malcho das or abhaw, ablas syben Jar. Item
die stat, do sant Jacob der mynder sich verparg, do darnach ain kir-
chen gepawen ward. Da ligt auch das grab Zacharie prophete, ablas
syben Jar. Item nach dem zwletzst, vnnder dem Berg, zw dem Döri-
lin Gethsemany, do der Herr die Acht Jünger lies, ablas syben Jar. —
Item an demselben tag vnnd ganng warden wir gefuert zu
wissen die hayligen steet des tals Josaphat. Item die stat do sannt
StefFan verstayniget worden, sieht man noch scheinbarlich in ainem
velsen, alls er gefallen für find vnnd gebeten, ablas syben Jar syben
karren. —
Item den Flus dess Bachs torrens Cedron, der, alls Ich sah,
ganntz ersihen , vnnd nach meinem Bedünckhen gar seilten wasser haben
sollt, über wölben das haylig holtz, der Stammen des hayligen kreutz
lang Zeit ain steg, darüber zu gan, gewesen ist. Nun aber ain geweiht
Staynine Bruckh^ ablas aller sünd. Item die kirchen vnnser fi^wen,
do Ir haylige gräbnus ist, ablas aller sünd. Dise kirch ist nit hoch
auf dem ertrich. Aber hinnab, ob viertzig staffeln 2, zimlich weyt, da
im Hinnabgon auf die rech(t) seit begraben sannt Joachim, vnnd zw der
linckhen der halben stegen sannt Anna, zw vnnderst ain vinster gewelbt
tabemacul mit zwayen tümen stet das haylig grab, in grossen eeren
vnnd wirden von Moren gehallten 3, nit vil mynder dem hayligen grab
1) Es ist die untere brücke gemeint.
2) Andere angaben bei Tobler, Siloahquelle 150.
3) Also die Abyssinier, -während sonst die Franziskaner als besitzer erwähnt
werden (ebd. 152 fg.).
BERICHT ÜBBB IINE JERÜSALEMFAHRT 187
Cristi, mit Ampeln vmid liechtern bezündt, das auch den moren gros
Zaichen beweist. Dise kirch stet nachend zw dem ölberg. Item auch
das grab Joseph, ain geraahel Marie, ein in ain velsen, ablas syben
Jar. Item zw der rechten Hannd ain thum, in wölichem der konnig
Josaphe begraben ligt^, ablas syben Jar syben karen. —
Item auf den vier und zwaintzigisten tag Juli des morgens wur-
den wir gefuert, die andachtigen stet zu suchen des tals Siloe, in des
ersten zw dem Ackher dess bluts, kaufft vmb die dreyssig pfennyng,
wölcher mit nun grossen löchern bezeünet, die do gonnd in tiefife ains
gewelbs, darein man die leichnam werffen was 2, ablas syben Jar. Item
zw ainer Hülyn, do die Jünger verborgen lagen, zw der Zeit der des^
Cristi bis zw der auferstenntnus, ablas syben Jar syben karen. -
Item die stat, do Ysaias zerseget vnnd gemartert, da auch sein
begrebnus was, ablas syben Jar. Item darnach zw ainem grossen
gepew mit vil vnd wunderbarlichem gewelb, die do weit in borg sich
streckhen, würt geseyt gewesen sein das Haus der müntzung Salomo-
nis*. Durch ditz luef in tyefife der Aus Syloe, da sich der Blind ge-
weschen vnd darnach sehen ward, ablas syben Jar. Item darnach
zw dem Brunnen Syloe, da die wirdig muter gots dem zarten kind-
lein sein Bewickhlung wuosch. Diser Brunn ist wunderbarlich gehawen,
in ainen Berg, der hat ain außganng, durch denselben^ durch graben,
daruon kumbt Natatoria Syloe, ablas syben Jar. —
Item auf denselben tag zw aubend spat warden wir aber gelas-
sen in tempel des grabs Cristi, da dann nach ains yetlichen Inbrün-
stigkait andechtigklich gebeten ward, vnnd vmb mittennacht angefan-
gen vil heyliger messen gehallten, alls morgen zwu stund in tag wider
außgelassen, ablas aller sünd. —
Item auf disen tag warden mir gezaigt ordenlichen nach ainander
die hayligen stet dess Bergs Syon ausserhalb des pflasters. Item die
stat, do sant Mathias in die Zal der Apostel erweit, ablas syben Jar
syben karen. Item die stat, do sant Jacob der mynder in ain Bischof
zw Jerusalem er weit worden ist, ablas syben Jar. Item die stat, do
die muter gots gesalbet ward nach Irem seligen sterben, ablas syben
Jar. Item die stat, do die erst kirchen gestannden der weit, do der
wirdigen Junckhfraw Marie vierzehen Jar wonung erkhennt würt nach
1) Vgl. Tobler, Siloahquelle 309.
2) Hakeldama; die beschreibung der dortigen grablöcher siehe bei Tobler,
Topogr. n, 264. 3) Lücke.
4) Diese angäbe findet sich nur noch in der jüdischen legende (Tobler, Siloah 26).
5) Lücke.
188 RÖHRICHT
dem todt vnnd sterben Irs lieben sons, da sie auch auß diser Zeit
verscheiden, ablas aller sünd. Item die Stat, do sannt Johanns euan-
gelist vil mal meß gehallten der vnbefleckhten Muter, ablas syben Jar
syben karen. Item die stat, als do stand die betruebt muter vnnd
Junckhfraw vor dem Haus Cayphe, zu merckhn die straych vnnd
Schmach Irem aller liebsten Sone on vnndterlaß angethon warde, ablas
syben Jar. Item das Haus Cayphe, do got der vnschuldig so gros
vnnd hart Marter gellten, von seinen Jüngern verlögnet, die stat man
augenscheinlich sieht, do auch der Han gestanden. Dis Haus ist nun
ain kirchen genannt sant Saluator^, da auf dem fron altar der gros
stein ligt des grabs Cristi. Auf die recht Hannd ain Hülyn, darynn
das haylig lamb gefanngen lag bis zw tag, ablas aller synd. Item die
stat, alls der Herr sandt vnnd zertailt die Apostel in die gantzen weit,
ablas syben Jar. Item do sant StefFan zum anndem mal begraben mit
sant Gamahele, Nicodemo et Abibon 2, ablas syben Jar. Item die stat,
do das Osterlamb gebrotten, ablas syben Jar. Item die stat, do got
den Jüngern prediget, nahend darbey die stat, alls die Himlisch ktinig
zuhört den haylsamen werten Irs lieben sons, ablas syben Jar. Item
nahend darbey das grab Dauid, Salomonis vnd der anndem konnigen.
Item die stat an dem kloster nehest, do die himlisch königin Ir Bet-
haus hielt, ablas syben Jar. Item die stat, alls die Juden den leich-
nam der muter der Barmhertzigkait bei-auben weiten 3, alls sy in zw
grab trugen, vemiainen, ablas aller sünd. Item die kirchen aller enn-
geln, die ist gosein ain Haus Anne principis*, in wölhem der Herr
vnnder annderm pein vnnd schmach, den horten straich empfanngen
hat vnnder das wunsam anntlütz. Da ist ain alter Ölbaum, an weihen
Er gebunden worden ist, bis man den fürsten der priester aus dem
schlaf ervvaekht, ablas syben Jar. —
Item die stat, aUs sannt Peter dess Herren verlaugnet, in sich
selber schlug, rwet vnnd wainet innenklich, do auch ain stoltz schön
kirchen gestannden, ablas syben Jar syben karen. Item ain kirchen,
in welcher sannt Jacob der morer ennthauptet, ablas syben Jar syben
karen. Item die stat, alls der Herr den drey Marien erschin, spra-
chen: Auete, seind gegrüest, ablas Syben Jar syben karen. —
1) Vgl. Tobler, Topogr. 11, 156.
2) Tobler, Golgatha 356.
3) Tobler, Topogr. II, 128 fgg.
4) Das haus Hannas oder zu den engein, bei den Arabern ölbaumkloster'
genant; vgl. ebenda 11, 364.
BERICHT ÜBEB EINE JSBUSALEMFAHBT 189
Item den fünfviidzwaintzigisten Juli vf die nacht sind wir gefa-
ren gein Betlahem, daselben die heyligen stet gesucht vnnd gesehen^.
Item zum ersten auf dem weg das Haus Simonis, der den Herren
beschniten vnnd vnder seinen Armen gehallten, ablas syben Jar. Item
an dem weg ain Baum, darunder die Haylig Junckhifraw ruet, kumen
von Betleem, ablas syben Jar. Item darnach auch auf dem weg drew
Zisternen, do bey der stem wider den drew könnigen erschin, ablas
syben Jar. Item die stat auch an dem weg, do der enngel Abagug
nemen was bey dem schöpf, füren In gein Babylonia in die löwen
gruben zw Daniel, ablas syben Jar. Item ain kirchen, do geporen ist
der prophet Elias, ablas syben Jar. Item das Haus Jacob des Patriar-
chen, ablas syben Jar. Item das grab Rachaelis, ain hausfraw Jacob,
ablas syben Jar. Item in BeÜehem außwendig dess Dorfs ain aller
schönst kirchen gewesen vnnd noch ist, doch nit in paw gehalten.
Herynn sind die heiige stet, zw denen wir gefuert wurden mit ainer
andechtigen proceß^, der kirchen erben zw der stat, do der almechtig
beschniten, ablas aller sünd. Darnach zw der stat, alls sich bereyten
die Hayligen könnig zw dem opfer, ablas syben Jar. Item darnach
in ain krunfPt, etüch Staffel ab, in ain Hypsch Capell, do vnnder ainem
altar die stat ist, do vnns das hail vnnd abwaschung vnnser sünd
geporen ward, ablas aller sünd, nahend darbey die stat, alls Er zwi-
schen die vnnuernünfftigen thier in die krippen geleyt ward, gar orden-
lich mit ainem Marmel geziert, darin funden vermerckht würt ain
schön Bedeutnus ainer Figur sannt Jheronimus, ist auch ablas aller
sünd. In derselben Capellen zw hinderst ain loch, bezaichnet mit
ainem Marmel, do der stem sich versanckht wunderbarlich, ablas syben
Jar. Item von dannen durch ain gehawen Berg zw dem grab der
unschuldigen kindlin, das seltzam zu sehen ist, ablas syben Jar syben
fcaren. Item vnnd alls solichs gescheen, fürt mans in die Capell sannt
taterinen, verkhünden, das do selben die gnad zu erlanngen wer, mit
*iloi Verzeichung, alls ob man zw dem Berg Sinay, do die haylig
Jtt^nckhfraw leibhafft ligt, zu erlangemi wer. Hierumb wer etwar ein-
fart; hat, wolt mans im abnemen, sach aber niomands, der sich lies
desselben absoluieren. Also was eben spät, ward den Bylgem von den
^ätr^xn, daselbst wonen, gegeben ettlich wein. Also macht man Cola-
tion 3. Darnach vmb mitennacht ward haylig Meß vnnd Ämbter ge-
^aUten. —
1) Die hier genanten heiligen orte sind in allen pilgerschrifteu ohne abwei-
dtuigen aufgezählt.
2) Lücke. 3) collation, frühstück.
i
190 . RÖHSIGHT
Item die Heyligen stet werden gesehen , ligen vmb Betleem nahend.
Item die Hüly, darinn die wirdig Muter Ir lieb kinnd ain lanng Zeit
gestigen hat, vor dem könnig Herodi, auß welchem ettlich steyn, die
man nennet die Milch vnnser frawen, sinnd gut zu brauchen, so ain
fraw Ir milch verleurt, gegeben in ainem wein oder brüe^. Item die
stat, alls der enngel gots den Hirten die gepurt verkhünt, da auch
gesungen wart Gloria in excelsis deo, an derselben stat hat darnach
gewonnt die lieb Junckhfraw Eustachia mit Ir geselschaffi. Item dar-
gegen an ainem Berg ain annder Closter, do Ir Muter Paula gewonnt
Item die gegen dess grabs, da ligen die zwölf propheten. Item der
Berg, do Dauid Golyam erschlug. Item ain tal, da vor Zeiten der
Haylig Abbt Sabbe, mit sambt vierzehen tausent Brüdern, gewonnt
soll haben. Nun nit ainer. Darbey das kloster Agathonis dess Abbts. —
Item am sechsvnndzwaintzigisten tag, der do was sannt Jacob
des Apostels sind wir durch Betlaem durch Rauh vnnd Birgig weg
gefaren in das gebürg Montana Judea geheyssen. Alls vf die Newndt
stund kamen wir zw ainem Brunnen, do wir ain weyl ßweten vnnd
erlabten des kallten wassors. Bey disem sagt man geteuft haben sannt
Philippus Apostl Eunichum^, von dannen aber ain Rauhen weg, Berg
auf vnnd ab vnnd durch ain vngepawen staynet lannd, kamen wir
zw dem Haus Zacharias, in wölhem Elisabeth besuecht ward von der
himlischn könnigin, da sich wunderbarlich Ding verluof, alls man list
in der geschrifft, vnd auch do das Magnificat^ erdacht worden. Die
stat ist etwas in ainem Nydern gemach gewesen, ablas aller sünd.
Item auf diser die stat, alls Zacharias begert den schreybzeug vnnd
schreiben was, Johannes ist sein Nam, vnd von derselben stund an
ward auf thon sein mund vnnd gestelt das Benedictus dominus Israel^
ablas aller sünd. —
Item ain guten weg daruon die kirchen, die vor Zeiten schön
gewesen. Nun aber ain kwstal, darynn der heylig Johannes der teufer
geborn, in ainer finstem hylen, ablas aller sünd. —
Item am Haymfaren, nachend bey Jerusalem, ain schön kloster,
darynn etlich Cristen wonen, genannt Gophty, vnnder dem fron Altar
ward vnns bewisen ain loch, do das Haylig kreutz Cedrus gewachsen
sein soll^ —
1) Die sogenante milchgrotte; zur sage vgl. Tobler, Bethlehem 234 fg.
2) Den Eunuchen, kämmerer aus dem mohrenland. Apostelgesch. 8, 27.
3) Luc. I, 46 fgg. 4) Luc. I, 68 fgg.
5) Das kreuzkloster (Tobler, Topogr. 11, 733), in dessen besitz 1519 die Grie-
chen waren, während unsere quelle die Kopten als besitzer nent (ebd. 738).
BERICHT ÜBER EINE JERUSAXE&IFAHRT 191
Item auf den syben vnd zwaintzigisten tag Juli zu nacht sind wir
aber eingelassen worden, die gnad der Heyligen steten zw erlanngen.
In derselben nacht man bey vier und zwaintzig zw Riter schluog \ der
man hernach mir zw Memoria gestelt wurd. Ich was auch in der
Capell, alls man Ritterlich beziert, mit güldin kettin, sporen vnnd
Schwert, weder das Ich das glückh nit haben könnt, auß ainem paum
ain herren zu erweit werden. —
Item auf den Acht vnnd zwaintzigisten tag Juli vmb Vesper Zeit,
ward yederman bestimpt zu faxen vnnd besuchen den Hayligen Aus
Jordan, also beliben etlich doch wenig, Ryten dieselb nacht durch bis
gein Jericho, daselbst man etwas wenigs aß vnnd tranckh. Darnach
eylends wider auf, vnnd kamen, alls die sunn auf gieng, zw dem Hay-
ligen Aus, do sich dann ettlich Araber sehen Hessen, hierumb wir
vnns nit lanng saumpten, auch stund vnns ain Bylger ab, der do
ertranckh von den anndern schyf, warden daruon auch die Bilger
erschreckht, vnnd nit vnbillich, wann es schnelligklichen zugieng. Ich
het den armen Menschen erwüscht bei dem Har, mocht Im aber nit
zw lannd helfen, dann Ich besorgt, würd mich auch ergreyffen, könt
ich dann nit mer von Im komen, got helf der sei 2. —
Item alßbald legt sich menigklichs wider an, zogen hinder sich
zw der stat, die man nennt karanthana^, zu ainem Brunnen, do Eli-
seus das ysin einwarf vnnd schwimmen macht, vnnd alls wir dar kamen
auf den Mittag, beten wir erliten ain grosse hitz, waßen sich etlich
Bilger erfristen in dem Bach, das darnach zw übel erschos, dann gar
manicher kranckh ward, auch etlich stürben darnach. —
Item als wir etwas geessen vnnd trunckhen, waren vnnser etlich
der Bilger, die nit achten die gros Hitz, steigen auf den hohen sorgk-
lichen Berg, do der almechtig viertzig tag vnnd nacht in ainer wun-
dersamen Hülyn gefastet hat, bey der sonst auch vil annder Hülyn
seind, darinn noch vil Haylig männer vnns hören sterben, gelebt haben
hertigklich, ablas aller sünd. Zw oberst dess Bergs ain Capell, do der
teufel den almechtigen versuchen, was sprechen, so du mich anbetest,
gib Ich dir vnnderwürflich alle dise Reich ^. Da sieht man die gegnen
aller wellt, ist ablas aller sünd. —
1) Merkwürdigerweise erwähnt Ottheinrich 377 diesen ritterschlag nicht.
2) Vgl. Ottheinrich 378.
3) Der berg der Versuchung Quarentana, arab. Kunintul. 4) Erfrischten.
5) Nach den übrigen berichten (Toblor, Denkblätter aus Jerusalem 715 fg.)
war im sechszehnten Jahrhundert dort keine kii'che noch kapolle mehr, sondern nur
ein trümmerhaofen.
192 RÖHBICHT
Item auf dem weg würt diß gesehen von Hayligen steten. Zum
ersten das Closter Joachim, alls Er wonen was vnnder den hirten,
nach der außtreybung dess tempels. Item die stat, alls ain Man komen
von Jericho, ward angryfifen von den Raubern. Item die stat, alls ain
Blynnd sitzen bey dem weg gein Jericho, schreyen was zw dem her-
ren, 0 ain sun David, erbarm dich mein. Item zw Jericho das Haus
Zachee, darynn der herr empfangen ward. Bey disem ablas syben
Jar syben karen. —
Item das Closter sancti Johannis Baptiste, das vf ditz mal etwas
weyt von dem Aus dess Jordans stat, da ist auch die stat gewesen der
teuffung Cristi, ablas aller sünd. Nahend bey disem sieht man das
tod mer, alls die fünf stet versunckhen. Item an dem anndem teil des
fluss faht an die gros wüsten in Egipten. —
Item auff den Newnunndzwaintzigsten tag Juli vor tag kamen
wir vast vnnd hertigklich beschwert von hunger, durst und schlaf,
dann in drew nachten mit den tagen nichtzig geschlafen, auch etlich
vbel geessen vnnd trunckhen, wider gein Jerusalem, ßweten den tag
vnnd die nacht also. —
Item auf den dreyssigisten tag Juli luden die väter des Bergs
Syon die Bylger zu gast, vnnd alls im aufheben beschah ain ermanung
an die Bylger, das sie Ir Almusn mit Raychten nach ains götlichen
Vermügn, do durch die Haylig stat bewart vnnd die Brueder narung
haben möchten. Also ward aufgebebt ain erber Summ, doch sollten
die Brueder leben, auß dem das Ich sach die welschen geben, würden
nit alls fayst packhen tragen^. —
Item auf den Ainvnnddreyssigisten tag Juli vermainten wir hin
von Jerusalem zu scheiden. Also ward vnnser patron mit ainer kranck-
hait beschwert, die do werdt in driten tag. Also ward vnnser hinfart
verzogen bis auf den driten tag Augusti. Darzwischen kam Ich Zwir-
net in den Tempel dess Hayligen grabs mit bezalung vier Marckhet*,
schieden also auf den genanten driten tag Augusti auf den aubend von
der Hayligen stat. Aber von Bösen leuten kamen derselben nacht zw
herberg bey ainem prunnen zehen meyl von der Stat, haist Föns Jere-
mies. Item auf den vierden tag Augusti zw mittag kamen wir gein
Rama, do wir behallten wurden zwu nacht in gros sorglich vnrw, dann
wir besorgten Hunger vnnd Durst müsten leyden, unnd alls auf den
1) Dass viele pilger sich undankbar gegen die gastlichen mönche zeigten, ist
auch sonst bezeugt (RM. 29).
2) Ein marchetto ist V« weisspfennig ; vgl. RM. 16.
3) Heut Kuiiet el-Aneb (Tobler, Topogr. II, 748).
BERICHT ÜBER EINE JEBÜSALEHFAHRT 193
sechsten tag dess Morgen warden wir zu reyten bestimpt, auf solichs
was yederman auf, vnnd alls wir ain wenig für die Herberg hinaus,
warden wir wider zurückh getryben, der do der Hinderst was, empfannd
wol der straichen, mußten wider in die beschlossn Behalltung auf
zwu stund. Also darnach was man wider auf, vnnd kamen auf Mit-
tag gein Jaffat, musten daselben beleyben bis nahend zu nacht, war-
den etlich vbel geschlagen, doch mir beschach nichs von den gnaden
gots. Etlich fuoren von stund an zw schif, schannckhten aber zwen
Marcel^ für den Man, das der merertayl der Bilger nit thun wollt, wir
ließen vnnsem patron von etlichs spanswegen zu Bama, der behalten
ward auf etlich tag. —
Item als sechs tag Augusti, auf die nacht wie obstet, kamen wir
wider zu schif vnnd warden also verhallten bis auf den zehenden tag,
das wir nichs vememen kunten von Vnnserm patron, der zw Bama
verhallten was 2. Deßhalb ain vnrw zwischen den Bylgem ennstund.
Etlich vermainten, verschaflEt werden, mit gewalt, die segel aufzuzie-
hen vnnd daruon ze faren, was vnns zw ...» er helfen solt, den patron
solatieren*, oder syn kaufmanschatz vertreiben oder verenndem. Etlich
vermainten, das lannd hinauf zu faren vnnd In mit gewalt erobern,
alls vor auch beschehen ist, mit ertödten, was man findt, etlich böser
zu sein, ain gewiß erfarung vnnderston zw haben, ob schon etwas
kosten würd, vnnd so man dann gewiß vernomen, den gedachten patron
auf Damasco geryten sein, solt vnnd möcht man dan darzw thun,
vnnser weg zu faren. In diser red, die zwen tag gewert, vnnd als
auch etlich dess schifs Begirer nit ains werden konnten, welcher patron
sein sollt, dann ain yetlicher dess Begennts begeret, das zuletzst mit
Harraufen gericht ward. Ainer dess schifs schreyber, ain gestannder^
Man, zoch oder ryß ain Zan auß dem Mund, zu bedeuten, vngerochen
nit lassen hingen gegen ainem Jungen, des Patrons knecht, der mit
Im gereufift hat Inn solichem auf den Mittag des obgenannten zehen-
den tags Augusti ward vnns aygenntlich gewysen, den vilgedachten
patron am Lannd zu sein, der auch von stund an hernach komen
wurd, alls beschach auf zwu stund hernach. Da wurden ettlich Inn
begrüessen, etlich nit, wann sy maynten, wo Er het wölln, wer man
zw derselben Zeit in Cipem, dann es sich darz wischen vil guts winds
1) Ein marcello ist c. 5 reichspfennigo (RM. 16).
2) Über den wahren grund siehe die genauen nachrichten unten im zweiten
texte. 3) Lücke.
4) Ob Bcollare, losmachen?
5) erüahrener, entschlossener; vgl. Mhd. wb. 11, 2, 576.
ZERSOHBIFT F. DKUT8CHS PHILOLOOIE. BD. XXV. 13
194 BÖHRIOHT
verlauflfen hat, satz sich also alle ding nyder, vnnd auf gutem weg
belyben, das nit weyter red enntstund. Darnach gar bald ward man
die segel aufziehen, zu rüsten vnnd sich keren, wo wynnd kam, hin-
zufaren. Item alls auf denselben zehennden tag nach Mitnacht, bekham
ain wind, lies man die segel fallen, ain yetlichn nach einander mit
seinem zugehörenden geschrey vnnd gesegen, die dann die Marinary^
nach gewonhait her zw haben, so sy von ainer port zu schiffen ver-
mainen. Alls gegen tag warden wir getryben so weit, das man das
Haylig lannd nit dann von ferren sehen möcht, schifften also fiirt,
vnnd vf die nacht stund aber Bonatza an, der do wert die nacht, mit
sambt dem zwölften tag Augusti, das wir gar wenig des wegs gestreckht
wurden. Herzwischen verluren wir Vnnser mitgespanen^, die Bartzot-
ten 3, das wir In von ferren nit mer sehen konnten. —
Item dieweyl mir nichs von der heyligen stat bißher innsunders
zu bedencken gesetzt, das Ich doch leychtlich vergessen würd, schafft
krenckhe meiner gedechtnus, will Ich mir ditz kürtzUch zw ainer Me-
moria. Die Haylig Stat, alls nun sichtbar steet, hindan gesetzt was
zerstört, von ~dem Ich nichs acht, dann alls vil es gUlt, ertrich vnd
steyn, ist gepawen von oben des Bergs Syon, streckhen sich hynnab
zu tal, das man nennet Josaphat, doch nit gantz dann noch ain zim-
liche Höhin ist, bis zw vnnderst dess Bergs, do dann der Bach Cedron
sein Aus hat, an welchem stet der Oliueti. An wölhem ort auch gar
kain wonung sind dann der Tempel dess hayligen grabs, vnnser frawen
vnnd die anndem hayligen stet, die oben bedeut stond, mitsambt
etlichen allten gräbern, vnnd harumb ligt die gedacht heylig stat, wol
zwischen zwayen Bergen. Auf ditz mal aber ist kain wonung, allain
den Berg Syon hinnab, welher stat vmbkreis vnnd weyte mich bedaucht,
vergleicht mögen werden ainer zimlichen stat in vnsem lannden, alls
Zürich oder Bern, Irsgebawes, aber gar nichs in eren, mag wol vor
Zeiten ain herlich Ding gesehen sein worden, dünckht es mich doch
der Cristen munier vnnd wonungen nit vergleichen mögen, das Ich
heran ß nym von den vnndersten gewelben, die nit wol haben zerbro-
chen mögen werden, darynn noch die leut wonhafft sind, die gar
schlecht zugerüst. Darzw so man gat auf den Marckht, den man nen-
net Magar^, der gar in gewelb stat, in ainer grossen weyte, dardurch
manich stras geordnet, an etlichen sitzen die kaufleut, an etlichen die,
die Baumwollen verkaufen vnnd sie arbaiten, an etlichen, die kraut
1) marinaro ital. matrose. 2) reisegonossen.
3) Parzotto ist der name des zweiten pilgorschifs (Ottheinrich 378).
4) bazar.
BERICHT ÜBER EINE JERÜ8ALEMFAHRT 195
vnnd Obs fayl haben, an etlichen die handtwerckhsleut, synd doch die
lädlin oder^ derselben Inn woner so enng vnnd klain, das wol ain
schein hat, nit sonder gewesen sein solle, dann die ledlin. Haben nit
thüren, noch ander außgenng, dann allain ain Bogen, darynn der Inn-
woner sein Armut beschleust, mit etlichen Brytem verstellt. Daseiben
mus Er auch auß vnnd einsteygen, diser arbaytseligen Hülin seind
mer dann die halben nit wonhafft, sollt Ich dann sagen von den . . .^ der
Juden, die nit bösers verdient, möcht es menigklich erparmen, so
grossem vnlust vnnderligen, darzw von dem vrtail gots besorgt schon
verdambt werden, wolhe von ainer Hülyn in die annder fliehend, so
sie sehen in der anndern vnflats halber, oder das niderfallen wollt,
nymen wonen mügen. Der anndern Inn woner, alls türckhen oder
Moren, wie sie leben oder wanndeln in grossem ellennd, will Ich für-
gon. Allain mich erbarmt Irs lebens, gleich der Armen vnnd der
Reichen. Des will Ich sie gelobt haben, das mer trew einander bewey-
sen vnnd thund, dann manch cristen gemuet gegen seinem nebenmen-
schen thun möcht, was soll Ich sagen, die synd übel behaust, ärm-
klichen beclaidt vnnd noch aller schlechtigist gespitzt », darzw in her-
terer obrigkait gehallten, Also das Ich sagen möcht, weren in alln
vnselig, Allain das sy gnugsamlich mit Betheusem, die sie nennen
Muschoga* versehen sind, deren sie vil hin vnnd her aufgericht haben,
gantz weis bekleidt oder gemalt, darbey sie dann Ir abgestorbnen ver-
graben. Dis stet seind vnns cristen verpoten zu berüren, vnnd das
Ich mer Ir weis bedeut, sind dis nit so wanndelbar zu uerwanndeln
von Zeit in Zeit Ir klaidung, alls etlich wir Cristen, sonders bekleidt
sich der man in ain lanngen Rockh, zw den knoden Im stossend*',
darunter ain lang Hembd habend vom wullen oder tuch, sein köpf
nach Vermögen mit aim Rainen vast weyssen subtylen langen schlayer
oder vast groben Duch vmbunden, so seind Li auch zway bar schuech
mit eyssen beschlagen, ain Jar lanng werend. Der Frawen wat, deren
Ich etwan Zwaintzig oder Vierundzwaintzig min einander zw Iren Bet-
heussem gon gesehen hab, seind gemainlich all mit ainem vast weys-
sen raynen tuch vmbzogen, das man In nichs sehen ist, allain die
fües, das angesicht mit ainem schwartzen seydin tüchlin verdeckht
7nnd dis in der stat, in den Dörflfern, oder auf dem Lannd, vast
ellendigklich mit klaidung versehen. Dis arm volckh ist ain wenig
gellt hanndlen, wolhe sie nennen serafi^, sind Ducaten, Medini^ Ir
1) 2) Lücke. 3) gespeist. 4) moscheen.
5) mit knoten ihn befestigend? 6) seraphi goldstücke; vgl. RM. 16; R. 54.
7) Meidine; vgl. RM. 16; R. 58
13*
196 RÖHRICHT
Schilling, fluß^ Ir mynnst, also das vier auf pfenning komen. Die
Strassen der stat seind enng vnnd vor Zeiten vast all gewelbt, das
darauf niemants nas werden möcht, die durch etlich subtyl taglöcher
schein haben wasen auf dismal, die nit gewelbt ston, sein zw beeden
selten erhebt, das menigklichs zw Regen Zeiten wandeln mag. Die
stat ist vast ein in altem gepew, also das wol vil leuten vor Zeiten
herynn gewonet vnnd noch villeicht wonen mügen, wann Ich Ir nit
abgezelt. Doch ist der tempel Salomonis mer dann der vierdt tayl in
seinem vmbkreis bekümem, do kain leut beleiben. Dise stat ist zu
beschliessen, als man es auch nechtlich beschleust, aber mit aller
schlechtigisten porten. In diser stat sind etlich vil hoch tum, auf
wölhe zu nacht vnnd morgens etlich dar zw bestellt steygen seind, das
volckh mit Irem geschrey zu beten ermanen, Alßdann wir Cristen
bedeuten wollen mit den gloggen, auf disem thum, auch durch das
gantz lannd sind die volkher aufzünden brynnend feurer, zw der Zeit
Irer vasten^, die sich erhebt vnnd anfaht des ersten tags Augusti, vnnd
werdt denselben außhallten dise gewonheit Irer fasten, das sie nichs
essen sind, von ainem stem zw dem andern, vnnd so sie zu nacht
den ersten stern ersehen, heben sie an ermklichen sich zu fürsehen
mit speis, des Ich nit geleben möcht, bezeug Ich mich mit got, Ich
müeste dann thon. Diser Leut tisch oder stul sind anders nichs, dann
die Haylig erd, so haben sie auch nit souil trinckhen noch essen,
gerüst noch Aparatz ^, dann wir gewont haben. —
Item von dem Zwölfiften tag Augusti sind wir gefaren, ains mals
haben Bonatzo, annders widerwertigen winnd bis auf den sybenzehen-
den tag, das wir die Innsel Cipern nit erlanngen. Herz wischen war-
den wir nahend getriben zw dem lannd, das man nennt Barut*, etwas
auf die recht Jlannd weyters dann die Innsel Cipern ligen, doch wol
von vnns mögen gesehen werden, vnnd alls wir nach lanngem Begem
zuletzst auf den gedachten sybenzehenden tag ankamen, bey ainer port
genennt Salline^, warden wir darnach gefuert zw etlichen Heusern^
von dem mer ligen hayssen Lamica^. Do beliben wir den tag, auf die
nacht versah sich menigklich, der mit Roß, der mit Esel, zu reyten,
der gein Famagust, der gein Niclosia®. Ich was nemen den weg,
mit sampt ainem gesellen, auf Niclosia, vnnd alls auf den Achtzehen-
den zu stundin tag, kamen wir zw Herberg diser gedachten stat
1) fuls (vom lat. follis, schuppe), Scheidemünze.
2) im Ramadhan. 3) wol für apparat; vielleicht ist der genetiv gemeint,
4) Beirut. 5) Salinis. 6) ergänze : die fem ... 7) Lamaka.
8) Famagusta, Nicosia.
BERICHT ÜBER EINE JERUSALSBIFAHRT 197
Niclosia, die von dem meer ligt zwu meyl, seind newn Ciperisch meyl.
Das lannd darz wischen vast bürgig vnnd vol Dornen, doch etlich hüpsch
gärtenbaw wellen bringen, warden von weyten gesehen. Die gedacht
stat ist die gewaltigist vnnd vernamptest der Innsel Cipern, wöliche mit
eil testen besten meuren vmbgeben in weytem vmbkreis, doch innwenn-
dig in gebew in kainen eeren, auch vil leer Pletz haben, darzu vil
vnnd manich kirchen vnnd Capellen, da etlich zerstört, etlich in myn-
sten eeren stond. In diser stat hanndelt man manicherlay Müntz, doch
sind die fordersten Carcy^, sind pfenning, Bysanti gonnd zehen auf
ain Ducaten. Da belib Ich den tag, mit sambt dem Newnzehenden
vnnd zwaintzigisten tag Augusti. —
Item auf den Ainvnndzwaintzigisten tag zw aubend Reyt Ich mit
etlichen herren vnnd gesellen zw sant . . .2, der do ligt vierundzwaintzig
meyl von der gedachten stat, ain schön eben lannd, aber auf die Zeit
ganntz erdürret, vnnd alls des morgens kamen wir dahin, do wir fann-
den den hayligen ligen, in ainer klainen Capellen, mit ainem staynin
grossen sarch bewart. Do am Mitten dess Deckhels des grabs sind
zway Löchlin, daraus scheinbarlich fleust ain üquor, den man den Byl-
gem fürsetzt vnnd mit tayl in etlichen klainen gläßlin. Ditz soll zw
allen kranckhen leuten haylsam sein, als wol zu glauben ist. Dann
Ich daselbst sach wonen ob fünf Armer, die sich dess Liquors erner-
ten, vnnd zuletzst in kurtzem vertrauten gesund werden. Den tag
beliben wir da, vf die nacht zugen wir wider zw Niclosia, da belib
Ich den drewundzwaintzigisten vnd den vierundzwaintzigisten tag, zu
erwarten ains teutschen, der den weg wüst. —
Item des vierundzwaintzigisten tags zu nacht was ich allain Rei-
ten, nach dem das thor beschlossen ward, das man mir auch aufthet,
des wegs ain tayl auf Famagust, bey sechs meylen, vnnd alls Ich den
weg verlur, von vinstere der nacht, fannd Ich darnach ain greckhischen
man bey ainem Haus, dem Ich alls vil erzaigt, das Er mich fuort in
ain Haus, da man wein verkauflft, satzt Ich mich vnnder vier pauren
vnnd ain frawen, tranckhen bey ainer stund, bis sie frölich wurden.
Zw jüngst zallt Ich die yrten, vnnd leyt mich darnach nider ain stund,
zu schlaffen, bis der Mon scheinen begund, alls darnach was mich
ainer derselben weysen den Rechten weg, saß auf vnnd kam diselben
nacht mit den halben tag durch ain zimlich gut Lannd, dann das es
1) Carcy (ob aus grossus verderbt?), Scheidemünze; Bysanti, silbermünze:
vgL Desmioni, Giomale Ligust. XI, 1882, 13 fgg. (Separatabzug).
2) Ergänze Montfort; seine grabstätte wird in allen pilgerschriften seit anfang
des fiinfzelinten Jahrhunderts erwähnt und beschrieben (vgl. HM. 23 ; R. 60).
198 RÖHBICHT
mich fast dürr bedaucht. Doch sind manich wonungen nahend bey-
oinander, darzwischen in ainer gantzen ebne, kam also auf die vesper
gein Famagust, die sechsvnnddroyssig meyl von der gedachten stat
ligt, welche in allem sterckhesten gebew ainer JRinckhmaurn vnnd
wunderbarlichen stat grabens, auch allermechtigist Bollwerckh vnnd
thure haben, vmbgeben ist. Inn wendig, so sie mit Munition vnnd
speis alls wol fürsehen würt, alls Ich verston, versehen sein mit mau-
ren, Büchssen vnnd kriegsleuten, mags wol der sterckhsten stet sein,
so auf erden erfunden werden. Von Innen hat sie allt zerstört heusser,
der gar wenig wider in eeren gebracht werden, gibt mans die schuld
den kriegsleuten, der bey Achthundert da wonen. Ynnd von stund
kamen etlich vnnser Zungen, mich emphaen, vnd ain herren schelten,
des Ich mich zum merermal versprach, nicht destermynder must Ich
beleiben. Also begaben sie sich mit mir wollen zu nacht essen, vnnd
weiters, wo sie mir gedienen könnten, das Ich sie vngespart nit ließ,
vnnd erkhannten doch vnder anderm Ir gros Armut, vnnd das sy nit
mer begerten, auß der Innsel entrunnen mögen. Versach Ich mich
wol, wo mein herschaft auß wolt, die mir beleih bis morgen, alls Ich
die yrten zalen sollt, mußt Ich ain Ducaten verzert haben, nach aller
Rechnung. Also bin Ich auch ain mal zw ainem Herren worden, darf
aber dess kain gülden sporn fixeren. Doch acht Ichs klain, dann mein
tag, wo Ich ye hin kam in Itembd land, hab Ich niemand erfunden
meiner landsleuten, oder teutscher Zungen, der mich ansprech, wer
dann ärmer als Ich , das Ich dann nach Natürlicher Billigkait Inn mein
Armut mitzutailen nit versagen möcht. Vnnd ob schon etlich . . .^ warend
in vermügen, mir zu helfifen, wassen sie sich vor mir verbergen.
Ditz must Ich auch bewert nemen zw Rodis, alls ab Bilger von der
hohen teutschen Zungen geladen worden, sunders Ich außgeschlossen,
man gabs aber auch dem zw, das Ich ain schweytzer mich hies, des
Ich mich hernach an vil orten schrib, mich frewet geborn sein ain
Schweytzerlin. —
Item auf den sechs vnnd zwaintzigisten tag Augusti gieng Ich zu
fuos zw sant Katerina, die auf ain teutsch meyl von der gedachten
stat Famagust ligt, in ainem aller größten wunderbarlichsten ältesten
gebaw, das man nennet alt Famagust, daselbst gesehen ain Gapellen
auf aller größten gewelben, wol sich erzaigen ains künigs wonung
gewesen. Daseiben auch nahend darbey die gefennckhnus, allain steend.
In dem felld hypsch zu sehen, nahend darbey zwu staynin seul, daran
1) Lücke.
BBRIOHT ÜBER EINE JBBUSALEMFAHRT 199
die haylig Junckhfraw gemartert, die auch noch blutfarb scheinen.
Auf die nacht rayt Ich allain, mit zwen kriegsknechten, gein Salline,
sind viervndzwaintzig meilen, da belib Ich den sybenvnndzwaintzigisten,
mit sambt dem Achtvnndzwaintzigisten tag Augusti. Item auf den
Achtvnndzwaintzigisten tag zu nacht fuoren wir zu schif, was vnns
der wind alls wider, das wir beleiben mußten den Neunvnndzwain-
tzigisten tag, den dreyssigisten, mit sambt dem ainvnddreyssigisten tag.
Vnnd auf den dreyssigisten tag starb ains Enngellenders knecht, got
hab der seel gedult, vnnd behuet die anndern, dann gar mancher sich
beclagt, im namen gotz der erst, wie der Münich sagt.^ auf den
Barzotten waren fünf daruon. —
Item in der gedachten Innsel Cipem, die vor Zeiten den Breis
behielt, sein die fruchtbarst. Zu diser Zeit der mer vnd grösser tail
vervnnutz, verwüst von den hewschrefifen, die zw etlichen Zeiten in
so gros menng sich auf lond, das von embsiger dickhe die Sunn hells-
tags nit gesehen mag werden, die sich nach narung Irer Natur dann
nyder lonnd, vnnd so sie auf grüne volkomne fellder, seien was ge-
schlecht der fruchten, sich nider lond, werden dieselben von den
genannten hewschryckel verfretzt vnnd gar gefressen, alls wer es ain
dtirryn Egert*, vnnd nye gebawen gewessen. Heruon leidt der Arm
gar schwer vnnd gros nachtail, die . . .^ aber wennd dennocht geessen han,
vnnd auf hohen Rossen reyten, got sey es klagt, nach gemainem
Sprüchwort, der arm leidt an allen orten. Doch nit destermynder ist
noch zw Zeit erberlich wesen, herj'^nn zimlich Zuckher, den man füi-
den besten hallten will, von drey kochen, die auch gar mit grosser
arbait, costen vnnd wunderbarlichen geschyrren, darzw gehörennd, zw
ennd erhellt vnnd gemacht würdt. Darbey grosse menge der besten
Baumwollen, alls auf erden gefunden. Ditz würt vnnd kumt aber vast
der Nutz den vorderigen . . .* Man spricht auch , das in diser Innsel vor
2Seiten das best vnnd schönest goUd gegraben sey worden, das man
noch dickh nennet Ciperest gold. Doch nymer von der Türckhen wegen
dörffen darnach graben, die Ir sunsts gar aufsetzig sind. Es müssn
auch die Venediger Jerlich sechtzehen tausent Ducaten daruon tribut
den Türeken bezallen vnnd zw Haus schicken, wann an ainem ort Er
gar leichtlich in die vil gedacht Innsel komen möcht, wann sie Im
nahend an sein land stost. Darzw das das gi'össer ist dem Armen
vnnd dem Reichen gemayn. Aber den Venedigem am höchsten Nütz-
1) Wol eine sprichwörÜiohe redensart. 2) brachfeld.
3) und 4) Lücke.
200 RÖHRICHT
lieh hat die meer genannt Innsel ain saltzgruob, inner kurtzen Jaren
worden vnnd angestannden, dann vor Weingärten daselbst gepflanntzt
worden. Ist in grosse ains zimlichen weihers. Dis sagt man von
süessem wasser Zusamenlauffen sich daselbst versamblen, würckht dar-
nach die sonn in Irer krafft darein, das der schäum zw oberst ains
gemiintz hoch schneeweis saltz würt, Ringsweis, so weyt das wasser
sich außbrayt anzusehen, alls im wynnter in vnnsem lannden die weyer
gefrürend, vnnd darnach ain schnee darauffallen ist, den man etwan
mit eckhsten gewynnen vnnd aufhawen mus: Also thund sie nit mer
noch minders, dises saltz zu haben, dann etwan zwayhundert vnnd
meer, der mit Eckhsten aufzuhawen, der mit Esel hinweggzufueren,
der zw hauffen worffen, bei den gestat, do sy dann gros hauffen sam-
len, bis die Venediger schiff komen vnnd hinfueren, sunst darf nie-
mants daselbst sich versehen, zu laden, werd dann durch gros bit
nachgelassen, den Venedig ern thut aber niemands weren. Es seind
wol ettlich, die sprechen, dise Saltzgruob sey vnnd enntstannd von
dess meers überlauffen, zw Winters Zeit, vnnd wann dann des Sumers
die Sunn in dasselb wasser würckhen sey, enntstannd dann dasselbig
saltz, das auch wol zu glauben, dann die gedacht stat ligt nahend bey
dem meere, sey aber welhes zum Besten ze glauben für war gehall-
ten, so will Ich dannocht lieber in vnnsern lannden mein leben fueren,
zw Jüngst, nach aufsatz got des almechtigen ennden vnnd beschliessen,
solt Ich das salz noch so tewr sein, macht man doch gut suppen vnnd
häberinn Muos. —
Item also vorlagen wir den Newnvndzwanzigsten, den Dreys-
sigisten mitsambt dem Ainvnddreyssigisten tag Augusti auf dem schi^
das wir Hindern us dess winds, auch das der Naf nit zugerüst vnnd
in Ordnung was, nyrgends hin fürstreckhten, des etUch Bilger schmäl-
ten, vermainten, bas vnnd lieber auf dem lannd verliben sein, zum
mynsten die speis erspart habenn, die In darnach gepresten^ möcht,
so waren aber etlich triben gefürdert werden, zu schif zu faren, vmb
das sy ain klain gellt ersparten, das sie sonnst verzeren mueßten.
Diser waren meer, dann der anndern. Hierumb der Patron vnwillig
In zw willen ward vnnd zu schif kert. Mußten aber hernach dieselben
wol von Im hören, alls es sy beschwert, so lanng verharren, an lannd
zu sein. —
Item auf den ersten tag Septembris in der nacht, die darnach
was dess Ainvnddreyssigisten tag Augusti, auf ain Sambstag, zwu stund,
1) gebrechen.
BERICHT ÜBBR' KINE JEBUSALEBIFAHRT 201
kam ain zimlicher Wind von dem lamid, lies man all segel fallen,
abermals mit gewontem geschray vnnd segen, herzw gehörenndt vnnd
gewont Auf den Mittag ward Calmas, auf die nacht stond der allt
Wind an genannt Prouintza^, der vns mer hindert, Also das wir zw . . .2
hinnauf mueßten, der werdt bis an den andern tag, an welchem ain
eerlicher herr vnnd Vicari auß dem Nyderlannd abstarb, die schuler ^
der Natur bezalt, got der erlöser gedennckh der seel vnd des Namens,
der do heyßt Theodorius de Hagen*. Alls man In besanng, ward Er
darnach balld in das meer geworffen. Derselben nacht hetten wir ain
starckhen widerwind, der vnns den segel, Contra metzan genannt ^
zum tayl in das meer warf, doch kaine sorglichait geberen, dann das
etlich Bilger seer vast erschrackhen, hierumb got, seine hayligen
anruefften. Diser Wind wert den vierdten, den fünfPten, den sechsten,
den sybennden tag, das wir all weg des Aubendts nahend bey der
Innsel hinfuoren, do vnns vil hüpsch gelegenhait, Zuckher vnnd Baum-
wollen bringen gezaigt wurden. Auf die nacht aber must man dem
wind enntgegen weyhen, die segel vmbkeren, do wir dann darnach so
weit zw Bosit^ getriben, das wir der nachgeenden Nacht nit vil beuor
gewunnen, an dem ort wider befunden werden, alls wir daruon ge-
scheiden. Das werdt die genannt Zeit. Doch zuletzst, nach willn dess
herren, lanngten wir gegen BafFet^, da vor Zeiten ain grosse stat
gestannden, erbawt gewesen, auf ditz mal mit klainistem gepew sich
erzaigt. Da waren etlich, vermainten zu lannd gelassen werden, das
doch nit stat het, segelten also Besitz hynnaus, das wir des mor-
gens die Innsel gar nahend auß gesiebt verluren, vermainten etlich zu
sein auf dem Golfo, schifften darnach auf die weyte des mers, vnnd
alls vnns an dem Achtenden tag aber wider wind ankam, der do wert
bis zw morgens des Neundten tag Septembris, was man die Innsel
Cipems, die wol sybenhundert meyl in vmbkreis beschleust, wider
sehen. Daruon die Bilger betruebt, vnnd ward annder annderm ange-
zeigt, das man von ainem hayligen Cörpel zu Niclosie genomen sollt
haben ain tail® desselben hayligen maus, der vnns nit faren lies, wer
dann widerkert. Ditz ward auf ain Bischof gelegt vnnd geredt, deß-
halben Er gar gros Scheltwort von ainem Frantzosen hörn must, etlich
1) provinza 2) Lücke. 3) schuld.
4) "Wird sonst nicht erwähnt.
5) contramezzana, gegensegel am hintermast. 6) beiseit.
7) Bapha, früher Paphos.
8) Ein schiff, welches reliquien an bord hatte, war nach dem aberglaaben der
Schiffer dem Untergänge verfallen (RM. 18; R. 17.)
202 BÖHRIOHT
sunst vmb vnnser sünd willen, vmbtriben worden vermainten. Füren
also vngewis den Neundten, den Zehennden tag, an weihen auch ver-
schaid ain gesel der Riterschaflft, so zw Jerusalem sich het lassen
schlagen, hies der von der Aw, geborn von ...^ der verlies, alls man
saget, ain hüpsch jung weib vnnd jungen kind, darzw vil guts. —
Item des Aylfften tags septembris starb aber ain Briester aus
Pomern. Die beed, alls maus besanng, versanckht mans in das meer,
der ain wolt aber nit zw grund gon, got der erbarm sich der See-
len. —
Item den Zwölften tag zw Aubendt ward man Türckhisch lannd
sehen, daruon wir erkhückht enstunden, vnnd alls auf den dreyzehen-
den tag dess morgens kamen wir Nehand zw dem gebürg, genannt
die Velsen Zinidonia^, ligen in türckheien, an disem warden wir
getriben, dann Neben hin auß, dann wider zw lannd keren, den vier-
zehenden vnnd fünfzehenden tag Septembris, das wir noch kain annder
HofiRaung hetten, dann der hilf gots zu erwarten, der wir auch bedurfif-
ten^ dann vnns abgieng an wein, an gutem flaisch vnd allermaist an
geschmachten wasser. —
Item an disem gebürg sagt man gelegen sein ain alt stat gehays-
sen Cacuba^, alls sich dann des noch etlich thürn erzaigen, wölhe von
Schickung gots versenckht, zw meres grund. Item weiter an disem
gebtirg ward vnns gewisen ain gelegne, do soll ain schlos hayßt Castel
Ros, ston*, vnndertönig den herrcn von Rodis. Bey derselben gegne
liessen sich auch sehen etlich segel, die vnns ain schreckhen versa-
melten. —
Item des fünfzehenden tags heten wir vmb den Mittag ain zim-
lichen genedigen wind, der do wert bis auf die nacht. Damach stund
aber Bonata zw, die do wert denselben sechzehenden tag, kamen also
zwischen das gebürg, auf den Golfo, do wir verhalten in werender
Bonata, das wir des wegs gar nit fürstreckhsten. Doch kam etwan
ain Blosts^, von dem wir erfreut, keret man die segel eylennds, den-
selben zu emphahen, werten aber in kainer sterckhy. Hierumb wir
also vorlagen auch den sybenzehonden tag, das wir das Rodischer
gebürg wol schawen mochten, vnnd hetten wirs wollen abmalen. Da-
rauf? ersehen worden drew Heusser, hayssen das ain Lindaw, das
1) Lücke; nach Ottheiniich 386 war der verstorbene Johannes von Aue „etwan
ein rentmeister zu Mechel".
2) Chelidonia. 3) Kekoba w. vom vorigen.
4) Castelloryzo (meis), w. von Kekoba. 5) wind.
BEBICHT ÜBKB KINE JIBÜ8ALEMFAHBT 203
annder faraklo, das drit sant Angelo^, vnnd auf den Achtzehenden tag,
alls wir die nacht die stat Kodis fürfaren gezwungen von widerigem
wind, kamen wir zw lannd, des gedachten Achtzehenden tags auf den
Anbis. Da aber etlich, alls sich bezamt, schon vnnd erlich empfann-
gen, mit vü weins vnnd schenckh geert. Aber vnns schweytzern, der
vier waren, sties derselb wein nit das hertz ab, wann man vnns nit
schickhen was, der eeren auch, so man vnns embot, ist leichtlich zu
dannckhen, ligt aber nit daran. AUain, wo Ichs alls gut het, wurds
mir zu bedennckhen ston. —
Item verliben also zw Bodis den Neunzehenden, den Zwaint-
zigisten, den Ainvndzwaintzigsten, den Zwayvnnzwaintzigisten, den
Drewvnndzwaintzigisten tag Septembris. Dazwischen ward gesagt von
etlichen vil segln der vncristen, die sich kürtzlich erzaigt haben, die
auch auf den großmaister von Rodis, der Newlich in Acht tagen dar
komen was 2, mit vü newer Reden, die ain yetlicher verston wolt nach
seinem aeligen, schifften. Auf dis warden wir gewarnet, fürzesehen.
Es war bas zu thun gewis ain Zeit lanng gebaytet, on vngewis in
schaden komen, hierumb ward Rat gesucht bey dem groß Maister, der
Anntwort weren all weg frey vnnd sicher, möchten hinfam vnsem
weg. —
Item auf den Drewundzwaintzigisten tag zu nacht warden wir
aber bestimbt zw schiff, das zu letzst beschach, vnd alls wir etwas
lenngers ennthalten wurden, den der Bartzot, was man sprechen, vnn-
ser schifleut weren nit wol erfaren, das vnns doch zw grossem vnd
heylsamen Nutz erschoss, mit dem das wir Widerwind überkamen, der
vnns zu Ruckh trayb, dann wo wir für gefaren weren alls zw Ruckh,
betten wir ain hertny Nuß beyssen müessen, daruon vnns niemand
erlösen het mögen, dann allain der Almechtig got, vnnd vnnser Be-
schirm, die zu sorgen was, nit mögen widerston, dann der widertail
zu strackh erscheint, als hernach steet. —
Item auf den Vierundzwaintzigisten tag des Morgens zwu stund
dess tags, alls wir wie obstat, zw Ruckh von wider wind getriben wa-
ren, stuend an ain lanüg werender Bonatza, Also das man Rodis von
weyte sehen, darzw das gebürg, der vngleubigen gehaysse zw der
anndem selten. Vnnd alls man daruon Reden was auch das gebirg
hinab zw sehen, von ferren warden geschawt in scheinbarm Augen-
schein Manich vnd vil segel, die man für Galleen vnnd füsten gar
1) Lindo, capelle Ferraclo, St. Angolo.
2) Philippe Villiers de l'Isle Adam, der am 11. sept. 1521 gelandet war ("Wo-
chenblatt d. Johanniter -Balley Brandenburg 1881, s. 17).
204 RÖHRICHT
wol erkhannt bey fünfzehen Stückhen, nit was gewis, das nit freund,
hierumb man bas aufsehen was. Da ward erkhannt, dise Segel oder
Galeen shytten zwo Candiottischs grj^pen^, die dess anndern Morgen
von vnns gefaren, ward man gar scheinbarlich den Rauch dess geschütz
aufgeen sach. Daruon enntstund vnnder vnsenn Schyfif ain lermen
mit gemüster forcht, dann sy gegen vnns schyfften, so betten wir auch
ain werende Bonatza, das wir kain Hilf noch vorteil suochen möch-
ten, noch zu fliehen, noch zw Beschirmung, alls dann ainer Naf not
ist wind zw haben, Ist sy halb bas zu bewaren, dann in ainer Bonatza
mögen die füsten^ vnd Galleen zw vnnd von faren, die NafPen sche-
digen, so sie dann sehen ain vortail, stürmen sy, das in ainem guten
wind nütten ist, doch sind sie glückh wol in sorgen, wo der widertail
zu starckh, als do was zu erwegen. Daruon ward ain Ordnung zuge-
rüst. Erstmals das geschütz, das zw mal nit ganntz berayt mit zuge-
hörender Bewaning, das man nahend als gros aufsehen haben must
vnnsers geschütz, alls der feind, wan man vngewarsamlich mit dem
Bulfer hanndlet. Damach vnder dem volckh doch nichts ordenlich alls
mich bedaucht, dann wan es darzw kem, solt ain yetlicher thon alls ain
Redlich Man. Das von dem von Neumeckh^ widerredt, vnnd an patron
Reden lies, das man ain yeclich Nation außteylen solt an ain ort, die-
selb zu bewaren, vnnd die teutsche an das vnsicherst, dann wir all-
wegen denselben Blatz innhielten, beschah aber nit. In solichem, alls
sich ain yetlicher berayten was nach dem Besten in Im erkhannt, was
man sehen außgonn zw Rodis ordenlichen nach einannder ain galeen
mit ettlichen predegtinen, darzw das gros schif (ain Haus darinn ze
sehen, sein Beschlus vnnd Zugerüst). Dennoch volgten bey Newn
segel, auch gros schif, vnnd alls sy heraus auf die weyte kamen, war-
den sy gesehen vnnd geacht, als sy auch waren, ain zimlich omaten,
vnnd alls dis gesehen, Empfiengen wir gros freud, dann sy ain pre-
degtin^ zw vnns schickhten, von dem wir alle Bescheid verstunden,
was dise segel, so wider vnns weren, für leut, vnnd was sy gehandelt
betten. Diser ward geschickht zw dem Durchleichtigsten Fürsten,
Hertzog Ottheinrichn in Bayrn, pfalntzgraf am Reyn, ob sein fürstlich
gnad vermaint wider zw keren gein Rodis, das sy In selten emphaen
vnnd dahin Anntworten. Das da sein fürstlich gnad nit thun wolt,
sonders saui* vnnd sues mit den Bilgern empfahen, vnnd was der
Almechtig got seinthalben geordnet het Also was vnns das gedacht
1) grippo, eine schifsart. 2) fusta, ital. kaperschiff.
3) Ottheinrich 390: Reinhard v. N. 4) brigantino, schifsart
BEBIGHT ÜBER EINE JERÜSALEMFAHBT 205
Predegtin etwan ferr dess wegs durch die Bonatza ziehen, darum der
patron In ain Baryllen . . .* schencken was, die gar bald gelert ward. Die
feind aber erschrackhen von diseni, deßhalben sy eylennds zw Kuckh
zügend in Ir gewarsam, betten aber vor vnnd ehe die vorgedachten
Grippen vnnd Galeen gewonnen, vnnd alls darauf ertödet, vnd gefan-
gen, was sy funden, bey dreyssig personen, allain ain Patron, der
übel wund war, alls er auch zuletzst abscheid, der seelen got barm-
hertzig sey. Drey Jung beten sich in den sand vergraben, sind auch
daruon komen, vnnd alls die feind sahen die enntschüttung so nahend,
haben sy verlassen die genannten Grippen vnd Galleen, die darnach
gein Rodis wider gefuert wurden, etlichen vnnd der grossen segeln
manngeln. Auf die vesper Zeit kerten die gedachten schif von Rodis
widerumb, zw denen wir dann in miten, dann zuletzst, dann zw for-
derst, so widerig was der wind, komen waren. Vnnd alls sy wider
zw Haus kerten, ward der von Neuneckh mitsarabt dem Patron ge-
schickht in das gros schif, zu berayten, ob wir vnnsers wegs faren
möchten, vnnd alls sy wider kamen, brachten sy in anntwort. Wo nit
ain grosser Wind kem, der mit vnns gieng, selten wir es nit vnnder-
ston. Damach ward an sie begert, ob sy vnns nit beleyten könndten,
Anntworten sie, weren nit versorgt mit speis. Daenntzwischen stiend
vnns an gar ain schwer hert weter mit schleg, Regen vnd seltzamen
winden, die sich von augenblickh vnnd stund verwanndleten , daraus
sich nyemandt verston könnt. Es waren bey Fünfzehen segel bey ein-
ander, den auch ain vnfal begegnet von starckhem wind, alls die fru-
men Ryter vom schif stigen, ertrannckhen zwen^ vnnd sonnst ainer,
got tröst der seel. Da betten etlich Bonatza, etlich wider wind, etlich
fort wind. Darumb fuoren die von dem grossen schif in das port, die
anndem mußten aber fürfaren, das kains zw anparckh komen möcht.
Ditz weter werdt bis auf die nacht. Also lies man die segel nyder,
vnnd schwebten die nacht vor Rodis über. Dess morgens het vnns
der wind aber weyt getriben von der stat, also das wir bis zw Anbiss
nit wider dar ze komen möchten. Dess fünfvnndzwaintzigisten tags
vnnd alls es sich so lanng verzog, man meniclich den Anbis in dem
schif. Damach kam aber gar ain grosser Regen, der vnns verhinndert,
biß auf die vesper abzusteigen, vnnd alls etlich wider zw Herberg
empfangen, ward sich ain freud mit genügster Dannckhsagung, got dem
alm echtigen, erhebt, ains tails der Bilger aus so ainor grossen sorg-
1) Lücke; ein barillo hält jezt c. 20 flaschen.
2) Ottheinricli 390.
206 BÖHBICHT
liehen gefer erlöst sind, annderstails deren sy emphahen waren, die
auch sagten, gar trewlich für vns gebeten haben, dann sy vermein-
ten, weren durch fort wind den Hennden vnnser feind zu tail wor-
den. —
Item auf den sechsvnnzwaintzigisten tag ward aber zw Kodis ein
grippen eingefürt, daraus all beraitschafft vnnd leut genomen vnnd
ertödt waren, ain schwer hert sach zu uememen. Also die Cristen
von den vngleubigen Hunden durchächtet ^ werden, aber vmb der sünd
willen synd wir vnnderwürfiFlich, vil leut an disem was Ich gewe-
sen bey vnnser lieben frawen zw fillerma^, da gesehen fürwar ain
schön an dacht Ditz ligt auf ainem Hohen Berg, ain teutschen meyl
von Eodis. Die zart Jimckhfraw ward für vnns Ir liebs kind bit-
ten mit^ ... —
Item den sybenvnndzwaintzigisten, den Achtvndzwaintzigisten,
mit sampt dem Neunvnndzwaintzigisten tag lagen wir styll zu Eodis
in grossem vnnwillen etlicher, die do maynnten, weren wol durch die
feind koman, was aber der merertayl darwider, weiten mer verligeo
vnnd gelt verzeren, dan sich in gefär vnnd sorglichait leibs vnd guts
geben, dieweil vnns der Almeehtig ain mal so genedig versehen vnnd
erlöst het, das sich darnach nit gut zu wagen, auch sein guetigkait
zuuersuchen. Herzwischen enstunden manicherlay Ked vnnd Hannd-
lung vnnser Hinfart, dann wolt man auf Conserua* warten vnnd sollt
es sich ain Monat zwen verziehen, dann wolt man den gros Maister
biten lassen, vnns im Beschirm zu belayten. Daruon auch annstund
ain taylt Red, etlich vermainten, nayn, ob sy vnns schon geleyten, wer
In dann herwider hülf, dann die wind gar zu starckh weren, die sich
erzaigten mit zwen vnndzwaintzig Segeln, etlich sagten. Ja, man würd
vnns sterckhung geben mit drey galleen, vnnd dem grossen schif, wan
maus zurüsten lies, es möcht aber noch niemand wissen fürwar, auch
wann vnnser Hinfart sich schicken solt. Herzwischen kamen manicher-
lay schif zw Rodis an, auß Ponent, vnd Leuant^, die mancher hannd
newer meer sagten, dauon wii- auch dester begiriger wurden hinzw-
faren. Deßhalben mer betruebt, die Zeit also zuuerligen, vnnd aber
in vnnsem lannden so wunderbarlich Sachen verhanndelt wurden.
Item in disem, alls wir also still lagen, kam ain Rübschif aus Leuant
auf den Achtvnndzwaintzigisten tag Septembris, das do bracht ain
Grippen, so sie gewannen hetten, darzw einander...^ darauf gewonnen
1) verfolgt. 2) St. Maria de Philermo. 3) Lücke.
4) conserva, hülfe. 5) Ponente, Levante — westen, osten.
6) Lücke.
BBBIOHT ÜBER EINE JEBUSALSMFAHBT 207
Neunvnndneuntzig Moren vnnd Hayden, darzw annder kaufmanschatz,
alls Leder vnnd Eeys, weihe ditz weiten gefuert haben in Alexandria,
vnnd aber sy zw Rodis ausstunden , warden sy gemainklich gefuert füi*
den gros Maister, der allwegen von zehen ain haben ist, die anndern
warden verkauffi. Wiewol sy mich liederiich leut dünckhten sein,
werden sie doch teur hingegeben. —
Item den dreyssigisten Septembris, mit dem ersten tag Octobris
ward nichts gehanndelt, dann das furthin weg gesucht ward vnnser
Hinfart, auch wie man vnns gelayten wolt, dan was man das sagen,
dann ain anders, nit wißt Ich der vrsach, dann allain, das vmb des
Pfalntzgrauon willen die Recht warhait nit geoffembart wart, damit
sein gnad dester minder verspeht. Darzw kamen furthin vil newer
Reden von vnnsem Lannden, die den Bilgern angelegen. Darumb
begerten gefordert. —
Item alls auf den anndern tag Octobris warden wir bestimbt zu
schif, auf die nacht, do nun menigklichs gerüst stund, solichs zuuol-
bringen, was angestannden ain fast grosser wind. Wiewöl Er mit vnns
gewesen, möcht man doch gar kümerlich zw dem nauf komen, der Naf
weniger auß dem Haffen musten, also aber gehindert stond. Ich was
aber im besten mir vermerckhen, das got der Almechtig vnns zw
gutem also geschickht, verlyben also den driten tag, den vierdten, das
man on vnderlas hanndelt, wie zu schiffen wer, vnns hin mögen faren,
vnnd alls man aber nichts gewiß, noch enntlichs sagen was, wie wir
gelaytet sollten werden, oder mit galleen, oder mit naflfen, wurden wir
doch zuletzst beschayden zu schiff, dess vierten tag Octobris gegen der
nacht also kamen etlich, die anndern verlyben bis morgens, darunder
gar manicher kümerlich hernach kam. Da entzwischen was ain gryp-
lin ankörnen von Venedig, das vnnder den feynnden gewesen, dem
sy kain laid gethon, sonnders die sie auch vor gefanngenn heten, wie
obstet Bey syben wider schickhten sy her wider, die vrsach erkhannt
man nit, dann das sy sagten, der Hauptman Dürckhen wer nit dess
willens, niemands kain layd zu thun. Das etlich in bösem verston
weiten, villeicht er vnns Bilger darmit raytzen, allain fürzufaren. Vnnd
also gegen tag dess fünften Octobris was man all Anker aufheben,
<lann sich der wind ganntz gestyllet. Darnach kamen drew galleen,
die vnns auß dem Haffen zogen, ain guten weg in das mör. Do stund
Bonatza an, das wir also schwebten, in dem zogen hernach die schiff
vnnser Gonserua, ains der partzo\ auch ain Bilgei-schif, darnach die
1) Vgl. oben s. 194 anm. 3.
208 RÖHSIÜHT
Maryetten genant, gar ain gering kriegsschif, das auch manich erlich
stuckh erlanngt, mit ainer andern naffen, darzw drew galleen, ain
Predegtin, darzw etlich Gripen, also das vnns bey zehen segel wurde,
auf die nacht thet sich die galleen zw vnnserm schif , darumb das ditz
den fiirsten füren was, machten es zw Hauptman, darumb Er die lat-
ternen außstreckht, das dem anndern schif dem Barzotten beschmahen
was, dann es vnnder den Meerleuten vnnd schiffen gar ain gros Eer
zwgibt, die ainer dem anndern gar kaum nachlast. Also namen die
galleen das Warzaichen vnnd allen beschayd, gesegneten vnns vnnd
füren etwas auf die linckh Hannd weyt von vnns hindan, wann wir
dem wind nach nahend zw der Türckhen lannd faren musten, den
wolte zu nemen, so vnns aber etwas ankem, solt maus In bedeuten,
mit ainem schuss ward verlassen. —
Item in der nacht stund der wind ab, do wir dess morgens auf
erstunden, waren wir dess Wegs nit weyt gefaren, vnnd alls man sich
vmbsach, was vnnser Conserua nahend bey einander, das lustig zu sehen.
In dem bliesen die galleen Ir trumeten auf, vnd schanckhten dem für-
sten vnnd den Bilgern ain guten tag, vmbfueren das schif, darnach
eyllten sy dann dem Türckhischen lannd zw. Inen wasser zu fassn. —
Item disen sechsten tag weret die Bonatza bis zw Anbis, in dem
gesehen ward ain weis Ding, sich regen vnnd bewegen, also wie es
wais Ich nit, ob von forcht oder sonnst auß vnerfarenhait man wölt
sagen fürwar, es wer ain fusten von den feynden, vnd do maus wol
ergründt, was ain vogel, der zuletzst hinflog, alls nach mittag kam
ain wind, der etwas wider vnns was, hierumb man lauieren must
Diser wert bis zw der nacht, das wir wenig fürstreckhtn, gegen
aubend kamen aber die Galleen vnnd schannckhten dem durchleuchtigen
fürsten vnnd den Bilgern abermals ain gut nacht, namen warzaichen,
alls darzw gehört, vnnd beliben auf der seytten hallten. —
Item in der nacht kam ain galleen zw warnen, das meniclich
sich versach vnd munder wer, dann sy besorgten, die feind nit weit
von dann zuhalten, die sich mit ainer Galleen vnnd fusten sehen bet-
ten lassen. Doch begab sich anders nichts die nacht, dann guts, weder
das wir ganntz schwachen wind überkamen gegen tag, des Achtenden
Octobris, alls wir auch am selben aus dem Canal von Bodis schifften.
Darnach begunden aber die galleen vmbfarren den Naf, mit erscheiten
trimieten, gaben dem fürsten aber ain guten tag, darnach zogen sy die
schif ain lannge weil, auf den Anbis fuoren sy ...^ hinaus, das wirs bis
1) Lücke.
BEBICHT ÜBER UNS JEBÜSALEMFAHBT 209
in die nacht nit sahen, alls darnach begunden sy wider zw komen,
vnnd brachten, das sy erkhannt betten, die Aromata^ der türckhen
hin zu sein von dem alten ort, aber wo aus, wissen sy nit, vermain-
ten also vnns zu lösen. Also was maus biten, das sy mit vnns fuoren
bis morgens, das sie guetlich verwiligten. —
Item dess morgens dess Achtenden tag Octobris waren wir der
Innsel genannt Caua Carpanton^ über, der Venediger, ligt Achtzig
meyl von Rodis, ain klainen schwachn wind haben, alls darnach waren
vns die galleen gesegnen mit werten, trumeten vnnd geschütz, fuoren
wider in Iren Canal zw, da sy verhallten weiten, bis morgens, darumb,
wann vnns etwas ankem, darin wir Ir notturffi betten, selten wir es
mit ainem schuss bedeuten, weiten sy vnns zw Hilf faren. Also schie-
den wir von einander, belyben bey ein das annder bilgor schif, fürwar
nit in klainer gefar vnd sorglichait, daraus vnns der allmechtig got
erlösen wöll. —
Item bis zw nacht desselben Achtenden tags Octobris het vnns
der winnd so weyt getriben in das meer, das vnns der Beschirm, wie
vorstat, nit het mögen hören, vnnd betten wir joch alls vnnser geschütz
enntschossen. Hierumb wir allain in dem schirm der Driualtigkait,
der wirdigen Muter vnnd aller lieben Hayligen stunden, die vnns vor
allem übel behüten wasen, alls wir teglich beten sind. —
Item des Neundten tag Octobris zwo stund vor tag kam vnns gar
ain starckh weender wind, der mer vnns zu hindern anlag, beschütz
oder mer enntgegen komen, vnnd darumb auf dem Arcy Pelago^ schif-
fen wasen, darin gar vil Innsel vnnd felsen sich erzaigen wasen, wir
etwas in vnsicherhait, deren ain anzufaren. Dieweil es sich aber dem
tag nahend, möchten wir dester bas hindurch komen, vnnd alls der-
selb vnns den tag bis nahend der nacht anlag innweren der sterckhin
mit etwas Regens vnnd bösem lufFfc vermischt, was das schif gröblich
geappen* vnnd den wellen nach auf vnnd nyder gon. Hierumb etlich
bilger gar hart beschwert warden vnnd Ich insonnderhait, wann Ich
mich in ainer klainen weil wol zehen mal vervnnwillet vnnd gespewt,
das Ich doch nit vermaint, dann in anndern dergleichen mit nichts zu
schaffen gab. —
Item auf die nacht stiend an ain Bonatza, sonnst het man nit
vil dem patron weins getrunckhen. Die weret bis gegen tag des zehen-
den Octobris, vnnd alls darnach was aber sich begeben ein bleyin^
1) Armada. 2) Karpatho. 3) Arcipelago.
4) schwanken. 5) schweres.
ZSaaCBBSn 7. DBUTSCHB PHILOLOaiB. BD. XXV. 1"^
210 RÖHRICHT
weter mit gemüstem wind, das auf den Mittag zu besorgen was vnge-
stümigkait, hierumb trewlich aufsehen Ines, darunder sich gros geschrey
verluffen, Hessen die segel nyder, kam ain starckher wind mit ainem
Regen, der bald erlag. Der Wind aber ward auf die nacht schwer
vnnd gros, also das derselb gar vnstümigkUch ween vnnd blasen was,
hierumb das schif sich in stettetn krachen grewlich beweget dieselb
gannz nacht. Vnnd dieweil Er vnns gantz wider erzaigt, het man all
segel eingefaßt, allain den trinckhget nit, mit demselben, gegen tag
dess Aylften, wasen wir weit auß dem Rechten weg getriben zw
etlichen Inseln, die wir sunst fürgefaren waren, vnerkhant. Also da
ist Fanapia, Parys, Anteparys, Syffanno, Millo, Niyo, Sannt Turrynno,
Anaffi^ Dise ligen all nahend bey einander im vmbkreis, mit vil
anndern, da kaine leut inenwonen. In disem was man vns sagen, vil
schöner weyber wonen, darzw etlich mit guten starckhen schlossern
bewart sein, das sy von den türckhen kain sorg haben. Disen In wo-
nenden wachst auch zw notturfft, was sy bedörffen. —
Item alls dess Aylften Octobris der starckh wider wind, in dem
wir manchen 2 vnsicherlich vnnderworffen, stettigs anlag, bereyt sich
der Patron in der Innsel Nyo anzufaren, dahin wir zw Ruckh guten
wind betten, vnnd alls man auff Mittag nahend dahin komen, das der
Haff mit ainem schlos auf ainer Höchyn ligen gesehen ward, kert man
widerumb dess wegs, alls wir darkomen, der vrsach wais Ich nit,
dann das man sagt, der wind, der sich ain klain geendet, weit vnns
nit zu lannd keren lassen, vnd alls wir darnach hin vnnd her getri-
ben warden, von ennderung der lüfPten, ward gegen aubendt gesehen
daher komen, von fen^en aus lauent, ain grosser segel ains mechtigen
schifs oder Naf, das in allen segeln wind haben, gegen vnns schiffen
pflag, vnnd als man fragen was, sagt man vnns, wer ain Venediger
oder ain 2 Darnach nam yederman das nachtmal, in dem das gedacht
schif nahend auf vnns komen. Hierumb enntstunden vil getail Reden,
ain yetlicher vermaints beym besten zw erkhennen, ainer schribs dem
zw, der ander disem, der drit vnnserm patron, so vnns füren was'
glückh, als thetten sy es on all Mittel erkhennen, deßhalben nit sorg
was. Dieweil aber das komen schif sein Banner außgestreckht, thett
man das vnnser auch lassen fliegen on ainige Arckhgewon, vnnd alls
ditz nahend zw vnns komen, sanckht es sein trinckhet de geba^, auß
dem ennstund, das maus für ain Cursor vnnd Raubschif achten thet
1) Kunupia (?), Faros, Antiparos, Sipheno, Milo, Nio, Santorin, Anaphi.
2) und 3) Lücke.
4) tiinchetta da geba (gabbia), besansegel am mastkorbe.
BEBIGHT ÜBER EINE JERITSALElfFAHRT 211
Ward in forcht geschryeu, meniciichs gerüst sein, vnnd insonnders die
Bücbsse, die do gar klain zw wer stunden, alls Ich mich verston.
Darzw bedaucht mich auch, wo es so bös gewesen, das in feindschafift
wider vnns hett wöUn fümemen, weren wir wol zw grund geschossen,
getrenckht gewesen, oder vnns ergeben müssen, ob wir die zw wer
heten mögen erlanngen, so nah beten wirs lassen faren. Dieweil aber
der herr der best vnnd höchst hüter ist, der die seinen versieht, in die
hennd der feind nit zw kommen, ward bald erkhennt, dise Cristen zu
sein, vnnd nit Rauber. Hierumb wir der sorg halb bald erlöst war-
den, wo es aber not het thon, wer es glückh gewesen. Hierumb der
sprach Dauids war bleybt. Es sey den das der herr behüt die stat,
so wachen vergebens die Wächter, die sie behüten wölln^. Darnach
ward mit geschrey bedeut zw einander, das wir ain bilger schif zu
erst vnnd sy ain karan^, oder ain gros Naf von Genua, in süryenn
faren b^rt, vnnd alls wirs erfragten, was newes wer, anntwurten sy
nichs sonnders. Darauf wir Inen anzaigten die Armata der Türckhen,
so wir in dem Canal zw ßodis funden heten, das sy sich darnach
wissten dester gewarsamlich zu halten, gesegneten darnach aller ainan-
der mit geschrey vnnd geschütz, da vnnsers gar kaum hernachckam,
man kont nit lanng verharren vnnd zuhalten, sie heten starcken fort
wind oder In pupa^, heten wir wider wind, der vnns die ganntze
nacht hindert, das wir die gedachten Innseln stets nahend zw band
heten, vmb die wir gar nahend drew necht gefaren waren. —
Item dess zwelflten tags Octobris des morgens bekam ain finster
weter mit ainem kurtz werenden Regen, das braht vnnd gab vnns Hal-
ben wind, wol etwas zu starckh, doch wasen wir mit demselben für
gut haben, allain Besorgen stiend bald ab, der do wert bis auf die
nacht mit aller sterckhy, in welher wir darnach wind in pupa haben
wasen, herumb wir dess wegs fast gefürdert, man sagt vnns, das wir
ainer stund bey zwelf vnnd mer meylen fürschlugen mit schiffen, das
war tag vnnd nacht zway Hundert vnnd Achtvnndachtzig meyl. In
derselben Zeit, bis auf mitnacht, was man fürgezogen das tür(ikhen
lannd vnnd Eckh (genennt Cana lyon)^ ain gros gebürg, da zw gegen
wir auch auß dem Arcy Pelago schifften, wölhes bey^ Innseln be-
schleust in vmbkreis, darzw die Iiinsel Cyrigo Cyzerigo, alls bey drew
1) Psalm 127, 1.
2) caraca, arab. chai'äka, transpoi-tschiff (Ottlieinricli 387; vgl. Wochonblatt
der Johanniterballey Brandenburg 1869, nr. 7; Conrady 195).
3) poppa ital. schifshintoi-tcil.
4) Höchst wahi-scheinlicb Cap Malia (Caput Angeli.). 5) Lücke.
14*
212 BÖHKICHT
stunden gegen tag, ward der wind so starckh, das man den segel
nydem must, vnd in ain vach oder paner abnemen, nicht destermin-
der warden wir großlich fürgetriben, darynn wir gegen tag des drew-
zehenden Octobris dem lannd Morea vberlanngten, da zuuor ain gegen
vnns gezaigt ward ain^ vnnd port haben, do nichts dann Cristen grecy
wonen sind. Daselbst sollen vnnd diser Zeit im mitten des Octobris
so gros vnd vil mennge der Wachteln komen vnd niderlond, das wun-
dersam daruon zu sagen, auch von derselben feyste, alls weren die
mit speckh vberzogen, sind die Innwoner mit schlechter kunst fahen,
tödten, vnnd zusamen bringen ain y etlicher die jhenen, so Er auf sei-
nem ertrich ergreyfft vnnd haben mag, die sie darnach einsaltzen,
hinwegg schicken zuuerkauffen. Ditz gegne vnnd lanndtschafft würt
genennt Mania^. Item, alls sich mit der Zeit vil vnnd mancherlai
begibt, das in etlichen zw gutem bedacht, in annderm auf all bös
Argkhwon, weg vnnd Nachtail außgelegt vnnd gezogen wirt. Also
waren auch etlich in vnnser Versamblung, den nit recht lag, hieng
noch gieng, wie mans doch anfahen was, es war mit faren, still ligen,
wind haben, oder Bonatza, auch so etwan ain sayl oder annders, wie
sich dann begibt in ainem solichen Bruch, brechen begundt, vermain-
ten, ditz sollt versehen sein, wo Ordnung stiend, den doch (alls Ich
glaub) nit nach willen kombt, alles was sy zw walten haben, daheym
in Iren Heusem, das sy auch nit enndem wissen, wie wee es Inen
thut. Doch laß mans sein, ain Argkh wenig Red gibt anzaigung ains
bekümerten gemüts, ains neydigen hertzen, wem ist es aber schedlicher
dann Im selbs. —
Item alls wir disen wind, nach Bescherung dess Almechtigen,
furthin den drewzehenden tag haben wasen, theten wir vnns dess gar
gros erheben, machten aber vnnser Rechnung an den Wirt, der wolt
in sechs tagen, der annder in Acht tagen gein Venedig komen. Darzw
meinten Wür, vnnserer mitgesellen, den Barzottenn nymer zu beyten.
In disem stund an ain Bonatza auf den Mittag, der wert bis zu nacht,
das wir also zwischen Koron^ vnd dem felsen, Sapientia^ genannt,
darauf man über das weyt mer sieht, haben wasen. —
Item auf die nacht dess drewzehenden Octobris stiend an ain
klainer schwacher lufFt, der vnns treyben was nit sterckher, dann das
wir dess morgens am vierzehenden Octobris gerichtig der stat Modun^
über raichten, da wir aber nit in klainer gewagnus wonnten, dann wir
1) Lücke. 2) Maina. 3) Koron im gleichnamigen golfe.
4) Sapienza westlich davon. 5) Modon nördlich von Sapienza.
BERICHT ÜBRR BINB JEUUSALEMFAHHT 213
den feinden ganntz in gesiebt vnd äugen halten musten, vmb willen
das der wind so schwach ween thet Der wert nach Imbis mitsampt
der nacht, vnd den fünfzehenden tag Octobris bis zw non Zeit, darinn
wir auch vnnder weylen lanng Bonatza haben wasen, möchten also
vnnserm Begem nit Ersettigung erlanngen, ab dem weg zw komen,
Schwebten in solichem dem gepürg Morea genannt, über, das wir
etlicher nacht vnd tag nit zwelf meyl fürstrackhten. —
Item dess sechzehenden Octobris angeend dem tag kamen vnns
nahend ain klain NafF, genant Carauela^, die durch ain schuss zw
vnns ze komen beruefft ward, demselben sie von stund gehorsameten,
Iren außgelassen Barckhen zw vnns schicken wasen. Von dem wir,
wann es kam, anntwurt, auß Neapoly de ßomania^, vnnd wohin es
wolt, gein Venedig, erfragten. Darbey was vnns^ wie derTürckh von
den Vngern emyder gelegen vnnd erschlagen wer, vnnd der gros
türckh in aigner person*. Dis kam zwen tag nach vnns von Alzant^,
darab Wir in sonder (nit vnbillich) freud emphahen wasen. Gegen
der nacht stiend vnns an ain solich still Bonatza (alls wir der Rays
nie gehebt) —
Item dess morgens am sybenzehenden Octobris, alls wir der Inn-
sel Alzannts nit weyt von lanngten, stiend an ain Wind, etwas widerig
weend, der vnns zw Besitz treyben was auf ainer klainen Innseln
genannt Stribali^, da etlich frum Ainsidel wonen sind, in sondern gna-
den gots bewart vnd beschirmt Als das wir nahend sehen wasen,
schifiEten also den tag vnd die nacht vmb die gedacht Insel Alzant,
das wir lufFts halben nit zw port komen möchten. In disem ward die
Caruela, wie vorsteet, so komen was von Neapolis de Romania, von
widrigem wind so weyt zw Rückh geworfifen, das dieselb darnach zwen
tag auf vnns zw Alzanti ankamen, Vrsach, das die leichten schiff dem
wind nit wider ze stond, geladen sind. —
Item des Achtzehenden zwu stund vor tag kamen wir bey der
gedachten Insel Alzanti zw anker. Alßbald ain grypen zw vnns komen
was, von dem wir erfragten, was newes gesagt wurd, also enntstunden
wir ganntz das widerspil dess türckhen halben, dauon (alls zu glau-
ben ist) ain yetlich hertz sich betrübt, ward gesagt, wiewol der Türckh
große menge seins volckhs verloren, vnnd Im erschlagen weren bey
fünfzigtausend man, het er doch den Vngern abennthalten vnnd abge-
wonnen ain schön stat, geheyssen Belgrad, vnd andere Schlösser, darynn
1) caravelle, kleiner schnelsegler. 2) Napoli di Romania oder Nauplia.
3) Lücke. 4) Belgrad ward am 29. aug. 1521 durch Soliman U. erobert.
5) Zante. 6) Strivali-iuseln südlich von Zante.
214 BÖHBICHT
vnglaublich wüterey gebraucht, das got dem herren geklagt, vnns Cri-
sten also leben, das sein Barmhertzigkait bewennt, die Buten aus-
streckht, sein feind mit seinen freunden strafifen ist Disen tag verliben
wir daselben mit dem Neunzehenden vnnd zwaintzigisten tag. Also
ward eylends geboten, das man speis zufürt, ward von stund an so
ain große wölflin der Hüner, vnd was man bedorfft, das, wo man zw
Rodis etwas vmb ain gellt kauffen must, möcht man herynn drewmal
alls vil haben. Hierumb wir gar mit Ringem kosten daselbst wonn-
ten. Es kauffien auch die bilger vnnd schifleut gar vil guts von
essender speis, als Hüner, Ayer, Brot, Cittrunen, öpfel, vnnd guten
Wein, die auch etlich versuchten, gleich wie im Hinnein faren, das
sy nit auf den füeßen gston könnten. Auß disem man mercken
mag, die vilgedacht Innsel gar Reichlich, mit aller narung begäbet
sein. —
Item des Neunzehenden tag Octobris, hat der Durchleuchtig fürst,
mein genediger herr, ainen türcken zw Cristen helfen beuestigen, der
geheyssen ward Otto^, nach seinen fürstlichen gnaden, dem sein gnad
schanckh zehen krönen. Item desselben tags kamen etlich frantzosen
zw mir, sagten warlich verstannden haben, dess künigs von franckh-
reichs Zug solt dem Bapst sein beer belaydigt haben vnd geschlagen,
das sy doch nit wj^ssen möchten, darumb wol freud umbsunst, die
bald ain ennd het Item, als wir die Zeit verzogen, wie vorsteet,
kamen aus allen lannden stetigs Nafen, Carauely, galion vnnd grypen,
darzw zwu Venediger galleen, die gar schön zugerüst stunden, mit
allem Bedürffenden , die von Constantinopel scliiflften, darumb vil segel
bey einander ankerten, das lustig zu sehen was. Es ist auch dersel-
ben Zeit gewonlich, das alle schif zu haus komen, vnd sich rüsten
thund. —
Item des zwaintzigisten Octobris nach Inbis füren wir zu schilT,
darnach ylends daruon, von dem wir guten wind in pupa haben waren,
es versumten sich etlich Bilger, den Essen lieber was, da sy darnach
lanng hernach faren musten, etlich gar da hynden verlyben. Was aber
nit des patrons schuld, dann ers zeitlich gnug die Hinfart bedeut het,
mit dissem guten liifft kamen wir bis zw ennd der Innsel. Vnnd als
gegen der nacht sich nahet vnd was, stund an ain wynd widerwertigs
komend, also das wir der nacht nichts fürfuren.
Item gegen tag dess Ainvndzwaintzigisten Octobris verwand sich
derselb, vnd ward mit vnns ain guter wind, der vnns trayb bis nach
1) Ottheinrich schweigt davon.
BERICHT ÜBER EINE JEBÜSALEMFAUBI 215
mittag, für die Insel Ceffolonia, soll gar in schön vnnd feyst ertrich
vnnd Innwonung erfunden werden, von allem was man bedarf, darzw
mit starckhen Bletzen vnnd schlossern bewart, deßhalben die Spanyer
vnnd Frantzosen zw Zeiten, als der türckh Modun gewan, erobert Er
dise Innsel auch wider abgewonnen, den die Venediger zu schwach
vnnd zw forchtsam waren. —
Item zw Vesper kamen wir dem gebirg der türcken über, das
man nennet Caua de Caty^, ligt Hundert vnnd zwaintzig meyl von
Alzanti, vnnd als wir die nacht vnd den zwenvndzwaintzigisten tag
styllen wind haben wassen, warden wir gegen der nacht getryben bis
auf die Insel Corfifo, von der man sagt, gar mit ringstem kosten vnnd
wol gelebt mög werden, von allem was man begem ist. Die auch mit
zwayen schlossern im meer ligen, mit starckhen meuren vmbgeben,
bewart, darvmb manich hüpsch Haus vnnd wonung stond. Bey diser
hinab warden wir getryben den tag auf die nacht, stuend an ain Wind,
der vnns des wegs nichts für tryb, sonder, als zw besitz hinaus faren
wasen, begab sich das wir dess morgens am drewvndzwaintzigisten
tag wider an dem ort vnns befanden, als wir dess morgens daruor
gestanden wasen. Vnd dieweil derselb den tag weren begund, darzw
auf die nacht sich sterckht, waren wir größlich gehynndert. Diser
weret die nacht, vnnd den vierundzwaintzigsten tag, das wir mer hinn-
der sich zugen, dann fürlanngten, stetigs bey der Insel Corffo, über
nahend. Der weret aber die nacht bis auf den fünfvndzwaintzigsten
tag, das man sich aber befannd, nahend bey der gedachten Innsel
Corfifo, vmbschififend, so gantz verdrüsslich dess widerwertigens Winds,
das man von allem geschray vnnd gesanng gestannden was, so gewart
stund den weg anzuzaigen, vnd als man vmb Sext Zeit, nach gewon-
hait, ain vnconsecrierte meß hyelt, lies der patron durch den Nauteyr^
außschreyen, das man ainen Bilger erwelen wölt, mit ainem opfer, so
dann die frumen Bilger herzwsteuren würden, denselben schicken, mit
disem zw dem lieben Hayligen sant Niclaus in Parens^ vnns vmb die
Barmhertzigkait gots erwerben, ain genedigen wind vnns vnnsers wegs
treybende, dann wir nun in vier tagenn vmb disen felsen Corffo getry-
ben wurden, vmbzufaren, vnd als auf ditz ward aufgesamelt ain opfer,
darzw der pot gestellt Dieweil aber der Herr die stimen der sünder
nit erhören ist, warden wir wieuor den tag ennthalten, vf die nacht
stund an ain Bonatza, die wert bis morgens am sechsvnndzwaintzigi-
1) Gap Ducato auf der südspitze von Santa Maora.
2) nocchiere ital. Steuermann. 3) Parenzo.
216 BÖHBICHT
sten tag Octobris, das wir desselben neher bey den forderigen enden
stunden. Wie wir nun fünf tag geschwebt, an dem erfuren vnns
nahend drey schiff, die zum mynsten zwen tag zw Alzanti, nach ynns
vom lannd gescheyden, etlich gros vnleidlichait entstunden, vnd ain
segel tryspitzig^, den man nennet fela Deteya^, darunder ains vnser
mit gesel, was der anndem Bilger, das ander auch ain Venediger schif,
heyst der patron Liccadegoba^, der in Cipem kürtzlich bey zwayen
tagen daruor hingefaren was. Als wir von Jaffat wider in Cipem
lanngten, diser darzwischen in Barut lanng gelegen, sein sachen gestelt
vnd herwider komen, daraus man wol nemen thut, in disem Jar vnns
Bilger zw Bezeit von Venedig gescheiden sein. Als dann ward man
ingedenckh der Red, so zw Alzanti verlufFen, von etlichen galyonen
vnd fusten dess Bapsts, die auf die Venediger angryflFen vnnd raubten,
Vrsach dess angehebten kriegs zwischen einander. Hierumb, als man
ditz schif zw vnns schiffen sach, ward ain Red mit etlicher forcht,
dise sind die obgenanten vom Bapst gesandt Rüber, das auch ain weil
lanng also in Zweiuel belag, doch bald entschossen. Es hetten aber
die Venediger vnd etlich Franzosen nit ain klain forcht im Buossen*,
vnd als dis auf vesper nahend zw vnns komen theten, schickht man
vnnser gundelin^ zw in, zu erfragen die newen mer, die in antwort
brachten, sy weren von dem türcken angewendt worden, doch nichts
layds von im empfanngen, darzw es wer auch vnns von dem anndern
Bilger schiff nit not gewessen, Belaytung mit zu fueren, dann sy nit
da weren, den Venedigern ainigen schaden zu thun, noch zugefuegen,
allain das sy weiten den weg vnd mer von den Meer Räubern frey
halten, heten doch annder schiff disen in äugen nider geleyt, darumb
wol zu besorgen, wo wir In zu hannden komen, heten müssen bezaln.
Item auf die nacht, alls wir noch stetigs bey dem gebürg Zimem
genannt, vmblanngten zw ainer selten, die felsen vnnd gebürg zw
Napels zw der anndem haben wasen, deßhalben nahend durch den golf
komen, wo wir etwas Winds mit vnns gehebt hetten, als damach
bekart sich ain klain der lufft, fieng man wider an zu bedeuten den
weg, der wert die nacht schwächlichen ween, bey drew stunden, be-
fandt sich wider ain Stillung ains Calmas bis gegen tag des sybenvnd-
zwaintzigisten Octobris, das wir nahend beystunden. Als wir nun
bey sechs tagen gefaren wasen, in disem enstund ain zimlicher wind,
den wir in pupa bezwanngen, als Er vnns nit mynders trost vnnd
1) dreispitzig. 2) Vela di tre.
3) Wird sonst nirgends in pilgerschriften genant.
4) busen. 5) gondel.
BIBIOHT ÜBKB JONE JSBÜSALEM7AHBT 217
hofhung erneweret, als Er vnns dess wegs fürtreyb, allain forchtende,
denselben nit lanng verlyben, theten wir vnns desselben hoch erfrewen,
der do wert den tag bis zw aubend, vnnd alls Er sich stercken ward,
kamen wir den felsen genannt ^ sichtbarlichen zw ainer vnd dem Na-
pulischen Bürg, do dann zuuor ligt die stat Otrant^, zw der andern
seyten, auch in gesiebt gerichtigs über. Alßdan wir auch durch den
golf geschifft beten, der sich bey disem verleurt, vnnd dieweil ain
finster weter ain Regen bedeuten, ain stund darzw starcken wind, das
man nit wol die gelegenhaiten darumb sehen was, fuoren wir etwas
in grosser vnsicherhait, das doch nit yeder vermercken was, die nacht
mit starckhem Wind in pupa, der vnns getryben het bey vierzehen
meyllen, ainer stund. Item des morgens am Achtundzwaintzigisten
Octobris, alls es etwas geregnet vnnd finster was, mocht man nit
erkhennen, vmb was gelegenhait wir vmb schifften, darumb wir stetigs
in gleicher vnsicherhait segleten mit vollem wind, vmb die Innseln,
die do ligen in dem meer hin vnd her, Meliga, Langusta, Pegulosa^,
vmb diß die Venediger gar manich nachtaü vnnd schifbruch erlidten,
allermaist in nybligem Weter, alls wir beten. Bey disen hinab ligen
annder Insel alls Caza, Cazoly, Lissa*, do man die serdintin^ fahen
ist, sant Andrea, MeliseUa, Cursula, Turtura, Lesena^, gantz reichlich,
was man bedarf vnd insonders der vischen, die wir all zw beeden
seyten verliessen, vnnd alls es ward gegen Aubend, erschein zum tail
ain Heysterey^, ward man die Innseln bescheidenlich sehen, darumb
wir gewarsamlicher faren theten. In disem wasen wir auch den ste-
ten Ranagusy oder Aragusy vnnd Catary® vber gerichtigs^. Dis Ara-
g^y ligt auf dess türcken lannd in etlichen mechtigen gebürg, hat
macht vnnd erweit ain ainigen Hertzogen, leben auf der Venediger art,
geben aber dem türcken tribut, sind weyt in alle lannd, hanndeln mit
kaufmanschatz, soll daruon den Namen haben ßanagusa^^, das vor Zei-
ten ain grosse menge der frösche daselbst wonnten, die ßaini in welsch
genennet werden, Catary aber, ein stat, ist den Venedigern vnnder-
tanig. —
Item in der Nacht bewand sich der wind etwas wider vnns mit
etlichen schweren Wetem, der keltin vnnd plitzgens. Also das wir nit
mit klainer sorg vmbgeben die Zeit der nacht verzarten. Vnd alls
1) Lücke. 2) Otranto. 3) Meleda, Lagosta, Pelagosa.
4) Cazza, Cajola, Lissa. 5) Sardinen.
6) S. Andrea, Mellisello, Curzola, Torcula, Lesina. 7) heiteres wetter.
8) Ragusa, Cattaro. 9) grade gegenüber.
10) Ein unglücklicher erklärungsversuch.
218 BÖHHICIII
dess morgens am Newnundzwaintzigisten Octobris ward derselb sterckher
wider vnns ween, daromb man sich behelffen must, hin vnd her zw
keren. Alßdann kamen wir zw den gedachten Innseln, wie oben ver-
zaichnet stai Lyssa, da man ^oß menge der sardinilin fahen ist, zw
Aubend nahend zw der schönt vnnd Lhtbam Inseln, Lessena, in
der vnnder annderer vberflüssigkait gar wunderlich groß vyle der
fischen teglich gefanngen werden, darzw mit zimücher weytin vmb-
geben, mit vU Arbaytsamer Innwoner, dis zuuor ain starckh schloss,
mit manichen Heusem darumb ston hat, auf welchs wir gar nahend
komen wassen, die weil ligt in schlaffonia ^, derselben sprach sy auch
reden. Item derselben nacht bekart sich der winnd, darynn wir größ-
lich fürfuoren. Also das wir dess morgens am dreyssigisten tag Octo-
bris nahend auf die Innsel Clar^, die auch mit gewaltigen pletzen vnnd
Lustparkait beziert Darumb auch an disem erzaigt sich gar ain schwer
gros wetter, mit starckhem wind, in dickher finsterhait, dadurch das
mer gröblich erhebt vnnd wüten ward, vnd darumb man besorgen was,
dasselb zuzunemen in stercky, daraus dann ain fortun oder gewagnus
enntston möcht, ließ man die segelmaistar genannt fallen, den man
bezwungen hielt, auf ain halbe stund. Vnnd alls aber dasselb sich
zerteilt in Stillung, Rieht man gar bald den segel wider auf den wind
zu empfahen, den wir in pupa haben wasen. Hierumb wir zw Aubendt
nahend auf die Innseln geheyssen Ossera^ komen warden, darinn gar
lieblich flaisch allerlay hannd erzogen wirt, des sich die Venediger zum
maisten beneren in Ir metzg*. In disem ward vnns der wind gar
genedigclichn fürtreyben. Also das wir die andern schif, der sonst
drew bey vnns vmbschifFten, fürfuoren, auß dem wol zu nemen, ain
schiff das annder überfert, darnach es in segeln gerüst stet, wie dann
vnnsers, der Naf Coressy, auch was geordnet, darumb es wol zu
beriefen. —
Item ain stund in die nacht, als wir etlichen Schlünden über
waren, nahend bey dem gepürg in HSstria zw ainer, vnd dem Pul-
gischen gebürg zw der andern selten, enntstund gar ain schwerer
starcker wind, zw beed seit komend, vnd alls es nacht gar vinster
was, waren wir nit in klainsten sorgen, darumb man die segel nieder
liess, die man mit grosser Arbait bezwang, vnd alls derselb die durch-
geend nacht mit grewlichem wüten anlag, dorft man ditz nit wider in
höhe aufrichten. Deßhalben des morgens am tag Nouembris wir nichtzig
1) Slavonieo. 2) Clar. 3) Orsera, nördlich von Rovigno.
4) metzgerei, fleischbank.
BSBICHT ÜBBB EINE JSBUSALEBfFAHRT 219
des wegß fiirgeschlagen wasen, allain wir befannden vnns nahend bey
dem gebürg in Histria, da sich etlich stetlin sehen Hessen, als Mede-
lin^ vnnd ander, auf den mittag gerichtigs dem flecken Pola^ in gesiebt,
enntgegen zw Vesper nahend vnder äugen dess stetlins Rubina^, darby
sonst ander auch vnder äugen lagen, auf lustigen bürgen, bis gein
Parentz*, da wir hinkomen auf die nacht, fast in Vnnserm weter, das
wir der gelegenhait nichtzig sehen möchten. Alßdann etlich zw lannd
fttoren in schiffen, die von weytem zw vnns kamen, in diser nacht
aber gar ain hert schwer wetter mit grossem Regen vnd hertem
starckhem wind, als wir kaum gehebt betten der Reiß, also das nahend
niemants was, der an trucken steten verlyben möcht. Vnd als derselb
so vngestümigklich wüten was, deßhalben ain Ancker ließ, hierumb
wir aber nit in minsten sorgen stunden, dann man maynen was, die
andern würden auch nit^ das doch in gutem vnnd gnos^nen ausschlug.
Dess moi^ens am ersten Nouembris vnd aller Haylgen tag kam Ich
zu lannd in die genannten stat Parentz, die zumal in lustigen zim-
lichen höchyn ainer landtschaft ligen thut, mit vil nutzbarn Ölbäumen
vmbgeben, vnnd sonst von allem gowechs, was man not ist, in son-
ders ain Clösterlin, darynn zwen münnich wonen, haist sant Niclaus,
gar in ainer lustigen Zierdt der grünen gärten vnd mancherlay frucht-
bam Bömen, darzw nahend ain Insel. Dis stat ist nit fast suber
wanndeln, doch mus bedüncken, faist darynn zu wonen, vnnd lustig
gesetzt auf ainem ebnen felsen. In disem Parentz was ain großer teuf-
stain, darynn Ich wol geschwumen wolt haben. Hie wurden sich die
Bilger zertailen, auf die nacht, der auf Ankonien, der auf Tryest*,
der vf Venedig, nachdem es ainem yetlichen wolkem, vnnd als den
niemands mer noch auf den patron, noch auf mitbiiger warten waren,
dann gesellen, enstund der nacht ain wylde Zertaylung, in der wir
so weyt fürschlugen dess wegs, das wir auf mittag zw Humago^ aus-
stunden. Darzwisehen ligt ain stetlin, haist Cittanona^ In disem
Humago verlyben wir, dem weter zu erwarten, das sich in Regen vnnd
wyderigem wind den gantzen driten tag Nouembris erzaigt. In der
nacht bewannt sich das vngowiter in ain schöne. In demselben ma-
niclichs zw schiff zoch, dahin schied, kamen gegen tag dem stetlin
Tyran^ über, da wir dann aber über ain klainen golfen faren musten.
Vnd dieweil vnnser schiff lin so kl ain, waren wir etwes in sorgen, der
wir guetigklichen erlöst wurden, vnnd alls wir zimlich wind haben
. 1) Medolin. 2) Pola. 3) Rovigno. 4) Parenzo.
5) Lücke. 6) Ancona, Triest. 7) Umago. 9) Cittanova.
9) Firano.
220 BINGER
wasen, füren wir die steten Grauw, Aquilea^ da ain patriarchat, Mar-
ran, Montfalchon 2, ligen an dem gebürg Dadmatya, oder Fingul^. Zw
Imbis kamen wir auf ain Insel Canerly* genannt, da vor Zeiten ain
schön stat gelegen, nun aber mer dann halb von meeres vnstümigkait
versunckhen, wir aßen daselbst zw Imbis, alles gnugsam was man
begeret, in leichter Zerung, das mich verwundert, dann diese Innwo-
ner sich nichtzig begonnd dann Vischens vnd waydwerckhs der wyl-
den ennten, vnnd anders geflügel, eßen nicht desterminder gar gut
weis prot. Von disser mag man faren durch ain graben zw bösen
Zeiten oder in gutem weter, auf dem meer gein Venedig, da wir hin-
kamen von den genaden gots, mich der fart in huot nun verlassen,
auf den fünfften Nouembris, damit meinem fürgenomen gemuet vnd
lanng verhartem Begern gnug gethon, vnd erstattet, in hoffen, in
künflftigem mir zu vil gutem, fürderung, vnd hernach abbnich, ze myn-
dern mein sündigs leben, das mich der schopfer aller Ding in seinem
willen vnnd gefallen vnderziehe, ze volennden.
BERLIN. REINHOLD RÖHRICnT.
ÜBER WIELANDS ÖERON.
Eine litterargescbichtliche Untersuchung.
Bald nachdem mit Goethes und Herders ankunft ein neuer a»^^-
schwung des litterarischen lebens in Weimar begonnen hatte, erschi^^^^
im Deutschen Mercur (1777, 1, 3 fg.) Wielands romantische erzählunj
Geron der Adelich (umgearbeitet in der gesamtausgabe von 1794-
1796 bd. 8). Obwol von geringem umfange und von der neuer^J^^
litteraturforschuug bisher unbilliger weise vernachlässigt, verdient di ^3"
ses gedieht dennoch schon wegen dieses Zeitpunktes seines erscheine*:^^
besondere beachtung, zumal da es in Inhalt und spräche mehr »-1^
irgend ein anderes beweist, wie auch Wieland damals von der
Wirkung Goethes und Herders nicht unberührt blieb ^.
Die vorliegende Studie^ berücksichtigt in erster linie diejenij
eigentüralichkeiten des Geron, welche mit den gesichtspunkten in zusanci''
1) Aquileja. 2) Marone, Moofalcone. 3) Karst 4) Gaorle.
5) Vgl. Schorer, Litgsch. s. 515: Geron ist Wielands ernstestes und durc^
selbstverläugnung, ruhigen ton, abwesenheit der manier, eigentümliche compositioi'»
ästhetische und sitlicho baltung vielleicht sein volkommenstes gedieht
6) Schon febniar 1889 der redaction dieser ztschr. übersendet; daher konto
noh der im HI. bd. der Vierteljahrsschrift f. d. 1. (okt 1890) enthaltene aofsatz von
Rousshoff nicht berücksichtigt worden.
BESICHT ÜBER EINE JEBÜSALEMFAUBT 215
mittag, für die Insel Ceffolonia, soll gar in schön vnnd feyst ertrich
vnnd Innwonung erfunden werden, von allem was man bedarf, darzw
mit starckhen Bletzen vnnd schlossern bewart, deßhalben die Spanyer
vnnd Frantzosen zw Zeiten, als der türckh Modun gewan, erobert Er
dise Innsel auch wider abgewonnen, den die Venediger zu schwach
vnnd zw forchtsam waren. —
Item zw Vesper kamen wir dem gebirg der türcken über, das
man nennet Caua de Caty\ ligt Hundert vnnd zwaintzig meyl von
Alzanti, vnnd als wir die nacht vnd den zwenvndzwaintzigisten tag
styllen wind haben wassen, warden wir gegen der nacht getryben bis
auf die Insel CorfiFo, von der man sagt, gar mit ringstem kosten vnnd
wol gelebt mög werden, von allem was man begem ist. Die auch mit
zwayen schlossern im meer ligen, mit starckhen meuren vmbgeben,
bewart, darvmb manich hüpsch Haus vnnd wonung stond. Bey diser
hinab warden wir getryben den tag auf die nacht, stuend an ain Wind,
der vnns des wegs nichts für tryb, sonder, als zw besitz hinaus faren
wasen, begab sich das wir dess morgens am drewvndzwaintzigisten
tag wider an dem ort vnns befanden, als wir dess morgens daruor
gestanden wasen. Vnd dieweil derselb den tag weren begund, darzw
auf die nacht sich sterckht, waren wir größlich gehynndert Diser
weret die nacht, vnnd den vierundzwaintzigsten tag, das wir mer hinn-
der sich zugen, dann fürlanngten, stetigs bey der Insel CorfFo, über
nahend. Der weret aber die nacht bis auf den fünfvndzwaintzigsten
tag, das man sich aber befannd, nahend bey der gedachten Innsel
Corffü, vmbschiffend, so gantz verdrüsslich dess widerwertigens Winds,
das man von allem geschray vnnd gesanng gestannden was, so gewart
stund den weg anzuzaigen, vnd als man vmb Sext Zeit, nach gewon-
hait, ain vnconsecrierte meß hyelt, lies der patron durch den Nauteyr^
außschreyen, das man ainen Bilger erwelen wölt, mit ainem opfer, so
dann die fnimen Bilger herzwsteuren würden, denselben schicken, mit
disem zw dem lieben Hayligen sant Niclaus in Parens^ vnns vmb die
Barmhertzigkait gots erwerben, ain genedigen wind vnns vnnsers wegs
treybende, dann wir nun in vier tagenn vmb disen felsen Corffo getry-
ben wurden, vmbzufaren, vnd als auf ditz ward aufgesamelt ain opfer,
darzw der pot gestellt Dieweil aber der Herr die stimen der sünder
nit erhören ist, warden wir wieuor den tag ennthalten, vf die nacht
stund an ain Bonatza, die wert bis morgens am sechs vnndzwaintzigi-
1) Cap Ducato auf der südspitze von Santa Maura.
2) nocchiere ital. Steuermann. 3) Parenzo.
220 8INQER
wasen, füren wir die steten Grauw, Aquilea^ da ain patriarchat, Mar-
ran, Montfalchon 2, ligen an dem gebürg Dadmatya, oder Fingul^ Zw
Imbis kamen wir auf ain Insel Canerly* genannt, da vor Zeiten ain
schön stat gelegen, nun aber mer dann halb von meeres vnstümigkait
versunckhen, wir aßen daselbst zw Imbis, alles gnugsam was man
begeret, in leichter Zerung, das mich verwundert, dann diese Innwo-
ner sich nichtzig begonnd dann Vischens vnd waydwerckhs der wyl-
den ennten, vnnd anders geflügel, eßen nicht desterminder gar gut
weis prot. Von disser mag man faren durch ain graben zw bösen
Zeiten oder in gutem weter, auf dem meer gein Venedig, da wir hin-
kamen von den genaden gots, mich der fart in huot nun verlassen,
auf den fünflften Nouembris, damit meinem fürgenomen gemuet vnd
lanng verhartem Begern gnug gethon, vnd erstattet, in hoffen, in
künfiPkigem mir zu vil gutem, fürderung, vnd hernach abbruch, ze myn-
dern mein sündigs leben, das mich der schopfer aller Ding in seinem
willen vnnd gefallen vnderziehe, ze volennden.
BERLIN. REINHOLD RÖHRICHT.
ÜBER WIELANDS ÖERON.
Eine litterargescbichtliche Untersuchung.
Bald nachdem mit Goethes und Herdei-s ankunft ein neuer auf-
schwung des litterarischen lebens in Weimar begonnen hatte, erschien
im Deutschen Mercur (1777, 1, 3 fg.) Wielands romantische erzählung:
Geron der Adelich (umgearbeitet in der gesamtausgabe von 1794 —
1796 bd. 8). Obwol von geringem umfange und von der neueren
litteraturforschuug bisher unbilliger weise vernachlässigt, verdient die-
ses gedieht dennoch schon wegen dieses Zeitpunktes seines erscheinens
besondere beachtung, zumal da es in Inhalt und spräche mehr als
irgend ein anderes beweist, wie auch Wieland damals von der ein-
wirkung Goethes und Herders nicht unberührt blieb ^.
Die vorliegende studio® berücksichtigt in erster linie diejenigen
eigentümlichkeiten des Geron, welche mit den gesichtspunkten in zusaro-
1) Aquileja. 2) Marone, Monfalcone. 3) Karst 4) Caorle.
5) Vgl. Scherer, Litgsch. s. 515: Geron ist Wielands ernstestes und durch
selbstverläugnung, mhigen ton, abwesenheit der manier, eigentümliche compositioD,
ästhetische und sitlicho haltung vielleicht sein volkommenstes gedieht.
6) Schon februar 1889 der redaction dieser ztschr. übersendet; daher konte
auch der im UI. bd. der Vierteljahi-sschrift f. d. 1. (okt. 1890) entbalteoe aufsatz von
G. Rousshoff nicht berücksichtigt worden.
ÜUEB WIKLAND8 OBRON 221
hang stehen, die für Wieland bei der ausarbeitung des gedieh tes mass- ^
gebend waren ^ •
Ich habe demnach zunächst die composition des gedichtes
untersucht und dessen Verhältnis zur quelle im einzelnen dargelegt.
Sodann habe ich die diction, welche sich Wieland selbst hoch anrech-
net, auf folgende fragen untersucht: 1. Wieweit ist Wieland in der
nachahmung älterer redeweise, namentlich der spräche des 16. Jahr-
hunderts gegangen, und in welcher art hat er die von ihm selbst
genanten Vorbilder benuzt? 2. Welche mittel hat er angewendet, um
dem gedichte den Charakter würdevoller einfachheit und Schlichtheit zu
geben? 3. Lässt sich im einzelnen ein einfluss des französischen Ori-
ginals oder anderen fremden Sprachgebrauches auf die stilistische form
nachweisen?
Eine eingehende besprechung des Versbaues habe ich unterlassen;
doch sei schon hier bemerkt, dass der Geron reimlose fünffüssige Jam-
ben zeigt, und dass Wieland die wähl dieses versmasses besonders
rechtfertigen zu müssen glaubt Auf einzelnes ist gelegentlich hin-
gewiesen.
Der Untersuchung liegt die recension des gedichtes zu gründe,
welche Wieland selbst als die endgiltige angesehen wissen wolte, die
der gesamtausgabe von 1794 — 96 (TiCipzig, Göschen, kl. 8), nach wel-
cher ausgäbe auch citiert wird (W); damit wurde die erste ausgäbe
(Teutscher Merkur 1777 Jänner u. fgg. (T. M.) verglichen.
Der königlichen bibliothek zu München danke ich für die gütige
übermitlung der Bibliothöque universelle des Romans 1776, des alten
druckes des Gyron le Courtois von Jean Petit imd Michel le noir, sowie
der Bodmerschen „Proben der alten schwäbischen poesie".
I.
Starkes hervortreten der persönlichkeit des dichters ist eine der
hervorstechendsten eigentümliclikeiten der romantischen erzählungen
Wielands. Durch den überwuchernden Subjektivismus wird der leser
fortwährend daran erinnert, dass er sich eigentlich nur für gebilde der
freischaffenden phantasie erwärme, deren wilkür, wie die Charaktere, so
1) Brief Wielands an Merck vom 16. april 1777 (Briefe an Merck 108): „Das
Original (des Geron) will ich Ihnen mit dem April -Merkur schicken. Sie werden
sehen . . ., dass ich mir von Geron gar nichts zuzueignen habe, als das Bischen Com-
position and die Jamben und, wenn Sie wollen eine Diction, die dem Colorit, womit
sich die Geschichte meinem Geiste darstellte, etwas nahe kommt '^.
222 SINORR
auch die taten und geschicke der beiden schaft; eine wilkür, die
soweit geht, dass sie mit vielem aufwände Verwicklungen herbeiführt
und die handlung bis zu einem der Vollendung nahen punkte stei-
gert, um dann das ganze in ein nichts verpuffen zu lassen.
So tief begründet sind die damit zusammenhängenden eigentüm-
lichkeiten des stils in des dichters innerster natur, dass sie sich, mehr
oder minder stark hervortretend, in fast allen seinen epischen dichtun-
gen erkennen lassen. In behaglicher breite fliesst die erzählung dahin,
zumeist in launigem tone gehalten, als ob der erzähler, der in den
meisten fallen der dichter selbst ist, zeigen wolte, dass er durchaus
über seinem stofPe stehe, und dass das, was seine beiden au&egt, ihm
nicht die heitere ruhe rauben könne, mit der er, der schöpfer, die ent-
wicklung der dinge übersieht. Mitten in erregter und erhöhter dar-
stellung mahnt eine altägliche wendung, ein dem kreise des gewöhnlichen
entlehntes wort den leser, sich nicht alzutief ergreifen zu lassen. Nicht
selten wendet sich der dichter persönlich an den leser mit fragen und
ausrufen; ausführliches moralisieren unterbricht öfters den gang der
erzählung; zahlreiche eingeschobene sätze geben bald einen vergleich,
bald eine Zwischenbemerkung, die einen zweifei, einen wünsch, einen
ausdruck der befriedigung, eine einschränkung enthält Zahlreich sind
auch in den späteren romantischen erzählungen anspielimgen , welche
durch den Widerspruch mit ton und Charakter der eigentlichen erzäh-
lung die Stimmung fast gewaltsam unterbrechen. Auch an anachronis-
men fehlt es nicht. Dahin gehört es, wenn Oberen III, 16 Scherasmin
von „Schweizern" spricht; oder wenn Gandalin stock und hut ergreift,
um ins freie zu laufen (G. 8), recht wie eine figur eines Chodowiecki-
schen kupfers. Die anrede „euch" wechselt mit dem seit der mitte des
Jahrhunderts immer mehr zur geltung gelangenden „sie", so in den
gesprächen Gandalins mit der zofe. Nicht minder fremdartig berührt
es, wenn Scherasmin, indem er das märchen von Gangolf und Rosette
erzählt (Oberen VI, 70), Diogenes und Salomon als autoritäten für die
unzuverlässigkeit des weiblichen herzens anführt Ganz unvermerkt ist
hier Siegewins knappe zu Wieland geworden.
In bezug auf die behandlung der liebe lassen sich die roman-
tischen erzählungen der späteren zeit — Clelia und Sinibald hiebei
nicht in betracht gezogen — in zwei gruppen scheiden: Pervante und
Sommermärchen einerseits; Gandalin, Oberen und Geron anderseits.
Durchaus zeigen diese leztgenanten eine höhere auffassung des gegen-
ständes. Die casuistik der liebe behandelt der Gandalin. Aber der
ton des gedichtes ist bei aller Zartheit und feinheit vielfach derart, als
ÜBER WICLAN08 OEBON 223
ob sich der dichter über die unnützen und thörichten selbstquälereien
seines „Schützlings*' lustig machen wolte. Menschlicher Schwachheit,
wie sie der dichter so oft besungen, erliegen die beiden im Oberon,
aber in standhafter treue erproben sie ihren inneren wert. Und die-
sem gehalte entspricht auch die darstellung.
Einen siegreichen kämpf der pflicht mit der leidenschaft schildeil;
der „Geron". Ungewöhnlich bei Wieland ist dieses thema, ungewöhn-
lich auch die art der darstellung. Der dichter ist gleichsam aus sich
selbst herausgetreten. Wie er selbst durch die einfachheit und würde
des g^enstandes tief ergriffen wurde, so wolte er diesen eindruck auch
im leser hervorbringen. Darum übte er die äusserste selbstbeschrän-
kung und Selbstverleugnung. Nur die sache selbst solte wirken. Im
„Geron** ist der gegenständ gleichsam zum herm geworden über den
dichter, und so lässt dieser seine Individualität möglichst zurücktreten:
Geron ist die objektivste unter den romantischen erzählungen Wielands,
diejenige, in der sich, vom mittelalterlichen stoffe abgesehen, die wenig-
sten berührungspunkte mit den eigentümlichkeiten der romantischen
schule finden. Wie hoch hier das verdienst Wielands zu schätzen sei,
ergibt der vergleich der beiden recensionen des gedichtes unter einan-
der und mit der quelle. Denn er zeigt, wie strenge Selbstkritik der
dichter geübt hat
Kunstvoller und einheitlicher als bei irgend einer anderen roman-
tischen erzähl ung ist die composition unseres gedichtes. Im Sommer-
märchen, in Pervonte, Musarion, Hann und Gülpenheh, im Vogelsang
wird ohne weiters mit der erzählung begonnen; die ereignisse sind
nach der Zeitfolge geordnet. Andere bieten eine vorrede, in der das
thema angekündigt, die wähl desselben gerechtfertigt wird, sei es vom
dichter allein, sei es in form eines supponierten gespräches, wie im
Gandalin, in Sixt und Clärchen, Clelia und Siuibald oder selbst im
Oberon. Freilich bietet gerade bei diesem die kunstvolle ankündigung
des themas ihre eigenen reize, umsomehr als sie in dem spannendsten
momente abbricht und die achte strophe in heiterer, leicht ironisieren-
der weise zur ruhigen epischen erzählung hinüberleitet Nicht von
anfang an „wie alles sich begab" (Ob. I, 8) wird uns die handlung
erzählt, sondern nach gut epischer art werden wir mitten in dieselbe
versezt Erst nach der erkennungsscene im Libanon erfahren wir aus
Hüons munde, was ihn gezwungen habe, die fahrt zu unternehmen.
Erzähler und dichter sind im Wintermärchen und im Geron von
einander geschieden. Im ersten sind die in der einkleidung der mär-
chen von „Tausend und eine nacht" auftretenden personen genant
222 SINORR
auch die taten und geschicke der beiden schaft; eine wilkür, die
soweit geht, dass sie mit vielem aufwände Verwicklungen herbeiführt
und die handlung bis zu einem der Vollendung nahen punkte stei-
gert, um dann das ganze in ein nichts verpuffen zu lassen.
So tief begründet sind die damit zusammenhängenden eigentüm-
lichkeiten des stils in des dichters innerster natur, dass sie sich, mehr
oder minder stark hervortretend, in fast allen seinen epischen dichtun-
gen erkennen lassen. In behaglicher breite fliesst die erzählung dahin,
zumeist in launigem tone gehalten, als ob der erzähler, der in den
meisten fallen der dichter selbst ist, zeigen wolte, dass er durchaus
über seinem Stoffe stehe, und dass das, was seine beiden aufregt, ihm
nicht die heitere ruhe rauben könne, mit der er, der schöpfer, die ent-
wicklung der dinge übersieht. Mitten in erregter und erhöhter dar-
stellung mahnt eine altägliche wendung, ein dem kreise des gewöhnlichen
entlehntes wort den leser, sich nicht alzutief ergreifen zu lassen. Nicht
selten wendet sich der dichter persönlich an den leser mit fragen und
ausrufen; ausführliches moralisieren unterbricht öfters den gang der
erzählung; zahlreiche eingeschobene sätze geben bald einen vergleich,
bald eine Zwischenbemerkung, die einen zweifei, einen wünsch, einen
ausdruck der befriedigung, eine einschränkung enthält. Zahlreich sind
auch in den späteren romantischen erzählungen anspielungen, welche
durch den Widerspruch mit ton und Charakter der eigentlichen erzäh-
lung die Stimmung fast gewaltsam unterbrechen. Auch an anachronis-
men fehlt es nicht. Dahin gehört es, wenn Oberen III, 16 Scherasmin
von „Schweizern" spricht; oder wenn Gandalin stock und hut ergreift,
um ins freie zu laufen (6. 8), recht wie eine figur eines Chodowiecki-
schen kupfers. Die anrede „euch" wechselt mit dem seit der mitte des
Jahrhunderts immer mehr zur geltung gelangenden „sie", so in den
gesprächen Gandalins mit der zofe. Nicht minder fremdartig berührt
es, wenn Scherasmin, indem er das märchen von Gangolf und Rosette
erzählt (Oberen VI, 70), Diogenes und Salomon als autoritäten für die
unZuverlässigkeit des weiblichen herzens anführt Ganz unvermerkt ist
hier Siegewins knappe zu Wieland geworden.
In bezug auf die behandlung der liebe lassen sich die roman-
tischen erzählungen der späteren zeit — Clelia und Sinibald hiebei
nicht in betracht gezogen — in zwei gruppen scheiden: Pervante und
Sommermärchen einerseits; Gandalin, Oberen und Geron anderseits.
Durchaus zeigen diese leztgenanten eine höhere auffassung des gegen-
ständes. Die casuistik der liebe behandelt der Gandalin. Aber der
ton des gedichtes ist bei aller Zartheit und feinheit vielfach derart, als
ÜBER WULANOS OEBON 223
ob sich der dichter über die unnützen und thörichten selbstquälereien
seines „Schützlings*' lustig machen wolte. Menschlicher Schwachheit,
wie sie der dichter so oft besungen, erliegen die holden im Oberen,
aber in standhafter treue erproben sie ihren inneren wert Und die-
sem gehalte entspricht auch die darstellung.
Einen siegreichen kämpf der pflicht mit der leidenschaft schildert
der „Geron*'. Ungewöhnlich bei Wieland ist dieses thema, ungewöhn-
lich auch die art der darstellung. Der dichter ist gleichsam aus sich
selbst herausgetreten. Wie er selbst durch die einfachheit und würde
des gegenständes tief ergriffen wurde, so wolte er diesen eindruck auch
im leser hervorbringen. Darum übte er die äusserste selbstbeschrän-
kung und Selbstverleugnung. Nur die sache selbst solte wirken. Im
„Geron** ist der gegenständ gleichsam zum herm geworden über den
dichter, und so lässt dieser seine Individualität möglichst zurücktreten:
Geron ist die objektivste unter den romantischen erzahlungen Wielands,
diejenige, in der sich, vom mittelalterlichen Stoffe abgesehen, die wenig-
sten berührungspunkte mit den eigentümlichkeiten der romantischen
schule finden. Wie hoch hier das verdienst Wielands zu schätzen sei,
ergibt der vergleich der beiden recensionen des gedichtes unter einan-
der und mit der quelle. Denn er zeigt, wie strenge Selbstkritik der
dichter geübt hat
Kunstvoller und einheitiicher als bei irgend einer anderen roman-
tischen erzählung ist die composition unseres gedichtes. Im Sommer-
märchen, in Pervonte, Musarion, Hann und Gülpenheh, im Vogelsang
wird ohne weiters mit der erzählung begonnen; die ereignisse sind
nach der Zeitfolge geordnet. Andere bieten eine vorrede, in der das
thema angekündigt, die wähl desselben gerechtfertigt wird, sei es vom
dichter allein, sei es in form eines supponierten gespräches, wie im
Gandalin, in Sixt und Clärchen, Clelia und Sinibald oder selbst im
Oberon. Preiüch bietet gerade bei diesem die kunstvolle ankündigimg
des themas ihre eigenen reize, umsomehr als sie in dem spannendsten
momente abbricht und die achte Strophe in heiterer, leicht ironisieren-
der weise zur ruhigen epischen erzählung hinüberleitet. Nicht von
anfang an „wie alles sich begab" (Ob. I, 8) wird uns die handlung
erzählt, sondern nach gut epischer art werden wir mitten in dieselbe
versezt Erst nach der erkennungsscene im Libanon erfahren wir aus
Hüons munde, was ihn gezwungen habe, die fahrt zu unternehmen.
Erzähler und dichter sind im Wintermärchen und im Geron von
einander geschieden. Im ersten sind die in der einkleidung der mär-
chen von „Tausend und eine nacht" auftretenden personen genant
224 SIN&BR
vgl. Spiegel der könige von Scheschian. Aber die wenigen verse
erscheinen als eine rein äusserliche zutat, vielleicht nur herübergenom-
men, um ,an das original zu erinnern. Im Geron jedoch sind die
erzählende und die hörenden personen nicht blosse ifiguranten, sondern
sie interessieren uns an sich. Die erzählung von Gerons treue und
edelsinn erscheint als die zielbewuste handlung des alten Branor. Wir
erkennen die inneren gründe, welche den alten Branor bewegen, in
dieser geselschaft gerade diese geschichte aus dem reichen schätze sei-
ner erinnerungen zu erzählen.
Die äussere anregung zur wähl dieser form gab der text des aus-
zuges aus dem alten ritterromane Gyron le Courtois, den das oktober-
heft 1776 der Bibliothöque universelle des Romans enthält Dort heisst
es (s. 48), „Der genaue titel dieser geschichte, die zu Paris bei Verard
gedruckt ist (ohne Jahreszahl), besagt, dass sie von Branor dem Brau-
nen überliefert ist, dem alten ritter, der mehr als hundert jähre zählte
und an den hof des königs Artus kam, begleitet von einem fräulein,
um den jungen rittem gegenüber zu erproben, welche die reisigeren
wären, ob die jungen oder die alten; und wie er den könig Artus aus
dem Sattel hob und vierzehn könige, die in seiner geselschaft waren,
und alle ritter der tafeirunde; und es behandelt das genante buch die'
grösten abenteuer, die irgend einmal irrenden rittem zustiessen. Bra-
nor der Braune also erzählt, dass er eines tages in einer höhle oder
einem unterirdischen grabe zwei alte ritter fand usw." — Diese daten,
die einen Innern Zusammenhang nicht erkennen lassen, hat Wielaud
zu einer schönen, in sich geschlossenen handlung vertieft.
Die scenerie, in der die handlung des Geron begint, ist die so
vielen Artusromanen eigentümliche. Wie im „Sommermärchen** im
saale, so sind Artus und sein hof hier im freien vor der bürg versam-
melt. Da komt ein schwarzer ritter vom walde her, „er ganz allein".
Die Worte deuten darauf hin, dass Wieland hier mit voller absieht
von seiner quelle abgewichen ist. Die nebengedanken, die sich daran
knüpfen könten, dass der ritter in geselschaft einer jungen dame
erscheint, stünden im Widerspruch mit dem eindrucke der höchsten
ehrwürdigkeit, den er auf Artus und seinen hof und mittelbar auf den
leser machen soll.
Der held — eines hauptes länger als die andern alle — bittet
den könig Artus mit höflichen werten, er und seine ritter möchent zu
ehren aller minniglichen frauen und zu erprobung, ob den alten oder
den jungen rittem der preis der ritterschaft gebühre, einer nach dem
andern mit ihm eine lanze brechen. Alle kämpfen mit ihm doch kei-
ÜBER WIELANDS OERON 225
ner vermag den fremden zu überwinden. Als der lezte wird Lanzelot
besiegt Durch eine reihe kleiner züge ist die persönlichkeit Branors
fein charakterisiert, die kämpfe sind mit frischer lebendigkeit geschil-
dert^. Als auch Lanzelot aus dem sattel gehoben ist, steigt der sieger
vom rosse und geht nach dem zelte des königs. Scheu weichen ihm
die ritter aus; mit edlem anstände empfängt ihn Artus und fordert
ihn auf, sein antlitz zu zeigen, seinen namen zu nennen. Als der
fremde den heim vom haupte nimt, erblicken die ritter der tafeirunde
ein schönes, edles greisenantlitz. Die kraftvolle herliche erscheinung
gewint aller herzen. Er heisse Branor der Braune und sei ein vasall
imd waffengefahrte von Artus vater, könig Uther Pandragon, gewesen,
erzählt der alte; er gibt seiner freude darüber ausdruck, junge männer
zu sehen, die „noch nicht völlig aus der väter art geschlagen". Bei
tische wird „höflichen gespräches viel gepflogen bis um mitternacht".
Ein bewunderndes wort des königs Artus erweckt in Branor die weh-
mütige erinerung an die gefährten seiner Jugend; er nent einige sei-
ner genossen, zulezt den Geron. Hier benüzt nun Wieland das ihm
aus anderen romanen, vornehmlich dem Lancelot du Lac bekante lie-
besverhältnis zwischen Lanzelot und Genievra, um Gerons geschichte
in einen inneren Zusammenhang mit ihrer umkleidung zu bringen.
Schon in den eingangsversen des gedichtes ist leicht auf das Ver-
hältnis zwischen Lancelot und der königin gedeutet worden (W. 13):
„Und zwischen ihm und ihrem Lancelot sass Genievra" ... T. M.
s. 3 hat hier: „Und neben ihm (Artus) in sommersschönheit sass" ...
Die änderung erklärt sich daraus, dass der dichter schon im anfange,
werm auch nur flüchtig auf einen für die composition seines gedichtes
so wichtigen gegenständ hinweisen wolte. Ausführlicher wird die sache
erörtert, da geschildert wird, wie Lancolot sich zum kämpfe mit dem
schwarzen ritter anschickt. (W. 19 z. 2 v. u.)
Lancelot fordert auf den wink seiner dame Branor auf, von den
taten seiner Zeitgenossen zu erzählen. Dieser willigt ein und ver-
spricht, „von Geron, von dem edelsten der männer", die er gesehen,
zu erzählen.
Das folgende entspricht nun im ganzen dem auszuge der Biblio-
th^ue universelle. Doch beschränkt sich Wicland darauf, die geschichte
von Hektors des Braunen schwert zu erzählen. Nur in wenigen wor-
1) Die darstellung dieser kämpfe weist merkwürdige Übereinstimmungen mit
den betreffenden stellen des originalromanes „Gyron le Courtois'', die sich in der B.
nicht finden, anf. Vielleicht bin ich im stände hioiüber und über etwaige beziehungen
zu Loigi Alamannis „Groneil Cortese" in einem der nächsten liefto kurz zu berichten.
ZKUSGBBIFT F. DKUTSCHS PHILOLOGIE. BD. XXV. lo
226 siNosR
ten deutet er darauf hin, dass dem edlen Geron nach seinem siege
über seine leidenschaft ein neues, reines liebesglück erblühte. Die
Bibliothöque gibt nämlich hier dem alten romane gemäss folgendes:
Geron wird von Danayn (dies auch bei Wieland) auf das schloss des
alten ritters gebracht. — Beim abschiede treflPen die freunde das über-
einkommen, es solle der kranke von allen vorkomnissen unterrichtet
werden. So erfahrt Geron, dass die dame von Maloanc krank gewor-
den sei, dass sie ini fieber nur von ihm gesprochen, dass sie mit sei-
nem namen auf den lippen gestorben sei. Mit mühe nur wird er
selbst geheilt. Die liebe, die in seiner pflegerin schon lange glüht,
wird von Geron erwidert; er beschwört die Jungfrau, sie möge ihn zu
ihrem ritter annehmen, und gerne gewährt es die dame Blaye. Da
er Danayn sein geheimnis anvertraut, wird dieser darüber ungehalten,
und nur zu bald erkent Geron, aus welchem gründe. Am nächsten
morgen ist die damoyselle Blaye gewaltsam entführt; ein zurückgelas-
sener brief offenbart dem bestürzten Geron, dass Danayn, unfähig,
seine leidenschaft zum schönen fräulein zu bezwingen, der täter sei,
Geron sucht die beiden auf. Nach unzähligen abenteuern, auf deren
widergabe die Bibliotheque mit recht verzichtet, findet er die beiden
und entreisst dem treulosen freunde die geliebte. Wol schenkt er dem
besiegten das leben, verzeiht aber erst, als er von Danayn aus einer
schweren gefangenschaft befreit wird. Dann werden noch die taten
von Gerons söhn geschildert. Dieser zweite teil soll Gerons tugend
durch die treulosigkeit seines freundes in ein noch helleres licht stel-
len. Man vgl. Gerons werte gegenüber dem besiegten Danayn: et
certes tu pouvois te rappeler certaine courtoisie qui te ful' faite par
ton ami Gyron. (B. u. 90.)
Wieland hat, wie erwähnt, darauf verzichtet, seinen Branor diese
abenteuer erzählen zu lassen. Rasch ist Geron geheilt. In aller kürze,
mit kräftigen, ergreifenden werten, die sich enge an die quelle an-
schliessen, wird das ende der frau von Maloanc geschildert Dann
schweigt der alte ritter. Wenige aber kräftige züge zeichnen die Wir-
kung der erzählung auf die hörer und insbesondere auf Genievra und
Lanzelot. „Und wie giengs nun eurem Geron weiter?" fragt Lanze-
lot. Branor aber „hat nichts mehr zu erzählen". Das vom könige
angebotene obdach weist er zurück; geheimnisvoll, wie er gekonmien,
kehrt er in seinen wald.
In den anmerkungen zum T. M. gibt Wieland eine ziemlich
ausführliche darstellung des liebesverhältnisses zwischen Genievra und
Lanzelot. An einer anderen stelle dieser anmerkungen meint er, es
ÜBER WIELANDS GERON 227
würde zu nichts helfen, den lesem darüber rechenschaft zu geben,
warum er „es so und nicht anders gemacht" und besonders warum
er „den weg, diese geschichte durch den alten Branor an könig Artus
tafel erzählen zu lassen, gewählt".
Indessen lässt die art, wie die quelle benüzt wurde — und
natürlich sind hier erweiteningen und abweichungen besonders unter-
richtend — des dichters absieht klar erkennen.
Liebenswürdig ist die gestalt Gerons, imposant und ehrwürdig die-
jenige des Vertreters seiner anschauungen unter dem jungen gechlechte.
Auch in den äusserlichen dingen, auf die das rittertum wert legt, ist
Branor Artus und seiner tafeirunde überlegen. Die überwiegende phy-
sische ttichtigkeit lässt seine moralische persönlichkeit den hörem und
damit auch den lesem um so bedeutsamer erscheinen. Ei-st aus eines
solchen mannes munde ist die erzählung ihrer vollen Wirkung sicher.
Die composition lässt das streben nach strenger geschlossen-
heit, nach motivierter Verbindung aller einzelheiten erkennen. Auffal-
lend sind zunächst zwei abweichungen von der quelle. Bei Wieland
(W. 32) unterbricht sich Branor, nachdem er von Hektor des Braunen
tode und von dem erbe berichtet, das dieser Geron hinterlassen mit
den Worten: „Wie ers verwaltet, des will ich euch ein beispiel geben,
wenn ihr zuzuhören nicht müde seid".
Lanzelot und seine dame verneinen dies im namen aller anwe-
senden. Mit einem scharfen blicke misst Branor die beiden, diese
senken ihre äugen, eine kurze stille folgt und Branor fährt fort zu
erzählen. Diese episode ist von Wieland frei erfunden. Hingegen hat
der dichter ein abenteuer übergangen, das die Bibliothöque im zusam-
menhange dieser geschichte erzählt. Als Geron nach Maloanc zurück-
kehrt, weil er es fern von seinem freunde nicht dulden kann, begeg-
net er im walde dem fräulein Blaye. Die dame erbittet sich des rittcrs
geleit und schirm und Geron findet bald gclegenheit, sie durch einen
tapfem kämpf vor einer beleidigung seitens des Chevalier-sans-peur
zu schützen. Die dame gelangt glücklich in ihr nahegelegenes schloss.
Geron lässt sich in einem benachbarten kastell von seinen wunden
heilen und sezt dann seinen weg fort, ohne vorläufig einen tieferen
eindruck von der Schönheit seines Schützlings empfangen zu haben.
Eben diese damoyselle Blaye pflegt ihn, als er nach seinem Selbstmord-
versuche auf das schloss dos alten ritters gebracht wird. Dem Verfas-
ser des romanes mochte dieses erste zusammentreffen Gerons mit sei-
ner späteren geliebten zur besseren, wiewol nach unserem gefühle
unnötigen, motivierung der liebe der Jungfrau dienlich erscheinen.
15*
226 SINGER
ten deutet er darauf hin, dass dem edlen Geron nach seinem siege
über seine leidenschaft ein neues, reines liebesglück erblühte. Die
Bibliothöque gibt nämlich hier dem alten romane gemäss folgendes:
Geron wird von Danayn (dies auch bei Wieland) auf das schloss des
alten ritters gebracht. — Beim abschiede treffen die freunde das über-
einkommen, es solle der kranke von allen vorkomnissen unterrichtet
werden. So erfährt Geron, dass die dame von Maloanc krank gewor-
den sei, dass sie ini fieber nur von ihm gesprochen, dass sie mit sei-
nem namen auf den lippen gestorben sei. Mit mühe nur wird er
selbst geheilt Die liebe, die in seiner pflegerin schon lange glüht,
wird von Geron erwidert; er beschwört die Jungfrau, sie möge ihn zu
ihrem ritter annehmen, und gerne gewährt es die dame Blaye. Da
er Danayn sein geheimnis anvertraut, wird dieser darüber ungehalten,
und nur zu bald erkent Geron, aus welchem gründe. Am nächsten
morgen ist die damoyselle Blaye gewaltsam entführt; ein zurückgelas-
sener brief offenbart dem bestürzten Geron, dass Danayn, unfähig,
seine leidenschaft zum schönen fräulein zu bezwingen, der täter sei,
Geron sucht die beiden auf. Nach unzähligen abenteuern, auf deren
widergabe die Bibliothöque mit recht verzichtet, findet er die beiden
und entreisst dem treulosen freunde die geliebte. Wol schenkt er dem
besiegten das leben, verzeiht aber erst, als er von Danayn aus einer
schweren gefangenschaft befreit wird. Dann werden noch die taten
von Gerons söhn geschildert. Dieser zweite teil soll Gerons tugend
durch die treulosigkeit seines freundes in ein noch helleres licht stel-
len. Man vgl. Gerons werte gegenüber dem besiegten Danayn: et
certes tu pouvois te rappeler certaine courtoisie qui te ful' faite par
ton ami Gyron. (B. u. 90.)
Wieland hat, wie erwähnt, darauf verzichtet, seinen Branor diese
abenteuer erzählen zu lassen. Rasch ist Geron geheilt. In aller kürze,
mit kräftigen, ergreifenden werten, die sich enge an die quelle an-
schliessen, wird das ende der frau von Maloanc geschildert. Dann
schweigt der alte ritter. Wenige aber kräftige züge zeichnen die Wir-
kung der erzählung auf die hörer und insbesondere auf Genievra und
Lanzelot. „Und wie giengs nun eurem Geron weiter?" fragt Lanze-
lot Branor aber „hat nichts mehr zu erzählen". Das vom könige
angebotene obdach weist er zurück; geheimnisvoll, wie er gekommen,
kehrt er in seinen wald.
In den anmerkungen zum T. M. gibt Wieland eine ziemlich
ausführliche darstellung des liebesverhältnisses zwischen Genievra und
Lanzelot. An einer anderen stelle dieser anmerkungen meint er, es
ÜBER WIRLANDS QKBON 229
schliesst sich, wie eine nachricht, die Branor aus Gerons munde erfah-
ren, in aller kürze, dass Geron einst durch Hektor den Braunen geret-
tet worden, dass dieser sein lehrer und väterlicher freund gewesen und
ihm , als er in einer schlacht schwer verwundet sein ende nahen gefühlt,
sein Schwert zum erbe hinterlassen habe.
Vergleichen wir damit die quelle. Wer die beiden alten Avaren,
und dass man sie in der Avelt für tot gehalten, erzählt Branor vor den
eben citierten werten: „Pour se usw." Geron der alte erzählt, sein
enkel Geron der Adeliche sei der rechtmässige herr Galliens. „Mein
geschlecht geht bis auf die ersten christlichen könige dieses landes
zurück. Ich erhielt die kröne nach dem erbrecht, ich habe sie dann
im Stiche gelassen, um als irrender ritter die Avelt zu durchziehen,
bis ich schliesslich, nachdem ich mich bis zur ermüdung durch hohe
waflFentaten ausgezeichnet, es für gut fand, mich zu vergraben. Mein
ältester söhn folgte in allem meinem beispiele". (Dies wird weiter aus-
geführt.) „Meine konstitution, zweifelsohne stärker als die seine, ist
Ursache, dass ich ihn überlebe. Ich bin hier von der übrigen weit
abgetrent; doch tragen die erdgeister dafür sorge, mich von zeit zu
zeit von den grossen und bewunderungswürdigen taten meines enkels,
Gerons des Adelichen, zu benachrichtigen. Dieser war noch in der
wiege, als sein vater den tron Galliens seinem jüngeren bruder über-
liess. Der aber hat ihn unseliger weise durch Pharamund usurpieren
lassen. Dieser Usurpator ist der söhn eines mannes, der mein sklave
war. Er überschritt zu gelegener zeit den Rhein, stelte sich an die
spitze eines haufens von barbarischen beiden, die man Franken nent,
und kam mit ihnen, um mein reich zu rauben und sich desselben zu
bemächtigen. Er tötete meinen jüngeren söhn. Der junge Geron, der
lezte meines Stammes, war gerettet worden, zu jung, um seine abkunft
zu wissen, und war an den hof des königs Uter Pandragon gebracht
worden, wo er erzogen ward. Dieser monarch ist bis jezt der einzige,
der das geheimnis seiner abstammung kent; er weiss auch, dass mein
enkel durch seine mutter von H61ain-le-Gros abstamt, der seinerseits
der linie Josephs von Ariraathäa angehörte, jener linie, die so hoch
geehrt ist als hüterin des heiligen Grals". Was nun folgt findet sich
wortgetreu bei Wieland wider, bis auf den umstand, dass Hektor der
Braune nur als der lehrer des knaben, nicht als Sein retter erscheint
Die unterschiede beider fassungen bedeuten eben so viele Vorzüge
der bearbeitung. Der stofF ist einfacher, klarer und psychologisch wah-
rer geordnet, wodurch die widerholungen der quelle vermieden wer-
den. Das genealogische beiwerk entsprach gewiss dem geschmacke der
230 SINGER
leser des ursprünglichen romans; wir aber würden es nur als störend
empfinden. Die erzählung Gerons des alten vom untergange seines
sohnes klingt bei Wieland weit würdevoller als im romane; ebenso
sind die ruhmredigen worte: jusqu'ä ce qu'6tant las de me distinguer
par tant de hauts faits d'armes, je pris le parti (s. 50). . . durch die
verse Nachdem sie auf dem Lebensmeere lang
Herumgetrieben, alt und ruhesehnend usw.
in einer unserem gefühle weit entsprechenderen form widergegeben.
Verzicht auf alle für die entwicklung des ganzen imbedeutenden
nebendingo zeigt auch die weitere erzählung. Wo der auszug der Bi-
bliotheque dem alten romano das wort lässt, sucht Wieland möglichst
engen anschluss auch im Wortlaute; doch wird auch ausser der episode
mit fräulein Blaye (s. o.) noch manches ausgelassen, was etwa zu wider-
holungen anlass geben könte. Die bemerkungen und reflexionen Tres-
sans meidet der dichter widerzugeben, so sehr sie seiner eigenen
manier entsprechen, oder formt sie doch so um, dass sie dem Charak-
ter Branors gemäss werden.
Geron gewint die freundschaft Danayns des Rothen. Dessen
gemahlin macht durch ihre ausserordentliche Schönheit einen tiefen ein-
druck auf den beiden. Der aber weiss sich zu beherschen; nicht so
die frau, die von liebe zum ritter ergriffen merkt, was in ihm vor-
geht und dadurch den mut findet, ihm ihre gefühle zu offenbaren.
Er aber ruft die frau zu ihrer pflicht zurück:
II la rappela ä son devoir, il la conjura de ne point user de tout
Tempire de ses charmes et de permettre qu'il restat fidöle ä Tamitiö.
Quelle Situation pour l'amoureux Gyron! Quel excds de vertu dans
ce loyal Chevalier! Qu'il fut digne de Tepöe du brave Hector-le-Brun!
C'est peu de condamner son propre amour ä se taire; il pousse rh6-
roisme jusqu'ä fermer la beuche ä sa Dame au moment ou eile lui
fit Taveu de sa passion!
T. M. 107 gibt diese stelle in ähnlichem Charakter wider:
Nun denkt Euch eine Frau in aller Glorie
Der Schönheit und der Jugend und der Liebe
Dem Manne, der für sie brennt.
Sich in die Arme werfend —
Und denket, was es ist, ihr widerstehen!
Wie wenige selbst von den Besten des
Sich mögen rühmen können aisw.
In W. erscheint die stelle ganz verändert. Die Wieland so gewöhn-
liche einleitung der Schilderung durch: „Nun denkt euch (z. b. Gand.
ÜB£R WISLANOS GKBON 231
in, 170. Vin, 229) ist ausgefallen; die figur der apostrophe ist ganz
gemieden; an die stelle der reflectierenden lobpreisenden darstelliing,
die Branors zwecken widerspricht, ist eine sehr lebendige Schilderung
der grosse und gefahr der Versuchung getreten, doch ist die sünde von
vorn herein als solche hingestelt. Das dem weiteren verlaufe wider-
sprechende
Und sie zu sehen öffnet er auch ihr die Augen
ist getilgt; Gerons worte sind einfacher, naturgomässer, würdevoller.
Stellen die quelle und die erste fassung den verlauf so dar, als ob es
sich um einen kaum begreiflichen heroismus handle, so erscheint in
W. Gerons verhalten einfach als eine handlung, wenn auch schwerer
Pflichterfüllung.
Die frau liebt Geron um seiner treue willen nur noch mehr und
zeigt ihm dies in ihren blicken. Um der versucherin auszuweichen
verlässt der ritter das schloss seines freundes. Doch hält er es unter
den fremden leuten nicht lange aus: er kehrt zu Danayn zurück.
Wie viel die Frau von Maloanc an seinem Uberdruss
Theil haben könnte, mocht er so genau
Sich selbst nicht fragen (S. 38).
Die Bibliothöque hat hier: il se dissimula du mieux qu'il put
toute la part qu'y avoit sa Dame. Quoi qu'il en soit, il prit ses armes
usw. (S. 55/56.) Ähnliche psychologisierendo bemerkungen liegen zu
sehr in der manier Wielands, als dass er diese worte, die ja sehr am
platze sind, nicht hätte aufnehmen sollen. Doch ist seine wendung
Diilder als die seiner vorläge. Über das in dieser erzählte abenteuer
Gerons s. o. s. 227.
Danayn ist hocherfreut über Gerons rückkehr. Wörtlich fast aus
der vorläge herübergenommen ist die bemerkung, dass niemand ausser
Danayn imd dessen gemahlin Gerons namen wüste, sondern alle leute
1^ der bürg ihn nur den guten ritter nanten.
Ein Schildknappe komt, um Danayn zu einem turnier vor der
oeiden Schwestern bürg zu laden und dieser verspricht zu kommen.
Iß der vorläge fragt Danayn den knappen, wer das turnier veransüilte,
dieser gibt darüber auskunft, und mm erklärt Danayn, dass das turnier
^icht ohne ihn vor sich gehen werde. Rede und gegenredo hat Wie-
land wol als für den fortschritt der handlung bedeutungslos übergangen.
Danayn sucht seinen freund auf, und die beiden entschliessen
sich, unerkant am turnier teilzunehmen. Die frau von Maloanc hört
davon. Um Geron bewundern zu können, bittet sie ihren gemahl, sie
zum turnier zu führen. Dieser erklärt, er könne es nicht tun, wolle
232 SINGRR
sie aber hingeleiten lassen. Die Schilderung des seelenzustandes der
frau von Maloanc ist mit geringen änderungen in der disposition aus
der quelle herübergenommen. Dass die dame ihre hofiaung, Danayn
werde sie zum tumiere mitnehmen, auf die bestehende sitte gründet,
erwähnt Wieland nach der Bibliothöque, doch nur ganz kurz. Die
geschichte der entstehung dieser sitte übergeht er ganz.
Indes die frau von Maloanc in grossem Staate (en grand cortöge!)
den geraden heerweg zieht, nähern sich die freunde auf nebenwegen
der bürg. Nahe bei derselben begegnet ihnen herr Flaunz, der sie
zum kämpfe zu reizen sucht und, als sie seiner nicht achten, trotz der
mahnungen des Irwins höhnt, ohne jedoch einen erfolg zu erzielen.
Auf diese stelle, die bis auf die namen mit der vorläge stimt, komme
ich in einem anderen zusammenhange zurück.
Geron und Danayn sind sieger im tumier, und die frau von
Maloanc ist hocherfreut über Geron. Ihre Schönheit entzündet in Lac,
dem freunde des königs MeUas, eine heftige leidenschaft. Der könig
fängt, um Lac auszuforschen, von der dame zu reden an. Lac erklärt,
er getraue sich die frau ihren sechsundzwanzig rittern abzugewinnen,
fals er dem zuge in einem walde begegnete. Der roman hat hier noch
eine zweifelnde gegenrede Meliads, auf die hin Lac seine Versicherung
widerholt. Beides fehlt bei Wieland.
Darauf wird, jedoch kürzer als in der vorläge, erzählt, Geron
habe Laos werte gehört und ihm dies zu verstehen gegeben. Lac bleibt
bei seiner bohauptung und wird in folge dessen von Geron aufgefordert,
den beiden freunden den dank des tumiers streitig zu machen. Lac
erklärt sich dazu bereit. Danayn, der hinzugekommen, und Meliad
nehmen an der wette teil. Die beiden freunde behalten den sieg. In-
dessen bricht die nacht herein. Da Danayn einen rachezug gegen die
mörder seines neffen zu unternehmen hat, lässt er Geron und der frau
von Maloanc entbieten, nach hause zu kehren und dort seiner zu
harren.
Dass Danayn sich allein auf den rachezug begibt, wird B. u. 68
besonders, jedoch nicht glücklich, motiviert. Wieland unterlässt dies
mit recht, da er wol voraussezt, dass die frage, warum Geron sich
nicht am rachezuge beteiligt, überhaupt nicht aufgeworfen werden
würde, und dass die fassung der stelle dem leser genügend räum zu
Vermutungen biete.
Geron hat der werte Lacs nicht vergessen und folgt der frau von
Maloanc von ferne, als sie nach hause zui-ückkehrt. Lac hat indessen
deren zug im walde aufgelauert, jagt die begleiter in die flucht und
ÜBBB wulands geron 233
reitet mit der frau davon. So trift ihn Geron, der durch einen zufall
die spur der frau von Maloanc verloren hatte. Basch wird die dame
befreit. Yon Lac ist weder in der vorläge noch bei Wieland weiter
die rede.
In der folgenden stelle hat Wieland sowol die form der exclama-
tio als den gedankengang aus Tressans auszug aufgenommen. Doch
sprechen seine werte das gefühl weit mehr an als die kühle rhetorik
des franzosen.
Wortlos stehen die dame und Geron einander gegenüber; er aber
findet bald seine fassung wider: die dame sei frei, sie könne nach
ihrem willen nach Maloanc zurückkehren. Schon diese werte sind
nahezu unverändert dem auszuge Tressans entnommen, der hier den
alten roman getreu widergibt.
Dasselbe gilt für das ganze folgende gespräch und für die dar-
stellimg des seelenzustandes Gerons und seiner dame, da sie schwei-
gend nebeneinander reiten. Der kunstvolle parallelismus mit untergeord-
neten antithesen, in dem die Vorgänge im Innern der beiden geschildert
werden, ist mit wenigen, bloss auf den Wortlaut bezüglichen änderungen
der quelle nachgebildet. Ebenso ist das gespräch, welches zur liebes-
erklärung führt, eine fast wörtliche Übersetzung des französischen tex-
tes. Doch finden sich einige kürzungen. Sowol in T. M. (120) als
auch in W. (156) schliesst Gerons zweite rede mit den werten
wo nicht
Die Minne, die er zu Euch trug, ihm Kraft
Zu solcher That gegeben hätte
(mais la trös grand' Amour qu'il avoit ä vous luy fit faire et entre-
prendre ung si grant fait que vous vites B. u. 74); während B. u. dann
nochmals auf die besiegung Lacs zurückkomt.
W. hat in der dritten rede Gerons folgende werte, die sich T. M.
120 nach B. u. 75 finden, ausgelassen:
Und zwar mit solcher Minne, wie ich glaube, dass
Kein andrer Bitter bass als ich gewinnen möge.
(Et voyrement aimeje en teile maniere, qu'il m'est avis quo nul autro
Chevalier ne put plus aimcr que j'aime.) Die auslassung ist darin
begründet, dass sowol T. M. 121 als W. 57 eine ganz ähnliche stelle
an einem passenden orte, übrigens auch in wörtlichem anschlusse an
die quelle geben:
Ja liebe Frau —
Ihr seid es, die ich minne, so wie bass
Kein andrer ritter seine Dame minncn mag.
234 SINGER
(B. u. 76. Olli chöre Dame vous etes celle! meme que j'aime de tout
mon coeur ainsi fort comme Chevalier piiisse aimer Dame.) Als die
frau von Maloanc dies hört, ist sie so glücklich, dass sie für ihre freude
keine worte findet.
Hier ist die schlichte Stilisierung des Originals von Wieland viel-
leicht nicht zu ilirem vorteile verändert worden.
Indem Geron und die frau schweigend nebeneinander reiten,
erblickt der ritter einen pfad, der zu einem waldbrunnen führt Er
schlägt der dame vor, dort ein wenig zu ruhn, denn er fühle sich
sehr müde. Die frau ist damit einverstanden. So reiten sie dem brun-
nen zu. Dort bindet Geron sein pferd an einen bäum und hilft der
dame herab. Die Schilderung des plätzchens findet sich an dieser stelle
der vorläge nicht, eine in manchen punkten ähnliche jedoch im zwei-
ten teile des romans.
Geron entwafnet sich und ist nahe daran, die treue auch durch
die tat zu verletzen, da fält sein schwort vom brunnenrando ins was-
ser. Er zieht es heraus, wischt es ab, und indem er es betrachtet, ob
es nicht beschädigt sei, falt sein äuge auf die inschrift. T. M. 124
schliesst sich hier enger an die vorläge an als W.
„Er liest und liest die inschrift": und nun folgt die widergabe
der ganzen inschrift.
Und Geron liest und liest es wieder und
Zum drittenmale
(vgl. ses yeux involontairement se fixeren t sur la divise vertueuse:
Loyautö passe tout, trahison temit tout etc. II la relit ä plusieurs
r6prises, comme s'il la remarquoit pour la premiöre fois.)
Bloss die ersten worte der inschrift zu geben und daran ein
„usw." zu setzen, war für Wieland ganz untunlich; daher hat W. 62,
um die widerholung zu meiden:
Er bebt und liest und liest es wieder und
Zum drittenmal.
Dies ruft ihn zu seiner pflicht zurück. Er sinkt in tiefes sinnen, und
da er lange nichts spricht, redet ihn die frau von Maloanc endlich an.
In der vorläge antwortet er sofort. Wieland lässt seinen Geron die
frage zuerst völlig überhören. Lange harrt die frau der antwort; end-
lich widerholt sie in zärtlicherer form die frage: Nun erwidert ihr Ge-
ron, indem er sich anklagt. Ehe die frau es hindern kann, durchbohrt
er sich mit dem Schwerte. Nur mit mühe hindert ihn die frau von
Maloanc, sich noch einen zweiten stoss zu geben. Indes hat Danayn
seinen rachezug vollendet. Auf dem wege nach seiner bürg hört er
ÜBER WULANDS GBBON 235
die klagerufe und reitet zum brunnen. Geron gesteht dem freunde
seine schuld, die der frau verbirgt er. Danayn erkent jezt erst die
herlichkeit der tugend seines freundes und bittet ihn zu leben. Geron
willigt ein und wird auf einer bahre nach dem nächsten schloss
gebracht Der schluss wurde bereits besprochen.
Anachronismen sind in dem auszugo der ßibliothöque vorhanden,
und Wieland hat dieselben wol bemerkt und zu beseitigen gesucht
Der seneschall d^s königs Artus, Gries, wird in der einleitung unseres
gedichtes als ein mann hingestelt, der höflichkeit mit rittersitten paarte.
Ein gewanter, wackerer krieger, tritt er nur gelegentlich des kampfes
Branors mit den rittem der tafeirunde auf Die rolle, welche der
roman dem seneschall Breux zuschreibt, Geron und Danayn zu höh-
nen, hat bei Wieland herr „Flaunz" erhalten. Bemerkt sei übrigens,
dass Gries im Sommermärchen so charakterisiert wdrd, wie Breux (Keie)
im Gyron und anderen romanen. — - Herr Flaunz wird von Irwin,
„einem der adeligsten ritter der tafeirunde " zurechtgewiesen. Herr
Irwin (messire Tvain wird auch im alten romane an dieser stelle genant)
ist der wolbekante Iwein. Wieland mag gedacht haben, dass Irwin
seinen lesern nicht bekant genug sei, um von ihnen nicht für ein mit-
glied der ersten tafeirunde, derjenigen Uter Pandragons gehalten zu
werden, von welcher er in den anmerkungen im Deutschen Merkur
spricht. Vielleicht haben wir es auch mit einer flüchtigen herüber-
nahrae einer einzelheit zu tun, die genau genommen der Voraussetzung
des gedichtes widerspricht — An einer anderen stelle hat Wieland
einen kaum fühlbaren anachronismus beseitigt Bei Tressan heisst es
s. 78: Icelle 6p6e — comme le lecteur peut s'en souvenir — avoit
appartenue jadis au bon et vaillant Chevalier Hector-le-Brun. Et pour
amour de lui et aussi pour ce que r6p6e etoit parfaitement bonne
Gyron le-Courtois la prisoit plus chörement que ne faisoit le Roi
Artus le meilleur chäteau qu'il eüt
"W. 61 ist dem Geron das schweri so lieb,
Dass er nicht das beste Schloss
Des Königs Uther drum genommen hätte.
Hier hätte es Wieland sehr nahe gelegen die werte que nc faisoit le
roi Artus durch ein „wie euch, o könig, euer bestes schloss" oder ähn-
lich widerzugeben. Dass er dies nicht getan, legt zcugnis ab für seine
Sorgfalt bei der arbeit. — An einer stelle jedoch scheint der dichter
durch die erinnerung an seine quelle tatsächlich zu einer inconsequenz
verleitet worden zu sein. W. 53 nämlich werden die gedanken der
frau von Maloanc gegeben:
236 SINOER
Der wäre nicht des Ritternamens wert,
Der eine frau wie ihr zum drittenmal
Abweisen könnte.
Von einer wirklichen abweisung ist aber im gedichte nur einmal die
rede. Dass man nicht annehmen dürfe, die frau von Maloanc betrachte
Gerons entfernung oder etwa seine werte nach der besiegung Lacs als
eine zweite abweisung, lehrt der vergleich mit W s. 58:
■
Denn es ist so lange nicht usw.,
welche stelle sich nur auf das erste gespräch Gerons mit der dame
bezieht. Die ganze sache erklärt sich leicht, wenn man annimt, Wie-
land habe bei dem „zum drittenmale" an Bibl. un. s. 55 gedacht:
Soutenue par Tespoir, la Dame de Maloauc iBt a Gyron une seconde
Ouvertüre. Diesen werten erst folgt die auch von Wieland beibehal-
tene darstellung des benehmens der dame, welches Geron veranlasst
Maloanc zu verlassen. Psychologisch interessant ist es, dass die worte
der vorläge (B. u. 71), denen unsere stelle nachgebildet ist, eine zwei-
malige abweisung zwar als möglich, nicht aber als notwendig voraus-
setzen. Sie lauten: qu'il ne l'econduie tout ainsi comme il l'a autre-
fois fait.
n.
Die Verwertung des vorgefundenen Stoffes hat die absieht des
dichters erkennen lassen, möglichste gcschlossenheit und einheit
der handlung zu erzielen und dabei den Charakter würdevoller
einfachheit zu wahren: „Die geschieh te war zu heilig in meinen
äugen, um sie verschönem zu wollen, und das einzige, was ich be-
daure, ist, dass ich sie nicht noch einfältiger, noch gotischer und holz-
schnitmässiger habe voiiragen können, als es geschehen ist Es mag
wol sein, dass sie in einer minder altfränkischen gestalt vielen moder-
nen lesern und leserinnen besser gefallen würde. Auch steht nun
jedem frei, damit zu machen, was er kann und will; ich meines orts
muste meinem gefühle folgen. Eine spräche, die der täuschung, als
ob man den alten Branor selbst reden hörte, so wenig als möglieh
hinderlich wäre, ist zu meinem zwecke ebenso notwendig, als eine
apologie deswegen in unseren tagen überflüssig sein würde". (T. M.
131.) Ähnliche gedanken spricht die vorrede zu W. 1796 aus, und
sie weist noch deutlicher auf die mittel hin, deren sich der dichter
bediente: „hingegen suchte ich mir, indem ich mir nach unserer spräche
im sechzehnten Jahrhundert eine art von deutschem Gaulois bildete,
ÜBER WIELANDS GERON 237
eine diction herauszubringen, welche ohne unverständlich und abge-
schmackt zu sein, der täuschung, als ob'' ... usw.
Diese äusserungen zeigen, von welchem Standpunkte aus der
dichter sein werk beurteilt wissen will. Indessen lässt sich das volle
Verständnis für die sprachlichen eigentümlichkeiten des Geron denn
doch nur aus einem grösseren zusammenhange gewinnen.
Die bestrebungen der Schweizer, die dichterische spräche des
18. Jahrhunderts aus dem frischen born der Volkssprache und aus der
mittelhochdeutschen und älteren neuhochdeutschen spräche zu bereichern
und zu verjüngen, hatten vielfachen Widerspruch, aber auch mannig-
fache forderung erfahren. Im Nordischen aufseher wies Klopstock darauf
hin, dass man ältere sprachformen und Wörter mit vernünftiger aus-
wahl widerbeleben solle; dass Luther, Opitz und Haller die nachzu-
ahmenden muster seien. In ähnlichem sinne erneuert Lessing das an-
denken Logaus. Von gröster Wichtigkeit jedoch ist hier das auftreten
Herders. In den „Fragmenten über die neuere deutsche litteratur"
fordert er (H. 19, 31), dass man die Idiotismen aus den zeiten der
meistersänger, des Opitz und Logau, des Luthers usw. samle und inson-
derheit mehr von Klopstock lerne. Auch die kühnheit der Idiotismen
bei einem einzelnen autor gebe gelegenheit, auf sein genie zu achten.
Er nimt sich der Schweizer an, die zwar manches übertrieben hätten,
deren gutes aber noch zu wenig geprüft sei. Er rühmt das verdienst,
das sich der „patriarchische Bodmer" durch die herausgäbe der Minne-
sänger erworben, ein verdienst, das seiner meinung nach grösser ist,
als das Lessings durch seinen Logau. Noch schärfer spricht sich hier-
über die zweite, rechtmässig nie zur ausgäbe gekommene aufläge der
fraginente aus (H. 19, 351): „Können wir uns also auch nicht für
f^'i6x&ov€g ausgeben, so wollen wir uns doch derselben (der idiotismen)
^s eines eigentums rühmen und mit patriotischem stolze idioten sein
^^h der griechischen bedeutuug dieses wertes". Und s. 360: „Ich
komme von ihm (Klopstock) zu Luthern zurück, um über ihn einen
commentar und aus ihm eine anthologie zu wünschen. Auch mit
Opitzens spräche selten wir vertrauter werden . . . Erst solte man doch,
öhe man über deutsche Schreibart sprechen will, lernen, was wahres
<leutsch gewesen ist und bleiben wird". S. 362. „Nimt man diesen
(den Schriftstellern) das idiotische ihrer spräche als einer lebendigen,
^s einer angebornen, als einer nationalsprache, so nimt man ihnen
geist und kraft".
Damit berührt es sich, wenn er gegen Sulzer die uneigentlichen
Wörter, synonymen, idiotismen als notwendige bestandteile einer jeden
238 SINGER
sinlichen spräche in schütz nimt. Freilich verkent er die Schwierig-
keiten nicht, die unsere spräche zu überwinden hat, um etwa die
machtwörter und inversionen Homers nachzuahmen (Fr. 40).
Im 12. und 13. abschnitte der fragmente legt er die bedeutung
der inversion für den sprachlichen ausdruck dar. Diese inversion ist^
um aufmerksamkeit zu erregen, jene, um sie zu erhalten; diese über-
rascht, jene bewegt die ganze seele usw. So hatte ja auch Bodmer
(Pr. LII) die metathesis oder Verwerfung der gewöhnlichen Wortver-
bindung für eine Ursache vieler und verschiedener Schönheiten der alt-
deutschen spräche erklärt.
In der gleichen tendenz nun veröffentlichte im jähre 1776 der
deutsche Mercur eine reihe von aufsätzen, in denen das leben deut-
scher schriftsteiler und gelehrter aus dem Zeitalter des huraanismus und
der reformation dargestelt wird.
Diese nachrichten, die sich in der hauptsache auf Heinrich Pan-
taleons „Teutscher Nation Heldenbuch" stützen, haben für uns keinen
wert mehr. Die anregung aber, die hier gegeben wurde, muss als
eine höchst verdienstliche angesehen werden. Im februarheft wird
Sebastian Brants Schreibart charakterisiert. Seine spräche schwebe zwi-
schen deijenigen der minnesänger und dem neuen hochdeutschen in
der mitte und habe viele Wörter, die noch jezt in Schwaben üblich
und mit einer menge anderer brauchbarer alter Wörter von spä-
teren sprachverbesserern unverständiger weise aus der Schriftsprache
ausgemerzt worden seien. „Es wäre zu wünschen, dass ein guter teil
dieser ausser cours gekommenen Wörter wider zurückgeholt und wenig-
stens in die komische, launigte. satirische und burleske Schreibart —
versteht sich mit auswahl und geschmack — eingeführt werde.
In diesem sinne ist Wieland bei der abfassung des Gandalin vor-
gegangen, der im selben jähre im Deutschen Mercur erschien. So ist
es eine ganz unverkenbare nachahmung der spräche des heldenbuches,
wenn das 6. buch mit den werten begint:
Sie nahte nun, die furchtbare Stunde,
Da Gandalin weit grössre Fahr
Als alle ritter der tafeirunde
Je untergangen, bestehen war.
Die gefahr, von der gesprochen wird, ist die belauschung der „Jelän-
gergelieber" im bade.
Als quellen werden das alte heldenbuch (wahrscheinlich hatte
Wieland die auch von Lessing besprochene Frankfurter ausgäbe von
1560 vor sich), die vier ersten bücher des deutschen Amadis aus Gallia,
ÜBER ¥mCLAin)S &ERON 239
der Teuerdank, der Froschmäuseier, die werke Haus Sachsens und das
Narrenschiff nebst vielen anderen angegeben; wie ja der Froschmäu-
seier auch in einer anmerkung zum Geron ein in bezug auf die spräche
klassisches buch genant wird. Dass man der Sprachbereicherung sehr
bedürfe, steht nach Wielands meinung ganz ausser frage.
Die folgenden hefte des T. M. 1776 bringen die biographien Gei-
lers von Kaisersberg, Ulrichs von Hütten, Johannes Fischarts — der
übrigens in erster linie als rechtsgelehrter gefeiert wird u. a. m.
Die nachrichten über Hans Sachs werden im märzhefte gegeben.
Das aprilheft bringt den kräftigsten protest gegen die anmassenden
kritiker, die über die männer des 16. Jahrhunderts abgesprochen: Goe-
thes „Erklärung eines alten holzschnittes, darstellend Hans Sachsens
poetische sendung*'. In unmittelbarem anschlusse daran wurden zwei
gedichte des Nürnberger meistersängers abgedruckt, der prächtige schwank
„St. Peter mit der Geis" und der wunderliche „Der Liebe Zanck".
Bezeichnend genug ist, dass Bertuch damals den Plan einer
ausgäbe der werke Hans Sachsens fasste.
Von des dichters nianier und spräche heisst es s. 95: „Seine alte,
rauhe aber kräftige spräche, die ungefeiltheit seiner verse, die holz-
schnitmässige Dürersche manier soll uns nicht länger hindern, den
geist, das herz, die in allen seinen werken leben, zu fühlen, zu erken-
nen und zu lieben."
Vergleicht man diese werte mit den oben citierten und mit der
art, wie veraltete wortfonnen, Wörter und constructionen im Gandalin
gebraucht werden, so sieht man, dass Wieland in verhältnismässig
kurzer zeit seine anschauungen über den wert der alten spräche wei-
tergebildet hat. Im Gandalin wird III, 170 ein grosses gemach „alt-
fränkisch verziert" geschildert; in diesem ist Jelängerjelieber. „So steif,
so voller Dürerscher falten" ist .ihr anzug. Im Geron aber ahmt er
die alte spräche nach, um den eindruck ehrwürdiger einfachheit her-
vorzubringen.
An diesen einmal gewonnenen theoretischen anschauungen hält
Wieland auch fest.
In der abhandlung „Über die frage: Was ist hochdeutsch?"
(W. H. 38, 17) erklärt er in naher Übereinstimmung mit Herder, dass
sich diese frage nur aus den werken der besten schriftsteiler beant-
worten lasse, und dass hievon auch die schriftsteiler des 16. und 17.
Jahrhunderts nicht ausgeschlossen werden dürften. Die älteren dialekte
seien noch inuner als gemeingut und eigentum der echten deutschen
spräche anzusehen; sie bildeten eine art fundgrube, aus welcher man
238 SINGER
sinlichen spräche in schütz nirat. Freilich verkent er die Schwierig-
keiten nicht, die unsere spräche zu überwinden hat, um etwa die
machtwörter und inversionen Homers nachzuahmen (Fr. 40).
Im 12. und 13. abschnitte der fragmente legt er die bedeutung
der Inversion für den sprachlichen ausdruck dar. Diese inversion ist,
um aufmerksamkeit zu erregen, jene, um sie zu erhalten; diese über-
rascht, jene bewegt die ganze seele usw. So hatte ja auch Bodmer
(Pr. LII) die metathesis oder Verwerfung der gewöhnlichen Wortver-
bindung für eine Ursache vieler und verschiedener Schönheiten der alt-
deutschen spräche erklärt
In der gleichen tendenz nun veröffentlichte im jähre 1776 der
deutsche Mercur eine reihe von aufsätzen, in denen das leben deut-
scher Schriftsteller und gelehrter aus dem Zeitalter des huraanismus und
der reformation dargestelt wird.
Diese nachrichten, die sich in der hauptsache auf Heinrich Pan-
taleons „Teutscher Nation Heldenbuch" stützen, haben für uns keinen
wert mehr. Die anregung aber, die hier gegeben wurde, muss als
eine höchst verdienstliche angesehen werden. Im februarheft wird
Sebastian Brants Schreibart charakterisiert. Seine spräche schwebe zwi-
schen deijenigen der minnesänger und dem neuen hochdeutschen in
der mitte und habe viele Wörter, die noch jezt in Schwaben üblich
und mit einer menge anderer brauchbarer alter Wörter von spä-
teren Sprachverbesserem unverständiger weise aus der Schriftsprache
ausgemerzt worden seien. „Es wäre zu wünschen, dass ein guter teil
dieser ausser cours gekommenen Wörter wider zurückgeholt und wenig-
stens in die komische, launigte. satirische und burleske Schreibart —
versteht sich mit auswahl und geschmack — eingeführt werde.
In diesem sinne ist Wieland bei der abfassung des Oandalin vor-
gegangen, der im selben jähre im Deutschen Mercur erschien. So ist
es eine ganz unverkenbare nachahmung der spräche des heldenbuches,
wenn das 6. buch mit den werten begint:
Sie nahte nun, die furchtbare Stunde,
Da Gandalin weit grössre Fahr
Als alle ritter der tafeirunde
Je untergangen, bestehen war.
Die gefahr, von der gesprochen wird, ist die belauschung der „Jelän-
gergelieber'' im bade.
Als quellen werden das alte heldenbuch (wahrscheinlich hatte
Wieland die auch von Lessing besprochene Frankfurter ausgäbe von
1560 vor sich), die vier ersten bücher des deutschen Amadis ausOallia,
ÜBER WIELANDS &ERON 239
der Teuerdank, der Proschmäuseler, die werke Hans Sachsens und das
Narrenschiff nebst vielen anderen angegeben; wie ja der Froschmäu-
seler auch in einer anmerkung zum Geron ein in bezug auf die spräche
klassisches buch genant wird. Dass man der Sprachbereicherung sehr
bedürfe, steht nach Wielands meinung ganz ausser frage.
Die folgenden hefte des T. M. 1776 bringen die biographien Gei-
lei-s von Kaisersberg, Ulrichs von Hütten, Johamies Pischarts — der
übrigens in erster linie als rechtsgelehrter gefeiert wird u. a. m.
Die nachrichten über Hans Sachs werden im märzhefte gegeben.
Das aprilheft bringt den kräftigsten protest gegen die anmassenden
kritiker, die über die männer des 16. Jahrhunderts abgesprochen: Goe-
thes „Erklärung eines alten holzschnittes, darstellend Hans Sachsens
poetische sendung". In unmittelbarem anschlusse daran wurden zwei
gedichte des Nürnberger meistersängers abgedruckt, der prächtige schwank
„St Peter mit der Geis" und der wunderliche „Der Liebe Zanck".
Bezeichnend genug ist, dass Bertuch damals den Plan einer
ausgäbe der werke Hans Sachsens fasste.
Von des dichters manier und spräche heisst es s. 95: „Seine alte,
rauhe aber kräftige spräche, die ungefeiltheit seiner verse, die holz-
schnitmässige Dürersche manier soll uns nicht länger hindern, den
geist, das herz, die in allen seinen werken leben, zu fühlen, zu erken-
nen und zu lieben."
Vergleicht man diese werte mit den oben citierten und mit der
art, wie veraltete wortfonnen, Wörter und constructionen im Gandalin
gebraucht werden, so sieht man, dass Wieland in verhältnismässig
kurzer zeit seine anschauungen über den wert der alten spräche wei-
tergebildet hat. Im Gandalin wird HI, 170 ein grosses gemach „alt-
fränkisch verziert" geschildeii; in diesem ist Jelängeqelieber. „So steif,
so voller Dürerscher falten " ist . ihr anzug. Im Geron aber ahmt er
die alte spräche nach, um den eindruck ehrwürdiger einfachheit her-
vorzubringen.
An diesen einmal gewonnenen theoretischen anschauungen hält
Wieland auch fest.
In der abhandlung „Über die frage: Was ist hochdeutsch?"
(W. H. 38, 17) erklärt er in naher Übereinstimmung mit Herder, dass
sich diese frage nur aus den werken der besten Schriftsteller beant-
worten lasse, und dass hievon auch die schriftsteiler des 16. und 17.
Jahrhunderts nicht ausgeschlossen werden dürften. Die älteren dialekte
seien noch inmier als gemeingut und eigentum der echten deutschen
spräche anzusehen; sie bildeten eine art fundgrube, aus welcher man
240 SINGER
der scliriftsprache in fällen, wo es vonnöten sei, zu hilfe kommen
könne.
Entscheidenden einfluss auf die diction des Geron übte auch der
sprachliche Charakter der vorläge. Der auszug der Bibliothöque gibt
nämlich an den bedeutendsten stellen den alten roman ziemlich getreu
wider. Da finden sich denn veraltete formen, Wörter, deren bedeutung
einer erklärung bedurfte, die dann in klammern beigefügt ist. Ebenso
finden sich einzelne constructionen, die dem französischen des 18. Jahr-
hunderts nicht mehr geläufig sind. Zu diesen stellen kommen andere,
die zwar auch durch anführungszeichen als wörtlich aus dem originale
herübergenommen bezeichnet werden, an denen sich jedoch der excerp-
tor änderungen erlaubt hat. Zeichnen sich diese stellen im ganzen
durch einen naiv-volksmässigen, herzens warmen ton aus, so ist dage-
gen der ganz von Tressan herrührende rest von kühlem rhetorisieren-
den Charakter, reich an ausrufen, reflexionen u. dgl.
"Was Wieland in sprachlicher beziehung zur nachahmung reizte,
waren die älteren, echten teile. Er will ein „deutsches Gaulois*'
schaffen.
Für die richtige beurteilung des grades der kühnheit, die Wie-
land sich als Sprachbildner zuschreibt, ist der vergleich seiner spräche
mit dem, was in Adelungs Wörterbuch^ als hochdeutsch bezeichnet
wird, sehr lehrreich' Man muss hiebei jedoch darauf achten, dass Wie-
land bei der abfassung des Geron nur die beiden ersten, bis inclusive
R reichenden bände des Wörterbuches benützen konte — die vorrede
des dritten bandes ist von der ostermesse 1777 datiert — ; dass ihm aber
bei der zweiten bearbeitung das volständige werk zur Verfügung stand.
Demgcmäss kann in T. M. nur dasjenige als trotz Adelung
geschaffen angesehen werden, was in die vorbezeichneten grenzen falt
Für alles übrige lehrt der vergleich zunächst nur, worin Wielands
Geron von dem abweicht, was Adelung als sprachrichtig gilt.
Manche änderungen von W. gegenüber T. M. dürften auf den
einfluss des Wörterbuches zurückzuführen sein; im ganzen und grossen
jedoch hat Wieland an den grundsätzen festgehalten, die für ihn bei
der ersten abfassung massgebend waren. Für dasjenige, was in W.
beibehalten ist, kann also der ganze Adelung in derselben weise zum
vergleiche herangezogen werden, wie für den ersten teil des wortvor-
rates von T. M.
Der grundsätzliche gegensatz zwischen Wieland und Adelung
könte leicht überschäzt werden, wenn man es unterliesse auf einige
1) Das Wielaud bekantlich sehr gewissenhaft und fleissig benüzt hat
ÜBEB WIBLAND6 OERON 241
wichtige bemerkungen in der vorrede zum ersten bände des Wörter-
buches näher einzugehen. „Die sogenante höhere Schreibart", sagt
Adelung, „arbeitet unaufhörlich an dem untergange der mundart des
täglichen Umganges. Da sie nicht immer neue bilder, neue Wahrhei-
ten sagen kann, so will sie die alten sachen doch immer wenigstens
mit neuen Wörtern nennen. Sie nimt alsdann ihre Zuflucht gemeinig-
lich zu der oberdeutschen mundart .... Ein glück wäre es noch,
wenn es auf diesem wege behutsam fortgienge; die oberdeutsche mund-
art hat einen solchen reichtum an unerkanten erhabenen ausdrücken
und Wortfügungen, dass sie die hochdeutschen dichter und rcdner noch
Jahrhunderte hindurch damit versehen kann, ohne erschöpfet zu werden.
Sie (die hd. mundart) figieren und auf alle folgende Zeitalter einschrän-
ken zu wollen, heisst den lauf aller menschlichen dinge verkennen.
Man müste zugleich auch den künsten und Wissenschaften, den moden,
ja der ganzen art zu denken und handeln auf ewig grenzen setzen".
Man sieht, auch der conservative Adelung kann sich den einflüs-
sen der neuerer auf sprachlichem gebiete nicht völlig entziehen, so
wenig freundlich er ihnen auch gegenübersteht. Gegenüber den oben
(s. 239) erwähnten äusserungen Wielands, dass sich die frage, was
hochdeutsch sei, nur aus den werken der besten Schriftsteller beant-
worten lasse, und dass hiervon auch die schriftseller des 16. und 17.
Jahrhunderts nicht ausgeschlossen werden dürften, weist es doch auf
eine bedeutsame Verschiedenheit der anschauungen, wenn Adelung in
ansehung der reinigkeit der spräche keinem Schriftsteller das prädikat
„klassisch" zugestehen will, die aufnähme veralteter und provinzieller
bedeutungen und Wortfügungen aus Luther, Opitz, Logau, Flemming
des weiteren rechtfertigt und diese rechtfertigung mit den werten
schliesst: „solte es auch nur geschehen sein, um den unkundigen oder
ausländischen leser zu warnen".
Ich führe nun aus dem wortvorrat des Geron die irgend auffal-
ligeren Wörter in alphabetischer Ordnung an, ähnlich, wie es Wieland
selbst in seinen anmerkungen zum Geron (Teutscher Merkur 1777,
s. 132 u. fgg.) gehalten hat.
Adelieh. Hiezu bemerkt Wioland (T. M. 132): ^Ich gebrauche dieses wert als eiu
äquivalent für das französische courtois. In unsern zelten wird edel mehr gebraucht,
den adel des gemüts und der sitten, adelich hiugogtin mehr den adel der geburt
zu bezeichnen. Bei unsern alten war es just umgekehrt. Sie sagten edel von
geburt, adelich von sitten*^. Wieland verweist auf den Sprachgebrauch der alten
Übersetzung des Amadis deGaide, in welcher courtois häufig durch adolich wider-
gegeben wird. Dass er es nicht mit höflich übei'sotzc. n'clitfortigt «m- mit der al)go-
schliffenen bedeutung dieses wortes. Courtois — adelich ist ihm gleichbedeutend
ZKITSCHVIFT F. DEUTSCHE PHII.0L0GIE. BD. XXV. 1^
v-'-
242 SINGEB
mit xaXbg xal ayad^og. Er verwahrt sich jedoch hier ebenso wie in der etwas kür-
zeren auf dieses wort bezüglichen stelle der vorrede dagegen, dass er damit dem
adel ein kompliment machen wolle.
In demselben sinne gebraucht das wort auch Luther: ,,die aller adiligiste
und theuei*ste tugend" (Briefe 2, 254). — Und hetten ir mir bestanden — mit
ellenhaften banden — das were adelich getan (Hdb. 707, 31). — schön, wolerzo-
gen, adelich (H. S. der ermört Lorenz z. 5) von einer kaufmannstochter. — Sowol
T. M. als W haben adelich. Diese Schreibung schlägt auch Adelung für die figür-
liche anwendung des wertes vor und bemerkt weiter: In dieser figürlichen bedeu-
tung fängt das wort an zu veralten , vermutlich , weil die Sache selbst bei unserem
heutigen adel aus der gewohnheit gekommen ist.
Anmuthen, sich = sich anmassen. Adelung weist das einfache „anmuten jmd.
etwas ^ dem gemeinen leben zu. Die Verbindung mit dem refiexivpronomen fehlt
ganz.
Ansprengen auf: „Sprengt im stürm auf seinen gegner an*^. DWb. I, 470 gibt zahl-
reiche beispiele für a. mit blossem accusativ = concitato equo aggredi, aber keines
für a. auf — schnell auf jemand losretten. Das gleiche gilt von Adelung, der
das wort als tätiges Zeitwert von anspringen erklärt.
Arbeit: „Und könig Artus kaum mit arbeit . . . sich festhielt^ W. 16. m. a. = mit
muhe; DWb. I, 540. Bed. 6: „Hieran grenzt unmittelbar die von schwerer knechts-
arbeit zuerst abgeleitete abstraktion grosser mühe und anstrengung. „Der wird
uns trösten in unserer mühe und erbeit auf erden L. 1. Mos. 5, 29. Ich habe sie
(die heil, schrift) über zwelf jähre gelehrt mit grosser schwerer erbeit L. 6, 24a*.
Die hier citierten beispiele lassen das wort minder entfernt von seiner ursprüng-
lichen bedeutung erscheinen, als es bei "Wieland gebraucht wird. Vgl. aber Ade-
lung: „Im hochdeutschen ist diese bedeutung (sorge, veixlruss) nicht mehr üblich,
ausser dass aibeit zuweilen noch für mühe gebraucht wird".
Aufsclimticken : ein aufgeschmücktes ross W. Das wort klingt gegenwärtig veraltet
DWb. 727, wo es mit exomare, denuo ornare erklärt wird, gibt beispiele aus Goe-
the, Musäus, Tieck und Jean Faul. Auch bei Adelung erscheint das wort als
durchaus gebräuchlich.
Auslaufen, sich: und so bald sein ross Sich ausgelaufen W 16. S. a. = genug lau-
fen, vom pferde, das in der carriere schwer lenkbar ist und erst almählich in eine
mindere gangaii übergeht, „sich auslaufen" muss. Diese bedeutung fehlt DWb. I,
904. a. 7. nur „sich auslaufen: nach langem sitzen sich bewegen, gleichsam die
beine wider auslaufen. Auch: sich ermüden". Auch bei Adelung nur die erklä-
rung: Sich durch laufen gehörige bewegung machen.
Auswägen : Er hatte aus einem grossen häufen Speere . . . den schwersten ausgewo-
gen W. 19. In Verbindung der wörtlichen und der übertragenen bedeutung =
nach dem gewichte prüfend wählen; fehlt DWb. I, 1008. Angegeben bei Adelung
A. 1. Heraus wägen, nach dem gewichte aussuchen.
Bar: aller ehren bar W. 51. Wieland selbst erklärt T. M. 133: soviel als nackt,
entblösst, ausgezogen .... wird durch unser beraubt nicht völlig ersezt Auch
Bodmer findet es nötig, das wort im glossar zu den Proben zu erläutern. Damit
stimt es, dass die DWb. I, 1057 angeführten beispiele aus dem 18. und 19. Jahr-
hundert für diese bedeutung durchweg jünger sind als die Proben. Adelung erklärt
das wort in der bedeutung unserer stelle für gänzlich veraltet.
ÜBBR WIBLANDS GKBON 243
Berufen: ... bis zu heiss die wunde brent, sie dem — zu bergen W. 36. b. =
verbergen, verhehlen, vor DWb. I, 1508, 4. Adelung bezeichnet das wort als nur
noch im oberdeutschen üblich, citiert jedoch beispiele auch aus Schlegel.
Bewähmngr: zu bewährung, wem in ritterschaft — der preis gebühre "W. 15. Das
wort ist hier in der bedeutung exploratio gebraucht, ähnlich wie T. M. 5 entspre-
chend hat: und zu bewähren, wenn usw., wo b. = explorare, dartun, prüfen.
Vgl. Und welcherlei eines jeglichen werk sei, wird dies fouer bewähren. L. 1. Cor.
3, 13. — Die hier entsprechende bedeutung fehlt DWb. I, 1765. Adelung hat
bewährung überhaupt nicht; unter bewähren erkläit er die bedeutung „prüfen'' für
veraltet
Dame: wird sowol für gemahlin als für geliebte gebraucht. Vgl. DWb. U, 702 und
Adelung: Dame „ein vornehmes frauenzimmer, besonders, wenn es verheurathot ist".
Dank: Den dank davonzutragen W. 45. Den dank des tumeys zu gewinnen W. 48.
trugen . . . des tumeys dank davon W. 48. Wieland erläutert: „Dank ist das
eigentliche wort für den preis, der dem sieger im turney zuerkant wurde. Man
sagte nie preis des turniers, sondern dank. — Er hat den dank gewonnen'' T. M.
133. Wieland verwendet das wort auch im Oberen zweimal in der gleichen bedeu-
tung: trug durch hinterlist . . . den dank davon I, 35, Und ratet, welchen dank der
Sieger heut erhält XU, 81. Seitdem ist der gebrauch dank = siegespreis wider
in aufaahme gekommen; vgl. Schillers Handschuh: den dank, dame, begehr ich
nicht! Dazu DWb. II, 731. 9. Wielands vorlagen: Gott geb im glück in dem
tumier, dass im der höchst dank heimgfall H. S. h. S. 289. Adelung: besonders
bedeutete dieses wort ehedem die belohnung, die der überwinder bekam, den preis;
dazu ein beispiel aus Opitz citiert.
Begren: der edle degen Uther Pandragon T. M. 10; im W. 23 ersezt durch der edle
ritter usw. — Degen = held, ritter. — Aber der teurdauk der degen rein —
beschüzte sich mit rechter mass W. 83, 58; wer ist der reine degen, der ims die
lere git Hdb. 63, 22. Zur geschichte des wertes DWb. II, 895: „Vom 14. Jahr-
hundert kam es (das wort) in abnähme. In neuerer zeit erscheint es wider häu-
figer, aber man betrachtete es als einen bildlichen ausdruck von ensis**. Vielleicht,
dass Wieland die änderung von degen in ritter eben mit rücksicht darauf —
man denke an die wenig heldenmässigen galanteriedegen des 18. Jahrhunderts —
vornahm. Im Gandalin ist das wort II, 169 und III, 172, beidemale in scherz-
haft spöttelnder anrede verwendet. Adelung bezeichnet das wert degen in der
bedeutung „kriegsmann, rechtschaffener, redlicher mann'^ als völlig veraltet; er
citiert Teuerdank und Logau.
Desselben grleiehen W. 51 = desgleichen, ibidem, similiter; die DWb. II, 1030 ange-
führten beispiele gehören durchwegs" der älteren spräche an. Adelung: „Die ver-
längerte form desselbengleichen , welche in der deutschen bibel mehrmals vorkömt,
ist im hochdeutschen völlig veraltet.
Dfenen: und zwanzig dienten bei der tafel T. M. 11; verändert in: zwanzig andre
pflegten des diensts dabei — Und zwanzig bei der tafül W. 25. Vgl. DWb. II,
1105 d. 5, ab. — Adelung: Zu tische dienen, bei tische aufwarten, im gemeinen
leben sowol Nieder- als Oberdeutschlands.
DureUaiieht: durchlauchter herr W. 14; d. = durchlauchtig; vgl. DWb, II, 1638;
Adelung kent vor Substantiven nur den gebrauch der form durchlauchtig, die er
auch unter durchlaucht (adjectiv) bespncht.
16*
244 SINGER
Ehrlich: Je ehrlicher sie sprachen, desto gröber ward herr Flaunz "W. 42. Dazu
Wieland T. M. 133: ,,In der alten bedeutung, in der es hier genommen wird, mit
dem französischen werte honnete gleichbedeutend und also mit höflich beinahe
einerlei. Gleichwol ist zwischen diesen beiden synonymen noch ein feiner unter-
schied. Höflich sprechen kann auch ein schalk; ohi'lich sprechen ist höflichkeit des
biedermannes. In diesem sinne ist das wort ehrb'ch im alten Amadis und in andern
werken dieser art vom 15. und 16. Jahrhundert immer gebraucht". — Das wort
verbindet also hier die D"Wb. EI, 70 e gegebenen bedeutungen 3 ehrlich =: red-
lich, ohne falsch von leuten, und 5 = xiemend, anstäfidig von Sachen. Bei
Adelung passt hierher am nächsten I (3) dem äusseren wolanstande der reinigkeit
der Sitten gemäss, im gemeinen leben.
Enthalten sich: während Geron sich zu Maloauc enthielt W. 38; wo ein guter, alter
litter sich enthielt "W. 67. = sich aufhalten. DWb. 11, 551. C. 1 führt dazu zahl-
reiche beispiele namentlich aus Luther an ; u. a. : Da zog Abraham hinab in Ägyp-
ten, dass er sich daselbst enthielte I. Mos. 12, 10, auch sonst ist es sehr häufig,
wild aber gegen das 18. Jahrhundert zu immer seltener. Aus der zeit der klas-
siker weist DWb. nur die beiden fälle im Geron nach. Adelung erklärt diese ganze
bedeutung für veraltet.
Entstehet: Entstehet eurem treuen ritter nicht TM. 8 = verlasst ihn nicht. Verlasset
euren usw. W.
Erbe: Das Hektor Braun . . . sterbend ihm zum erbe liess W. 61 = erbschaft, erb-
stück; DWb. 3, 710. 6: „Neben verba setzen wir statt des einfachen erbe heutzu-
tage das schlagendere erbschaft. Es heisst nicht erbe laxen, sondern erbschaft
hinterlassen. Noch bei Schweinichen : „Was for erbe s. f. G. gelassen*'. — Erben
= „zum erbe" geben im glossar zu den Proben 277. Adelung (5) bezeichnet
das wort als im gemeinen leben noch häufig füi- orbschaft angewendet; dazu citiert
er Geliert: das diitte gebetbuch hat sie aus dem väterlichen erbe bekommen.
Erhidmen: Dass die erde unter ihrem stampfen — erbidmete W. 15 = erbeben,
erzittern. DWb. III, 722 tremere = dem einfachen bidmen: Rauten also neidigk-
lich auf einander, dass man bedaucht das feld erbidmet unter ihnen Aimon s. 1*.
Und fiel so ungestümiglich emider, dass das erdrich . . erbidmet Buch der liebe
274, 1. — Auch die übrigen zahlreichen beispiele gehören durchwegs der älteren
spräche an. Das wort fehlt bei Adelung; ebenso bidem, bidmen.
Erfrenen sich: erfreut sich ohne mass W. 57 = sich freuen. DWb. m, 807, 2 nur
mit gen. der sache oder präposition. — Bei Adelung e, 2 im gleichen gebrauche wie
bei Wieland: ich erfreue mich, dass es dir wolgeht.
Frech: nichts mocht ihm seine vorsieht frommen, nichts — sein frecher mut W. 19
= kühn, verwegen; sonst überwiegt nhd. die üble bedeutung. (DWb. IV, 1, 92.)
vgl. ich verwunder mich, wie du deines tods so frech warten darfst Am. 125. Die
gute bedeutung wird von Adelung als veraltet bezeichnet; doch im sächsischen
churkreise „der rocken ^vuchs in wenig tagen so frech, dass man sich darüber ver-
wunderte" d. i. stark, mutig.
Frommen, s. o. = nützen. Wieland hält es für nötig, diesen gebrauch durch die
berufuDg auf Hdb. zu rechtfertigen (T. M. 133). „Der stein ist aber stark — er
frunit dich in ein jare — wol achczig tausent mark. Hdb. 32, 28. Ich habe es
zwar alles macht, aber es frombet nicht L. 1. Ck)r. 1, 12. Doch bietet DWb. auch
mehlfache beispiele für diesen gebrauch aus der zeit kurz vor und nach dem Ge-
ÜBER WIELANDS GERON 245
roD. Adelung: = nutzen, vorteil bringen, ein wort, welches im hochdeutschen
ungewöhnlich geworden. Darum die erklärung im T. M.?
Fraeht: Des hatt' (hätt' T. M.) er wenig finicht W. 44. Dazu T. M. 133: „die gewöhn-
liche alte redensart für: er hatte wenig nutzen, vorteil davon. Ohne Wiolands
erläuterung läge es näher frucht hier in der DWb. IV, 1, 263, 5 c erörterten bedeu-
tung folge, erfolg aufzufassen. So auch Adelung: (5) folgen, erfolg, (a) die guten
folgen, der nutzen. Die Verbindung „wenig frucht" fehlt bei Adelung.
Oaekeln: mögen sie — Was ihnen lüstet, gackeln W. 44; = schwätzen. DWb. IV,
1, 1128. 1. Vom geschrei der hühner. 2. Danach von menschen , besondei-s frauon;
rheinisch = hell lachen, sonst = plaudern, schwätzen. Wieland gibt damit B.
u. 63 laissons les exorcer leur jactance wider. Die form gackeln bei Adelung nicht
angegeben; von gackern nur die wörtliche bedeutung.
€reeken : der ... die unbekanten ritter geckto W. 44 = xwm narrc7i haben , höhtienj
vgl. DWb. IV, 1, 1921/2. Adelung: im gemeinen leben einiger gegenden vexieren ;
jemanden gecken oder ausgecken = seiner Schwachheit spotton.
Helmlin: nimt das helralin ab T. M. 123; verändert in: nimt die haubo ab W. 61 =
si die son haubert B. u. 78. H. = heim. DWb. IV, 2 . . . H. 1 = kleiner
heim. Das wort wird aber vielfach geradezu für heim verwendet; an der DWb.
citierten stelle: mit einem schwerdt, helbmlein und schildt H. S. 3, 2, 238* ist die
bedeutung kleiner heim ganz ausgeschlossen, wie der volständige Wortlaut dersel-
ben lehrt: „der ris komt usw.** Wieland mochte das wort W. 61 durch hauhe
ersezt haben, weil er annahm, dass es zu nahe läge, an die deminutive bedeutung
des „-lein" zu denken.
Heransgeifem: alles kurz und klein herauszugeifem W. 44. Hier wie das einfache
geifern im 16. Jahrhundert als verächtlicher ausdruck von nichtigen roden, aus-
fuhrungen usw. gebraucht; jezt denkt man gewöhnlich an giftig lästerndes, schmä-
hendes reden. Vgl. DWb. IV, 1, 2566 und IV, 2, 1034, wo Wigandus Ob die
newen Wittenberger 22* citiert wird: das ir wider die öffentliche Schriften ein
blawen dunst herausgeifert. Es fehlt bei Adelung, der auch das einfache geifern nur
in der bedeutung geifer fltessen lassen kent.
Hinan: ritt zum könig hinan W. 16. = hin, hinzu, dem älteren Sprachgebrauch
gemäss, während es in jüngeren quellen sonst auf einen höher gelegenen ort zeigt.
(DWb. IV, 2, 1383) und die damit gebildeten verba der bewegung im algemeinen
ein steigen oder klimmen anzeigen. Nach Adelung Wielands gebrauch ganz regel-
mässig: h. ein nebenwort, ein nahekommen an einen ort oder eine sache zu be-
zeichnen.
Hoehmnten: der .... hochmutete und neckte männiglich W. 42. Die vermeinen
ungestraft — uns hochzumuten W. 43 = hochmütig behandeln. T. M. 134: „Einen
hocbmuten, ein trefliches wort, das wider cours zu bekommen verdient, wie es
ehemals sehr gewöhnlich war. Sein sinn bedarf keiner erklämug. Jodermann sieht,
dass die redensarten, deren wir uns bisher als mit dieser gleichbedeutend bedient
haben, z. e. einem hochmütig trotzen, einem trutzen u. dgl. das wort hochmuten
keineswegs ersetzen". Das wort ist namentlich in der Amadisübersetzung sehr
häufig, z. b.: ritter, was bewegt euch diese fraw also schendlich zu hochmuten.
Am. 4. Grossen verdriess name der Juncker ab dem, dass er jrer so viel den könig
Perion hochmuten imd trotzen sähe Am. 8. Vgl. auch DWb. IV, 2, 1627. Bei
Adelxmg fehlt das wort. Doch findet sich in der anmerkung zu hochmut: Im
Oberdeutschen hat man auch das Zeitwert hochmütigen, aus hochmut verhöhnen.
246 SINGEB
Hohn: Lohn dem mann X. 32 = Et tout homme est honni B. n. 52. = schmach,
schände. DWb. IV, 2, 1722 gibt: 1. erniedrigung, schmach, schände, die einem
widerfalirt: da kompt Verachtung mit schmach und höhne. L. Spr. Sal. 18, 3: Die
götzen machen, müssen allosampt mit schmach und höhn bestehen Jes. 45, 16.
Vereinzelt auch noch bei Bürger, während die neuere spräche sonst mit höhn den
begiiff (4) übermütig spottender Verachtung verbindet. Adelung bezeichnet das wort
als nur der edleren Schreibart angehörig und (1) die bedeutung schände als grösten-
teils veraltet.
Höhnen: Und höhnen sie uns heute — Leicht mags sein, es reut sie morgen
W. 43 (a). — Denn gehöhnt auf ewig — Und aller ehren bar war ich geblieben
W. 51 (b). a = verhöhnen DWb. IV, 2, 1726. h. 46. — b = „gering, niedrig,
verächtlich machen [car j'etois deshonoroe ä toujours] eine bedeutung, die nhd.
noch bis ins 18. Jahrhundert vorkomt. "Wen hast du gehöhnt und gelästert L.
2. Könige 19, 22. Etliche aber griffen seine knechte, höhnten und töteten sie
Math. 22, 6. Der Basler nachdruck des neuen testamentes zählt höhnen unter die
der orklärung bedürftigen Wörter und erläutert es durch spotten, schmähen, schän-
den .... Sagt, wer ist schimpflicher gehöhnt — der held, von dem ein Sch(ön-
aich) dichtet — der dichter, den ein G(ottsched) krönt. Lessing 1, 34. Auch bei
Wieland (eben W. 51), doch nach dessen eigener erklärung in nachahmung der
spräche des 16. jahrhundeiis" DWb. FV, 2, 1725 h, 1. Adelung gibt zunächst nur
die bedeutung: mit Verachtung vei*spotten. In der anmerkung: Bei den schwä-
bischen dichtem, die es aber auch für tadeln gebrauchen, gehoenen.
Jungfrau: Zwölf Jungfrauen standen W. 13 und mehrfach. Nach Wieland T. M. 134
in der alten bedeutung mit fräulein gleichbedeutend gebraucht. „Was wir jezt
Jungfrau nenuen, hiess vor alters bekantlich magd, maget — daher magetlich jung-
fräulich — oder maid. Im rosengarten zu Worms — oder im dritten teile des
sogenanten heldenbuches heisst die königin Klriemhild, könig Gibichs tochter, weil
sie noch un vermählt ist, die königliche magd''. Vgl. auch Got, dir sei es im himel
klagt — das ich ein königHche magt H. S. h. S. 327. Königliche magt gehabt euch
wol; ebend. 651. — Der deutsche Amadis wendet yww^/ra«* auf mädchen an, von
denen unmittclbai* vorher erzählt worden , dass sie eine liebesnacht verbracht haben.
Adelung: j. 1. „In der weitesten bedeutung eine junge peraon weiblichen geschlech-
tes, sie sei verheuratet oder nicht; eine im hochdeutschen veraltete bedeutung'.
Unter 3, (2) (c) findet sich auch der alte gebrauch von „magd" für das neuere
„Jungfrau '^ berührt. Solto dies Wieland veranlasst haben, ein gleiches zu tun?
Klafifen : Lass sie klaffen W. 44 = laissez les coqueter B. u. 62 = schwatzen DWb.
V, 894, 26. „Im 16. und 17. Jahrhundert schwatzen, lästig viel, vorlaut, anmas-
send oder selbstgefällig reden. Zwar noch : Klaffe nicht zu laut oder von der seele
empfindung Voss 5, 203". Wieland dürfte das woii der lektüre des heldenbuches
verdanken: sag an was kaustu klaffen 70, 21. Du gibst mir schwere büsse, du
achtest nit was ich claff 660, 18. Das klaft sie senleich reich und armen. Fm. I,
3, I, 91. Adelung erörtert auch die verschiedenen fig. bedeutungen des Wortes
und bemerkt: Im hochdeutschen ist es in allen diesen bedeutungen ungewöhnlich.
Knappe: Dreissig knaben hielten — Im schatten W. 13; und die knappen bei den
hohen rossen standen W. 15 — T. M. 4 knaben — und mehrfach. Wieland hält
es T. M. 135 für nöthig, die bedeutung des Wortes zu erklären (ebenso das glos-
sar zu den Proben 283): „knappen, knaben, Schildknappen, knechte ist in der
spraclie unserer alten ritterzeiten gleichbedeutend mit dem altfranzösischen valet
ÜBER WIBLANDS GKRON 247
damoyseau und eouyer*'. Darauf wird in kürze die gosolschafüiche Stellung usw.
der knappen besprochen. ^Flaunz der schalk nante die beiden unbekanten ritter
sohimpflicherweise knechte, weil er sie ihres schlechten aufzuges wegen nicht für
voll ansah. Adelung erklärt das wort für „im gemeinen Sprachgebrauch der hoch-
deutschen gröstenteils veraltef*. 2. (1) „Von einem von jungem adel, welcher
noch nicht ritter war, sondern die ritterschaft erst noch erlemete ein Schild-
träger, knecht, edelknecht, im engl, ehedem knave*^.
Knecht: spottet er . . . der beiden schwarzen knechte W. 43 s. o. = knappe. Pr.
GL 283 knecht = Waffenträger, reuter; vgl. noch Adelung: 2, (1.) (a) Adelige
männliche personen, welche zur erlangung der ritterwürde andern rittem dienten,
hiessen sowol knappen und edelknappen als knechte und edelknechto.
Ma^tlioh: s. Jungfrau T. M. 12, magetlich ist "W. 27 durch jungferlich orsezt. Das
wort ist von Adelung nicht aufgenommen. Zu magd = Jungfrau bemerkt er: eine
im hochdeutschen veraltete bedeutung, in welcher das wort ehedem sehr üblich
war, fehlt DWb., wo VI, 1434 nur magdlich.
Mannheit: Kein anderer genoss der tafeirunde tats ihm zuvor an mannheit und an
schöne "W. 20. Von solcher mannheit W. 26. T. M. 135: „Mannheit besagte bei
unsem alten soviel als männliche tugcnd und kraft mit ihrem äusseren glänz und
anstand, sowie weibheit (wibheit) weibliche sinnesaii und sitte mit ihrem äusser-
lichen sanften reiz. Beides Wörter voller bedeutung, ehe Üppigkeit und neufran-
zösische lebensart beide gcschlechter so untereinander gemengt tmd eine so wun-
dersame wechselseitige mitteilung der eigenschaften unter ihnen bewirkt haben,
dass daraus eine zwitterart von menschen entstand, die, mit erlaubnis zu sagen,
weder als mann noch als weih recht zu brauchen sind*^. Vgl. das sie gern fech-
ten sehe die ritter umb ir manheit. Hdb. 623, 22. Dir ist noch verborgen die
grosse manheit mein 652, 5. DWb. VI, 1587, 2. Adelung: 2. „Ehedem wurde
es auch sehr häufig für tapferkeit gebraucht, in welchem verstände es aber ver-
altet ist*'. — So vei*wendet es Schlegel im Lear: dass du so meine mannheit kanst
erschrecken.
Mlimigrlloh: neckte männiglich ViT. 42 = jedermann. DWb. VI, 1591 m. 1. „Der
gewöhnlichen rede gehörte männiglich nur im 16. und 17. Jahrhundert noch an;
später steht es bei dichtem und im kanzleistil, heute ist es völbg veraltet. Vgl.
damit Adelung: im hochdeutschen veraltetes unabänderliches fürwort für jedermann,
welches noch im oberdeutschen üblich ist. Mennigklich auch desshalb lob gieht
Tdk. kap. 95. Menigklich nam gross freud ab der erlichen tat Tdk. kap. 82.
Mflde: zwang ihn von der milde — der frau von Maloanc sein leben anzunehmen
"W. = gnade, freigebigkeit mhd. mute; vgl. DWb. VI, 2208 m. 1. Adelung
verweist unter milde auf das adjectiv, w^o (3) (4) die an unserer stelle passenden
bedeutungen erörtert werden.
Minne: vielfach = liebe T. M. 135/6: „Minne für liebe, minnen für lieben ist durch
unsere alten minnesänger aus dem 13. Jahrhundert und durch unseren Gleim, der
uns einige ihrer lieder in einer vernehmlicheren spräche vorgesungen, bekant genug;
oder solte es wenigstens sein, wenn gleich giltigkeit gegen alles, was unsere nation
war oder tat, nicht so tief eingewurzeltes nationallaster unter uns wäre. Rechte
minne ist so viel als parfait amour in den altfranzösischen gedichten und romanen
und wurde ehemals so gebraucht „Von rechter minne minnen ist als im ganzen
ernst lieben aimer de parfait a/mour oder aifner par amours, wie sich die dame
de Maloanc im Gyron-le-Courtois ausdrückt^. Wieland selbst gebraucht das wort
248 SINOEB
minne widerholt iin Oberon, Gandalin usw. Pr. Gl. erklärt minne durch liebe,
Vonus. Zur geschichte der widerbelebung des wertes DWb. VI, 2241/2 M. 8.
Adelung erklärt das wort für veraltet, bespricht jedoch ziemlich ausführlich bedeu-
tung und geschichte desselben.
Minnekraft: Wärs nicht in dieser übergiossen minnekraft — Ich hätt in diesem
turney nicht getan — Was ihr gesehen habt "W. 56. Mit rücksicht auf die vorläge
= kraft, welche die mimie verleiht. DWb. VI, 2243 gibt nur unsere stelle. Bei
Adelung fehlt das wort.
Mlnniglieh: Zu ehren aller minniglichon frauon W. 15. Pr. Gl. erklärt das wort
durch „allerliebst". Das was ein minnikliche tochter schone H. S. G. u. G. 15. DWb.
VI, 2245: Um 1773 wider aufgefrischt und seither öfter, immer mit altertümlichem
klänge. Fehlt bei Adelung.
Mögren = können, vielfach. DWb. VI, 2452: mögen für vermögen „entweder im
falle mundartlichen anklanges, (da im fränkischen, bairischen und alemannischen
Sprachgebiet mögen noch immer = vermögen, können ist) oder bei gehobener und
alteiiümelnder rede". Adelung weist diese bedeutung den oberdeutschen dialekten
zu, „aus welchen mundarten es noch einige hochdeutsche kanzelleyen behalten
haben".
Mntcn: Uns zu höhnen mutets ihnen heut T. M. 112; in W geändert in: Und höhnen
sie uns heute. T. M. 138: sie sind in der laune. Wieland bezeichnet die i'edens-
ai-t als eine von ihm selbstgewagto , für die er keine autorität anführen könne. Das
wort muten selbst sei altdeutsch. DWb. VI, 2796. m. 3: „hessisch einfaches
muten = anmuten in der neueren bedeutung. Das mut mich nicht = das zieht
mich nicht an, habe keine lust dazu. T. M. 112 ist DWb. nicht angeführt. Ade-
lung hat das wort und gibt 2: „als ein activum verlangen, begehren, besonders
formell um etwas ausuchung tun, in welchem verstände es noch im gemeinen leben
üblich ist". Die wendung: es mtäet mich kent er nicht.
Xot: Der ritter . . . müste wol von not der besten einer sein W. 47. Welch ein
gewaltig wosen müste dann von not — die minne sein W. 55. — Not ist ihr zu
reden W. 52. Der not war, ihrem herzen luft zu schaffen W. 55. (6); von not
^ neccssario DWb. VII, 916 n. B. U, welchs als ketzerisch muss sein von not
Fastnachtssp. 9, 24. Der musz von not dreckig beliben Mumer narrenbeschwörung
57 Überschrift; selten bei neueren". Von not fehlt bei Adelung. Not sein =
neeesüc, ojnis esse mit dativ der person: Doch des erschlagnen tod zu rächen —
War dem feilen tross nicht not W. Oberen 1 , 37. Die anderen von DWb. ange-
führten bcispiele zeigen, dass auch diese constmktion der älteren spräche geläufiger
ist als der jüngeren. Adelung: Im hochdeutschen ist dieses nebenwort veraltet,
ausser da^ss man in der höflichen sprechart des gemeinen lebens zuweilen „mir ist
not sagt" (für das körperliche bcdürfnis).
Xu: Und von diesem nu vermied er streng, ins äuge ihr zu sehn W. 33. = aogen-
blick DWb. VU, 995 n. 2 c, d. Adelung: Nu und nun werden zuweilen auch als
hauptwörtor gebraucht, doch selten in der anständigen sprechart.
KUhren: Rührt ihn des schwarzen schaft mit solcher macht W. 17. = berühren
treffen. Wan das birg wird von regen nass, — so lösten sich die stein darvon —
wen sie dan rürten, der was tot Tdnk. 49, 16. Ein grosser stein rürt — dem
hcld beed sparadern sein, ebd. 30. Einer ist mii* zwischen beed bein^ — gefallen
und hat mich gcrürt ebd. z. 50. Adelung: 2 (1.) von einer tätigen bewegong in
gerader richtung sofeme sie sich au ein gewisses ziel erstrecket . . . Seine band
ÜBER WIELANDS QERON 249
hat uns nicht genihret 1. Sam. 6, 9. Die hand gottes hat mich gerühret Hioh 19,
21, wofiir man doch jezt anrühren, berühren braucht.
Saehe = Ursache: der also ohne sache — die unbekanten ritter geckte W. 44. Pr.
Gl. 288. Sache = rechtssacJie ane sache ohne recht; Pr. s. 7: daz äne sache ir
iht geschehe. Adelung: 8. eine Ursache, eine veraltete bedeutung. Er ist ohne
sache aufgeblasen in seinem fleischlichen sinn L. Col. 11, 18.
Schaft = lanxe; sie brachen manigen schaft Hdb. 183, 5. Adelung: 2 (1) Die lange
gerade stange an einem spiesse heisst noch hin und wider ein schaft. Daher die-
ses wort ehedem auch wol für den spiess selbst gebraucht wurde.
Schalk: Herr Flaunz — Ein junger schalk und prahler W. 42 (a). Hohn dem mann,
der seinen schalk — Verbergen will im löwenbalg W. 32 (b). a = spötter vgl.
railleur incivil et plus que fanfaron B. u. 62. b = spitzbube, schlechter mensch;
tritt jezt almählich zurück. Mein gewant, das ist ein igeis balk — damit deck
ich meinen groben schalk H. S. Heinz Widerporst 55. als ob ich sei der ergest
schalk H. S. Wolfsklage 47, und so vielfach. Bei Adelung beide bedeutungen.
Schier = nahey heinahe: Und wie er schier herangekommen, stieg er ab "W. 14.
Adelung: Ein noch in der gemeinen sprechart Ober- und Niederdeutschlands sehr
gangbares wort, welches aber in der anständigen schreib- und sprechart der hoch-
deutschen veraltet ist. (2) bald, mit nächstem.
ScUmpf : . . . Halb im schimpf und halb — Im ernst gesprochen W. 18 = T. M. 7.
Halb im schimpf gesprochen — Und halb im unmut; =: scherz . . . Und begiengen
vil manheit durch frawen willen zu schimpf und zu ernst Hdb. vorrede s. 2. von
emsthafften und schimpfTlichen Sachen Am. vorrede s. 3. Eanstu denn keinen
schimpf verstau H. 8. Rockenstabe 183. Schimpf und ernst von Pauli. Adelung:
Schimpf (1.) der scherz, eine im hochdeutschen veraltete bedeutung, welche aber
in den Schriften der vorigen zeit häufig vorkomt.
Schlecht: Doch unbekant und nur in schlechten wafFen W. 39. Ihr ganzer aufzug
schlecht und scheinlos W. 42 Denn wiewol er nur — in schlechten waffen auf-
zog W. 45. — schlecht = schlicht, einfach, dem älteren sprachgebrauche gemäss,
wie bei Adelung 1. (3.) (b) einen geringen, oder geringeren wert habend.
Sold: Die der minne süssen sold . . . wol zu geben — vermochten W 13 , dem
ein edles weih den sold der minne nicht versagen könte W 35. = Lohn vgl. minne.
Gandalin hat noch: Und Sonnemon — vei-spricht mir dafür der minne lohn. —
Der minne sold später noch häufiger verwendet. Adelung: In der hohen Schreibart
wird sold noch zuweilen für besoldung und lohn überhaupt gebraucht.
Sparen: Die auf morgen sich sparen weiten W. 43. T. M. 136 erklärt das wort durch
schonen und gibt als muster: "Wer seine feinde spart — Und auch erzürnt sein
freunde — Der ist nicht wol bewahrt (Hdb. 36, 38). — ich muss mein haut sel-
ber spam Fm. I, 3, v. 137. Adelung 1 (2) fig. (a) erhalten, die unverlezte fort-
dauer eines dinges bewahren; eine im hochdeutschen veraltete bedeutung.
SpSsslingr: strenge spässlinge W 44. T. M. 138: Auch das wort spässling für spass-
vogel un Plaisant nach der analogie von witzling u. a. ist meines wissens unge-
stempelt^. — Fehlt bei Adelung.
SpiessgreseUe: Geron ward sein spiessgesell W 33. Und wiewol sie schon — So
lange spiessgesellen waren W 38. (Et neanmoins qu'il y avoit dejä longtemps,
qu*ils etoient compagnons d'armes ensemble B. u. 58.) Und liegt wo seine spies-
gesellen lagen W 21. = waffengenosse. Weigand H, 765. Zum andern, liber
spisgesell — ißt dis an dir ein grosser föl Fischart Flohhatz 555. — Adelung: =
250 SINQBB
kameradj commilito; jezt gebraucht man es noch zuweilen yon einem jeden mit-
gesellen oder kamerad, doch am häufigsten nur im bösen oder verächÜichen ver-
stände.
Stangre = lanxe: Dass sie die stange vor der faust zersprengten W 21. Das er im
solte bringen her — ein stangen dick und darzu schwer Tdk. 103, 22. Adelung:
2. Die stange an einem spiesse, welche doch lieber schaft genant wird.
Strengre: Und von diesem nu — Vermied er streng, ins äuge ihr zu sehn. "W34 (a).
— strenge spässlinge "W. 44. Doch unter ihnen allen keiner hielt — den strengen
stoss des unbekanten aus W. = stark, geicaltig: (Weigandü, 836) fiengen solch
strengen vnd harten streit an Am. 4. Gen dem wurt der junkfrawen herz —
enzünt in strenger lieb H. S. Die Lisabet m. i. Lorenzen 28. Der ein in streng
anlief ebend. 100. Adelung: stark . . tapfer, eine ehedem sehr gangbare bedeu-
tung, in welcher es . . . veraltet ist.
Stunde : von stund an mögen sie — "Was ihnen lüstet gackeln W. 44. = von jext
an. Von stund an sähe der abenteur Fm. I, 3, XIV, 108. Das wirs von stund
an könten wissen Fra. I, 3, XV, 194. Im 18. Jahrhundert noch üblicher als jezt;
vgl. Adelung: I. Eine kleine weile, ein augenblick, eine ehedem sehr übliche bedeu-
tung, welche auch jezt noch gangbar ist. Von stund an, von demselben augen-
blick an, sogleich.
Trügen : Auch trügt das menschenherz — - Sich selbst zu gern T. M. 108. Der satz
in "W. ausgefallen. = betrügen, wiltst um den beutel triegen mich H. S. T. m.
d. "W. 1060. Adelung: 2 als ein activum mit der 4. endung der person ... In
dieser bedeutung ist es im hochdeutschen veraltet, wo betriegen dafür üblicher ist
Tugend: Gross und selten war des Schwertes tugend W. 32. = vorxug, taugltchkeü,
trefliehkeit , gute. Adelung: 3. fig. ist die tugend (1) der zustand, da ein ding die
zu seiner bestimmung nötigen eigenschaften besizt (a.) als ein abstractum tugend
eines hauses, eines pferdes. Auch diese bedeutung gehört in der edleren Schreib-
art zu den veralteten.
Überwägen: Ihn überwiegt — des schwarzen ritters stürzendes gewicht "W. 21. =
Mit gewicht bedrücken, überwältigen, hier mit starker betonung der concreten
bedeutung. (Vgl. Weig. II, 988.) Und wai-d vom schlaf überwogen und fiel hinun-
ter vom dritten söller L. Ap. 20, 19; als denn der schlaf in überwiegt, das er da
wie ein toter liegt H. S. d. Baur i. d. f. 143. Adelung: 2 fig. (1) überwältigen,
übermannen ... in dieser bedeutimg fängt es an zu veralten.
Ungesehieht: Herr Geron hatte durch ein abenteuer — Von ungeschicht (= von
ungefähr W. 49) den weg verloren: T. M. 116. (Diverses »aventures lui en firent
perdi'e les traces, et le memo hasard qui les lui avoit faire perdre les lui fit
retrouver) B. u. T. M. 137: V. u. soviel als durch einen unglücklichen zufalL Ich
erinnere mich diese redensart im Fi'oschmäuseler gefunden zu haben welches
werk in absieht der spräche billig ein klassisches buch sein solte. Er fand am
weg aus ungeschicht — Ein leuenhaut wol zugericht Fm. I, 3, X, 34. Fehlt bei
Adelung.
Ungewahrsam : Und ungewahrsam lässt sie auf und ab — die äugen schweifen . . .
W. 35 = „ohne dass es jemand wahrnahm'' oder ohne sich in acht zu nehmen?*^
fehlt bei Adelung.
Verdriess: . . . hörte mit verdriess W. 44 = verdruss. Es wäre mir leydt, etwas
zu begeren, das jhm verdriess brächte Am. 2. grossen verdriess name der Juncker
ab dem Am. 8. Da den sass ein bild zu verdriess dem hausherm L. Hes. s. 3.
ÜBER WIILAND8 OBBON 251
one verdriess Fm. ü, 1, IV, 95. Adelung: ein im hochdeutschen veraltetes wort
für verdruss, welches noch einigemale in der deutschen bibel vorkomt.
Yergaamen: Hätt euer mut die schmach mir nicht vergaumet W. 51. = prohibere
DWb. IV, 1, 1580, 2d. Oberschwäbisch und schweizerisch, gaumen Zeitwert zu
gaum = die hut. Fehlt bei Adelung; das simplex wird als oberdeutsch beobach-
ten, hüten erklärt
TeijlUien : Verjäht herr Lanzelot T. M. 8 = So spricht W. 20 (a) veijahte tac T. M.
114 = verfehlte W. 46. Veijäht herr Geron T. M. 112 = versezt herr Geron
"W. 43. (b.) a = sprechen; b = erwid-em, antworten. Wielands muster gebrau-
chen das wort häufig: wir leben ane sorgen, — das wil ich dir verjehen Hdb.
114, 31. Dasselbig bitt ich sie zu sehen, — damit sie müge veijehen — wer unter
uns erlangt den sieg. Tdnk. 108, 61. Die ich dir nit kan veijehen d. w. t. 158.
Doch deckt sich Wielands gebrauch nicht völlig mit dem der angeführten beispiele,
da er das wort mit dem einfachen jehen gleichbedeutend verwendet. Adelung hat
nur: vetyehen,Yer8lietes wort für hekennefn, beichten.
Verlassen: Sterbend ihm zum erb verlassen T. M. 123 = erbe liess W, 61. = las-
sen, hinterlassen, welcher seinen bruder als erben des königreichs verliess Am.
vgl. das subst. Verlassenschaft. Adelung: 1. (1.) (a). Man verlässt etwas, wenn
man es bei seinem tode auf der weit zurücklässt, wofür jedoch hinterlassen edler
und üblicher ist.
VenniUilte: Des Danayns vermählte W. 23 = ... Gemahel T. M. 106 = gemahlin.
Zu gemahel: und wo ich denn komme in die e — da mach ich meinem gemahel
we. H. S. Heinz Widerporst 79. wart mir zu einer gemahel geben H. S. der
wunderl. träum 5. Vermählte fehlt bei Adelung.
Vermessen, sieh: Vermess sich keiner W. 32. Pr. Gl. 293: vermessen = sich in
die gedanken nehmen, wagen. Der muss sich grosser ding vermessen H. S. d. Schi.
Adelung: 2 (1) . . 3. im weiteren verstände ist sich vermessen zuviel unternehmen,
was über jemandes kräffce ist. £s wird in dieser bedeutung wenig mehr gebraucht.
Torsagen: Und wie das herz es ihnen vorgesagt W. 45 = vorhersagen; vgl. ahd.
forasago. Die von Wieland angewendete bedeutung fehlt bei Adelung.
Waglieh: ... sie könte wol — Aus einem feigen menschen einen waglichen — Be-
herzten ritter machen W. 55. = leicht wagend; waglich kühn Gand. I, 161. Ade-
lung kent das wort nur in der bedeutung mit gefahr verbunden, eine wagliche
Sache, wobei man viel wagt. Vgl. „im 16. Jahrhundert mit wagnis verbunden*'
Weigand H, 1038.
Wehren: Dessen wehrten sie — Gar höflich sich "W. 42. (a) Doch kont er sich nicht
wehren, dann und wann — Sie anzusehn W. 54. (b). a = sich weigern Adelung 2:
widerstand leisten, als ein reciprocum, sich wehren, es geschehe nun auf welche
art es wolle, b = sich enthalten, sich versagen. Diese bedeutung fehlt bei
Adelung.
Werten: Dessen seele solcher tat — Sich werten dürfte W. 47 = sich wert hal-
ten, sich zutrauen. Wieland bezeichnet auch diese wendung als von ihm selbst
gewagt T. M. 138. Das wort fehlt bei Adelung.
Wieht: Der in ritterschaft — Kein kleiner wicht zu sein sich dünken liess W. 42.
T. M- 137: „Wicht (engl, wight) für person, mensch oder was die Engländer jezt
a fellow, ein bursche, ein kerl nennen, ist uralt und komt im heldenbuche häufig.
254 WEINHOLD
kommen, der Lexer im herbst 1868 folgte, wemi auch die yerbesserang zunächst
nicht sehr bedeutend war.
In Würzburg hat nun Lexer dreiundzwanzig jähre gewirkt, beliebt und hoch-
angesehen an der Julius -Maximilian -Universität wie in weiteren kreisen. Zweimal
war er roctor, sehr oft Senator. Hier hat er seine beste kraft entwickeln können,
hier hat er das dreibändige Mittelhochdeutsche Wörterbuch (1869 — 78) nebst dem Mit-
telhochdeutschen taschenwörterbuch (1878. 1881. 1885. 1891) gearbeitet, hier den
VII. band des Grimmschen deutschen Wörterbuchs (N. 0. P. Q) und die drei hefte
vom XI. bände (T bis Todestag!) fertig gestelt. Er war für diese aufopfernde
unablässige lexikographische tätigkeit der geeignete treue mann, wie Salomon Hirzel
früh erkant hatte; willig verzichtete er darauf, durch andre bücher seinem namen
einen glänzenderen Schimmer zu geben.
Als in Strassburg die besetzung der deutschen professur 1872 in beratung kam,
ist auch an Lexer recht ernstlich gedacht worden. Nach Scherers berufung ward
Lexer in Wien auf die Vorschlagsliste gesezt und der unterrichtsminister entschied
sich für ihn. Aber er lehnte 'den ruf in sein Vaterland ab, da ihn Bayern festhielt
und die Würzburger Verhältnisse ihm sehr lieb geworden waren.
1885 ward ihm das ritterkreuz des Verdienstordens der bayerischen kröne und
damit der persönliche adel verliehen*, 1890 erfolgte seine emennung zum ordentlichen
mitgliede des obersten schulrates. Und als Konrad Hofmann, der Münchener germa-
nist und romanist, anfangs Oktober 1890 gestorben war, ward unserm Lexer die
ordentliche deutsche professur angetragen. Aber er konte sich zur annähme nicht
entschliessen ; erst im mai 1891, nachdem der antrag zum zweiten male an ihn kam,
entschloss er sich den dringenden, ihn hoch ehrenden wünschen des herm ministers
nachzugeben.
Am 1. august übernahm er das neue amt, doch war es ihm nicht vergönt es
lange zu führen. Nachdem er das gefühl gewonnen, er werde sich in München gut
einleben, getragen durch das algemeine vertrauen, das er genoss, führte ihn ein
rascher tod unerwartet nach schluss des Wintersemesters hinweg. Bereits erkältet,
wagte er ende märz 1892 eine reise nach Berlin. Er blieb nur zwei tage hier, da
er sich unwol fühlte. Erfrischt durch die fahrt nach Würzburg, blieb er zwei tage
dort in geselligem verkehr mit den freunden; in Nürnberg aber, wo er seine tochter
besuchte, kam eine rippenfeil- und lungenentzündung zum ausbruch, die nach vor-
übergehender besserung sein ende herbeiführte. Matthias v. Lexer starb in den
ersten nachmittagsstunden des 16. aprils, von seiner ganzen famihe umgeben. Am
19. april ist er auf dem Johanniskirchhof in Nürnberg beerdigt worden.
Wer ihn kante, hat ihn tief betrauert. Er war ein ganzer mann, ein wolwol-
lender, pai'teiloser, reiner mensch, eine goldene treue seele. Ein schwerer verlust
ist sein tod für das bayrische Schulwesen; in der deutschen Wissenschaft erhalten
seine giiindlichen arbeiten sein andenken, länger, als die herzen schlagen werden,
die in liebe und freundschaft an ihm hängen, denn sie halten auch dem toten die treue.
ÜBERSICHT VON M. LEXERS GEDRUCKTEN ARBEITEN.
1855. Mundartliches aus dem Lesachthaie im herzogthum Kärnten: Frommann, Die
deutschen mundarten 11 , 241 fgg. 339 fgg. 513 fgg.
1856. Der ablaut in der deutschen spräche. (Programmabhandlung des Krakauer
gymnasiums.) Krakau 1856. 25 s. gr. 8. — Mundartliches aus dem Lesachthaie:
Frommann, Die deutschen mundarten IH, 114 fg. 305 fg. 464 fg.
IfATTHUS y. LBXIB 255
1857. Mundartliches aus dem LesachthaLe : Frommaim, Die deutschen mundarten lY,
36 fg. 155 fg. 481 fg.
1858. Spi'achproben aus dem Möllthale im herzogtum Kärnten. 1. Gassireime.
2. Die Sendrin in Wildentux: Frommann, Die deutschen mundarten V, 99 — 103.
1859. Mundartliches aus dem Lesachthaie: FronmiannVI. 191 fgg. — Volksüberlie-
ferungen aus dem Lesachthaie: Zeitschrift für deutsche mythologie Xu , 29 — 36. —
Volksüberlieferungen aus Kärnten (Drauthal). Ebd. IV, 407—414.
1862. Kamtisches Wörterbuch. Mit einem anhange: Weihnachts - spiele und lieder
aus Kärnten. Leipzig. S. XVIII sp. 340. Lex. 8. — Endres Tuchers Baumei-
sterbuch der Stadt Nürnberg. Mit einer einleitung und sachlichen anmerkungen
von Friedrich von Weech, herausg. durch M. Lexer. Stuttgart. S. XIV. 387. 8.
1862 — 66. Chroniken der deutschen städte vom 14 — 16. Jahrhundert, herausgegeben
im auftrage der königl. bayr. akademie. Bd. I — V. (Diese bände enthalten die
Chroniken von Nürnberg und Augsburg; Lexer war mit Frensdorff kritischer bear-
beitor der texte und hat auch die glossare ausgearbeitet. Auch die texte des 1892
ausgegebenen 3. bandes der Augsburger Chroniken sind vor 1866 von Lexer her-
gestelt und mit seiner handschriftenbeschreibung unverändert abgedruckt.)
1864. 1866. 1867. Bücheranzeigen im Anzeiger für künde deutscher vorzeit. Nürn-
berg (nicht unterzeichnet).
1869. Brachstücke der kaiserchronik: Zeitschr. f. deutsches altert. XIV, 503 — 25.
1869 — 78. Mittelhochdeutsches handwörterbuch. Zugleich als Supplement und alpha-
betischer index zum Mittelhochdeutschen wörterbuche von Benecke- Müller -Zamcke.
L A— M. Leipzig 1872. S. XXIX sp. 2262 und 2. s. — U. N— U. Leipzig 1876.
S. Vn sp. 2050 und 1. s. — III. V— Z. Leipzig 1878. 8. IV sp. 1226 und 1. s.
Nachträge sp. 406. gr. 8.
1873. Über Walther von der Vogelweide. Ein vertrag. Würzburg. 33 s. 8.
1877. Eede zur feier des 295. stiftungstages der Universität zu Würzburg: Über
deutsche philologie. Würzburg. 26 s. 4.
1878. Mittelhochdeutsches taschenwörterbuch. Leipzig. — 1881. Zweite aufläge mit
nachtragen. Ebd. S. 320. — 1885. Dritte umgearbeitete und vermehrte aufl.
Ebd. S. vn. 413. — 1891. Vierte aufl. Ebd.
X881 — 89. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Siebenter
band. N. 0. P. Q. bearbeitet von Matthias v. Lexer. Leipzig. Sp. VIII. 2386. 4.
X^2 — 86. Johannes Turmair's genant Aventinus Bayeiische chronik. München. 1. 1. 2.
1882. 83. S. 1184. H. 1. 2. 1884. 1886. S. 808. 8. (Glossar von H. Stümper,
umgearbeitet von Lexer).
X688. Miscelle: stiexen, in der Zeitschrift für deutsche philologie XXI. S. 255 fg.
XS90. Festrede zur feier des 308. stiftungstages der Universität zu Würzburg: Zur
geschichte der neuhochdeutschen lexikographie. Würzburg. 4.
^^90. 91. Deutsches Wörterbuch von Jacob Grimm und Wilhelm Grimm. Elfter band.
(T. U). Bearbeitet von M. Lexer. Lief. 1. 2. Leipzig 1890. Lief. 3. Ebd. 1891. 4.
Zur geschichte des deutschen Wörterbuches. Mitteilungen aus dem briefwechsel
zwischen den brüdera Grimm und Salomon Hirzel: Anzeiger für deutsches alter-
tiim und deutsche litteratur. Berlin 1890. XVI, 220 — 264. Nachlese aus dem brief-
wechsel zwischen den brüdern Grimm und Sal. Hirzel. Ebd. 1891. XVII, 237 — 54.
BKBLIN. KARL WEINHOLD.
256 BBOH
UTCEEATÜE.
Altdeutsche predigten. Herausgegeben von Anton £• Sehönbach. m. bd.:
Texte. Graz, Verlagsbuchhandlung Styria. 1891. VILL u. 451 s. 9 m.
Von den predigtsamlungen, die noch vor Berthold fallen, ist die vorliegende,
welche Schönbach zuerst in ihrer volständigkeit herausgegeben hat, ihrem inhalte
wie ihrer spräche nach unstreitig die wichtigste. Sie ist enthalten in der pergament-
handschiift der Wiener hofbibliothek nr. 2684* und umfasst die predigten des Con-
radus prespiter — so nent sich der Verfasser in seiner lateinischen vorrode.
Ihren wert hatte man bereits kennen gelernt durch prof. Joh. Schmidt, welcher in
dem Jahresbericht des kk. staatsgjrmnasiums im 3. bezirke in "Wien 1878 unter dem
titel „Priester Konrads deutsches predigtbuch** einen geregelten text von sieben pre-
digten nebst der voiTode daraus veröfFentiichte. Auf grund dieser proben sowie der
vielen bis dahin unbelegten ausdrücke, welche das mhd. handwörterbuch Lexers in
seinen nachtragen nach mitteilung Schmidts aus Konrad brachte (vgl. Lexer IH, Vor-
wort s. V), haben gewiss nicht wenige philologen gewünscht, recht bald die ganze
samlung gedi*uckt zu sehen. Diesen wünsch hat nun Schönbach durch die in rede
stehende ausgäbe erfült und damit sich den dank aller fachgenossen verdient.
Wie in dem vorhergehenden predigtbande geschehen, so sind auch diesmal
die von E^arl Roth herausgegebenen Regensburger bruchstücke, wo sie zu Konrads
texte stimmen, zur vergleichung mit abgedruckt worden. Aber auch in bezug auT
die widergabe der handschrift selbst ist der herausgeber seinem bisher befolgten ver-
fahren treu geblieben, wonach die berechtigten eigenheiten des Schreibers möglichst:
geschont und nur die offenbaren nachJässigkeiten und versehen desselben, insofern si(^
den Zusammenhang und das Verständnis beeinträchtigen, berichtigt worden sind. Wi^
Schönbach in der vorrede bekent s. VI, hat er hierbei nicht nur die abschrift des^
prof. Schmidt mit dem original verglichen, sondern auch manche ergänzungen und.
verbesserungen , die Schmidt in seinem texte angebracht hatte, benutzen können.
Die behandlung des textes, um auf diese zunächst einzugehen, hat wie ander-
wärts so auch hier ihre besondem Schwierigkeiten, namentlich wo es gilt bei einzel-
nen auffallenden wortformen zu entscheiden, ob sie als dialektische eigenheit dem
Schreiber zu belassen oder als Schreibfehler in die Varianten zu vei*weisen sind. So
ünde ich ein auffälliges schwanken bei folgenden formen:
vrälichen ist 102, 40, vrülich 113, 29 im text verblieben; dagegen 23, 13
und 41, 18 sowie 46, 26 unter die Varianten gerückt und durch vrolich im texte
ersezt; vgl. Germ. 9, 360.
girscheit für das überlieferte gigirscheit steht 23, 29; dagegen 71, 25 und
155, 17 — 22 ist die lezte form im texte gelassen, ebenso wie das 54, 31 und
155, 25 stehende adjektiv gigirsch.
27, 28 und 30, 33 ist die form vrümden (alienis) in die Varianten verwiesen
und statt dessen vromden gesezt, dagen 108, 28 und 112, 31 im texte verblieben;
vgl. Trudberter H. lied 146, 28 frumidiu dineh.
31, 4 in almaetigen in die var. gesezt, dagegen 28, 5 im texte belassen;
ausserdem steht xütiget (= xühtiget) 70, 25 unter den varr. und ebenso erchutie
(= erchiihte) 136, 30 und 31; im text aber 220, 23 braetest (= braektest); 160, 11
und 35 vergittiget (= vergihtiget)\ 160, 38 vergit (= vergiht)\ 161, 4 rergitte;
229, 15 flutte (= fluhtic)\ 34, 36 dumaetedichen; 183, 27 vorsam (= vorhtsam)',
vgl. darüber Weinhold, Alem. gramm. § 234 und Germania 9, 361.
J
ÜBER SCHÖNBACH, ALTD. FRBDIOTEN m 257
57, 3 hat die handschrift an vil maengen (Regensb. bruchst. manigen) sun-
daere, im text steht maengem für maengen; ebenso 71, 15 mit sinem (var. sifien)
grozen gewalt; dagegen ist unverändert geblieben die Überlieferung 31, 14 xe mensch-
liehen bilde; 141, 6 einen andern genaedic stn.
13, 34 ist das überlieferte ann im (im text an im)^ 68, 41 ann iu (im text
an iu) in die varr. gesezt, während 150, 6 annin , 186, 35 annim (hs. an 7nin\
245, 6 annim, 249, 6 a/nnuns unberührt gelassen sind; übrigens steht auch in den
Regensb. bruchstücken s. 80 ann in und ann im.
Die form waere (lat. verv^) ist 131, 9 und 15, ebenso 144, 5 und 149, 26
aus dem texte entfernt um itäre platz zu machen, dawider 221, 18 stehen geblieben.
50, 12 in dirre heiligen xit {xar. xiten) , ebenso 163, 7 xuo sinen (vai*. siner)
hoehciten und 164, 15 xe mhien (var. miner) hocheiten; unverändert heisst es dage-
gen 104, 23 in siner känicliehen hochgxiteti.
194, 31 ist überliefert der heix Nero, wo hiex für heix in den text gesezt
ist, während 57, 12 diu heix Sara ungeändert blieb; über das in alemannischen
Schriften häufig erscheinende ei = ie vgl. Germania 9, 359 und Beitr. von Paul u.
Braune Iu, 516.
Nach so wol sezt die handschrift, entsprechend den im Mhd. "Wörierb. III,
799 *>, 20 fg. aufgeführten beispielen, den accusativ 216, 37 so wol uns vil armen
»undaere des wart, da^ usw., ebenso 220, 30; 206, 8 und 233, 32; aber nur
an den beiden lezten stellen ist die überliefenmg gewahrt, an den zwei ersten hat
der herausgeber den accusativ in den dativ verwandelt.
229, 20 heisst es nach der hdschr. dax siu der bescermete von dem vil ubeln
ttvclj ebenso 230, 27 da^ er sol bescermen vo?i der anevehtunge des v. iL tivels;
2iber in dem zweiten beispiele ist von unter die varr., vor dafüi- in den text gestelt
forden; vgl. dagegen biseirman einen fon bei Graff, Sprachsch. VI, 547 und die
beispiele im Mhd. wörterb. 11 ^ 162**, 45 fg.; Trudpertor Hoheshod 50, 5 si schirmet
^*^^ tnenniskin von den schoben des tieuels.
In der redensart von stnen genaden, wie sie richtig überliofeii; ist z. b. 162,
p^ Und 256, 38, scheint der Schreiber öfter vor für von gelesen zu haben; 213, 27
^^ dieses vor von dem herausgeber den Varianten überwiesen, dagegen dem text
blassen 207, 37; 239, 23; 241, 31; 248, 14; 254, 20; 257, 8; 260, 37; 261, 6.
-^Uch. 67, 29 ist vor der liebe wol vorsehen des Schreibers für von d. l.
253, 35 so ne mohte si von dein warn gots urchunde niemen betwin-
^^**> sunder sine wolten e ersterben; anders, und nach meinem dafürhalten richtiger
^^örpungiert ist dieselbe redeweise 235, 25 von siner minne, dd mohte siu
^^■^nian von betwingen sunder, sine Hexen sich e slahen.
Geschont konte ausserdem die Überlieferung noch werden an folgenden stellen:
92, 5 der heilige bast (so die hdschr. für babst) und 154, 21 ein paste
v^^schr. für pabste); dieselbe form lässt sich noch nachweisen in dem stiftungenbuch
^^ klosters Zwetl ed. J. v. Fräst s. 1: ein hailigen bdst der hiex Paschal den vie
^> in J. Haupts Beitr. zur litt. d. deutschen mystik II, 72 und 75 der heilig
P^tLeo.
200, 9 sine boten unde sine vurfrit; vom herausgeber vurfrit in die varr.
Vorwiesen, vurstrit dafür in den text gesezt; aber vicarius, vurfrit verzeichnet En-
gelhard aus der Herrad v. Landsperg s. 193*.
135, 6 pi dem got sun shi und 173, 28 des helfe iu der wäre got sun;
beide male ist hier füi* got sun gedruckt gots sun; aber auch diese überliefenmg
ZDXSGHKIR F. DSÜTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXY. 17
256 BBCH
UTCEEATÜE.
Altdeutsche predigten. Herausgegeben von Anton £. Schönbach. IH. bd. :
Texte. Graz, Verlagsbuchhandlung Styria. 1891. VIII u. 451 s. 9 m.
Von den predigtsamlungen, die noch vor Berthold fallen, ist die vorliegende,
welche Schönbach zuerst in ihrer volständigkeit herausgegeben hat, ihrem inhalte
wie ihrer spräche nach unstreitig die wichtigste. Sie ist enthalten in der pergament-
handschrift der Wiener hofbibliothok nr. 2684* und umfasst die predigten des Con-
radus prespiter — so nent sich der Verfasser in seiner lateinischen vorrede.
Ihren wert hatte man bereits kennen gelernt durch prof. Joh. Schmidt, welcher in
dem Jahresbericht des kk. Staatsgymnasiums im 3. bezirke in Wien 1878 unter dem
titel „Priester Konrads deutsches predigtbuch " einen geregelten text von sieben pre-
digten nebst der vorrede daraus veröffentlichte. Auf grund dieser proben sowie der
vielen bis dahin unbelegton ausdrücke, welche das mhd. handwörterbuch Lexers in
seinen nachtragen nach mitteilung Schmidts aus Konrad brachte (vgl. Lexer UI, Vor-
wort s. V), haben gewiss nicht wenige philologen gewünscht, recht bald die ganze
samlung gedruckt zu sehen. Diesen wünsch hat nun Schönbach durch die in rede
stehende ausgäbe erfült und damit sich den dank aller fachgenossen verdient.
Wie in dem vorhergehenden predigtbande geschehen, so sind auch diesmal
die von Karl Roth herausgegebenen Regensbui'ger bruchstücke, wo sie zu Konrads
texte stimmen, zur vergleichung mit abgedruckt worden. Aber auch in bezug auf
die widergabe der handschrift selbst ist der herausgeber seinem bisher befolgten ver-
fahren treu geblieben, wonach die berechtigten eigenheiten des Schreibers möglichst
geschont und nur die offenbaren nachJässigkeiten und versehen desselben, insofern sie
den Zusammenhang und das Verständnis beeinträchtigen, berichtigt worden sind. Wie
Schönbach in der vorrede bekent s. VI, hat er hierbei nicht nur die abschrift des
prof. Schmidt mit dem original verglichen, sondern auch manche ergänzungon und
verbesseningen , die Schmidt in seinem texte angebracht hatte, benutzen können.
Die behandlung des textes, um auf diese zunächst einzugehen, hat wie ander-
wärts so auch hier ihre besondern Schwierigkeiten, namentlich wo es gilt bei einzel-
nen auffallenden wortformen zu entscheiden, ob sie als dialektische eigenheit dem
Schreiber zu belassen oder als Schreibfehler in die Varianten zu vei'weisen sind. So
finde ich ein auffälliges schwanken bei folgenden formen:
vrülichen ist 102, 40, vrülich 113, 29 im text verblieben; dagegen 23, 13
und 41, 18 sowie 46, 26 unter die Varianten gerückt und durch vrolicJi im texte
ersezt; vgl. Germ. 9, 360.
girscheit für das überlieferte gigirsckeit steht 23, 29; dagegen 71, 25 und
155, 17 — 22 ist die lezte form im texte gelassen, ebenso wie das 54, 31 und
155, 25 stehende adjektiv gigirsch.
27, 28 und 30, 33 ist die form vrAmden (alienis) in die Varianten verwiesen
und statt dessen vromden gesezt, dagen 108, 28 und 112, 31 im texte verblieben;
vgl. Trudberter H. lied 146, 28 framidiu dinch.
31, 4 in alniaetigen in die var. gesezt, dagegen 28, 5 im texte belassen;
ausserdem steht xütiget (^ xiihtiget) 70, 25 unter den varr. und ebenso erchutte
(= erchuhte) 136, 30 und 31; im text aber 220, 23 braetest (= brachtest); 160, 11
und 35 verglttiget (= vergihtiget)\ 160, 38 t^ergit (= vergiht)\ 161, 4 vergitte\
229, 15 fliäic (= fluhtic)] 34, 36 durnaetedichcn; 183, 27 vorsam (= vorhtsam)\
vgl. darüber Weinhold, Alem. gramm. § 234 und Germania 9, 361.
ÜBXH SCHÖNBACH, ALT. PREDIGTEN m 259
*«fie, ir junge oder alt von disem Übe geschaidet; hier hat der herausgebet Doch
ob vor ir junge dem texte zugefügt. Feruer 166, 24 fg.: herre, heiliger gots sun,
du da. her in dise weit choyne unde gehom unde gemarteret umrde durch die armen
mncictere! ich geloube an dich, herre; hier ist mittels der iDterpunktion das archai-
stische geprägo der rede verwischt; statt des ausrufuogszeicheDS oach sundaere solte
ein komma steheo. Ausserdem 182, 37 wan swie er iu dax niht gehai^en hete,
spricht sani Paulus, ir da von der heidenschefte chomen sit usw.; hier glaubt
Schönbach dui'ch eio vor den werten ir da von eingeschobenes wan^ Schmidt s. 5,
34 durch sti an derselben stelle nachheKen zu müssen. Endlich 42, 5 lautet nach
dem unter dem texte abgedruckten Regcnsburger bruchstücke: chomet her xuo mir,
^prichet er, ir da mit arbeiten lebt und die swaeren bürde trait; statt dessen ßndet
™au in Schönbachs texte die moderne fa.ssung: ir die da mit arbeiten lebt unde
*^ die da hie swaere btirdin traget. Findet sich die wirklich schon in der "Wiener
handschrift?
259, 15 fg.: swie selten si ir vil scöyien lip gepadet oder gedwäge unde swie
^^*^ ir gewasken wäre ode gelest unde swie tnager oder swie plaicher ir vil seonex
dfUlulxe von der heiligen vasten wäre unde swie tmdare si ir här gepunden oder
g^tralt hete usw. Zuerst fragt sich, was soll hier gelest bedeuten? jedenfals steckt
^Min ein synonymer ausdruck zu baden, dwahen und wasken; ich vermute daher
9^ct für gelest. Lecken = benetzen, in dem schwitzbade bearbeiten, mit dem
^ewedel streichen, ist hier mit dem dativ construiert nach der analogie des daue-
rn stehenden wasketi; von lezterem finden sich in den mhd. Wörterbüchern noch
keine beispiele vennerkt, doch vgl. I^assberg L. S. IQ, 157, 384 im wart geweseJien
^nd gexwagen Von räm und von schimel (= G. Abent. I, 222, 404 er wart gewe-
delten und getwagen von räfne und ouch von schimele)\ dazu die beispiele von twa-
^ einem bei Schmeller- Frommann 11, 1175. Denselben sinn hat der dativ bei den
folgenden Zeitwörtern binden und straelen, eines Zusatzes wie här bedurfte es hier
nicht; vgl. über binden Mhd. wörterb. I, 129*»; über straelen Martina 181, 60 fg.
"**€ ttcahen er im strälte Ze berge uf der unguoter, Älsam ein stiefmuoter Straelt
*** Stiefkinde, Des (hs. der) siu xe ingesinde Zaller xtt verdriuxet; Alemannia 10, 76
^ Sirelt oder xtcaJiet im und die beispiele aus H. Sachs bei Schmeller -Frommann
■^^ 813. Enistelt ist endlich noch plaicher, wofür plaich gelesen werden muss.
Von offenbaren fehlem, die der Schreiber verschuldet, habe ich noch folgende
*^ dem texte wahrgenommen:
29, 22 idoch so ne wil er durch sine guet sine Hute troesten; hier war ne
^^ tilgen.
40, 7 er gesenft iu aller iuwer arbeit; lies alle für aller, vgl. 42, 6 ja wil
^'* iu iuwer arbeit unde iuwer bürde gesenften.
49, 2 nain diu, sprach er, da^ soltu mir gloube^i; man erwartet nain du
^^ n. diu; oder hat sich die z. b. in dem St. Trudbertcr Hoheuliede so häufig auf-
^^tendo form diu = du hier erhalten? vgl. Germania 9, 360.
52, 24 da^ sage ich iu da§ urchünde, gemeint ist da xur chunde; misver-
^^den hat wol auch das in der vorläge stehende da^ der Schreiber von 199, 13:
*^ ^carf si die scame du ruche, wo wol ursprünglich dax ruche stand für
^ xeruche; vgl. Walther 141 , 14 schäme hin xe rügge legen und Frauonlob spr.
^16, 8 da sich din scJiande %e rucke leget,
64, 7 der stap der da dürre ierloubt unde gruo?ite ist unverständlich; viel-
leicht der da dürrer loubte; stark flektiert in der apposition ist das adjektiv z. b.
17*
258 BBCH
lässt sich belegen durch Diemor, D. gedd. 230, 23 und gote sun ebenda in der anni.
zu 249, 26.
13, 3 in derhdschr. brütgo, 35, 16 brutegü, wofür in den text gesezt ist
brütgourn und brutegüm; wahrscheinlich ist aber hier kein Schreibfehler anzuneli-
men, denn im stadtbucho von Augsburg ed. Meyer findet sich s. 242, 243 und 244
widerholt h-aeutgaewey hraeutgaew.
129, 27 und 29, ebenso 135, 38 ist bexechent überliefert, statt dessen hexei-
chent in den text gesezt worden; doch man vgl. die beispielo von e = ei in der
Germania 9, 359; im Tnidbei'tcr H. liede ist bex^chenon sehr häufig zu finden.
21, 14 unde g legen (d. h. gleng in) der (stern) allex, vor; 21, 96 unde gie-
geti (d. h. giejigefi) st in da^ selbe hüs; 140, 11 die gnade die begieger (d. h. be-
gierig er)] im texte Schönbachs dafür gierigen und beginger; auch reifte 134, 37
scheint hierher zu gehören, wenn es nicht druckfehler für renfte (254, 26) ist; wei-
tere belege für die überlieferte alemannische form bringt Weinhold, Alem. gr. § 200.
82, 21 und 23 sowie 86, 33 — 36 enthalten nach der Überlieferung die formen
chünsche, chünschclichcriy unchünschen; es sind bis jezt die ältesten belege aleman-
nischer nasalieruug des Wortes Husche; Weinhold 1. 1. § 201 und Lexer s. v. kiu-
sche, kiiischecheit , kiu^chlicke bringen erst beispiele aus dem 14. Jahrhundert; nach
meinem dafürhalten war hier kein zwingender gnind, die gemeindeutsche Schreibung
geltend zu machen.
77, 21 nach der hdschr. alle die erkmiffet mide erlöst hut; Seh. ergänzt er
vor erkouffety und so findet sich erkouft und erlost 93, 24; 101, 13; 217, 24.
Gleichwol fragt sichs, ob mau nicht einfacher die er cliouffet hat zu schreiben liabe.
Dass das partic. praeteriti von koufen oft des augments entbehre, erwähnen "Wein-
hold, Mhd. gr. § 405 und Hildobrand im DWb. V, 324; es ist das aber nicht nur in
md. quellen der fall, wo es sich aus nd. nachbarschaft erklärt, sondern nicht min-
der häufig in oberdeutschen. So heisst es bei Berthold v. Rogensburg 285, 14 so
Mst du den luft für bröt kotift; 287, 16 in Jidt der ahnehtige got kauft mit siner
martel; 149, 13 unkouft; Habsburg -östorr. urbarbuch 113, 3; 179, 3; 244, 28;
254, 12; Alemannia 6, 232, 37; 244, 23; 259, 43; 269, 40. Lassberg L. S. I,
549, 92; Urkundenb. von Augsburg I, nr. 62 (a. 1280), 84 (a. 1284), 142 und 146
(a. 1295), 166 (a. 1298), 196 (a. 1304) usw.; vielleicht auch bei Reinmar v. Zweier
n, 7, 5 Jier nidere, Jierre, in dinc tiure kauften eriste?ifieit. Dagegen ist das par-
tic. dient in diesen predigten 232, 9 wahrscheinlich Schreibfehler für gedient; in
oberdeutschen Schriften ist es sonst nicht nachweisbar.
164, 31 den heizet er xesamne pinden paidiu hende tmde fux^j da si im
niht sines willeii, sunder da si dem tievel mit Jiabent gedient; in der hdschr. steht
nu für im; nach willen liat Schönbach mit habent getan eingeschoben, was mir
entbehrlich scheint, wenn man stnes willen als archaistischen ausdruck vorsteht wie
in den in der Germ. 30, 273 beigebrachten beispielen und dem zeitwort di^^nen eine
zeugmatischo funktion zuweist.
174, 18 7m hat er daz selbe lvx> sirier gnaden hin %iu also gecherty
die ir von der heiden^chefte gcborn unde chovien sUj da^ ir usw. Das relativum
die hat der htjrausgeber zugfjsozt, wie mir sclieint ohne not, da im archaistischen
Stil des 12. Jahrhunderts das pronomen ir ausreichend war für relative sütze, vgl.
Grimm, Gr. 3, 17; Pfeiffer zu den Myst. I, 342, 26; Behaghel in der German. 17,
277 fg.; St. Trudberter Hohesliedll, 5 — 20; 31, 1; 44, 15 usw. Derselbe fall liegt
vor in den vorliegenden predd. 76, 39: in dem selben alter da erstet auch ir aüe
ÜBIR SCHÖNBACH, ALT. PREDIGTEN HI 259
tnne, ir junge oder alt von disem lihe geschaidet; hier hat der herausgeber Doch
ob vor ir junge dem texte zugefügt. Feroer 166, 24 fg.: herre, heiliger gots sun,
du da her in dise weit chcme unde geborn unde gemarteret vmrde durch die armen
sundaeref ich geloube an dich, herre; hier ist mittels der iDterpuDktioD das archai-
stische gepräge der rede verwischt; statt des ausrufiiDgszeicheDS Dach sundaere solte
ein komma stehen. Ausserdem 182, 37 wan stcie er iu dax niht gehai^en hete,
spricht s€uU Paulus, ir da von der heidenschefte chomen sit usw.; hier glaubt
Schön bach durch ein vor den worten ir da von eingeschobenes wan, Schmidt s. 5,
34 durch sU an derselben stelle nachhelfen zu müssen. Endlich 42, 5 lautet nach
dem unter dem texte abgedruckten Kegcnsburger bruchstücke: chomet her xuo mir,
sprichet er, ir du mit arbeiten lebt und die stcaeren bürde trait; statt dessen findet
man in Schönbachs texte die moderne fassung: ir die da mit arbeiten lebt unde
ir die da hie s^waere burdin traget. Findet sich die wirklich schon in der "Wiener
handschrift?
259, 15 fg.: swie selten si ir vil scönen lip gepadet oder gedvxäge unde swie
übel ir gewasken wäre ode gelest unde swie mager oder swie plaicher ir vil seonex
antlutxe von der heiligen vasten wäre unde swie undare si ir här gepunden oder
gesfralt hete usw. Zuerst fragt sich, was soll hier gelest bedeuten? jedenfals steckt
darin ein synonymer ausdruck zu baden, dwahen und wasken; ich vermute daher
gelect für gelest. Lecken = benetzen, in dem schwitzbade bearbeiten, mit dem
badewedel streichen, ist hier mit dem dativ constinüert nach der analogie des dane-
ben stehenden walken; von lezterem finden sich in den mhd. Wörterbüchern noch
keine beispiele vermerkt, doch vgl. Lassberg L. S. IQ, 157, 384 im wart gewescJien
und gexwagen Von räm und von schimel (== G. Abent. I, 222, 404 er wart gewe-
sehen und getwagen von räme und ouch von schiniele)\ dazu die beispiele von t^ca'
hen einem bei Schmeller- Frommann 11, 1175. Denselben sinn hat der dativ bei den
folgenden Zeitwörtern binden und straelen, eines Zusatzes wie här bödmete es hier
nicht; vgl. über binden Mhd. wörterb. I, 129**; über strahlen Martina 181, 60 fg.
äne twahen er im strälte Ze berge üf der unguoter, Älsam ein stiefmuoter Straelt
ir stiefkinde, Des (hs. der) siu xe ingesinde Zaller xtt verdriuxet; Alemannia 10, 76
»y streit oder xwaJiet im und die beispiele aus H. Sachs bei Schmeller -Frommann
n, 813. Entstelt ist endlich noch plaicher, wofür plaich gelesen werden muss.
Von offenbaren fehlem, die der Schreiber verschuldet, habe ich noch folgende
in dem texte wahrgenommen:
29, 22 idoch so ne wil er durch sitie guet si^ie Hute troest&n; hier war tie
zu tilgen.
40, 7 er gesenft iu aller iuwer arbeit; lies alle für aller, vgl. 42, 6 ja wil
ich iu iuwer arbeit unde iuwer bürde gesenften.
49, 2 nain diu, sprach er, da:^ soltu mir gloube?i; man erwartet nain du
für n. diu; oder hat sich die z. b. in dem St. Trud berter Hohenliedo so häufig auf-
tretende form diu --= du hier erhalten? vgl. Germania 9, 360.
52, 24 da^ sage ich iu da^ urchilnde, gemeint ist da xur chunde; misver-
standen hat wol auch das in der vorläge stehende du^ der Schreiber von 199, 13:
so warf si — — die scame da ruche, wo wol ui*sprünglich dax ruche stand für
da xeruehe; vgl. "Walther 141, 14 schäme hin xe rügge legen und Frauenlob spr.
216, 8 dd sich din schände xe rucke leget.
64, 7 der stap der da dürre ierloubt unde gruonte ist unverständlich; viel-
leicht der da dürrer loubte; stark flektiert in der apposition ist das adjektiv z. b.
17*
260 BECH
90, 9 der von der strä§e viuoder chomen ist; 20, 17 gieriger lebentiger in
grap; 108, 10 ob er nu milter imde diumuetiger von iu geseheiden sii; 234, 17.
54, 25 mit der guoten wercheri, 1. d^n für der.
101, 21 uf die er den heiligen touf und den heiligen gUmben geleri ha^ i
1. geleit für geleri wie 117, 1.
117, 5 sin chüneglich hantgemal&n an den menschen legen; 1. hantgemdf^^^
wie 116, 22 und 117, 1.
132, 38 du^ si des gots riches umbe verstoßen werdent; 1. da für da^.
133, 31 wan xuo der tcerlt dienst da ne treibt iueh non entstarct iuch ni^ —
men xuo; in der hdschr. traib und sterct; darnach hätte man entweder das prät^ —
ritum traib und starct oder das präsens traibt und sterct zu setzen. Ein sw. v^.
treiben lässt sich aus dem J. Titurel 3633, 4 (der sich mit dien dar niht treibet -r
weibet) und aus der Krone 5930 nachweisen, vgl. auch Graff V, 488 und Lexer s. i^^«
durchtreiben. Indessen zwei zeilen weiter heisst es in den vorliegenden predigteacB
da^ trib iuch unde sterch iuch xuo dem gotes dienst. Daher wol auch vorher tri^^
statt traib zu lesen. In der vorläge des Schreibens stand wol trib iuch noch ensterc^^^
iueh, das t gespart wie 41, 25 erxaig unde eroffent hat und in den zu 159, ^X
angezogenen stellen.
142, 3 dax ir wolle, 1. tcoltet. — 146, 33 die sich ir sunden da niene he^^~
lent, 1. helent. — 148, 32 des sult ir im alles gehorsam, 1. gehorsamen, — 151,
do spräche si do, e^ wäre von ir schulden niht da$ si poslichen taeten, 1.
chen statt sprach.
159, 21 der selbe sin der ist nu leider vil harte eralten unde ervemt in
alten sunden; gemeint ist hier eraltent, wie in den Predd. 11, 4, 25; 9, 23 und ?*7;
"Windberger Ps. 17, 51 sune die fromiden eraltent sint (so nach "Wallbui^) uia<i
Ps. 31 , 3 sint eraltenet (inveteraverunt). Auch 181 , 22 gevesten unde gesterch^^
vom herausgeber in gevestent gebessert; 185, 39 lob unde ert in, ebenfals vom hoT-
ausgeber lobt für lob geändert; aber auch 239, 10 bedürfte der bessorung: swen-^'^i
sicer diu werlt ahte durch da^ gotes rehte unde iuch schiltet , 1. ähtet, und ebenso
248, 26 V071 der wildeti haidinschefte erroute unde becJiert, 1. erroutet. Der schrei"
her hat in diesen fällen ein t am ende des ersten verbums gespart wie in den «^
133, 31 vermerkten beispielen.
161 , 32 ir stdt iu dar xuo gemuxegen; der dativ iu statt iuch (vgl. dageg'ö^
255, 3 und 32) ist hier ebenso unhaltbar wie bei manen 54, 16; 52, 9 und 110, 3^>
ob wol bei lezterem dieser casus einmal nachgewiesen ist von Einzel zu LamprecW
3846. Vgl. Wcinhold, Mhd. gr. § 474.
162, 3 7iu ist aver ir übel so gro^, dai; ir ofte da§ gotes dienste vom ^
äsalofle versumen muxet: was heisst hier äsalofte? ist es eine zusammensetzt
wie brütloft, hintloft? Die auffallende wortform ist wol, wie Bartsch bemerktöi
dadurch entstanden, dass ofte vom Schreiber zweimal gesezt ist; dsdl könte *^
dgexxel = oblivio entstanden sein; vgl. darüber noch Windb. Ps. s. 28, 117, 00?
und J. Haupt, Über das md. arzneibuch des Meister Bartholomaeus s. 11 (459) ^
der achxxel (1. ägexxel); Schmeller-Fi'omm. I, 947. Aber auch an das ahd. a99^^
edacitas bei Graff I, 529 könte man denken.
167, 9 an der selbe wile, 1. selben für selbe. — 181, 22 da xuo so hat ^
allex gevestent unde gesterchet diu loirme unde da^ fiuer; 1. in für im.
184, 6 der selben xaichen unde der selben vraisen der ist iu nu wol so ^
chomen; im vorhergehenden ist von vorboten und vorraisen die rede; für rrai»^
ÜBER SCHÖNBACH, ALTD. FBEDIGTEN m 261
bietet die handschiift ratsen; daher liegt es wol näher vorraisen dafür zu vermuten.
Auch auf 8. 209, 33 steht ain vorbot unde ain raise in der hdschr. statt vorraise,
192, 22 vor dem heilige Christo j 1. vor dem heiligen Chr. — 212, 23 die
trost alle der heiligen gots man, 1. heilige für heiligen , wie bei Schmidt s. 9.
208, 29 deste groxer tilgende unde deste groxer erlist, 1. deste gröxerer list;
auch 152, 28 ist zu schreiben gröxerer em statt groxer em,
42, 24 wan si negewinnent iimbe da^ gewette alle niht, 1. wtibe da^ da^
getcette; vgl. damit das Regensbburger bruchstück.
59, 2 diu iuwer eigen unde ir sun: hier steht diu (dienerin) nach eigen,
wie das Regensb. fragment lehrt, oder es ist iuwer eigen diu für diu iuwer eigen
zu lesen; auch 31, 28 war diu vom Schreiber ausgelassen.
80, 8 der sin erweit junger an im gexwivelt, da^ ir von sim miglouben
^taeteget unde gevestent werdent an dem h. glouben; diesen werten lässt sich nur
ein sinn abgewinnen , wenn man mit dem Regensb. bruchstück liest da^ er wurde
^ da^ ir werdent,
29, 8 da^ du niummer deheinen xwivel dar an habest, unser Jierre der
^^ie sinen Hüten xe helfe chomen; in der hdschr. aber steht unser herren; diese
Vorschreibung [führt darauf, dass in der vorläge des Schreibers stand unser Jierrc
^^^^ welle wie es die regel erheischt nach Paul, Mhd. gr. § 339. Der Schreiber
^S^ das enklitishe en aus versehen an herre statt an der.
105, 28 nach groxer aerbeit unde na>ch groxem dienst da gehört och groxiu
^Uzce unde groxex Ion wol billich nach. Dem zusammenhange nach muss es hier
^^^^otce heissen für riuwe.
132, 33 die des waent da^ si da mit behaltest sin, ob et si die groxefi gebot
'•'•«fe die groxen sculde vermieten; nach gebot ist wol beJialten (oder gehalten) aus-
göfaUen; der Schreiber konte durch das in der nähe stehende beJialten dazu verlei-
bet 8ein.
139, 6 fg. getuont ouch si wider unser s herren hulden iht, die iwerm lerere,
**" chan ouch si sin vil wol gexuJitigen; für iwerm 1. itcern; si vor sin ist zutat
^^ herausgebers, wobei aber sin unverständlich bkibt; ich vermute dass Hute nach
«^n ausgefallen ist, vgl. 138, 34—35.
147, 31 unxe er sich mit aime umbehange gehangen muost, 1. behangen für
9^hangen.
149, 38 sin vinger da er den ynennisken mit beruhte, 1. beruorte für beruJäe
^e 2. 6.
154, 28 diu sele diu sammlet diu Hut elliu also xe samne, da^ si werdent
®**» lip, wan si gibt dem ougen da§ gesehene u?ule dem oren da^ geborde; 1. lit
^ Hut, vgl. z. 30.
173, 38 da^ er er iwer herxe er fidle: ein er ist zu streichen; ebenso ein ir
in 174^ 15—16.
186, 9 da west da^ der gots trut (= Johannes) wol, da^ im diu vancnttsse
^*>*«e dem Ithe und hinxe dem tode erleit was; für erleit, das hier keinen passen-
den sinn gibt, lässt sich erteilt vermuten.
212, 9 wan da unserm herren — — sin heiligex opher amphanclich
^^y da^ erxait unde eroffent er da mit: 1. da^ für da wie bei Schmidt
8. 8, 29.
238, 11 da^ nie der ist beliben defieiner slahte stoube: 1. nietider statt nie
^.—^ 244, 32 Thoma, nu du also du da gesprocJien hast: 1. ww tä für nu da. —
262 BXCH
246, 29 da von 8% so ere habent, da^ si usw.: nach so ist ein wort wie getan oder
grox ausgefallen.
251, 41 an iuwem letzten: hier ist xtten vom Schreiber ausgelassen, wie
man aus 38, 31 ersieht.
In der predigt nr. 110, welche von den hthtaem überschrieben ist, zieht der
prediger die stelle von der Speisung der 5000 heran und spricht dann von der speise
der auf die weit gerichteten und von der speise der auf den himmel gerichteten See-
len. Dann fährt er 355, 1 fort: da^ sint xware die groxen ehorbe tmde die mani-
gen deinen undertraekt der geistlichen spise, da diu gots Hute mit gefuort wer-
dent an der sele, die sich xuo dem gots dieniste unde xuo dem gots vire da gentu-
xeget fiabent. In den Zusammenhang will sich xuo dem gots vire nicht schicken,
es muss wol heissen xuo der gots vuore. Auch das folgende ist falsch überliefert:
nostra autem conversatio in celis est. Diu geistliche tmde diu gots vire ist dax,
dax ir gemuote unde ir herxe xallen citen ist mit dem aJm. got unde da xe sifier
eicigen hocJiciten usw.; denn auch hier muss es wol heissen gots vuore für gots
vire; derselbe fehler noch z. 29 diu gotliche vire und z. 32 der heren gots viere.
In der vorläge des Schreibers stand vielleicht die form vre wie im Spec. eccles. 48.
Von der speise der seelo (dem sptsen und fuoreri) ist in diesen predigten noch die
rede 60, 21 und 73, 6; von geistlicJier Itbnar 135, 13, von geistlicher Wirtschaft
(= spise) 135, 34; von der fuore der sele Fundgr. I, 30, 18; von der fuor des hei-
ligen Christes St. Pauler predd. 34, 19; von der ewigen fuore Karajans sprachd.
101, 18. Vor allem vgl. Wackern., Predd. 56, 267 fg. diu spise da^ ist da^, da^
si (= sele) an deheime dinge üf ertrtch inheinen trost noch inheine vroide hat,
niht wan an himelscJien dingen; dar an suochet si trost und wirt ouch da von
gesptsit und gevuoret.
Eine bequeme übei*sicht über den diesen predigten eigentümlichen Wortschatz
und ihren Sprachgebrauch zu geben hat auch diesmal Schönbach imterlassen, es aber
nicht in abrede gestelt, dass er noch gelegenheit haben werde näher dai-auf einzu-
gehen. Ein glossar schien ihm ausser der billigen rücksicht auf die Verlagsbuch-
handlung schon darum nicht unbedingt notwendig, weil er die Wahrnehmung machte,
dass „der dem denkmal eigentümliche wortvorrat beinahe in seinem ganzen umfange
dem nachtragshefte des mhd. handwörterbuches von Lexer einverleibt" worden war.
Indessen sind mir von seltenen Wörtern, die bei Lexer nicht gebucht sind, doch noch
folgende aufgefallen:
paerej f. 106, 8 (und 11 und 16) der {stoc) veredelt aver sich unde misse-
riet also harte, da^ unser herre von im an sim heren huwe ain vil großen scha-
den nam unde da§ im ain vil gro^iu paere wart an sim himelscheti wifigarten.
die paere die newolt \idoch mi^er herre mit der selben slahte stocke niht wider
htiw&n noch wider aver^i usw.; paere = bare, bere, bar, nuditas, die kahle, unbo-
pflanzte stelle im Weinberge; bei Lexer nur bar^ f. aus Roland 241, 17; vgL ahd.
bari in houbitbari, calvitium; DWb. I, 1057 s. v. baare.
barmherxunge, f. 238, 3: nur noch in den Trierer psalmen ed. Graff s. 313
und 569 barmherxunge, miseratio.
büwewerch, n. 140, 3, landbau; nur noch im ersten bände dieser predigten
385, 30 im sinne von ars architectoria (nach Steinm. ztschr. 19, 206 anm.); das
bei Lexer I, 404 angesezte büweicerc ist druckfehler für büwewec.
dietlant, n. 194, 20; 230, 14 u. 18; 245, 12 u. 21; noch in einer Münchener
psalmenübersetzung des 14. jahrh. bei Khull, Beitr. 26: patria gentium, dietlatit.
ÜBSB SCHÖNBAGH, ALTD. PREDIGTEN m 263
domsiehe, f. 137, 23; DWb. 11, 1300.
ebengefwxsamf adj. 171, 28.
ebenrnä^unge^ f. 97, 28 und 35; 163, 4.
eigenaun, m. ancillae filiusy 57, 21; vgl. eigentctp, ancilla, 57, 14 und 23;
58, 3 (im gegensatz zum vrigen tclbe).
ergranten? 157, 32 da^ si — den wären gotes sun ergrantcn unde
ersteeJien (==suffocare) mechten; vgl. 158, 18 do erstaht unde td)erchom er si fiarte.
Man könte an ergrannen denken, das nur einmal überliefert ist bei Diemer, D. gedd.
15, 17 und wofür dieser ergremen vermutete; denn das von Lexer I, 132 ange-
zogene beispiel aus der Martina 203, 96 ist zu streichen, es muss dort heissen er
grante. Allein der Zusammenhang erfordert hier statt des imperf. ergrmüen einen
infinitiv; überdies würde ergranfieti oder ergremen neben erstcekefi auch seiner
bedeutung nach sich nicht recht schicken. Mit mehi* Wahrscheinlichkeit glaube ich
daher in ergranten einen Schreibfehler zu sehen. Ich nehme an, dass der flüchtige
Schreiber g und / versezt hat, dass es ursprünglich ertrangen {erdratigen) hiess =
suffocare, was zu dem dabeistehenden synonymen erstecJien (erstechen) vortreflich
pas.sen würde. Das ursprüngliche erdrangen , erdrengen scheint aber sehr früh
schon an das lautlich nahe liegende ertrenken seine bedeutung abgegeben zu haben,
welches an mehreren stellen die bedeutung von suffocare angenommen hat, wie man
aus folgenden stellen ersieht: Fundgr. I, 93, 38 do die dorne üf konien, dö irtran-
cheten (uninvi^avj suffocaverunt nach Lucas 8, 7) sie den guoten sdmen; ebenso
in den vorliegenden predigten 47, 40 den ertränkten och die dorne; bei Grieshaber
Predd. II, 52 die dorne ertrancten den sdmen; Schönbach, Predd. II, 51, 8
die dorn machent den sdmen boes und ertrenchent in; Schmeller- Fromm. I, 667;
Graff, Sprachsch. 5, 542 irtrancta, irtrancti, suffocaii. Daneben finde ich erdren-
gen nur niederdeutsch belegt bei Schiller -Lübben I, 716.
erscenien, swv. reflex. sich e. 191, 17; vgl. I, 104, 20; Frauonlob, Spr. 125,
10; Trebnitz. ps. 24, 20 = erubescere; H. v. Hesler, Apokal. 4916; Deut, chron.
13, 114, 14 eineti erschemen.
verteilaere, m. 103, 18.
visk'Schiflinj n. 129, 1; vgl. Diefenbach 400**, s. v. oria.
vol-eren, swv. 5, 40; so noch in der Germ. 31, 304 (289); in Lassbergs L. S.
I, 570, 413.
vol'lonetij swv. 258, 15.
viwer-eiter, n. Hndschr. viwe aiter, 138, 39 =^ viurm aitcr 218, 16 — 31.
gemandej n. admonitio, 144, 31 elliu min wamunge unde alle^ min ge-
mande; 156, 27 vo^i stme gcjnande u, oitch von stner lere; vgl. Windb. ps. s. 557
vermanedej contemtus = ahd. farmanida^ farmanidi Graff II, 771.
gemuexegeny swv., sich dar %uo g. da^ usw. 161, 32; 255, 32; vgl. Wacker-
nagel, D. predd. s. 281, 19; sich gem. von allen unmuoxen im St. Trudb. Ilohenlied
108, 25.
genöxsameny swv. reil. sich g. 4, 25; 12, 14; 76, 36; 102, 4 u. 16: 116, 42;
206, 16; 246, 22; bei Lexer unbelegt.
gigirschj adj. 54, 31 alle gigirschiu (Regonsb. hA'schx. girskiu) Hute; 155, 25
den gigir seilen man; vgl. gegirn bei Lexer I, 782; gigirdo, gigiridi bei Graff IV,
229; gegerunge bei Schönbach, Predd. I, 3, 11.
gigirscheit, f. 23, 29 var. 71, 25; 155, 17 — 22.
gots-gelichnusse, f. diu here g. 161, 12.
204 BECH, ÜBER SOHÖNBACH, ALTD. PBEDIQTEN m
hersal, in. 100, 2 (vgl. 100, 37).
Iwrscdelj m. = herstuol, 103, 5 u. 7 u. 25; 155, 32.
hcimladunge, 213, 22 u. 25.
hinnehedes? adv. 129, 20 Petre, du soll nü htnnebedes ain visMr sin der
Hute. Die seltene form könto man zurückführen auf hin-dbe-des = von jczt ab,
hinfort, vgl. after-des, innen- des; in diesem sinne steht hin abe im Moritz v. Craün
695; Mauritius u. Beamunt in v. d. H. Germania 9, 111 (459); wahrscheinlicher
aber hat man an hinyie-bt-dcs zu denken, vgl. ht da^ (und bt diu) beiGrafflll, 12;
Fundgr. n, 34, 12; 41, 26; dafür pedes bei Diemer, D. gedd. 341, 26; und hinnan
bi des = a modo, aus Notkers psalmen 67, 25 von Graff 1. 1. aogeführt.
horwelln, n. „limus terrae'', „erdenkloss", 216, 29; 217, 6.
lantstte, f. 98, 37.
leigeltch, adj. laieus, 61, 20; 255, 30; noch in Aristotilis Heimlichkeit ed.
Toischer 1824 Iciliche wort; ahd. leicUhy Graif IL, 152.
mirrensmac, m. 93, 12; noch bei J. Haupt, Brader Philipps Marienleben
s. 57, 177 mirresmac.
nedeJiein = niedehein, nehein 100, 16 imd 27.
pfaffensamenunge , f. 208, 33.
reismantelj m. sagum, 239, 37.
riu^aerinne j f. = riuwesaerinnc, 198, 35; noch in der busse Adams und
Evas ed. Fischer in der Germ. 22, 249 nach einer Variante rewserm statt riuwerin;
Ztschr. f. d. a. 20, 160 reusarin.
sambalde, adv. -= sdn balde, 50, 38; 75, 29; 93, 11; 99, 11 u. 15; 111, 39;
112, 33; 155, 16; 159, 40; 179, 27; 191, 16.
scefstitiraere, m. 252, 30 u. 24.
toufbotege, swf. lavatorium, mare fu^üe, das „eherne meer'*, 98, 38; 99, 1;
ein eriniu toufb. 100, 35; 101, 16 u. 18.
unanesihtic, adj. 223, 31; 224, 13 u. 19—24.
ungewislicfien, adv. 43, 14 u. 19 vil u, laufen = in in^ertum currere.
wcnigij f. parva statura, 95, 22; 96, 6; noch bei Graff I, 891.
xuoiceten, swv. acccderc, 123, 22; 124, 22 ik fiän xehen oJisen gehouft, da
muox ich xuo weten unde muox die bewarn -^ Lucas 14, 19 juga bäum emi quin-
qve et eo probare illa; vgl. Mhd. wörterb. HI, 535*, 41.
Einen ganz aussergowöhnlichen fleiss hat der herausgeber wider verwant auf
die dorn texte angefügten bemerkungen, in welchen auf s. 271 — 421 nicht nur die
laufenden biblischen citate nachgewiesen, sondern auch die verborgensten quellen aus
den kirchenschriftstellem zu tage gefördert werden. Das Verzeichnis der 19 kirchen-
väter, bei denen er nach s. 446 anf der suche gewesen ist, gibt allein schon ein
beredtes Zeugnis von den unsäglichen Schwierigkeiten und mühsalen, die der uner-
müdliche forscher auf weitestem und entlegenstem gebiete .hier zu überwinden hatte.
Und wenn auch für die sprachliche seite der altd. predigten zunächst nur wenig
damit gewonnen worden ist, für die entstehung derselben und ilire geschichte, beson-
ders auch für die dogmcngeschichte bleiben diese Untersuchungen Schönbachs ein
unschätzbarer gewinn.
ZEITZ, DECEMBER 1891. FEDOR BSOH.
SÜCHIBB, ÜBEB GKNBLIN, HÖFISCHE EPEN 265
Unsere höfischen epen und ihre quollen. Von dr. Piaeid Genelin. Inns-
bruck, H. Schwick. 1891. I, 115 s. 1,50 m.
Von der vorliegenden abhandlung muss leider ausgesagt werden, dass sie die
Wissenschaft nicht fördert, wol aber in manchen stücken hinter der zeit zurückbleibt,
und mit einer Sorglosigkeit geschrieben ist, der man glücklicher weise auch in anfan-
gerarbeiten nicht alzuhäufig begegnet Vielleicht, wenn der Verfasser sich darauf
beschränkt hätte, einen unser höfischen romane mit seiner quelle zu vergleichen,
wäre es ihm an der band eines kundigen führers gelungen ein bescheidenes ziel zu
erreichen. Nun er aber die gesamtheit unserer höfischen romane mit den zu
gründe liegenden darstellungen behandeln will, hat er nur eine illustration zu dem
französischen Sprichwort geliefert: Qui trop embrasse, mal Streint.
Von den bekantern romanen scheint in der darstellung keiner zu felilen. Eini-
ges was nur in bruchstücken erhalten (die niederi'heinische Schlacht von Aleschanz,
Klies, Girart de Boussillon) oder nur durch anspielungen bekant ist (Segramors), ist
unerwähnt geblieben. Was besprochen wird, findet sehr ungleiche beachtung: dem
Parzival sind 35 Seiten gewidmet (s. 46 — 81); TVigalois wird mit 2 zeilen abgetan
(s. 45). Das meiste ist aus litteraturgeschichten oder bekanten Specialuntersuchungen
compiliert. Einiges beruht auf eignem lesen, doch ohne nutzen für die Sache. Oft
ist minderwertige litteratur herangezogen und wichtiges bei seite gelassen. Zum
Willehalm wird das buch von San Marte (Quedlinburg 1871) nicht benuzi Von
Gaston Paris sind weder die aufsätzo in der Histoire litteraire bd. XXX noch die
Littorature firan9aise au moyen äge (2. aufl. 1890) verwertet. Der Ursprung der Ar-
thursage wird dargelegt, aber ohne kentnis von Zimmers und W. Försters einschnei-
denden arbeiten.
Minder verzeihlich als diese unkentnis einschlägiger litteratur scheint mir die
nachlässigkeit, in der ausdmck und inhalt dem leser vorgeführt werden. Gleich auf
der ersten seite ist von Kobert Wace die rede. Das misverständnis, dem dieser
vomame entstamt, scheint unausrotbar zu sein; er muss wie die seeschlange immer
von neuem auftauchen. — Auf s. 9 heisst es: „man war [in Nordfrankreich] begierig
nach dem gai savoir, worunter man namentlich jene romantischen erzählungen, epen
und lieder verstand, welche der wirklichen ritterlichen weit eine phantastische . . .
entgegensezten". Der ausdruck gai saher wurde im 14. Jahrhundert von den proven-
zalischen meistersängem aufgebracht. Fragen wir lieber nicht was er zu einer zeit
und in einem land bedeutete, wo man ihn nicht kante. Auf s. 10 wird „der berühmte
bischof Wiston* genant; in der tat hiess er Wulfs tan oder Wulstan. Nach
8. 11 berief Heinrichs I. gemahlin Alix von Brabant im jähre 1122 nordfranzösische
dichter nach England. Man wüsste geni, woher der Verfasser dieses weiss; doch
wird es wol aus der luft gegriffen oder aus einer tiiiben quelle geschöpft sein. Nach
s. 12 dichtete Christian von Troyes für Marie de Champagne, die gemahhn Balduins,
des spätem kaisers von Constantinopel. Indessen weiss man längst, dass er der
mutter, nicht der tochter nahe stand.
Vorstehendes ist den ersten fünf Seiten entnommen (die abhandlung begint auf
s. 7). Aus dem folgenden erwähne ich liasse für lawse s. 19; Willehalm stirbt 862
(s. 30); die mutter Percevals heisst Cammuelles, obgleich der Verfasser die ände-
rung Bartschens kent (s. 59 fg.); Feirefiz komt „zweifellos aus fier und fils^ (s. 65);
die Tristansage scheint zuerst von den französischen spielleuten ausgebildet worden
zu sein s. 88; der pfaffe Lamprecht schrieb sein gedieht im lezten drittel des 12. Jahr-
hunderts 8. 105.
'266 süOHisB
Das falschschreiben von eigenDamon gehört zu den liebhabereien des verCas-
sers. Hier nur einiges: Potevin s. 1. 11. 12, Theodor [sicj de la Villemarque s. 50,
Laehman s. 19, lady Quest s. 44, Simrok s. 63, Rehaghel ebd., Avenar le Rot
s. 100; drei entstelle namen stehen in einer zeile s. 98 anm. 2.
Von citaten nur eine probe: am ende von s. 103 wird vom Verfasser auf seine
eigene schrift s. 58 anm. 2 vei*wiesen; das citat ist falsch, es scheint s. 98 anm. 4
gemeint zu sein.
Schliesslich nehme ich Wolfram gegen die anschuldigung in schütz, er habe
aus ä termes irtümlich einen eigennamen gebildet (die ausgäbe der Bataillo d' Aliscans
von Guessard schreibt richtig ä Temics s. 25), und protestiere gegen die behauptung
(auf s. 38), ich hätte für Ulrich von domTürlin eine französische quelle angenommen.
HALLE. HEBMANN SÜCHIER.
Die deutsch-französische Sprachgrenze in der Schweiz. Von dr. J. Zlm-
merli. I. teil: Die Sprachgrenze im Jura. Nebst einer karte. Basel, Georg. 1891.
IX, 80 8. 8. 16 tafeln, 1 karte. 3 m.
Nachdem Konstant This auf grund persönlicher forschungon die deutsch -fran-
zösische Sprachgrenze eret in Lothringen (1886), dann im Elsass (1888) bis an die
Schweizer grenze verfolgt hat, nimt nunmehr Zimmerli den faden auf und spint ihn
von da weiter durch den Schweizer Jura bis zum Neuenburger see. Zimmerli hat
sich auch in der einrichtung seiner arbeit an seinen Vorgänger angeschlossen, was
nur zu billigen ist.
Er hat zunächst die ergebnisse der schweizerischen Volkszählungen verwertet.
Bekantlich zeichnen sich leztere, wie auch die belgischen, vor den Volkszählungen
der grössern länder dadurch aus, dass in ihnen auch die spräche der be wohner der
statistischen aufnähme gewürdigt wird. Daher konte eine feststellung der Sprach-
grenze schon auf grund der schweizerischen Statistik vorgenommen worden. Zim-
merli hat diese angaben auf widerholten fusswanderungen nachgeprüft und ergänzt
und überall an ort und stelle erkundigungen eingezogen, so dass seine darstellung von
dem sprachlichen leben in den grenzorten ein detailliertes und zuweilen anschauliches
bild gibt.
Nachdem er die einzelnen Ortschaften durchgenommen hat, stelt er in einem
«besondorn abschnitt das hin- und herwogen der bevölkeimng in folge von fabrikanla-
gon, auswanderungen u. dgl. dar. Auf romanischem gebiet hat ein starker zuzug
deutscher bevölkerung statgefunden , welche in manchen bezirken V« — V4 ^6^ gesamt-
bevölkerung ausmacht. Doch darf hieraus nicht auf eine Verschiebung der Sprach-
grenze geschlossen werden. Denn „fragen wir nach den sprachlichen geschickcn der
in neuerer zeit durch einwandei-ung in den welschen Jura gefühi*ten deutschen bevöl-
kerung, so lautet die auf eine grosse anzahl einzelboobachtungen gestüzte antwort
dahin: sie geht in der regel in der zweiten generation im romanentum unter, d. h.
die auf welschem bodon gebomen kinder deutscher eitern veretohen das deutsche
noch, sprechen aber mit verliebe französisch und werden die bogründor französisch
sprechender familien** (Zimmerli s. 56).
Es folgt dann ein kapitel vom häuscrbau mit 9 grundrissen keltoromanischer
und alemannischer (dreisässiger) häuser. Dann werden die deutschen grenzmund-
arten auf drei selten kurz charakterisiert, und schliesslich die französischen patois
eingehender behandelt, deren lautverhältnisse erst im algemeinen dargelegt imd dann
ÜBKB ZTMMBRT.T, DEUTSOH-FRZ. SPRACHGRENZE 267
auf 16 tafeln durch boispiele veranschaulicht worden. Eine landkarte, welche die
Sprachgrenze als linie — und nicht, wie man erwarten solte, als gürtel — darstelt,
beschliesst das buch.
Die einzelnen tatsachen, die der Verfasser anführt, wird nur der nachprüfen
können, der selbst gelegenheit hat, die Sprachgrenze zu besuchen. Ich möchte hier
nur gegen die etymologio eines Ortsnamens bedenken aussprechen, da das überlieferte
material mir nicht die ansieht des Verfassers zu stützen scheint. Das fast ganz fran-
zösische protestantische pfardorf Vauffelin hat gegenwärtig zwei deutsche namen:
Füglisthal und Wölflingen, Urkundlich haben wir Walfelin 1228, Vallis Vbhicru/m
um 1311, Fuglistal 1349. Hieraus schliosst der Verfasser (s. 33): y, Wölflingen ist
jedenfals die älteste form des namens, aus welcher dann durch romanisierung Vauf-
felin hervorgieng, während Füglisthal lediglich die deutsche Übersetzung der später
von klerikem aufgebrachten bezeichnung Vallis Volucrum zu sein scheint". Indes-
sen entsprechen sich Wölflingen und Vauffelin doch keineswegs volkommen; und
höchst auffallend bleibt, dass die angeblich älteste form des namens erst in unserer
zeit auftaucht. Mir ist daher viel wahrscheinlicher, dass der ort ursprünglich Füg-
listhal hiess, dass dies in Val-felin (Vallis volucrum) romanisiert wurde, und dass
Wölflingeth auf einer wilkürlichen Verdeutschung des namens Vauffelin durch irgend
einen lokalforscher beniht.
In den lautlichen angaben ist nicht alles ganz correct ausgedrückt. Intervo-
kalos p gibt in sapere vu sagt der Verfasser s. 78; doch ist in savy^^e nur v^^p und
y>^S = fz. oi = lat. e. — ovum hat niemals kurzes o, weder im lateinischen noch im
älteren romanisch (s. 74). — Auch in den tabellen sind einige etymologien zu berich-
tigen. So ist violetani nicht möglich als lateinische form für das romanische viol^t
violät (t. XI), sondern nur vi^littam. Auch kann tißv (t. XV) neben käv nicht aus
caream, sondern nur aus cavam- entstanden sein.
Hoffentlich lässt uns der Verfasser auf die vei-sprocheno fortsetzung nicht gar
zu lange warten.
HALLE. HERMANN SÜCHIER.
Conradi Hirsaugiensis dialogus super auctores sivo didascalon. Eine
litteraturgeschichte aus dem XII. Jahrhundert, erstmals herausgegeben von dr.
Gr. Schepss. Würzburg, A. Stuber. 1889. 84 s. 1,60 m.
Der Verfasser dieser schrift ist, wie von Stölzlo nachgewiesen wurde, der aus
der gogend von Spoier stammende Benediktinermönch Konrad von Hirschau,
langjähriger leiter der klostorschulo daselbst, welcher unter kaiser Konrad III. blühte
und um 1150 im alter von 80 jähren gestorben ist. Der bekante abt Joh. Trithe-
mius, dena wir die unsom autor betreffenden notizen verdanken, nent diesen einen
in weltlichen und geistlichen Schriften wolbewanderten philosophen, rhctor, musik-
verständigen und dichter, der unter dem pseudonym „ Perogiinus ** viele berühmte,
durch klassische form ausgezeichnete lateinische werke geschrieben habe, von denen
er 7 namhaft macht, dai'unter neben dem Didascalon auch ein lobgedicht auf den hl.
Benedictus und ein musikalisches werk. Ausser diesen weiss der im jähre 1588
verstorbene abt Joh. Pai*simonius von Hii-schau noch einige theologische Schriften
Konrads zu nennen.
Das Didascalon unseres autors ist nur in einer Würzburger handschrift des
12. Jahrhunderts erhalten und von Schepss in der vorliegenden schrift zum ersten-
268 ALTHOF
mal herausgegeben worden. Nach einer einleitung über Konrads leben und werke
(s. 3 — 18) folgt von s. 19 — 84 der abriss der litteraturgeschichte in form eines
gesprächs zwischen lehrer und schüler. Der wesentliche inhalt des dialogs ist fol-
gender:
Der lehrer, vom schüler gebeten, ihn in das Studium der alten autoren ein-
zuführen, sträubt sich anfangs unter hin weis auf den neid des Bavius und Maevius
und die gefahren, welche die beschäftigung mit weltlicher Wissenschaft mit sich bringt,
erklärt sich jedoch auf widerholtes bitten des wissbegierigen bereit, ihm das wich-
tigste über die alten schriftstoller, wie er es selbst von anderen erfahren habe, mit-
zuteilen. Zunächst spricht er jedoch (meist im anschluss an Isidors origines, bezw.
den auf diesen zurückgehenden, gröstenteils noch ungedruckten Theodulkommentar
des Bemhardus Trajectensis aus dem ende des 11. Jahrhunderts), dem wünsche des
Schülers entsprechend, über einige wichtige rhetorische begriffe, über die verschie-
dene bedeutung von liber, über den unterschied zwischen ungebundener und rhyth-
misch oder metrisch gebundener rede, über titel und einleitung, über die verschie-
denartigen bezeichnungen für Schriftsteller. Es folgen sodann belehrungen über die
dichtungsarten, wobei der lehrer, wie bei den meisten übrigen erläuterungen,
auch auf die worterklärung rücksicht nimt, femer über die verschiedenen arten
der argumenta, über den ordo naturalis und artiücahs bei den schriftsteilem und
die 4 arten der explanatio, über tropologia und anagoge, sowie über die 3 stil-
arten. Hierauf nent er einige schriftsteiler, welche in die füssstapfen älterer autoren
getreten sind, spricht von den 7 punkton, welche die alten bei der erklärung von litto-
raturwerken berücksichtigten, während die neueren deren 4 annehmen: operis materia,
scribentis intentio, finahs causa et cui parti philosophiae subponatur, quod scribitur.
Nachdem er sich hierüber im einzelnen ausgelassen hat, begint er mit seiner littera-
turgeschichte, indem er mit den leichtesten autoren, „der milch für die Säuglinge",
den anfang macht, um darauf die schwierigeren, „die feste speise der entwöhnten*^,
von den eben genanten 4 gesichtspunkten aus zu betrachten.
Donatus ist zwar für die unterste stufe geeignet, doch wegen seiner lehre
von den 8 redeteilen von der grösten bedeutung und als das fundament für das Stu-
dium der übrigen autoren zu betrachten. Er ist nicht zu verwechseln mit dem ketzer
Donatus, hat lange vor Priscianus gelebt und war der lehrer des Hieronymus. Die
kürzere bearbeitung seiner grammatik ist für anfänger, die ausführlichere für fort-
geschrittenere geeignet; sie sind zum Studium der grammatik unentbehrlich. — Wie
das syllabarium auf das abecedarium so folgt auf Donatus Cato. Es lebten in Born
zu verschiedenen zeiten viele dieses namens. Da er von der person des schulschrift-
stellers nichts sicheres weiss, spricht er von dem inhalte seiner lehrhaften Sprüche,
die der schüler nicht nur lesen, sondem auch befolgen soll, denn die correctio mo-
rum ist der fructus finahs bei allen autoren. Die Sprüche des Cato (von catus =
ingeniosus), der seine lehren lieber in kurzen doppelversen als in langatmigen, pedan-
tischen ermahnungen vortragen wolte, sind zu den moralphilosophischen Schriften zu
rechnen. — „Hesopus" gibt Konrad gelegenheit, von den fabeln überhaupt und
dem unterschiede zwischen den äsopischen und den dichtungen des Terentius und
Plautus zu sprechen. Als beispiel der ersteren wird die fabel vom wolf und lamm
angeführt und erläutert, zum vergleiche werden stellen aus der hl. Schrift herange-
zogen. — Der vierte schriftsteiler für die untere stufe ist der fabeldichter Avianus,
nach seinem prologe ein Zeitgenosse des Theodosius (den Konrad augenscheinlich mit
dem im folgenden genanten kaiser für identisch hält), ein nachahmer des Äsop, wie
ÜBXR CONRADtTS HIRS. ED. SCHIPSS 269
dieser des Altimon (Alcmon) Crotoniensis. Doch überragt er beide, da er ein katholischer
Christ und in ungebundener (vgl. Teuffei, Gesch. d. röm. litt. § 450, 5) und gebun-
dener rede wolerfahren ist. Von den fabeln erwähnt er die erste von der femina per-
fida, die dem mönchischen magister die wurzel alles Übels ist, und die zweite von
der testudo, welche er zu einer wegschnecke macht. Dann folgen nutzanwendun-
gen. — Bevor sich nun der autor zu der lektüre für die fortgeschritteneren wendet,
nimt er veranlassung, von den Vorzügen der heiligen Schriften vor den werken der
heidnischen Schriftsteller zu sprechen, und komt dann zu Sedulius (sedulus in lit-
teris ewangelicis) , der nach ihm in Achaia zur zeit des Valentinianus und Theodosius
lebte. Anfangs weltlicher Weisheit ergeben, hat er, um die Jugend von der beschäf-
tigung mit den heidnischen dichtem zum Studium der hl. schrift zu führen, die
göttlichen wunder des alten und neuen testamentes in seiner dichtung behandelt.
Auch sein alphabetischer hymnus auf Christus und sein in rociproken distichen abge-
fasstes Carmen werden genant. — Ihm schliesst sich der spanische presbyter Juven-
cus, ein Zeitgenosse Ck)nstantins I., an. Dieser optimus versificator hat sein haupt-
werk in engem anschluss (pene verbum ad verbum transferens) an die evangelien,
besonders an Lukas, geschrieben, denn er weite verbis simplicibus ecclesiae lactare
infantulos. Daher muste er auf mystische auslegungen verzichten, was ihm auch
der grosse umfang des Stoffes gebot. — Dem rechtgläubigen und in den Schriften der
hl. Väter wolbewanderten Pros per (sermone scolasticus, assertionibus subtilissimus)
verdanken die tirunculi scolares eine samlung der Sentenzen Augustins, die der
abwechselung wegen teils in prosa, teils in elegischen versen abgefasst sind. Aus dem
genanten kirchenvater sind auch seine epigrammata geschöpft, doch hat er selbst
auch manche exhortationes hinzugefügt. Er will den leser ermahnen, die weit zu
verachten, die laster zu verabscheuen, die tugenden zu pflegen und die Seligkeit zu
erstreben. Auch seine ehren ik von der erschaffung des ersten menschen bis zui* ein-
nähme Roms durch Goserich wird nebenbei erwähnt (composuisse dicitur). Er war
ein Aquitanier und lebte zui* zeit des papstes Leo, entsagte zulezt seiner schriftstel-
lerischen tätigkeit, seiner gattin (vgl. Teuffei, § 460, 5) und der weit, um sich die
lezte zeit seines lebens den werken der frömmigkeit zu widmen. — Theo dolus, ein
söhn christlicher eitern, wurde in Italien geboren und studierte in Athen. Er will
von den heidnischen lügen abraten und die Wahrheit der hl. schrift empfehlen; daher
heisst er mit recht Theodolus = dei servus oder Theodorus = dei inspector. Seine
ekloge, in der er heidnisches und christliches zusammengefügt und die lüge und die
Wahrheit mit einander streitend dargestelt hat, aufs genaueste zu feilen, ist er durch
den tod verhindert worden. Dass er in dem worte secretum (in v. 320 der ekloge)
die erste silbe kurz braucht, darf jedoch nicht, wie einige wollen, als ein zeichen
von flüchtigkoit angesehen werden, vielmehr ist nach Konrads konjektur an der
betreffenden stelle „et Troianum lauderis sciro sacratum** (sacratum Palladis simula-
crum) zu lesen. „Beatus, qui non offen dit in verbo". Auf die frage des schülers,
was eine ekloge sei, wird ihm geantwortet, das wort bedeute caprinus sermo, entweder
weil die ekloge von hirton handele, wie Virgils bucolica, oder weil sie die hässlichen
laster geissele, durchweiche der bock sich auszeichnet. Nachdem der lehrer auseinan-
dergesezt hat, was man bei der lektüre der gedachten ekloge zu berücksichtigen habe,
wendet er sich zu Arator. Dieser lebte zur zeit des Cassiodorus und Priscianus,
befand sich in dem von den Goten belagorten Rom, wurde vom papst Virgilius
befreit und zum subdiaconus geweiht. Seiner metrischen darstellung der actus apo-
stolomm schickte er zwei Vorworte an Virgilius und Florianus voraus. Die dichtung
270 ALTHOF
begint mit der himmelfahrt des herrn und reicht bis zum märtyrertode des Petrus
und Paulus. Im Widerspruche mit Eusebius lässt er ebenso wie Prudontius [zwischen
der kreuzigung des ersteren imd der enthauptung des lezteren ein jähr vorstreichen,
während doch beide apostel an einem und demselben tage unter Nero das martyrium
erlitten haben. Ein solcher irtum ist aber verzeihlich und nicht schwer wiegend bei
einem Schriftsteller, der die rechte gesinnung gegen seinen schöpfer und den wahren
glauben hat. — Den vorher besprochenen autoren ist Prudentius anzuschliessen,
welcher seinen ausgezeichneten, klaren stil seiner beschäffcigung mit weltlicher und
geistlicher littemtur verdankt Er soll aus der landschaft „Traconia" stammen,
welche nun wegen der schlangen unbewohnbar ist, war dreimal consul und Hess sich
schliesslich taufen. Seine werke werden kurz aufgezählt, worauf der lehrer ausführlicher
auf Inhalt und tendenz seiner psychomachia eingeht, die sich in seinen bänden befindet.
Die lebenszeit des autoi's hat der Verfasser zwar angeben wollen; da ihm jedoch
augenscheinlich darüber nichts bekant war, so hat er eine lücke gelassen (wie spä-
ter auch bei Homer). — Dem Tullius als Prosaschriftsteller ist kaum einer seiner
Vorgänger und nachfolger zu vergleichen. Seine werke de amicitia und de senectute
sind dem Atticus gewidmet, nach welchem sich der schüler erkundigt. Nachdem der
lehrer von dem freunde Ciceros und von der veranlassung zur abfassung der beiden
werke gesprochen, geht er auf anordnung und inhalt der erstgenanten schrift ein.
Dabei benuzt er die gelegenheit, von den prologen überhaupt und den 4 arten der
exhortatio (ab utili, ab honesto, a possibili, a necessario) zu sprechen. Der Schü-
ler fragt dann nach den büchern de senectute, „de rhetorica*' und dem „liber invec-
tivarum*^ (aus s. 55, 2 fgg. kann man schliessen, dass die Catilinarischen reden
gemeint sind) , doch wird nur die zuerst genante schrift im folgenden besprochen , wäh-
rend Konrad von den übrigen, sowie von den lebensuraständen Ciceros ganz schweigt.
Mit recht scheint uns daher E. Voigt in der deutschen litt.-ztg. 1889, nr. 41 hier
wie an einigen anderen orten eine lücke anzunehmen. — Sallustius, der nach Kon-
rad zur zeit des kaisers Augustus blühte und, abgestossen von den ausschweifungen
seiner jugendgenossen, sich der schriftstellerei widmete, schildert in Catilina und
Jugurtha zwei bösewichte, von denen der eine innere, der andere äussere kriege
erregte; sie sollen dem leser als abschreckende beispiele dienen. Der geschichte der
Catilinarischen Verschwörung ist ein prologus excusatorius praeter rem vorausgeschickt^
dessen unterschied von einem prologus ante rem dem schüler erörtert wird. — Auf
die frage des lezteren, warum denn Boetius, von den römischen Schriftstellern
ingenio facundiaque illustrissimus , der nun ausführlicher behandelt wird, seinem
werke de consolatione philosophiae nicht auch einen prolog vorausgeschickt habe,
wird ihm erwidert, dass der titel des buches mit wenigen werten den zweck eines
solchen erfülle. Doch stehe es nicht fest, ob der titel von Boetius selbst oder von
anderen herrühre. Hierauf werden die namen und titel des Schriftstellers erklärt und
gedeutet, der begriff philosoph definiert und der inhalt der gedachten schrift besprochen.
Dass sie der belege aus der hl. schrift entbehrt, ist darauf zurückzuführen , dass der
Verfasser die bosheit der ungläubigen (Arianer), unter denen er lebte, beiücksichtigte,
teils aber auch dai-auf, dass or lediglich mit vernunftgründen die weltverachtung
predigen wolte. Sein grab hat Boetius zu Pavia an der seite des hl. Augustinus
gefunden, den er sich in semer (ihm fälschlich beigelegten) schrift de sancta trinitate
zum vorbilde genommen hat. — Dem Boetius reiht sich würdig Lucanus an, über
dessen Charakter und fähigkeiten Konrad sich sehr anerkennend ausspricht. Er blühte
zur zeit Neros, des ramusculus autichristi, und hat dessen leben und sitten palliata
tBEB CONBADÜS HISS. KD. SCHXP8S 271
litera gegeisselt. Er will durch seine geschichte des bürgerkrieges , der mehr als ein
bdrgerkrieg war, und dessen Ursachen und verlauf kui'z angegeben werden, zum
frieden und zur eintracht ermahnen. — Gelegentlich der besprechung des „Oracius*,
der nach Konrad (quelle: Hieronymus) im 57. lebensjahre zu Rom starb, komt der
lehrer auf den wert der weltlichen Schriften für die studirenden überhaupt zu reden.
Ihre Weisheit ist keineswegs ganz zu verwerfen, doch muss man es mit ihnen hal-
ten wie mit dem dill, den man fortwirft, wenn er seine Schuldigkeit als gewürz
getan hat; die beschäftigung mit weltlicher Wissenschaft darf nicht von den geist-
lichen Studien abziehen. Der dichter hat sich besonderes verdienst erworben durch
seine ars poetica (die ausführlicher besprochen wird), während die sermones und
odae für die tirunculi eine zwar nicht unnütze, aber doch zum teil verderbliche lek-
türe bilden. Doch dürfen wir aus der vitiosa oratio nicht auf die sitten des autors
schliessen. — Da es so viele gute bücher gibt, braucht man das gold nicht aus den
unflätigen Schriften Ovids herauszusuchen und sich dabei zu beschmutzen. Seine
fasti, de Ponto, die (ihm falschlich zugeschriebene) elegie de nuce und einiges andere
sind erträglich, die Schriften, in denen er „de amore croccitat", und einige briefe
dagegen unleidlich. Besonders aber werden die metamorphosen als heidnische lügen
verdamt xmter hinweis auf Römer 1, 18 — 23. Und doch hat nach met. I, 23 der
dichter eine ahnung von dem einigen Schöpfer aller dinge [gehabt, ohne ihm jedoch
dankbarkoit zu zollen. Trotz seiner entschiedenen abweisung des heidentums hält
aber Konrad für erlaubt, werte und gcdanken aus heidnischen autoren in kirchlichen
Schriften anzuführen, denn das finden wir auch bei Moses und den propheten, fer-
ner bei Paulus, Augustinus und Hieronymus, und die Wahrheit, bei wem sie sich
auch findet, stamt schliessHch von gott. — Von den übrigen 6 heidnischen Schrift-
stellern, über wolcho der schüler belehii zu werden wünscht, wird im folgenden
Terentius nicht weiter berücksichtigt, so dass wir hier wohl mit Voigt a. a. o. eine
lücke auzxmehmen haben. — Nach wenigen werten' über Juvenalis, den satyricus
optimus Romanorum, spricht er kurz von Homers liber do excidio Trojae, dann
von dem minor Homerus und Pindarus, der den Homer ins lateinische übersezte
(vgl. Teuffei, § 308, 2), ferner von Persius, der fronte invorecunda die laster der
Römer geisselte, und erläutert bei dieser gelegenhoit wort und begriff satire. Es
folgen dann einige bemerkungen über die Thebai's und die Achilleis des Statins,
die von einem und demselben dichter dieses namens verfasst sind, worauf er aus-
führlicher und mit wärme über den lezten der von ihm behandelten autoren, Vir-
gilius, spricht. Er ist nach dem Zeugnisse Augiistins ein dichter von ausserordent-
licher anziehungskraft und hat, dem humilis, mediocris und gi*andiloquus stilus ent-
sprechend, drei werke, die bucolica, die goorgica und die Aeneis gedichtet, welche
eine integra liberaliimi disciplinanmi notitia des Verfassers verraten, der als vers-
künstler von niemandem übertreffen wird und sich durch die eigenart seiner daretel-
lung auszeichnet. Darauf wird der inhalt der bucolica angegeben und bemerkt, dass
sie nicht in allegorischer weise auszulegen sind. Als beispiel ist ecl. HI, 90 ange-
führt, wo der dichter den Bavius und Maevius vei-spottet. Dann wird der georgica
gedacht, die magna mediocris stili subtilitate geschrieben sind, und schliesslich bei
der Aeneis versbau und spraclie gerühmt, auch hervorgehoben, dass kein dichter,
wenn er von der wahi'heit abzuweichen gezwungen gewesen, officialius et cui-ialius
gefabelt habe. Nachdem Konrad den geburts- imd sterbeort Virgils, sowie seine
grabscbrift angegeben hat, gedenkt er schliesslich noch der herausgäbe der Aeneis
nach dem tode des Verfassers dui'ch Varius und Tucca.
272 ALTHOF, ÜBER CONRADÜS HIBS. ED. SCHEPS8
Hiermit ist der kreis der s. 67, 33 genanten autoren geschlossen und offenbar
der kursus der litteraturgeschichte zu ende geführt. Der Übergang zu dem folgenden,
einer belehrung über die artes liberales und die drei teile der philosophie, welche
widerum besonders aus Isidor geschöpft ist, ist allerdings sehr gewaltsam und ent-
spricht nicht der bisherigsn darstellungsweise; daher haben wir wol auch hier eine
lücke anzunehmen. Die schiift zerfält somit in zwei teile, einen algemeinen, anfang
und schluss, und einen besonderen, welcher die einzelnen schriffcsteller behandelt, und
darauf könte vielleicht die angäbe des Parsimonius (s. 6) sich beziehen, dass das
Didascalon zwei bücher umfasse.
Der spräche Konrads rühmt Trithemius eine omata sententiarum dispositio et
veuusti sermonis cultura nach, ja er spricht lobrednerisch von einer Tulliana elo-
quentia derselben. Allerdings „steht sie in woltuendem gegensatze zu so manchem
öden machwerke jener zeit und entbehrt nicht einer gewissen frische imd freund-
lichen wärme", doch finden sich Verstösse gegen die grammatik, wie sie das mittel-
alterliche latein aufzuweisen pflegt, und die ausdrucksweise ist mitunter etwas weit-
schweifig. Auch fallen öfters widerholungen auf; allein wir haben an die schrift als
an ein lehrbuch nicht lediglich den ästhetischen massstab zu legen, und wenn wir
uns den alten magister im kreise seiner schüler denken, wie er nach dem grund-
satze „repetitio est mater studiorum* seinen lehrstoff behandelt, so werden wir diese
umschreibenden erklärungen wol am platze finden.
Die quellen, aus denen Konrad schöpfte, sind besonders sogenante accessus-
handschriften, Isidor, Bemhardus Trajectensis, Augustinus, Hieronymus, Boetius,
Servius, Alkuin, Rhabanus Maurus, Abälard und des verfassei-s lehrer "Wilhelm,
deren benutzung unter dem in sorgfältiger und schonender weise verbesserten texte
ausführlich nachgewiesen zu haben, ein besonderes verdienst des herausgebors ist
Trotz der benutzung dieser zahlreichen quollen ist die arbeit jedoch keineswegs eine
blosse kompilation, sondern zeugi von umfassenden Studien und selbständigem urteile
des Verfassers. Dabei ist vor allem hervorzuheben, wie er, im gegensatz zu dem
grossen Alkuin, der im alter das Studium des einst so geliebten Yirgil als gefahr-
bringend verdamte, trotz seines bestimt ausgesprochenen kirchlichen Standpunktes
sich der heidnischen litteratur gegenüber nicht ablehnend verhält, neben entschie-
dener Verwerfung Ovidianischer schrifton anderen Schriftstellern, besonders Virgil
seine anerkennimg nicht versagt und der Wahrheit, wo sie sich auch findet, göttlichen
Ursprung zuerkont.
Was seinen pädagogischen Standpunkt betrift, so ist dem mittelalterlichen
Schulmeister die bedeutung der lateinischen klassiker für die formale bildung noch
verschleiert. Auch sollen sie seiner meinung nach nicht um ihrer selbst willen stu-
diert werden, vielmehr sind sie ihm nur mittel zum zwecke. Sie sollen zum Stu-
dium der geistlichen Schriften geschickter machen und deren zweck, abscheu vor den
lästern und lust zu den tugenden zu erwecken, erfüllen helfen.
Die art und weise, wie Kom'ad seinen lehrstoff behandelt hat, verdient alles
lob. Um nicht zu ermüden, hat er die the(Jretischen erörtemngen teils vor, teils
hinter die eigentliche litteraturgeschichte gestelt und bei der besprechung der einzel-
nen dichter und deren werke an passender stelle weitere belehrungen über rhetorische,
phUosophische und religiöse fragen eingestreut. Die zu behandelnden autoren hat er,
dem Standpunkte der schüler entsprechend vom leichteren zum schwereren fortsohrei-
tend, in drei gruppen geteilt und die einzelnen nach den genanten 4 gesichtspunkten,
doch in abwechselnder roihcnfolgo und mit verschiedener ausführlichkeit behandelt,
ÜBER VENUSOÄRTLEIN ED. V. WALDBERG 273
auch die verbindimg zwischen den einzelnen abteilungen durch immer wechselnde,
meist durch fragen des Schülers gebildete Übergänge in geschickter weise herzustellen
verstanden.
So bildet denn dieser vom Verleger sehr hübsch ausgestattete katechismus der
litteraturgeschichte einen wertvollen beitrag zur geschichte des gelehrten untenichtes
in den klosterschulen des mittelalters, und wir sind dem sachkundigen herausgeber
für seine fleissige arbeit zu grossem danke verpflichtet.
WEIMAR, IM DECEMBER 1890. HERMANN ALTHOF.
Venus-gärtlein. Ein liederbuch dos XVII. Jahrhunderts. Nach dem
drucke von 1656 herausgegeben von Max freiherm von Waldberg* (Braunes
neudrucke nr. 86—89). Halle, Max Niemeyer. 1890. XLVI u. 220 s. 2,40 m.
Trotz des erfolgreichen eifers, mit dem in Deutschland das sammeln und sich-
ten der spuren volkstümlicher lyrik betrieben worden ist und betrieben wird, fehlt
es doch bis jezt volständig an einer klaren einsieht über die entwicklung des deut-
schen Volksliedes seit den dreissiger jähren des siebzehnten Jahrhunderts. Diese tat-
sache erklärt sich einmal daraus, dass, wenn auch von den heute noch im volke
gesungenen und in zahlreichen samlungen vorliegenden liedem viele, ja die meisten
dem ausgang des 17. oder dem beginn des 18. Jahrhunderts ihre entstehung ver-
danken, doch naturgemäss nui* wenige lesor oder hörer die zeit ihres urspininges sofort
richtig zu bestimmen wissen. Anderereeits sind die gedruckten und handschriftlichen
liedersamlungen und einzoldrucke von der zweiten hälfte des 17. Jahrhunderts an
schwer zugänglich und nur wenigen bekant, und von neueren samlungen der Volks-
lieder des 17. und 18. Jahrhunderts ist, genau genommen, nur eine zu verzeichnen.
Mao kann es daher nur als wünschenswert bezeichnen, wenn zunächst die lieder-
samlungen dieser periode wider leicht zugänglich gemacht werden , und muss mit dank
die emeuerung eines für die geschichte des deutschen volksgesanges wichtigen lieder-
huches entgegennehmen, welche M. von Waldberg in dem vorliegenden neudruck
QBternommen hat.
Das Venusgärtlein, von welchem noch drei ausgaben aus den jähren 1656,
1659 und 1661 vorhanden sind, gibt uns eine ungefälire Vorstellung von dem, was
^^ die mitte des 17. jahrhundei*ts in den breiten schichten des volkes gesungen wor-
^öQ ist, und zeigt uns, welche lieder algomeiner beliebtheit sich erfreuten. Es ent-
"^t einige ältere Volkslieder, sehr viele geselschaftsliedor und ebenfals sehr viele
örzeugQisse der kunstlyrik des 17. Jahrhunderts. Die leztgenanten hat der herausgeber
^Q iiachgewiesen, für die anderen lieder mögen hier noch einige nachweise die ein-
leitenden bemerkungen des herausgebers ergänzen.
Nr. 50. S. 65. "Wir zweene sind hie alleino in einem fl. bl. von 1616:
^"^y Schöne Newe Lieder. Das Erste. Wir Zwey sind hie allein, niemand kan vns
8*^6n, etc. In seiner eigen Melodie. Das Ander. Mütterlein, was soll ich thun?
^chelein vusera Nachbarn Sohn, schmatzt mich, etc. Das Dritte. Der Liebste mein
hat mich verlassen, die (sie!) mich hat zum fall gebracht. Gedruckt Im Jahr 1616.
(Königl. bibl. zu Berlin, Yo 1241.)
In der strophenzahl übereinstimmend. Ich verzeichne die wichtigsten Varian-
ten: I. 1. Wir zwey sind hie allein, n. 2. mit euch zu machon ein red. 11. 3.
wenn mein Mutter kem, vnd den (denn). IV. 1. Nun solt jhr drinnen wachen.
zmsoHRm r. dbutsohe Philologie, bd. xxv. 1^
274 ELLINOEB
IV. 4. hey hey seyd zufriuen. IV. 7. dz bitt ich euch mein allerliebst Liebelein.
V. 1. Waruinb dürfft jr diß. V. 6 und 7. bleib stan, bleib stan, bleib stan, schöns
Lieb ich hab zur stund mit euch gethan. VI. 1. Ach was sol das gesein. 2. jr thut
mir so grosse pein. 3 u. fg. mir. Vn. 1 u. 2. Anders nichts Venus Kind, als was
ewer Mutter benimpt. 6. u. 7. aber acht, gute nacht, ade schöns Lieb halt mich in
ewer gedacht.
Nr. 53, s. 68. Kehr vmb mein Seel, vnd trawre nicht. Ich vermag
von diesem liede nur einen späteren druck aus dem jähre 1684 nachzuweisen, der
aber wahrscheinlich ein älteres fliegendes blatt nachdruckt: Vier schöne neue lieder.
(Hierauf folgen die anfange.) Getruckt im Jahr, 1684. (Königl. bibl. zu Berlin, Ye
5706.) Der druck ist deshalb von so hohem interesse, weil wir aus ihm erfahren,
auf welches ereignis sich unser lied bezieht. Das erete: Ein gar trauriges Lied, Von
einem Studenten, welcher im Jahre 1608. zu Frankfurt an der Oder sich mit einer
Jungfi*au verehelichet, und vor der Hochzeit in seine Heimaht gezogen, sein Heu-
rahtgut zu hellen, und also ein wenig über die zeit außgebliben, also hat die Braut
(auß zwang ihrer Elteni) einen, welcher reicher gewesen ist, nemmen müssen, als
aber der erste wider kommen und erfahren, daß die Braut einen anderen verheurahtet
Als hat er dises lied gemacht, und Abends vor ihrer Thür gesungen und letstlich
sich erstochen. Allen Venus Rinderen zur wahrnung fürgestelt, und in der Melodey:
Nun laßt uns den Leib begraben, usw.
Dieser druck des liedes stimt mit dem Venusgärtlein nur im algemeinen über-
ein, im einzelnen finden sich in jeder zeile Varianten. Da das lied indessen im Vg56,
im fl. bl. 53 Strophen umfasst, so müssen wir es uns veraagen, die sämtlichen
abweichungen aufzuzählen. Die Strophen sind in dem einzeldruck an mehreren stel-
len anders angeordnet als im Venusgärtlein. Str. 11, 28, 31, 51 und 54 finden sich
nicht in dem fliegenden blatt, dagegen haben wir in dem einzeldruck zwei Strophen,
welche in dem Venusgärtlein nicht enthalten sind. Und zwar nach str. 17 im Vg.
folgendes: Sag nun herzallerliebste mein,
Heißt das nicht recht geliebet seyn?
Weil durch die lieb mein Leib und Leben
Wird schändtlich in den Tod gegeben.
Femer nach str. 47 des Vg:
Und wenn dich dünkt für über seyn.
Die trübe Wölk, all Qual und Pein,
Was du zuvor im Spiegel gsehn,
Wird erst mit rechtem Ernst angehen.
Als zweites lied gibt der einzeldruck eine antwort des mädchens, um dessen
willen sich der Verfasser unsres gedichtes den tod gegeben haben soll. (Das Ander:
Ist die Antwort der Personen, um welcher willen sich der Student erstochen: Im
Thon, Ach, daß ich könt von herzen singen, usw.) Das lied erscheint mir merk-
würdig genug, um es hier mitzuteilen.
Ach höret zu mit klagen,
Ihr Jüngling amd Jungfräulein,
Was ich euch jez wil sagen.
In disem Liedelein,
Werd ohn zweiffei gehört han.
Das Lied von einem Studenten,
Der ihm selbs Leid anthan.
ÜBEB ySNüSGABILEIN ED. V. WALDBERG 275
2. Wegen das sich vermählet,
Sein allerliehstes lieh,
Und ein ander erwehlet,
Weil er so lang außblih,
Das bracht ihn in so grosse noht,
Daß er sich selbs erstochen,
Ja ganz verwundt in Tod.
3. Bin ich doch nicht gewesen,
Die Ursach nur allein.
Hat drum noch nicht vergessen.
Der Treu und Liebe sein.
Die Ursach war, weil mir zukam,
Ein falscher ßrief, drauf ^ stunde,
Sein Pittschaft und sein Nam*.
4. Darinnen war zu lesen.
Ich solt hinfort nunmehr.
Seiner gänzlich vergessen,
Er kam doch nimmer her.
Er het sein lieb gesezet^ nun
Auf eine die ihm lieber.
Als aller Welt Reichthum.
5. Als ich den Biief gelesen.
Mit schrecken und grossem Leid,
Wurd mir mein Herz besessen
Mit eitel Traurigkeit,
Mein Herz stets seufzt und klaget sehr,
Ach du Liebster auf Erden,
Seh ich dich nimmermehr.
6. Der Brief hat mich beti'ogeu.
Und ihn gebracht in Tod,
War falsch und alles erlogen,
0 weh des Jammers und Noht,
Den Brief doch nur geschrieben hat.
Ein falsches Herz und Hände,
Und mich abwendig gemacht.
7. Drauf hab ich mich vermählet.
Ein ganzes Jahr heniach,
Und mir zum Trost erwehlet,
Dem ich vertraut mein klag,
Mein nicht änderst dann alles wahr,
Was mir ward zugeschriben.
War seine Meynung gar.
8. Da er doch oft geschriben,
Ich solt beständig seyn,
1) Text: darauf. 2) Text: Namen. 3) Text: gesezt.
IS*
276 ELLINOEB
Aber wo sind geblieben,
Dieselbig Briefelein,
Keinen ich nie empfangen hab.
Bezeug ich mit Mond und Herzen,
Bis in mein traurigs Grab.
9. Wie wahr du nun gesungen,
0 du mein treuster Hort,
Freilich werd ich verdrungen,
Von eim zum andern Ohrt,
Dein Geist der thut mich quelen sehr.
Daß ich kein East noch Ruhe,
Kan haben nimmermehr.
10. Ich schlaffe oder wache.
So komst mir zu Gesicht,
Dein jähmerliche Klage,
Hat kein aufhören nicht,
Dein bleicher Mund, dein töttlich Wund,
Zeigst mir zu allen Zeiten,
Wann dann erst komt die Stund.
11. Daß ich von hin sol scheiden.
Hast du gesungen mir,
Da muß ich erst dann leiden.
Was nicht geschehen hier,
Sol ich dann haben gar kein ruh.
Das muß ja Gott erbarmen.
Das klag ich immer zu.
12. Mein ist doch nicht alleine.
Die Schuld, wie vor gehört,
Dannoch so leid ich Peine,
Weil er sich hat ermördt,
Von meinetwegen mir allein.
Ach Gott, tröst du sein Seele,
Und b'hüt mir auch die mein.
13. Diß liedlein hab ich dichtet,
Auß traurigem Gemüht,
Da mit ich mir berichtet,
Daß mich allein verführt.
Das falsche Schreiben, welches mir.
Zukommen und berichtet.
Er komme nimmermehr.
14. Ihr Jüngling und Jungfrauen,
Nemt diß Liedlein in acht,
Und thut nicht allzeit trauen,
So euch wird zugebracht.
Schreiben von eurem Lieblein,
Daß ihr nicht werd betrogen,
Und komt in gleiche Pein.
ÜBKB YBmJSOÄBTLBIN EO. V. WALDBERG 277
Wenn in dem lied: Kehr umb mein Seel eine grosse reihe von männem
aus der biblischen geschichte, namentlich aber aus dem klassischen altortum ange-
führt wird, welche die liebe ins unglück gestürzt hat, so ist das ein zug, der dorn
geselschaftsliede des endenden 16. und beginnenden 17. Jahrhunderts eigentümlich
war*. Venusgärtlein, s. 71 des Ndr. str. 26 — 31.
Troja das edle Königi-eich
Oeschleiffet war der Erden gleich,
Mancher Fürst vmb die Helenam,
Erbärmlich ymb sein Leben kam.
Julius Cesar, Hannibal,
Tarquinius und Atribai,
Ja Adam, Loth und Salomon,
David, Samson und Absalon.
Dydo die edle Königin,
Ihrs Lebens war ein Mörderin,
Aus Liebes Brunst, die sie gewann,
Zu Enea dem kühnen Mann.
Leonhai'd (Leander) in dem Meer umbkam.
Da er zu seiner liebsten schwam,
Die BiUis sich zu tode weint.
Da sie verlohr jhm liebsten Freund.
Hipos erhencket worden ist,
Bonis erschossen wie man list,
Narcissus durch, sein eigen Lieb,
Seins Lebens worden ist ein Dieb.
Acteon ein Jüngling zart.
Von Hunden sein zenissen ward,
Vnd andere vnzehlich mehr,
Welches lang zu erzehlen wer.
Dazu vgl. man nun ein lied, das in der vorliegenden gestalt zwar nur für das
ausgehende siebzehnte Jahrhundert bezeugt ist, aber in einzelnen teilen sicher bis zu
der wende des sechzehnten und siebzehnten Jahrhunderts sich zurückführen lässt:
Vormals hab ich jederzeit das Lieben ganz veracht (Gantz neuer Hans
gack in die Welt, nr. 77; Zwey neue weltliche Lieder ur. 2. Berliner königl. bibl.;
Jungfern- und Junggesellen -Noth, [Liedersamlung aus d. anf. d. 18. jahrh.] s. 17
fgg.) Str. 5 — 12.
Adam war mit Hohn und Spott,
Durchs erste Weib verfühi-t,
1) Gelegentlich iXsst sich ähnliches auch schon in nnserer älteren litterator nachweisen; vgl.
BoneiB Edelstein , nr. 67, s. 99 der ansgal>e von Pfeiffer :
her Adam wart ertceret,
Troje wart zestcBret,
hdr Sampson wart erblendet,
hdr Salomon geschondet,
der tot man wart erhenket.
I>ie lezte seile spielt auf die matrone von Ephesns an.
278 ELLINGEB
und die beiden Töchter Loth,
Unwissent er berührt,
Da sie giengn zum Freuden -tantz,
Verlohren sie den Jungfer -Krantz,
Das bringt die Leffeley,
Vanitatum Vanitas, ist lauter Fantasey.
Mopsus war ein grober Tropff,
Er nahm sich doch ein Weib,
Debore schor Simsons-KopfP,
Und bracht ihn um sein Leib,
Jacob diente Viertzehn Jahr,
Um eine Jungfer, das ist war.
Warn das nicht Jecken drey,
Vanitatum Van. usw.
David war ein frommer Mann,
Ein Mann nach Gottes Hertz,
Dennoch gieng er tapfer dran,
Und liebte Frauen -schertz,
Häts gekost sein Königreich,
Galt es ihm doch alles gleich,
Noch bleibet er dabey,
Vanitatum Van. usw.
Salomon ein weiser Mann,
Wie die Schlifft von ihm zeugt.
Er grieff vielen Weibern dran
Und beugte seinen Leib,
Tausend Weiber eins so viel,
War das nicht ein Venus -Spiel,
Doch bleibet er dabey,
Vanitatum, Van. usw.
Ti'oja wer zerstörte dich?
Nur eine schöne Frau,
Hion brennt jämmerlich,
Der Welt - berühmte Bau,
Doch damit ist nichts gethan,
Mancher Held muß auch daran,
Das macht die Jauckeley,
Vanitatum Van. usw.
Der Römer ihre Tapfferkeit,
Gehöret auch hieher.
Da Leander schwimmen wolt
Zur Liebsten übers Meer,
Er vorsang und gieng zu Grund,
Ward auch sehr in Lieb verwund,
Verschiede mit Geschrey,
Vanitatum Van. usw.
ÜBER VENÜSGÄBIUSIN SD. V. WALDBERG 279
Ingibos erhenket sich,
Und starb gleich wie ein Dieb,
Tronius starb jämmerlich
Wol umb sein feines Lieb,
Priovis und Disputoin,
Sind nicht kommen an den Reibn,
Das macht die Leffeley,
Vanitatatum Van. usw.
Als Narcissus in den Wald,
Zu einem Brunnen kam.
Da vergaß der Narr sein bald,
Sah wie er war gestallt,
Daß er sich auch vor Unlust,
Sich selbst lieb gewinnen raust,
0 Lieb ihm das verzeih,
Vanitatum Van. usw.
Diese aii; von berufimg auf Vorgänge aus dem altei*tum oder der biblischen
geschichte ist dann auch in das neuere Volkslied übergegangen; doch werden hier
meist nur die tatsachen aus der bibel beibehalten, und remiuiscenzen aus dem klas-
sischen altertum tauchen nur vereinzelt auf. Man vgl. Nicolai, feyn. kleyn. Alma-
nach n, 24, eine ausführlichere fassung bei Ditfuilh, Volks- und geselschaftslieder
des 17. und 18. Jahrhunderts, s. 55 fg. und mehrfach in fliegenden blättern, so z. b.
Sieben schöne neue welthche lieder nr. 3 (K. bibl. Borl. Yd 7909) in 14 Strophen,
auch meine ausgäbe des Kl. f. a. , bd. U s. 76. Ferner das gedieht Kl. f. a. II , 15,
eine bessere fassung in meiner ausgäbe, bd. II s. 73 fg., wo nach der bomfung auf
das Unglück, in das die liebe Adam, Salomo, Simsen und Holofernes gestürzt hat,
auch der Helena gedacht wird, die den brand Trojas veranlasst hat. (Str. 7.) Vgl.
ferner das aus dem anfange des 18. Jahrhunderts stammende lied: Leiden, Freudon
ist ein ungleiches Paar (Acht neue arien, nr. 8. Königl. bibl. zu Berlin, Yd 7901,
bd. 1), Str. 4 und 5.
Holofernes, David und Salömon,
Diese drey die wissens ja schon;
Als Holofernes ans Lieben gedacht.
Hat ihn die Judith ums I^ben gebracht.
Wie auch Simsen, der groß und starke Held,
Wurde durch Lieben ins Elend gestellt,
Als er der Delila alles vertraut.
Hat sie ihm alle seine Stärke beraubt.
Die biblischen beispiele tauchen auch in liedem auf, die die liebe preisen; so
in dem lied: Lieben ist meine Lust, Lieben ergötzt die Bmst (Sechs schöne Nagel-
neue Weltliche Lieder, nr. 2. Kgl. bibl. Berlin, Yd 7909), str. 2:
Adam hat so gethan, Isaac fieng gleichfalls an,
Jacob und andre mehr waren verliebt,
David hat so geherzt, Salomon so gescherzt.
Und sich in brennenden Flammen geübt
Man sieht, wie das neuere Volkslied clomente aus dem gesclschafislied des
17. Jahrhunderts aufnimt, aber dieselben volständig umbildet, so dass der gelehrte
278 ELUNGEB
Und die beiden Töchter Loth,
Unwissent er berührt,
Da sie giengn zum Freuden -tantz,
Verlohren sie den Jungfer -Krantz,
Das bringt die Leffeley,
Vanitatum Vanitas, ist lauter Fantasey.
Mopsus war ein grober Tropff,
Er nahm sich doch ein "Weib,
Debore schor Simsons-KopfP,
Und bracht ihn um sein Leib,
Jacob diente Viertzehn Jahr,
Um eine Jungfer, das ist war.
Warn das nicht Jecken drey,
Vanitatum Van. usw.
David war ein frommer Mann,
Ein Mann nach Gottes Hertz,
Dennoch gieng er tapfer dran,
Und liebte Frauen- schertz,
Häts gekost sein Königreich,
Galt es ihm doch alles gleich,
Noch bleibet er dabey,
Vanitatum Van. usw.
Salomon ein weiser Mann,
Wie die Schrifft von ihm zeugt.
Er grieff vielen Weibeni dran
Und beugte seinen Leib,
Tausend Weiber eins so viel,
War das nicht ein Venus -Spiel,
Doch bleibet er dabey,
Vanitatum, Van. usw.
Ti-oja wer zerstörte dich?
Nur eine schöne Frau,
Ilion brennt jämmerlich.
Der Welt - berühmte Bau,
Doch damit ist nichts gethan,
Mancher Held muß auch daran,
Das macht die Jauckeley,
Vanitatum Van. usw.
Der Römer ihre Tapfferkeit,
Gehöret auch hieher.
Da Leander schwimmen wolt
Zur Liebsten übers Meer,
Er versang und gieng zu Grund,
Ward auch sehr in Lieb verwund,
Verschiede mit Geschrey,
Vanitatum Van. usw.
ÜBER VENÜSGÄBTLEIN SD. V. WALDBEBG 279
Ingibos erhenket sich,
Und starb gleich wie ein Dieb,
Tronius starb jämmerlich
Wol umb sein feines Lieb,
Priovis und Disputein,
Sind nicht kommen an den Reihu,
Das macht die LefPeley,
Yanitatatum Yan. usw.
Als Narcissus in den Wald,
Zu einem Brunnen kam.
Da vergaß der Narr sein bald.
Sah wie er war gestallt,
Daß er sich auch vor Unlust,
Sich selbst lieb gewinnen must,
0 lieb ihm das verzeih,
Yanitatum Yan. usw.
Diese art von berufung auf Vorgänge aus dem altertum oder der biblischen
geschichte ist dann auch in das neuere Volkslied übergegangen; doch werden hier
meist nur die tatsachen aus der bibel beibehalten, und reminiscenzen aus dem klas-
sischen altertum tauchen nur vereinzelt auf. Man vgl. Nicolai, feyn. kleyn. Alma-
nach n, 24, eine ausführlichere fassung bei Ditfuiih, Yolks- und geselschaftslieder
des 17. und 18. Jahrhunderts, s. 55 fg. und mehrfach in fliegenden blättern, so z. b.
Sieben schöne neue weltliche lieder nr. 3 (K. bibl. Berl. Yd 7909) in 14 sti'ophen,
auch meine ausgäbe des Kl. f. a., bd. II s. 76. Ferner das gedieht Kl. f. a. U, 15,
eine bessere fassung in meiner ausgäbe, bd. II s. 73 fg., wo nach der bonifung auf
das Unglück, in das die liebe Adam, Salomo, Simson und Holofernes gestürzt hat,
auch der Helena gedacht wird, die den brand Trojas veranlasst hat. (Str. 7.) Ygl.
ferner das aus dem anfange des 18. Jahrhunderts stammende lied: Leiden, Freudon
ist ein ungleiches Paar (Acht neue arien, nr. 8. Königl. bibl. zu Berlin, Yd 7901,
bd. 1), str. 4 und 5.
Holofernes, David und Salömon,
Diese drey die wissens ja schon;
Als Holoferaes ans Lieben gedacht.
Hat ihn die Judith ums Leben gebracht.
Wie auch Simson, der groß und starke Held,
Wurde durch Lieben ins Elend gestellt,
Als er der Delila alles vertraut,
Hat sie ihm alle seine Stärke beraubt.
Die biblischen beispiele tauchen auch in liedern auf, die die liebe preisen; so
in dem lied: Lieben ist meine Lust, Lieben ergötzt die Bmst (Sechs schöne Nagel-
neue Weltliche Lieder, nr. 2. Kgl. bibl. Berlin, Yd 7909), str. 2:
Adam hat so gethan, Isaac fieng gleichfalls an,
Jacob und andre mehr waren verliebt,
David hat so geherzt, Salomon so gescherzt.
Und sich in brennenden Flammen geübt.
Man sieht, wie das neuere Volkslied demente aus dem gesclschaftslied des
17. Jahrhunderts aufnimt, aber dieselben volständig umbildet, so dass der gelehrte
280 BLLINGEB
aufputz des geselschaftsliedes ganz in dem volkstümlichen geiste aufgeht. Wenn
man die entstehungsgeschichte des neueren Volksliedes betrachtet, so muss man auf
diesen Zusammenhang zwischen dem älteren geselschaftslied und dem neueren Volks-
lied besonders achten, da sich aus ihm manche lehrreiche resultate ergeben.
Die verwantschaft des liodes: Kehr vmb mein Seel vnnd trawre nicht
mit dem unter nr. 105 im Vg. mitgeteilten gedieht: Phöbus dein instrument
s. 145 fgg. scheint dem heiTn herausgeber nicht aufgefallen zu sein. Und doch kann
wol kaum ein zwoifel darüber obwalten, dass eines der beiden lieder durch das
andere beeinflusst worden ist. Das ergibt sich nicht allein daraus, dass auch in dem
zulezt genanten liede berufungen auf klassische gestalten widerkehi*en, denen die
liebe den tod gebracht hat, (vgl. str. 26. Pyramus aus Liebes -Trieb, vmb Thisbo
ließ den Leib, vnnd Troilus, ersterben muß, vmb sein verlohmen Leib.) sondern auch
aus dem umstände, dass ähnliche gedanken in beiden liedem zum teil mit den glei-
chen Worten ausgedrückt sind, man vgl. nr. 53, str. 42 mit nr. 105, str. 30; femer
53, 54 mit 105, 31. "Welches von den beiden liedem später entstanden ist, wird
sich schwer entscheiden lassen.
Nr. 63. Das Voigtländer'sche lied: Ich habe offt vor vielen Jahren ist
auch in beträchtlich gekürzten einzel drucken verbreitet worden: Drey Weltliche Newe
Lieder. Im Jahr 1646. (Berlin kgl. bibl. Ye 1650), nr. 3 enthält von den 30 Stro-
phen des gedichtes nur sieben, nämlich str. 1 — 3, worauf sich in folgender reihen-
folge anschliessen str. 27, 6, 30, 25.
Nr. 64. Ach ich armes Mägdlein klage. Über die nachwirkung dieses
Voigtländer'schen liedes ist jezt auf meine ausgäbe der Komödien und harlekinsspiele
Christian Reuters, Braunes neudmcke, nr. 90 und 91, s. XIII zu verweisen.
Nr. 65. Zu Voigtländers lied: Eine reiche Magd hat Matz sei darauf hin-
gewiesen, dass der Aminta der englischen komödianten unmöglich durch Voigtländer
beeinflusst sein kann, denn die von dem herausgeber in seinem buch: Renaissance-
lyrik, s. 192 fg. angezogenen werte aus dem Aminta finden sich genau schon ebenso
in der samlung der englischen komödianten von 1630. Will man eine gegenseitige
beeinflussung annehmen, so würde Voigtländer von dem volksdrama abhängig sein.
Das wahrscheinlichste aber wird dies sein, dass das witzwort schon früher vorhan-
den war.
Nr. 69. Frölich ist man im Früeling im Garten. Ein sehr abweichen-
der druck von 1618 in der königl. bibliothek zu Berlin : Ein schön newes und kurtz-
weyliges Lied , zuvor nie in Truck außgangen , aufF die zwölff Monat gericht. CI Frö-
lich ist man im Fmling, im usw. In seiner eignen Melodey zusingen. (Darunter
ein titelbild.) (L Gedmckt zuAugspurg, durch Johann Virich Schönig. 1618. Yel301.
Str. 1 im Vg. stimt mit kleinen abwoichungcn mit der ersten Strophe des flie-
genden blattes überein. Hierauf folgen in dem oinzeldruck folgende drei gesetze, die
im Vg. fehlen:
Mertz.
Dann der Mertzen dem Erdtrich das leben,
Wirdt safft und ki-afift wider geben,
Thtit vns nach Fmchtbarkeit streben.
Die Gärten werden schön zugerichtet.
Die der traurig Winter vernichtet,
Vnd der Pflüg zum Acker gerichtet.
ÜBEB YSNUSGÄBTLEIN ED. V. WALDBERG 281
Aprill.
Im Aprill sich eröffnet die Erden,
Die Dämpif darauß gelassen werden,
Die Eälden bringts nimmer ins Gefrörte,
Die Raben und Bäum werden gestutzet,
Die Velder gar schön gebutzet.
Das es dem Menschen sehr nutzet.
May.
In dem Mayen gar gesund ist das baden,
"Wol leben die Gelehrten und Käthen,
Seine Gesellen solt einer auch laden,
Ertzenay, Purgieren, Aderlassen,
All langkweil und traurigkeit hassen,
Ynd fein lustig sein aller massen.
Hierauf folgt str. 2 des Vg. mit manchen abweichenden lesarten, worauf sich
widerum drei im Yg. fehlende gesetze anschliessen:
Junij.
Der Junij läßt sich vememmen,
Wirdt Hew vnd Kom schneyden bald lemen,
Darauff rieht man die PÖden und Thennen,
Die Hewwägen werden herfür gesetzt,
Die Sichel zum Schnitt gewetzt.
Die Baum zu der Arbeit angehetzt.
Julij.
In dem Julij mit Rechen und Gabeln,
Legt man das Hew auff den wagen.
Das sie Hitz vnd durst nit plagen,
Darumben sie sich au£f den Morgen,
Mit Pittrich vol Wasser versorgen.
Man saufft das kein Würth mehr will borgen.
Augusti.
Im Augusto wann geschnitten ist das Kom,
Vnd alle Wysen beschorn.
So sieht man kein Arbeyt verlorn.
Die Bäum voll Frucht werden gefunden.
Die Fässer zum Wein gebunden,
Das soll vns erfrewen all stunden.
Die str. 3 des Vg., welche dann folgt, gebe ich ebenfals in der fassung des
einzeldruckes, da diese beträchtliche abweich ungen im ausdruck aufweist; die Stro-
phen über die drei herbstmonate fehlen widerum im Vg.
Herbst.
Frölich ist man im Herbst bey dem Reben,
Die Wein vnd Tranck von sich geben,
Zu erquickung das (sie!) Menschlich leben.
In dem wald sich die Hörnlein erhöllen,
282 ELUNGEB
Wann der Jäger sampt seinen Gesellen,
Thüt ein lostigs feins Jagen anstellen.
September.
Im September das Obst wird abbrocket,
Krammetvögel vnd Lörchen gelocket,
Vil ander Vögel werden geropffet,
Man thtit schon ablesen die Eöben,
Die den lieblichen Most von sich geben.
Der mit lust wird getruncken darneben.
October.
Der October gibt Wein vber die massen,
Dammb pflegt man zu zechen vnd prassen,
In Würtshäussem auff gassen vnd Strassen,
Die Wärme vnd Summer will weichen.
Die Kälten wirdt horeiner streichen,
Darumb thüt euch mit holtz wolbereichen.
November.
Im Nouember der Baurn Kirchtag verschwinden,
Vnd lassen sich d'Gänß noch finden,
Das wir noch ein frewdt haben könden.
Die Kältin thüt zimblich herstreichon,
Ynd kommen die kalten Reiffen,
Der Winter wirdt vns angreiffen.
Str. 4 des Vg. stimt dann mit der nächsten Strophe des einzeldrucks üb(
doch widerum mit starken abweichungen , so lauton in dem fl. bl. z. 4 — 6: Die Bi
am Walde sich entf erben — Die Bletter daran thun verderben — Alle Blümlei
Garten damit sterben. Dann zwei 'im Vg. nicht vorhandene Strophen:
Decembor.
Im December der trawrig Wintter,
Der wird uns dem nach desto ringer,
Wann wir schlagen faist Schwein und Rinder,
Mit Brotwurst und Schweinen Braten,
Da erfüllen wir vnsere Zährgaden,
Die Keller mit Wein wol beladen.
Januar.
Im Januar man kein Holtz soll sparen.
Die Stuben vor Kälten bewaren,
Ist auch lustig im Schlitten vmbfahren.
Ein wanne Stuben thüt weyt das beste,
Daiinn helt man vil Malzeyt vnd Feste,
Sein fein lustig und frölich die Gäste.
Leider fehlt die lezte seite des einzeldrucks, welche, wie aus dem umwc
vermerk her\'orgeht, noch eine den februar behandelnde strophe und dann "w
scheinlich die zwei schlussstrophen, mit Vg. str. 5 und 6 übereinstimmend, entl
Fragt man nach dem Verhältnis der beiden fassungen zu einander, so scheint die
ÜBER YENÜSGÄBTLEIN ED. V. WALDBERQ 283
wideigegebene die ältere zu sein, aus der dann die im Yg. vorliogende version erst
durch zusammenziehung entstanden wäre. An poetischem wert hat das lied durch
die ausstossuDg der gesetze über die einzebien monate entschieden gewonnen.
Nr. 81. S. 122. Warumb thustu mich kränckon in einem fl. bl. der
lönigL bibL zu BerUn: Drey Weltliche Newe Lieder. Das Erste, Warum b thustu
mich krencken, Amor du (titelbild). Das Ander, Der Liebste mein hat mich verlas-
sen, der mich | Das Dritte, Betrübe dich doch nicht so gar, nimb selber | Ln Jahr
1646. Ye 1656. £inen andern einzeldruck citiert Ditfurth, Volks- und geselschafts-
lieder, des 17. und 18. Jahrhunderts s. 3. Der Berliner druck stimt mit ganz gerin-
gen abweichungen mit dem Yg. überein.
Nr. 107. Yiel Trawren in meinem Hertzen in einem fl. bl. der königl.
bibL zu Berlin: Drey Weltliche Newe Lieder. Im Jahr 1645. Ye 1611, nr. 1 im
wesentlichen mit dem Yg. übereinstimmend, die abweichungen sind ganz unbedeu-
tend, die wichtigste str. 2, z. 1 Yg.: affectionirct, fl. bl.: inamoriret.
Nr. 109. S. 150. Joseph liebster Joseph mein. Einzeldruck der königl.
hibl. zu Berlin: Drey Schöne newe Weltliche Lieder. Gedruckt im Jahr, 1615. Ye
1221. Nr. 3. Das lied umfasst in dem fl. bl. nur neun Strophen, während es im Yg.
deren zwölf zählt, und zwar fehlen str. 6, 8 und 10. Die abweichungen sind nicht
erwähnenswert
Nr. 114. 8. 158. Mein Hertz ist mir in der Lieb entzündt in einem
fl. bl. der königl. bibL zu Berlin: Yier Schöne Newe Lieder. Gedruckt zu Magde-
borgk. Ye 816 , nr. 3 im wesentlichen mit dem Yg. gleichlautend.
Das Yenusgärtlein kann in der gcschichte des deutschen volksUedes sorgfältige
berücksichtigung deshalb beanspruchen, weil es uns zeigt, wie es mit dem lieder-
bestand mn die mitte des siebzehnten Jahrhunderts l)cstclt war und was wirklich
gesungen worden ist. Es sind verhältnismässig wenige volksUedcr aus dem sechzehn-
ten jahriiundert, die damals sich noch algemoiner gunst zu erfreuen hatten; neb<fn
liedem, die von bekanten Verfassern, wie Simon Dach, Rist, Finckclthaus , Greflin-
ger herrühren (83 lieder unter 169, wobei ich die stücke Voigtländers , von denen
gleich die rede sein wird, nicht mitzähle) gehöit die gröste zahl der anderen gedichto
dem geselschaftslied an. Ein teil dersel}>en stamt, wie die nachweise zeigen, aus der
xeit, in welcher das eigentliche geselschaftslied zu einer art von blute gekommen Lst,
d. h. aus dem endenden 16. und beginnenden 17. Jahrhundert. Ein andrer teil dage-
gen reicht schwerlich viel weiter als etwa in die vierziger jähre des 17. Jahrhunderts
zurück. Vergleichen wir nun diese lieder mit den stücken des älteren geselschafts-
liedes, so muss der vergleich unzweifelhaft zu gunsten des lezteren ausfallen. AU*:
schlechten eigenschaften, die das ältere ges^/Lschaftslied besass, sind goblielx-n; von
den guten selten desselben haben sich die meisten verloren. Das geselschaft^hod,
wie es uns ans Hoffmanns vortrcflichcr samlung entgegcntiitt, zeichnet sich durch
eine Zierlichkeit und anmut, gewantheit in spräche und composition und eine treu-
herzige altfränkische naivetät aus. die ihm namentlich in einzelnen erzälilondeu stücken
vortreflich zu gesiebte steht. Es geht ihm ab die tiefe des gefühLs, wie ^le uns aus
dem Volkslied des fünfzehnten und aus der ersten hälfte des sechzehnten Jahrhun-
derts entgegentritt; der ton ist prosai.scher, vorstandesmässiger, uüchtenier, ja. wenn
iff^Ti H^a wort nicht misverstehen will, spiessb ärgerlich er geworden. Ineser ton stei-
gert sich nun im laufe des siebzehnten Jahrhunderts: dazu komt. dass auch die
guten eigenschaften, welche dem älteren gcselschaftshede eignen, almählich verloren
282 KLLINOEB
Wann der Jäger sampt seinen Gesellen,
Thüt ein lostigs feins Jagen anstellen.
September.
Im September das Obst wird abbrocket,
Erammetvögel vnd Lörchen gelocket,
Vil ander Vögel werden gei*opffet.
Man thtit schon ablesen die Eöben,
Die den lieblichen Most von sich geben,
Der mit last wird getruncken dameben.
October.
Der October gibt Wein vber die massen,
Darumb pflegt man zu zechen vnd prassen.
In Würtshänssem auff gassen vnd Strassen,
Die Wärme vnd Summer will weichen,
Die Kälten wirdt hereiner streichen,
Darumb thfit euch mit holtz wolbereichen.
November.
Im Nouember der Baum Kirchtag verschwinden,
Ynd lassen sich d'Gänß noch finden,
Das wir noch ein frewdt haben könden.
Die Kältin thüt zimblich herstreichon,
Ynd kommen die kalten Reiffen,
Der Winter wirdt vns angreiffon.
Str. 4 des Yg. stimt dann mit der nächsten stiopho des einzeldrucks überoin,
doch widerum mit starken abweichungen , so lauten in dem fl. bl. z. 4 — 6: Die Bäume
am Walde sich entferben — Die Blotter daran thun verderben — Alle Blümloiu im
Garten damit sterben. Dann zwei im Yg. nicht vorhandene Strophen:
December.
Im December der trawrig Wintter,
Der wird uns dem nach desto ringer,
Wann wir schlagen faist Schwein und Rinder,
Mit Brotwurst und Schweinen Braten,
Da erfüllen wir vnsere Zährgaden,
Die Keller mit Wein wol beladen.
Januar.
Im Januar man kein Holtz soll spai^n.
Die Stuben vor Kälten bewaron,
Ist auch lustig im Schlitten vmbfahren.
Ein warme Stuben thüt weyt das beste,
Darinn helt man vil Malzoyt vnd Feste,
Sein fein lustig und frölich die Gäste.
Leider fohlt die lezte seite des einzeldrucks, welche, wie aus dem umwende-
vermerk hervorgeht, noch eine den febmar behandelnde Strophe und dann wahr-
scheinlich die zwei schlussstrophen, mit Yg. str. 5 und 6 übereinstimmend, enthielt.
Fragt man nach dem Verhältnis der beiden fassungen zu einander, so scheint die hier
ÜBER VENÜSGÄBTLEIN ED. V. WALDBEBG 283
widergegebene die ältere zu sein, aus der dann die im Vg. vorliegende version erst
durch zusammenziehung entstanden wäre. An poetischem wert hat das lied durch
die ausstossung der gesetze über die einzelnen monate entschieden gewonnen.
Nr. 81. S. 122. Warumb thustu mich kräncken in einem fl. bl. der
königl. bibl. zu Berlin: Drey Weltliche Newe Lieder. Das Erste, Warumb thustu
mich krencken, Amor du (titelbild). Das Ander, Der Liebste mein hat mich verlas-
sen, der mich | Das Dritte, Betrübe dich doch nicht so gar, nimb selber | Ln Jahr
1646. Ye 1656. Einen andern einzeldruck citiert Ditfurth, Volks- und geselschafts-
lieder, des 17. und 18. Jahrhunderts s. 3. Der Berliner druck stimt mit ganz gerin-
gen abweichungen mit dem Vg. überein.
Nr. 107. Viel Trawren in meinem Hertzen in einem fl. bl. der königl.
bibl. zu Berlin: Drey Weltliche Newe Lieder. Im Jahr 1645. Ye 1611, nr. 1 im
wesentlichen mit dem Vg. üboreinstinmiend, die abweichungen sind ganz unbedeu-
tend, die wichtigste str. 2, z. 1 Vg.: aflfectionirot, fl. bl.: inamoriret.
Nr. 109. S. 150. Joseph liebster Joseph mein. Einzeldruck der königl.
bibl. zu Berlin: Drey Schöne newe Weltliche Lieder. Gedruckt im Jahr, 1615. Ye
1221. Nr. 3. Das lied umfasst in dem fl. bl. nur neun Strophen, während es im Vg.
deren zwölf zählt, und zwar fehlen str. 6, 8 und 10. Die abweichungen sind nicht
erwähnenswei*t
Nr. 114. S. 158. Mein Hertz ist mir in der Lieb entzündt in einem
fl. bl. der königl. bibl. zu Berlin: Vier Schöne Newe Lieder. Gedruckt zu Magde-
burgk. Ye 816, nr. 3 im wesentlichen mit dem Vg. gleichlautend.
Das Vcnusgärtlein kann in der geschichte des deutschen Volksliedes sorgfältige
berücksichtigung deshalb beanspruchen, weil es uns zeigt, wie es mit dem lieder-
bestand um die mitte des siebzehnten Jahrhunderts bestelt war und was wirklich
gesungen worden ist. Es sind verhältnismässig wenige volksÜeder aus dem sechzehn-
ten Jahrhundert, die damals sich noch algemeiner gunst zu erfreuen hatten; neben
liedern, die von bekanten Verfassern, wie Simon Dach, Rist, Finckolthaus , Greflin-
ger herrühren (83 lieder unter 169, wobei ich die stücke Voigtländers , von denen
gleicli die rede sein wird, nicht mitzähle) gehört die gröste zahl der anderen gedichte
dem geselschaftslied an. Ein teil dei*selben stamt, wie die nachweise zeigen, aus der
zeit, in welcher das eigentliche geselschaftslied zu einer art von blute gekommen ist,
d. h. aus dem endenden J6. und beginnenden 17. jahi'hundert. Ein andrer teil dage-
gen reicht schwerlich viel weiter als etwa in die vierziger jähre des 17. Jahrhunderts
zm'ück. Vergleichen wir nun diese lioder mit den stücken des älteren geselschafts-
liedes, so muss der vergleich unzweifelhaft zu gunsten dos lezteren ausfallen. Alle
schlechten eigenschaften , die das ältere geselschaftslied besass, sind geblieben; von
den guten Seiten desselben haben sich die meisten verloren. Das geselschaftslied,
wie es uns aus Hoffmanns voiireflicher samlung entgegentritt, zeichnet sich durch
eine Zierlichkeit und anmut, gewanthoit in spräche und composition und eine treu-
herzige altfränkische naivetät aus, die ihm namentlich in einzelnen erzählenden stücken
vortroflich zu gesiebte steht. Es geht ihm ab die tiefe des gefühls, wie sie uns aus
dem Volkslied des fünfzehnten imd aus der ersten hälfte des sechzehnten jahrhun-
deiis entgegentritt; der ton ist prosaischer, veratandesmässiger, nüchterner, ja, wenn
man das wort nicht misverstehen will, spiessbürgerlicher geworden. Dieser ton stei-
gert sich nun im laufe des siebzehnten Jahrhunderts; dazu komt, dass auch die
guten eigenschaften, welche dem älteren gcselschaftsliede eignen, almählich verloren
284 ELLINaEB
gehen. An die stelle der Zierlichkeit tritt rohheit, die gewantheit in composition und
spräche verschwindet. In diesem zustande treffen wir das geselschaftslied in der
zeit, in der das YenusgäiÜein entstanden ist, und ein teil der in dieser samlung mit-
geteilten stücke legt von dieser heruntergekommenheit des geselschaftsliedes zeugnis
ab. Der rechte repräsentant dieses Stadiums des geselschaftsliedes ist Gabriel Voigt-
länder, der mit seinen plumpen und hölzernen liedem einen ausserordentlich grossen
erfolg errang. Man kann es daher nur als einen fortschritt bezeichnen, dass dieser
plumpen Produktion gegenüber lieder von kunstdichtem, die in einer verhältnismässig
gebildeten spräche auch zarteren empfindungen ausdruck gaben, in aufnähme kamen
und, wie das Venusgärtlein (s. o.) imd viele einzeldrucke beweisen, häufig und gern
gesungen wurden. Nur aus dieser Verbreitung der kunstmässigen lieder im volk ist
der grosse einfluss zu erkläi'en, den die lyrische kunstdichtung des 17. Jahrhunderts
auf die entstehuiig des neueren Volksliedes ausgeübt hat. Diese einwirkung ist ent-
schieden eine woltuende gewesen; einzelne ihr nicht angemessene demente, wie z. b.
die horübemahme des so beliebten daktylischen metrums in das Volkslied, hat die
Volksdichtung mit sicherem takte schnell wider ausgestossen. Wer diese beeinflus-
sung des neueren Volksliedes durch die kunstdichtung auch in der vorliegenden sam-
lung mit bänden greifen will, der braucht nur einmal Görings adschiedslied , s. 16 fg.
mit den volkstümlichen abschiedsliedem, wie sie seit dem beginne des 18. Jahrhun-
derts aufkamen, zu vergleichen: die verwantschaft in empfindungs- und stimmungs-
gehalt, ton und motiven springt auf der stelle in die äugen.
Eine andere frage ist, ob sich in dem Venusgärtlein schon die anfange des
neueren Volksliedes nachweisen lassen. Diese frage ist, wenn wir den gesamtinhalt
des buches betrachten , entschieden zu verneinen. Der typus desselben ist im wesent-
lichen kunstdichtung und geselschaftslied in vergröbertem zustande, dazu wenige
biiichstücke aus den älteren Volksliedern der beiden vorigen Jahrhunderte. Das waren
die lieder, die das volk damals sang Das Venusgärtlein gibt uns, wie die gleich-
zeitigen einzeldmcke bestätigen, ein volkommen zutreffendes bild von dem zustand
des Volksgesanges um 1650, wenn es auch natürlich nicht alle damals gesungenen
lieder umfasst Aber die keime des neueren Volksliedes zeigen sich doch bereits,
wenn auch nur ganz vereinzelt. So wird in dem s. XVII fg. mitgeteilten lied bereits
ein ton angeschlagen, der dann im neueren volksliede weiter ausgebildet worden ist
Ferner vgl. man das valetlied s. 10. Besonders wichtig ist in dieser beziehung das
lied s. 138 Ein Hirschlein gieng im grünen Wald, der erste vorklang der jägor-
romantik, die nachher einen so bezeichnenden zug des neueren Volksliedes ausmacht
Aber diese ganz vereinzelten spuren wollen gegenüber der gewaltigen menge der
anderen lieder nichts besagen; und wenn auch hin und wider ein vorklang der
gefühlsweichheit, die namentlich für das liebeslied des neueren Volksliedes cha-
rakteristisch ist, auftaucht, so erinnert es doch mehr an die gleichzeitige religiöse
dichtung, die ihrereeits ja auch wider vom volks- und geselschaftsliede gelernt hat
Es mag bei dieser gelegenheit darauf hingewiesen werden, dass Schefflers schönes
lied: Psyche die verliebte Seele offenbar von dem liede Venusgärtlein, s. 58 fg.:
Du 0 mein hochbetrübter Sinn beeinflusst worden ist Man vgl. str. 10 und 11
des liedes:
Darumb jhr Hirten gute Nacht,
Ihr Wälder drinnen Echo wacht,
Ihr Myrthen, Rosen, Lügen, Klee,
Thaal, Berge, Wiesen, Fluß, Ade.
ÜBER VSNÜSeÄBTLBIN ED. V. WALDBKRG 285
Du auch 0 Doris leb in Ruh,
Doch schließ den harten Sinn nicht zu,
Laß deiner Augen Thränen-Bach,
Mir zu dem Grabe folgen nach.
und Scheffler, Heilige Seelenlust (Breslau 1657), buch IV, nr. 6, s. 29 fgg., str. 2
^^^ ^* Gute Nacht, jhr grüne Matten,
Gute Nacht du bundtes Feld:
Gute Nacht jhr kühle Schatten,
Sprach sie, und du gantze Welt:
Gute Nacht du süsser Bach,
Denn ich folge Jesu nach.
Gute Nacht jhr Schäfferinnen,
Meiner Nachbarn liebe Schaar:
Lebet wohl, muß von hinnen.
Und euch lassen gantz und gar:
Gute Nacht jhr Schäffelein,
Und was mich gekönt erfreun*.
Auch in dem Neu weltlichen Liederbüchlein finden sich nur wenige
verklänge des neueren Volksliedes. Die samlung, die etwa um 1680 anzusetzen ist,
zeigt freilich ein anderes aussehen auf als das Yenusgärtlein. Neben den kunstdich-
tem, zu denen jezt auch noch Schoch hinzukömt, finden wir eine reihe von wüsten
zotenliedem mit den widerwäi*tigsten Zweideutigkeiten, eine gattung, die gegen das
ende des 17. Jahrhunderts grosser beliebtheit sich erfreut haben muss. Daneben eine
reihe von geselschaftsliedern, auch einzelne kriegslieder. Dass wir uns bereits nicht
mehr in einer so unproduktiven periode befinden wie zur zeit der abfassung des
Venusgärtleins zeigt der merkwürdig individuelle, und trotz mancher härte in der
spräche zu herzen gehende ton des liedes: Frisch auff mein Gemüht, bedaure
nicht. Schlag alles in den Wind (nr. 71). Aber von dem ton des neueren
Volksliedes ist hier noch nichts zu spüi*en; dieser zeigt sich ziemlich ausgebildet nur
in einem lied der samlung: Ach wer ist doch so selig als ich bin, Der ich
nicht mehr darff lieben wie vorhin. Yolständig ausgebildet begegnet uns
indessen das neuere Volkslied erst in den samlungen, die um die wende des sieb-
zehnten und achtzehnten Jahrhunderts gedruckt worden sind, dem Tugendhaften
Jungfrauen- und Jungen-Gesellen Zoit-Vertreiber und dem Gatnz neuen
Hansguck in die Welt, beide entschieden um ein oder zwei Jahrzehnte jünger
als das Neu weltliche Liederbüchlein. Ein lied wie das in dem Gantz neuen Hans-
guck in die Welt nr. 79 mitgeteilte: „Ach Gott, wie kann es möglich sein, dass ich
soll lassen die Liebste mein*^ zeigt schon durchaus den wehmütig -sentimentalen ton,
durch den sich das neuere volkstümliche liebeslied so eigentümlich von dem älteren
1) Vgl. auch Jakob Schwinger, Liebos-grillon, Hambnig 1656. III, 18:
Der gohte- Nacht sagende:
Gohte Nacht, ihr schöne Wiesen 1
Otthte Nacht du Lost Revier,
Ich mnss Abschied nehmen hihr
Und ein fremdes Land erkiesen.
Gohte Nacht gehabt euch wol
Und lebt hoher Fronden vol.
286 mSCELLEN
abhebt. Natürlich stehen in beiden samlungou diese zeichen eines neuen erblühens
der volkspoesie noch unter vielerlei älteren und minderweiiagen stücken; aber trotzdem
lässt es sich doch deutlich erkennen, dass der charakteristische ton des neueren Volks-
liedes bereits zum durchbruche gekommen ist. Ebenso wie die einzeldrucke wird
eine eindringende Untersuchung der herkunft der heute noch im volke lebenden lie-
der weisen uns also auch die liedei-samlungen auf die wende des 17. und 18. Jahr-
hunderts als auf die zeit hin, in der die füi* das neuere Volkslied entscheidenden
züge gefunden und ausgebildet worden sind. Freilich müssen auch die etwas später
gedruckten liedersamlungen noch mit hinzugezogen werden, so vor allem das Berg-
liederbüchlein, welches keineswegs, wie Uhland meinte, sehr alte und weit zurück-
gehende lieder enthält, sondern im wesentlichen den liederbestand um 1700 reprä-
sentiert.
Die frage nach der entstehung des neueren Volksliedes ist bis jezt trotz der
Wichtigkeit des gegenständes immer flüchtig nur berühii, und versuche zu ihrer
lösung sind kaum gemacht worden. Ich glaube, dass, wenn auch im einzelnen noch
manches dunkel ist, die oben gegebenen gesamtanschauungen das richtige treffen.
Sobald meine Studien über diesen gegenständ volständig zum abschlusso gekommen
sind, werde ich den vei*such machen, die frage in einem gi'össeren zusammenhange
zu beantworten.
BERLIN. GEOBO ELLINOEB.
MISCELLEN.
Gardinenwiese.
In meiner heimatstadt Quedlinbui'g liegt zwischen dem Wiperti-kloster und
dem Schlossberge ein stück land, das den namen der „Gardinenwiese** führt.
Zulezt hat über diese bezeichnnng Oberlehrer dr. Rudolf Kohlmann in der festschrift
zur feier des 350jährigen bestehens des Quedlinburger gymnasiums (Quedlinburg, druck
von Carl Voges 1890, s. 10) gehandelt, der neben der landläufigen erklärung aus
dem Iyz, jardin auch die Vermutung Brechts in den erläuteiningen vor dem 2. bände
des urkundenbuches der stadt Quedlinburg, bearbeitet von K. Janicke s. XCI: „Gar-
dinen-wiese, d. i. wol CJortinen- oder Wallwiese" abgelehnt hat.
Zunächst ist zu bemerken, dass wir in der Quedlinburger bezeichnnng eine
volksetymologische umdeutung des flurnamens Gartine, Gärtine haben, der in
dieser form aus Könnem an der unteren Saale beigebracht ist (s. DWb. 4, 1418) in
einer gerichtlichen anzeige, in der ein bäuerliches gnindstück feilgeboten ward,
bestehend in einem husche, einer gartine auf der Pernener mark und
12 morgen acker. Ferner führt Vilmai- im idiotikon von Kurhessen s. 117 aus
Niederhesseu die bezeichnungen : „In der Oärthine^\ „in der obersten Qärthine*^\
„in der Breitengarthine"' ] „in denen Qärthiuen^ an. Kohl mann sieht in der bezeich-
nung mit dem deutschen wörterbuche eine Weiterbildung von garte n in der bedeu-
tnng „umzäuutes landstück**. Allein es ist klar, dass diese bezeichnung eine zu
algemeine ist, als dass sie zu einer spcciellen flurbozeichnung hätte werden können.
Ich mochte deshalb vielmehr auf das alte niederdeutsche femininum jart, jarde, jar-
den verweisen, über das die herausgeber dos Mittelniederdeutschen wöiterbuchs bd. 2,
s. 401 bemerken: „Es ist ohne zweifei das fries. terde, alts. gerde, engl, yard, rate
NEUE ERSCHKINT7N0BN 287
oder messrute gemeint, die von verschiedener grosse ist. Nach der aussage von land-
leuten ans Zwischenahn (im Ammerlande bei Oldenburg) versteht man unter Jarthen
oder Vorjarthen ^jWendeäcker", d. h. landstreifen auf den eschen, auf denen der pflüg
umwendet, die daher nicht eh^r besamt werden dürfen, als bis die hinter ihnen
liegenden stücke besamt sind*^. Ebenda wird erwähnt, dass das wort noch im Olden-
burgischen zur bozeichnung von länderstücken gebräuchlich ist, z. b. tiaiefard,
twiefcüirte, Dohjahrten, wie es sich denn appellativisch auch in einer Oldenburger
Urkunde von 1496 findet: itetn ene stucke, heten de dorp iaren, dat buwet Ey-
lerSf 1 sekepel komes. Dass das westphälische und hessische garde, gerde, in dri-
gerde, vif gerde usw., von denen gardine, gärdine (mit dem ton auf der zweiten
silbe) regelrechte Weiterbildungen sind, dasselbe wort ist, ist ebendaselbst richtig
bemerkt. Vilmars meinung, dass gart aus quart entstelt sei, wird mit recht als
völlig unhaltbar hingestelt; aber auch gegen Hildebrands (DWb. 5, s. 1392 und Woe-
stes (Ztschr. des bergischen geschichtsvereins 1872 s. 183) erklärung, die es Bxilgart,
garten, zaim, umzäuntes land zurückführen wollen, wird zurückgewiesen. „Dagegen
spricht das verschiedene genus und die bestirnte Unterscheidung (wenigstens im Old.)
zwischen garden und jart, sowie sachlich der umstand, dass jart, fals es ein teil
eines esches ist, niemals eingehegt gewesen sein kann, weil die esche, im gegensatz
zu dem eingehegten sondereigentum , immer offen waren '^.
NORTHEIM. B. SPRENQEB.
NEUE EESCHEINUNGEN.
BtttÜeher, G« und Klnzel, K«, Denkmäler der älteren deutschen litteratur
für den litteraturgeschichtlichen Unterricht I, 3; N^ibelungenlied. VI und 170s.
1,20 m. lY, 1: Litteratur des 17. Jahrhunderts, ausgewählt und erläutert.
X und 130 s. 1 m. Halle, buchhandlung des Waisenhauses. 1892.
Braitmaier, prof. dr., Goethecult und Goethephilologie. Eine Streitschrift.
Tübingen 1892 (in comm. bei G. Fock, Leipzig). IV und 120 s. 2,50 m.
Der Verfasser hat dui*ch seine Geschichte der poetischen theorie und kritik
von den discursen der maier bis auf Lessing (Frauenfeld 1888. 89) bewiesen,
dass es ihm weder an litteraturkentnis noch an geist fehlt. In der vorliegenden
Streitschrift zeigt er auch einen lebhaften und stellenweise drastischen schwä-
bischen witz; aber von dem fein abgeklärten und selbst bei schai-fer sachlicher
gegnerschaft stets Uebenswürdigen humor, den Fr. Vischer bei behandlung der-
selben fragen anzuwenden wüste, bleibt dieser witz sehr weit entfernt. Neben
manchem beachtenswerten enthält die schrift auch rasche und schiefe urteile; vor
allem ist einzuwenden, dass fast alle männer, die der Verfasser wegen ihres über-
triebenen Goethecultus speciell angreift, in demselben bei weitem nicht in dem
masse befangen waren nnd sind, wie herr Braitmaier durch citicren einzelner
äusserungen (oder auch ohne citat) glaublich machen will. Die lebenden mögen
selber für sich reden, wenn es ihnen in diesem falle der mülio wert erscheint;
aber gegen angriffe auf einen verstorbenen sollen auch hier einige werte gesagt
sein. "Wie kann herr Braitmaier s. 38 von einer abneigung Scherers gegen Schil-
ler reden? Hat er niemals die Charakteristik desselben in Scherers litteratur-
geschichte s. 581 — 613 gelesen, die allein schon zeigt, wie viel verwantschaft mit
Schillers geiste in Scherer selbst lag? Goethes werke hat er bewundert und analy-
288 NACHBICHTEN
siert; Schiller war er selbst congenial, soweit dies ein forscher des neunzehnten
Jahrhunderts einem denker und dichter des achtzehnten Jahrhunderts nur sein
kann. Wie komt femer herr Braitmaier dazu, die bezeichnung ^ Durchschnits-
wiener* s. 37 fg. mit bezug auf Scherer zu gebrauchen , der — so lange er in Wien
wirkte und noch später — gerade gegen die mit dieser benennung von herm
Braitmaier gemeinten schwächen des phäakentumes und des mangels an nationa-
lem selbstbewustsein mit aller kraft gekämpft hat (vgl. z. b. Vorträge und aufsätze *■
s. 146. 192; vgl. den schluss der litteraturgeschichte !) ? Wie kann endlich herr
Braitmaier mit bezug auf die erwähnten schwächen sagen, dass Scherer für die
„weiblichen" perioden der litteraturgeschichte gegenüber den „männlichen*' ge-
schwärmt habe? Die bezeichnendste äusserung Scherers bei der aufstellung jener
geistvollen antithese ist (QFI2, 2): „der i*uhm frauenhafter zeiten ist ihre gerech-
tigkeit, ihre duldsamkeit, ihre anerkennung des gegners*^. Herr Braitmaier frei-
lich scheint einer solchen epoche nicht entsprossen zu sein, o. e.
Die HTcnisehe chronik in diplomatischem abdruck nach der Stockholmer handschrift
nebst den Zeugnissen Vedels und Stephanius und den Hvenischen volksüberliefe-
rungen herausgegeben von Otto Lnitpolt Jireezek. (Sonderabdruck aus Acta
Germanica UI, 2.) Berlin, Mayer & Müller. 1892. XVH, 39 s. 1,80 m.
Kelle, Joh., Geschichte der deutschen litteratur von der ältesten zeit bis
zur mitte des elften Jahrhunderts. Berlin, W. Hertz. 1892. 435 s. 8 m.
Poesehel, Joh., Die sogenante Inversion nach und, Anregung zu einer sprach-
geschichtlichen Untersuchung. [Einladungsschrift der landesschule Grimma am
24. septbr. 1891.] Grimma, G. Gensei. 13 s. 4.- 0,75 m.
Von der gründlich angelegten und scharfsinnig unterscheidenden Unter-
suchung enthält dieses programm leider nui* den ersten abschnitt. Sobald die
volständige ausgäbe, welche der Verfasser vorbereitet, erschienen ist, soll sie in
dieser Zeitschrift ausführlich besprochen werden.
Reieke, Joh., Zu J. Chr. Gottscheds lehrjahren auf der Eönigsberger
Universität. I. Königsborger diss. 1892 [auch abgedruckt Altpreussische monats-
schrift XXIX, 1. 2; der 11. teil wird in derselben Zeitschrift erscheinen]. 34 s.
Wessely, B., Über den gebrauch der casus in Albrechts von Eyb deut-
schen Schriften unter vergieichung des mhd. und nhd. Sprachgebrauches. Ber-
lin, diss. 1892. 58 s.
Der Verfasser hat nicht nur fleissig gesammelt, sondern auch die verschie-
denen gebrauchsweisen der obliquen casus sorgfältig gesondert und nicht ohne
Scharfsinn übersichtlich dargestelt
NACHRICHTEN.
Der ao. professor dr. B. Seuffert in Graz wurde zum Ordinarius emant
Der privatdocent dr. Friedrich Kauffmann in Marburg ist als ao. professor
für germanische philologie an die Universität Halle berufen; dr. Ernst Elster in
Leipzig ist zum ao. professor für deutsche spräche und litteratur emant.
Herr dr. Albert Köster (zulezt in Hamburg) ist als ao. professor für neuere
deutsche spräche und litteratur an die Universität Marburg berufen; ebenso prof. dr.
Berthold Litzmann von Jena zum 1. Oktober an die Universität Bonn.
Halle a. S.f Bachdrackorei des 'Waisenhauses.
ÜBER GOETHES BEUCHSTÜCKE DES GEDICHTES
„DEE EWIGE JUDE".
Wie arg die Goetheforschung in die irre gerät, wenn sie ohne
Steuer und kompass sich dem meere der einfalle überlässt, zeigen neuer-
dings wider Paul Hoffmanns ,, Untersuchungen über Goethes ewigen Juden"
in Seufferts „Vierteljahrschrift " (IV, 116 — 152). Sie bedarf einer auf
alseitiger, durch Übung gereifter kentnis der mittel, welcher die Unter-
suchung zu erfolgreicher Wirksamkeit sich bedienen muss; einer mit
liebevoller Sorgfalt den spuren der dichtung folgenden, von inniger
Vertrautheit mit des dichters fühlen, denken, leben und streben getra-
genen anschauung; eines besonnenen, alle umstände erwägenden, durch
keinen augenblicklichen schein zu bestechenden urteils und voller
beherschung des weit verbreiteten gebietes, aus dem jederzeit das ent-
sprechende dem forscher zur Verfügung stehen muss. Ganz besonders
erweisen sich diese Vorbedingungen als nötig, wo es sich um ergüsse
von Goethes jugenddrang handelt, deren Verständnis dem alternden
dichter selbst längst verloren gegangen war, so dass seine eigenen
äusserungen aus den beiden lezten Jahrzehnten seines lebens nichts
weniger als den Stempel urkundlicher Wahrheit tragen. Hofl&nann fasst
die Untersuchung am unrechten ende an, häuft übereilte Schlüsse auf-
einander, sucht das zu entdecken, was klar ausgesprochen vorliegt,
und findet schliesslich das gerade gegenteil.
Gehen wir zunächst auf den hauptpunkt ein, in welchem HofBnann
von der bisherigen meinung abweichen zu müssen glaubt. Er sezt
die dichtung des bruchstückes in das frühjahr 1775 statt in den vor-
hergehenden sommer. Hierzu gelangt er auf eigentümlichem wege:
er sucht zunächst die Stimmung zu entdecken, aus welcher die bruch-
stücke geflossen seien, sucht sodann nachzuweisen, zu welcher zeit
diese Stimmung bei Goethe geherscht, und da er so glücklich ist, diese
auf eine kurze zeitstrecke zu beschränken, so hat er sein ziel erreicht.
Hoffmann findet in der dichtung „erbitterung und höhn" gegenüber
den Vertretern der kirche, und besonders der protestantischen geistlich-
keit; angriffe gegen den katholicismus fehlten, weil dieser Goethe frem-
der gewesen als das wirken der protestantischen lehre. Und doch wird
ZOTSOHRIFT P. DEUTSCHR PHILOLOGIE. BD. XXV. 19
290 DÜNTZER
der katholicismus gehörig gestreift in v. 201 fgg.; denn dort werden
die katholischen länder als diejenigen bezeichnet, „wo man so viele
kreuze hat, und man für lauter kreuz und Christ ihn eben und sein
kreuz vergisst". Manche protestantische und auch katholische geistliche
schäzte Goethe persönlich sehr hoch, sein unwille galt nur den hersch-
süchtigen, das Christentum zu ihren weltlichen zwecken ausbeutenden
herren der kirche. Gegen den protestantismus, wie er geworden,
wante er sich, weil dieser sich rühmte die kirche gereinigt zu haben;
wogegen er bedauern muste, dass auch die reformation nichts gebes-
sert, nur den pfaffen haus und hof genommen habe, um wider pfaffen
hineinzupflanzen, die freilich weniger grimassen machen, aber desto
mehr schwatzen (277 — 281). Die Protestanten, bei denen Christus nur
noch auf den kirchfahnen, den Windfahnen, vorkomme, hätten freilich
den Sauerteig ausgescheuert; aber auch von der religion des herzens
sei wenig übrig geblieben. Und so führt er uns diese bloss auf ein
möglichst angenehmes leben und eine neue hierarchie gerichtete geist-
lichkeit in den köstlichen bildem eines „geistlichen schafes" (213 — 226)
und eines im konvent herschenden „ oberpfarrers " (229 — 233. 286 —
293) leibhaft vor. Daneben hören wir, dass nirgendwo eine spur von
Christi lehren zu finden sei (235 — 240); und wie wenig man vom evan-
gelium wisse, wird mit recht ergötzlicher laime dadurch gezeigt, dass
bei der torwache, wo man die namen der ein- und ausgehenden auf-
schreibt, niemand des Heilands evangelische bezeichnung als „des
menschen söhn" versteht Das ist heiterster humor, nicht verbissene
Verhöhnung. Christus selbst staunt, dass die sitliche besserung, die er
mit seiner lehre bezweckt hat, nirgendwo erscheine, vielmehr alle bösen
leidenschaften in voller blute stehen, sein geist der liebe und des wol-
tuns verweht sei (173 — 200); was der dichter selbst vorher mit derbem
ausdrücken bezeichnet hat (165 — 172). Es war Goethes innerste Über-
zeugung, dass das Christentum die reine lehre seines gründers auf das
ärgste verunstaltet habe, keineswegs ein ausfluss der Verbitterung und
des hasses, wie uns Hoffmann gern einreden möchte. Das auffalligste
scheint HofEmann der „cynische ton", in welchem in unsem bruch-
stücken von der gottheit die rede sei, besonders im gespräche von
Gott vater mit seinem lieben söhne (97 — 112). Diesöö ist freilich in
sehr humoristischem tone gehalten, und die scharfe laune über das auf
die gottheit unwürdig angewante menschliche familienverhältnis lässt
sich nicht verkennen. Hoffmann selbst ist freilich weit entfernt, die
launige dichtung zu verstehen, nach welcher Gott vater darüber auf-
gebracht ist, dass sein die menschen heilender söhn, statt auf die erde
GOETHES EWIGER JUDE 291
seine äugen zu richten, nach einem weit entfernten sterne geeilt ist,
um einem weibe in seiner not beizustehen; er muss ihn rufen, weil
es auf der erde eben übel zugeht. Wenn Goethe sich auch die
vermenschlichung der gottheit sonst wol zurechtzulegen wüste (obgleich
ihm die freilich würdig gehaltene darstellung in Klopstocks „Messias"
nicht ganz behagte und die vergröberung derselben in der Vorstellung
mancher geistlichen und besonders des volks, bei der hohen geistigen Ver-
ehrung, mit der ihn selbst die gottheit erfülte, äusserst misfallen muste)
so erklärt es sich doch leicht, wie bei dem einmal angeschlagenen
launigen tone sein drastischer spott gerade dieses Verhältnis traf.
Übrigens gehören diese verse zu den spätem bruchstücken, die ihm
von zeit zu zeit einfielen; ursprünglich und kurz hintereinander gedich-
tet waren nur die drei stücke 1—72, 116 — 200 und 201 — 297. Wie
er beim „Faust" von dem gespräch mit Wagner gleich zur belehrung
des Studenten durch Mephisto und dann zu der geschichte mit Gret-
chen übersprang, so hier von der ersten einführung des ewigen Juden,
noch ehe er der beziehungen desselben zum heilande gedacht hatte,
zur widerkunft des herm nach dreitausend jähren, und dann mit vor-
läufiger übergehung der katholischen länder zum besuche der prote-
stantischen. Goethe war längst entschiedener freidenker; denn es ist
ein seltsamer irtum, wenn Hoffmann (s. 150), durch Goethes darstel-
lung im fünfzehnten buche von „Wahrheit und dichtung" verleitet,
sich denkt, erst im jähre 1774 habe er sich von der brüdergemeinde
getrent.
Aus diesem „cynischen tone", der hier eigentlich gar nicht herscht,
aber (bezeichnend für den Charakter der ganzen dichtung) schon in der
einleitung frisch und frei hervorbricht, macht Hof&nann einen schluss,
der ihn recht weit führt, aber dafür auch kein schluss, sondern ein
Sprung ist Dieser ton „habe offenbar seinen grund in einer Stim-
mung, in der Goethe an der Vorsehung wie an der menschheit und
sich selbst nicht verzweifelte, aber zweifelte". Fragen wir nach einem
diese behauptung nur irgend vertretenden gründe, so hören wir: „Dass
sich dazwischen wider stellen von wahrer Innigkeit, namentlich von
frommer Verehrung des heilandes finden, wie vor allem in der antwort
Christi: ,Du fühlst nicht' usw. (133 fgg.), beweist das schwankende
im empfinden und denken des dichters. Schroffer können sich gegen-
sätze nicht gegenüberstehen als die cynisch gehaltene rede Gott vaters
und diese antwort." Aber die verse 113 fgg. sind nichts weniger als
antwort auf die rede des vaters 108 — 112, worauf sie nicht passen;
beide stellen gehören zu verschiedenen bruchstücken, und die zweite
19*
292 DÜNTZER
sezt eine andere, nicht ausgeführte rede des vaters voraus, in der er
sich nicht über des sohnes teilnähme an bedrängten (d. i. leidenden,
wie das 105 fg. erwähnte weib), sondern über sein mitleid mit Sün-
dern, die ängstlich um rettung flehen, ausgesprochen haben muss.
Solcher wegen hatte der vater den söhn gerufen. Die betreffenden
verse dürften kaum ganz gleichzeitig mit 97 — 112, sondern erst
nach einiger zeit gedichtet sein, wofür auch das ganz abweichende
versmass zu zeugen scheint; denn nur hier haben wir sechsfüssige,
früher vier- oder fünffüssige, unter die sich durch blosses versehen
zweimal (76 und 77) in einem andern bruchstück ein sechsfüssiger
verirte, aber nicht unmittelbar hinter einander in einem reimpaar.
Doch hiervon abgesehen, wie könte es vom schwanken des empfindens
und denkens des dichters zeugen, wenn er zwei verschiedene per-
sonen auch in verschiedenem tone sprechen lässt? Und der ton des
vaters ist keineswegs „cynisch"; er ist nur „ganz aufgebracht", wie
der dichter ausdrücklich sagt, und er spricht in dem einem ernsten
vater einem jungen söhne gegenüber nicht zu verübelnden tone: „Das
hast du dumm gemacht" (das war ein dummer streich). Alles dies ist
freilich mit keckem, fast Lucianischem tone hingeworfen; selbst dass
der heiland auf einem weit entfernten steme einer gebärenden beisteht,
ist eine kecke, übermütige dichtung, die Goethe, hätte er das gedieht
wirklich ausgeführt, wol fallen gelassen haben würde, da 97 — 112, ja
auch 113 fgg. kaum zu der mit 116 beginnenden widerkunft stimmen
dürften , die ja eine andere veranlassung vorauszusetzen scheint. Jedes-
fals ist es der entschiedenste irtum, wenn Hof&nann aus diesen von
ihm nicht verstandenen versen, die nicht derselben zeit wie die drei
grossem stücke anzugehören scheinen, ein schwanken im empfinden
und denken findet und die schrofsten gegensätze in Goethes eignem
geiste daraus herleitet. Aber auch hiermit ist er noch nicht am ziele.
Ganz unvermittelt wagt er den lezten sprung: „Goethe muss zu jener
zeit innerlich aufs schwerste gelitten haben." Seite daraus, dass Goethe
den vater und den söhn in verschiedenem tone sprechen lässt, sich
ergeben, dass dieser innerlich aufe schwerste gelitten habe, wie unse-
lig müsten erst die dramatiker sein, welche die allerverschiedensten
Charaktere, ihr gefühl und ihr ganzes wesen lebendig, oft in höchster
aufregung, auszuprägen verpflichtet sind!
Trotz allem glaubt Hoffmann wirklich drei „merkmale" erwiesen
zu haben, aus denen sich Goethes Stimmung bei der dichtung der
bruchstücke ergebe. 1. „Hass gegen die geistlichkeit, so weit sie nicht
dem ideale des christlichen laien entspricht." (Vielmehr spottet er der
GOETHES EWIGER JUDE 293
geisüichkeit, deren leben ein höhn auf die gemütliche lehre des Stifters
des Christentums sei.) 2. „Zweifel an sich, der menschheit und, nach
dem cynischen tone zu schliessen, an Gott". (Jeder beweis dafür fehlt;
dass Goethe an den gott der christlichen Offenbarung nicht geglaubt, ist
gewiss, ergibt sich aber keineswegs aus dem spotte des dichters über
die durchaus verweltlichte Vorstellung von Gott vater.) 3. „Wechsel
von solchen bittem Stimmungen und inniger hingäbe, und zwar in
ein und demselben gedichte, ja im selben teile des gedichts". (Wie
seltsam es mit dieser behauptung stehe, haben wir gesehen.) Diese
wilkürlich erschlossene Stimmung, „die bitterkeit gegen die menschheit
und die gottheit selbst, die innere Zerrissenheit des dichters", wird nun
mit gewohnter raschheit zum beweise misbraucht, die einzige zeit, in
welcher die bruchstücke gedichtet sein könten, sei das frühjahr 1775.
Zu keiner zeit hat unsern dichter das vertrauen auf ein über ihm wal-
tendes Schicksal, eine weise, auf unergründlichen wegen ihn leitende
Vorsehung verlassen, wenn er auch über die art, wie die menschen
sich dieses unsichtbare und unfassbare wesen denken, wol scherzen
mochte: wie er sich zu diesem grossen unbekanten verhielt, hat er
in der zeit seines titanischen jugenddranges seinen Faust aussprechen las-
sen. Wenn Fritz Stolberg, was Hoflfmann nicht erwähnt, ihm einen
„titanenkampf gegen seinen gott" zuschrieb, ja berichtete, im november
oder december 1775 habe er ihm von riesengeistem gesprochen, die
sich auch den ewigen geoffenbarten Wahrheiten nicht beugten, so gehört
dies zu den leidenschaftlichen entstellungen des bildes seines Wolfgang,
womit er den treulosen abfall von diesem vor sich selbst zu bemänteln
sachte, da er sich den glauben an eine gottheit nicht vorstellen konte,
ohne die drei personen der christlichen Offenbarung; während es zur
zeit viele wahrhaft fromme freidenker gab, denen Lavaters „entweder
Christ oder atheist" ein greuel beschränktester Unduldsamkeit war.
Welche Widerwärtigkeiten ihm auch in seinem, dem naturdrange unab-
lässig folgenden', von mancherlei leidenschaften umgetriebenen leben
bereitet waren, er vertraute seinem Schicksale, dass es ihn recht führe,
und verehrte es gläubig, wie schwer es ihm auch zuweilen fiel. Was
Hoffmann zum beweise „einer religiösen Wandlung und bittersten Ver-
stimmung" in den ersten monaten des jahres 1775 aus seinen briefen
herausreisst, erscheint in ganz anderer beleuchtung, wenn man es im
zusammenhange und in Verbindung mit seinem damaligen leben betrach-
tet, dabei auch sein dichterisches schaffen nicht ausser acht lässt, das
mit einer Verzweiflung an sich, der menschheit und Gott ganz unverein-
bar ist Das ausbeben einzelner ausser ungen aus des dichters wunderbar
294 DÜNISUIR
wechselndem, von mancherlei tiefgreifenden Verhältnissen bewegtem, oft
wild stürmischem, dann wider sich beruhigendem und heiterm leben
ist eine leere Spiegelfechterei. Hätte Hof&nann auf der suche nach
äusserungen, die seinem verurteile günstig schienen, Goethes Seelen-
leben in den monaten märz und april, wie es trotz aller lückenhaftig-
keit im algemeinen klar vorliegt, reiflich ei^ogen, er würde gefunden
haben, dass dieser bei allen Verworrenheiten und aller ihn um treiben-
den Unruhe nie das vertrauen auf seine gute natur und ein ihm gewo-
genes Schicksal verloren hat. Man nehme nur die äusserung an die
gräfin Auguste Stolberg: „Mir ists wider eine zeit her für wol und
wehe, dass ich nicht weiss, ob ich auf der weit bin, und da ist mirs
doch, als war' ich im himmel." Wie könte ein an Gott und weit ver-
zweifelnder, ein in sich zerrissener sich so aussprechen? Doch wozu
einzelnes hervorheben, wo das hin- und herwogen der innigsten gefühle
von lust und leid so ergreifend vorliegt? Seltsam genug bringt HofF-
mann es nicht zu einer festen Zeitbestimmung von Goethes „höchstem
innem leiden"; freilich sezt er es s. 145 in den mai, aber sonst spricht
er vom „spätem frühjahr". Die merkwürdige Veränderung seiner Stim-
mung durch die im lezten drittel des april plötzlich erfolgte geheime
Verlobung erwähnt er mit keinem werte. Und doch ist es unzweifel-
haft, dass des dichters unruhe vor dieser am stärksten war, er darauf
das glück des bräutigams kurze zeit genoss, bis dieses durch die Stel-
lung, welche die familie der braut gegen ihn und seine eitern einnahm,
getrübt wurde, so dass er bald daran dachte, eine Verbindung, die das
gehofte familienglück nicht verspreche, ganz aufeugeben. Zunächst
fasste er den entschluss, seine Schwester in Emmendingen zu besuchen,
um sich zu vergewissem, ob er lili entbehren könne. In dieser zeit,
vor der ankunft der grafen Stolberg, wahrscheinlich am zweiten Bücke-
burger posttage des monats, am 6. mai (später war er von der anwe-
senheit der grafen zu sehr in anspruch genommen), scheint der brief
an Herder geschrieben, aus dem Hof&nann kapital schlagen möchte.
Er begint mit gefasster ruhe: „Mir gehts wie dir, lieber bruder. Mei-
nen ballen spiel' ich wider die wand [versuche, was ich vermag] und
federballen mit den weibern [unterhalte mich mit frauenzimmem].
Dem hafen häuslicher glückseligkeit und festem fuss in wahrem leid
und freud der erde [die ihm die ehe zu geben versprach] wähnt' ich vor
kurzem näher zu kommen, bin aber auf eine leidige weise wider hinaus
ins weite meer geworfen." Am Schlüsse heisst es: „Ich tanze auf dem
drahte, fatum congenitum [das mitgeborene Schicksal] genant, mein
leben so weg! Von meiner frescomalerei wirst ehstens sehen [„Erwin
GOETHES EWIGER JUDE 295
und Elmire"], wo du dich ärgern wirst, gut gefühlte natur neben
scheuslichem locus communis zu sehen. Fiat voluntas! [Ein
freundlicher wünsch, nicht im evangelischen sinne.]" Und doch ver-
wendet Hof&nann eben diesen brief als beweis, dass damals Goethes
inneres leiden den höchsten grad erreicht habe; denn er zeige hier
„Verachtung des menschen^ und der christlichen lehre, und zum min-
desten nichtachtung gegen die gottheit selbst". Von alle dem findet
sich nichts, nur entschiedener Unglaube an die christliche Offenbarung
und das gefühl menschlicher beschränktheit Herder hatte ihm seine
beiden neuesten christlichen Schriften „Erläuterungen zum neuen testa-
ment" und „Briefe zweener brüder Jesu" (Jacobus und Judas) gesant,
worin ihn dessen gefühlvolle behandlung fesselte. Die ganze lehre von
Christo schien ihm nur ein scheinding, das ihn als menschen, als ein-
geschränktes bedürftiges ding rasend mache; doch so behandelt, werde
ihm alles, auch gott oder teufel, lieb, da er darin einen ewig gleichen
bruder, den menschen erkenne, der freilich bald gott, bald wurm, bald
narr sei. Hof&nann scheint zu meinen, erst jezt sei Goethes Unglaube
an die christliche Offenbarung durchgebrochen, es sei bei ihm eine „alge-
meine innere Umwälzung" eingetreten, die Goethe in „das tiefste see-
lische leiden" gestürzt, dessen vornehmster grund wol „das schwankende
und unleidliche seines Verhältnisses zu Lili" gewesen. Kante er denn
nicht das berühmte bekentnis im briefe an Pfenninger vom 26. april
1774, das viel schärfer und bestimter als die äusserung an Herder
ist! Und selbst Jacobis gattin macht er aus seinem Unglauben kein
ffeheinmis: ob ihre buben an Christ oder an Götz oder an Hamlet
ffiaiibten, das sei alles eins, ruft er zwei monate früher aus; nur an
ötwas müsten sie glauben, da, wer an nichts glaube, an sich selber
ver-zweifle. Und an welches höhere wesen er glaubte, wüste er sehr
J^^stimt; an diesem, an sich selbst und den menschen verzweifelte er
nicht, am wenigsten damals, wie sehr er auch um Lili ütt. Yon jenem
völligen Unglauben an Gott, von innerer Zerrissenheit und menschen-
verachtung zeigt sich bei Goethe nie eine spur; und am wenigsten
^o.n man einen solchen verzweifelten zustand im frühjahr 1775 nach-
weisen, wenn er auch im april zunächst durch die ungewissheit seines
Verhältnisses zu Lili und manches andere, wie durch Wagners spot-
achrifl „Prometheus" und Jacobis misverständnis seiner „Stella", in
iiMruhe versezt wurde. In das ende des monats falt gar seine Verlobung,
die ihn nur sehr kurze zeit beglückte, da wol schon in den ersten
tagen des mai der widerstand von Lilis familie hervortrat In dieser
zeit, am 3. mai, schrieb er an Knebels Schwester, der er nicht ver-
296 DÜNTZER
raten durfte, was ihn quälte, er „lebe, wie immer, in strudelei und
unmässigkeit des Vergnügens und schmerzens". Ist es schon auffallend,
dass Hoffmann keinen bestirnten Zeitpunkt für das bruchstück festzu-
setzen vermag, um so erstaunlicher scheint es, wenn er kurzweg, indem
er zwischen dem plan und dem beginn der ausführung eine längere zeit
vergehen lässt, s. 150 erklärt: „Der plan selbst fält in die zeit der tren-
nung von der brüdergemeinde, also ins jähr 1774, das fragment aber
in der hauptsache in den spätfrühling 1775. Beide fliessen aus einer
quelle, dem deutschen Volksbuch. Aber während der entwurf aus reli-
giösen zweifeln hervorgieng [an diesen litt Goethe damals nicht, er
war längst fest entschieden, wie wir gezeigt haben] und eine ernste
dichtung beabsichtigte, wich das fragment infolge eines Umschwunges
der Stimmung von dem plane ab in der behandlung des Stoffes und
in seinem ganzen ton." Da haben wir ja ganz neue aufstellungen, die
zu beweisen nicht die geringste anstalt gemacht wird. Dass die tren-
nung von der brüdergemeinde in das jähr 1774 versezt wird, wider-
spricht allem, was wir sonst wissen. Erinnerte sich denn Hoffmann
nicht einer der bekantesten tatsachen, dass Kestner schon im november
1772 schrieb, Goethe gehe nicht in die kirche, auch nicht zum abend-
mahle, bete selten, weil er dazu nicht lügner genug zu sein behaupte,
habe aber vor der christlichen religion alle hochachtung, nur nicht in
der gestalt, wie sie unsere theologen vorstelten! Und doch behauptet
Hoflftnann, der dichter habe sich erst 1774 von der brüdergemeinde
getrent, ja sein „Ewiger Jude" sei der geheime absagebrief von dieser.
Wer den anfang des gedichts mit Verständnis liest, der muss sich sagen,
dass hier kein länger gehegter und gepflegter entwurf zu gründe Hege,
noch weniger ein früherer ganz umgeworfen worden, sondern dass die
dichtung mit reissender gewalt aus der seele fliesse. Und schon der
dritte vers bohrt alle aufstellungen Hoffmanns in den grund; denn ein
zerrissener, an nichts glaubender, Gott, weit und sich verachtender
mensch ist das gerade gegen teil von dem, was Goethe hier von sich
sagt: „Nie war mein busen seelenvoller."
Auch der wideraufhahme des planes der dichtung auf der fahrt
über die Apenninen im Oktober 1786 gedenkt Hoffnaann, wobei er mit
recht von dem tagebuchbericht an frau von Stein ausgeht: „Heute [am
22. Oktober] früh sass ich ganz still im wagen [mit einem päpstlichen
ofRcier, dessen geselschaft ihm „von vielem nutzen war"] und habe
den plan zu dem grossen gedieht der ankunft des herm oder dem
ewigen Juden recht ausgedacht." Er bemerkt aber nicht, dass sich
aus der art der einführung ergibt, frau von Stein müsse von diesem
60EIHSS EWIGBB JUDE 297
plane gewusst haben. Und eine veranlassung, gegen die freundin des-
selben zu gedenken, ergibt sich leicht, wenn es auch jedesfals zwei-
felhaft bleibt, ob in die abschrift seiner ungedruckten werke, die er
dieser im jähre 1781 verehrte, auch die bruchstücke des gedichtes auf-
genommen waren. Das grosse mystische gedieht „Die geheimnisse",
von dem Goethe in den jähren 1784 und 85 imter ihrer wärmsten, ihn
drängenden teilnähme eine bedeutende anzahl stanzen schuf, muste, da
es auf die Verschiedenheit der religionen sich bezog, auch die rede auf
seine Jugenddichtung bringen, in der er die arge entartung des gemüt-
lichen Urchristentums mit scharfer laune getroffen hatte. Schon damals
dürfte er auch die Schlussentwicklung des Zusammentreffens des zur
erde zurückgekehrten heilands mit dem ewigen Juden näher bedacht
haben, mochte er auch noch nicht zum entschlusse gekommen sein,
wo diese statfinden solle. So wäre es leicht zu begreifen, wie er auf
dem w^ege nach Rom gegen frau von Stein dieses plans unter der
bezeichnung der „ankunft des herm oder des ewigen Juden" als eines
bekanten gedenken konte. Die ausführung, welche Goethe im jähre
1814 in der „Italienischen reise" der kurzen stelle des tagebuchs gab,
darf eben so wenig auf Zuverlässigkeit anspruch machen als die dort
frei ausgeführten plane der „Iphigenie in Delphi" und der „Nausikaa" ;
es fehlten Goethe ältere aufzeichnimgen, so dass er die lücken seines
gedächtnisses jfrei ergänzen muste. Im vorigen jähre hatte er im fünf-
zehnten buche von „Wahrheit und dichtung" eine gleichfals durchaus
freie darstellung des anfangs des gedichtes bis zu dem augenblick ent-
worfen, wo der Jude, betroffen vom fluche des heilandes, von „unruhe
und Sehnsucht" zu seiner Wanderung sich getrieben fühlt „Von die-
ser", schloss er „und von dem ereignis, wodurch das gedieht zwar
geendigt, aber nicht abgeschlossen wird, vielleicht ein andermal." Man
darf zweifeln, dass ihm damals vorgeschwebt habe, was er 1814 in
der „Italienischen reise" mit einer deutlich vorliegenden zeitverschie-
bung über die katastrophe des gedichtes frei ergänzte. Das tagebuch
hatte des planes am 22. Oktober gedacht, dann am 27. eines priesters,
der seit der entfernung des päpstlichen officiers in seinem wagen platz
genommen. Dies veranlasste ihn mit der freiheit, welche die bearbei-
tung der „Italienischen reise" auch sonst zeigt, das brüten über den
plan des gedichtes um fünf tage zu verschieben und es mit der anwe-
senheit des priesters und der nähe Roms in Verbindung zu bringen.
So heisst es denn jezt: „Dem mittelpunkte des katholicismus sich
nähernd, von katholiken umgeben, mit einem priester in eine sedie ein-
gespart", habe er lebhaft empfunden, welch ein barockes heidentum
298 OÜNTZEB
heute auf den gemütlichen anfangen des Christentums laste. Da sei
ihm denn der ewige Jude wider eingefallen, der einen so wunderlichen
zustand erlebte, dass Christus selbst, als er zurückkomme, in gefahr
gerate, zum zweiten mal gekreuzigt zu werden. „Jene legende: Venio
iterum crucifigi, solte mir bei dieser katastrophe zum stoff dienen",
schliesst er etwas seltsam. Nur in sehr entfernter weise hätte dieses
wort des heilandes an Petrus, der durch die flucht sich der Verfolgung
wegen seiner lehre entziehen wolte, hier anwendung finden können,
wie ich dies schon früher bemerkt habe. Auch HofBnann erkent das;
aber er hilft sich mit der leeren Vermutung, Goethe habe von der
legende nur jene werte gekaut, „in der bedeutung, wie er sie selbst
verwenden wilP. Aber nicht von jenen werten ist die rede, sondern
von der legende, die durch das Stichwort kurz bezeichnet wird. Noch
schlimmer als diese misdeutung ist es, wenn HofEmann nicht weiss,
dass Goethe sich auch noch in Rom mit der sage beschäftigte, ^hmidt
hat (Schriften der Goethegeselschaft 11, 396) aus einem römischen
notizhefte die werte mitgeteilt: „Ewger J(ude). P(ius) VI. Schönster
der menschenkinder [als solcher erscheint Christus immer]. Neid. Will
ihn einsperren, ihn nicht weglassen, wie ihn [den papst] der kaiser [wäh-
rend der anwesenheit de spapstes in Wien, wie die sage gieng]. | Staats-
gef(angen) im Vatikan behalten. | al Gesu [kloster in Rom]. Jesuitentross.
Lob des ungerechten haushalters." Das dürfte denn doch Hoflmanns an-
sieht zuwiderlaufen, in Italien habe Goethe „ein strenges und keusches
kunstwerk" in seinem „Ewigen Juden" beabsichtigt Auch Schmidt
denkt, „ein neues stilvolleres gedieht" habe die bruchstücke in knittel-
telversen verdrängen sollen. Goethe bedachte damals wol nur den
abschluss der Wanderung durch das erscheinen des heilands, ohne ernst-
liche absieht, das gedieht neu auszuführen. HofEmann bezieht sich
auch auf das nach Riemer im jähre 1808 von Goethe beabsichtigte
gedieht „Maran Atha oder der herr komt". Ganz unbekant scheint es
ihm dabei geblieben zu sein, dass eine schrift Herders von 1779, wel-
che dieser selbst für sein meisterstück erklärte, den titel „Maran Atha.
Das buch von der Zukunft des herm" führte. In dieser neuen bear-
beitung der „Offenbarung", die Goethe mit anteil las, behauptete Her-
der, die „Offenbarung", an deren abfassung durch Johannes er festhielt,
enthalte das wesen des Christentums und der Weltgeschichte und beruhe
auf dem gedanken, nur auf den trümmem eines so verfallenen reiches
könne das wahre reich gottes erscheinen. Goethe scheint eine dich-
terische darstellung dieser widerkunft des herm augenblicklich im sinne
gehabt zu haben, wobei wol an sein zusammentreffen mit dem ewigen
60BTHSS EWie£B JUDE 299
Juden, das nicht notwendig zu dieser gehört, kaum gedacht war.
Vielleicht war er dazu gekommen durch von Sonnenbergs Überspantes
gedieht „Donatoa oder das weitende", das nach dessen tode von Gru-
ber herausgegeben worden war. Goethe schenkte dasselbe weümachten
1806 der frau von Stein.
Ganz unbegreiflich ist es, wie Hoflfmann aus einem gedichte, das,
wie der anfang auf das unzweideutigste dartut, der ausfluss übermütig-
ster laune und überschäumender schaffiingskraft ist, die bitterste Ver-
zweiflung an Gott und weit und die furchtbarste Zerrissenheit heraus-
lesen konte. In kräftigstem tone hören wir den launigen sänger ver-
künden, sein dichterischer drang lasse ihn nicht ruhen, es treibe ihn
nachts aus dem bette, um einen reisenden mann zu singen, der unzäh-
lige wunder gesehen, die noch immer „in unserm unbegrifFenen gotte
in einem punkte (augenblicklich) geschehen", während man die zeit
der sogenanten eigentlichen wunder gewöhnlich für längst abgeschlos-
sen erklärte, was er als kindische gotteslästerung abweist („trutz der
lästrer kinderspotte "). Kann er auch nur in kunstlosen knittelversen
sich aussprechen, so fühlt er sich doch dazu gedrungen, er erkent es
als seine pflicht; und die lieben leser, fügt er launig hinzu, lassen sich
so viel gefallen, dass sie auch das, was der geist ihm eingibt, in sei-
nem kauderwelsch freundlich aufnehmen werden. Und mit welcher
lachenden laune beschreibt er, wie er zum ersten besten kiel greift,
um seine gedanken aufs papier zu bringen, wobei der lustige vergleich
mit den auf einem besenstiele reitenden hexen leise angedeutet ist!
Bei dem dränge, das innerlich geschaute niederzuschreiben, erinnert
man sich der ausgeführten Schilderung am anfange des sechzehnten
buches von „Wahrheit und dichtung", wo er bemerkt, er habe oft lust
gehabt, wie Petrarca, sich ein lederwams machen zu lassen, und sich
zu gewöhnen, darauf auch bei finsterer nacht zu schreiben. Schon im
fünfzehnten buche, und zwar gleich nach den andeutungen über den
„Ewigen Juden", hatte er seines produktiven talents gedacht, das ihn
seit einigen jähren keinen augenblick verlassen habe; ja er bringt dort
die betrachtung desselben mit seinem „Prometheus" in Verbindung.
Dieselbe heiter alles beleuchtende übermütige laune, wie im eingange,
herscht in der Schilderung des schusters im heiligen lande Judäa, wo-
hin er das separatistengetriebe seiner lieben, konventikelreichen Vater-
stadt Prankfurt verlegt; und schon hier bricht seine leidige Überzeugung
durch, dass das Christentum durch die priester greulich verunstaltet,
die geistliche leitung zu einem seinen mann nährenden handwerk
erniedrigt worden sei; der lieben eitelkeit der Separatisten wird ein
300 DÜNTZXB
guter teil ihres frommen treibens zugewiesen. Wenn irgendwo guter
humor die leicht fliessende darstellung belebt, so in diesen 72 versen
der einleitung, dieses neckischen epischen proömiums. Aber von hier
macht der dichter, wie schon früher bemerkt, einen gewaltigen sprung
über dreitausend jähre. Die zwischenliegenden bruchstücke hat HofF-
mann mit grosser kühnheit auf bestimte zeiten der kirchengeschichte
bezogen, wobei er von der Voraussetzung ausgeht, sie stünden in der
handschrift in derselben folge, in welcher sie Riemer hat drucken lassen.
Da die Weimarer ausgäbe den „Ewigen Juden" noch nicht gebracht, wis-
sen wir dies ebenso wenig, wie ob noch andere bruchstücke vorhanden.
Höchst wahrscheinlich finden sich die bruchstücke in dieser folge nicht
in der handschrift, sondern die Ordnung ward von Riemer nach dem
inhalt bestimt; so bruchstück 7 und 8 unmittelbar vor die widerkunft
des herrn (9 und 10) gesezt, weil sie diesen vorhergehend gedacht
werden müssen. Ich gehe hier auf die deutungen von Hoffmann
nicht näher ein. Am wunderlichsten ist die beziehung der verse: „Es
waren, die den vater auch gekant. Wo sind sie denn? Eh, man
hat sie verbrant" auf den späten antitrinitarier Servet, während der
köstliche spott nur darauf geht, dass man sich der gegner der drei-
einigkeitslehre durch hinrichtung entledigt habe; wobei Goethe wahr-
scheinlich noch gar nicht an die stelle dachte, wo er dies bon mot
anbringen wolte. Kühne, aber unglückliche griffe sind die deutung
von 2 und 6 auf Nero und Jung Stilling. Was Goethe sehr spät von
einem besuche des ewigen Juden bei Spinoza" im anfange des sechzehn-
ten buches von „Wahrheit und dichtung" sagt, bezieht Hofi&nann auf
die älteste zeit; es sei mit den übrigen bruchstücken wenigstens im
geist schon erschaffen worden. Diese stelle war frühestens im frühjahr
1813 geschrieben, wahrscheinlich aber ist sie ein späterer zusatz. Wenig-
stens wird der Zusammenhang eher gefördert als gestört, wenn man
sich dort die werte „Was ich mir aber aus ihm zugeeignet" bis „aus
dem sinne schlug" sich wegdenkt
Wie sich der „Ewige Jude" zeitlich zu den übrigen bedeutenden
Schöpfungen Goethes in den drei jähren seines titanismus verhalte,
daran hat Hoffmann nicht gedacht. Besonders in betracht kommen die
dichtungen, in welchen, wie im „Ewigen Juden", eine altüberlieferte ^
sage frei, ja dem ursprünglichen sinne zuwiderlaufend umgestaltet wurde,
sein „Prometheus" und „Faust". Von dem ersten wissen wir jöst,
dass er dem jähre 1774 angehört, wie auch „Satiros"; der andere wurde
im September 1774 begonnen und wol bis zum december fortgesezt; in
die ersten monate von 1775 fallen die Singspiele und „Stella". Nun
601THBS BWIQER JUDE 301
fragt sich: sollen wir den „Ewigen Juden" vor oder nach dem „Faust*'
setzen? Da wir Hofifmanns Verzweiflungsstimmung abgetan haben, kön-
ten wir firagen: wann dürfen wir eine solche übermütige laune und
solchen glühenden Schaffensdrang bei Goethe annehmen, wie ihn die
bruchstücke zeigen, vor „Faust" oder in den unruhig bewegten ersten
monaten von 1775? Gerade nach der bekantschaft mit Lavater, Jacobi
und Basedow, als er und Jacobi sich gegenseitig zu lebendigem schaf-
fen aufmunterten, noch ehe die sorge über die aufnähme seines „Wer-
ther" von Seiten Lettens und Kestners ihn beunruhigte, beglückte ihn
eine solche Stimmung, wie die briefe an Jacobi zeigen. Schon an sich
möchte es wahrscheinlicher sein, dass Goethe vom „Ewigen Juden" zu
dem ihm tiefer am herzen liegenden „Faust" übersprang, als dass er den
umgekehrten weg gegangen sein solte. Doch weiss ich wol, dass
dies noch immer nichts beweist.
Zulezt gedenken wir Goethes eigener äusserungen über unser
gedieht in seiner späten lebensbeschreibung. Es hat sich immer mehr
herausgestelt, dass Goethe über die entstehungszeit seiner ältesten dich-
tungen nichts bestimtes wüste, auch in spätem jähren sich nicht mehr
völlig in den geist zu versetzen wüste, der ihm diese eingegeben hatte.
Ebenso klar liegt vor, dass die stellen, wo er in „Wahrheit und dich-
tung" seiner einzelnen werke gedenkt, meist durch die bequemlichkeit
bestimt wurden, sie mit der darstell ung seines lebens in Verbindung
zu bringen. „Götz" und „Faust" werden mehrfach erwähnt, wo von
seinen ältesten arbeiten die rede ist; aber zur zeit, wo sie wirklich
begonnen wurden, geschieht ihrer keine er wähnung. Wenn es im
firühjahr 1771, zur zeit seiner ersten bekantschaft mit Merck, heisst,
„Faust" sei schon fortgerückt gewesen, „Götz" habe sich in seinem
geiste ausgebaut, so ist beides unwahr: „Götz" war im ersten entwurf
vollendet, „Faust" noch nicht begonnen. Die dichtung von „Wer-
thers leiden" wird unmittelbar nach Jerusalems tod gesezt, mehr als
ein jähr zu früh, weil es sich so am leichtesten machte. So geschah
es denn auch mit dem „Ewigen Juden", dessen Goethe auf veranlassung
seines Verhältnisses zur brüdergemeinde gedenkt, auf das ihn der tod
der frommen Klettenberg führte. Er erzählt, wie er plötzlich gefun-
den, welche kluft seine ansieht von der der brüder scheide, wie er in
folge seiner trennung von ihnen sich ein eigenes Christentum gebildet,
es auch durch sein frommes vertiefen in die kirchengeschichte zu
begründen gesucht Da habe er denn, weil alles, was er mit liebe in
sich aufgenommen, „sich sogleich zu einer dichterischen form angelegt",
den wunderlichen einfall ergriffen, am leitfaden der sage vom ewigen
302 DÜNTZEB
Juden ^die hervorstehenden punkte der religions- und kirchengeschichte
nach befinden darzustellen". Zeitlich schwebt hier die trennung von
der brüdergemeinde nebst der dichtung des ^Ewigen Juden" ganz in
der luft; aber Hoffmann versezt jene trennung in das jähr 1774, was
nicht allein unserer jetzigen keiitnis, sondern auch der von Goethe
angegebenen Ursache widerspricht, welche die Vollendung des gedieh ts
gehindert habe. Dieses, hören wir, sei desto eher liegen geblieben, als
sich eine epoche entwickelte, die schon, als er den „Werther" schrieb,
und nachher dessen Wirkung sah, notwendig anspinnen muste. Unmit-
telbar darauf gedenkt er seines „Prometheus", der bekantlich 1773
gedichtet wurde; dass Goethe „Werther" irrig ins jähr 1772 verlegte,
ward schon erwähnt. Nach dieser darstellung würden also der „Ewige
Jude" und die trennung von der brüdergemeinde spätestens 1772 fal-
len; aber eine feste Zeitbestimmung wolte und konte Goethe gar nicht
geben. Ihm war es nur um eine einleitung zu seiner mitteilung über
die entstehung des „Ewigen Juden" zu tun, die er an den tod der
Klettenberg anknüpfen wolte. Was er hier vom Studium der kirchen-
geschichte sagt, gehört mehrere jähre früher; schon ehe er nach Strass-
burg gieng, hatte er sich in Arnolds „Kirchen- und ketzergeschichte"
versenkt, wie das achte buch von „Wahrheit und dichtung" ausführ-
lich berichtet. Das, was er im fünfzehnten buche vom plane seiner
dichtung erzählt, beruht ganz auf der Vorstellung, die er sich im jähre
1813 davon bildete, ist eine so freie ausführung, wie die der „italieni-
schen reise" eingefügten plane der „Iphigenie in Delphi" und der
„Nausikaa", was sich daraus ergibt, dass die hier gegebene schüderung
des „Ewigen Juden" durchaus abweicht von der im ersten bruchstücke,
wie Hoffmann selbst bemerkt hat. Das, was er von Simon von Kyrene,
dem tuche der Veronika und dem fluche des heilands erwähnt, nahm
er aus erneuter lesung des Volksbuches. Hoffmann war nicht berech-
tigt, diese im gedieht nicht hervortretende kentnis schon der zeit der
dichtung selbst zuzuschieben und daraus Schlüsse zu ziehen. Kann
somit das fünfzehnte buch von „Wahrheit und dichtung" nicht als zu-
verlässiger zeuge gelten, so bedeutet noch viel weniger der summa-
rische überblick seiner „in die tiefere menschheit greifenden" dichtung
der jähre 1769 bis 1775 in den viel spätem „Tag- und Jahresheften".
Euer lesen wir: „Es entsteht ein leidenschaftlicher Widerwille gegen mis-
leitende, beschränkte theorien; man widersezt sich dem anpreisen fal-
scher muster. Alles dieses und was daraus folgt, war tief und wahr
empfunden, oft aber einseitig und ungerecht ausgesprochen". In die-
^m sinne seien „Faust", die „Puppenspiele" und der „Prolog zu
\
OOETHES BWIQEK JUDE 303
Bahrdt" zu beurteilen. Die bruchstücke des „Ewigen Juden" und von
„Hanswursts hochzeit" habe er in der ausgäbe lezter band nicht mit-
teilen dürfen; mehreres dieser frechen art sei verloren gegangen, nur
die ferce auf Wieland erhalten. Dass er unter „frech" nur die über-
mütige laune versteht, bedürfte keiner bemerkung, hätte nicht Hofif-
mann aus dieser stelle, die der bruchstücke des „Ewigen Juden" nur als
in diese freiere richtung schlagend gedenkt, das ergebnis gezogen, es werde
deren innerer anlass als „leidenschaftlicher Widerwille", die haltung
des ganzen als „frei" bezeichnet Aber keiner dieser ausdrücke bezieht
sich insbesondere auf die bruchstücke, die Goethe damals noch weni-
ger näher angesehen haben wird als im jähre 1813; denn gerade die
ersten abschnitte der „Tag- und jahreshefte" sind am allerspätesten
rasch entworfen, als die ausführlichen berichte seit der mitte der neun-
ziger jähre längst vollendet waren. Uns liegen jezt die bruchstücke
der dichtung vor; an sie müssen wir uns halten. Aus ihnen ergibt
sich ein viel anderes, wenn auch dem umfange nach beschränkteres
bild als Hoffmanns völlig verzertes, zu dessen aufstellung „ein grosser
aufwand schmählich ist vertan." Wir durften nicht gestatten, dass ein
solches wind ei, wie es wol geschieht, als eine leistung verehrt werde,
sondern musten warnend zeigen, wie es damit steht.
KÖLN. H. DÜNTZER.
DAS NEUHOCHDEUTSCHE PEONOMEN.
EIN BEITRAG ZUR DEUTSCHEN GRAMMATIK.
In den lezten fünfzehn jähren ist für erforschung der gesetze, die
in dem werdeprozess der neuhochdeutschen spräche walten , anerkennens-
wertes und gehaltvolles geleistet worden. Ebenso hat das Studium der
lebenden mundarten an umfang und tiefe gewonnen; es ist ferner die
monographische behandlung des Sprachgebrauchs einzelner schriftsteiler,
wie Luthers, mehr und mehr zu ihrem rechte gekommen. Dagegen
hat die darstellung des stufenweise fortschreitenden ganges der neuhoch-
deutschen Schriftsprache in der historisch - objectiven weise Jacob
Grimms verhältnismässig geringere beachtung gefunden. Wol sind
auf dem gebiete der lautlehre und syntax zwei bedeutende werke
erwachsen: „Grundlagen des neuhochdeutschen lautsystems" von Karl
von Bah der und Oskar Erdmanns alle Zeitabschnitte der hoch-
deutschen spräche, mithin auch den neuhochdeutschen, umfassende
304 JEITTELSS
„Grundzüge der deutschen syntax", teil I. Allein die neuhochdeutsche
formenlebre ist seit K. A. Hahns „Neuhochdeutscher grammatik/
Abt. I. (Frankf. a/M. 1849) und Jos. Kehreins Grammatik der deut-
schen spräche des fünfzehnten bis siebenzehnten Jahrhunderts*' (Leip-
zig 1854 — 56. 3 teile) nach der angedeuteten richtung kaum um einen
schritt weiter geführt worden. Das buch von Hahn, das sich selber
nur einen „versuch" nent (vorrede s. X), kann, so verdienstlich es für
seine zeit war, schon darum nicht genügen, weil es nur auf einem
sehr bescheidenen, gröstenteils aus W. Wackemagels Deutschem lese-
buch entnommenen apparate von belegen beruhte. Was aber das werk
von Kehrein anlangt, so ist es, abgesehen von seiner beschränkung
auf das 15. — 17. Jahrhundert, wenigstens in dem teile, der die formen-
lebre enthält, nicht viel mehr als eine zwar reichhaltige, jedoch kei-
neswegs lichtvolle, den verrat des sprachlichen materiales möglichst
erschöpfende beispielsamlung und lässt die wissenschaftliche Verarbei-
tung des aufgehäuften stofies nur zu sehr vermissen. Eine neue
behandlung der formenlebre in dem ausgesprochenen sinne erscheint
daher nichts weniger als überflüssig.
Die nachfolgenden blätter setzen sich nun die aufgäbe, die ent-
wicklung des deutschen pronomens seit der zweiten hälfte des 15. Jahr-
hunderts auf grund von reichlichen quellenbelegen aus dem bezüglichen
litteraturschatze in übersichtlichem zusammenhange darzulegen.
Als quellenwerke habe ich benüzt*: die Schriften von Seb. Brant, Thom. Mur-
ner, G. Rollenhagen, Burkh. AValdis, Fischart, Luther (Dichtungen = Luther
D.), Opitz, Fleming, P. Gerhardt, Sim.Dach, Spee, J.Rist, Andr.Gryphius,
Logau, Grimmeishausen (SimpL), G. R. Weckherlin, Günther nach den
unter dem titel „Deutsche dichter des sechzehnten Jahrhunderts* (Lpz. 1867 — 83.
18 bde.) und „Deutsche dichter des siebzehnten Jahrhunderts*' (Lpz. 1869 — 83.
15 bde.) von Karl Goedeke und Jul. Tittmann besorgten ausgaben; "Wickrams
Rollwagenbüchlein, Fischarts dichtungen (Fisch. Kurz) nach der „Deutschen
bibliothek", herausgegeben von H. Kurz; "Witten weilers Ring, Niclas
V. Wyles Translationen, Paulis Schimpf und ernst, Steinhöwels Aesop nach den
ausgaben in der „Bibliothek des litterar. Vereins in Stuttgart (bd. 23. 57. 85.
117); Murners Schelmenzunft (Murn. Schelm.), Fischarts Geschichtklitterung
(Fisch. Garg.), Krügers Hans Ciawerts historien, Sandrubs Delitiae, Schupps
Fi-eund in der not, Chr. Weises Erznarren, Reuters Schelmufifeky (1. fassung)
nach den „Neudrucken deutscher litteraturwerke des XVL und XVIL
Jahrhunderts« (Halle 1878 fgg. nr.9— 14. 33. 59. 65 — 71. 85). — Ferner: Eyb,
Albrecht von, Ob einem manne sey zunemen ein eelich weyb oder nit (In: Schrif-
ten zur german. philologie. Herausgegeben von Max Roediger. Heft IT. BerL 1890). —
Eyb, A. V., dasselbe, nach der Nürnberger ausgäbe von Fritz Creußner 1472 (Eyb,
1) Die von mir gebrauchten abkünnngen füge ich dort, wo sie nicht ohnehin leicht eAeab&x
sind , in klammem hinzu.
NHD. PEONOMKN 305
(Creußner).— Geiler von Keisorsberg, J., Predigten. Augsburg 1508. 4. (Keis.) —
Geiler von Keisorsberg, J., Schilf der penitontz. Augsb. 1514. 4. Keis. Pen.)
— Geiler von Keisorsberg, J., Die ältesten Schriften. Herausg. von L. Dacheux.
Freiburg 1882. (Keis. D.) — Luther, Martin., Von den guotten wercken. s. 1.
1521. U. 4. (Luth. GW.) — Luther, M., Vom abendmal Christi. Wittemberg
1528. kl. 4. (Luth. Abendm.) — Luther, M., Wider den falsch genanten
stand des ßapsts vnd der BischÖffen. s. 1. & a. kl. 4. (Luth. Bapst.) — Franck
von Word, Sebastian, Spi-üchworter gemeiner Tütscher nation. Zürich, Froschauer
(1.545). kl. 8. (Franck Spr.) — Franck v. W., Seb., Paradoxa ducenta octo-
ginta ... 8. 1. 1542. kl. 4. (Franck Par.) — Franck v. W., Seb., Von dem
grewlichen laster der trunckonheit. s. 1. 1533. kl. 4. (Franck Trunk.) — Agri-
cola, Johann, Drey hundert Gemeyner Sprichwörttor. s. 1. 1529. 2tle. 8. (Agric.) —
Zinkgref, J. W., Der Teutschen scharpfsinnigo kluge Spruch. Straßb. 1G26 — 31.
2 tle. 8. (Zinkgr.) — Bodmer, J. J., Vier kritische gedichte in: „Deutsche
litteraturwerko des 18. Jahrhunderts. ITgg. von B. Seuffert". Nr. 12. Stuttg.
1883. — Hallo r, Albrecht v., Vei*such schweizerischer gedichte. 10. aufl. Göttin-
gen 17G8. — Klopstock, F. G., Oden. Hamburg 1771. — Lossing, G. E., Sämt-
liche Schriften. Hgg. von K. Lachmann. 3. aufl. besorgt von Fmnz Muncker. Leip-
zig 1886 fgg. — Bürger, G. A., Godichte. Göttingen 1778. — Liscov, Ch. L., lx)b
der schlechten Schriftsteller. Hannover 1794. — Goethe, J. W., Sämtliche werke.
Mit einleitungen von Kaii Goedeko. Stuttg. 1874. 15 bde. (G.) — Schiller, Friedrich
Sämtliche werke. Mit einleitungen von Karl Goedeke. Stuttg. 1871. 4 bde. (Seh.) —
Briefwechsel des grossherzogs Karl August von Sachsen -Weimar -Eisenach mit
Goethe in den jähren 1775 bis 1828. Weimar 1863. 2 bde. (Brief w. G.KAug.) —
Platen, Aug. v.. Gesammelte werke. Stuttg. 1853. 5 bde. — Alle andern von mir
beuüzten werke und ausgaben, werden an der betreffenden belegstelle selbst ersicht-
lich gemacht. — [Vgl. auch Gortzitza, gymn.-progr. Lyck 1877. 0. E.]
1. PcrsSnlichcs nngcschlechtiges pronomcn.
Die kürzeren formen des gen. sg. meiuy dein, sein, aus denen
die heute gebräuchlichen meiner, deiner, seiner hervorgiengen , sind
nunmehr vorzugsweise auf die gebundene rede und dichterische prosa
eingeschränkt. Gottsched hat in seiner „Deutschen sprachkunst" (5. aufl.
1762) schon das heutige paradigma der längeren formen; auch Schot-
tel, „Ausführl. arbeit von der teutschen haubtsprache" (1663) stelt
bereits diese den einfachen formen voran.
Beispiele für den gebrauch der ursprünglichen formen: 0, scho-
net mein Seh. (M. Stuart) 2, 221. Denkt er 7ioch mein? ebd. Ich
denke dein G. 1, 33. als Juitt* ich sein mich überhoben G. (Tasso) 5,
397. Sie erivehrte sich sein G. (Wortli.) 7, 59. 0 Selige, die sein
geniest Bürger 301. er muss sich mei?i erwehren Grillparzer, Werke
(Ott.) 4, 170. Do7't begcfpiete der Haler zuerst LaureUa, die ..., ohne
sein XU achten, vorüberschritt Heyse, Novellen (1. samlg. 5. aufl.) 111.
In quellen des 15. Jahrhunderts war dieser gebrauch noch allein- lier-
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOOIK. BD. XXV. 20
306 JEITTBLBS
sehend, obgleich schon bei Suchenwirt, mithin ein Jahrhundert vor-
her, spuren des späteren gebrauchs zu finden sind; s. Koberstein, über
die spräche des österr. dichters P. Suchen wirt (Naumbg. 1828 — 42) IT, 63.
Auch im 16. Jahrhundert tauchen die neueren formen vorerst mehr
vereinzelt auf und fehlen in manchen schritten noch gänzlich. Dage-
gen sind sie im 17. Jahrhundert schon stark in Verwendung.
Beispiele: ich laß mich beduncken, da^ dein gemtäe V7id begire
hie gegeimmriig sein vnd sein noch mit meiyier lieb vmbgebe7iy tvarten
mein V7id ivollen nit an mich abscheiden Eyb 58. du . . , , wollest
7iit vey^gcsseyi mein ebd. 92. wann ob er gleych vil mü vnd arbeit
daraiiff legt, so spotte?i sy seiri villeicht nur darxu Keis. 44'. war-
lieh 7na7i wirt dei7i nit tvayien Keis. Pen. 104'. es lacht alle weit
vnd sjyottet sein Pauli 39. Der sprach gern, V7id ivas 7neiner miTider
ivert ist, das teil ich dir nach geben ebd. 207. von si7i selbs wegen
Franck Spr. 1, 158^ deTwk ouch di7i selbs da7'by ebd. 2, 51'. Ein
yeder ist sin selbs groster fynd 2, 44**. von sei7i selbs wegen Franck
Par. 76**. wo er nit sein selbs sorget vnd schonet ebd. 78'. Ja diser
mensch ninipt sich seyii selbs 7iit a7i 144**. Vergißmei7inicht 7 ergißt
auch seiner^ selbst für ihr Flem. 63. wen7i man sei7i begehrt ebd. 49.
wo seiner wird gedacht 72. Beiner woW er ivarten nicht 88. So
gedenk' ich stetigs deiner, Daß ich auch vergeße mei7ur 180. So
darf ich deiner doch mit Fh*euden stets gedenken 268. Wer sein selbst
Meister ist 230. Ich achte deiner ?iicht Opitz 14. daß ich dich jetzt
grüße Vnd deiner, tvie ich iiill, . . . genieße, Das macht mein bester
Freund ebd. 57 — 58. Ei7i Beigmann aber ka7i so ivenig sein ent-
gelten^ Als wenig Ursach ist, der seine Reben pflegt, Daß 7tmn'
eher Mensch sich nur auf bloßes Saufen legt 84. De?' Fürst der
Seligkeit hat seiner nicht geachtet 216. wann doch Jesu . . . ?ranw
wirst dich 7nei7i erbarmen? Spee 14. Ich seiner oft 7nuß lachen ebd.
157. wann deiner ieh ge^e7ike 175. Wilstu, daß 7nan dich bei uns
2vol verehr' und deiner denke Logau 72. Dieser dankte, daß 7fuin
seiner gleichwol Mite da gedacht ebd. 220. Wer sein selbst kan füg-
lich sein. Geh' kein' andre Pflichten ein 254. — In westdeutschen,
vornehmlich alemannischen schritten und drucken des 16. Jahrhunderts,
bei Braut, Fischart, in dem Froschauerischen drucke von Seb. Francks
Sprichwörtern u. dgl., stösst man zuweilen auf die form deinen für
dein, deiner, z. b. der laßt dir im kat kein 7 echt go7i, soTider spottet
di7ien Franck Spr. 1, 66'— 66'*. Vgl. DWb. IV./2, 1029.
Über den gen. pl. unser, euer ist zu bemerken, dass daneben die
ungrammatischen formen U7iserer, euei^er vorkommen, die zu verwerfen
NHD. PRONOMEN 307
sinA Sie scheinen erst im 17. Jahrhundert entstanden oder wenig-
stens in Umlauf gekommen zu sein. In der zeit Schillers und Goethes
begegnen sie häufig und sind auch heutzutage gar nicht selten. Gott-
sched (Kern d. deutsch, sprachkunst, 6. aufl. 1769) sezt die form eurer
sogar ins paradigma. Das Deutsche Wörterbuch III, 191 (artikel euei*)
bemerkt: „das erste beispiel dieses fehlers bietet mir Opitz dar". Unab-
hängig von Grimm, habe auch ich trotz fleissigster nachsuchungeu kein
beispiel zur Verfügung, das vor Opitz fielet Beispiele: Wann Bath
und That erliegt, wann alles ist gethan, Körnt Oott doch in das Spiel
und nimt sich unsrer an Op. 218. Nicht aus Verachtung eurer isis
geschehn Seh. (Teil) 2, 537. danii bedarf es unserer nicht mehr ebd.
551. Und Eurer — wahrlich hätf ich nicht gefehlt ebd. 542. Und
so ist der Oliickliche vollkommen fertig, das Geschöpf unsere?' selbst
G. (Werth.) 7, 45. Da>s Wesen der Wesen bedarf utiserei^ nicht 0er-
vinus, Gesch. d. d. dichtung IV*, 275. Wei* ist, ihr frühen Urwelt-
flächte. Der eurer ohne Schrecken dächte Schack, F. A. v., Aus zwei
weiten (Stuttg. 1887) 374.
3. PersSnIiches geschlechttges pronomen.
Der nom. und acc. sg. neutr. von er erecheint schon in Schriften aus
dem ende des 15. Jahrhunderts, z. b. in jenen Eybs und Wyles, fast
durchgehends in der heutigen form, -die ui*sprünglich dem gen. sg.
masc. und neutr. angehörte. Hinwider ist dieser alte genetiv bis auf
einzelne spuren in gewissen redensarten, wie „es zufrieden sein*', „es
kein hehl haben", „es dank wissen" u. dgl., geschwunden, in denen
er ungefühlt fortlebt Ich gebe dafür beispiele aus älterer und neuerer
zeit. Denn sol ein erbars khtd heutfe oder morgen zum reghnent
gebrauchet tverden, so ist es not, das es n'Ier leutle wesen, rede . . .
gesehen habe Agric. 1, 59'. ihr habt es freien Fug Flem. 238. der
Alte war es wohl zu frieden Weise 104. wenn ichs xu frieden wäre
Schelm. 41. Er hat es nimmermehr Gewin f Bürger 84. die berühm-
testen Buchfiihrer haben es darum kein Hehl Lisc. 111. so sind Alle,
nur wollen sie es nicht Wort haben G. (W. Meister) 7, 245. ich bin
es la?ige iiberxeugt G. Forster, Werke 9, 79. Aber Anton war es wohl
xufrieden, daß jet\t die Tochter mit dem Vater fuhr Gust. Freytag,
Werke 5, 68. Vgl. DWb. III, 1126 fgg.
1) Doch verzeichnet Kehreiu, Grammatik der deutsch, spräche des 15. — 17.
jahrh. I, 211 schon aus Joh. Dietenbergers ^katholischer BiboU'' (Cöln 1571) die form
etterer, — [Bei Gortzitza s. 66 fg. kein älterer beleg. 0. E.]
20*
308 JEITTELES
Für den gen. sg. sehiy seiner trift man in alemannischen Schrif-
ten und druckwerken des 16. Jahrhunderts auch bisweilen die form
seine7i, z. b. Nu7i was eiyi guter fremid, ein Burger, bey jni, so sei-
nen wartet Wickr. 163, 4. War den tüfel ein mal xehuß geladen,
kan sineii niernernier abkommen Franck Spr. 1, 98*. Ilettest du sinefi
ee gedacht, so wäre er ee kommen ebd. 1, 164'. Das ist, sy fraget
keinen, wie er das sin hab an worden, ob er sinen vrirdig sye ebd. 2, 122'.
Der gen. sg. fem. und ^q\\, pl. lautet in schritten des 15. Jahr-
hunderts noch algemein und in jenen des 16. Jahrhunderts noch sehr
häufig ir, z. b. wie wol vil fürsten U7id herren yr (Sigismunda) beger-
ten 7iu der ee Eyb (Creußner) 59^ Maiina . . . ließ sich ir keinen
nit sehen ebd. 7P. Es wirt jr kaitier sündigen Luth. GW. A4'.
Es begegnet eim esel imd louwen . . . ein huff wotff: als jr der esel
von verrem waiiiam, fieng er an was er mocht ze rüchlen Franck
Spr. 2, 127^. darmnb solt er sich ir nit mer annemen Keis. 75'. ir
/i'^/^ey Wald. 2, 293. ir eyner Mum. Schelm. 21. Dagegen: Vor Oott
per selbs groster Imi^ vor der weit jrer selbs groster schad Franck
Spr. 1, 172''. Und wenn ihrer auch fünfxig wer. Erlöset mich nur
von der schlangen Roll. 1, 162, 54. Das auch darüber viel verderben^
Ihrer etlich im gfengniß sterben ebd. 1, 232, 389. der jhrer viel noch
sind beim lehn Krüger, Ciawerts bist. 4.
Auch im 17. Jahrhundert ist die ursprüngliche form noch nicht
ganz erloschen, obwol ihrer immer ausschliesslichere geltung gewint
Schon Schottel gibt als hauptform im paradigma ihrer an, fügt aber
ihr daneben in klammern hinzu. Bei Gottsched wird bereits die län-
gere form ihrer allein angeführt. Beispiele für beide gebrauchsweisen:
Kein Schlaf, der sol ihr (gen. sg.) vergeßeij, Flem. 179. biß du jhr
(sg.) ivider loß werdest Zinkgr. 1, 382. Ich muß jhr (pl.) sclimien
ebd. 1, 88. Als vmb das Jahr 1385 die Juden xu Weissenfeid in
Meissen eine xusammenkunfft hielten vnd jhrer viel . . . dahin kamen
ebd. 1, 357. jhrer etliche, die nicht schuldig getvesen Sandrub 88.
Es haben ihrer viel . . . wol großeii Ruhm verdient um ihren Muih
und Streiten Opitz 246. indessen wird die Welt vergessen ihrer selbst
ebd. 195. Es ritten ihrer xivei nach Rossen Logau 43. Es stritten
ihrer xuei ebd. 189. Daß eines eijiem andren lebt, i.st keiyiem ihrer
nicht erlaubt ebd. 261. ihrer xehen Rist 58. ihre}* viel ebd. 156.
ihrer keinen ebd. 186.
Eine seltnere nebenform von ir für den dat sg. fem., die ich
z. b. in der Creußnei-sclien ausgäbe von Eybs Ehebuch (1472) finde,
ist ire: Der man hielt ez, für vnmüglich vnd versprach yre das also 24'.
NHD. PHONOMEN 309
In alemannischen Schriften und drucken des 15. und 16. Jahr-
hunderts erscheint bisweilen für gen., dat. fem. sg. und gen. plur., ana-
log mit den oben besprochenen formen detwew, seinen iür dein (deinef^),
sein (seiner) y die form ire^i, z. b. Die bübery, wo man jren nit weert,
laßt sich nit gelingen Franck Spr. 1, 201 ^ er liebet sy also, das der
brütgam sich xu jreii in ein fleisch vom hhmnel herab laßt ebd. 1,
77*. Gab jren (dat. sg.) die leer Wickr. 16, 15. Ein anxahl jhren
(gen. pl.) entran diser Seichschwämme . . . Fisch. Garg. 233. Mit söl-
lidien wmien vei^spotteten sie Esopum, do iren xwen nuon so vil
truogen als er-allain Steinhöwel, Aes. 43. Vgl. DWb. IV./2, 2054 —
2055.
Eine andere nebenform des dat. sg. fem. und gen. pl., die gleich-
fals zumeist in alemannischen Schriften und drucken des 15. — 17.
Jahrhunderts vorkomt, hat altertümliches gepräge und heisst iro (ira) :
Als er dns xu?n dickern mal vmi iro (i. e. siner gemahel) erfordert
Salat (ed. Baechtold) 151. Der herr venviUigete ira das und ließ un-
den bi dem kilcMiof ir einen ingang machen Strettlinger Chronik (ed.
Baechtold) 84. Im Fricktal machten si sich uß dem land, des wurdest
inen iro dorfer alle verhrant Liliencron, Hist. volksl. II, 408. Vgl.
DWb. IV./2, 2058.
In betreff der dative ihm, ihr, ihnen ist zu erwähnen, dass die-
selben vormals bis spät in die neuhochdeutsche zeit zugleich stelver-
tretend für den der hochdeutschen spräche ursprünglich fehlenden dat.
des reflexivum gebraucht wurden. Beispiele: der vater ivird seiner
gestraft an dem sone dann an im selbst Eyb 19. Ai)i armer ver-
schulter jnensch, der ain grosse sach au ff im hat Keis. 33'. Ain
mensch soll sich offt im taye ixu jm selber keren ebd. 44 \ er machte
ihm, die Augen mit Speichel naß Gryph. (Dramen) 172. der vater . .
besorgt, ob ir die tochter den tod hei gethan Eyb 58. Es war die
gute Stadt ir selber nicht getreu Kist 137. si dunt in selber schad und
schand Brant 213. Viel sind . . . von Felsen abgestürxt Und haben
ihnen selbst die schivere Zeit verkürzt . . . Opitz 207. Von Kirchen-
dienern sagt er: sie sollen jhnen drey ding stets lassen angelegen sein
Zinkgr. 1, 251. Jedoch begint dieser gebrauch schon im 16. Jahrhundert
almählich der heutigen Verwendung der reflexiven dativform sich zu wei-
chen, und diese — die dem bedürfhisse, Zweideutigkeiten zu begegnen,
entsprungen sein dürfte — gewiut dann seit dorn 17. Jahrhundert mehr
und mehr Verbreitung, ohne übrigens so bald vollends durchzudrin-
gen. Gottsched sezt zwar schon in seinen lehrbüohern der deutschen
spräche den dat. sich ins paradigma des reflexivum, verwahrt sich aber
310 JEITTELES
zugleich gegen den zu seiner zeit offenbar noch in umlauf befindlichen
dat. ihviy ihr, ihnen. Wie tief die alte gebrauchsweise im wesen der
spräche wurzelte, beweisen femer süddeutsche volksmundarten, in denen
sie bis zum heutigen tag fortlebt Beispiele: Gleich als tven eyn vat-
ter vil streit tige imgehm*same Idnder hat, seixt er ei7is aus jnai x&
sich an den tisch Franck Par. 40 '\ Got muß das angenmnmen fleisch
mit ehr vnd preyß kr&nen, mit sich in die hohe füren mid dem eyn
namen geben über alle 7iamen ebd. 57 ^ Ein frommer Mann, der
stets einen Öund mit sich lauffen hatte Zinkgr. 1 , 350. Sucht er . . .
eigen Nutzen y so schadet er sich selbst ebd. 2, 53. Die Frauen pfleg-
ten auch in Indien vorxeitcn, Nachdem ihr Mann verschied, seUßst
tinter sich xu streiten Opitz 232. Wer sich nu?i nicht selber helfen
kirnte, der usw. Weise 40. tvenn es ja an Gevattern mangelte, so
hätten sie ei^ien Mahler bey sich ebd. 97. Beide construktionen stehn
neben einander: Allein, tveil er sie mit aller Gewalt tvolte neben sieh
habeti, lüde er ihm (sibi) und den seinigen grosse Mißgunst auf den
Halß Schupp 11.
Der dat sg. ihm hiess früher gar nicht selten voller ime, ihme,
z. b. jme Wylo 297, 6. yme Wittenweiler 206. ijne ebd. 159. Keis.
D. 16, 8. ihme Salat 151. Opitz 173. Log. 11. 130. 201. Simpl.
1, 281. 2, 244 usw.; vereinzelt irno, s. Zamcke z. NarrenschifF 386.
Der acc. sg. ihn lautete vormals neben in auch ine^ ihne 0hne),
z. b. bei Eyb (Creußner) 109\ Fisch. 249. Fisch. Garg. 251. 334. Sand-
rub 122. Zinkgr. 1, 98; vereinzelt sogar inen, ihnen, so bei Luther
D. 182. 240.
Der dat. pl., der sich heute von dem acc. sg. vorteilhaft unter-
scheidet, hiess noch im 15. und 16. und teilweise selbst im 17. Jahr-
hundert in, ihn, jedoch ist schon im 15. — 16. Jahrhundert die
erweiterte form inen, ihnen sehr verbreitet, so zwar, dass die beiden
formen abwechselnd neben einander vorkommen. Man vgl. z. b. bei
Luther GW. > Cl^ E 2^ E 3'. E 3^ I 2\ 14'. L 2'. N 2', >e«
ebd. C 2'. D 2'\ I 3^ NP (an lezterer stelle beide formen in einer
zeile); bei Fischart (Kurz) jn 1, 34. 81. 138, jnen 1, 169. 3, 339.
363; bei Murner in 60. 113. 190, inen 39. 132; bei Franck Pai*.
jnen (jhnen) 56'. 57'. 65'. 75^ 76'. 101 ^ 103^ jn fjhn) 76'.
112'; bei Spee ihn 86, 37. 41. 87, 45. 208, 181. 244, 45, ihnen
87, 43. 173, 68. 175, 165. 179, 95. 210, 236. 231, 4. 244,
27. 30.
Bei gewissen Schriftstellern, insbesondere prosaikern, überwiegt
oder herscht ausschliesslich inen, das ist z. b. bei Luther in seinen
NHD. PRONOMEN 311
späteren Schriften (s. Franke, Grundzüge der Schriftsprache Luthers 189),
in Francks Sprichwörtern und in dessen Paradoxa sowie in Paulis
Schimpf und ernst der fall. Ausschliesslich begegnet man dieser form
seltsamerweise auch schon bei Nicl. Wyle, man vgl. u. a. 43, 28.
56, 8. 99, 22. 135, 25. 27. 173, 21 — 22. 217, 26. 267, 32 — 33.
274, 35 und s. Nohl, Die spräche des Niclaus v. Wyle (Heidelb.
1887) s. 81. In der zweiten hälfte des 17. Jahrhunderts scheint
ihnen bereits durchgedrungen zu sein; wenigstens sezt Schottel (s. 536)
diese form allein ins paradigma, während in den ersten Jahrzehnten
dieses Jahrhunderts, wie wir oben (bei Spee) gesehen haben, ihn noch
fortbestund.
Eine seltnere nebenform des dat. pl. ist ine (ihnc), z. b. ffi Wan-
ten, iede?^man xufj ifie nach Liliencron, Volkslieder 2, 411. Mi/^h nitnpt
wunder y das sie sich nicht vor jhne selber schämen Franck Trunk. F 3'.
Anmerkung. Die in manchen Schriften älterer zeit, z. b. in
Wittenweilers Ring, vorkommenden formen sei , sey als nom. und acc.
sg. fem., scy, seu als nom. pl., es und enk für vos, vobis sind mund-
artliche eigenheiten von lokaler beschränkung.
3. Pronomen possessivnm.
Hier mag erwähnung finden , dass in der flexion von imser, euer,
gemde wie bei den mit el, er abgeleiteten adjectiven, öfter bald das e
der endung, bald jenes der ableitung abfölt, z. b. nnsers Glücks Haller
136. unsers Scheidevs ebd. 166. unsres Reisens 134. nnsers Streits
Lisc. 180. tmsers Glücks Seh. (Teil) 2, 532. nnsres Sonnefisystenis
G. (W. Meister) 8, 96. Euers Gelds l/jssing (Nath.) 3, 70. eiiers
Raths und euers Beistandes G. (Götz) 6, 71. Nicht eures Gelds he-
darfs — ein Herx wie euers wiegt Tonnen Goldes auf und Millionoi
Schill. (Wall.) 2, 84. ewres Busens Seh. (Braut v. M.) 2, 439. eures
Winks Platen 3, 314. eures Kindes ebd. 4, 407. mit unscrm Arm
Klopstock, Oden 71. mwh unserut Sinn G. (Iphig.) 5, 318. aus
Enerni Hause Less. (Nath.) 3, 63. Kuerm Rathe ebd. 70. eurem Rathe
G. 3, 78. an Euerm Geläute ebd. 7, 163. nach eurem Willen ebd.
3, 8». von Eurem Vater (Jhland, Gedichte (Stuttg. 1853) 446. die
euern G. (Iphig.) 5, 317. durch unsrer Hände Fleiß Seh. (Teil) 2, 521.
unter etiren Btiisten Haller 44. mit Eiwrn eigenen Gedrotken Less.
3, 101. In altern neuhochdeutschen werken, insbesondere poetischen,
zeigen sämtliche possessiva (mit ausnähme von /;% das häufiger die
unverküi'zten formen beizubehalten scheint) neigung zum abwurf des
flexivischen, seltener des ableitenden e^ und zwar in allen endungen.
312 JKITTBLKS
selbst jenen, auf deren e der consonant r folgt, obschon die vollen
formen keineswegs fehlen. Beispiele für die gekürzten formen: din
sach Murn. 78. sein tugent Wald. 2, 105. seifi iiarung Pauli 207.
euwe?^ fröd ebd. 107. mins lebefis Wyle 54, 35. deins dieners Eyb 99.
meins gefiders Sachs 1, 104. meins todes ebd. 149. deins lebend 149.
Seins gesellen Pauli 199. luisers hergotis Murn. 77. unsers kerxetis
Weckh. 161. eivers abgotts Luth. Bapst A 2*. euers Unglücks Weckh.
180. cite^^s fleißes ebd. 184. eiiers lobs 185. meinr kunst Wald. 2,
101. deinr ere ebd. 100. ImU euiver verschrybung Wickr. 73. init
sim stand Brant 163. an si7n vater ebd. 181. i7i sim gtvali Pranek
Spr. 2, 42*. in viim garn ebd. mit deim brei Fisch. 237. in seim
namen ebd. 1 78. von seim Glied Sandrub 67. vnset'm fmsxtnrt Pauli
369. in imserm garten ebd. 187. uiiserm Schöpfe?* Dach 73. wiserm
Gott Speo 113. xü vnser frawen Luth. GW. I 3^ in unser Seeleti
Rist 245. mem rechten fu^x Pauli 299. sein miind ebd. 382. sein
xoren Sachs 1, 80. mein bnlen ebd. 179. unfern geist ebd. 72. mein
regel Murn. 129. sin hilf ebd. 133. sein fran Sachs 1, 205. sein
mütter Pauli 362. all sein sach Sandrub 123. euer eigne ehr Weckh.
89. dein federn (noni. pl.) Sachs 1, 104. sein acJisen Wald. 2, 112.
andre unsrer frehiden mehr Weckh. 153. eurer Sünden Dach 96.
an din kindern Murn. 249. allen sin gesellen ebd. 130. uf s^in federn
64. fnit sein eignen fußen Wald. 2, 57. iii vnsem reden Pauli 337.
xü misem xeiten ebd. 137. irs ampts Eyb 45. irs manns ebd. 63. im
müttvil Brant 15.
Das in der althochdeutschen und älteren mittelhoclideutschen
spräche noch mangelnde possessivum ihr gewint im 15. — 16. jahrhun-
deii; immer algemeinerc Verbreitung und scheint gegen ende des 17.
Jahrhunderts völlig diu'chgcdrungen.
Eine besondere bewantnis hat es mit der gegen ende des 17. Jahrhun-
derts aufgekommenen , seit der mitte des gegenwärtigen wider verschwun-
denen form Jhro in der feierlichen rede. Die erste spur davon finde ich
in Abrahams a Sta. Clara „Mercks wol, soldat" (Wien 1680), vorrede 1:
^^Ihro Geniidigster Landes -Für st ^ und am ende derselben: ^Ihro
Gnaden Dienstbeflissener I\ Fr. Abrahmmis ä S. Clara"', Hingegen
ersclieint in den zwei jähre später (1682) veröffentlichten godichten
Morhofs unter den vielen Widmungen zu poetischen „glück wünschen^
und „ leichcnbestattungen " ausschliesslich dafür IJero. Aber auch im
18. — 19. Jahrhundert genoss Ihro keineswegs algemeine Verbreitung,
z. b. findet sich in Gellcrts „Briefen nebst einer praktischen abhand-
lung von dem guten geschmack in briefen" (Leipz. 1758) keine er>väh-
NUD. PBONOMEN 313
nung davon; die stelle, die von dem gebrauch der titulaturen handelt,
lautet: ^Man soll nicht, wie man meistens im umgange redet, durch
Sie, Ihnen, Ihre, sondern durch Dieselben, Dero, Deroselben, Höchst-
denenselben, reden" (s. 76). Andere Schriftsteller wider bevorzugen
Ihro. Ich gebe einige weitere beispiele. Da tritt der Haushoffneister
herein und meldet ihm die Beherbergung des verspäteten Pfarrherrn,
und tvie er itxt, voller Verlangen, Ihro Gräfliche Gnadefi zu sprechen,
vor der Kammerthüre lauschte Thümmel, Wilhelmine (1773) 60. In-
deß, sollte etwas nicht vollkommen nach Ihro Gnaden Bequemlichkeit
getvesen seyn, so geruhen Ihro Gnaden nur au befehlen Lessing (Minna)
2, 192. Ich wolMe Glicht tim Alles — Ihro Excellenx, fiel ich ein,
ich bitte tausendmal um Verzeihung G. (Werth.) 7, 51. Es muß doch
ivohl so sein, Ihro Dtirchlatwht Seh. (Geisterseher) 4, 77. wenn nicht
der Gedanke, mich für Ihro Dienst verdoppelt xu sehen, so vergniig-
lieh und aufheiternd wäre Brief w. G. K. Äug. 2, 46. In Hoffnung
mich Ihro Gegenwart bald xu erfreuen unterthänigst Goethe ebd. 82.
Das Deutsche Wörterbuch (lV/2, 2058) erklärt dieses Ihro für
possessivisch unter hin weis auf die gleichzeitig daneben vorkommende
form dero und trent es von dem oben erwähnten ?Vo, ihro, Ihro, das
bald als gen. und dat. sg. fem. , bald als gen. pl. gebraucht war. Allein
gerade die kaum zufällige Übereinstimmung mit dem in derselben
anwendung begegnenden gen. des demonstrativum, dero, lässt vielmehr
veiinuten, dass hier gleichfals ein ungefülilter casus des persönlichen
pronomen und zwar wahi-schoinlich der gen. pl. vorliegt, der dann
allerdings possessivische Verwendung fand. Man vgl. Frisch, Toutsch-
lateinisches Wörterbuch I, 486, wo dieses Ihro gleiclifals als gen. pl.
erklärt wird.
GRAZ. ADALB. JEITTELES.
(Foi-tsetzuug io\^t)
DEUTSCHE A\^VNDEKTRUPPEN IN DÄNEMARK.
I.
Schon früh wurde Dänemark von fremden .schauspiolertruppen
besucht So liatte der könig Friedrich II. zwischen 157J)- 8() zweimal
englische komödianten in seinen diensten, welche auch 1585 in Hel-
singör spielten und in dem folgenden jähre, als die ersten in Deutsch-
land, nach Dresden und Berlin berufen wurden. Umgekehrt sante
10 jähre später, zur krönungsfeier Christians IV., der seh wager des
königs, herzog Heinrich Julius von Braunschweig, seine englischen
314 FALUDAN
komödianten nach Dänemark^. In demselben jähre suchte ein fahren-
der poet, der Schlesier Martin Schwarzbach, vergebens die erlaubnis,
eine komödie ,,Studentes'' ^ in Kopenhagen aufzuführen, und nicht bes-
seres glück hatte 1629 ein ähnliches gesuch einiger deutschen Studen-
ten. Als die bitte 1633 erneuert wui'de, hatte sie hingegen vielleicht
den erwünschten erfolg, und möglicherweise ist bei dieser gelegenheit
Rists Irenaromachia hier gespielt worden 3. 1634 führte ein Deutscher,
der Satiriker Hans Lauremberg, als professor in Sorö die renaissance-
komödie, und 1655 die oper bei hofe ein*, und deutsche opern-ballete
waren in der folgezeit daselbst nicht ungewöhnlich.
Die anwesenheit eigentlicher Wandertruppen aber spüren wir erst
in der zweiten hälfte des 17. Jahrhunderts. Vom anfang des Jahres
1663 spielte in Kopenhagen eine niederländische bände unter Andreas
Joachim Wulff, der sich hier ansiedeln wolte und auch ein Schauspiel-
haus bauen Hess, aber schon 1664 schuldens halber aufhören muste*.
Sein „hauptagent" Michael Daniel Treu war jedoch Deutscher und ohne
zweifei derselbe, welcher später als puppenspieler und prinzipal zu
Lüneburg 1666 und München 1677, 1681 — 85 auftrat®. Vielleicht war
er söhn oder verwanter des ersten bekanten deutschen wanderprinzi-
pals Carl Treu, der 1622 und 25 in Berlin spielte^.
1) Bolte im Jahrb. d. Sliakespearegeselsch. XXJU, 1888, s. 99. 102. 103.
• 2) 0. zw. von Stimmelius 1550, vgl. H. Meyei-s Studentica, Leipzig 1857.
3) WeiiauJf, llistorisko aoteguelser til Holbergs lystspil, Kopenhagen 1858,
282 fgg. Overskou, Den danske skueplads, Kopenb. 1854, I, 80 fgg. Paludan,
Kenaissancebovacgolsen i Danniarks litt., 1887, 307.
4) Paludan, H. Willumsen Laurembergs 4 Skjajmtedigte , 1890, s. Xll u. XXV.
5) Worlauff 285 fgg. Overskou 1 , 103 fgg. 262 fgg.
6) Zeitschr. f. doutche phil. XXI, 283. Gaodertz, Theaterzustände von Hildes-
heim, Lübeck, Lüneburg, 1888, s. 99: Michael Daniel Drey sucht 8. sept. 1666 zu
Lüneburg spielerlaubnisz , nachdem wir unsz nuhnmehr Edliehe Jahre bey IhiX) Kö-
nigl. Maij. von Tennemarck auifgehalton haben. '^ — Bolte in Herrigs Archiv LXXXU,
85. Die dort citierten belegstellen im Jahrb. für Münchener gesch. I konte ich nicht
einsehen.
7) Nach Löwen, Schriften IV, 13 (vgl. Plümicke, Theatergesch. v. Berlin 40; De-
vrient, Gesch. d. deutsch, scliauspielk. 1, 201) soll der dänische hofprediger oder gar
„oberhofprediger" Lassenius in seiner Jugend zu dieser ältesten Trcuschen truppe gehört,
später vielleicht eine eigene gebildet und schliesslich von dem kurfürsten Georg
Wilhelm überredet den schauspielei^stand verlassen haben. Johann Lassenius war aber
erst 1636 als söhn eines pomnierschen pfarrers geboren, verbrachte 1657 — 66 einen
grossen teil seiner Jugend auf zum teil ziemlich abenteuerlichen reisen, wurde dann rcctor
und prediger zu Itzehoe, gieng in den dienst des stathalters Banzau als hofprediger,
wurde aber k<'inoswegs in dieser oigenschaft, sondern in der bescheidenen stellong
eines diaconus oder zweiton predigers au der deutschen St. Fetrikirohe 1676 nach
WANDERTRUPPEN IN DÄNEHARK 315
Ungefähr gleichzeitig mit Wulff und Treu muss nach eigener
aussage der deutsche bandenprinzipal Andreas Fandszen in Dänemark,
vielleicht zu Odense schon 1661 und in Bergen 1664, gespielt habend
Weiter sind wir berechtigt, in Carl Andreas, der 1672 in Kopenhagen
Spielerlaubnis erhielt, einen der bedeutendsten, aber wenig bekanten
Vorgänger Veltens, Carl Andreas Paulsen zu vermuten, der schon um
1630 eine bände gebildet haben soll 2. Er wird öfters bloss durch den
Ko{>eDhagen berufen. Er machte sich als eifriger asketischor Schriftsteller bekant,
wurde 1677 dr. theol., im nächsten jähre professor, und starb 1692. Schon das jähr
seiner geburt macht jede Verbindung mit der viel älteren Carl Treuschen truppe
unmöglich, wie auch schon von Kusz in den Schi. -holst, provincialborichten 1833,
554, von Schröder in den Neuen sohl. -holst, provincialborichten 1834, 168 fgg. (vgl.
396 fgg. L's Leben von Knickbein), von Gervinus, Hagen, Gesch. des theaters in
Preussen 93, u. a. bemerkt ist. Dennoch kehrt das misvorständnis wider, z. b. bei Brach-
vogel, Gesch. d. kgl. theatei^s in Berlin I, 1877, 21—22, der auch Lassenius aLs
„kgl. dänischen hofpredigor '^ in „Stockholm*' (!) enden lässt. Uagen und nach ihm
Genee, Lehr- u. wandorjahre d. deutschen Schauspiels 284, glauben an eine Ver-
wechselung unseres Lassenius mit seinem gleichnamigen vater, der auch prediger
war, sonst aber ziemlich unbekant ist. Schröder hingegen und neuei*dings Carstens,
Art. Lassenius in der Allg. deutschen biographie, finden die annähme nicht unwahr-
scheinlich, dass unser Joh. liassenius gegen den schluss seines abenteuerlichen Wander-
lebens, um 1666, für kürzere zeit in eine schauspielertruppe getreten ist. Unstreitig
scheint diese ansieht l)esser beglaubigt, nachdem sich herausgestelt hat, dass in di«»,-
sen jähren wirklich eine jüngere Treu'sche (nicht wie Carstens: „Trauische '') truppe
bestand, welche die tradition leicht mit der älteren und früher bekanten verwechselt
haben kann. Immerhin bleibt es doch bedenklich, dass der kurfüi-st Georg Wilhelm,
der Lassenius von der bühne abberufen haben soll, schon 1640 starb. Betrat Ijasse-
nius nur von der not getrieben die bretter, so geschah dies schwerlich zu Berhn, in
der nähe seiner heimat und der Universität Kostock, wo er rühmlich studiert hatte;
eher im südöstlichen I)eutschland oder Hngarn, wo er von den Jesuiten hingoschlept
war. Aber auch nicht die leiseste anspielung auf oine solche episode findet sic^h in
den gleichzeitigen quellen, dem Programma funebre der Kopenhagener Universität l)ei
Lasseuius's tod, der lebensbeschreibung bei Moller, ('imbr. litt. 11, und einer anderen
in der dritten ausgäbe von Ijasseniiu^ , Heiliger perlen. schätz, Copenh. u. L(*ipz. 1701, 4°
wahrscheinlich von dem deutschen prediger zu Hclsingör Boldich. I'ngefähr zu der-
selben zeit, in die seine scenische Wirksamkeit fallen muss, fähi-t Jiassenius in
seinen „Arcana politico-atheistica", 1666, 12'"'', s. 63 fgg. b«*i beschrribung eines
Jahrmarkts heftig gegen die gaukler, zahnbrechcr und Schauspieler, diese „carcino-
mata et pestes reipublicae'^ aus. AVolte man hier die reue des bekehrten orthodoxen
eiferers über irwege seiner vorzeit s«»hen, so ist dagegen zu bemerken, dass Lassenius
anderswo, z. b. in dem „Perlensdiatzo'^, ed. cit., 2. Verteilung, 394, auf das Schau-
spiel zurück komt und ohne weitc^ren ärger erbauUcho gleich nisse dai'aus herleitet.
1) Werlauff 285. Ovei-skou J, 110. Suhms Saml. Jl, 2. heft, 140. Schütze,
Hamb. theatergesch. 33. Dovrient, (Jesrh. «1. d. schauspielk. J, 204.
2) Werlauff 2b8. Overskou 1, 112. riümit-ke, Theatergesch v. l'>erlin 49.
316 PALUDAN
Vornamen bezeichnet, als „Prinzipal Carl", „Carl (Andreas) Paul",
„Carl Paulson", und hatte schon, als er 1665 zu Frankfurt erscheint,
in Dänemark und (1663) in Schleswig gespielte 1668 war er in
Mecklenburg und Lübeck, und als die „Carlische geselschaft" einige
jähre später wider in Mecklenburg auftritt, hat sie in der Zwischenzeit
Schv/eden und Dänemark besucht 2. Auf dieser reise treffen wir am
5. Jan. 1671 den „Prinzipal Carl" in KieP, und im märz 1672 bekomt
„Carl Andreas" erlaubnis, zweimal wöchentlich in Kopenhagen zu spie-
len. In demselben jähre wurde die „trefliche Schauspielerin" Anna
Paulson von Kopenhagen nach Petersburg berufen, ein beweis unter
anderen, dass schon vor Veiten weiber auf der bühne sich auszeich-
neten*. Ob es hingegen diese truppe war, die in einem königlichen
pass auf der reise nach Kiel 14. jan. 1676 als „unsere comedianten",
also als dänische hoftruppe bezeichnet wird, ist zweifelhaft, da die
„Carlische hochteutsche compagnie" schon 1674 von Dresden nach
Wien zog, also nicht mehr in Dänemark angesiedelt war^ Vielleicht
handelt es sich hier eher um die „kgl. dänischen priviligierten hof-
acteurs mit figuren", also puppenspieler, die in Hamburg um dieselbe
zeit, doch auch mit lebenden personen, agierten*^. In diesem falle war
der hof nicht besonders kritisch, denn höchst wahrscheinlich war es
dieselbe truppe, die kurz nachher in der bitschrift eines gewissen Nico-
laus Locke vom sept. 1680 als „eine so gar- undt überausschlechte
bände" bezeichnet wird. Locke dagegen will „eine bände vndt Kern
der vortrefflichsten Commoedianten " in Hamburg zusammengebracht
haben, und bekam auch für ganz Dänemark Privilegium, das er jedoch
nie benuzt zu haben scheint l Ebcnfals suchte 1695 der sächsische
Schauspieler (ehemaliges mitglied der Veltenschen truppe?) Joh, Aug.
1) Litzinann in der Ztschr. f. vgl. litteraturgesch. u. renaissanceliti , o. f. I, 11.
Bolte in Herngs archiv LXXXII, 86. Schon um 1650 und wider 25. apr. 1664 tref-
fen wir „Carl Andreas Paulj** in Lüneburg. Gaedertz, Thoaterzustände , 75. 99.
2) Jahrb. f. mecklenb. gesch. 1836, I, 95. 96.
3) Litzmann a. a. 0.
4) Overskou T, 112. Litzmann a. a. 0. Die quellen für die berufung nach
Russland hei Tietz Bunte skizzen aus Rüd und ost, Wessolofsky Deutsche einflüsse
auf das alte russ. theatcr, 1876, und Fechner, Chronik der evangel. gemeinden in
Moskau, 1876, standen mir nicht zu gebot.
5) Overskou 1, 113. Bolto a. a. 0. 80. Ob Carl Andreas Paul dann wider
mit „«lessen Schwiegersohn Veiten" in Lübeck am 7. juni 1675 war? Vgl. Gaedortz,
Thoaterzustände s. 48. 147.
6) Ovei-skou 1, 113. Schütze 96.
7) Overskou 1, 113. 265. Werlauff 288. 503.
WANDERTRUPPEN IN DÄNEMARK 317
üblich Privilegium als „Stadt- comociiant'' zu Kopenhagen; von ihm wis-
sen wir aber später nur, dass er 1G97 in Schweden war^
Zweifelhaft bleibt es, ob der ungefähr sechsjährige aufenthalt einer
trappe „ nordischer comedianten in hochdeutscher spräche" oder „chur-
sächsischer hochdeutscher comedianten" in Schweden 1690 — 97 auch
die dänische theatergeschichte berührt Die schwedischen Urkunden ^
begegnen sich hier mit deutschen, indem wir 1697 dieselbe truppe
zu Güstrow in Mecklenburg antreffen, durch die hoftrauer am tode
des königs Karl XL aus Schweden vertrieben, nachdem sie sich
„6 jähre in den nordischen platzen aufgehalten"^. In diesen sechs
Jahren hat sie vielleicht auch Kopenhagen besucht, und sehr wahr-
scheinlich Bergen in Norwegen, wo der dichter Holberg als kind
eben zu dieser zeit biblische Schauspiele aufgeführt sah'*. Die schwe-
dischen Verfasser wollen in diesen „ chursächsischen comedianten" die
berühmte Veltenscho bände sehen, was sich aber schlechterdings nicht
mit der genauen Chronologie bei C. Heine'* vereinigen lässt, ob es
schon durch die untei*suchungen Silf verstolpes *^ beglaubigt ist, dass Vel-
tens truppe, vielleicht in Schwedisch -Pommern, vor dem königeKarl XL
gespielt hat.
Im jähre 1703 hören wir wider einmal von einem besuche nieder-
ländischer comedianten in Kopenhagen, und in demselben jähre scheint die
witwe Veiten Dänemark besucht zu haben '^; über wesen und leistungen
aller bisher genanten truppen lassen sich jedoch aus alten, zerstreuten
Urkunden nur gelegentliche und fragmentarische aufschlüsse schöpfen.
Zuverlässliche erörterungen gibt erst die sainlung der ältesten theater-
1) WerlaufF 292. Silfvoi-stolpo, Källor til svouska toatenis bist., in der
schwed. zeitschr. Framtiden, 1877, 143.
2) Silfvorstolpe a. a. o. 142. E. Liind, Riad ur svenska teatorns bist., iu
GrÖnstedts scliwed. ztscbr. „Nu" T, 1874—75, s. 42(i. Dablgrou, Stockbolins tliea-
trar, 1866, 9 fgg.
3) BärenspruDg im Jalirb. f. mockk'nb. gescb. F, 97. Litzinann in dor Ztsobr.
f. vgl. litteraturgescb., n. f. I, 10.
4) Overskou I, 110. Ilolborg, Episteln, nr. 226. 382.
5) Job. Veiten, Akad. diss., llallo 1887. Ebor stellt es mit dies«'m nordis(-bon
aufentbalt kursäcbsiscber komödianten in vorbindung, wenn ein gewisser „Franz Mel-
chior Hart, Saxonia Comoodiant.*^ am 4. jan. 1092 zn Tiüneburg spielerlaubnis sn(.*bt,
uachdem er in Schweden, nUnemark, Liefland, Sachsen usw. gespielt bat. (iaedertz.
Theaterzustände 119.
6) ^Samlaren", ztscbr. d. sebwed. litteraturgeselscb., 1889, ^f)— ;"»(>. 1890, 76— vS3.
7) Overskou 1, 121. (laedei-tz a. a. o. 123: Frau Wlten sucht am 1. nov.
1703 aus Hamburg, nach einer bcscbwerliclien reise von Kopenhagen, in Lüneburg
spielerlaubDis.
318 PALUDAN
Zettel der dänischen nationalbühne von 1722 an, welche auf der kgl.
bibliothek zu Kopenhagen vorhanden ist, und in welche sich auch
einige schauspielankündigungen der deutschen banden verirt haben, die
ein wenig früher in Dänemark spielten ^ Unter den ersten, wahr-
scheinlich schon von 1707, treffen wir hier einen anschlagszettel der
truppe der witwe Veiten:
„Die Königl. Pohlnische und Churfürstl.- Sächsische Hoff-Comoe-
dianten Werden mit gnädigster Erlaubnüs, Heute Frey tags den 4 No-
vemb. [1707] umb ihnen sonderbahre Affection zu erwerber (!), auf-
führen eine von dem berühmten Italiänischen Meister Cicognini ent-
lehnte Haupt -Action, die sich betitult:
Statua, Oder: die in ein Marmorsteinernes Bild verliebte
Princeszin Adamira.
Personeo der Action.
1. Indamoro, König in Sicilien.
2. Adamira, seine Tochter.
3. Dionysia, Princeszin aus Aragonien, in Gestalt eines Gärtners,
unter den Namen Laureno.
4. Heinrich, Printz aus Castilien.
5. Fischetto, sein Kammer-Diener.
6. Corinto, Printz aus Aragonien, unbekant, unter dem Nahmen Pe-
rideus.
7. Pasquella, seine vermeynte Mutter, eine alte lustige Frau.
8. Drusilla, des Königs heimliche Liebste.
9. Despino, ilir lustiger Knecht.
10. Idraspe, Capitain von des. Königs Wacht.
11. Trinea, der Adamira Kammer- Mädgen.
.' . \ Zwev Banditen.
13. Arzeo }
Kui-tzer Summarischer Inhalt:
Des ei'sten Actus:
Der Capitain Idnispe findet den Despino auff der Schildwacht vor
der Drusilla Kammer-Thür sclilaffend. Der König beurlaubet sich mit
seiner heimlichen Maitresse Drusilla, diese bestellet durch Despino zwey
1) Die Zettel sind schon von "Werlauff Antegnelser 292 fgg., und Overskou
Danske skupplads I, 126. 136 fgg. erwähnt, nirgends aber abgedruckt. Meine abschrif-
ten sind mit allen Sprachfehlern wortgetreu und in ihrer logischen und grammatischen
unbehülflichkeit für die bildungsstufe der fahrenden Schauspieler bezeichnend.
WANDERTRUPPEN IN DÄNEMARK 319
Banditen, welche den Gärtner Laureno nmbringen sollen, weil er in
ihre geile Begierden nicht hat willigen wollen. Printz Heinrich ent-
decket seinem Kammer-Diener Fischetto die grosse Liebe, so er gegen
die Princeszin Adamira trägt, und klaget daneben über ihre kaltsinnige
Härtigkeit, Drusilla wil Printz Heinrich zur Gegenliebe anreitzen,
beköAt aber den Korb, und musz mit Schanden abziehen. Perideus
koilit mit seiner Pflege -Mutter Pasquella an den Sicilischen HoflF, an
welchem sich auch die Princeszin Diooysia aus Arragonien, in Mafis-
Kleidern und Gärtners -Gestalt, unter dem Namen Laureno auffhält,
damit sie aufF Printz Heinrich desto besser Achtung geben kan, wel-
cher ihr in Arragonien die Ehe zugesaget, ihre Liebe genossen, und
hernach verlassen. Tepandro und Arzeo geben Feuer auflF Laureno,
und verwunden ihn, Perideus, Pasquella und der Capitain Idraspe
komen ihm zu Hülffe.
Des andern Actus.
Die Princeszin Adamira beklaget ihre heimliche Liebe gegen die
Marmorsteiner Statuam, und wird von ihrem Kammer -Fräulein Trinea
vergebens getröstet, Printz Heinrich bemühet sich umsonst um der
Admirä Gegenliebe. König Indamoro will von seiner Tochter Adamira
die Ursache ihrer Traurigkeit und heimlichen Leydens wissen, kan aber
wegen ihrer Halszstarrigkeit und Verschwiegenheit nichts erfahren. Der
Gärtner Laureno meldet den Perideus und die Pasquella bey dem Kö-
nige an, werden von demselben in Dienst genommen, und machet
Pasquella, welche sich in den Laureno verliebt hat, gar poszirliche
Händel. Perideus wird in Liebe entbrannt gegen die Princeszin Ada-
mira, entdecket solches dem Laureno, und begehret seiner HülflFe.
Des dritten Actus.
Trinea überlieffert der Pasquella die Schlüssel zum Garten -Zim-
mer, und vexiret sie mit der Liebe gegen den Laureno. Die Prin-
ceszin Adamira klaget gegen die Statua im Garten ihre Liebe, Laureno,
welcher sich verstecket hat, höret solches, und erfähret also ihr Oeheim-
nüs, überredet sie auch, dasz er die Kunst könne, einen Stein leben-
dig und beweglich zu machen, und verspricht solches ins Werk zu
richten. Drusilla lasset durch ihren Diener Despino dem Perideus ihre
Liebe antragen, Laureno oftfenbahret dem Perideus der Adamira heim-
liche Liebe gegen die Statua, mid gicbt ihm den Rath, dasz er auff
die künfftige Nacht die Statua präsentiren solle: die Princeszin zu
betrügen, und seine Begierde zu erfüllen, hernach überredet er den
Printz Heinrich, dasz die Princeszin Adamira gegen ihn verliebet sey.
320 PALUDAN
und werde seiner künfftige Nacht im Garten erwaiien. Drusilla ent-
decket dem Despino dasz sie die Rache so wohl an Printz Heinrich,
als an Perideus, wegen verschmäheter Liebe, suchen wolle. Adamira
kommt im finstem zu ihrer geliebten Statua in den Garten, welche
sie lebendig machet, und mit sich führet. Printz Heinrich vermeinet
Adamira anzutreffen, enpfanget aber unwissend seine verlassene Liebste,
die Dionysia, welche sich in der Adamira Kleider verstellet hat, wer-
den also Adamira und Heinrich durch die Dunckelheit der Nacht artig
betrogen.
Des vierten Actus.
Drusilla klaget dem Printz Heinrich bey dem König fälschlich an,
als habe er sie mit Gewalt zu seinem Willen zwingen wollen, Despino
musz diese Anklage wider seinen Willen bekräflftigen helflPen. Der
König beklaget sich über Printz Heinrich, dieser solches hörend, ver-
meynet, dasz der König um seine Liebe wisse, tritt derohalben hervor,
und bekennet dem König, dasz er vergangene Nacht der Princeszin
Adamira ihre Liebe genossen habe, der König jaget ihn zornig von
sich, und verfluchet die Unkeuschheit seiner Tochter Adamira. Peri-
deus, welcher von ferne solches höret, bildet sich ein, dasz der König
von seiner gepflogenen Liebe Kundschaff't habe, und entdecket solches
dem Könige, und wird mit Grimm abgewiesen. Darauf? bringet Pas-
quella dem Könige der Adamira Kleider, welche sie in des Laureno
Kammer gefunden, und saget, das Adamira mit Laureno in Unzucht
gelebet habe. Der König, seiner Tochter Ehre zu retten, wil sie mit
Printz Heinrich vermählen, aber Laureno kommet darzwischen, und
entdecket, dasz sie die Princeszin Dionysia sei, befindet sich also
Heinrich betrogen, bittet seine Liebste um Verzeihung, und vertraget
sich mit ihr.
Des füuiTten Actus.
Der König examiniret seine Tochter scharff, dasz sie sagen solle,
wer vergangene Nacht bey ihr gewesen, sie aber bleibet beständig
darauft*, dasz es die Marmorne Statua sey, weswegen sie der König
für unsinnig hält, beschliesset aber bey sich, den Beti'ug zu erforschen.
Pascjuella suchet Gegen -Liebe bey Laureno, weil sie ihn vor ein Manns-
bild hält, und verehret ihm ein köstlich Kleinod, Drusilla und Despino
sehen dieser Kurtzweil zu, und venneynet, dasz das Kleinod dem Kö-
nige gestohlen sey. Perideus wird in Gestalt der Statua ertappet und
gefangen genommen, und siehet die Princeszin Adamira, dasz sie betro-
gen worden. Perideus wird von der Drusilla als ein Dieb angeklaget,
aber vermittelst des Kleinods, wird er vor den verlohmen Printzen
WANDRRTRUPPRN IN DÄNEMARK 321
Coriuto aus Arragonien vom Könige erkannt, und mit der Prineeszin
Adamira vermählet.
Nach dieser vortrefflichen , raren, Haupt- Action, soll, damit jeder-
mann vergnügt uns verlassen möge, den Beschlusz machen, eine Nach
Gomödie, welche ungemein lustig und sich betitult: Pickelherings Dop-
pelte HejTath".
Den titel „kgl. polnischer und churfürstlich sächsischer hof-come-
dianten" bekam die truppe der witwe Veiten nach der wähl des kur-
fürsten Friedrich August zum polnischen throne 1697; 1714 gieng der-
selbe auf die Haacksche, später Hoffmannsche truppe über^ Das stück
war bereits von Veiten 1684 in Dresden und 1690 in Torgau, nach
1700 vielleicht in Nürnberg aufgefühii; und ist, wie. schon der theater-
zettel besagt, nach Giacinto Cicognini, einem der besseren dranuitiker
Italiens im 17. Jahrhundert bearbeitet 2. Dem ausführlichen referat bei
Klein zufolge weicht die hauptaction nur unwesentlich von Cicogninis
„Adamim overo la Statua dell' onore", Venezia 1663 (1657?), ab. An
dem scenengang ist vielleicht ein wenig geändert, einige, meist unter-
geordnete personen haben namen gewechselt (die maitresse des königs
lieisst im original Lesbia); die alte Pasquella und Despino, welcher bei
Cicognini eunuch ist, nähern sich als „lustige" pei-sonen etwas mehr
dem weiblichen und männliclien liarlekin, dessen figur in der haupt-
action nicht gern fehlen durfte. Bei Cicognini ist die stelle der hund-
lung an den hof des schwedischen königs in „Nicosia" verlegt, und
die äussei-st verwickelten liebesintrigen spinnen sich zwischen schwe-
dischen, dänischen und norwegischen prinzen und Prinzessinnen ab,
um durch die blaue ferne den romantischen effekt zu erhöhen. Wahr-
scheinlich zu demselben zwecke hat der deutsche bearbeiter die scene
nach Spanien und Italien zurück verlegt, weil diese gogenden im nor-
den als land der romantik galten^. 80 kam aber das stück um das
lokalinteresse, welches die ursprüngliche fassung bei einer aiifführung
in Kopenhagen dargeboten hätte, besonders zu einer zeit, wo kaum
jemand an dem gänzlichen mangel aller geschichtlichen und nationalen
farbung würde anstoss genommen haben.
1) FürsteDaii, Goscli. der iiiusik und dos theatoi*s in Drosden TT, 200.
2) Hoino, Joh. Veiten 30. 58. 60. Klein, Go.sch. de.s dramas V, 000 fg-f. Jahr-
buch d. Shakespearogoselsoh. XIX, 14G, ur. 11.
3) In Meissners Verzeichnis, Shakcspcarejalirl). XIX, 140, lässt jedoch der
titel: „Bio in eine statua verlihte jirinzesin Adaniira aus Nordwogen" (Nürnberg
um 1710?) auf eine vei"schied(*ne, in di(js«'r iiinsieht Cicognini näher stehende redac-
tion schliessen.
ZRITSCHRIFT F. DKUTSCHE PHILOI.OGIK. BD. XXV. 21
322 ' PALUDAN
n.
Ungefähr aus derselben zeit datiert sich vermutlich ein zweiter
anschlagzettel , der einzige, der sich von einer Vorstellung der Wander-
truppen in den dänischen provinzen erhalten hat:
„Comoedia Genandt: Der Verirrte Liebes-Stand, oder Der
Durchlauchtige Bauer. Dediciert und prsesentiii Dem Hoch und
Wohlgebornen Herrn, Hn. Hans Schach, Graff von Schackenburg etc.
Stifft- Befehl ungs- Mann über Riber-Stifft etc.. Meinem gnädigsten Gra-
fen und Herrn".
Nach einer langen poetischen widmung, einer guten probe der
elenden, eben so gespreizten als kriechenden komödiantenpoesie der
zeit, welche L. A. D. unterzeichnet ist, folgt der
„Summarische Inhalt der Persohnen.
1. Orismanna, Königin in Böhmen.
2. Sigislaus, ihr Vetter, Printz in Böhmen.
3. Odoardus, Hertzog und General der Königin.
4. Hedregundis, Princeszin der Wenden.
5. Salamiro, grosser Stadhalter in Böhmen.
6. Protopan, Hoher- Priester.
7. Mehim \
9. Herminus 1 i^.. . ,. . ^-u
10. Belsarus ) königliche Rathe.
11. Saga, eine Ziegeunerin.
12. Dolfero
13. Fiandus
14. Hedwan, ein Bauer.
Actus I.
Orismanna, Königin der Böhmen, kommt mit Sigislao ihres Bru-
ders Sohn, nach niedergelegten Wendischen Kriegs-Heer und Gefan-
genschafft der Wendischen Princeszin Hedregundis triumphirend in
Böhmen an. Orismanna ertheilet Befehl, die Hedregundis den Göttern
auffzuopffern, Sigislaus wird in denselben Augenblick gegen sie ent-
brant, und suchet ihren Todt zu hindern, bisz der dai*zukommende
Hohe -Priester, nachdem der Tempel eröffnet, die Königin auf mildere
Gedancken bringet, und die Gefangene völUg vom Tode befreyet
Actus n.
Sigislaus, nachdem er von einem erscheinenden Nächtigen Geist
Nachricht erlanget, dasz sein Vater von Hertzog Odoardo mit GilBEt sey
„ ^ ,2 Priester.
8. Sacer
> Ziegeuner.
WANDERTRÜPPBN IN DÄNEMARK 323
hingerichtet worden, verpflicht sich hoch, seinen Tod zu rächen. He-
dregiindis geräth in ein Gespräch mit ihm, welches die Ankunfft; der
ungestümen Orismanna verhindert. Sigislaus entdecket der Königin
Mäuchelniörderischen Tod seines Vaters, und kau sein rachgierich Ge-
müth dabey nicht verbergen. Die Königin bittet aus falschen Sinn,
er möchte sich nach dem Ober- Zimmer verfügen, sie wolle ihm gleich
folgen, und fernere Unterredung halten, Sigislaus gehet, und fället in
die daselbst zugerichtete Falle, nehmlich eine Grube von Ottern und
Schla[n]gen angefüUet Odoardus geräht bey der Königin in Verdacht,
ob habe er Sigislaum den Mord seines Vaters entdecket, wird aber
bald bey ihr wieder ausgesöhnet. Die Königin versammlet ein Gericht
über die unschuldige Hedregundis, gibt vor sie sey mit Sigislao ver-
letzter Majest schuldig, Sigislaus als überwiesen habe die Flucht genom-
men, fället hernach selbst das Urtheil, man soll ihr einen Ti-unck, wel-
cher sie ihres Sinnes beraubet, eingeben, und heniach in eine wüste
Einöde Verstössen, Sigislaus entkommt in Bauren Habit den Zorn .der
Orismanna.
Actus III.
Hedregundis kommet rasend zu einer Compagnie Ziegäuner, Saga,
die vornehmste darunter, bringet ihr durch einen Kräuter-Trunck den
verlohmen Verstand wieder, und nimmt sie vor ihre Tochter an, Sigis-
laus verdingt sich als ein Knecht bey einen Bauer Orismanna ist cnt-
schlüssen, ihren heimlichen Buler Hortzog Odoardum auff den Thron
zu heben, hier wieder legen sich die Reichs -Stände, entschliessen sich
endlich das Oracul zu befragen, welches zur Antwordt gibt, dasz der
Böhmische Thron einen Bauren und Ziegouncr bescheret sey, hierüber
wird Orismanna erzürnet, hauet dasz Götzen- Bild entzwey, versincket
aber zugleich in den Schlund der Erden. Odoardus wird auff Befehl
der Stände gefänglich angenommen, das Oracul wird wieder gefragt,
wer das Reich regieren solte, gibt zur Antwort, der auf einen eysernen
Tisch sein Brod wird essen. Deszhalben werden an unterschiedene
Oerter Hoff- Bediente geschicket solchen zu suchen.
Actus IV.
Sigislaus geräth mit der verkleideten Hedregundis in einen Lie-
bes-Discurs, jedoch unwissend, das es seine Liebste sey. Belsarus ent-
lediget den Odoardum seiner Gefängnüs, welcher hernach im Wald
dem arbeitenden Sigislao unerkandt aufif stöst, und alle seine Schelm-
stücke ordentlich erzohlet, aber darbey eine grosse Reu blicken last.
Sigislaus heist ihn um mehr Sicherheit willen, sich in eine alte Scheuer
21*
324 PALUDAN
verbergen. Fürst Salamiro mit einem Priester finden Sigislaum aiiff
dem Pflug sein Brod essen, kündigen ihm Königliche Würde an, wobey
sich der neue König wunderlich anstellet, indem er den Fürsten, aller
seiner Würden und Güter entsetzet, und die gantze Ziegäuner-Zunffl
nebst dem Odoardo und seinen Wirth und Wirthin gefönglich anneh-
men lasset.
Actus V.
Sigislaus legt seine verstelte Grausamkeit ab, setzet den Fürsten
Salamiro in seine Würden und Güter wieder ein. Belsarus erlangt
Gnad wegen des entledigten Odoardi. Odoardus wird zu ewigen Zeiten
aus dem Königreich Böhmen verbannet, der Bauer Hedwan und die
Ziegeuner werden begnadiget, und Sigislaus vermählet sich nach vor-
liergehender scharfifen Keuschheits-Prob, mit der Ziegeunerin Hyacyn-
tha, welche zuletzt vor die Princeszin Hedregundis erkennet wird.
Nach dieser Haupt- Action sol folgen eine lustige Nach-Comoedie
Arleqvin der betrogene Kup[ler].
Das stück finde ich nur in Meissners Verzeichnis [Jahrb. der
Shakespearegeselsch. XIX, 149, nr. 71: „Der Eiserne tisch oder prinz
sigislaus aus böhmen**, zu Nürnberg nach 1700?] erwähnt; dessen
Inhalt aber nirgends widergegeben. Seinen Ursprung habe ich nicht
ermitteln können; vielleicht fände sich wie für die Adamira ein origi-
nal in der romantischen dichtung Italiens oder Spaniens. Die perso-
nennamen in unserem stück tragen jedoch weniger italienisches gepräge
als die der Adamira.
Der Zettel hat keinerlei datierung, ialt aber nach den dem grafen
Schack beigelegten ämtern und ehrentiteln zwischen 1698 — 1711^,
wahrscheinlich in die lezteren jähre dieser periode. Die truppe ist auch
nicht näher bezeichnet, aber die buchstaben L. A. D. unter der poe-
tischen Widmung können meiner ansieht nach nichts anders als Leonard
Andreas Denner bezeichnen. Dies war gewiss der ältere Denner, wel-
cher wie sein söhn, der bokante Harlekinspieler, seine tochter und
sein künftiger Schwiegersohn, der spätere prinzipal Johann Spiegelberg,
ursprünglich mitglied der Veltenschen truppe gewesen sein soll. Nacli
Devrient^ bildeten sie 1710 eine eigene geselschaft, die namentlich im
norden hospitierte. Die Jahreszahl ist jedoch zweifelhaft; die Denner-
Spiegelbergsche bände dürfte sich schon eher abgesondert haben. Von
den kurf. sächsischen und kgl. polnischen comödianten der witwe Vel-
1) Worlauff, Antegnelser 292.
2) Gesch. (1. deutschen schauspielk. I, 344.
WANDKRTRÜTPEN lÜ DÄNEMARK 325
ten weiss man nur, dass sie 1697 in Dresden und Wien, 1702 und
1709 in Hamburg, 1704 in Nürnberg, 1707 in Kopenhagen spielten ^
Hingegen ist es unsicher, ob es diese bände und nicht vielmehr schon
die Denner-Spiegelbergsche war, welche im Winter 1709 — 10 bei ihren
irfahrten auf dem eise in den skandinavischen reichen so übel zugerich-
tet wurde, dass Jfr. Denner sich die beiden grossen zehen amputieren las-
sen muste^. Jedesfals spielte die Denner-Spiegelbergsche familie noch
vier jähre früher, 1706, mit Stranitzky in Wien zusammen, vielleicht
doch nur zeitweilig von Veltens getreu t; aber nicht lange vor oder
nach dieser zeit treffen wir urkundlich den älteren Denner als prinzi-
pal einer eigenen bände zu Köln. Maltzahn, Bücherschatz 346, hat
nämlich folgenden anschlagzettel:
„Denen Hoch- Edel -Gebohrnen, Gestrengen . . . Herren Bürger-
meisteren und Rath Der Käyserlichen Freyen- Reichs -Stadt Collen am
Rhein, Meinen Gnädigen und Hochgebietonden Herren wolte folgende
Haupt- Action nebst vorgehendem Musicalischen Prologo Genannt Der
im Krieg verirrte, und in der Lieb verwürrte Soldat Als ein Zeichen
seiner unterthänigen Pflicht und Schuldigkeit, gehorsambst aufführen
und verbundenst dediciren, Deroselben Unterthäniger Diener Leonardus
Andreas Denner, Principal der Königl. Grosz-Britt. und Churfürstl.
Braunschweig-Lüncburg. würklichon Hoff-Acteurs".
Der Zettel ist ohne jähr; Maltzahn sezt^ ihn, ich weiss nicht wa-
rum, in die jähre 1698 — 1708, was nicht übel mit der mutmasslichen
Zeitangabe für die aufführung des „Durchlauchtigen Bauers'' zu Ripen
in Jütland stimt. Der Verfasser der poetischen widmung L. A. D. spricht
1) Devrient I, 315 — 16. 318. Fürstenau II, 299. Ovei-skou I, 126. Siehe
Gaedertz, Theaterzuständo 121. 123.
2) Schmidts mir loidov unzugäiifjlicht? (Chronologie des deutschen thcatei*s erzählt
diese etwas romantische geschichte von Spiegelhergs bände; Overekoul, 127 hingegen
von Veltens, die sich von Kopenhagen nach Holstein reisend auf dem gofrornen
Mt Verirte. (Vgl. hierzu die oben citiorto notiz bei (iaedertz a. a. o. 123 von der
iKJSchwcrlichcu überfahrt der witwe Veiten von Koj)enhagen nach Holstein im oktol)er
1703.) Overskou beruft sit-h auf Jüwen, in dessen Theatergesoh. (Schriften IV,
Hamb. 1706) diese erzählung sich jedoch nicht iindot, dagegen eine andere, höchst
a|K)kryphe, von tlem entsetzen der naiven, halb heidnischen (!j Gotländer, als Vel-
tens trupjH), vom Sturm versclilagen , in theatercostumen ilire insel betrat. Die zwei
traditionen vermischt Devrient I, 34J , der, ohne besonden» geographische skrupoL
Spiegelbergs ti'U))j)e „auf dem gefrornen Delt" nach Ootland wandern liisst (!) E. Lund
(Blad ur svenska teaterns bist. , „Nu'^ 1871—75, 427) findet mit fug Uverskous bericht
wahrscheinlicher; all(;in woher stamt denn eigentlich dieser? Weder schwedische
noch diinische gleichzeitige quollen wissen von einem l)esuch deutscher scliausjneler
im jalire 1710, und auch die d»3utschen scheinen etwas trübe und widers])recheud.
326 FALUDAN
auch in dem Ripener programm mehrmals in der ersten person und
im eigenen namen, so dass wir berechtigt sind, in ihm den prinzipal,
und also in der truppe die königl. grossbrittannischen und kurfüretlich
braunschweig -lüneburgischen hof-acteurs zu vermuten. Von dieser
geselschaft weiss man sonst nichts weiter, als dass die bekante Caroline
Weissenborn und ihr gatte Neuber mitglieder waren, als sie 1718 zu
Braunschweig getraut wurden^. Es war also nicht, wie v. Reden -
Esbeck vermutet, die Haacksche truppe, welche diesen titel führte;
vielmehr hatten Neuber und seine gattin 1717 ihre scenische laufbahn
bei der Spiegelbergschen bände angefangen und waren dann in dem
nächsten jähre zu den kgl. grossbrittannischen acteurs übergegangen;
was sehr natürlich ist, vorausgesezt dass Denner, der mit Spicgelberg
in so naher Verbindung stand, noch 8 — 10 jähre nach seinen Vorstel-
lungen in Köln und Ripen an der spitze der leztgenanten truppe war.
m.
Die beiden Vorstellungen zu Köln und zu Ripen sind sogenante
„Raths-komedien*^, welche die truppen, um sich für gute aufnähme zu
bedanken, mit feierlicher, auch poetischer Widmung der obrigkeit zu
ehren zu geben pflegten. In Deutschland, besonders in den freien
Städten, war es bürgemieister und rat, denen man auf diese weise hul-
digte 2; in Dänemark aber, wo unter der souveränen regierung die com-
munaladministration weniger entwickelt war, wante man sich an den
stelvortreter des königs oder an hohe und einflussreiche gönner. So
finden wir dasselbe stück „Der verwirrte Soldat", welches in Köln von
Denner als ratskomödie aufgeführt war, auch in Kopenhagen 1719, dem
üboi-secretär der dänischen kanzlei Ditlew Wibe zu ehren, von der Spie-
gelbergschen truppe gespielt. Diese hauptaction war eine der bckau-
testen und beliebtesten; sie stand fünfzig jähre liindurch auf dem reper-
toire verschiedener truppen und gehört zu den wenigen, die volständlg
veröffentlicht sind, vielleicht in einer zu Laibach schon 1671 aufgeführ-
ten redaction^. Später wurde sie in Dresden 1673, und in Torgau 1690
von Veiten, zu anfang dos 18. Jahrhunderts von Denner in Köln, 1719
von Spiegelberg in Kopenhagen, 1720 (auch 1733?) in Stockholm und
1) Trauschein bei v. Reden -Esbeck, Caroline Neuber, 41.
2) Vj,'l. A. Cohn im Jahrb. d. 8hjikespoaregos. XXIII, 269 fgg., 1092 und 1609
in Breslau. Oaedertz Theaterzust. 110, 1080 in Lüneburg.
3) Durch G. v. Kadicz, Agram 1865; vgl. Litt, centralbl. 1866, nr. 49, Job.
Jioltü in der Ztschr. f. deutsche pliil. XIX, 1887, s. 86 uud Klemmiug, Sveriges
dramatiska literatur 539.
WANDKSTRUPFEN IN DÄNEMARK 327
möglicherweise 1724 in Hamburg von demselben gespielt Die aus-
gäbe von Badicz stand mir nicht zu geböte; um andern die vergleich ung
zu erleichtem, teile ich hier das Eopenhagener programm mit, nur mit
weglassung der in Kopenhagen eigens hinzugedichteten widmung und
einer Aria, worin „Fama der Hoch -Edel und Wohlgebohmen Wibschen
Familise alles Glück und Heil wünschet, Wobey sich der Berg Parnas-
sus mit denen Musen praesentiret**, ein stück poesie von demselben
schlage wie die Dennersche. Der text selbst scheint nach dem in Bol-
tes aufsatz gegebenen, kurzen andeutungen ganz derselbe zu sein, wel-
cher in Berlin und Wien handschriftlich erhalten ist, vermutlich also
auch mit dem von Badicz herausgegebenen gleichlautend. Einige
Unklarheiten und kleinere namensänderungen sind wol auch hier der
schriftstellerischen unbeholfenheit des programverfassers zuzuschreiben.
„Mit AUergnädigster Königlicher Bewilligung, Wollen Dem Hoch-
Edel und Wohlgebohmen Herrn, Herrn Detlev von Wiben, Ritter von
dem Elephanten Orden. Sr. Königl. Majestät von Dennemarck und
Norwegen, etc. Hoch-wohlbestajten Geheimten ßath und Grosz-Cantz-
lern. Ihrem grossen und vielvermögenden Patron dediciren und über-
geben Gegenwärtige Blätter. Und Ihm einig zu ehren auf den gewöhn-
lichen Theatro in einen Schau -vSpiel vorstellen, eine galante, modeste
und sehenswürdige Action, Genandt: Des glückes Probier-Stein,
Oder Der im Krieg verirrte, und in der Liebe verwirrte Lie-
bes-Soldat Heute Montags den 23 Januarii [1719]^. Die vor itzo An-
wesende Hoch Teutsche Comoedianten". (Hier folgt widmung und prolog.)
Persohnen der Action.
1. Selim, König in Persien.
2. Selimor, sein Sohn, unter dem Nahmen Ormachus.
3. Albia, Königs Tochter. *
4. Aribane, des Türckischen Kaysers, Solimans Tochter und Selimors
Liebste.
5. Parsinor, ein Land -Fürst, und der Albia Liebhaber.
6. Ajachmor, Ein Feldtherr.
7. Achniet
8. Harbi . Königliche Käthe.
9. Sultan J
10. Ornian, Selimoi*s Hoff- Meister.
1) Der tagcsaiigabe nach köute die Jahreszahl auch 1713 sein; aber Wibc wui'de
erst am 6. jan. 1716 elepbautenritter.
328 PALÜDAN
Summarischer Inhalt.
Selim ein König in Persien, hält mit seinen Ministris Kriegs-
Bath, ob es vor sein Land und Reich besser gethan sey mit dem
Türckischen Kayser, Solimann, noch länger zu streiten, oder gegen
denselben die Waffen nieder zu legen. Harbi will, dasz man den
Feind mit aller Macht verfolge. Achmet thut unterschiedene Vorschlage,
wie das Yolck zum Streit könne muhtig und hertzhafft gemacht wer-
den. Sultan aber meinet, es sey weszlicher [sie!] gehandelt, wenn man
noch ein klein wenig mit Frieden stille lege, und wartete, bisz der
Feind von neuen den ersten Angriff thue. Und weil Selim sich die-
sen Anschlag gefallen lasset,- bemühet sich Füret Parsinor auffs beste,
solchen mit Nachdruck zu wiederlegen. Dieses hat um desto eher
seine Wirckung, indem die Zeitung von der Princcssin Albia Gefan-
genschafft gebracht wird. Worüber denn der König der massen ergrim-
met, dasz er eher sterben, als sein geliebtestes Kind in Solimans bar-
barischen bänden lassen will. Der Perser Feldherr Ajachmor setzet
mit der Klinge seines Degens des Türckischen ICaysers Tochter, der
Aribane eifferig nach, welches bey jedermänniglichen eine grosse Ver-
wunderung verursachet, da sie nicht wissen, was es vor eine Persohn
gewesen. Aribane tritt darauff mit geblösten Gewehr herein, giebt
sich zu erkennen, und nachdem um ihrcntwillen der Krieg angefangen
worden, begehret sie von dem Könige, dasz er durch ihre Hand ster-
ben soll. Ormachus beschützet des Königes hohe Wohlfahrt durch
seine Klinge, und redet mit freundlichen werten Aribane ein, dasz
sie ihren zorn mäszige. Sie aber wendet vor, es sey fast ohnmöglich,
sich zu zwingen, allermassen der blutdürstige Selim sie ihres Liebsten,
durch Ertödtung seines Sohnes beraubet hat. Doch nach langer Unter-
redung besänfftiget sie sich, sonderlich, da ihr Erlaubnisz gegeben wird,
ihres liebsten Grabmahl zu sehen. Ajachmor mit Sultan und Achmct
bringen die höchsterfreuliche Nachrieht, das Solimans gantze Krieges-
Macht gäntzlich von ihnen erleget sey, und Fürst Parsinor die Print-
zessin Albia aus der Türeken Gewalt errettet habe. Albia und Parsinor
zeigen sich in Persohn selber, und nachdem er sich so tapß'er gehalten,
bekommt er die Printzessin von des Königes Hand, statt einer könig-
lichen Belohnung, zu seiner Gemahlin. Ormachus als ein Erhalter des
Königes, wird ebenfals begnadiget, und mit dem Fürstenthum Meschet
boschencket. Aribane erhält desgleichen völligen Pardon, und wird mit
aller Liebe und Höffliclikeit umfasset. Ormachus beseufftzet sein Elend
besonders, dasz er seine liebste Aribane verlassen müssen, und von
seinem Vater so unbarnihertzig verfolget worden, der ihn auch sogar
WANDERTRUPPEN IN DÄNEMARK 329
todt ZU seyn vermeinet. Orman als sein Hoffmeister, erkündiget sich
bey Ormacho seines wahren Zustandes, und weil er mit selbigem Mit-
leiden trägt, versichert er ihn durch einen theurcn Eydschwur seiner
getreuen Hülffe.
Actus II.
Der König Selim bezeuget ein überflüsziges Wollgefallen gegen
Ormacho, dasz er ihm beym Ijeben erhalten, und wieder Aribane
geschützet Aribane wird von neuen der Königlicher Gnade vei-sichert.
Ajachmor, Sultan und Achmet müssen ihr üutdüncken geben von Ari-
bane Schönheit Drauff offenbahret ihnen der König, dasz er sie zu
seiner Gemahlin begehre. Solches glauben sie nicht, dasz es geschehen
könne, denn die liebe, so sie zu Selimor getragen, sey allzu grosz.
Doch Ajachmor thut den Voi-schlag, man solle einige Gesandschaffl an
Soliman abfertigen, und mit ihm Friede stifften, vielleicht möchte die
Heurath können vollzogen werden. Darzu wird Fürst Parzinor erwählt
Ajachmor ist darüber vergnügt, weil er in dessen Abwesenheit seine
Liebste Albia zu entwenden hoffet Aribane verwundert sich gegen
Albia über den prächtigen Staat des Persischen Hoffes woboy Parsinor
und Ormachus mit zugegen seyn. Ajachmor fordert den Parsinor zum
Könige welcher auch alsobald seinen Abschied von seiner Albia nimmt,
und dem Ajachmor, selbigen indesz zu bedienen, überlasset Ormachus
allein nimt Gelegenheit bey Aribane mit verblümten Reden von Selimor
und seiner Liebe, die er gegen Aribane gehabt, zu reden, welcher
Discours der König aber unterbricht, worauff' sich gleich Aribane beur-
laubet wogzugehen. Der König verlanget von Ormacho, dasz, weil er
beredtsahm, er doch solle vor ihm bey Aribane um Liebe anhalten.
Dieses verspricht er zwar zu thun aber mit grosser Bestürtzung seines
Gemüthes, denn er selber die Aribane liebet Ajachmor entdocket dem
Ormacho, dasz er die Princessin Albia liebe, und obschon Fürst Par-
sinor ihrer sey thoilhaft'tig worden, wollo er sie ihme doch wieder ent-
führen zu dem Ende habe er auch dem König überredet, dasz er ihn
zu der Gesandtschaftt nach Solinum brauchen soltc. Ormachus erschrickt
über dergleichen .-IJiiszhcit gewaltig. Aribane, beklaget vor sich ihren
Selimor, *ksjz sie seiner Liebe nicht weiter geniessen kan. Ormachus
.xlai'ffegon seine Aribane, dasz er sich nicht daifi* vor seinem grausah-
nien Vater ihr zu erkennen geben. Füi^st Parsinor besuchet Ormachum,
und, weil sie beyderseits vei*traute Freunde, kan dieser nicht umhin,
ihme des Ajachmor Bubenstück zu offenbahren, doch ohne Nennung
der Persohn, weil er seine Ehre dabey zu Pfände gesotzet Aribane,
welcher von Ormacho höret, dasz der König sie liebet, ja sie gar zu
330 PALUDAN
seiner Gemahlin haben will, schlaget solche Liebe aus, und wil von
keinen andern, als Selimor, wissen. Nachdem Ormachus sich gegen
ihr blosz giebet, und saget, er sey Selimor, der biszhero Ormachus
geheissen, sincket sie in eine stai'cken Ohnmacht zur Erden nieder.
Ormachus wird auch bestürtzt, denn da der König nach der Ursache
fragt, was der Aribane fehle, weisz er nicht, was er andtw orten soll.
Doch, da er sehr draufF dringet, wendet er ein, er habe bey ihr den
Befehl des Königs vollbracht, und als sie es vernommen, sey sie fast
des Todes gewesen. Albia imd Ajachmor können sich nicht genug
darüber verwundern, Ajachmor rathet demnach dem König, er solle
mit Gewalt sichs von Ormacho sagen lassen, woher ein solch schleunig
Schrecken entstanden. Ormachus gehorsahmet, und was er kurtz vor-
her mit deutlichen Worten gegen der Aribane gesprochen, dasselbe
saget er hier sehr vorklümet aus. Und weil er sich so gar an dem
König mit dem Degen, hernach an dem Ajachmor vergreifft, wird er
in VerhafFt gezogen. Fürst Pai-sinor tröstet die betrübte Aribane mit
liebreichen Zureden, der Princessin Albia erweckt er eine Freude durch
Oflfenbahrung ihres Bruders Selimors, welches auch Orman vor seine
Persohii erweiset, indem er bey diesen Handel mit ßath und That
ihnen an die Hand zugehen getreulich angelobet
Actus in.
Ormachus im Gefängnisz beklaget abermahl seinen unglückseligen
Zustand, dasz da ihn der Himmel hat hoch gebohren werden lassen,
er doch nicht, wie andere Fürsten und Könige Kinder, leben kan,
Orman spricht ihm einen Muth ein, mit Versicherung, er werde noch
heute sein Aribane als Braut, umarmen können. Dieses will er nicht
glauben, weil sein geiler Vater ihm verhindernisz machet, wird aus
Liebe nach Aribane rasend, aus Verzweififlung reisset er die Ketten
entzwey, und springet aus dem Gefängnisz. Aribane solches hörend,
lauftet ihm geschwinde nach. Pai-sinor, nebst Aehmet und Harbi, las-
sen sich von Orman dem richtigen Verlauft der Sache mit Ormacho
erzehlcn, und entschlieszen sich mit einhelliger Stimme, ihre Rache
am Selim, den gottlosen Vater, deswegen auszuüben. Ormachus raset
und tobet, und will von Aribane sich nicht bosänfftigen lassen, ist unge-
halten, dasz Aribane seine Liebe verachtet, Harbi und Sultau lästern
(loni König und vertheidigen gegen ihm den Ormachum, worüber Ajach-
mor hefftig erzürnet wird. Orman meldet einen Abgesandten von Soli-
man an, der König will ihm nicht hören, aber er musz sich doch wieder
des Königs Willen stellen. Seiini siehet sich verrahten, weil der gantze
WANDEBIBUPPSN IN DÄNKliABK 331
HoflF voller Aiiffruhr ist. Des Gesandten Begehren wird nach allen
stücken erfüllet. Der König fragt den Parsinor, warum er nicht ver-
reiset, und die Gefangenschaffl [sie!] nach Soliman vorrichtet, darauff
er diese Antwordt ertheilet, weil nenilich Ajachmor in seiner Abwe-
senheit habe, wollen mit seiner Liebste durchgehen. Ajachmor will
sich zur Rede stellen, wird aber bald abgewiesen. Albia sagt ihrem
Vater ins Gesicht, es sey nicht recht, dasz er mit seinen Kindern, als
ein Tyrane, verfahre. Ormachus raset abermahl, denn der König will
wieder ins Gefangnisz werffen. Keiner will die Hand an ihm legen,
weil er ein Printz, und von seinen Vator unschuldig leiden musz.
»Sultan körnt, und meldet, wie dasz Aribano nicht mehr am Pereischen
Hoffe zu finden sey. Der Türckische Abgesandte giebt sich zu erken-
nen, und zeiget, dasz unter den Manns- Kleidern Aribane verborgen
gewesen. Selbige fordert von dem Könige und Ajachmor den Degen.
Ormachus erhält seinen vorigen Verstand. Wird von jeder männiglich
vor Solimor erkandt, und angenommen. Selim bittet um Verzeihung,
dasz er so höchlich geirret, und sagt, es sey aus einer brünstigen Liebe
gegen Aribane geschehen. Erlanget Gnade. Ajachmor aber wird als
ein Verrähter, aus Persien auflf ewig verbannet. Aribano und Orma-
chus und Parsinor und Albia schweren einander ewige Treue, einander
nicht zu lassen. Und wird also dieser Action unter vielen Olückwün-
schungen zu aller anwesenden Contentement hiermit geendiget
Nach Endigung dieser admirablen Haupt-Action soll zu desto
mehrer Gemüths Vergnügung, eine recht lustige Nach Comödie den
vcUligen Schlusz machen Genandt
Die vier verliebten Geister.
Der Schauplatz ist auf den Schneider Gelachs- Hause in der I3ro-
legger- Strasse auß* der Eck von der Endelosz-Strasse, und wird pnr-
ciso umb 4. Uhr angefangen und giebt die Pereon in Tx)gen 16 — 12
— 8 bis 4. Lübsch^.
IV.
Dieselben „hochdeutschen Coinedianton" gaben einige tage früher
im monat januar und wider am 9. niai 1719 zu Kopenhagen die
bekante tragödie Papinian von Andreas Oryphius. In einem früheren
artikel dieser Zeitschrift^ habe ich gezeigt, wie das damals so beliebte
stück für eine dilettantenvorstollung zu St. Gallen 1080 abgeändert
wurde; es liegt aber also noch in einer dritten bearbeitung vor, der
Haupt- und staatsaction. Die schauderhafte und ei-Sfliütternde schil-
1) Ztschr. f. doutscho pliil. XXIll, 'J3U.
332 PALUDAN
derung der blutigen regierungszeit des tyrannen Caracalla eignete sich
sehr wol für die Wanderbühne und wurde schon 1677 von der Treu-
schen truppe, 1690 von Veiten in Torgau und um 1710 in Nürnberg
gegeben 1. Ungefähr in dem leztgenanten jähre wurde die tragödie für
den behuf der Wandertruppen neu bearbeitet, warscheinlich von dem
bekanten bandenprinzipal Haskerl, und in dieser redaction ist sie neuer-
dings von C. Heine nach einer Wiener handschrift teilweise widerge-
geben 2. Diese Haskerlsche hauptaction war es, die in Kopenhagen
1719 gegeben wurde, drei jähre früher als die erste aufiführung in
Deutschland, die Heine hat ermitteln können (1722 in Dresden von
der Hofifniannschen truppe). Auch hier ist uns der theaterzettel mit
ausführlicher Inhaltsangabe und scenengang, wie es damals bei den
haupt- und Staats -actionen üblich war, noch erhalten; er dürfte zu
vergleichung mit Heines auszug aus dem stücke hier seinen platz
behaupten können:
Mit allergnädigster Königliche Bewilligung Werden heute am Don-
nerstage den 12ten Janarij [1719] Die von denen vor jetzo Anwesen-
den Hoch-Teutschen Comoediantcn Denen Respective Liebhabern Teutscher
Schau -Spiele; mit lobendigen Persohnen vorstellen, Eine modeste,
galante und sehenswürdige Haupt- Action Genandt Der Groszmüh-
tige Rechts-Gelehrte ^milius Paulus Papinianus Oder Der
kluge Phantast und warhaffte Calondermacher Ein recht Mei-
sterstück der Comma3dien. — Persohn
Antoninus Bassianus, Römischer Kayser.
Antoninus Gota Des Kaysei-s Bruder.
Juliana Die Kayserin.
Pappinjauus Der Rechts -Gelehrte.
Plaucia Pappinjanus Gemahlin.
Tji^tus Kavserlicher Raht.
Flavius, Kleandcr Zwey Kammer Diener
Trosullus Stern Kückcr.
Trarrcus Calondermacher.
Actus primus. ~ Letus Flavius und Oleander halten unter Re-
dung, wie sie den Pappinjanum seiner ehren Aempter berauben und
1) Jahrb. d. Shakespoaivgosolsch. XIX, 148, nr. 150: „Pie Enthauptung pa-
l»iniani d(?s rechtsgolohrton unt(;r Caracalla". Der zeit nach könte dies vieUoicht aacb
ifaskerls bcarbeituiig sein.
2) Eine bearboitung dos Papinian auf dem rcpertoir der wandertmppeo , Ztschr.
f. deutsche phil. XXI, 280 fgg.
..i
WANDERTRUPPEN IN DANEMARK 333
wie sie ihn bey den Kayser in Ungnade bringen mögen; Flavius aber
gantz alieine gedencket aufif Mittel wie er ihn bey den Kayser in Gna-
den setzen mögen, Pappin janus sitzet beym Tisch und beklaget sich
der Verdriszlichkeit und des grossen Unrechts so ihn von den Kayser
wiederfahret, Plaucia seine Gemahlin tröstet ihn, bittet er möchte dem
Kayser Fuszfällig werden, er aber kan dieses nicht thun weil der Kay-
ser ihn kein Gehör ertheilen wiU, Lotus stehet und lauret und saget
wie dasz er diese Untreu den Kayser offenbahren will, Trarreus und
Jjotus haben einige kurtzweilige Reden mit einander, wegen des Pap-
pinjanus. Pappinjanus und Flavius halten unteiTodung wegen des
Kaysers gefasten Zoni wieder den Pappinjano.
Actus 2. — Der Kayser triumphieret wegen seines gehabten Sie-
ges, Lotus aber bildet dem Keyser ein, als ob sein Bruder Geta ihm
nach Krone und Cepter trachte, der Kayser will anfängliches nicht
glauben, weill aber der Kayser an seinen Bruder Geta ein sein Bedien-
ten niit einiger üecreta zu unterschreiben sendet, weill er aber die-
selben nicht gleich unterschreiben wil, bekommt er einen Argwohn,
Lotus seinen Wort zu glauben, welcher ihn dann auch die Anleitung
giebet, seinen Bruder umbs Leben zu bringen; Geta beklaget des Kay-
sers Zorn, welcher er wieder ihn traget; Julia seine Mutter redet ihm
solches aus den Siim, bittet ihn, das er seinen Bruder nichts wiedor-
sprechen möge; Geta gehet hin seinen Bruder aufzuwarten; Frasullus
stehet mit seinen Spei-spectiev und betrachtet den Himmels-Lauff; Frar-
reus stehet von hinten und siehet seine närrische Grillen an, und
haben einen poszirlichen Discours; der Kayser setzet sich mit seinen
Bruder auf den Thron, werden aber streitig zu sannnen, der Kayser
ersticht seinen Bruder; die Kayserin beklaget den Tod ihres Sohnes.
Trarreus und Frasullus trösten die Kayserin; Trasullus hat etliche
Kurtzweil mit Todten Cörper.
Actus 3. — Der Kayser sitzet an den Tisch, beklaget die Mordt
so er an seinen Bruder gethan, weil er aber, der Lotus welcher ihn
zu dieser Morät verführet, kein besser Geschenck zu geben weisz,
schickt er ihn einen Brief, nobst ein Dolch und einen Becher mit Gifft,
womit er sich selbst das Leben nehmen sol, Lotus sitzet bey dem Tisch,
frohlocket über dasz jenige, dasz sein Anschlag so wohl von statten
gegangen ist, Flavius überbringet ihn den Brief nebst den Becher und
Dolch: Oleander kommt und hebet des Kaysers einmahl gefaszten Urtheil
auf; Frarreus und Frasullus halten einen lächerlichen Discours, worüber
sie sich erzürnen, und einander beim Kopff kriegen, einer von des
Kavsers Bedienten wil sie von einander treiben.
334 PALÜDAN
Actus 4. — Der Kayser begehret von Pappinjano, dasz er eine
Schutz-Rede vor dem Volck für ihm thun sol, welches er ihn aber
abschlägt, worüber der Kayser zornig wird, und ihn seiner Ehren -
Aempter entsetzet; Plautia höret die Klage der Gemahlin Pappinjano;
Flavius kündigt dem Pappinjano die Enfetzung (!) seiner Ehren -Aem-
ter, und beraubet ihn seines Regiments -Staps, Gewehr und seines Kin-
des, der Kayser befielet dem Kinde das Leben zu nehmen, und weil
Pappinjanus noch in seinen Willen nicht willigen wil, befielet der
Kayser ihm auch den Kopfif abzuschlagen.
Actus 5. — Der Kayser fallet in einer Raserey; Julijana und
Plautia kommen und bitten vor Pappinjano weill aber er schon ent-
haupt ist, erlangen sie diese Antwort das sie zu späte kommen, und
jaget sie von ihnen, die mittel Gardine wird anffgezogen, da Presen-
tiret ein Monument worin der Pappinjanus mit seinem Kinde lieget,
die Kayserin und Plautia kommen und beklagen den Todt des Pappin-
jano, TrasuUus kommet und tröstet sie, und schlieszen die Comniödie
mit Värsen.
Nach Endigung dieser admirablen Haupt- Action soll zu desto
mehrer Gemüths Vergnügung, eine recht lustige Nach Comödie den
völligen Schlusz machen.
Der Schauplatz ist auf den Schneider Gelachs -Hause in der Bro-
legger- Strasse auff der Eck von der Endelosz- Strasse, und wird pra^
eise umb 4 Uhr angefangen und giebt die Persohn in Logen 16, — 12,
— 8 bisz 4 Lübsch".
Etwas später in demselben jähre finden wir den Papinian wieder
von den „ Hochteutschen Comoedianten** in Kopenhagen aufgeführt,
aber mit geändertem titel Auch in Deutschland lautete nach Heine 283
der titel häufig ganz vorschieden an den verschiedenen stellen, wo das
stück gespielt wurde.
„Mit aller gnädigster Erlaubnisz Wird heute Dienstag den 9 Maij
[1719] Denen nach Standes Gebühr Hoch- und Viel Gt^elirten Lieb-
habern derer Comoedien, Die Welt -berühmte Hochteutscho Compagnie
eine galante Haupt Action aufführen, Betittelt: Der unschuldige
Bruder-Mord Oder Das blutige Rom, unter der Regierung
dos Römischen Käysers Antonini Bassiani Caracallae, Wie
auch Der Kluge Phantast und Warhafte Astrologus. Zum
Boschlusz folgt eine lustige Nach Comoedie Genannt, Arleqvin eine
vci-stelte Mumie.
Der Schau-Platz ist auff den Schneiders Gelachs-Hausz und prae-
sice des Abens umb 5 Uhr wird die Gardine gezogen. Anbey dienet
WANDBRTRÜPPKN IN dXnKHARK 335
ZU wiszen, dasz wir diese Woche nur die einzige Comoedie aufifüren
werden; Und weil sie etwas lang, wird dienstlich ersuchet, sich bey
Zeiten einzustellen. — Der erste Platz giebt die Persohn 1 Mck I^z«
der andre 12 Lsl. der dritte 8 auch 6 Lsz.''
Dass es sich hier um die von Heine veröffentlichte hauptaction
handelt, geht aus dem inhaltsreferat ganz deutlich hervor. Zwar finden
sich besonders gegen den schluss einige Verschiedenheiten; die ereten
scenen des 4ten acts sind in dem Kopenhagener stück auf den 3ten
verlegt, die lezte scene des 4ten acts auf den 5ten; die Überlieferung
des Lretus an die kaiserin und seine grausame strafe sind nicht erwähnt,
auch trägt die kaiserin hier nicht dem Papinian ihre hilfe an; über-
haupt scheint der lezte teil des stücks stark verkürzt, und das ballet-
tenartige schlusstableau vei-sammelt nicht alle personen des Schauspiels.
Solche änderungen können sich aber die truppen nach massgabe der
äusseren Verhältnisse bei der jedesmaligen aufführung leicht gestattet
haben, geschweige dass unser schwerfälliges referat sehr wol wesent-
liche teile der handlung vergessen haben kann. Merkwürdig ist es,
dass die geistererscheinungen am schluss des 4. acts in der dänischen
redaction fehlen, da dergleichen gespensterscenen sonst in den mei-
sten hauptactionen zu den wichtigsten und fast unerlässlichen mit-
tein des bühneneffekts zälilen. Bei der aufführung in St. Gallen hat
man dagegen geflissentlich „dasjenige so bey uns ungebräuchlich oder
nicht gern gesehen wirt, wie die Geister und Höllische Furien" aus-
gelassen.
Übrigens hat Heine 302 fgg. diese hauptaction mit dem original des
Grj^phius verglichen um zu zeigen, wie die fahrenden Schauspieler das
gelehrte drama für den roheren geschmack ihres publikums zurecht
machten. Die gröberen elementc der handlung sind in den Vordergrund
gezogen, der bloss rhetorische teil des dialogs beschnitten und bis auf
einige besonders pathetische stellen in prosa bearbeitet, die lyrischen
chöre und „royhen", in denen sich Gryphius am höchsten empor-
schwingt, fallen ganz hinweg. Die pei*sonenliste wird nach den kräf-
ten der truppe beschränkt, in Dänemark noch stärker als in Deutsch-
land; so sind ausser mehreren nebenpersonen nicht nur der vator Pa-
pinians, sondern auch seine niuttor Eugenia gestrichen und, wie es
besonders in dem sehr verworrenen referat des 4ten acts den anschein
hat, teilweise mit der kaiserin vermengt. Nach einer anderen seite hin
ist die handlung wider bedeutend erweitert: durch hinzufügung der
für die hauptaction ganz unerlässlichen Hanswurstscenon, welche, um
dem volksgeschmack entgegen zu kommen, dem tragischen dement
336 PALUDAN
ganz roll und äusserlicli ein burleskes anfügten. Die rolle des Hans-
wursts spielt in der hauptaction der „kalendermach er ** Trarreus, zum
teil auch der „sterakijcker" Trasullus, von denen nur der zweite bei Gry-
phius vorkonit, dort aber als ganz ernst gehaltene nebenperson. Die
plumpen schwanke der zwei narren sind mit der handlung nur lose
verbunden und treten gewöhnlich vor und nach den ergreifendsten
scenen ein, vielleicht um den erschütternden eindruck etwas zu ver-
wischen; so heisst es in der Kopenhagener redaction unmittelbar nach
dem brudermord des kaisers: „Trasullus hat etliche kurzweil mit (dem)
toten körper". Übrigens scheinen hier einige der komischen auftritte,
besonders im anfang des 4ten acts, weggelassen oder vielleicht, als
extemporiert, in das programm nicht aufgenommen zu sein. Wie viel
gewicht man derlei narrenspossen beilegte, ist aus der starken, oft gar
irreleitenden hervorhebung auf dem anschlagzettel klar: „Der gross-
müthige Rechtsgolehrte . . . Papinianus oder der kluge Phantast und
wahrhafte Calendermacher". Dieser misgeschmack war besondei's von
dem berühmten Wiener Hanswurstspieler Stranitzky ausgebildet, und
solche nebentitel haben fast alle von ihm aufgeführten (und geschrie-
benen?) hauptactionen aus ungefähr derselben zeit^: „Triumph der Ehre
und des Glücks oder Tarquinius Superbus, mit Hanns Wurscht dem
unglückseligen Verliebten , durchtriebenen Hofschrantz, interessirten
Kupier usw." „Die Enthauptung des weltberühmten Redners Ciceronis,
mit H. W. dem seltsamen Jäger, lustigen Fallirten, verwirrten Brief-
träger usw.", „Die Verfolgung aus Liebe oder die grausame Königin
Atalante, mit H. W. dem lächerlichen Licbes-Ambassadeur, betrogenen
Curiositetenseher, einfältigen Meuchelmörder" u. m. dgl.
Die Schauspieler, welche vom Januar bis mai 1719 in Kopenhagen
auftraten, bezeichnen sich immer als „hochteutsche comedianten". Die-
ser name ist aber nicht oinzelbezeichnung irgend einer bestimten ti'uppe,
sondern die landläufige benennung aller deren, die deutsch spielten 2.
Allem anschein nach waren jedoch diese comödianten die bände Johann
Spiegelbergs, ein ableger der berühmten Veltenschen truppe, die sich
um 1712 aufgelöst hatte. Noch früher aber schieden einige mitglie-
1) Schlager, Wiener -skizzen, N. F. 1839, I, 281. Weiss, Wiener haupt-
und Staats -actionen 1854; die meisten vom jalir 1724; vgl. C. Heine, Das Schauspiel
der deutschen Wanderbühne vor Gottsched 1889, 28 fgg. 35.
2) So nanten sich z. b. schon die Carlische truppe 1G74, die in Laibaeh 1G71,
die in Breslau 1G02 und 99 und die in Schweden 1690 — 97 auftretenden comödiau-
tou (Ztscbr. f. deutsche phil. XIX, 87. Jahrb. d. Shakespearogeselsch. XXIII, 268);
auch die Velteusche bände, bis sie sächsische lioftruppe wurde, u. a. m.
WANDERTRT7PPBN IN DÄNElfABK 337
der derselben aus und trieben sich auf eigene gefahr in Norddeutsch-
land und den nordischen reichen herum. Darunter waren, wie schon vor-
her gesagt, die familien Denner und Spiegelberg, welche bald einzeln,
bald gemeinschaftlich agierten. Die wanderzüge der Veltenschen truppe
bis zum tode Johann Veltens 1692 sind neuerdings namentlich durch die
Untersuchungen 0. Heines ziemlich genau bekant geworden, und auch
die zweite deutsche haupttruppe in der ersten hälfte des 17. Jahrhun-
derts, die Neubersche, hat durch ihre Verbindung mit Gottsched, welche
den Übergang zum regelmässigen kunstdrama vermittelte, die auftnerk-
samkeit der forscher auf sich gezogen. Hingegen ist die geschichte der
kleineren norddeutschen Wandertruppen in dem Zeitraum zwischen
1710 — 27 noch ziemlich unerörtert; aber eben für diese geschichte
geben die Kopenhagener theaterzettel und andere dänische Urkunden,
wie wir teilweise schon gesehen haben, einige belege. Haben wir es
hier mit Joh. Spiegelberg zu tun, so ist der ungefähr halbjährige auf-
enthalt seiner truppe zu Kopenhagen 1719 die erste sicher beglaubigte
spur von der Wirksamkeit derselben; denn es ist unklar, in welchem
Verhältnis sie zu der früheren Dennerschen geselschaft gestanden hatte,
und auch nicht gewiss, ob sie in Hamburg vor 1724 auftrat ^ Spie-
gelberg nent sich aber nirgends auf den Kopenhagener theaterzetteln ;
und noch mehr verwickelt wird die frage dadurch, dass offenbar unge-
fähr gleichzeitig ein zweiter prinzipal desselben namens wirkte. Gla-
ser^ kent einen „Hochfürstlich Würtembergischen prinzipal" Christian
Spiegelberg, welcher 1711 während der Braunschweiger messe auftrat;
V. Reden-Esbeck^ glaubt dies durch eine namensverwechselung mit
dem bekanten Johann Spiegelberg erklären zu müssen. Das dürft»
aber übereilt sein. Gewöhnlich wird berichtet, dass Joh. Spiegelberg
auf einem seiner wanderzüge zu Bergen in Norwegen den 23. sept
1732 starb, und wirklich spielte noch im anfang des Jahres 1733 daselbst
eine deutsche truppe. Die noch erhaltenen ministerialbücher der dom-
kirche zu Bergen wissen aber von keinem Johann Spiegelberg; dagegen
weisen sie aus, dass am 26. sept. 1732 ein Christian Spiegelberg begra-
ben wurde*. Dies zusammen tieffen mit Glasers bericht kann kaum
zufällig sein; es ist also wahi-scheinlich , dass zwei prinzipale Spiegel-
berg im ersten drittel des 18. Jahrhunderts in den nordLschen reichen
spielten, und dass es der weniger bekante würtembergische hofcomö-
1) Schnitze, Hamburg, theatergesch. 48. 50.
2) Gesch. (1. theaters in ßrauoschweig, 1861.
3) Caroline Neuber 39.
4) Huitfeldt, Christiania theaterhist. , Kopenh. 1876, s. 41.
ZKITSCHRIFT F. DEUTSCHR PHILOLOGIE. BD. XXV. 22
338 PALUDAN
diant, nicht aber der vermutlich zu Kopenhagen 1719 auftretende prin-
zipal der ^hochdeutschen compagnie" Johann Spiegelberg war, der zu
Bergen starb. Dagegen treffen wir die witwe des lezten, Mad. Elisabeth
Spiegelberg geb. Denner, 1735 zu Norrköping in Schweden spielend^.
V.
Die anwesenheit einer anderen deutschen bände zu Kopenhagen
in der fastenzeit 1717 kennen wir nur aus einem officiellen briefwech-
seP, welcher weder namen noch repertoire angibt, die Vorstellungen
aber als ziemlich erbärmlich bezeichnet. Das oben genante jähr 1719
hingegen war an Schauspielen in deutscher spräche besonders reich,
indem ausser den „hochdeutschen comedianten" auch eine zweite, von
mir früher in dieser Zeitschrift XXIII, 231 fgg. ausführlicher besprochene
geselschaft auftrat, welche u. a. den „Titus Andronikus" als puppen-
komödie und als „lustiges nachspiel" die tragödie Wenceslaus von
Rotrou gab. Nach diesem jähre aber wurde Kopenhagen unseres Wis-
sens von keiner eigentlichen deutschen Wandertruppe mehr besucht
Dies erklärt sich u. a. aus den Verhandlungen, die ein ehemaliges mit-
glied der französischen hoftruppe, Etienne Oapion, schon 1718 mit der
regierung eingeleitet hatte, und welche 1720 zu dem ihm vergönten
privilegiimi führten, dass er allein komödien mit lebendigen personen
(1721 auch mit puppen, Seiltänzern u. dgl.) aufführen und fremde
komödianten verschreiben dürfe*. Die behörden wünschten nämlich
den zufluss von fremden gauklern möglichst zu hemmen, und dies
gelaug auch zum teil wirklich. Doch kam der bekante „starke mann^
Johann Carl v. Eckenberg noch in demselben jähre 1720 mit einer bände
von Seiltänzern in Kopenhagen an. Über seine Wanderungen in die-
ser ei*sten zeit herscht einige Unsicherheit, die sich jedoch durch beglau-
bigte dänische Urkunden teilweise aufklären lässt. Nachdem er 1719
in Russland aufgetreten war, spielte er in der fastnachtzeit und nach
ostem 1720 zu Königsberg, verliess aber unzufrieden die Stadt ^ imd
1) Schwed. zeitschr. „Nu** I, 428.
2) Dr. 0. Nielsen, Kjöbenhavn paa Holbergs Tid, Kopenh. 1884, s. 231.
3) Werlauff, Antegn eiser 1858, s. 217 fgg. 302. Danske samlinger v. Braun,
0. Nielsen und A. Petersen, II, 354 fgg. Ein gleiches Privilegium war schon 1706
einem Dänen. Anders Gamborg, gegeben, von diesem aber nicht benuzi Werlauff
a. a. 0. 293.
4) Hagen, Gesch. des theaters in Preussen 113 fgg. Bolte, Der ^starke mann**
J. C. Kckenborg, in d. Forsch, z. brandonb. u. prcuss. gesch. 11, 1889 s. 214. Voo
den in diesem aufsatz genanten, Bolte nicht zugänglichen werken finden sich auf
dänischen bibliotheken „Curieuse uachrichten von starken leuten** (nicht aber in dio.
WANDEBTRUPPEN IN DANEMARK 339
mus8 gegen ende des Jahres in Kopenhagen angelangt sein, wo er, wie
es scheint, als eine art von reklame seine „Abgenötigte ehrenrettung"
herausgab und im december nicht nur seiltänzerkünste u. dgl. vor-
führte, sondern auch mit lebenden personen agierte, vermutlich „bur-
lesques comedies", possen, die er ausdrücklich nent, als erden 15. jan.
1721 für längere zeit spielprivilegium suchte. Capion protestierte aber
gegen einen solchen eingriff in sein Privilegium, und Eckenberg muste
sich mit ihm vereinigen. Nach kurzer zeit trenten sie sich jedoch wider;
Eckenberg gab abermals allein Vorstellungen, verliess aber bald die
Stadt und kam im april nach Stockholm^. In demselben monat des
folgenden Jahres, 1722, erschien er noch einmal zu Kopenhagen und
producierte sich erst auf Capions theater; nach drei wochen aber errich-
tete er eine eigene bude ausserhalb der stadt, wo er auch comödian-
ten engagierte. Auf Capions klage wurde ihm dies verboten (septem-
ber 1722), und bald nachher verschwindet er aus Dänemark für immer*.
Die nachricht bei mehreren deutschen Verfassern, dass er in Dänemark
geadelt sein solle, oder wenigstens seinen adel erneuert bekommen
habe, entbehrt jeder stütze. Nach allem, was wir von seiner behand-
lung seitens der behörden wissen, genoss er beim hofe keineswegs eine
gleiche gunst wie später in Berlin bei Friedrich Wilhelm I^.
Inzwischen hatte Capion 1721 das erste eigentliche Schauspielhaus
gebaut und gab im jähre 1722 französische und deutsche Vorstellungen
mit ausländischen schauspielern. Sein repertoire kennen wir nicht;
aber schon am 23. sept. 1722 gieng aus der Verbindung des dichters
Holberg mit Capion und einem andern ehemaligen französischen hof-
schauspieler Montaigu eine dänische nationalbühne hervor, ungefähr
wie später eine deutsche aus Gottscheds Verhältnis zu der Neuberschen
truppe. Das neue nationale repertoire und die einheimischen Schau-
spieler stelten die leistungen der Wandertruppen ganz in schatten und
machten ihnen die concurrenz unmöglich.
Übersetzung, Kjöbenh. 1720) und Eckenbergs „Abgenötigte ehrenrettung*', welche dem
Inhalt und der zeit nach in Kopenhagen geschrieben scheint. Neue aufschlüsse von
bedeutung geben diese schiiften nicht, meist nur ülustriei'te beschreibung der kunst-
stücke Eckenbergs.
1) Werlauff 220. 476. Dahlgren , Om Stockhohns theatrar, Stochholm 1866, s. 22.
2) Werlauff 222.
3) Deyrient, Gesch. d. deutschen Schauspielkunst I, 353. Schütze 62. Plü-
micke, Theatergesch. v. Berlin 106. Brachvogel, Gesch. d. kgl. theaters in Berlin
66. 71. Vgl. 0. Nielsen, Kjöbenhavn paa Holbergs Tid 248 fgg. Rahbek Hesperus
(zeitschr.) VI, 236, Kopenhagen 1822.
22*
340 PALUDAN
Der einzige, der mit den dänischen comödianten zu wetteifern
versuchte, war Salomon Paulsen v. Quoten, kein deutscher truppen-
prinzipal, wie man bei Dement^ u. a. liest, sondern gewesener däni-
scher Soldat, wahrscheinlich aber doch deutscher oder niederländischer
abkunft; dann zahnbrecher, „oculist, stein- und bruckschnieder" und,
wie dergleichen quacksalber oft 2, zugleich comödiant oder wenigstens
Puppenspieler. In Kopenhagen trat er schon 1715 auf und erreichte
nach widerholten bitschriften 1718 die erlaubnis, deutsche comödien
mit lebendigen personen zu agieren 3. Wie er das Privilegium benuzt
hat, wissen wir nicht recht; nach einem versuche mit Capion zusam-
men zu spielen zog er sich bald zurück und gieng, als Capion spiel-
monopol bekommen hatte, mit seiner trappe nach Schonen (okt 1720),
wo er jedoch ebenfals abgewiesen wurde*. Unter den von ihm gespiel-
ten stücken nent Holberg, v. Quoten selbst auf der bühne vorführend,
dr. Faustus, Adam und Eva, Zauberei von Arniida^
Als die dänische Schaubühne nach dem tode des pietistischen
Christian VI. wider eröfhet wurde (1747), baten auch v. Quoten
und sein söhn mehrmals vergebens um die erlaubnis, deutsche (spä-
ter auch dänische) tragödien und comödien mit lebenden personen
aufführen zu dürfen^ und erlangten endlich ihr ziel durch benutzung
des einem general Arnold vergönten Privilegiums. Der söhn, Julius
v. Quoten, zeigte sich als ein ganz energischer leiter, welcher ein
eigenes theatergebäude errichtete und tüchtige leute engagierte, Deut-
sche wie Dänen; mehrere der lezteren gehörten später zu den besten
kräften der nationalbühne. Er spielte zweimal wöchentlich deutsche
comödien abwechselnd mit Moliöre, Holberg, Seiltänzer- und gaukler-
künsten, anfangs nicht ohne glück; nach einem halben jähre aber
zog er in dem wetstreit mit der dänischen Schaubühne den kür-
zeren und muste im mai 1748 sein vorhaben einstellen. Vergebens
suchte er dann ein Privilegium für die provinzen und Norwegen
und nahm endlich seine Zuflucht zu dem ursprünglichen gewerbe sei-
nes vaters.
1) Gesch. d. deutschen Schauspielkunst I, 352.
2) Devrieut I, 354. üer Italiener Sebastian di Scio zu Berlin 1693 (Brach-
vogel 49) und Stockholm 169(i, s. Silfverstolpe in der schwedischen zeitschr. Fram-
tiden 1877, 143.
3) Werlauff 472 fgg. 0. Nielsen 243 fgg.
4) Dahlgren, Om Stockholms theatiur, Stockholm 1866, 21.
5) Hexeri eller blind alarm, act. 4, sc. 5.
6) Werlauff 483 fgg.
WANDKRTBÜFPIN IN DÄNEMARK 341
Die titel der von ihm gespielten stücke hat uns Overskou erhal-
ten ^ Wir treffen da ungefähr ein dutzend deutscher dramen ausser
einigen nicht näher bezeichneten nachspielen. Einiges darunter gehört
zum alten repertoire der Wandertruppen ; aber die eingetretene geschmacks-
änderung zeigt sich auch daran deutlich genug, dass diese stücke nur
ein-, höchstens zweimal aufgeführt wurden, während Holbergs dänische
originale und die Übersetzungen aus dem französischen sich längere zeit
auf der bühne behaupteten. Eine bekante hauptaction war „Der flüchtige
Virenus oder die getreue Olimpia" (1747 und 48 bei v. Quoten zweimal
aufgeführt), schon zu Kegensburg 1687, zu Nürnberg um 1710 und in
Hamburg 1721 gespielt 2. Zweifelhafteren Ursprungs sind „Ulysses und
Penelope oder Die treue beständigkeit" (1748, einmal)^, „Der grausame
Nero oder Die triumphierende liebe" (1747) (vielleicht die von Haak
in Hamburg 1719 gespielte action „Nero oder die beleidigimg aus
liebe"*) und „Aurora" (1747), nicht unwahrscheinlich identisch mit
„Kronen -streit zwischen Aurora und Stella"^, nach Calderon auch
französisch und niederländisch bearbeitet und oft aufgeführt: Lüneburg
1666, Dresden 1676, von Veiten in Torgau 1680, rielleicht in Nürn-
berg um 1710, Frankfurt 1741, später von Kopf bearbeitet 1754. „Die
spanische blutmahlzeit oder Tugendspiegel der damen" (1747, einmal)
nent Bolte als dem repertoire Eckenbergs in Berlin 1733 angehörig®.
„Don Petros totengastmahl " (1747 — 48), die bekante geschieh te von
Don Juan, war von Veiten in Torgau 1690, in Nürnberg um 1710,
in Wien von Prehauser 1716, daselbst wider 1752 und 1761 und
anderswo öfters aufgeführt^, auch als Puppenspiel; es bleibt aber wol
fraglich, ob dies eine eigentliche hauptaction, vielleicht nach einer der
bei Engel 11 genanten italienischen dramatisierungen der sage war,
oder nicht vielmehr eine modernere bearbeitung nach Moliöres Festin
de Pierre (1665). Jedesfals gab v. Quoten 1748 ein lustspiel von
1) Danske skueplads U, 63.
2) Jahrb. d. Shakospeareges. XIX, 150, nr. 77. Schütze 45.
3) Ztschr. f. deutsche phil. XXIII, 238 näher voq mir besprochen.
4) Devrient I, 323.
5) Bolte in der Ztschr. f. deutsche phil. XIX, 92 und in Herrigs Arch. LXXXII,
122. Heine, Joh. Veiten 29. Dei^s., Das Schauspiel der deutschen Wanderbühne 7.
8. 10, und Zeitschr. f. vgl. litteraturgesch. u. ronaissancelitt. N. F. II, 395. Jahrb.
d. Shakespearegeselsch. XIX, 152, nr. 122.
6) Forsch, z. brandenb. u. preuss. gesch. 11, 221.
7) Heine, Joh. Veiten 37. Jahrb. d. Shakespeareges. XIX, 154, nr. 158 „Don
petro gaatmahl". Engel, Deutsche puppencomödien I. Bolte, Meliere -übs. des 17.
jahrh., in Hemgs Archiv LXXXII, 81 fgg.
342 FALÜDAN, WANDERTBUPPEN IN DÄNEMARK
Destouches ^Das gespenst mit der trommel" in Gottscheds deutscher
Übersetzung von 1740. Neueren Ursprungs waren ebenfals die schäfer-
spiele „Pavona oder die vierfache liebe" (1748) und „Der versteckte
hammel oder die gelehmte liebe'' (1748), dieses von J. C. Rost 1742^).
Eigens für die v. Quotensche truppe gedichtet waren ein paar stücke
in deutscher spräche, ein heldenspiel „Die träumende liebe" oder „Phi-
stophile" von dem Schauspieler Linckwitz 1747, und ein singespiel
„Die gekrönte tugend" zum geburtstag der königin 1748 2. Endlich
treffen wir zwei lustige nachspiele: „Harlequins Bryllup", 1747 — 48 mit
tanz, und „Die böse Grethe oder Harlequins Pattebarn " (d. i. „Säug-
ling", 1748), dieses mit halb dänischem, halb deutschem titel, woraus
sich nicht ersehen lässt, in welcher spräche es aufgeführt ist. Gott-
sched hat unter dem jähre 1716 die zwei bekanten gesangspossen
„Harlekins (singender) hochzeitschmaus" und „Harlekins kindbetterin- .
schmaus", die jedoch schon in Nürnberg um 1710, und auch später,
ungefähr gleichzeitig mit v. Quotens Vorstellungen, erwähnung finden^.
Beide sind 1730 ins dänische übersezt: „Herr Harlequins BröUups-
og Barsei -Gilde, Sangviis Forrestillet"*, und es unterliegt wol keinem
zweifei, dass wenigstens erstere in dieser Übersetzung aufgeführt wurde.
Ob dagegen „die böse Grethe" mit dem „Kindbetterin- schmaus" iden-
tisch ist, bleibt unsicher; in den erhaltenen exemplaren der leztgenan-
ten ist von keiner „bösen Grethe" die rede.
Von der v. Quotenschen concurrenz befreit sezte die dänische
Schaubühne ihre Wirksamkeit fort, wesentlich auf Holberg, Moliöre und
die Franzosen gestüzt, aber von dem hinsiechenden deutschen drama
ganz unbeeinflusst. Sie hatte von der mitte des Jahrhunderts nur noch
mit französischen schauspielern und italienischer oper zu kämpfen, und
muste daher auch ballet und Singspiel auf das repertoire setzen, selbst
bisweilen französisch spielen. Deutsch wurde aber niemals gespielt,
und von deutschen Wandertruppen hören wir wenig mehr. Durch die
Gottschedsche reform nahmen diese auch nach und nach ein anderes
gepräge an und näherten sich mehr den stehenden bühnen. Der „kgl.
dänische privilegierte comödiant" J. F. Darmstädter, welcher 1735 zu
1) Gottsched 317. Maltzahn 533.
2) Overskou U, 45. 61.
3) Jahrb. d. Shakespeaieges. XIX, 152, nr. 129 „singente harlequin*, nr. 130,
''kindbetts schmausz\ Maltzahn 533 (1743). Schütze 87. 266 (1750. 1742). Köh-
ler, Ztschr. f. deutsches altert, u. deutsche litt. XX, 119 fgg.
4) Kgl. bibl. zu Kopenhagen, Dan, katalog 55—263, 2 expL
DUFLOU, HANS BACHS ALS MORALIST 343
Rostock auftrat^, war schwerlich mehr als ein taschenspieler. Unter
der pietistischen regierung Christians VI., 1730 — 46, als alle theatra-
lischen Vorstellungen in Dänemark selbst eingestelt waren, wissen wir
auch nicht, dass fremde Schauspieler privilegiert wurden. Schwieriger
erklärlich ist die lezte erwähnung einer deutschen truppe in Kopen-
hagen, als vom mai bis Oktober 1749, in ausdrücklichem widerstreit
mit den Privilegien der dänischen bühne, ein gewisser Ferdinand Hal-
lasch aus Königsberg Schauspiele, seiltanz und andere künste^ gab.
Gewiss aber waren hier die gauklerkünste vorwiegend; denn in den
deutschen theatergeschichten dieser zeit, besonders bei Hagen, Theater
in Preussen, finde ich keinen prinzipal oder Schauspieler dieses namens,
und dänische quellen geben über seine Vorstellungen auch keinen wei-
teren aufschluss.
KOPENHAGEN. J. PALUDAN.
HANS SACHS ALS MOßALIST IN DEN FASTNACHT-
SPIELEN.
Es ist ein unbestrittenes, physisches wie politisches gesetz, dass
jede starke impulsion eine reaction nach sich zieht. Wie der erfrischende
ström der renaissance den wüst der scholastischen gelehrsamkeit weg-
schwemte, so machte die durch die philosophischen Schriften vorberei-
tete französische rovolution den drangsalen und Standesungerechtigkeiten
vorläufig ein jähes ende; und die deutsche Jugend verliess damals die
von den drei einhoiten eingeengte bühne der französischen dramatischen
muster, um sich jubelnd dem neu entdeckten, scheinbar masslosen
Shakespeare hinzugeben.
Dieses gesetz bewährt sich auch an den einfachsten gegenstän-
den. Es ist gewiss, dass das fastuachtspicl des 15. jahrhundeits von
groben, alles Zartgefühl verletzenden Schilderungen strozt. Wie wir
nun Hans Sachs aus seinen werken kennen, die in auffälliger weise
das gepräge seines geistes tragen, kann es uns nicht zweifelhaft sein,
dass er es als eine heilige sendung auf erden ansah, mit diesem kot
und kehricht aufzuräumen, und dass Goethe recht hatte, als er ihn so
1) Jahrb. d. voreins f. mocklenh. gesch., 1836, I, 103: Bärensprung, Gösch,
des theators in Mecklenburg -Schwerin. Nach Dahlgren, Stockholms thoatrar 29, komt
er 1736 und 38 auch in Schweden als comödiant und zahnbrocher vor (vgl Nu, m&-
nadsskrift v. Joh. Grönstedt I, 1874—75, 428).
2) Oversktou n, 96.
344 DUFLOÜ
aiiCFasste und darstelle (Hans Sachsens poet. sendung y. 39 fgg.). ^ In
einem fliegenden blatt: Gespräch mit der fasnacht, wante sich Hans
Sachs 1540 in heiterer form, aber mit ernster mahnung an seine mit-
bürger. Doch das sagte er sich wol selber, es muste die stimme eines
unwükommenen Sittenpredigers im algemeinen lärm verhallen . . . Hier
(aber) sah der mann, der unstreitig mit an der spitze des geistigen
lebens seiner Vaterstadt stand, seinen eigentlichen beruf angezeigt^ K
Hans Sachs war sich dessen so gut bewusst, dass er dieser niedrigen
kunstgattung des fastnachtspieles so viel fleiss zuwendete, wie es vor-
her und nachher nie geschehen ist.
In bezug auf die herkunjft der vom dichter bearbeiteten stofPe müs-
sen uns gleich die häufigen enüehnungen aus Boccaccios Decame-
rone auffallen. Dieser in allen lebensgenüssen verfeinerte weitmann,
der von männern wie frauen die anstössigsten geschichten in der rei-
zendsten form erzählen lässt, war ein lieblingsschriftsteller des Hans
Sachs. Wie tief muss im herzen des braven mannes das sitliche gefühl
gewurzelt haben, dass er sich daran ergötzen und doch die reinheit
des gemütes bewahren konte! Aber dem reinen ist alles rein. Der
dichter nahm seine stofFe allenthalben her, nur sorgte er dafür, dass
die nutzanwendung keine falsche war. "Wenn ich das verfahren des
mannes beobachte, komme ich immer auf denselben vergleich. Der
natter schneidet man Stachel und giftdrüsen aus um sie nachher sogar
als unschädliches Spielzeug zu gebrauchen; ebenso lässt sich nachwei-
sen, dass Hans Sachs aus dem von Boccaccio überkommenen stoff das
unzüchtige ausmerzt, ehe er ihn verwertet. Wenn wir den Bauer im
feg ef euer (Goetze, Neudrucke, nr. 42) mit Decamerone, giom. IH, 8
vergleichen, so constatieren wir im ganzen den nämlichen verlauf der
geschieh te, mit dem unterschiede, dass bei Boccaccio der abt den ein-
fältigen bauer in ein unterirdisches gemach einsperren lässt, um unter-
dessen die frau besitzen zu können, während im deutschen dieses motiv
in ein sehr löbliches und dem amte des geistlichen angemessenes verwan-
delt ist: die lust, den ehemann von seiner lästigen eifersucht curieren zu
helfen. Im Grosz eyferer (Goetze nr. 45) komt ähnliches vor. Die
frau sagt ihrem eifersüchtigen mann, dass sie zur beichte gehen will;
dieser besticht den kaplan und fungiert als beichtvater, um hinter die
geheimnisse seiner frau zu kommen, welche ihn erkent und ihm schalk-
haft gesteht, dass sie jede nacht den besuch eines pfaffen empfangt
Der aufgebrachte gatte bezwingt sich und steht nachher zwei nachte
1) Goedeke und TittmanD, DichtuDgon des Hans Sachs in, s. XTT.
HANS SACBS AUS MORALIST 345
hindurch schildwache an der hintertür, natürlich vergebens. Bei Boc-
caccio (giom. Vn, 5) will sich die geplagte frau dadurch an ihrem
manne rächen, dass sie seinen unbegründeten argwöhn rechtfertigt, und
die geschieh te mit der beichte ist nur eine list, um ihn zu entfernen
und den ehebruch zu ermöglichen. Wenn aber bei Hans Sachs die
magd, welche die stelle einer kuplerin vertritt, den verschlag macht,
sich mit dem liebhaber in Verbindung zu setzen, antwortet die frau:
V. 43 Ich hab mich fromb ghalten biszher
An ihm, dieweyl und aber er
Seins eyfem je nit ab wil lassen,
So beweisz ich ims solcher massen,
Dasz im erst eyfem not musz thon.
Doch wil ich mein Ehr bhalten schon
Und aller Bubrey müssig gehn
Als ein fromb, ehrlich Weib bestehn,
Und in mein Ehling stand beharren
Doch den Eyfrer machn zu ein Narren.
Dazu ist jede frau berechtigt; man merkt aber den unterschied.
Wenn nun aber die tendenz, das alzu derbe fastnachtspiel zu
versitlichen, bei Hans Sachs fast überall scharf ausgeprägt erscheint,
so ist dies doch, glauben wir, nicht ausnahmeios der fall. Tadellos in
dieser beziehung sind nicht alle stücke. Ich denke dabei an die num-
mem 46, 54, 61, 74 der Goetzeschen ausgäbe. In 46, 54, 74 wer-
den die ehemänner von ihren frauen geprelt und geäft, einfach weil
sie zu dumm sind um zu merken, dass man ihnen einen blauen dunst
vormacht, oder (um in der spräche der zeit zu reden) dass man sie
am narrenseil herumzieht Nr. 61 enthält die geschichte einer übrigens
ehrlichen frau, welche sich von einer kuplerin durch eine alzu grob
gesponnene list verführen lässt, vom rechten pfade abzuweichen. Was
uns in diesen stücken verlezt, ist die demütigung und Verhöhnung des
guten und der triumph des bösen, welches mit erhobenem köpf den
sieg davonträgt.
Allein auch hier lässt sich einiges zu gunsten des dichters bei-
bringen, und obgleicli die tatsachen als solche offen am tage liegen,
glauben wir dennoch so viel von der gemütsstimmung des biedern
meisters erraten zu haben , um über den Sachverhalt ins klare zu kom-
men. Vielleicht köute ein unbedingter bewunderer des Hans Sachs
entgegnen, dass aus jedem stück ein moralisches epimythion gezogen
werden kann. Das ist insofern richtig, als sich aus jedem stücke
überhaupt irgend welche lehre abstrahieren lässt Aber völlig ent-
346 DÜFLOÜ
schuldigt wird der dichter dadurch noch nicht; und sein Verteidiger
hätte zugleich einen satz aufgestelt, welcher der reinsten wilkür das tor
öfnen würde. Wie wir den dichter kennen, so steht es aber geradezu
fest, dass ihm hier keine unsitlichen, höchstens schalkhafte absichten
unterzulegen sind. Man beachte dazu noch folgendes. Das 54. fast-
nachtspiel, in dem Heinz Meyr von seiner frau hintergangen wird und
diese ungestraft wegkomt, ist datiert vom 12. Oktober 1553. Ist es
nicht auffallend, dass er schon am 24. ein neues spiel schreibt, wo
die frau energie und geduld ihres gatten erproben will um nachher
desto ruhiger die ehe zu brechen, aber übler zugerichtet wird als
irgend welche andere? Das wainent hüntlein vnirde verfasst am
25. Januar 1554. Ist es nicht geradezu entscheidend, dass das nächst-
folgende, nur 6 tage später geschriebene fastnachtspiel einen plumpen
„buhler" schildert, der von seiner geUebten spöttisch geäft und von
der eignen frau gehörig „gelaust" wird? Wir glauben hiemach an
die möglichkeit, dass der biedere dichter, bewusst oder unbewusst,
scrupel empfand in bezug auf das vorhin geleistete, und seinem ehr-
lichen gewissen gegenüber gleichsam seinen fehler dadurch sühnen
wolte, dass er zunächst ein spiel mit schroff entgegengeseztem ausgang
verfasste.
Sehen wir uns jezt die moral des Hans Sachs genauer an ! Unter
den von Goetze publizierten stücken gibt es nur ein halbes dutzend
ungefähr, welche wirklich bloss einen spass oder eine schalkheit zum
gegenstände haben, ohne dass dabei die moral dem dichter über die
Schulter blickt Es sind etwa die nummern 21, 34, 37, 51, 72, 79,
80. Sonst ist die absieht deutlich, wobei der dichter nun in doppelter
weise verfährt. Entweder sind die stücke ernst gehalten und es werden
uns allegorische personen, wie frau Glück, frau Wahrheit, frau Armut,
Plutus usw. und algomeine typen wie der „Karg" und „Mild" vor-
geführt; oder das stück ist ein dramatisierter schwank, wo die moral
offen hervortritt, ohne dass der dichter es je unterlässt am schluss den
herold oder einen andern eine direkt auf das publikum bezügliche sit-
tenpredigt halten zu lassen.
Betrachten wir zunächst des menschen Verhältnis zu Gott, so
finden wir bei Hans Sachs die hauptidee der Lutherischen glaubens-
neuerung wider:
XIX, 309 das man vertrawe got
In aller trüebsal, angst und not
Der kan helffen zw seiner zeit
Aus aller widerwertikeit.
HANS SACHS ALS MORALIST 347
Oder LH, 403, wie Adam zu Eva sagt, von gott redend:
Du hörst, das er sunst nichts begert,
Denn das ihn Menschlich gschlecht auflf erdt
Im glaube und vertraw allein.
Der glaube, nichts als der völlige, unbedingte glaube an Gott war es,
den Luther als mittel zur Seligkeit den ablassbriefen, gebeten und guten
werken der katholiken entgegensezte ^. Und Gott ist ein liebevoller
vater, dessen gute unerschöpflich ist So stelte sich ihn Luther vor,
der mit ihm in direkter communion lebte und zu ihm ein grenzen-
loses vertrauen hatte 2. Hans Sachs war nicht so stolz und verwegen;
doch überträgt er auf Gott die charakterzüge eines grundbraven Deut-
schen. In dem spiele von den ungleichen kindern Evae erscheint
er uns wie ein liebreicher hausvater, der seine bedrängten kinder vor-
tröstet. Er fragt die kinder Adams, ob sie beten können; man bildet
sich fast ein, dass er sich nach ihren fortschritten in der schule
erkundigen wird; weil Set so gut betet, macht er ihn zum könig, einen
zweiten zum ritter, einen dritten zum bürgermeister, usw. Wie ganz
im einklang damit ist die äusserung Gottes (LXVII, 363 fgg.), dass er
die menschen wol plagen und quälen müsse, weil sie es sonst zu bunt
machen würden!
Zu dieser evangelischen moral, in welcher der gottergebene mensch
nie mündig wird, gesellen sich aber demente, welche gar nicht dazu
stimmen. Ich will nicht zu grosses gewicht legen auf den häufig wider-
kehrenden ausdruck das waltxend glück, der bei Hans Sachs eine
dem blinden Schicksal der Griechen ähnliche macht bezeichnet und
vielleicht nur eine durch seine belesenheit in den Schriftstellern des
altertums veranlasste, rhetorische figur sein mag. Aber im algemeinen
erscheinen uns des Hans Sachs personen nicht als unfrei, und im
68. spiele schildert er die laster als an einen pfähl gebunden, von dem
jedermann sie nach seinem gutdünkon ablösen darf oder nicht. Dies
will doch deutlich sagen, dass der mensch der Urheber seines eigenen
Schicksals sei und sich selbst bestimme. Verfolgt man dagegen jene
der evangelischen moral zu gründe liegende communion mit Gott bis
1) Tauli Römerbrief JIl, 28.
2) Schweitzer, Uans Sachs (1887, Nancy) s. 126 erwähnt das factum, dass,
als Melanchthon krank war, Luther aus unmut darüber Gott „di«! obren rieb** und
seinem freunde versicherte, Gott werde ihn genesen lassen, was diesmal auch
zutraf. — [Im algem«3inen verweisen wir bei dieser gelegonheit auf die eingehende
besprechung des Schwoitzerschen workes durch M. Rachel in dieser Zeitschrift XXIV,
265—269. Red.]
348 DUFLOÜ
in ihre lezten winkel, so stöst man auf den quietismus, d. h. auf die
Verneinung des freien willens, welche folgerung Erasmus trotz allem
widerstreben Luthers unerbitlich gezogen hat^.
Zwischen diesen beiden glaubensanschauungen liegt eine grosse
kluft, und doch sind beide tatsächlich bei Hans Sachs vorhanden.
Männer wie Luther und unser dichter, rüstige, tatkräftige, volblütige
menschen, kühne geister, waren nicht dazu aufgelegt ihrem ich zu
eutsagen. Das 16. Jahrhundert hat keine schlaffen, lauen leute her-
vorgebracht; für dergleichen ist in stürmischen zeiten kein platz. Und
Schweitzer sagt treffend von Luther: „die gesunde vemunft des men-
schen corrigierte die logischen fehler des theologen '^ *.
Aus dem vorhergehenden begreift es sich, dass in den fastnacht-
spielen das wort sünde fast nicht vorkomt Der gedanke, der Hans
Sachs stets vor dem geiste schwebt, ist, dass man sich des bösen erweh-
ren soll nicht etwa der gnade und rechtfertigung wegen, sondern weil
es schlecht und töricht ist Deshalb wird das wort sünder durch narr
ersezt Dieser die ganze moral seit Brant dominierende spotname ist
die strafe des bösen, welche ihn noch im diesseits trift; und als der
kern der lehre, wie Gervinus vorzüglich sagt, stelt sich für den ein-
zelnen die selbsterkentnis heraus, gerade wie bei den alten, auf dem
fronton des delphischen tempels.
Betrachten wir nun die menschen in ihrem Verhältnis zu ein-
ander. Hier treibt die moral unseres dichters ihre reichsten bluten.
Hans Sachs wendet sich abwechselnd an jung und alt, verheiratete und
Junggesellen, frauen und männer, bauem und bürger, Untertanen und
herscher. Jedes gebiet berührt er, die notwendigkeit eines guten regi-
ments wie das häusliche leben auf dem lande, das los der fürsten der
erde wie die kindererziehung. Hans Sachs, der mit seinem stände
zufriedene schuster, weiss wol, dass die reichen und mächtigen nicht
immer die glücklichsten sind, und es ist von jeher so gewesen. Als
der herr die stände schuf, sagte er zu Eva:
LH, 377 Köng, Ritter, Burger und Kauf&nan
Gleich wol gar kein Handtarbeit han;
Doch unter jrem bracht verborgen
Stecken sehr grosz müh, angst und sorgen
Von Krieg, Auffrhur und Rauberey,
Kranckeyt und Unglücks mancherley.
So sich zu tregt im Regimendt.
1) Vgl. darüber Schweitzer s. 127.
2) Ebenda s. 126.
HANS SACHS ALS MORALIST 349
Die andern stände
Haben kein ander sorg nit mehr,
Denn wie man "Weib und Kind emehr.
Die handt arbeit ist in gesandt,
Macht süssen schlaff, nüchter und rundt,
In ist auch wolschmach speisz und tranck,
Auch ist in die weil nit so lang.
Wer über menschen und länder regiert, soll das wankelmütige
glück fürchten; er hat viele feinde und wenig freunde; man lauert ihm
vielfetch auf um ihn umzubringen; denn furcht ist der grundstein seiner
herschaffe: Du sagst recht, ir viel fürchten mich;
Ich allein musz sie fürchten all —
sagt Dionysius zu Dämon (XLVII, 214 fg.); sowie Diogenes zu Alexan-
der (XLIV, 175 fg.):
So fürchtens dich als ein allein,
Du must sie fürchten all gemein.
Hans Sachs ist consequent, wenn er kaiser Augustus auf seinem
weichen polsterbette schlaflose nachte zubringen lässt (L, 283 fgg.). Er
sucht den irtum zu beseitigen, als ob nur die mächtigen die glücklichen
dieser weit wären; er selbst erklärt uns, weshalb er seine popularität
nie benuzt hat um seinen Schusterschemel gegen einen sessel im Stadt-
regiment zu vertauschen:
Vni, 305 Erst het dein stille rhu ein end,
Du würst ein Knecht der Unterthanen.
Es gereicht dem dichter zur ehre, die Unabhängigkeit und sein
handwerk geliebt und die gleichheit der stände in bezug auf acht-
barkeit unwandelbar bis in sein hohes alter durch sein beispiel
behauptet zu haben. Aber nicht jedermann dachte wie er, und öfters
fühlte er das bedürfnis, diese so tüchtige lehre den leuten aufe neue
einzuschärfen. Ne sutor ultra crejßidam, halt sich mer ider in sein
stand (LXXVIII, 223); oder wie es L, 327 fgg. heisst:
Halt innen beide mundt und handt.
Das er nit mehr hie thu verzem.
Denn im sein pflüge mag emem;
und umständlicher IX, 256 fgg.:
Welcher kein Rosz am paren hat,
Derselbig sol zu Fusen lauffen;
Und welcher nicht hat "Wein zu kauffen,
Der trinck Wasser an seinem Tisch;
Und wer nit hat Wiltpret und Fisch,
350 DUFLOU
Der Esz Rintfleisch odr Haberprey;
Und wen die Armut drucken sey,
Der ker den Mantel nach dem Wind,
Den Sack zu halbem Theil zu pind
Und nem für das Merer das Minder,
Damit er hin pring Weib und Kinder . . .;^
denn LVIII, 359 fg.:
Wer nit müeg rüeben essen.
Der mfies zu leczt den grebel fressen.
Und er bleibt noch immer in derselben gedankenreihe, wenn er betont,
dass auf zeitliches gut nicht zu achten sei, sondern auf „frümkeit**;
das sei der rechte reichtum (XXX, 430).
Das sind vorzügliche ratschlage für arme leute, die andere um
ihren wolstand beneiden; doch die reichen redet er auch an, und
sein beständiges streben geht darauf hinaus, das gute einvernehmen
zwischen armen und reichen zu befestigen. Der i-eiche soll mild und
freundlich gegen den armen sein (XXVI, 361 fgg.); desgleichen dieser
immer fleissig, standhaft in der tugend und ohne neid. Der eine kann
ja den andern nicht entbehren; der arme wäscht, kocht, spült, bäckt
für den reichen, imd dieser beschüzt ihn mit seinen „geworben".
Zwei laster, welche Hans Sachs auch ausrotten will und die ebenfals
dem reichtum anhaften, sind die zwei extreme geiz und Verschwen-
dung.
VII, 67 wer gelt lieb hat.
Der wird des geltes nimmer sat.
VII, 81 gutes vil
wird weng, wo mans verschwenden wil —
das sind epigrammatische Zusammenfassungen zweier gedanken, wo-
rüber der dichter sich ausführlich verbreitet. Dem geiz vor allem ist
er feind; der ist der quell vieler andren laster wie „wucher, fürkauff
imd finantz, arglist, renck und alafantz (VII, 193 fg.); seine begier ist
grenzenlos; geschieht es, dass etwa ein pfennig fehlt —
VII, 135 Da liegst du denn die nacht zu wemmem,
An rhu zu seufftzen und zu gemmern.
Audi schont Hans Sachs die geizhälse nie. In nr. 32 wird der Rei-
chenburger, welcher Simplicius sein geld entwendet hatte, auch seiner-
1) Dasselbe thema behandelt das 69. kapitel aus Murners Narrenbeschwö-
rung.
HANS SACHS ALS MORALIST 351
seits von Sapiens geprelt In nr. 16 wird gegen den Kargas ein com-
plott geschmiedet, wodurch man ihm einige taler abzwackt, welche die
lustigen spassvögel gleich verschraausen. In nr. 41 spielt man dem
geizigen einen noch ärgeren possen. Man stiehlt ihm seinen schinken,
gibt ihm eine aus dreck gemachte pille zu verspeisen und überzeugt
ihn zulezt, dass er sich selbst bestohlen habe. Und der dichter sezt
hinzu :
317 Also musz man schuhen die Affen
Und die filtzingen geitzhels straffen;
denn 332 Ein Sparer musz ein zerer haben,
Dasz der geltsack zu grosz nit wachs
Bey kargen Leuten, wünscht Hans Sachs.
Verschwendung aber ist kaum besser. „Demmen und schlemmen",
possierliche kleider kaufen (VIII, 111 fgg.), jagen und koppeln halten
(ebd. 196 fgg.) zieht armut und eine reihe von quälen nach sich wie
den husten, die reude, die kratze, die Schwindsucht, den hamstein,
reissende schmerzen, rote äugen, sausende obren, Schwindel usw.
(LXVni, 362 fgg.). Die katze wird das beste stück vieh im hause,
und der schlemmer denkt sich im himmel, wenn ihm der eintritt in
ein spital verstattet wird. Den goldnen mittelweg soll man folglich
wählen, der ehrenvoll ist und beliebt macht
Was unserm dichter ebenfals ein |dom im äuge ist, ist das
unzüchtige leben mancher jungen leute und sogar mancher eheleute.
Einmal verfährt er dabei gewissermassen theoretisierend, d. h. er lässt
von einem erdichteten „buliler" die quälen aufzählen, welche ihn betrof-
fen haben, oder einen richter dessen betragen verurteilen. Den buhler
stelt er uns dar „traurig und kränklich dahergehend*', durch seine
geschenke verarmt, abgehärmt von dem tollen leben, der eifersucht,
dem „sehnen und meiden", und dabei im krieg mit den franzosen^
Wol sucht der buhler einzuwenden, dass die buhlerei der menschlichen
natur entspricht, dass gott
V, 64 das werck der Liebe pur
Selbst hat gepflantzt in die natur,
dass der buhler glücksvoile stunden zubringt, usw.; aber seine brüder,
der trinker und der spieler, die er um das väterliche erbe betrügen
will, reissen ihm schonungslos die larve vom gesicht. Manches beispiel
1) Nl. Syphilis, damals auch wälsche kratz geuant. Vgl. Histoires de
Paolo Jovio (Liou 1558) I, 206 und Dechambre, Dictionu. des sciences
medicales, 3. serie. XIV, 255 fgg.
352 BÜFLOU
aus dem alten testament und den proverbiis Salomonis wird angeführt
von diesen bibelfesten menschen um darzutun, dass Gott die buhlerei
immer grausam bestraft hat. Es ist aber auch wahr, dass sie dagegen
andere stellen aus der bibel aufklauben, um ihr eigenes sündiges leben
zu rechtfertigen, was abermals beweist, wie bequem sich mit bibel-
stellen herumschlagen lässt. Die gesellen des buhlers schonen ihn
durchaus nicht; scherzweise erinnert man ihn daran, wie er manchmal
rücklings die stiegen hinuntergeworfen wurde; kurzum, es wird ein
abschreckendes gemälde entworfen.
Das zweite verfahren unseres dichters besteht darin, dass er einen
buhler handelnd auftreten lässt, so dass wir Zuschauer dessen sind,
was ihm widerfahrt Mit wenigen ausnahmen kommen diese leute
nicht so glatt weg, wie man sich denken könte. Im Teufelbannen
wird dem höckerigen, unzüchtigen pfarrer ein possen gespielt, der den
spass wirklich auf die äusserste spitze treibt (nr. 37); in nr. 62 wird
ein alter zahnloser kerl unbarmherzig verspottet. Nr. 69 führt uns einen
messner vor, der sich blind stelt, um seine ehebrecherische frau auf
frischer tat mit dem geistlichen zu ertappen; er schiesst diesem einen
eisernen bolzen in den buckel und legt seiner frau „fünffingerkraut"
aufs haupt. Den frauen ergeht es nicht besser, obschon ihre unver-
gleichliche erfinderische verschmiztheit sie öfters geschwind eine list
oder ausrede ersinnen lässt, wodurch sie dem gerechten zome des
gatten entgehen. Wenn sie sich nach einem mislungenen versuche (wie
in nr. 57) bekehren, dann unterbleibt die strafe; wenn sie aber die
geduld ihres mannes misbrauchen und überreizen, so begegnet ihnen
mitunter noch schlimmeres als prügel, wie ein aderlass (nr. 56); und
wenn eine, die selber „holz trägt", die Verwegenheit so weit treibt,
die tugend ihres mannes zu erproben, da verbrent sie sich jämmer-
lich die finger (nr. 38). Also, gleichviel wohin man sich wendet, fast
überall sehen wir die Unzucht gestraft
Um diesem übel abzuhelfen, wo es unter jungen leuten grassiert,
kent Hans Sachs nur ein mittel, das sein lieblingsthema ist: die
ehe. Von der würde des ehelichen Standes ist keiner mehr überzeugt
als er. Nicht nur komt dieses motiv zu widerholten malen in seinen
fastnachtspielen und anderen dichtungen wider, sondern auch hier,
wie schon einmal vorher, constatieren wir das übereinstimmen von
wort und tat. Der siebenundsechzigjährige greis fühlte sich noch
gesund und rüstig genug um eine zweite ehe zu schliessen mit einem
achtzehnjährigen mädchen, Barbara Harscherin, deren reize der greis
HANS 8A0H8 ALS MORALIST 353
in versen verherlichte, welche eher von einem jtingling herzurühren
scheinen. Schon 1518 schrieb er, indem er sich an die frauen wante:
I, 382 Spardt ewr lieb bisz in die Eh,
Denn habt ein Lieb, sonst keine meh.
Dem buhler gebietet er (in nr. 5, nach 1533 gedichtet):
V. 463 thu dir selber nemen
Einen Gemahel zu der Ehe!
Die hab denn lieb und keine meh!
Gleiche aussagen finden wir in VIII, 253 (12. juli 1538); XXIII, 385
(10. Oktober 1550); LXXXIV, 465 fgg. (31. Oktober 1560).
Es macht einen sonderbaren eindruck, wenn man daneben die
galerie der bösen weiber durchmustert. Aber doch sind beide dinge
zu vereinbaren. Hans Sachs ist der ansieht, dass der mann sich seine
frau erziehen kann und muss, und dass es seine eigne schuld ist,
wenn es ihm nachher in der ehe sauer wird. Deshalb unterlässt er
nicht die männer zu belehren, um den hausfrieden zu fördern:
XXVIII, 295 Zeuch erstlich dein wevb an den ortten
Zu gehorsamb mit guten wortten^.
Zum beispiel:
XVII, 82 Mein Gmahel, es wer mein gemüt,
Meins hertzen wolgfallen und wil,
Das du einzogen werst und stil.
Vieles gepolter taugt nicht (XII, 366 fg.); helfen aber keine guten werte,
XXVni, 298 So thu dich etwas ernstlich stellen
Zu wern ir eygen sinnig art.
Wo sie dir noch helt wider hart.
So magstus straffen mit der zeyt,
Doch mit vernunflFt und bscheidenheyt.
Wie man den spricht: ein frommer man
Ein ghoreamb weyb im ziehen kan^.
Vor allem aber komt es darauf an, ihr anfangs nicht die zügel schies-
sen zu lassen ^ und beiderseits nicht aufbrausend zu sein^: so erlangt
man schliesslich wol den „pachen im deutschen hof". Der schlimste
fehler, mit dem ein mann behaftet sein kann, ist zulezt noch die
1) Vgl. XX V[, 34 fg.
2) Dasselbe XII, 373 fg.
3) Vgl. XXVm, 23 fg. und XXVI, 382 fgg.
4) Nr. LXIV.
ZBIT8GUBIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXV. 23
354 DUFLOÜ
eifersucht. Nicht nur ist sie eine unaufhörliche folter, welche den
mann geradezu wahnsinnig macht, sondern sie ist auch das beste mittel
um das herbeizuführen, was man befürchtet Die spiele 42 und 45
sind beide gegen diese plage gerichtet Im 17. wird einer von dieser
krankheit durch einen von Hans Sachs angestelten arzt curiert
Also ist der biedermann fortwährend bestrebt seine mitmenschen,
die ehemänner, zur richtigen erkentnis ihrer pflichten und rechte anzu-
halten. Und man kann ihm nicht zur last legen, dass er den stoff
nicht erschöpft habe. Also: wenn es geschieht, dass man mit einem
„schelligen gaul erschlagen" ist, der nicht hören will, so muss man
in extremis wol zum bereits erwähnten kraut, zu prügeln und beschwö-
rungen eigentümlicher art^ seine Zuflucht nehmen 2. Hans Sachsens
ideal, eine treue, züchtige^ frau, die fleissig ihre haushaltung besorgt
und keine klatschschwester ist, wird zwar auf diese weise nicht ver-
wirklicht; aber es ist nicht zu leugnen, dass der mann, welcher aus
erfahrung reden konte, zweifelsohne richtig sah, als er den Ursprung
mancher häuslichen Uneinigkeit auf die Unvernunft des mannes zurück-
führte.
Man denke nicht, dass unser bild bereits volständig sei. Nach-
dem er das Verhältnis von mann und frau beleuchtet und erörtert hat,
geht der dichter zu den kindern über:
V, 481 jr solt ewre Kinder halten
Unter der Ruten, die mit schmertzn
Des Kinds thorheit treib ausz dem hertzn,
Auff das nit Wüstling darausz werden.
Man soll sie auferziehen „auff Gottes forcht, sitten und tugent"*
(v. 489), denn
VI, 363 So bald ein Son kompt zu den Jam,
Sol man ihn fleissiglich bewarn
Vor loser gsellschafft, wo man kan.
Wie uns lert der weisz Salomon^.
1) Z. b. LXIV, 309 fgg.
Male Bestia in spelunckes
Chabes kümaulque et munckes
Pengel que sub Schulter et lentes
Facit dein rüesel hie loquentes! (die frau wolte nicht sprecheu).
2) Vgl. XXVI, 380 fgg.; XLIX, 365 fgg.
3) Vgl. LXXXrV, 428 fgg.
4) Dasselbe UI, 402.
5) Proverb I, 10; IV, 14.
HANS SACHS ALS MORALIST 355
An die Jünglinge selbst wendet der dichter sich; er begnügt
sich nicht im algemeinen auf die notwendigkeit der guten sitten und
der tugend hinzuweisen (wie XIX, 320 fgg), sondern das ganze spiel
nr. 8 ist dazu bestimt, die ranke und schlingen blosszulegen, welche der
fürwitz oder „bethulancia", hier gewissermassen ein Inbegriff der ver-
führerischen lockungen, denen der jüngling ausgesezt ist, der Jugend
bereitet Wir heben nur eins hervor, das für den dichter bezeichnend
ist, nämlich den rat, den er müssiggängern gibt, ihre zeit auf das Stu-
dium zu verwenden!.
Was nun die mädchen anbelangt, so ist Hans Sachsens moral
recht hausväterlich und vorsichtig:
XXXIX, 533 Thut flcissig auff owr Töchter schawen.
Das sie sich einmütig einziehen 2,
Beywonung der Manszbilder fliehen
Und der gar nit zu Hause laden.
Wann es bringt jren ehren schaden;
Obs gleich nit unehrlich zu geht.
Doch ein bösz gschrey darvon entsthet
Durch der klaffer gifftige zungen.
Es sei uns gestattet, zum schluss das sonst noch hin und her
zerstreute aufzulesen und hier zusammenzustellen.
Wie der dialog Ciceros de amicitia dem dichter bekant war,
so unterlässt er nicht auf das seltene glück eines rechten freundes
hinzuweisen, der den tadel nicht zurückhält; falsche freunde und heuch-
1er werden scharf mitgenommen^. Dieses spricht für des dichters bie-
dersinn; für seine gesunde vernuuft hingegen spricht seine Verspottung
der „alchamey^' (VIII, 325) und der wahrsagerei, deren zweck und
kern er ganz richtig erfasste (X, 200 fgg.). Törichte woltaten rügt er
ebenfals; man soll nicht den ersten besten „ freihart " beherbergen, der
abends an die türe klopft (XXV, 346 fgg.), und Spitzbuben soll man
auch nicht trauen
Wan art die lest selten von art (LXXXI, 392).
Gleich unvernünftig ist es, sich in andrer leute händel einzumischen;
LXVI, 423 das sich sol ein weiser mon
Kains fremden haders nemen on
Und sich gar nicht darmit peküemer.
Das nit an in springen die trüemer.
1) Vm, 140 und vgl. die äusserung des doctors LXXXTTT, 168 fgg.
2) Dasselbe LXXXIV, 435.
3) Proverb VIII, 133; XIV passim; XIX, 314 fgg; XXXI, passim.
23*
356 E. 0. uäywl
Der grund ist malerisch ausgedrückt Man soll sich immer vor den
folgen fürchten, sagt der dichter, und eben deshalb soll man auch ein
geheimnis treu bewahren. Diese lehre wird illustriert durch das spiel
vom knaben Lucius Papirius Cursor (nr. 73). Dies Jführt Hans Sachs
auf den gedanken, dass man immer vor weibem und kindem reinen
mund halten soll, damit kein geheimnis ruchtbar werde und dadurch
etwa ein mit vieler mühe aufgebauter plan mislinge (v. 391 fgg.). Des-
halb ist es auch zu empfehlen, dass man nicht zu neugierig sei, oder,
wenn man etwas gemerkt hat, es geheim halte. Alles zu bekritteln
und zu beschnattern, hat nie einem menschen vorteil eingebracht; im
schlimsten fall kann es eine derbe Züchtigung veranlassen, wie der
aime narr Jeckel zu seinem schaden fühlen muste (nr. 83).
Es ist jezt also klar: Hans Sachs, der vernünftige und praktische
mann, wendet sich in seiner moral hauptsächlich an den gesunden
menschenverstand seiner zuhörrr; viel weniger an das herz, die
höhern gefühle. Doch glauben wir, dass sie vor dem Vorwurf der
hausbackenheit gesichert ist. Einzelne aussprüche zeugen von einem
überlegenen, der zeit vorausgeeilten einblick in die Weitverhältnisse;
manches der spruchgedichte (die wir hier absichtlich von unserer
Untersuchung ausgeschlossen haben) zeigt uns den dichter als einen
so feinen und fleissigen beobachter der politischen ereignisse, wie es
ein beschränkter geist nie hätte sein können. Allein er war ein kind
seiner zeit und liesa sich die klarheit des blickes durch keine trugbil-
der und falsche Vorstellungen trüben. Wie er verfuhr, so muste in
dieser zeit, wo der physische, man dürfte sagen tierische teil des men-
schen noch so grell hervortrat, jeder verständige reformator verfahren,
wenn er nicht scheitern wolte. Hans Sachs ist öfters Luther an die
Seite gestelt worden wegen des anteils, den er an der reformation in
seiner sphäre nahm; wir glauben, dass beide auch zusammengehören als
unermüdliche bekämpfer der torheit und des lasters.
GENT. G. DUPLOU.
DIE QUELLEN VON KLINGEES LUSTSPIEL: DER *
DEEWISCH.
Nachdem Klinger in seinem „Orpheus" zum erstenmal den boden
der märchenweit betreten hatte, versuchte er mit unleugbarem geschick
märchenhafte motive auf der scene zu komischer Wirkung zu verwer-
QUELLEN VON KLINOEBS DERWISCH 357
ten. Diesem versuche verdanken wir eines seiner besten stücke: das
lustspiel ^Der derwisch*' (Prag) 1780; aufgenommen in bd. HI des
theaters 1786, sonst in keine samlung Klingerscher Schriften. Man
kante bisher die quellen, aus welchen Klinger die motive zu diesem
stücke schöpfte, nur zum geringen teile; vgl. M. Rieger: Klinger in der
stunn- und drangperiode, Darrastadt 1880, s. 297. Klingers haupt-
quelle war Henri Pajons „L'Histoire des trois fils d'Hali Bassa de la
mer et des filles de Siroco, gouverneur d'Alexandrie". Dieses märchen
erschien zuerst 1745 im Mercure de France (august — december) unter
dem Pseudonym M. Jaques (vgl. Le cabinet des f6es, Genf- Paris 1786
bd. XXXIV, s. 7). Der Abb6 de la Porte druckte es unter dem titel
„N6angir et ses freres, Argentine et ses soeurs" in seiner „Bibliothöquo
des F6es et des Gönies" ab. Daraus übersezte es Wieland in dem
ersten bände seines „ Dschinnistan oder auserlesene feen- und geister-
mährchen'' (3 bde. 1786 — 89; beiHempel 30. teil s. 75 — 129). In der
samlung von feenmärchen „Le cabinet des föes" 1786 findet es sich
abgedruckt bd. 34, s. 119 — 236.
Die hauptzüge der äusseret verwickelten handlung des märchens
sind folgende. Ein weiser derwisch machte den drei söhnen des Bassa
vom meere drei wertvolle geschenke, deren besitz ihnen glück bringen
solte. Dem ältesten söhne gab er einen rosenkranz mit neunundneunzig
der schönsten korallen und begleitete seine gäbe mit den werten:
„Bewahre diesen schätz, sei dem propheten getreu — und du wirst
glücklich sein". Dem zweiten söhne schenkte er ein täfeichen von
kupfer, auf welchem der name des gesanten gottes in sieben sprachen
eingegraben war, und sagte: „Der name des freundes des allerhöch-
sten möge dein haupt bedecken; der turban, das zeichen der recht-
gläubigen begleite ihn immer — dann wird dein glück volkommen
sein''. Dem jüngsten söhne legte er ein arniband an mit den werten:
„Rein sei deine rechte, und deine linke unbefleckt! Bewahre dieses
kleinod, das in Medina verfertigt wurde — und dein glück wird nicht
gestört werden".
Die söhne des Bassa achten der worte des derwisches nicht und
geraten ins unglück. Der älteste söhn misbraucht den rosenkranz. Er
verliert eine koralle davon und ist verurteilt mehrere stunden des tages
die verstreuten korallen aufzulesen, zu zählen und die fehlende ver-
geblich zu suchen. Der jüngste söhn berührt, nicht eingedenk der
Warnung des derwischs, eine unreine speise. Sofort verliert seine band
die natürliche färbe und wird zu ebenholz. Drei stunden muss er
täglich sein unglück beweinen. Dem zweiten söhne N6angir wird das
358 K. 0. MAYER
kupfertäfelchen entwendet Er wird dadurch in einen kupfernen koch-
tiegel verwandelt und erlangt erst nach einigen jähren seine natürliche
gestalt wider.
Den drei söhnen des Bassa waren von kindheit an die drei töch-
ter des gouverneurs von Alexandrien Siroco zu frauen bestirnt. Auch
diese besitzen talismane in gestalt von ringen, welche sie vor unglück
schützen sollen. Zwei der mädchen lassen sich von listigen Juden ihre
talismane herauslocken und werden auf der stelle in zwei taschenuhren
verwandelt: Argentine in eine sUberne, Aurore in eine goldene. Sie
können nur entzaubert werden, wenn man ihnen die beiden ringe
wider anhängt Doch erlangen sie für eine stunde ihe natürliche
gestalt, wenn man sie um mitternacht aufzieht Unterlässt man dies,
so rollen sie dem jeweiligen besitzer eUends davon.
Die beiden ringe werden den Juden von zwei Girkassierinnen
entlockt Dabei spielt der oben erwähnte derwisch eine rolle. Die
zwei Girkassierinnen erzählen vor dem Bassa und seinen söhnen ihre
wundei-samen erlebnisse. Sie waren für den harem des grosssultans
bestimt Auf der reise dahin werden sie von zwei jungen männern
entführt Der eine ist der prinz der schwai'zen marmorinsel D61icat;
der andere — Th61amir — ist zwar nicht von so vornehmer abkunft;
aber er besizt geheimnisse, die ihn dem grösten herscher ebenbürtig
machen. D61icat muste aus der residenz seines vaters fliehen, weil er
die ihm bestirnte braut nicht heiraten wolte. Die jungen männer brin-
gen die beiden mädchen, D61y und T6zile, auf das schloss Th61amirs
zu genussreichem leben. T6zile, die geliebte Th^lamirs, zeigt bald eine
auffallende Zärtlichkeit gegen D61icat und erregt ihres liebhabers eifer-
sucht Dieser findet einst nachts im walde D61icat mit einer schönen
in zärtliches Zwiegespräch vertieft. Er hält das mädchen für T6zile;
die erlauschten werte des gespräches scheinen seine Vermutung zu
bestätigen. In raschem zome schlägt er den liebenden mit einem säbel-
streich beide köpfe ab. Mit schrecken wird er sich nach begangener
tat seines irtums bewust. Eilig legt er die abgehauenen köpfe an die
leiber an, steckt ihnen eine magische pille in den mund — und
sogleich wachsen die köpfe an, ohne die mindeste narbe sehen zu las-
sen. In der dunkelheit und eile hatte er aber die köpfe vertauscht
Erst als man in den palast zurückkomt, wird die Verwechslung ent-
deckt Thölamir wül den schaden wider gut machen und beiden noch-
mals die köpfe abschlagen, um sie auszutauschen; doch die beiden
Opfer seiner eifersucht wollen sich zu dieser „Operation*' nicht ent-
schliessen. Einige zeit nach dieser begebenheit stirbt D61icats vater.
QUELLEN VON KLINGERS DERWISCH 359
Es findet sich, dass er seinen söhn von der thronfolge ausgeschlossen
hat Trotzdem will D61icat mit D61y in die hauptstadt Er hoft das
volk für sich zu gewinnen. Da zeigen sich aber die schlimmen folgen
des kopfwechsels. Er sowie D61y werden für betrüger erklärt. Beide
werden enthauptet. Th61amir und T6zile legen die abgehauenen köpfe
an die leiber an , und die magischen piUen tun abermals ihre Wirkung.
In der eile wurde aber D61icats köpf nicht genau an den hals ange-
passt, und der prinz stirbt sogleich nach seiner widerbelebung an Ver-
blutung. D61y im höchsten schmerz und zom durchbohrt Th61amir
als den urheber des ganzen Unglücks mit einem Schwerte. So weit die
erzählung der beiden Cirkassierinnen.
Das märchen eilt sodann dem ende zu. Die zwei töchter Sirocos
gelangen in den besitz ihrer ringe und gewinnen ihre natürliche gestalt
wider. In der fünften falte des kleides der entzauberten Aurore findet
sich die vermisste neunundneunzigste koralle. Dadurch wird der älteste
söhn des Bassa von seinem zaubor erlöst Auch der dritte söhn wird
bald von seiner ebenholzhand befreit, und eine reihe von Vermählun-
gen schliesst die verwickelte handlung.
Klinger hat in seinem lustspiele die motive dieses märchens auf-
gegriffen imd zu komischer Wirkung ausgearbeitet In den mittelpimkt
stelt er einen derwisch. Ein solcher spielt auch im märchen eine
rolle; Klingers derwisch trägt jedoch ganz andere züge. Den Zusam-
menhang derselben einerseits mit dem derwisch AI Hafi in Lessings
Nathan, andererseits mit dem gi'afen Cagliostro weist M. Rieger über-
zeugend nach in Klingers leben s. 290 fg. Der derwisch besizt (wie
Th61amir im märchen) die gäbe tote zu erwecken. Nur bewirkt er
dies nicht mittels magischer pillen, sondern mit hilfe einer Wunder-
kerze, die er den toten in den mund steckt Aus allen teilen der weit
kommen leute nach Omius zum derwisch um sich da, wenn sie gestor-
ben, zu neuem leben erwecken zu lassen. An dem hofe des sultans
von Ormus lebt dessen Schwester, die schöne Genevra. Der ruf ihrer
Schönheit zieht viele prinzen an ihren hof. Doch keiner von ihnen
vermag den zauber zu lösen, der sie fesselt „Unaufhörlich" — so
erzählt einer ihrer bewerber, der prinz Mustapha, seinem cousin, dem
prinzen Oronoko [II, 2] — „unaufhörlich zählt sie Diamanten. Ein
kleines niedliches Körbchen trägt sie in der Hand, da sammelt sie
dieselben hinein und schüttet sie wieder aus und sucht sie wieder.
So geht das rastlos fort .... Es müssen neunundneunzig Diamanten
sein, wenn ihr Geschick ein Ende nehmen soll. Zählt sie aber die
Steine, so sind es achtundneunzig. Da zählt sie wider und seufzt:
360 K. 0. MATER
Achtundneunzig sinds. Verwünschtes Schicksal! Bevor sie neunund-
neunzig gleiche Diamanten zählt, darf sie mit keinem von uns reden
und keinen zum Gemahl erwählen". Sie leidet also unter demselben
Zauber, wie der älteste söhn des Bassa vom meere. Wie dessen erlö-
sung von der entzaubening der beiden in taschenuhren verwandelten
töchter des Siroco abhängt, so ist die befreiung der Genevra an das
Schicksal zweier illyrischer prinzessinnen geknüpft Diese wurden von
dem mächtigen zauberer Primrose in taschenuhren verwandelt (der
grund ist nicht erzählt) und spielen in dem stücke als taschenuhren
ihre rolle. Sie können nur erlöst werden, wenn man sie mit dem
glockenschlage zwölf aufzieht. Prinz Musfapha erzählt [I, 7) dem der-
wisch folgendes abenteuer: „Gestern Morgen kauf ich eine Uhr von
Gold. Wie ich Abends in mein Zimmer trete, liegt eine Uhr von
Silber grad auf meiner Schwelle. Ich nehme die Uhm und hänge sie
beide gegen mein Bett. Um Mittemacht erwacht ich und hörte die
Uhm deutlich sagen: ,Ach diesmal sind wir wiederum nicht aufgezogen
worden!' Da sprang ich auf, weg waren meine Uhren, die Gekaufte
und Gefundene miteinander".
Tm 5. auftritt des IV. aufzugs liegen die beiden taschenuhren auf
der scene.
[„Die PrlDzessinneD aus IlIyrieD als zwei Uhren auf dem Boden:]
Prinzessin Rose a. T. U.: Prinzessin Schwester!
Prinzessin Zamora a. T. U.: He!
Pr. Rose a. T. U.: Bist Du abgelaufen?
Pr. Zamora a. T. U.: Du?
Pr. Rose a. T. U.: Ja!
Pr. Zamora a. T. ü.: Ich auch!
Pr. Rose a. T. ü.: Zwölfe muss es nun gleich sein!
Pr. Zamora a. T. TL: Ich denke, ja!
Pr. Rose a. T. U.: Würden wir doch einmal zur rechten Zeit aufge-
zogen !
Pr. Zamora a. T. U.: Möchte sich doch einmal das schreckliche Schick-
sal versöhnen lassen!
Pr. Rose a. T. U.: 0 Himmel! welch ein harter Stand für Prinzessin-
nen, als Taschenuhren in der Welt herumzurollen!"
Man vergleiche damit folgende stellen des märchens, die Elinger
fast wörtlich benuzt hat: N6angir, der zweite söhn des Bassa, kauft
bei einem Juden eine silberne taschenuhr. Als er abends nach hause
komt, findet er auf der schwelle seines zimmere eine prächtige goldene
uhr liegen. Gab. d. f6es XXXIV [s. 129 fg.]: „il se coucha tranquille-
QUELLEN VON KLINeERS DEBWISCH 361
ment apr^ avoir mis ces deux montres sur Testrade oü il se pr6pa-
roit ä dormir. S'6tant 6veill6 par hasard au milieu de la nuit, il
entendit une voix aussi douce qu'un tiinbre d'argent, qui sembloit
sortir d'uno des deux montres (comme eile en sortoit en efPet) qui dit:
ma chöre Aurore, ma chöro soeur, vous a-t-on montö ä minuit? Non,
ma fidelle Argen tine, röpondit une autre voix; et vous? Moi? r6pon-
dit la premiöre, on m'a aussi oubli6e; quel malheur, il est une heure
pass6e, nous ne pourrons sortir que demain de notre prison! Oui,
dit la premiöre voix, en cas que Ton ne nous nöglige pas encore comme
aujourd'hui. Nous n'avons plus ä faire ici, dit Aurore, rendons nous ä
notre destin6e: partons. Aussitot le jeune N^angir qui s'etoit lev6 ä
moiti6 surpris d'un semblable .predige, vit ä la clart6 de la lune les
deux montres sauter par terro et rouler hors de sa chambre par la
chattiftre''.
Der betler Derbin in Klingers stück findet endlich die beiden
uhren und entzaubert sie, indem er sie zur rechten zeit aufzieht. In
einer falte des Unterrocks der prinzessin Rose findet sich der fehlende
neunundneunzigste diamant, dessen die schöne Genevra zu ihrer ent-
zauberung bedarf
Zur hauptperson des Klingerschen Stückes ist der derwisch gemacht;
die motive der handlung aber nahm Klinger aus der erzählung der
beiden Cirkassierinnen bei Pajon. Der derwisch verliebt sich in ein
reizendes, einfaches mädchen, Fatime, dessen mutter er vom todo
erweckt. Die dankbarkeit fördert Fatimes gegenliebe. Der derwisch
will mit ihr an den Ganges ziehen, um dort ein stilles, glückseliges
leben zu führen. Zum unglück verlieben sich aber auch der sultan
und sein favorit Culi in das mädchen und suchen es in ihre netze zu
locken. Fatimes bruder Halli, an gesinnung und aussehen seiner
Schwester ganz unähnlich, gibt sich zum Werkzeug für die verführungs-
absichten Culis her. Er bestelt seine Schwester in der dämmerungs-
stunde in des sultans garten zu einer Unterredung. Fatime findet sich
ein. Sie will ihren bruder bereden , seinem bisherigen schlechten lebens-
wandel zu entsagen und mit an den Ganges zu ziehen. Der derwisch,
welcher des sultans und Culis absiebten auf Fatime wol kent, erfährt,
dass sich seine geliebte zu einem steldichein in des sultans garten
begeben. Voll eifei-süchtigen zorns über Fatimes angebliche treulosig-
keit ergreift er einen säbel und eilt ihr nach. Er findet sie mit einem
manne scheinbar in ein liebesgespräch vertieft; die werte, die er hört,
bestärken seinen verdacht, und mit einem Säbelhieb schlägt er beiden die
köpfe ab. Jezterst entdeckt er seinen irtuni. Der vermeintliche lieb-
362 OEDBBSOHIÖLD
haber ist Fatimes bruder Halli. Rasch passt der derwisch die köpfe
an den rumpf an und lässt seine Wunderkerze wirken. Aber, o schreck!
er hat in der dunkelheit die beiden köpfe vertauscht, und seine geliebte
Fatime trägt nun Hallis hässliches, rotbärtiges gesicht Ihr bruder mit
seinem tausche zufrieden, macht sich eiligst aus dem staube, um einem
zweiten geköpftwerden zu entgehen. Fatime ist trostlos. Die drastische
Wirkung, welche in der komik dieser scene liegt, weiss Klinger gut
auszubeuten. Um Fatime wider zu ihrem köpfe zu verhelfen muss ein
deus ex machina in der person des mächtigen Zauberers Primrose her-
bei. Mit dessen hilfe schlägt der derwisch dem HaJli den köpf ab und
sezt ihn wider seiner geliebten auf. In einem wolkenwagen bringt er
sie an den Ganges. .
WIEN, 29. SEPTEMBER 1891. K. 0. MAYER.
THEODOR WISfiN.
Die alte norwegisch -isländische litteratur ist schon seit langer zeit in Schwe-
den eifrig gepflegt worden. Nachdem man in der ereten hälfto des 17. jahrh. auf
Island angefangen hatte, den denkmälem der vorzeit aufs neue seine aufmerksamkeit
zuzuwenden, erweckte diese bowegung (die isländische „renaissance") zunächst in
Schweden den stärksten nachhall, wo der eifer die Schriftwerke der ersten blüteepoche
nordischer litteratur zu sammeln , herauszugeben und zu erklären damals grösser war,
als in der dänisch -norwegischen monarchie, obgleich von den in dieser vereinten beiden
Völkern das eine durch die politische Zusammengehörigkeit, das andere durch stamver-
wantschaft den Isländern näher stand. Im 18. Jahrhundert änderte sich dies freilich,
da namentlich durch die grossartige Wirksamkeit Arni Magnüssons jczt Kopenhagen
der hauptsitz der isländischen philologie wurde, während in Schweden die altnor-
dischen Studien lauer betrieben wurden. Sie erloschen jedoch niemals ganz. Als
später, am anfang unseres Jahrhunderts, der grosse linguist Rask in Dänemark zu
einer eindringenderen und wissenschaftlicheren behandlung der altskandinavischon
sprachen den grund legte, hatte Schweden zwar keinen ihm ebenbürtigen Sprachfor-
scher aufzuweisen, aber die häupter der nationalen (oder sogenanten gotischen)
schule, Tegner, Geijer, Ling, Afzelius u. a. verstanden es doch, den inhalt der altn.
sagas und lieder in Schweden bekant und beliebt zu machen. Bald darauf begann
jedoch auch bei uns mit Schlyter und Bydqvist ein streng philologisches Studium,
das sich freilich zunächst, wie billig, hauptsächlich dem altschwedischen zuwante.
Die Verhältnisse änderten sich aber, als die nordischen sprachen zum gegenstände
des Universitätsunterrichtes gemacht und (1859) professuren für dieses fach inüpsala
und Lund enichtet wurden. Die ersten Inhaber dieser lehrstühle, Carl Säve imd
Carl August Hagbei'g, waren nämlich enthusiastische be wunderer der altisländischen
spräche und litteratur; sie lasen vorzugsweise über diese und stelten sie auch bei
den Prüfungen in den vordergiTind.
Hagberg, der erst in ziemlich vorgerücktem alter die Vertretung des neuen
iaches an der Universität Lund übernommen hatte — vorher hatte er sich nament-
THIODOB wia^N 363
lieh durch seine musterhafte Shakespeare -Übersetzung bekant gemacht — kam freilich
selbst in der noixiischen Sprachforschung wenig über den Standpunkt des genialen
dilettanten hinaus, verstand es jedoch als lehrer fruchtbaren samen auszustreuen. Als
er 1864 starb, wurde einer seiner besten schüler, Theodor Wisen, sein nachfolger.
Wisen wurde 1835 in der nähe von Kalmar geboren; sein vater, der dem
bauomstande entstamte, war prediger. Auf der schule sowol als auf der Universität
erwarb sich der junge Wisen durch seinen klaren verstand und gründlichen fleiss
grosso anerkennung. Nachdom er den doctorgrad erreicht hatte, wurde er 1862
docent für griechische spräche und litteratur. Den klassischen sprachen hatte er
nämlich bis dahin vorzugsweise seine Studien gewidmet, während er die nordischen
nur nebenbei betrieben hatte. Um so mehr ist es zu be wundem, dass er auch in die-
sen, nachdem Hagbergs stelle ihm übertragen worden, sehr bald gründlich zu hause war.
Als Professor hat Wisen mit geschick und pflichttreue gewirkt. Bei der wähl
des hauptfaches liess er sich von der in Schweden traditionellen verliebe für die
schöne und reiche altnorwegisch -isländische litteratur bestimmen, die besonders anf
diejenigen, die mit der griechisch-römischen klassicität sich vertraut gemacht haben,
eine grössere anziehungskraft auszuüben scheint. Seine Vorlesungen behandelten die
poetische Edda, die alte skaldendichtung und isländische sagas, vorzüglich die tslen-
dingasQgur. Als direkter des Seminars für nordische philologie in Lund — das er
selber begründet hatte — leitete er jedoch auch Übungen im altschwedischen, goti-
schen, angelsächsischen usw. In seinem Unterricht, wie übeiiiaupt in allem was
er sich vornahm, betätigte Wisen bei dem entwerfen des planes reife bedachtsamkeit
und bei der ausführung Scharfsinn, klarheit und eleganz. Daher wai'en seine coUegien
auch sehr beliebt, und viele haben durch sie die anregung zu ernsteren Studien
empfangen.
Wiscns littcrai'ische tätigkeit ist nicht so umfassend gewesen, wie man dies
bei seiner grossen bcgabung, dem lebhaften Interesse für sein fach imd seinem
unermüdlichen fleisse hätte erwarten sollen. Seine ungewöhnliche praktische tüchtig-
keit und formgowantbeit waren nämlich die Ursache, dass seine zeit und seine kräfte
in sehr bedeutendem masse durch andere aufgaben in anspruch genommen wuiilen;
und zwar bediente man sich seiner besondere gern bei den geschäften, welche die
Verwaltung und leitung der univereität nötig mach ton. Rector der Universität war er
1876 — 77 und 1885—91. Von den sonstigen pflichten, die ihm auferlegt wurden,
sei nur noch erwähnt, dass er von 1879 — 85 bei den Studentenexamina (d. h. den
maturitätsprüfungen an den gymnasien) censor war und im jähre 1878 zum mitgliede
der schwedischen akademie eruant wurde; besondei's das leztgenante chrenamt hat
ihm viele ai'beit verursacht.
Trotz dieser hindernden umstände hat Wisen jedoch durch eine reihe tüchtiger
und nützlicher arbeiten seine Wissenschaft fördern können. Da am Schlüsse dieses
nachrufes ein volständiges Verzeichnis seiner Schriften gegeben wird, beschränke ich
mich hier darauf, nur diejenigen, die mir die bedeutendsten scheinen, besonders her-
vorauheben.
Für die grammatische Untersuchung des altisländischen war ts dringend not-
wendig, dass die umfangreichste der auf uns gekommenen älteren handschriften, die
grosse isländische Ilomiliubok (Cod. membr. Holm. 15, 4*^) mit diplomatischer treue
veröffentlicht werde. Wisen unterzog sich dieser aufgäbe, die doppelt schwer war,
einmal wegen der beschaffeuheit der handschrift selbst und dann deswegen, weU er
in Lund, wo die arbeit ausgeführt werden musto, weder gelegenheit hatte, vergleiche
364 GKDKBSCmÖLD
mit anderen alten handschriffcen anzustellen, noch von fachmännern, die auf demsel-
ben gebiete tätig waren, rat einholen konte; das nntemehmen war überdies in Schwe-
den das erste seiner art. Trotzdem entsprach Wisens ausgäbe der Homiliubok, die
1872 erschien, den ansprüchen der damaligen zeit in voistem masse. Neuerdings
hat freilich ein jüngerer forscher, dr. L. Larsson, eine von Wisens buch abweichende
lesung und doutung mehrerer (doch meist minder wichtiger) punkte erweisen wollen;
aber Wisen verteidigte seine auffassung, und es dürfte bis jezt noch nicht entschie-
den sein, wie weit der eine oder der andere recht hatte.
Die norwegisch -isländische kunstdichtung (die skaldenpoesie) kann als der
eigentliche mittelpunkt von Wisens philologischer schriftstellerei bezeichnet werden.
Als fruchte langjähriger ai'beit auf diesem gebiete erscheinen 1886 und 1889 die bei-
den bände seiner Carmina norroena, einer reichhaltigen auswahl von skaldischen
dichtungen, von den ältesten dürftigen resten des 8. Jahrhunderts bis hinab zu den
crzeügnissen der rimurpoesie. Die texte sind sprachlich und metlisch normalisiert;
es folgen auf sie ein kritischer apparat, bemerkungen über die gedichte und ihre
Verfasser, eine ausführliche erörterung der verschiedenen motive und endlich ein vol-
ständiges glossar. Die Carmina norroena haben bereits bei denen, die sich mit der
skaldischen poesie beschäftigen, als ein sorgfältiges und zuverlässiges handbuch grosse
anerkennung gefunden; sie übertreffen durch diese eigenschaften ganz bedeutend das
nach einem grösseren massstab angelegte, aber leider alzu subjektive und wilkürliche
CJorpus poeticum boreale von Vigfusson und Powell. — Fernere Zeugnisse für das
liebevolle Studium, das Wisen der altnordischen poosie widmete, sind die editio prin-
ceps von drei grösseren cyklen von „rimur" („ Riddararimur *") , eine Untersuchung
über das eigentümliche metrum „M^lahättr*^ und eine sorie „ Emendationer och exe-
geser tili norröna dikter*^, sowie seine Edda-syntax, die schon vor dem bekanten
buche von Nygaard, das dasselbe thema behandelt, erschien.
An dem gi-ossen, noch nicht ganz vollendeten schwedischen conversationslexi-
kon „Nordisk familjebok" hat sich Wisen als fleissiger und gowanter mitarbeit«r
betätigt; alle artikel zur nordischen mythologie und verschiedene andere zur altnor-
dischen sprach- und litteraturgeschichte sind von seiner band.
Es geschah besonders wegen seiner Verdienste als Sprachforscher, dass die schwe-
dische akademie Wisen zu ihrem mitgliede erwählte; aber auch als Stilist und redner
hätte er diese auszeichnung verdient. Unter seinen schiiften, die in den abhandlun-
lungen der akademie erschienen, sind die biographischen arbeiten zum gedächtnisse
J. E. Rydqvists und C. J. Schlyters für philologen von besonderem interesse.
Zum schluss muss noch erwähnt werden, dass Wisen es war, der die akade-
mie veranlasste, die arbeiten an dem grossen neuschwedischen wÖrterbuche, die vor
mehr als hundert jähren begonnen, aber ins stocken geraten waren, nach einem
neuen plane wider aufzunehmen (1883). Unter seinen auspicien wurde dann diese
Sache so eifrig gefördert, dass die eigentliche redactionsarbeit 1891 beginnen konte.
Au dieser konte er sich leider nicht lange beteiligen, da am 15. febr. 1892 der tod
seinem wirken ein ziel sezte.
Wisens fioimgang erweckte algemeine trauer, und nicht bloss die näheren
freunde, sondern alle diejenigen, die sein klares urteil und seine in verschiedenen
ämtern vielfach erprobte kraft, seinen festen Charakter und seinen offenen, redlichen
sinn hatten schätzen leroen, empfanden seinen tod als einen schweren verlust Der
unterzeichnete, ein treuer und dankbarer freund und schüler Wisens, hegt, was die-
sen nachruf angeht, nur die befürchtung, dass er in dem bestreben, den schein
THEODOR wisks 365
übertriebeneo lobes zn vermeiden, den Verdiensten des verstorbenen nicht genügend
gerecht geworden ist.
CHRONOLOGISCHES VERZEICHNIS DER VON TH. WIS6N VERÖFFENT-
LICHTEN SCHRIFTEN
(mit ausschluss der rein amtlichen).
De vi et usu particulae o)^ apud Thucydidem commentatio. Havniae 1862. (Akad.
abhandlang.)
Hjeltesängerne i Sämunds Edda. I. Lund 1865.
Om ordfogningen i den äldre Eddan. Acta Univ. Lund. 1865 (auch als akad. abhand-
lung erschienen).
Recension von: Efterladte skrifter af R. Koyser. Nordisk tidskr. 1866.
Recension von: Norroen fomkvsedi, udg. af Sophus Bugge, und von: Ssemiindar
Edda, händudg. ved Sv. Grundtvig. Nordisk tidskr. 1868.
Urval af norroenum fomkvsedum handa hinum bokmennta-idkendum tlnt saman ok
ütgefit. Lund 1870. [Ein anonym erschienener Vorläufer der Carmina noiTcena
zum gebrauch bei akad. Vorlesungen.]
Om qvinnan i nordens fomtid. Nordisk tidskr. 1870. (Auch besonders erschienen.)
Altnordische wortdeutungen. Germania XVI (1871).
Homiliu-bok. Isländska homilier, utg. efter en handskriffc frän tolfte ärhundradet.
Lund 1872.
Oden och Loke. Tvä bilder ur fomnordiska gudaläran. Stockh. 1873.
Artikel (besonders die nord. mythologie betreffend) in Nordisk familjebok, Stockh.
1875 — 92.
Inträdestal i Svenska akadcmien den 20 dec. 1878. (Minnesteckning öfver Johau
Erik Rydqvist.) Svenska akademiens handlingar frän 1796 UV (Stockh. 1879).
Riddara-rimur, efter handskrifterna utgifna. Köpenhamn 1881. (Skrifter udgivne af
Samfund til udgivelse af gammcl nordisk litteratur, nr. 4).
Tal vid Lunds universitets fest d. 1 okt. 1881 (kronprins Gustafs och prinsessan
Victorias fürmälning). Lund 1881.
Om norröna medialformer pä -umk i första pei'sonen singularis. Arkiv f. nord.
filol. I (Christ. 1883).
Tal ä Svenska akademiens högtidsdag den 20 dec. 1883. Svenska akademiens hand-
Ungar frän 1796 LX (Stockh. 1884).
Carmina norroena. Ex reliquiis vetustioris norroenae poesis selecta, recognita, com-
mentarüs et glossario instructa. Vol. I. Lundae MDCCCLXXXVI. Vol. U. Lundae
MDCCCLXXXIX.
MÄlahättr. Ett bidrag tili noiTöna metriken. Arkiv f. nord. filol. LH (Christ. 1886).
Auch als univ. - progi'. von Lund.
Om den filosofiska graden vid Lunds universitet. Lund 1886. (Programm.)
Emendationor och exegeser tili norroona dikter. Lund 1886 — 91. (Ursprünglich in
universitäts- Programmen gedruckt)
üttalande i rättstafningsfrägan , afgifvet tili Svenska akademien. Lund 1887. (Nur
in 25 expll. gedruckt.)
Textkritiska anmärkningar tili den Stockholmska homilieboken. Ark. f. nord. filol. IV.
(Christ. 1888).
Nägra ord om den Stockholmska homilieboken. Ett genmäle. Lund 1888,
366 MÖLLEB
Minnesteckning ofver Carl Johan Schlyter. Svenska akademiens handlingar frän 1886
IV. (Stockh. 1890).
Recension von-.^Dor lj6[)ahattr, eiae metrische Untersuchung von Andreas Heusler.
Arkiv f. nord. filol. Vlü. (Lund 1892).
LUND IM MAI 1892. GUSTAF CEDERSCHIÖLD.
LITTERATUR
Fritz Beehtel, Die hauptprobleme der indogermanischen lautlehre seit
Schleicher. Göttingen, Vandenhoeck & Ruprechts vorlag. 1892. X, 414 s. 8.
9 m.
Der gedanke, die „hauptprobleme der indogerm. lautlehre seit Schleicher" zum
gegenstände eines eignen buches zu machen, ist ein vorzüglicher zu nennen. Das
buch soll (Vorwort s. V) „über die wichtigsten Umgestaltungen bcricht erstatten, die
das von Schleicher entworfene System des gomeinindogermanischen lautbestandes seit
dem ei*scheinen des Gompendiunis erfahren hat. Es soll zeigen, welche probleme
aufgeworfen, auf welchem wege und wie weit sie gelöst seien; und es soll da, wo
die lösung noch nicht gelungen ist, den versuch machen, sie der lösung auf eigene
Verantwortung hin näher zu führen". Ob und wie weit die lösung eines problems
gelungen, darüber besteht nun alleixiings in einigen fallen Übereinstimmung, so in
betreff des problems, das die vermeintliche „erste Steigerung" bot; in andern aber
nicht. So hält nicht der Verfasser und auch der referent nicht, aber ein grosser teil
der Sprachforscher das problcm, das die längen i und ü bieten, für gelöst durch
Osthoff: Kluge hat die folgeningen der OsthofFschen leÄre ja sogar in sämtlichen
auflagen seines Etymol. Wörterbuchs als sichorstehend dem grossen publikum vor-
gefühlt. Es ist klar, dass, wo es sich um probleme gleich diesem handelt, ein buch
mit dem titel des vorliegenden je nach dem Standpunkte des Verfassers ein sehr ver-
schiedenes aussehn haben muss; und zwar in einem um so höheren grade, ein je
selbständigerer forscher der Verfasser ist. Ein weniger selbständiger Verfasser könte
in solchen fällen rein orientierend darlegen, was tatsächlich zur zeit der abfassuug
von einem teile der forscher angenommen wird, w^as von andern. Ein buch, das so
verführe, könte für denjenigen, der erst sich in die Sprachwissenschaft hineinzuver-
setzen bestrebt ist, erwünschter sein als das vorliegende, und es könte auch sein,
dass mancher anhänger einer vom Verfasser bekämpften ansieht lieber eine solche
behandlung gesehen hätte. Die meisten forscher werden indessen doch zweifellos,
wie der referent es tut, auch ohne überall dem Verfasser zustimmen zu können, ein
buch, wie das vorliegende es ist, vorziehen und dem Verfasser dafür danken, dass
er da, wo die lösung (nach seinem urteil) noch nicht gelungen ist, den versuch
machon will, die probleme „der lösung auf eigene Verantwortung liin näher zu
führen ".
"Wir haben demgemäss in dem vorliegenden buche, wie für ein buch, dessen
Verfasser F. Bechtel ist, völlig in der Ordnung, genau gesagt eine darstellung der
behandlung der hauptprobleme der indogerm. lautlehre von Schleicher um 1860 bis
Bechtel 1890. Die darstellung ist nicht in allen abschnitten völlig gleichmässig: in
einigen kapiteln wird mit grösserer kürze und mit weniger Zwischengliedern von
Schleicher zu Bechtel übergegangen, ohne dass die länge oder kürze überall zu der
ÜBER BECHTEL, HAUFTPBOBLIMB DEB INDOQERM. LAUTLBHBE 367
zahl der wirklich bestehenden Zwischenglieder oder zu der Wichtigkeit des problems
in genauem Verhältnis steht. Nicht alle probleme werden behandelt, was auch der
titel „die h au pt probleme" nicht verspricht : wie der Verfasser im vor^'ort s. VI mit-
teilt, sind „ein kapitel über die tonlosen aspiraten, ein anderes über die imterschei-
dung von j^ und y, ^ mid »" vorhanden gewesen, aber „gefallen*. Die ansichten
des Verfassers scheinen noch während des druckes manche Wandlungen erfahren zu
haben ^
S. 2 der acht Seiten langen „Einleitung*^ lesen wir: „Es sind zwei gesetze,
deren auffindung für die ont^vickelung massgebend geworden ist, die die Sprachwis-
senschaft nach Schleicher genommen hat: die von Karl Vemer mitgeteilte ergänzung
des Grimmschen lautverschiebungsgesetzes, und das von mehreren gelehrten gleich-
zeitig gefundene palatalgosetz". „Die entdeckung des palatalgesetzes ", sagt der Ver-
fasser s. 6, „steht an tiagweite hinter der Vernerschen entdeckung nicht zurück".
Dies kann, wenn man die unmittelbarsten wichtigen konsequenzen des einen wie des
andern gesetzes zählt, lichtig genant werden. Aber um die bedeutung, wie einer
historischen tat überhaupt, so auch einer solchen auf dem gebiete der Wissenschaft,
richtig zu ermessen, muss man nicht allein vorwärts, auch rückwärts blicken. Ver-
fahrt man demgemäss, so wird man finden (imd keiner, der die zeit um 1875 als
forscher auf dem gebiete der indogeim. lautlehre miterlebt hat, wird darüber in zwei-
fei sein), dass vom ersten erscheinen des „CJompendiums* bis heute keine sprach-
wissenschaftliche arbeit an epochemachender bedeutung sich mit dem „Kopenhagen,
juli 1875" datierten aufsatz im 2. heft von Kuhns zeitschr. 23 messen kann, und
dass mit dem gesetz, das so lange eine idg. Sprachwissenschaft lebt Vemers namen
fortführen wird, eine neue periode der idg. Sprachwissenschaft begann, die noch
heute fortdauert, ohne durch eine neue abgelöst zu sein. Das von dem mitentdecker
Vemer so genante „ palatalgesetz " (s. Liter, centralbl. 1886, sp. 1710) steht auf den
schultern des „Vernerschen gesetzes " ^. Das palatalgesetz und das Vemorsche gesetz
verhalten sich, wenn man entdeckungen einer einzelwissenschaft mit weltgeschicht-
lichen ereignissen vergleichen darf, zu einander etwa wie Baiboas findung des Gros-
sen oceans 1513 und Columbus erete reise 1492.
Der Verfasser zeigt s. 6 fgg. den Zusammenhang zwischen Schleichers „forde-
rung, die vorgeschichtlichen phasen der sprachentwickelung in die betrachtung zu
ziehen , und den entdeckungen meiner nachfolger" (s. 2). S. 7 : „Die vermittelung zwi-
schen Schleicher und Verner bildet Scherers 1868 erschienenes buch Zur geschieh te
der deutschen spräche".
Der erste (in folge der im andern vom Verfasser vorgenommenen Streichungen
bei weitem grössere) teil von Bechtels buch (s. 10 — 290) hat den titel: „Aus der
lehre von den vokalen".
Der „Erste abschnitt" (s. 10 — 181) behandelt in vier kapiteln „Kürzen
und diphthonge mit kurzem ersten komponenten".
1) Ref. hat in seinem leben kein buch gesehen, in dem auch nur annähernd
so häufig karten gelogt ist, wie in diesem.
2) Ob die „Zweiteilung des o", die „mindestens für das germanische eine
ursprüngliche war", „ihre motive in früheren sprachzuständen hat oder bis in die
indogermanische periode hinaufreicht'', erklärt Verner zu ende seines aufsatzes KZ. 23,
138 für „einer näheren Untersuchung wert", die er darauf selbst mit den andern ent-
decken! des palatalgesetzes angestelt hat.
368 IfÖLLKB
Das 1. kapitel (s. 10— 73) führt uns von Schleichers a nriit seiner „ersten
Steigerung" ä durch Curtius' ^Spaltung des a- lautes*', Miillenhoffe lehre von der Prio-
rität des e und o vor * und u, Amelungs ^zwei irgendwie verschiedenen a- lauten''
der grundsprache mit läugnung der „Spaltung". Brugmanns a^, a,, a, und mög-
licherweise noch mehr o, Collitz' und Joh. Schmidts kritik, zum palatalgesetz (s. 62),
mittels dessen bewiesen wird, was die Überschrift des kapitels ist: Die vokale a,
f, 0 gehören der Ursprache an". „Der von Bopp und Schleicher als keines
beweises bedürfende [1. bedürfend hingestelte] satz, dass der ursprachliche vokalisraus
nach dem arischen rekonstruiert werden müsse", macht s. 63 dem satze platz, „dass
der vokalismus der Ursprache im wesentlichen mit dem eui'opäischen identisch sei".
„Wer nach diesem neuen principe den vokalismus der Ursprache konstruiert", lesen
wir ebenda, lässt es nicht mit Brugmann ,ununtersucht', wie viel kurze ,a- laute' die
Ursprache besessen habe: er behauptet vielmehr, dass die anzahl joner vokale drei
gewesen sei, nicht weniger, aber auch nicht mehr". (Trotz dieser mit bestimtheit
vorgetragenen werte lernen wir später im 3. kapitel s. 104 einen vierten an stelle des
einen Schleicherschen a erecheinenden kurzen vokal kennen, den der Verfasser 9
schreibt. Dieser soll wol als „Schwächung" ausserhalb der reihe stehn: ob er aber
auch, wenn \nT die laute der von uns erschlossenen periode der grundsprache pho-
netisch betrachten könten, ausserhalb der reihe zu stehen hätte, kann der Verfasser
nicht wissen.) „Er nent sie indes", so lesen wir s. 63 unten weiter, „weder a- laute,
noch färbungen des a, weil er nicht der Vorstellung vorechub leisten will, er denke
sie aus einem einheitlichen laute hervorgegangen". „Dies ist", bemerkt eine note,
„nötig hervorzuheben, weil für F. Masing „zweifellos ist, dass o^ und a, sich aus
einem und demselben a-laut differenziert haben". In diesem punkte stimme ich
Masing bei gegen den Verfasser: ein e und ein o können wol, wenn sie in irgend
einem sprachzweige in völlig verschiedenen werten vorkommen, von haus aus völlig
unabhängig von einander sein; sie können aber unmöglich, wie im indogermanischen,
in einem ablautverhältnis zu einander stehn, ohne dass entweder der eine der beiden
laut^ aus dem andern, oder beide aus einem gemeinsamen dritten hervorgegangen
sind. — Innerhalb des §5 „Collitz und Schmidt" wird s. 46 — 60 die auf Schleicher
zurückgehende lehre Brugmanns zurückgewiesen, nach welcher europ. o in offner
Silbe durch indoiran. ä vertreten wird. In der sache steht der referent völlig auf der
Seite Collitz, Job. Schmidts und des Verfassers (vgl. KZ. 24, 519 note 2, PBB. 7,
498). Was aber die formelle seite der kritik bctrift, so kann ich nicht umhin zu finden,
dass Brugmaun hier vom Verfasser weniger gerecht behandelt wird, als dieser einen
andern mit seinen ansichten ihm näher stehenden forscher behandeln würde. Da.ss
ein gelehrter eine im jähre 1876 aufgestelte ansieht der kritik gegenüber im jähre
1880 in engeren grenzen fester zu stellen sucht, durch einen zusatz, den er 1876
in derselben fassung noch nicht geben konte (nämlich durch ausnähme des o, das mit
ö ablautet, da Brugmann doch schon früher das bestehen andrer „a -laute" angedeu-
tet hatte), wovon hier viel wesens gemacht wird (s. 51 fgg.)i darin vermag ich durch-
aus nicht etwas verwerfliches, nur etwas höchst natürliches su sehen.
Das 2. kapitel „Die Steigerungen" (s. 73 — 97) führt von dem Schleicher-
schen System der drei vokalreihen zu der erkentnis, die heute gemeingut ist, dass die
vermeintliche „erste Steigerung" der t- und m- reihe in Wirklichkeit die grundstufe,
die veiineintlichen „grundvokale" i und u in Wahrheit Schwächungen waren.
Das 3. kapitel behandelt die „vokalschwächung" (s. 98 — 154). „Schwä-
chung" ist dem Verfasser (s. 104) der gesamtbegriff, „reduktion" und „ ausstossnng "
ÜBER BECUTEL, HAXJPTPROBLEMll DER INDOGERM. LAUTLEHRE 369
nent er dessen Unterabteilungen (= Holtzmanns ^vokalschwächung '^ und ^vokalaus-
stossung*^, Schleichers Schwächung ini engem sinne und ^ Schwund*^). Die doppelte
form der Schwächung rührt teils (s. 105) von der vei-scliiedenen „natur der laute,
die den zu schwächenden vokal umgeben'', teils (s. 106) von der „Verschiedenheit
der Stellung des woiies im satze und der liierdurch bedingten vei'schiedenhoit des
accentos". Mit der annähme dieses lezten erklärungsginindes gibt der Verfasser
Osthoff i*echt, so wenig er sich auch „die ausführung dieses gedankens, bekant unter
dem namen „nebentonige und tonlose tiefstufe** anzueignen vermag". In doppelwör-
tern wie got. guma: lit. zmü sieht Bechtel „Zeugnisse für die abstufung des exspi-
ratorischen accentes im vortone, die wir uns durch vergleichung mit dem mhd. ton-
losen und stummen e veranschaulichen dürfen''. „Nehmen wir an", sagt der Verfas-
ser, dass der von Paul für das germanische aufgestelte satz: „es können nicht zwei
auf einander folgende silben ganz gleiche tonhöhe oder gleiches tongewicht haben"
für die m^sprache galt, „so wird der vorton des zweisilbigen wertes da seinen silben -
wert zu erhalten im stände sein, wo er zwischen zwei haupttönen liegt". „Wo aber
dem schwachen vokale des vortones schon ein anderer schwacher vokal vorhergieng,
hatte er keine kraft der Vernichtung zu wideretehn". (Verglichen könte hier werden
nhd. ge-leit : he-g-leiten; ge-leise : ent-g-leisen; ge-img, ge-nüge : be-, ver-g-nü-
gen.) Die accente der beiden Osthoffschen tiefstufen, wenn diese hier mit recht zui*
erklärung herangezogen werden, können in dem vorliegenden falle nichts andres als
ein urspi-ünglicher „anudätta" und ein „anudättatara" gewesen sein.
Der Verfasser behandelt in diesem kapitel die Schwächung des „vor die ton-
silbe gei-atonen e"' (s. 108). Ei* nent also, wie auch andre es getan haben und tun,
den vokal vor seiner Schwächung e, obwol er gar nichts darüber wissen kann, ob
der ungeschwächte vokal wirklich ein e gewesen ist: feststehend ist nur, dass es sich
um die Schwächung desjenigen vokals handelt, der in der ursprünglich hochtonigen
Silbe als e erscheint. Wenn dieses c erst durch den hochton aus einem ursprüng-
lichen a hervorgegangen ist, so ist derselbe ui-sprünglicho vokal, tonlos, vor seiner
Schwächung schwerlich ein e gewesen, ob derselbe gleich durch die Schwächung in
der Stellung vor vei'schlusslaut oder spirant zu einem vokal geworden ist, der in den
vei'schiedenen indogerm. dialekten mit dem hochtonigen e qualitativ zusammengefallen
ist und auf vorhergehende A;- laute gleich diesem wirkt. Der ungeschwächte tonlose
vokal könte sich zu diesem reducierten verhalten haben, wie das ahd. tonlose a in
x^unga, fogal zum mhd. reducierten laut in xunge, vogel, der, wo der vokal e
geschiieben wird , doraelbe laut gewesen sein kann wie im nhd. (wenn nicht ein nasal
oder eine liquida solbstlauteud geworden ist), nämlich der dem a näherstehende
niediopalatalo (engl, „mixod") vokal, verschieden von dem antepalatalen e. Den redu-
cierten vokal der grundspracho , der dem hochtonigen e gegenübei'steht, schreibt der
veifasser 9. Sein a entspricht J. Schmidts «. Bechtel behandelt
1) die Schwächung des „mit muten und Spiranten verbundenen"
vokals (s. 108 — 114). Der schwache vokal erscheint gleich dem hochtonigen im
sanski*. als a, im griech. als *, im germ. als e*. (Manche der vermeintlichen «? kön-
ton jedoch in Wirklichkeit unter dem hochton entstandene e gewesen sein, die durch
ausgleichung an die stelle der a- oder Schwundstufe getreten sind.) — Das von
Thumeysen (KZ. 30, 351) für die grundspracho zu erweisen gesuchte selbstlauteude *
wird vom Verfasser in einer note (s. 108 fg.) mit recht abgewiesen.
1) Anders Sievers, Beitr. 16, 236 fg.
ZEITSCHRIFT F. DKUTSCHK PHILOLOGIE. BD. XXV. 24
370 MÖLLKR
2) Schwächung des ^mit nasalis oder liquida verbundoneu^ vokals^
(s. 114 — 143). Der vokal mit folgendem w, w, r, / wird (s. 114)
I. vor folgendem vokal
a) (mit ausstossung dos vokals) zu inj n, r, l; oder
b) (durch reduktion) zur „Verbindung eines schwachen vokales mit jenen konso-
sonanten*'. Diese Verbindung wird in den jüngeren sprachen wie folgt ver-
treten (s. 115):
„idg. d -\- m = sanskr. aw, gr. afi^ got. um.
idg. a -f" r = sanskr. ir, griech. «(>, got. aür^.
Der Verfasser bezeichnet also den reducierten vokal vor liquida oder nasal, dessen
Vertretung in den jüngeren sprachen eine ganz andere ist, mittels desselben Zeichens
0 wie den reducierten vokal vor verschlusslaut oder Spirant, obwol er nicht behaup-
ten kann , dass der reducieite vokal in der grundsprache in jenem falle derselbe gewe-
sen ist, wie in diesem, auch nicht einmal, dass jener vokal nach geschehener reduk-
tion in dem gesamten gebiete der grundsprache und vor liquiden einerseits, nasalen
anderseits, ein einheitlicher gewesen ist: aber der Verfasser will alles dieses auch
ge^viss nicht. — Indem Bechtel (wie Joh. Schmidt) reducierten vokal -\- m, n, r, l
vor vokal für die grundsprache annimt', stelt er sich in einen gegonsatz gegen „ die
anhänger der sonantentheorie^ (s. 131), die den wurzelvokal beseitigt sein lassen imd
der grundsprache die lautgruppen mm, nn, fr, II zuschreiben. „Gegen derartige
ausätze erhebt das germanische protest, wie Paul (PBB. 6, 109 fg.) gezeigt haf, dem
Bechtel (s. 132) sich anschliesst, obwol Paul, ohne das von ihm selbst früher vor-
gebrachte zu widerlegen, seinen einwand hat fallen lassen (6, 409). In got. batirans,
numansj skulum, munum usf. „kann niemals der vokal vor nas.-liq. ganz geschwun-
den gewesen sein^, es müste sonst y,skullum heissen gerade wie hullum'^, Paul und
Bechtel bemerken nicht, dass so gut wie das germanische auch die übrigen europäischen
dialekte protestieren : nur das griechische « vor v, fi könte passen , es heisst aber ßuQvg
usw., nicht ^ßqaqvg^ oder j^ßaQQvg"-. Die „formulierung'* (Bechtel s. 217) könte nun
allerdings so gegeben werden, dass alles passt': die lautgruppen mm, nn, rr, U
einerseits, schwacher vokal -\- m, n, r, l anderseits sind in Wirklichkeit in schwa-
cher silbe nicht in dem masse von einander verschieden, wie es auf dem papier den
1) liquidae und nasale fasst der Verfasser unter dem guten von £. Seelmann
(Ausspr. des latcin 1885, s. 242) eingeführten ausdruck „ mittellaute '^ zusammen: für
verschlusslaute und Spiranten entbehrt er dagegen eines zusammenfassenden ausdrucks,
da er die benennung „ geräuschlaute '^ nicht im Sieversschen sinne, sondern in der
bedeutung „nicht -vokale" gebraucht. Für (Sievers') geräuschlaute und jene „ mittel-
laute *^ eine zusammenfassende bezeichnung zu haben, ist alleixlings wünschenswert.
2) Das gleiche tut P. Kretschmer, KZ. 31 , 394 (welcher den reducierten vokal
mit « bezeichnet).
3) Germ. Wörter imd wortformen mit tdl haben zu der zeit, als der vokal
sich cinstelte, ganz gewiss noch kein // gehabt: solte dies aber doch der fall sein,
so kann behauptet werden, dass in unbetonter silbe lautgesetzlich tU mit kurzem /
cutstanden, und später, als die silbe den ton empfiong, das // durch systemzwang
widerhergostelt wäre. Das entsprechende gilt von den germ. unn, umm, urr. Die
h V^t 'f}} T luit folgendem einfachen konsonanten, also auch U usw., wenn solche
Vorbindungen vorkamen, waren nämlich kurze silben, darum konte, wenn { zu
germ. ul ward, aus II auch nur ul hervorgehn, da sonst die lautgruppe von vokal
zu vokal um die dauor des ersten silbenauslautenden / länger geworden wäre. Aus
demselben gründe haben die im sanskrit und griechischen aus n, tn einmal entstan-
denen *a", a™ den nasal, der die silbe lang gemacht hätte, verloren-
t^BEB BEGHTEL, HAÜPTPROBLElfB DRR IND06KRM. LAÜTLEHBE 371
anschein hat, sie liegen sich vielmehr in der praxis recht nahe, so dass sie häufig
mit einander wechseln. Dass aber die uns vorliegenden vokale griech. a, germ. u
usw. vor m, n, r, l notwendig aus sonantischen m, n, r, l erwachsen sind, kann
nicht bewiesen werden: bei unbefangener betrachtung weisen dieselben auf einen
grundsprachlichen schwachen vokal zurück^, und mit den möglicherweise vorgekom-
menen phasen mm, nn, rr, U brauchen wir uns nicht zu befassen. In diesem punkte,
wo es sich um die grundsprachlichon Vorläufer der griech. afi, avy «(>, «iL, germ.
ww, un, ur, tU vor vokal handelt, gebe ich also dem Verfasser recht.
II. flFolgt aufm, n, r, / ein konsonant", so wird die ursprüngliche lautgnippe
im falle der Schwächung ersezt (s. 114) „durch die Verbindung eines schwachen voka-
les mit jenen konsonanten*'. Bechtels aufPassung weicht auch hier „von derjenigen,
die von Brugmanu inauguriert und heute fast algemein angenommen isf^, „darin ab,
dass diese mit selbstlautenden my n, r, / operiert, deren stimton sie in den einzel-
sprachen zum Völlen vokale sich entfalten lässt''. „Dass bei auflösung der Ursprache
silbenbildendo nasale und liquidae nicht bestanden haben^, meint der Verfasser s. 128
unten, gehe „aus den erscheinungen der einzelsprachen ^ hervor. Es wird aber nur
das slavisch- litauische ins feld geführt. Joh. Schmidt hat bewiesen (Zur gesch. des
idg. vok. 2, 8 fgg.), dass die selbstlautenden r, l slavischer dialekte „an die stelle
urslavischer tr, H, selten ür, ül getreten sind", denen (wie Jagiö gezeigt hat) lit. ir,
il, ur, ul entsprechen. Ebenso hat das gemein -slavisch -litauische statt selbstlauten-
der nasale die Verbindung i + nasal gehabt Durch das slavisch -litauische i vor
dem r, l oder nasal ist vorhergehendes k, g im slav. in c, i, im lettischen in », /*
gewandelt worden. „Der schwache vokal", meint Bechtel s. 131, „ist also auf einem
gewissen Sprachgebiete in sehr früher zeit vorhanden gewesen. Die sonantontheorie
ist dazu gezwungen, ihn dort neu entstehen zu lassen. Sie ist es eben so für jede
einzelsprache [dem steht auch durchaus nichts im wege], und kann als unveränder-
ten fortsetzer eines ursprachlichen lau tos einzig das indische r betrachten". Bis zu
diesem punkte können und milssen alle anhänger der „sonantentheorie" Bechtel recht
geben. Ich glaube aber nicht, dass viele von ihnen sich genötigt sehen werden, auf
des veifassers ausführungen hin die sonanten fallen zu lassen. In den Engl. Studien
3 (1879), s. 149 habe ich drei griinde angegeben, aus welchen es mir notwendig
schien mit Brugmann grundsprachliche selbstlautende liquiden und nasale anzuneh-
men. Bechtel bemerkt s. 133, dass von diesen „zwei geprüft werden müssen"'.
1) der nicht in dem gesamten gebiete der grundsprache ein und derselbe
gewesen zu sein braucht (doch ist der vokal, aus dem griech. a und germ. u her-
vorgegangen, gewiss vor allen vier konsouanten der gleiche gewesen, und zwar der-
sol^ laut, der unten im 2. abschnitt s. 387 mit a bezeichnet werden wird).
2) Warum nicht auch der dritte, sagt er nicht Der dritte grund, bei mir der
erste, war die beobachtung, dass „im sanskrit k, g vor solbstlautendem rund dem Ver-
treter von selbstlautendem nasal k, g bleiben, ktmi- „wurm", gata- „gegangen" (aus
gmtd'Y nicht zu palatalen werden, vgl. Kluge, QF. 32, s. 19 fg. Hiergegen hat mir
F. de Saussure im august 1879 bemerkt (in einem briefe, aus dem ich mir seine erlaub-
nis erbeten habe das folgende mitzuteilen), dass dem indo- iranischen palatal oder nicht -
palatal nicht viel zu entnehmen sein werde. Es sei nicht zu beweisen, dass g grade
in der form gatd lautgesetzlich sei; der Ursprung des g der wurzel gam (neben zend
gamaiti und der w. gam im Naighantuka) könne ebensowol in formen wie gagmm,
gcLgcCma, gdnium, d-gät usw. gesucht werden. Vor r und der Vertretung von
(Saussures) f' scheine sdlerdings k, g das regelrechte^ zu sein. „Aber wir finden z. b.
schon im Veda crtdti „knüpfen", crttd, vi-cft, «a»i-cff7und dabei nicht einmal ein
coW-". Ein weiterer fall, cirna, sei „gewiss keine junge form, da sie von ihrer
24*
378 MÖLLER
die grandsprachliche form nach eingetretener dehnong wäre also gewesen pod-s, acc.
pö^dm, pl. pddes (wie nhd. lautgesetzlioh höf, köfes, Äö/e), ebenso in den andern
von Bechtel s. 171 fg. (unter b) angeführten wurzelnomina: durch Übertragung aber
konte später, noch grundsprachlich, das ö auch in den nom. treten (wie in nhd. köfj
höfesy. Die dehnung tiitt auch im auslaut ein: sd muste es heissen, wo der artikcl
den tiefton gewählt hatte (ved. so, „metrisch verlängert **) , so (ved. sa^ gr. 6), wo
das in dieser form ui*sprünglich nur tieftonige wort tonlos geworden war. Ebenso ent-
standen zahlreiche andre doppelformen: gen. -esjo (ved. -asja) neben -esjo, präp. do
(germ. to) neben do (slav. do, ahd. Jta), pro (ved. pra , avest frä, lat. pro) neben
pro (gr. TiQdy skr. pra, avest got. fra) usw. Vgl. Whitney, Ind. gr. § 248; Osthoff,
Morph. Unt 4, 226).
Der von der dehnung betroffene vokal war häufiger als irgend ein andrer ein
0, einfach darum, weil allein diesem vokal nach alter regcl der tiefton zukam. Fälle
der dehnung eines o durch den tiefton habe ich Boitr. 7, 498 fgg. massenhaft beige-
bracht'. Der ursprüngliche vokativausgang -d ward jezt durch dehnung -ö*, dcirn
(s. Bezzenberger, Beitr. 15, 296 fgg.)? während die vokativausgänge —oi, -du bleiben
(skr. ägnS, sün^, lit. nakt'e, sünaü, gi*. IrixoT, vgl. Kretschmer, KZ. 31, 356 fgg.)-
Regeh-echt ist die dehnung in der 3. person sing, des perfekts (Bechtel s. 165), gr.
yfybive, unerklärt bleibt jedoch die kürze des o in der 1. sing., skr. tatdpa usw.
(und im europ. in der 3. sing.) : das o rauss wol in diesem falle nicht tieftonig geblie-
ben, sondern vielmehr hochtonig geworden sein. Regelrecht ist die dehnung in der
1. dual, hherdve(s), 1. plur. hherdmefsi) (daneben in Europa gr. (p^QOfiig usw. mit
tonlos gewordenem o?). Die kausativen haben in der ersten silbe den tieften gehabt
{dt, ot/), so schwer derselbe hier auch zu erklären ist, daher (Bechtel s. 169) skx
pätdjati aus potejeti usw. (neben patdjati aus formen mit tonloser erster silbe).
Zu der zeit, als diese dehnung einbat, haben aber auch andre vokale den tief-
ton tragen können. Zunächst nicht wenige e. Neben hochtonigem nie „mich*' hätte
die tioftonige form nach früherer regel *md lauten müssen; neugeschaffen war aber
statt dessen ein *mh, woraus jezt mit dehnung inS^ (vgl. Osthoff, Zur gesch. des per-
fekts s. 126). Ebenso ve „oder" (skr. va) neben hochtonigem ve und un tonigem u
(gr. ^-/^, lat. ne-ve, ne-u, Osthoff ebd. 128, Kretschmer, KZ. 31, 365); qd neben
urspr. hochtonigem, dann untonigem qe „und" (Osth. V2B)\ augment e (gr. t]-) neben c
(ebd. 129). In einer Zusammensetzung *septm'd^cmto-m, mit der dehnung septm-
decmto-m (got. sibun-tehund, das h nach taihunY^ war der tiefton oder svarita auf
die erste silbe des zweiten bestandteils gefallen: in einer früheren periodo hätte der
tiefton den vokal zu o gefärbt i^docmt-)^ was jezt nicht mehr möglich war. So im
zweiten bestandteile von kompositen mehrfach, wie in skr. ^td-^ärada- adj. „hun-
dert herbste zählend, gebend", n. „alter von hundert jähren".
1) Aus einer flexion pod-s, pöd-m konton später doppelformen wie jovog und
skr. tana-, dieses wie pada-, hervorgehn (vgl. PBBtr. 7, 509).
2) Zahlreiche daselbst unrichtig mit ö angesezte Wörter haben nach der neuen
fassung der regel vielmehr o gehabt: nökt- „nacht" 500, pocs got. fahs 510, pötnl
„herrin" 511, doc-^nn Soy^tc 516 usw.
3) Anders über sihuntehund usw. Brugmann, Morph, unters. 5, 12 fgg. — VcL
Joh. Schmidt, Die Urheimat der Indogermanen und das europäische zahlsystem (Ab-
handl. der Berliner akad. 1890). Einige beispiele der dehnung oder „vrddhi" finden
sich s. 26 dieser schiift und bei P. Kretschmer KZ. 31, 456 verzeichnet.
1
i
ÜBKB BBCHTEL, HAUPTFROBLKMK DER INBOQEHM. LAUTLEHRE 379
Der tiefton konte auch auf die yon haus aus nur untonigen i, u fallen, nu
(vgl. Osthoff, Mü. 4, 273) ist neugeschaffene tieftonform neben dem untonigen nu
^nun*^, nicht, wie Beohtel s. 150 annimt, die durch den hoohton gerettete mittelstufe
zwischen der ältesten erschliessbaren betonten form *neu (vielmehr nevd <: ndvä)^
und der jüngsten nu. Ebenso tu neben tu „du*^ (Osthoff, MU. 4, 268 fgg.), der
enklitischen form des urspr. /a-t^a; su- neben su „gut** (ebd. 251); i*- neben*- „er**
(ebd. 229 fgg.)i der enklitischen form des urspr. a-ja (hochtonig ejö-m, skr. ajdm
„er*, lat acc. eum)\ nt- neben ni- „ nieder ** (ebd. 223); ebenso wird peri- mit ton-
losem * zu pert-, wenn der tiefton auf die zweite silbe fiel (ved. pdrf- in pdri-vrta'
usw. , ebd. 245) usw. Hierher gehören alle von Osthoff (MU. 4) behandelten gemein-
indogermanischen' txmdü^ die nicht Saussures (aus seinen i^, u^ hervorgegangene)
i, ü sind"; zunächst nur soweit sie in offiier silbe des indogeimanischen ihre stelle
gehabt haben, sodann durch formübertragung auch in weiterer ausdehnung. Der
„ neben ton ^ hat aber nicht die l, ü konserviert, sondern die länge ist sekundäi*,
durch den nebenton geschaffen, genau wie bei den e, ö, die bei Osthoff vol-
ständig von den f, ü getrent sind. „Nebentonige tiefstufe ^ ist (da Osthoffs „ tief-
stufe'^ nach Mü. 4, 281 die schwächste stufe bei exspiratorischer betonung bezeic
hnet*) eine contradictio in adjecto: das richtige wäre „nebentonig gewordene frühere
tiefstufe''.
Nach der analogie zahlreicher einsilbiger tieftonwörter (Beitr. 7, 499) von der
art wie bhör-s „fortträger, dieb*' zu bkerd, deren acc. *hhdrm, pl. *bkdres jezt durch
die dehnung bhdrm, bhores wurden, waren andre einsilbige wui'zelnomina mit dem
tiefton gebildet worden, die nicht mehr den vokal o bekamen. So verschiedene mit
dem vokal e, der diesen tieftonwörtem von haus aus durchaus nicht zukommen
konto: von dem in lat. rego vorliegenden wurzelnomen gebildet *r^'8, acc. jezt mit
dehnung re^^m (l&t regeni)^ pl. re:^ (skr.ragaSj nom. sg. räf), Bechtel 171. Ebenso
von legh' „liegen" acc. leghm (lat. legem) ^ Bechtel 173. Neben dem hochtonworte
gkverd-s (lat. ferus) das tieftonwort acc. ghvenn, \}Lghvere8 {(^fjQa, (f^fjQ(s). — Ein-
silbige wurzelnomina von i- und t«- wurzeln hatten von haus aus in den starken
kasus die diphthonge öi und du, wie vötc-s „haus**, acc. vdicm (in gi*. o7x«-(f«), gen.
vicos: war in solchen Wörtern das «, u aus den schwachen kasus in die starken
gedrungen, dann ward es jezt in offner silbe gedehnt, vics, acc. t^J*cnt (woraus avest.
pJS' neben skr. vi^-). So konten zu dieser zeit auch tieftonwörter mit i, u neu
gebildet werden, die den diphthong nie gehabt haben, so vielleicht das weil; „maus*^,
1) Um zum werte nevd- „neu" zu gelangen, müsto Bechtel also, ebenso wie
Osthoff, MU. 4, 274 ein suffix -o oder -c antreten lassen. Ich dachte, dass Bechtel,
der „auf den schulteni Ascolis und Ficks steht", „über ein stambildendes suffix" -o
nicht „verfügt" (s. 230).
2) Also nicht die durch einzelsprachliche (z. b. iranische) lautgesetze zu stände
gekommenen längen, auch nicht italische, germanische, slavische alte ei, die eine
verliebe für lange t zu solchen gestempelt hat, noch gotische als möglichkeiten ange-
sezte „w" , die in Wirklichkeit u sind usw. Auch nach der analogie bestehender l : i,
ü : u an die stelle urspriinghcher ei (: *), eu (; ü) getretene jüngere *, ü, wie wahr-
scheinlich das u in skr. guhati, sind auszunehmen.
3) Genauer alle ausser den von Kretschmer, KZ. 31, 380 — 87 behandelten f, ü,
4) Da Osthoffs „tiefstufe" und mein „tiefton" ausser dem ersten bestandteil
des namens nichts mit einander gemein haben, so ist nicht einzusehn, wie das, was
Osthoff von seiner „tiefstufe" sagt, der entstehung der „o-stufe" durch meinen
„tiefton" den boden soll entziehen können (Morph, unters. 4, xv).
380 MÖLLER
gen. mttsösj acc. musmy pl. miises (u in mus-ko-, s. OsthofF, MTJ. 4, 217 fg.)*. Vgl.
Bechtel s. 174, note. Die nomiDative des sing, haben den langen vokal schliesslich
von den andern starken kasus angenommen, lat. rex, lex, müs, gr. d-i^Q usw.: der-
selbe Vorgang, wie wenn im nhd. die in of&ier silbe, wBges, entstandene länge auch
dem einsilbigen werte, wig, zuerteilt wird.
Ebenso hatten die tieftonwörter auf -t, -u (die in ihrer flexion kein -ei-, -eu-
hatten, gen. -ios, -uds)^ als die dehnung durch den tiefton in offner silbe eintrat,
neben dem ö bereits andre vokale. Neben dem hochton wort auf -ä- ^cno „weib" war
mit dem gleichen vokal im zweiten teile von kompositen ein tieftonwort auf -i-,
*-^dm-8, entstanden, woraus jezt -^ent-s (skr. -gäni-, z. b. in dvi-gani-, got. selb-
ständig geworden qens). Vielleicht ist ebenso das S entstanden in medhu-Edi-s „ho-
nigesser", slav. medv-H% „bär". Das germanische hat zahlreiche adjektive auf -/,
von e- Verben gebildet, mit dem vokal e, alle urspmnglich mit präfixen, wie -nemi-s
(got. anda-nem^ , mhd. ge-rmme) ^ -prcci-s {ahd. gi- fragt, an. frag-r) usw. — Germ.
hü-di-x „haut" neben lat. cu-ti-s (OsthofF 4, 98) muss wol ein ku-ti-s, gen. kutids
gewesen sein. ^ — Mhd. swäger „Schwager*^ wird ein w- stamm gewesen sein, sv&*cni-s^.
Weibliche tieftonwörter auf -a^, das später meistens durch -ä abgelöst worden
ist, wie XMTTrj, honri, &qä „sorge", *aTQ(o(pa, *TQ(onaf wovon aTQ(0(fd(o, TQtonäto zu
aiQ^tfü), TQ^7T(o, haben neben den o ein e gehabt, daher häufige germanische bilduu-
gen wie genn. nemo die „-nähme", vSrö „sorge", vrckö (ahd. rähha) neben germ.
vrakö (ae. tvracu)^ dieses aus den obliquen kasus von *vrögä. Oder sind solche
Wörter im zweiten teile von kompositen aus hochtonwörtem mit e entstanden, also
germ. ge^ö (ahd. geba)^ aber -g^ö (mhd. gäbe), urspr. in an-, ab-, über-, wider -
gäbe usw.?
Indogerm. a (in äyo))^ von haus aus unbetont, muste natürlich gleichzeitig
unter denselben bcdingungen, durch sekundären nebenton in oSner silbe gedehnt,
1) Ein „ablaut" ü:u, den Joh. Schmidt, KZ. 25, 21, Pluralb. s. 219 fg. (t : i
ebd. 220) zu erweisen sucht (womit nicht der tatsächliche Wechsel, sondern die
geschehene verküi'zung eines altem langen w zu w in tonloser silbe, entsprechend
der des ä zu a, gememt ist), könte, wenn nicht eine widerholte reduktion statgefuu-
den hat, nur durch jüngere analogie zu stände gekommen sein, da der ablaut, die
kürzung in tonloser silbe, beendet war als das ü (t) aus dem vielmehr älteren u (f)
entstand. (Die von Joh. Schmidt gelehite „ doppel Verkürzung " vor weiter fort-
lückendem hoch ton, welche Bechtel s. 270 zweifelhaft findet, vennag ich nicht anzu-
nehmen).
2) Das wort „Schwager" hat ursprünglich jedesfals nicht den gatten der Schwe-
ster, nur den bruder der frau, den vormund und fortgeber der braut als söhn und
rechtsnachfolger des verstorbenen schwähers bezeichnet. Das wort war wol ursprüng-
lich zweites gliod eines kompositums (= „für-schwäher", „jung-schwäher" oder
dgl.), daher das germ. g. In der lautgruppe idg. kr kann das A;, als die dehnung
eintrat, zur folgenden silbe gehört haben (sonst müste die dehnung in -sv^ru-s,
wenn dies die grundform war, jünger, nach zahlreichen Vorbildern analogisch geschaf-
fen sein). Über die grundform des wertes „schwäher" vgl. Kretschmer, KZ. 31, 446 fg.:
lautete dies wort bereits svecuro-s {ixvQog^ ahd. swekur, ae. sweor usw.), dann wird
die grundform des Wortes „Schwager" -sveeuro-s gewesen sein. War das wort selb-
ständig, dann ontstamt das germ. g der den obliquen kasus entnommenen oxytonie-
rung (svecrü-s oder svecuro-s).
3) Mit diesem -a ist, der lehre Joh. Schmidts gemäss, das giiech. -« des pla-
rals des neutrums, das aber von Schmidt selbst, Plui'alb. 258, völÜg verkant worden
ist, ursprünglich identisch.
ÜBER BECHTIEL, HAUPTPROBLEME DER INDOOERM. LAUTLEHRE 381
a werden, also mit dem urspininglich hoclitonigen a zusammenfalleD. So in nau-s
(später näU'8)^ gen. navdsj acc. navm u. a. ^
Ob auch ein f (n usw.) gleich dem i, u sekundär den nebenton bekommen
konte? A priori wird man es nicht verneinen können. Ein durch unsre dehnung in
offner silbe entstandenes langes f hätte natürlich nichts zu tun mit Saussures r , dem
Bochtel die existenz abspricht (s. u.): es braucht nicht durch dieselben skr. fr,
ür vertreten zu sein, durch welche dieses vertreten sein solte. Ist griech. x^^, skr.
'härd' (acc. m. -hJardam in su-hard- „wolgesint", dur-hard- „übelgesint**) und skr.
Jiärdi „herz" (Bechtel 171, vgl. Joh. Schmidt, Pluralb. 224) ein altes cfd- (neben
cfd'y skr. Ärrf-), efdi, so dass theoretisches f gemeiuindogerm. durch er vertreten
wäre? Germ, hert- im w- stamme got. hairiö köute lautgesetzlich aus älterem eerd-
entstanden sein mit kürzung der länge vor der konsonantengruppe (der n- stamm wie
in ausö aus älterem aus-, vgl. Joh. Schmidt, Plui'alb. 109).
Den tiefton auf der Wurzelsilbe hatte von alters her der sing, des perfekts:
3. sing. vöidCf skr. veda, gr. foiSe, got. vait. Indem als charakteristisch für das
perfekt nicht sowol der vokal, als vielmehr dieser bestimte accent gefühlt ward, sind
nach dieser analogie peifekte mit Übertragung des vokals des präsens, der dann in
offner silbe durch den tieften gedehnt ward, neu gebildet worden: ede „ass" (lat
edit, got. -et)^ redupl. griech. fS-rj&e (nach älterer regel hätte es heissen müssen
ed-Sde)\ ebenso mit a statt des älteren ö' perfekta wie gr. Xäkri^Uy lat. scäbi, got.
höf usw. ' Manche andre perfekta sind nach solchen Vorbildern wahrscheinUch erst
in jüngerer zeit gebildet worden, die giiechischen -rixa zu -^'ö usw.; lat -llqui^
vidi, die, wenn das t alt, bildungen wären wie oben tn^-.
Alle fälle der dehnung können durch das gosetz in der oben gegebenen form
nicht unmittelbai* erklüi-t werden : ebenso wie im nhd. ist der in offener silbe gedehnte
vokal auch in geschlossene silbe und in Stellungen vor konsonantengruppen hinein-
getragen. So bleibt einstweilen unerklärt die vokaldehnung im 5-aorist, slav. vem
„führte" zu ved({, nesü „trug*" zu nesq usw., lat. rexi, texi usw. (Bechtel 157): vgl.
Osthoff, Zur gesch. des perf. 112. 227, der diese lat. e dui'ch Übertragimg aus dem
altern perfekt legi, *regi orkläii;. Die dehnung hat in den vei-schiedensten sprachen
über ihr ursprüngliches gebiet hinausgegiiffeu^: uamentiich im indischen hat das aus
1) Wie die Schwächung der hochstufe a muste das a, das Schwächung der
hochstufen e', ö' ist (s. u.) , durch die gleiche dehnung a werden : so in einigen unter
den von Bremer, Beitr. 11, 268 fg. zusammengestelten «. — Von diesem» quaUtativ
verschiedenes unbetontes a (von Bechtel a geschrieben, Saussures -4), woraus giiech. «,
skr. i (s. u.), ist im sanskrit nach dem hoohton ausserordentiich häufig lang, J (brd-
vlmi „rede", stärtman- „ausbreitung"): die dehnung wird durch den dem hochton
folgenden abhängigen svarita bewirkt und bereits in grundsprachlicher zeit zugleich
mit jenen andern dehnungen eingetreten sein. (Solte dieser vokal mit jenem a
ursprünglich identisch gewesen sein, s. u., dann hätten wir ä als resultat der deh-
nung durch den selbständigen tiefton, dagegen im sanskrit ein 7, wo die dehnung
durch den abhängigen svarita eifolgte.) Die Unregelmässigkeit der länge lässt dieselbe
eher als rest einer alten regel, denn als ergebnis einer jüngeren regel ei'scheinen.
2) Die germ. perfektpluiale nemumj setum, brekum usw. werden wol (wie
die forum vom sing, für) von älteren 3. sing. *nem, *8et, *brek (= lat. emit,
sedtt usw.) herrühren, die neben den 1. sing, nam usw. bestanden haben, aber dann
(ausser et und ae. nöm, cwöni) durch diese ei-sezt worden sind.
3) So ist nach der analogie der (von J. Schmidt, Pluralb. 82 fgg. nachgewie-
senen) kollektiven femin ina, welche die stelle des plurals des neutr. vertraten, auf
'ön, 'ör, -ö8 (die die länge des nom. aus dem acc. sing, übernommen hatten), im
382 MÖLLER
e und ö entstandene ä in geschlossener silbe (wie in säpta- n. „ siebenzahl ^ von
sapta)^ wozu auch alle äi und äu vor konsonanten gehören, als ^lYrddhi*^ oder
,, zweite Steigerung*^ weite ausdehnung gefunden.
Dass die Wirkung des tieftons nicht auf den vokal o beschränkt gewesen sei,
habe ich, nachdem ich selbst schon solches gedacht, zuerst ausgesprochen gefunden
bei M. Bing, Altlatein. Studien, Pressburg und Leipzig 1882, s. 52: „Der svarita
blieb svarita und vokalbildner auch dann, als längst . . . der kurze grundvokal durch
die betonung zu e und o differenziert war**. — Otto Bremer, PBBtr. 11, 267 lehrt,
dass den « und ü innerhalb der i- und u- reihe ein ä innerhalb der a- reihe (als
deren hochstufe er e ansieht) entspreche, und bemerkt, dass die länge neben der
kürze „auch sekundär sein^ (264, note 2), „i und a unter bestirnten bedingungen
gedehnt worden sein** köuten. — Paul Kretschmer, der (KZ. 31, 338 fg.) für Ost-
hoffs hypotheso „eine tatsächliche grundlage nicht aufzufinden veimag '^, da in den ein-
zelsprachen, welche die alte betonung gewahrt haben, „keine spur einer von der
stell img im satz abhängigen Verschiedenheit der tonstärke, geschweige denn von
einem danach sich regelnden Wechsel von t, ü mit i, u zu entdecken*^ ist^ erklärt,
dass betontes ü (und also auch t) „nur in unbetonter silbe entstanden sein kann*^
und hält es, ebenso wie unabhängig von ihm Beohtel, für „wahrscheinlich, dass es
seine länge darum festhielt, weil es den accent erhielt, ehe es weiter zu ü reduciert
wurde '^. Kretschmer meint aber, meines erachtens richtiger als Bechtel, „dass der
accent, welchen ü durch diese Verschiebung empfieng, der circumflex gewesen zu
sein scheint '^ (der mit dem selbständigen tiefton oder svarita identisch ist): er weist
u. a. hin auf die mqtanfafjiivri in griech. vOv, —
Der „zweite abschnitf^ (s. 182 — 290) behandelt in abeimals vier kapitein,
die einzeln durchzunehmen ich mir versagen muss (das erste und lezte, 5. und 8.,
übergehe ich völlig), „Längen und diphthonge mit langem ersten kompo-
nenten**.
Neben den im 4. kapitel besprochenen dehnungeu kurzer vokale hat die grund-
sprache lange vokale ä, e, ö gehabt, die ihrerseits älter sind als die aus ihnen her-
vorgegangenen kürzungen.
Kürzung dieser lezteren ä, e, ö ist (vor der tonsilbe und durch accentver-
schiebung in der tonsibe) nach s. 238 fgg. im europäischen ohne das griechische a
(se- „säen^, dö- „geben '^: lat. sätus, datus): im griechischen erscheint als kürzung
eines wurzelauslautenden rj, <o neben dem a ein f, o {hog, d^eros, derog; SoTog,
noTÖg)^ selten im aussergriechischen ourop. ein ebensolches e (s. 244), o (247). Bech-
tel vermutet (s. 248. 265), dass „c, o und a zwei verschiedene schichten der Schwä-
chung repräsentieren, jene die ältere, diese die jüngere". Er sagt nicht, wie er sich
iranischen ein -önt geschaffen (J.Schmidt 160 fgg., der aber diese endung für gomein-
indogerm. hält); ebenso im indischen plur. neutr. -anti, -ämsi aus -önta, -önsa
nach 'änl aus -(>na (oder nach J. Schmidt aus önt-i usw.).
1) Nach spuren seiner regel in den einzelsprachen suchend findet Osthoff
(s. 351), dass wir „in der tat auch nach dieser seite hin nicht gänzlich von allen
anhaltspunkten ontblösf^ sind. Es heisst (s. 352) regelmässig ü (statt u) nü, ü my
und von i- „gehen", ää- „schieben'* hinter präfixen (wie sam) ijäi, uhjät, nicht
ijäty ühjät, „Es dürfte*, bemerkt Osthoff s. 353, „vielleicht von interesse sein, zu
crfahi-en, dass ich auf diese historisch -einzeLsprachlichen reminiscenzen an das alte
gesetz . . . erst hinterdrein aufmerksam geworden , nicht zum entwerfen meiner kon-
struktionen von ihnen ausgegangen bin". (Man greift doch überall erst im wasser
nach dem Strohhalm.)
tBXR BECHTEL, HAUPTPROBLEME DER INDOGERM. LAUTLEHRE 383
dies denkt Dass eine ältere Schwächung nicht mit allen e und ö in gleicher läge
volständige , Schicht gemacht*^, sondern einer jungem Schicht einen teil der arbeit
hinterlassen haben solte, kann man sich nicht wol denken. Solten aber zwei schich-
ten auf einander gefolgt sein, so solte man doch denken, dass das dem ungekürzten
e und ö femer gerückte a das ergebnis der altem (s. u.), das ihm näher geblie-
bene e, o das ergebnis der jungem schiebt gewesen sei. Eine jüngere schiebt der
Schwächung wäre nur als jüngerer analogievorgang denkbar: das e, o könte nur
entweder eine qualitative angleichung des älteren resultats der Schwächung an das
hochtonige €, ö, oder neue Schwächung eines durch ausgleichung widerhergestelten
e, ö sein. Diesen Vorgang aber, in welcher weise er nun geschehen sein mag, wird
man wahrscheinlicher der einzelsprache als der grundsprache zuschreiben. Im grie-
chischen ist qualitative ausgleichung eine häufige erscheinung.
Das indisch -iranische sezt eine dem gemeineurop. a entsprechende einheitliche
kürzung der di-ei längen voraus. Der Verfasser zeigt (s. 248 fgg.), dass dieses europ. a
im indisch -iranischen im übrigen durch % (skr. sthüd- araxogy düa- &€r6g, ^itä-
(naUy')xoTog) ^ in zwei fällen aber dui'ch älteres a vertreten wird, nicht wie Saus-
sure und mit ihm Hübschmann annehmen vor j und t^, dagegen 1) unmittelbar vor
einem ursprünglichen «, mit dem das a sich zum diphthong verband (skr. sthBmdm-
„festigkeit^), 2) wo das a sekundär unter den hochton geraten ist {dd^i „beisst^,
gr. (fax-).
Mit recht wird von Bechtel s. 240 die existenz eines ursprünglichen beton-
ton a geläugnet und s. 256 igg, ein „grund vokal a^ neben dem von ihm e genanten
grundvokal abgewiesen: jener vermeintliche grund vokal ist überall Schwächung.
Die By ö, denen kürzungen zur seite stehn, fasst Bechtel zum teil (s. 202.
235) als dehnungen von der art der im 4. kapitcl behandelten: er spricht mehrfEich
davon, dass die dehnung „grund vokal einer neuen reihe geworden ist*^ (so 202) und
von kürzungen solcher dehnungen. Grundvokal einer neuen reihe aber (dies ist bei
Bechtel nirgends zu sehn) kann die dehnung doch nur durch jüngere analogie gewor-
den sein, da, als die dehnung eintrat, die kürzung, die wir ablaut nennen, bereits
vollendet war. Anderseits kann ö, was Bechtel aber nur vom ö im wurzelinlaut
bemerkt (s. 235), „ablaut einer der längen e, ä vorstellen^. Klar dargelegt sind
diese Verhältnisse vom Verfasser m'cht, wie überhaupt das 6. und 7. kapitel, die
nach den Überschriften bzw. „belege der grundvokale e, ä, ö^ bringen und die
„Schwächungen von ä, e, ö^ behandeln sollen (während im 6. kapitel ebenso viel von
diesen die rede ist, und das 7. kapitel ebenso gut die Überschrift des 6. führen
könte), weniger übersichtlich geordnet sind.
Woher stammen denn nun aber die nach abzug der dehnungen und der
ablauts-ö als rest bleibenden langen „ gmndvokale '^ ? Der Verfasser weist s. 237
Saussures hypothese ab. ä in Xad^Wj sagt Bechtel, soll aus ea (so schreibt er für
Saussures a^^)^ ö in *liXtoiya aus oa (Saussures a,^) entstanden sein: Saussures
hypothese ist also genötigt „zwei entgegengesezt wirkende kontraktionswoisen neben
einander zu behaupten^. Aber eine andere erklärung der laugen vokale ist a priori
weit wahrscheinlicher als die durch kontraktion von vokal -|- a- vokal. Von meinem
erklärungsversuch , Beitr. 7, 492 note 2 (vgl. Engl. stud. 3, 150 fg.) sagt Bechtel nichts.
Unendlich oft sehen wir vokalisühe länge durch Schwund eines konsonanten entstehn,
und sehr oft finden wir in unsem jüngeren sprachen einerseits auf diese weise ent-
standenen langen vokal, anderseits vokal -f- konsonaiit als genossen z. b. in derselben
ablautreihe, wie nhd. se- {sehe, gesehen) neben geh- (mit von Norddeutschen verschie-
384 MÖLLKn
den gesprochenem e-laut hier und dort), aber nirgends sehn wii* wol in entsprechender
weise eine lautghippe vokal + vokal a oder aus derselben durch konti^ktion entstan-
dene länge als genossen einer lautgruppe vokal + nichtvokal. Ich behaupte deshalb,
als eine hypothese die weit wahrscheinlicher ist als jede andre zur erklärung derselben
beobachtung findbare, dass die indogermanischen langen „ grundvokale '^ aus dem einen
kurzen grundvokalo (Bechtels e) und einem folgenden geschwundenen konsonanteu
hervorgegangen sind ^ Das ablautverhältnis e : ö ist einfach ein e : o mit geschwun-
denem folgenden konsonanten. Im ablautverhältnis ä : ö ist dagegen ein solcher kon-
sonant geschwunden, der älteros e in a gewandelt (oder auch urspr. a, das sonst e
wird, koaservieii;) hat. War die entstehung des ä : ö aus ea : oa schon darum
unwahrscheinlich, weil doit rückschi-eitende, hier fortschreitende kontraktion vorläge,
so können wir ein ä und ö, aus einem e und o und geschwundenem folgenden kon-
sonanten entstanden, tatsächlich neben einander finden. Im englischen ist mittelengl.
ar zu offnem ö (ä), fö(r)^ 8tö{r)m usw., dagegen mittelengl. er zu ä geworden, fa{r)
me. fety 8tä(r) me. sterre, dä{r)k me. derk, }ui{r)t (geschr. heart) me. herte usw.
Ein nouengl. stä(r)v{e) : *stö{r)ve7i aus me. sterve : storven, derselben ablautreiho wie
help : holpen angehöiig, besteht zufällig in dei* Schriftsprache nicht mehr, da das ver-
bum (wie auch help) schwach geworden ist, könte aber bestehn. Der konsonant, der
im indogerm. ä: ö geschwunden ist, könte also möglicherweise derselbe, wie der hier
im neueugl. geschwundene, gewesen sein, ein liintcres r, vei'schiedeu vom Zungen-
spitzen-r. (Ein andrer häufig schwindender konsonant ist ?, vgl. ne. ta{l)k, fo{l)k.y.
Die oben besprochene Schwächung a der „langen grundvokale*^ ist, ebenso wie
die iy u aus urspr. ai, au (hocht. ei, eu), nicht durch „ausfall des a"' bei lebzeiteu
des folgenden konsonanten, sondern durch kürzung des langen vokals zu stände
gekommen. Das einförmige a (der „älteren schiebt") ist nicht Verkürzung der hooh-
tonigen e, a (dann wäre das resultat der Verkürzung ein mannigfaltiges geworden,
wie die analogische Verkürzung der „jüngeren schiebt''), sondern vielmehr kürzung
eines einförmigen untonigen ä, das aus dem einheitlichen ursprünglichen a mit dem
jedesmaligen früheren folgenden konsonanten hervorgegangen war.
Dass die „einsilbigen" verbalwurzeln ursprünglich zweisilbig gewesen sind,
erkent Bechtel mit Ascoli und Fick (aber wol nicht für die wurzeln auf langen vokal)
an. Als „zweisilbige wurzeln" (die, aber nicht nach Bechtels auffassung, ursprüng-
lich dreisilbig gewesen sind) bezeichnet er s. 193 die von Saussure '^ sogenanten udät-
ta-wui*zeln*, solche wie griech. x€Qa-(vvvfit), xQ(fia-(wv^tf -fÄai). Der Verfasser
hält den auslautenden vokal solcher zweisilbiger wurzeln, gr. « = skr. i (t) für ein
gemeinindogerm. a, und er hält ein wirkliches und primitives (in diesem falle nicht
durch kürzung entstandenes) gemeinindogerm. a für den urspiünglichen auslaut solcher
wurzeln. In dem durch Saussures Scharfsinn erklärten -na des präsens solcher wur-
zeln, S(e)^a-, pi-äs. <f«|U-vi?-^*, skr. ^vii-, präs. pam-na-mi usw. (vgl. /m^-, priis.
1) Bremer, Btr. 11, 265 note, scheint in der täuschuug begriffen zu sein, dass
in *ea *oa (woraus nach ihm e, ö) das a wirklich vorliege, nicht hypothetisch sei.
2) „Wie got. qiman, gißati, stilan usf. zu skr. gä- (griech. /J«-), gajaii
„singt", stäju' „dieb" stehe" (Bechtel 243), habe ich Beitr. 7, 494 zu erklären
gesucht.
3) nach dem Dhätupätha.
4) die Bechtel nach andern grammatischen werken „«Sf- wurzeln* (d. i. sa-i-t,
mit einem i versehene, im gegonsatz zu den „aw-tY- wurzeln" ohne das *) zu nen-
nen vorzieht.
ÜBKR BECHTEL, HAII1*TPR0BLEME DEB INDOGEBM. LAUTLEBBE 385
ju-ne-g-mi "> skr. jtmdgifiii; oru „hören*', präs. cr-ne-tA-mi "> skr. ^rnomi) ist ihm
(las a „kontraktionsprodukt'' (s. 208) von e (des olements -we-) und dem wurzelvokal
a, was er für das ä in la^ü) abwies. Für Saussure, und ebenso füi* mich, ist
natürlich das a des präs. -na-mi dasselbe wie das u in >L«^w: für mich ist das -na-
entstanden aus dem element -ne- und dem geschwundenen konsonanten, von wel-
chem oben die rede war, und dieser war der wirkliche auslaut der wurzel, wenn
man, von dem ui-sprünglich folgenden (sog. „thematischen") vokal absehend, z. b. in
j{e)ug- den konsonanten g als „wurzelauslaut" bezeichnet.
Da wir, wo wir von „wurzeln" sprechen, nicht die wirkliche wurzel, d. h.
das urwort, sondern tatsächlich in unsern Wörtern vorliegende bestandteile zu meinen
und anzusetzen pflegen, so werden wir auch jenen unbekanten konsonanten bei der
ansetzung der wurzel ignorieren und, wie die wui'zel von XA^o} und kiivd^dviü als
lädh oder ladhy ebenso im wurzelauslaut mit Bechtel ein -a ansetzen. Einem cferc-,
veid-, jeug-j lädh- entspricht Bechtels ansetzung dema-, tera- usw., einem drc-,
vid-fjug-j ladh- entspricht die ansetzung der wurzel als dyna-, tra-K
Oft ist beobachtet worden, dass „zweisilbige" oder „udätta- wurzeln" und kür-
zere „einsilbige", „anudätta- wurzeln" neben einander stehn, vgl. Saussure s. 260,
Kretschmer KZ. 31, 395, Bechtel s. 195. So svep- „schlafen" (skr. svdptum) und
srepa- (skr. svapi-)^ ves- „kleiden" und vesa- (skr. vasi-^ gr. ia-vog)^ ver- „wäh-
len" (skr. vrtd-) und vera- {vrnitCj vürnd-)^ ster- (skr. stftd-, stdrtum) und stera-
(skr. stirnd-, stdrVtumj stdriman-)^ creu- „hören" und creva- (> pro-, xXv-\ ^eu-
„opfern, anrufen" (wovon das germ. „gott" und das wort idg. ^uto, gen. ^huterds,
"> nom. skr. ßiötä „opferer, hauptpriester ", altn. godi) und ^eva- (skr. hütd-, kavt-
man-). OsthofP meint MU. 4, 279: «Das misliche seiner ganzen theorie tritt bei
de Saussure besonders s. 260 fg. hervor, wo er, auf eine anzahl unserer fälle mit
V, u zu sprechen kommend, sich nur so zu helfen weiss, dass er mehrere wurzeln
für „udättäs" und „anudättäs" zugleich erklärt*). Es scheint doch klar zu sein,
dass diese längeren „zweisilbigen wui-zeln" sich zu den kürzeren nicht anders ver-
halten, als durch andre konsonanten „erweiterte" wurzeln, z. b. ^leud „giessen"
(giuta, fundo) zu zfieu (/*/^')i <iass also, wenn wir den in dem langen ä geschwun-
denen unbekanten konsonanten mit (dem zeichen des umgekehrten V) A bezeichnen,
z. b. das zweisilbige stera-, ui^spr. stara-Atf-, eine ei'weiterung des urspr. stara ist,
wie steru-f urspr. stara-ra eine andre erweiterung derselben wurzel (skr. strnomi,
lat. struoy got. straujafij vgl. Bechtel 210), und dass überhaupt die ursprünglich in
1) Diese lezte weise der ansetzung der wurzeln verglich ich Engl. stud. 3, 151
der in der semitischen grammatik üblichen. Vom Standpunkte meiner hypotheso aus,
welche die „langen grundvokale" durch die annähme geschwundener konsonanten
erklärt, wären „zweisilbige wurzeln" auf-a, wie die oben angesezten (/(g)w/a-, t{e)ra-
mit einem terminus der semitischen grammatik cils wurzeln „tertiae gutturalis"
(solche mit mitlerem a wie lu^dh als „mediae gutturalis") zu bezeichnen, wenn näm-r
Uch die geschwundenen konsonanttin , wie höchst wahrscheinlich, welche man sich
auch denken mag (gutturales oder kehlkopf-r, h, der Spiritus lenis usw.), guttui*ale
oder kohlkopfkonsonanten gewesen sind (neben welchen die /;- laute natüilich nicht
„gutturale" genant werden dürfen).
2) „Ich fürchte", fährt Osthoff fort, „dass diese so ausnahmsweise zugelassenen
zwitterwurzeln schliesslich nicht eine winzige minderheit, sondern bei weitem die
grosse mehrhoit aller sein werden". „Jja liste de cos variations ne serait Jamals
finie" hatte Saussure selbst bemerkt (s. 246, note). Vgl. Joh. Schmidt, Pluralb.
380 fg.
ZEITSCHBIFT F. bEUTSCBE PHILOLOGIE. BD. XXV. 25
386 MÖLLER
Wirklichkeit dreisilbigen wurzeln durch hinzutritt eines elements aus älteren wirklich
zweisilbigen hervorgegangen sind. "Was aber die hinzugetretenen demente urspmng-
lich bedeutet haben, ist natürlich in den meisten fallen verborgen.
Die einsilbigen auf langen vokal ausgehenden wurzelformen von udätta- wur-
zeln, wie strä- (lat. strätus) zu stera-, fasst Bechtel s. 207 fgg. (vgl. 201 fg.) als
entstanden durch „dehnung* des auslautenden wurzelvokals. Die ansieht Saussures,
der die in Europa erscheinenden r, / mit folgendem langen vokal indischem 7r, ör,
und europ. m, n mit folgendem langen vokal indischen an, ä gleichsezte und aus
langer liquida oder nasalis sonans hervorgehen liess, weist Bechtel s. 212 mit recht
ab. (Ebenso Ki-etschmer, KZ. 31, 400. Beide zeigen, dass der lange vokal nach
der liquida oder dem nasal gemeinindogermanisch ist.) Aber auch Bechtels ansieht
ist nicht richtig. Richtig urteilt über das rä Kretschmer, KZ. 31, 403 fgg. Der-
selbe komt „zu dem ergebnis, dass die zweisilbigen oder udätta -wurzeln nicht wie
die einsilbigen eine, sondern zwei starke formen besitzen**: die rä (wo, rä, ja usw.)
sind hochtonformen gleich den era (etna, eva, eja). „Wie sich diese doppolform
erklärt", sagt Kretschmer, „ist eine frage für sich": er meint, es „dürfte die annähme
am nächsten liegen , dass den beiden starken formen -er-ö^ zu gründe liegt (ö^J =
ä, e, ö), d. i. Wurzel + angetretener langer vokal. War die zweite silbe betont, so
wurde era^ zu m^; trug dagegen die erste silbe den ton, so sei der lange vokal redu-
ciert worden. Ganz richtig ist das nicht. Zunächst ist der besitz zweier starker
formen nicht eine eigentümlichkeit der sogenanten udätta -wurzeln: auch zahlreiche
sogenante „einsilbige" wurzeln, nämlich solche mit drei konsonanten (den Spiritus
lenis eingerechnet), die gleich jenen ursprünglich di'eisilbig gewesen sind, zeigen den
hochtonigen vokal bald vor dem zweiten, halb vor dem dritten konsonanten. So
erscheint neben deiv- ein djeu- aus urspr. ddjava : dajäva; neben dere- „ sehn " ein
dreC' aus urspr. ddraca : dardca; perc (ahd. as. fergön) „fragen" neben prec aus
pdraca : pardca; ceru- (skr. ^rnomi) neben creu „hören" aus cdrava : cardva *. Wie
steril' neben streu- „ausbreiten" ein stdrava : stardva, ebenso ist stera- neben strä-
ein urspr. stdra-A<i ' stard-AO" Die Urbedeutung der doppelheit stera- und strä- in
der Verbalflexion hat dagegen wol, nach Benfey (in der Kieler monatsschrift 18.54),
Bechtel richtig erkani Die difFeronzierung war ein dynamischer Vorgang. Ursprüng-
lich bezeichnete wol die form mit dem accent auf erster silbe {dra) ein tempus
imperfectum, die mit dem accent auf der zweiten (ard) ein tempus perfectum. Oder
(vgl. Bechtel s. 190 fgg.) jene erete wurzelform bezeichnete die „besondem" zeiten
(präsens, imperfokt), diese zweite die „algemeinen" (perfekt, aorist, futur), vgl. drec-
in skr. fut. draksfami neben derc- {StQxo/A(u)\ ghrehh- „greifen" in skr. perf. gagrdbha
neben gherhh- (in ahd. ga/rha „garbe")'.
1) Oft erscheint der vokal an erster stelle anlautend als a anstatt des erwar-
teten e. S. die von Saussure, Mem. 275 — 283 zusammengestelten „phenomenes spe-
ciaux„: aus- : ves-, auks-:vek^-, {*anbh-) ambh- : nehh- ^ {*amdh-) andh- : medh-
usw. Ob ein später verlorener urindogermanischer konsonaut, den ich hier mit *
bezeichnen will, ein folgendes e in a gewandelt (oder das ursprüngliche d konser-
viert) hat, 'eus (>> aus):* ves, aus *dvasa :*avdsa?
2) Wie das perfekt scheinen überhaupt tieftonwörter ursprünglich nur von der
zweiten form der wurzel gebildet zu sein; sodjous-, djhus- (gen. divös)^ mcYii döiv-s.
Komparativ und Superlativ werden von der zweiten wurzelform gebildet neben
einem positiv von der ersten form, vgl. PBBeitr. 7, 506.
ÜBER BECHTEL, HAUPTPROBLEME DER INDOOKRM. LAUTLEHRE 387
Die verschiedenen konsonanten, denen die langen vokale ihre entstehung ver-
danken, können zu verschiedenen zeiten geschwunden sein: wenn der Schwund des
unbetonten zweiten und dritten vokals trilitteraler wurzeln (vor dem konsonanten eines
Suffixes) wie dere- aus ddraca^ älter ist als der Schwund des konsonanten, dem das
hochtonige ä seine länge dankt, dann kann das von ICretschmer als zu gründe liegend
angesezte -erä, das einer wurzelform mit zwei e- vokalen wie clerec entspräche, in
dieser gestalt nicht existiert haben und der vorliegende kurze vokal (gr. «, skr. t)
kann dann nicht reduktion des langen ä sein. Der konsonant muste in diesem falle
zwischen konsonanten, wenn es ihm möglich war, auf eignen beinen stehn, event.
zum selbstlauter werden (wie das u in -eru-)^ und dieser selbstlauter, wenn er nicht
vokal war, konte nachträglich in einen vokal übergehen. Bechtel betont s. 208 (aber
von der irrigen Voraussetzung ausgehend, dass dies -a ein urspritngliches sei) den
unterschied des im auslaut „zweisilbiger wurzeln" ei*scheinenden -a von dem a, das
kürzung der „langen grundvokale'' ist: er schreibt aber beide mit dem gleichen zei-
chen a. (Kretschmer, der den laut in beiden fällen für reduktion einer länge hält,
schreibt wie Brugmann in beiden fallen a.) Bechtel, der also zusanmienfall der bei-
den nach ihm „strenge zu scheidenden'^ elemento in dem einen laute a annehmen
muss, lässt trotzdem die beiden laute in den vei-schiedenen sprachen zum teil einen
verschiedenen weg einschlagen. Im griechischen haben wir das gleiche «, ebenso
nach s. 208 dasselbe a im lateinischen, im indisch - iranischen das gleiche t (und f),*
aber nur die „kürzung* a wird hier unter nachti-äglich sich einstellendem hochton
durch d vertreten, nicht der auslaut der udätta-wurzel*. Im germanischen legt
Bechtel der „ kürzung " die Vertretung a (s. 239 fgg.) , dem „wurzelauslaut * dagegen
die Vertretung u bei (s. 206 fg.)': ali<l- ciniä, lat. anas; ahd. hiruxy gr. xegafdg;
dazu das germ. u in der endung des perfekts = gr. «, skr. i. Dieser im germa-
nischen durch u vertretene laut kann nicht wol das von Bechtel angenommene a
gewesen sein (indogenn. o in endungen wird lautgesezlich nicht durch germ. t*, son-
dern durch germ. a vertreten, vgl. Beitr. 7, 537). Brugman wählt sein zeichen für
den laut „in anlehnung an den gebrauch des o für den „indistinct vowel-sound
11 K
1) Wo der lezte, der sogenante thematische vokal, vor dem anlautenden kon-
sonanten eines Suffixes fehlt, ist sein Schwund gewiss eben so alt, wie der des unbe-
tonten urspmnglichen -a im auslaut des selbständigen wortes (s. o. s. 376): der
Schwund des unbetonten zweiten vokals (des in derco- geschwundenen) mindestens
eben so alt, warscheinlich noch älter.
2) Betontes sanskr. -a-, das wurzelauslautendem ski*. -**, gr. -« zur seite steht,
lässt Bechtel s. 195 — 99 vielmehr griechischem -*- oder -o- in xaX^'(aatti)^ dfi6-(aaai)
entsprechen. Dieses kann richtig sein. (Auf die -6, -o im auslaut zweisilbiger wur-
zeln und die ihnen zur scite stehenden längen -e, -ö vermag ich hier nicht einzu-
gehn.) — Bechtel meint (195 fgg. 208), das „ui-sprachliche a" (gr. «, skr. t), das „in
der zweiten silbo des ursprachlichen wortes steht, und zwar hinter der tonsilbe",
laute ab mit betontem e (gr. xtlu- : x«A^-, skr. ^vdsi- : ^vasd-). Dieses bin ich nicht
im stände für richtig zu halten. Das sanskr. d = gr. *, o in pait. ^vasdni- neben
3. sing, ^vdsl-ti „schnaubt" usw. (s. 196) ist in meinen äugen sicher der tliematische
vokal, und zwar entweder der der älteren und kürzereu anudätta-wurzel, oder der
der udätta - Wurzel , in dem lezteron falle also der dem geschwundeneu konsonanten
ursprünglich folgende vokal (vor dem der konsonant spurlos geschwunden wäre):
sanskr. vama- = griech. /f^^- (für lautgesetzL *ßnfii-) aus vdme- wäre also ent-
weder urspr. vamd- odQv vamAd-,
3) nach Bezzenberger, Beitr. 17, 216 note, der hinzufügt, dass e in hd. kirux,
miltih, sciluf vor solchem wurzelhaften u^ nicht aber vor einer svarabhakti, zu i
werde.
25*
388 MÖLLER
(Grundr. 1, 101). Der laut, den Brugmann im äuge hat, den Sweet und andre zum
teil durch 9, zum teil und wie mir scheint besser (da das zeichen 9 dazu verführt
einen e- artigen laut zu sprechen) dui'ch das a- ähnliche zeichen (des umgekehrten v)
a bezeichnet haben, kann, wie ich glaube, mit grösserer Wahrscheinlichkeit als jeder
andre dem im auslaut der udätta- wurzeln erscheinenden grundsprachlichen vokal bei-
gelegt werden: Bechtels terd-, Binigmanns ter9'j Bezzenbergers terv- (woraus gr.
xtQii^ skr. tari"), wofür man auch schreiben kann tera-, hätte demnach etwa wie
engl, terror gelautet. Im neuengl. ist dieser vokal besondei*s häufig in unbetonten
Silben, die früher ein (in der schrift bis heute fortgeführtes) r enthielten, das vor
seinem Untergang ein hinteres r war. Wenn, wie oben vermutet, das indogerm. ä
entstanden ist wie der gleiche laut in ne. 8tä{r)^ das mit ihm ablautende indogerm. ö
wie der gleiche laut in ne. 8tö{r)m, dann kann der eben angesezte indogerm. laut in
tera- (aus tdraAo) aus selbstlautend gewordenem hinteren r (oder auch, wie im engl,
meistens, aus schwachem vokal -\- hinterem r) hervorgegangen sein. Der Übergang
dieses vokals im sanskiit in i wäre dasselbe „unrounding*^, das dem selben unbeton-
ten vokale in englischen mundai-ten oft begegnet, der Übergang in den entsprechen-
den front -glide-vowel (wie in der in die gebildete spräche aufgenommenen ausspmche
der zweiten silbe von y^Mrs*^ für das ältere jezt „vulgär" gewordene j^Müsus*^ der
romane, d. i. -sas mit a als Vertreter des ursprünglichen r). Der Übergang im grie-
'chischen in « ist leicht zu begreifen^ und die entstehung des germ. u aus diesem
laute begreiflicher, als es die aus jedem andern kui'zen vokal ausser urspr. o und u
wäre. Ebenso ist begreiflich der Schwund dieses vokals. Im litauischen ist der aus-
laut der ,, zweisilbigen wurzel" zwischen konsonanton geschwunden, dehnung des vor-
hergehenden e und d und gestossene be tonung hinterlassend (s. Bezzen berger in sei-
nen Btr. 17, 221 fgg., danach kurz Bechtel s. 227): ger-ve „ki-anich" y^Qu-vog, mel-zu
„melke* vgl. got. müuks, dntis „ente**^.
Den hochtonformen e%a und e^a stehn als untonformen f und ü zur seite,
von Saussure erklärt (aus ta, ^ua^^ die auch, neben ta, ifa, als untonfoiinen gegen-
über den zweiten hochtonformen i^, t^ä erecheinen (vgl. Kretschmer, KZ. 31, 383 fg.,
svädu-s : got süt-s). Saussure hat nun als Schwächungen von eruj eni^, ena die-
sen t, ü parallele grundsprachliche lange selbstlautende liquiden und nasale angenom-
men, die im sanskr. durch fr, ür, an, ä, im europäischen verschieden, zum grossen
teile durch liquiden oder nasale mit folgendem langen vokal vertreten seien. „Die
Voraussetzungen, auf welche de Saussure seine aufstellung von idg. langen r (w, w)
begründete", haben Osthoff (Morph, unters. 4, iv) und Brugmann (Grundr. 1, 252 fg.)
„im wesentlichen unbeachtet gelassen, dagegen die daiaus gezogene folgerung ursprach-
licher langer üquida (und nasalis) sonans bereitwillig anerkant" (Kretschmer, KZ. 31,
4(X)). Dass im sanskrit ir, ür, an, ä die schwache stufe zu ari, ami, ani dar-
1) Ein a ist, wie auch aus starkem vokal e + hinterem r (westfal. dasken
„dreschen'') häufig aus unbetontem nhd. -er der schrift entstanden. Vgl. eine stelle
der Flieg, blätter, die ich aus dem gedächtnis widergebe: Schalterbeamter: ... „macht
in summa" so und so viel. Bäurin: „In summa? Wie viel macht's denn nacha im
winta?".
2) Nach vorhergehendem tieften (was selten vorkam, da es nach urspi-üng-
licher regel statt tola- vielmehr (lo - heissen muste, s. s. 386 note *) scheint der laut
algemein geschwunden zu sein, bevor dehnung in offner silbe eintreten konte, daher
T6k-(fiK) neben reXa-, raia-.
3) wonn ich für den rest dieses abschnittes a für Saussures ^ setzen darf.
ÜBEB BECHTfiL, HAUiTPROBLIMK DKB INDOGKRM. LAUTLEHBB 389
stelle, ist unwiderleglich von Saussure bewiesen: dass jenen lautgi'uppen aber indo-
germanische lange liquida und nasalis sonans zu gründe liege, haben unabhängig von
einander Kretschmer (a. a. o. 395 fgg.) und Bechtel (216 — 233) widerlegt, die auch
beide gezeigt haben, dass jenen europäischen rä^ lä {rö, /ö), mä, nä {nS) vielmehr
indoiran. rä, lä, mä, nä entsprechen.
Die Schwächung der hochtonigen er, el, em, en vor vokalen wai* (s. o. s. 369,
in Bechtels bezeichnung) er, 9l, 9m, 9n, woraus skr. ir, ur, am, an. Schwächung
der hochtonigen era, ela, cvia, ena war demgemäss 9ra, 9la, dma, 9na (Bechtel 9ra,
Kretschmer <»r9 usw.). Im griechischen sind diese lautgruppen durch «p«, aka, afia,
ava vertreten, die Saussuro (267. 273, Bechtel s. 230) nicht zu erklären weiss:
ßuQa&Qov, Tulicg, xäfiarog, d-uvtciog. Im Sanskrit entsprechen den griech. uqu, aka
in einzelnen fällen das erwartete tri, uri, täi (Bechtel 230 fg.)S ^^ den meisten
fallen jene ir, ür, Dass der vokal in skr. ir, tir, am, an und in ir, ür, am, ä{n)
qualitativ der gleiche ist, betonen beides Kjetschmor und Bechtel als wesentlich und
wichtig. Kretschmer sezt diese skr. tr, ür, mn, ä(M)' unmittelbar = griech. «(>«,
aka, avLa, ava, und dieses halte ich für das richtige. Er bemerkt (KZ. 31, 402
oben, 409 unten), dass der wurzelauslaut skr. i „unter dehnung des vorangehenden
vokals geschwunden •* ist. Die dehnuug in tr für iri usw. ist der gleiche Vorgang
wie in den eben gesehenen litauischen er, el, an (auf welche auch Bechtel hinweist)
aus idg. ern, da, ana. Bechtel nimt indessen, was ich nicht für richtig halte,
s. 232 neben den idg. dra usw. eine gomeinindogerm. zweite Schwächung an, deren
resultat ar" usw. war, die Verbindung des „schwachen vokales mit der langen nasalis
oder liquida consouans*^. Die Inder und Ei'anier, erklärt er (229), hätten „die deh-
nung von dem konsonanten auf den vokal verlegt ^^. Ohne Saussure hätten wir hier
schwerlich die zeichen r, m usw. gesehen, sondern statt dessen die sonst für konso-
nanten übliche doppclschreibuug (oder ist der läogenstrich gesezt um dem äuge for-
men wie ^r97nmtö', r> skr. ^räntd- , zu ersparen?). Die assimilation des a (oder
auch des ihm zu grimdo liegenden konsonanten) an die r, m, n würden wir, wenn
vor konsonanten, um so eher vor vokalen erwarten, wo wir sie nicht sehn (vgl.
oben s. 386, anm. ^)*.
Eine zweite gemeinindogermanische Schwächung der „zweisilbigen wurzeln **
auf -a habenwir vielmehr in der der zweiten hochtonform auf -ä ohne vorhergehen-
1) Parallele mögliche a7nt, aiii, von denen Bechtel nichts sagt, sind von den
ursprünglich hochtonigen dmi, dni nicht sicher zu scheiden; es gibt jedoch einige
imi (s. 205 fg.).
2) an ward ä vor t in vortoniger silbe, am ward an vor dentalen (Job. Schmidt,
Plur. 170 fg., Bechtel 220 fg.).
3) „Dass die Eranier anteil nahmen '', meint Bechtel, „geht aus ihrer mit der
indischen übereinstimmenden behandluiig der langen vokale hervor*'. Die Eranier
haben avost. ä = skr. ä (xuta-, skr. gätd' „geboren'*), aber avest. are = skr. fr
{dareya- „lang'' skr. dirgfiä-^ arema- „arm, hand", skr. Irma-). Liest Bechtel also
däreya-? Oder ist ihm are = jenem skr. tri? Kretschmer erkläi*t dagegen (s. 396):
„die vokallänge in fr, ür ist also ausschliesslich indisch".
4) Im litauischen haben wir (nach Bezzenberger, Beitr. 17, 214 fgg.) als
Schwächung der „zweisübigen wurzeln" vornehmlich ur, ul, um, die Bechtel den
skr. fr, ür, an gleich sezt, neben lit. ir, il, im, in. Von urspr. ey^, e%a hat das
litauische (Bezzenb. 217 fgg.) noch die Schwächungen uv, ui. Dies ui ist natürlich
nicht das urspr. f, sondern jüngere analogische speciell litauische Schwächung: das ii
wird vor seinem Schwund im litauischen die M-färbung angenommen haben und diese
ist dann in den ur, ul, um, ui auf den vorgehenden selbsüauter übertragen.
390 MÖLLER
den vokal zur seite stehenden Schwächung auf a (nicht ä), gr. « = skr. «, wie in
titXttfiiv, über welche Kretschmer s. 404 fg., der lateinische und germanische bei-
spiele mit a beibringt, Bechtel kurz s. 206.
Zweiter teil: „Aus der lehre von den konsonanten".
9. kapitel ,Die gutturale** (s. 291 — 380).
An stelle der einen Schleichei'schen A;- reihe nimt der Verfasser mit Bezzenber-
ger (Beitr. 16, 234 fgg.) und Osthoff (Morph. untei*s. 5, note s. 63 fg.) nicht zwei,
sondern drei grurdsprachliche lautreihen an:
1) eine ^- reihe (^, 3, 3Ä), Osthoffs , postvelai'e *^, Brugmanns „volare ver-
schlusslaute mit labialisierung in den if- sprachen^.
Im german. ist das nachgeschlagene tf vor (vorgermanischem) o, ö (germ. a,
ö) und Uj ü lautgesetzlich verloren gegangen.
Im griechischen verlieren 9 -laute nach t; die labialisierung (s. 353, nach Saus-
suro Mem. de la soc. deling. 6, 161), wie in Xvxogy xvxXog, vyQog^ ßov-x6kog (neben
Inno- usw. -nöXog), Vor 0 lehnt Bechtel (s. 355) mit recht eine Vertretung der
g- reihe durch x- laute statt durch 71 -laute ab (ausser der ion. stamform zo-, die in
der enklise entstanden sein wird): Bugges Zusammenstellung von xoXnog mit alt-
schwed. hvalfr „Wölbung'' erklärt er für nicht zwingend {xoXnog ist vielmehr
dem ahd. halba verwant). Vor « und e werden g- laute in einer bestimten dialekt-
gruppe des äolischen, die Bechtel (s. 358) nachFick „achäisch" nennen will, durch n-
laute (ausser in thessal. ;f«f, kypr. at^* = Tt^), im übrigen griechischen durch t- laute
vertreten. "Worte der griechischen spräche, die tt- laute vor £, i statt dieser erwar-
teten T-laute zeigen (n^TQa, ßfa „gewalf*, ß{og „leben'*) müssen aus jener achäischen
dialektgruppe stammen'.
2) eine Aj- reihe {k, g, gh)^ Osthoffs „palato volare" , Brugmanns „volare ver-
schlusslaute ohne labialisierung in den t^- sprachen**.
Das griechische allein gibt zu bomerkungen anlass. Während nach Brugmann
A;- laute ohne labialisierung vor £, e im griech. x- laute bleiben, sind nach Bezzen-
berger (16, 248) und Bechtel (359) auch die A;- laute vor f, i normalerweise durch
T-laute vei*treten («/t^w, cffilyi;?, TaX/tvig), Doch sind für diese reihe vor «, i tat-
sächlich ;f- laute häufiger, wie in xtXrjgf x^vTQcovy y^Q^vog, xetfuXi]: Bechtel will die-
selben (s. 367), „fals** sie „nicht sämtlich aus anders vokaUsierten formen eingeführt
sind", als Wirkungen einer Schuchardtschen „rein lautlichen analogie** erkläi-en, was
wenige werden acceptieren können. — Im äolischen hat die g'- reihe in die z- reihe
übergegriffen (Bezzenberger 16, 253 fgg., Bechtel 361 fg.): labiale als Vertreter die-
ser reihe müssen wider aus dem achäischen stammen, vor e, i {dipiXXta, äfimXog
neben uyx(6v) und vor andern lauten {növog neben &uixovog, ßaaT€(C(o)'.
1) Diese von haus aus untonige pronominalform muss also in diesem dialekte
in der enklise das 1* verloren haben, bevor ku zu n werden konte.
2) Aber iniarttfint, das Bechtel (s. 361) wie Bezzenberger (16, 237) zu diesen
Worten stelt als „ denominativum von *niaTo- = skr. ctttd- „verstand"", hat doch
gewiss, der alten annähme gemäss, die präposition int.- und gehört zur wurzel ot«-
wie „verstehn", ahd. fir-stän, fir-stantan, ae. for-stondan, ne. under-stand.
3) 0. Hoffmann, Bezz. beitr. 18, 149 fgg., will aus dem einen thessal. xh
schliessen, dass ^- laute „in allen griechischen dialekten vor hellem vokale das v
verloren" haben, dagegen die äolischen tt- laute neben ionisch -dorischen t- lauten,
ÜBER BECHTEL, HAÜPTPROBLEBIE DER INDOOERM. ULUTLEHRB 391
3) Die p- reihe (Bechtel schieibt mit Fiok p, i, zh. Ich schreibe wie früher
Diese lautreihe, die die meisten mit mir für eiae reihe palataler verschluss-
laute gehalten haben (Die palatalreihe der idg. grundspr. Leipzig 1875) hält Bechtel
(8.370 fg.) mit Joh. Schmidt (KZ. 25, 134 fg., Urheimat der ludogermanen 8) und
Fick (Vgl. wb. *) für eine grundsprachliclie reihe i)alataler Spiranten. „Welchen weg
die palatalen Spiranten zumckgelegt haben um bei den westeuropäischen gutturalen
verschlusslauten anzugelangen, entzieht sich der erkentnis''. Bechtel sagt zunächst
gar nicht, welchen lautwert er seinen „palatalen Spiranten^ beigelegt wissen will.
Meint er den palatalen Spiranten/ (wie in nhd. ich) mit einem dazu gehörigen tönen-
den y und aspirierten yhl Dann wären diese Spiranten im westeuropäischen unmit-
telbar, ohne Zwischenstufe, in verschlusslaute übergegangen, zunächst in palatale
verschlusslaute, die dann neben nicht palatalen lauton zu velai'en wurden: der Über-
gang tonloser Spiranten in tonues ist nicht selten, der tönender Spiranten in medien
sehr geläufig (vgl. das anlautende g des niederdeutschen, das erst neuerdings in einem
grossen teil des gebietes media geworden ist aus älterem im nnl. erhaltenen Spiran-
ten). Bechtel aber meint gewiss, nach den von ihm verwanten zeichen zu schliessen,
den laut des skr. p (= polu. s) und dazu gehörige tönende i, zh. Diese mouillier-
ten oder palatalen s- laute wären dann zunächst zu /-lauten geworden (wie im spa-
nischen geschehen) und diese auf dem eben angegebenen wege zu A;- lauten.
Ich kann mich der auffassung Bechtols nicht anschliessen. Eine ursprüng-
liche (nicht aus einer reihe von verschlusslauten erwachsene) reihe palataler Spiranten,
aus tonlosem, tönendem und tönendem aspirierten gliede bestehend, könte erst ange-
nommen werden, wenn auch andre dreigliedrige spiitintenreihen, oder mindestens
eine solche nachgewiesen wäre, neben dem dentalen s ein x und ein xh (wol zu
merken ein vom s von haus aus geschiedenes, nicht aus ihm in tönender imigebung
hervorgegangenes x^). Eine dreigliedrige spirantonreilie, die palatale, eine für Spi-
ranten abnorme tönende aspirata mit umfassend, ohne pai'allele Spirantenreihen, aber
neben den di'eigliedrigen reihen der verschlusslaute, könte zunächst nur aus einer
älteren reihe von afTrikaten, ts, dz, dzhy hervorgegangen sein, welche laute nirgends
ursprünglich sind, sondern aus palatalen vei*schlusslauten erwachsen zu sein pflegen.
Diesen schluss zieht Bechtel nicht. Es wäre also nur die ost-indogerm. Wandlung der
wo ilmen lateinische und germanische />- laute entsprechen, aus urspr. kv, gv, ghv
erklären. Dies luzte könte in einigen oder allen fällen richtig sein. Hoffmann weist
hin auf <yt]Q = äol. <fi]o (aus ghvcr- : ostslav. ^reri mit ^v als ergobnis der zweiten
slavischen palatalisierung, nicht x^ während das westsLiv., poln. xwierx, cech. xvef,
und das lit. zverl-s auf palatalen anlaut, wie ihn HofFmann für das wort annimt,
xhvcriSf zurückweisen). Aber woher sollen denn die übrigen äol. ti- laute vor hellen
vokalen stammen, denen nicht lat. germ. /?- laute, sondern ^u- laute entsprechen?
Die beschränkung auf lat. germ. jo- laute ist schwerlich haltbai*: Hoffmann hat selbst
ein loch in seine regel genssen, indem er auch dem zahlwort „vier** trotz lat. qua-
tuor den ui-spr. anlaut kv statt q zuerteilt (äol. m'avQfg für *nvavQtg, aus der
schwachen form kutv-, wie (furvüj, Id^vg aus *(f>vTva), *vd-vg usw.?). Die konsequenz
würde gewiss sein, dass alle q, 3, 3A für uisprüngliche k, g, gh -\- v erklärt wür-
den (über xtg s. 0. s. 389 note *). [Ursprüngliche q -[- v nimt 0. Wiedemann an In-
dogerm. forschungen 1, 256.]
1) Bartholomaes indogerm. xh, das, wenn begründet, eine solche lautliche
entwickelung gewesen wäre (gxh, hxh aus gh, hh + s), ist, nach Krotschmers
bomerkungen KZ. 31, 433 fg., von Bartholomae selbst zurückgenommen Idg. forsch.
1, 313.
390 MÖLLKB
den vokal zur seite stehenden Schwächung auf a (nicht d), gr. a = skr. t\ wie in
T^T XttfjiiVf über welche Eretschmer s. 404 fg. , der lateinische und germanische bei-
spiele mit a beibringt, Bechtel kurz s. 206.
Zweiter teil: „Aus der lehre von den konsonanten".
9. kapitel ,Die gutturale** (s. 291 — 380).
An stelle der einen Schleichei"schen A;- reihe nimt der Verfasser mit Bezzenber-
ger (Beitr. 16, 234 fgg.) und Osthoff (Morph, untoi^s. 5, note s. 63 fg.) nicht zwei,
sondern drei giurdsprachliche lautreihen an:
1) eine g- reihe (q, 3, 3Ä), Osthoffs ^postvelare", Brugmanns „velare ver-
schlusslaute mit labialisierung in den if- sprachen**.
Im german. ist das nachgeschlagene t* vor (vorgermanischem) o, ö (germ. a,
ö) und Uy ü lautgesetzlich verloren gegangen.
Im giiechischen verlieren g'- laute nach i; die labialisierung (s. 353, nach Saiis-
suro Mem. de la soc. de ling. 6, 161), wie in kvxog, xvxkog, vyQos, ßov-x6Xog (neben
Inno- usw. -noXog), Vor 0 lehnt Bechtel (s. 355) mit recht eine Vertretung der
^- reihe durch x- laute statt durch 71 -laute ab (ausser der ion. stamform xo-, die in
der enklise entstanden sein wird): Bugges Zusammenstellung von xoXnog mit alt-
schwed. hvalfr „Wölbung** erklärt er für nicht zwingend (xoXnog ist vielmehr
dem ahd. halba verwant). Vor « und i werden g- laute in einer bestimten dialokt-
gruppe des äolischen, die Bechtel (s. 358) nachFick „achäisch** nennen will, durch 71-
laute (ausser in thessal. ;fi?, kypr. at^*=rTt^), im übrigen griechischen durch r- laute
vertreten. "Worte der griechischen spräche, die tt- laute vor €, i statt dieser er^'ar-
teten t -laute zeigen {ti^tq«, ßfa „gewalf*, ßfog „leben**) müssen aus jener achäischen
dialektgruppe stammen'.
2) eine Aj- reihe (k, g, gh)^ Osthoffs „palatovelare** , Brugmanns „velare ver-
schlusslaute ohne labialisierung in den t<- sprachen**.
Das griechische allein gibt zu bcmerkungen anlass. TVährend nach Brugmann
Aj- laute ohne labialisierung vor «, t im griech. z- laute bleiben, sind nach Bezzen-
berger (16, 248) und Bechtel (359) auch die A;- laute vor «, t normalerweise durch
T- laute vei*treten {ahita, dihfvg, TeX/ivig). Doch sind für diese reihe vor e, t tat-
sächlich ;?- laute häufiger, wie in xiXrjg, x^vTQtovy y^^avog, xttfaXi]: Bechtel will die-
selben (s. 367), „fals** sie „nicht sämtlich aus anders vokalisierten formen eingeführt
sind**, als Wirkungen einer Schuchardtschen „rein lautlichen analogie** erkläi-en, was
wenige werden aoceptieren können. — Im äolischen hat die q- reihe in die z- reihe
übergegriffen (Bezzenberger 16, 253 fgg., Bechtel 361 fg.): labiale als Vertreter die-
ser reihe müssen wider aus dem achäischen stammen, vor €, t {dtfi'XXo), äfimlog
neben uyx(6v) und vor andern lauten {novog neben fiäxovog, ßaaTuC(o)^.
1) Diese von haus aus untonige pronominalform muss also in diesem dialekte
in der enklise das 1* verloren haben, bevor k\i zu n werden konte.
2) Aber Iniatafiai,, das Bechtel (s. 361) wie Bezzenberger (16, 237) zu diesen
Worten stelt als „ denominativum von *niaTo- = skr. ctttu- „veratand ** '*, hat doch
gewiss, der alten annähme gemäss, die präposition Im- und gehört zur wurzel arä'
wie „verstehn**, ahd. firstän, fir-stantan, ae. for-stondan, ne. under-stand.
3) 0. Hoffmann, Bozz. beitr. 18, 149 fgg., will aus dem einen thessal. xig
schliessen, dass q- laute „in allen griechischen dialekten vor hellem vokale das r
verloren** haben, dagegen die äolischen tt- laute neben ionisch -dorischen t- lauten,
ÜBER BECHTEL, HAUPTPROBLEME DER INDOGERM. LAUTLEHRE 391
3) Die p- reihe (Bechtol schi-eibt mit Fick p, i, zh. Ich schreibe wie früher
Diese lautreihe, die die meisten mit mir für eine reihe palataler verschluss-
laute gehalten haben (Die palatalreihe der idg. grundspr. Leipzig 1875) hält Bechtel
(s. 370 fg.) mit Joh. Schmidt (KZ. 25, 134 fg., Urheimat der ludogermanen 8) und
Fick (Vgl. wb. *) füi' eine grundsprachliclie reihe i)alataler Spiranten. „Welchen weg
die palatalen Spiranten zuiückgelegt haben um bei den westeuropäischen guttuiulen
verschlusslauten anzugelangen, entzieht sich der erkentnis*^. Bechtel sagt zunächst
gar nicht, welchen lautwert er seinen „palatalen Spiranten*' beigelegt wissen will.
Meint er den palatalen Spiranten x (^3 in i^d. ich) mit einem dazu gehörigen tönen-
den y und aspirierten yhl Dann wären diese Spiranten im westeuropäischen unmit-
telbar, ohne Zwischenstufe, in vorschlusslauto übergegangen, zunächst in palatale
verschlusslaute, die dann neben nicht palatalen lauten zu volaren wui'den: der Über-
gang tonloser Spiranten in tonues ist nicht selten, der tönender Spiranten in medien
sehr geläufig (vgl. das anlautende g des niederdeutschen, das erst neuerdings in einem
grossen teil des gebietes media geworden ist aus älterem im nnl. erhaltenen Spiran-
ten). Bechtel aber meint gewiss, nach den von ihm verwanten zeichen zu schliessen,
den laut des skr. p (= poln. s) und dazu gehörige tönende i, zh. Diese mouillier-
ten oder palatalen s- laute wären dann zunächst zu /-lauten geworden (wie im spa-
nischen geschehen) und diese auf dem eben angegebenen wege zu A:- lauten.
Ich kann mich der auffassung Bochtols nicht anschliessen. Eine ursprüng-
liche (nicht aus einer reihe von verschlusslauten erwachsene) reihe i)alataler Spiranten,
aus tonlosem, tönendem und tönendem aspirierten gliede bestehend, könte erst ange-
nommen werden, wenn auch andre dreigliedrige Spirantenreihen, oder nündestens
eine solche nachgewiesen wäre, neben dem dentalen s ein % und ein xh (wol zu
merken ein vom s von haus aus geschiedenes, nicht aus ihm in tönender imigebung
hervorgegangenes X'^). Eine dreigliedrige spirantonreihe, die palatale, eine für Spi-
ranten abnorme tönende aspirata mit umfassend, ohne paiallele spiiantenreihen, aber
neben den dreigliedrigen reihen der verschlusslaute, könte zunächst nur aus einer
älteren reihe von afTrikaten, U, dz, dzU, hervorgegangen sein, welche laute nirgends
ursprünglich sind, sondern aus palatalen verschlusslautcu erwachsen zu sein pflegen.
Diesen schluss zieht Bechtel nicht. Es wäre also nur die ost-iudogerm. Wandlung der
wo ihnen lateinische und germanische />- laute entsprechen, aus urspr. kv, gv, ghv
erklären. Dies lezte könte in einigen oder allen fällen richtig sein. Hoffmann weist
hin auf Ot]Q = äol. (p}o (aus ghver- : ostslav. ^rerr? mit ^v als ergobnis der zweiton
slavischen palatalisierung, nicht s:, während das westslav., polo. xivi4rx,, cech. xvef,
und das lit. zveri-s auf palatalen anlaut, wie ilm HofFmann für das wort annimt,
xhveriSf zurückweisen). Aber woher sollen denn die übrigen äol. tt- laute vor hellen
vokalen stammen, denen nicht lat. germ. /?- laute, sondern gw- laute entsprechen?
Die beschränkung auf lat. germ. jo- laute ist schwerlich haltbar: Hofifmann hat selbst
ein loch in seine regel gerissen, indem er auch dem zahlwort „vier** trotz lat. qtta-
tuor den urspr. anlaut kv statt q zuerteilt (äol. m'avQtg für *7ivavQ€g, aus der
schwachen form kutv-, wie (/trt'w, i^iV aus *(fVTVü}, *vO-vg usw.?). Die konsoquenz
würde gewiss sein, dass alle 7, 3, 3/1 für ursprüngliche k, g, gh + v erklärt wür-
den (über xig s. 0. s. 389 note *). [Ursprüngliche q -\- v nimt 0. Wiedemann an In-
dogerm. forschungen 1, 256.]
1) Bartholomaes indogerm. xhj das, wenn begründet, eine solche lautliche
entwickelung gewesen wäre {gxh, hxh aus ghy hh + 5), ist, nach Krotschmers
bomerkongen KZ. 31, 433 fg., von Bartholomae selbst zurückgenommen Idg. forsch.
1, 313.
392 MÖLLER
palatalen verschlusslaute zu einer gemoinindogermanischen gemacht, im übrigen nichts
gewonnen : das westeuropäische wäre nur auf einem weiten umwege* wider zum ausgangs-
punkte zurückgekehrt Bechtel hält die annähme einer gemeinindogermanischen palata-
len Spirantenreihe darum für notwendig, weil die griechischen x, y, x dieser reihe nicht
durch folgende palatale vokale e, i gewandelt werden: er meint darum, die sprossen der
p- reihe könten nicht verschlusslaute gewesen sein zu der zeit wo die sprossen der
k- und der ^- reihe vor palatalen vokalen palatalisiert wurden. Ich glaube nicht, dass
wir in einem so komplicierten falle wie diesem mit Sicherheit sagen können, dass wir
alle mögiichkeiten des lautwandels übersehen: es kann sehr leicht ein fehler in der
rechnung bestehn. So kann in unserm falle der fehler leicht da liegen , wo wir einen
schwachen punkt bemerken, in der von Bechtel angenommenen Vertretung der k-
reihe vor f, e im griechischen. Die x- laute der x^Xrjgj y^qavogy in denen Bechtel
die Unregelmässigkeit sieht, könten mit Brugmann die regelrechten Vertreter dieser
A;- reihe, die i- laute in ahm und genossen dagegen die regelrechten Vertreter der
^- reihe sein, und die Unregelmässigkeit entweder in diesen vorgriechi schon ^, 3, 3A
oder in den aussergriechischen Vertretungen dieser g'- reihe liegen*. Die k (entspre-
chend überall die medien und aspiraten) wären dann vor £, e zu palatalen Xf, gleich-
zeitig (wie im ostslavischen) die ky, (alte kv, wie alte (^, die zusammengefallen
waren) zu palatalen Uy>' geworden: diese palatalen U^' (aus welchen achäisch n)
wären darauf im nicht achäischen griech. zu ^V, woraus t, umgespmngen , während
die palatalen U im übrigen blieben und mit den grundsprachlichen palatalen zusam-
menfielen.
Angenommen jedoch, dass Bechtels prämissen richtig, so müste ich seine
schlussfolgorung bis auf weiteres gelten lassen. Aber ich würde dieselbe doch nur
gelton lassen können für das griechische, nicht, wie Bechtel will, für das gemein-
indogermanische. Brugmann in seinem Grundriss § 380 nahm einen dialektischen
unterschied in der behandlung der palatalen (Bechtels (j- laute) für die indogerm.
grundsprache an. Ich halte dieses für richtig. Diese difFerenz braucht für die grund-
sprache in nichts anderem bestanden zu haben, als dass im westen reine palatale
verschlusslaute K, g, gh, im osten diese laute mit nachgeschlagenem ^ oder j gespro-
chen wurden, Ui, ^', gih' (ebenso wie das gemein -englischfriesische ein solches A'|
gehabt hat = ae. ce, an stelle des spätem engl, cä, fries. tx, sth, sx usw.). Das
griechische würde sich, wenn Bechtel recht hat, zum osten gestelt haben. Die wei-
tere entwickelung wäre im osten gewesen Uj > t's > s (oder stellenweise vielleicht
^i -^ ^y ^ /)» entsprechend g^' "> d'z "> z (oder gj >> d'y > y)' im griech. wären
endlich die palatalen Spiranten auf dem oben angegebenen wege zu verschlusslauten
X, y geworden*. Es könten auch wol jene Af» oder Uj gemeinindogermanisch gewesen
sein: im italischen, keltischen, germanischen wäre dann die palatale affektion auf-
gegeben, ebenso wie heute auf Seeland die gemeindänischen /5^y, gj (hj, gj der schrift)
zu Äf^, g geworden sind. Anzunehmen, dass die westeuropäischen verschlusslaute auf
1) Äf > Vj > te' > « > / > k.
2) So könten z. b. ae. cilfor-lambj ahd. chilburra „lamm**, aus denen auf
ureprünglich g für dekifvg^ (tSiXiftög und zubehör geschlossen wird, den anlaut k
für kw von ae. cealf, ahd. chalp übernommen haben.
3) Der tönende aspiiierte spirant zh zur tonlosen aspirata yz=:kh nicht auf
dem wege >'Ä >• /h 7> kh (wenn y, / wie oben den tonlosen und tönenden Spiranten
bezeichnen), denn /h wäre gewiss mit / zusammengefallen, sondern auf dem wege
yh "> gh '> kh.
ÜBER BECHTEL, HAUPTPBOBLKMB DEB INDOGKRM. LAUTLEHRE 393
demselben umwege wie die griechischen entstanden seien, ist (wenn Bechtel für dsa
grieoh. recht hat) ebenso wenig notwendig, als es um des schwedischen tx (ts, <»), j
willen nötig wäre anzunehmen, die seeländischen /5, g seien zunächst aus palatalen
Spiranten / oder i mit dazu gehörigem tönenden hervorgegangen.
Bechtel nimt (s. 364 fgg. 370 fg.) mit Joh. Schmidt einen Zusammenhang
zwischen den griechischen r, cf, d- als Vertretern der beiden ersten reihen und den
indoii'anischen und slavischlitauischen palatalen an. Die grundsprache , meint er
(371), habe eine palatale <^'- reihe und eine palatale /5- reihe gehabt (vor palatalen
vokalen an stelle der q- und A:- laute), für eine dritte palatale ^- reihe an stelle der
Bechtelschen p- reihe sei kein räum. Dieses lezte argumont ist nicht zwingend: waren
diese ältesten palatale schon zur stufe äJ» Qlj) vorgerückt, dann könte daneben wol
eine vom parasiten noch nicht afßcierte fc'- reihe aufkommen. Aber dass die beiden
reinen palatalreihen, die (]f'- reihe und die ^•- reihe, wie in Westeuropa geschehn,
reinlich auseinander gehalten wären, scheint mir höchst unwahi'scheinlich. Ein
palatales oder mouilliertes q hätte auch schwerlich den labialen nachschlag t^ erfah-
ren, den das q in Europa ohne das slavisch- litauische erfahren hat. Sicherer
würde es dann sein, wie eventuell die palatale affektion der c- reihe (Vi oder Uj)^
ebenso die labiale affektion der (^-i-eihe schon der grundsprache als gemeinindoger-
manisch zuzuschreiben , q^ oder qv (woraus vor palatalen vokalen q^ oder qv) ':
die labiale affektion wäre im osten nachträglich wider geschwunden wie die palatale
im Westen.
Den Zusammenhang zwischen der griechischen palatalen affektion der beiden
hinteren A;- reihen und der indo- iranischen will ich durchaus nicht bestreiten, da
lautwandlungon bis in die späteste zeit über die grenzen von dialokten und sprachen
hinweg sich verbreiten können: jedenfals ist dieser palatalismus jünger als die affek-
tion der gmndsprachlichen palatalreihe. Ein tenninus ad (juem für das eintreten
jener affektion im oston ist die indoiranische Wandlung des e in a. Im slavisch-
litauischen hat noch das gemeinslavolit. ^, das an stelle des Bechtelschen 9 erecheint,
^•- laute in derselben weise beeiuflusst >vie die älteren e und ^. Im griechischen steht,
wenn, wie ich zu glauben geneigt bin, Brugmann gegen Bezzenberger und Bechtel
recht hat, natürlich nicht allein die affektion des q^ und kcj die zu r führte, son-
dern ebenso die durch diese vorausgesezte affektion des k zu U (s. o.) in x^krig, yiQu-
vo^ mit der indoiranischen und slavolitauischen palatalisierung beider hinteren A;- reihen
in Zusammenhang. Mie diesen griechischen palatalen, die x, y^ x blieben, verhielt
es sich genau ebenso wie mit den speciell litauischen A*, g vor palatalen vokalen,
die auch reine palatale verschlusslaute geblieben sind. Der grundsprache jedoch kann
diese im osten geschehene affektion dieser beiden reihen nicht mit Sicherheit zuge-
schrieben werden. Bei ansetzung grundsprachlicher formen darf sie (bei dem jetzigen
stände unserer kentnis) nicht in der schrift bezeichnet werden, denn solte sie bereits
indogermanisch gewesen sein, sp wissen wir nicht, ob nicht auch (wie im heutigen
iiissischen) alle möglichen andern laute durch folgenden palatalen vokal mouilliert
oder palatalisiert worden sind, so dass wir, wenn wir q, U vor c, i schreiben, vor
denselben vokalen auch t\ p\ n, m\ s usw. schreiben müsten.
Das lezte 10. kapitel (s. 380 — 390) lehrt in der Überschrift: „/ gehört der
Ursprache an**. Dies folgt aus „Fortunatovs regel** (Bezz. beitr. 6, 215 — 220),
1) Sezt man dieses «', «<, so kann man sich mit einer reihe von zeichen, k, g,
gh, begnügen: g^e^ni-s, ekho-s usw.
392 MÖLLKR
palatalen verschlosslaute zu einer gemeinindogermanischeD gemacht, im übrigen nichts
gewonnen: das westeuropäische wäre nur auf einem weiten umwege* wider zum ausgangs-
punkte zurückgekehrt Bechtel hält die annähme einer gemeinindogermanischen palata-
len spiranteni-eihe darum für notwendig, weil die griechischen x, y,x dieser reihe nicht
durch folgende palatale vokale € , t gewandelt werden : er meint darum , die 8pi*ossen der
p- reihe könten nicht verschlusslaute gewesen sein zu der zeit wo die sprossen der
k- und der q'- reihe vor palatalen vokalen palatalisiert wurden. Ich glaube nicht, dass
wir in einem so komplicierten falle wie diesem mit Sicherheit sagen können, dass wir
alle möglichkeiten des lautwandels übei'sehen: es kann sehr leicht ein fehler in der
rechnung bestehn. So kann in unserm falle der fehler leicht da hegen , wo wir einen
schwachen punkt bemerken, in der von Bechtel angenommenen vortretung der An-
reihe vor f, ft im griechischen. Die x- laute der xiXrjgj y^Qttvog^ in denen Bechtel
die Unregelmässigkeit sieht, könten mit Brugmann die regelrechten Vertreter dieser
ik- reihe, die i- laute in ahio) und genossen dagegen die regelrechten Vertreter der
gr- reihe sein, und die Unregelmässigkeit entweder in diesen vorgriechischen ?> 3, 3/1
oder in den aussergriechischen Vertretungen dieser gr- reihe liegen*. Die k (entspre-
chend überall die medien und aspiraten) wäi'cn dann vor £, e zu palatalen A\ gleich-
zeitig (wie im ostslavischen) die k\i (alte kv, wie alte q^j die zusammengefallen
waren) zu palatalen U^' geworden: diese palatalen lt\L (aus welchen achäisch n)
wären darauf im nicht achäischen griech. zu t'^^ woraus t, umgespmngen , während
die palatalen U im übrigen blieben und mit den grundsprachlichen palatalen zusam-
menfielen.
Angenommen jedoch, dass Bechtels prämissen richtig, so müste ich seine
Schlussfolgerung bis auf weiteres gelten lassen. Aber ich ^vürde dieselbe doch nur
gelton lassen können für das griechische, nicht, wie Bechtel will, für das gemein-
indogermanische. Brugmann in seinem Grund riss § 380 nahm einen dialektischen
unterschied in der behandlung der palatalen (Bechtels p- laute) für die indogerm.
grundsprache an. Ich halte dieses für richtig. Diese differenz braucht für die grund-
sprache in nichts anderem bestanden zu haben, aLs dass im westen reine palatale
verschlusslaute U, g, gh, im osten diese laute mit nachgeschlagenem t oder j gespro-
chen wurden, JU, ^, g*k' (ebenso wie das gemein - englischfriesische ein solches A'|
gehabt hat = ae. ce, an stelle des spätem engl, eh, fries. tx, sth, sx usw.). Das
griechische würde sich, wenn Bechtel recht hat, zum osten gestelt haben. Die wei-
tere entwickelung wäre im osten gewesen Uj "> t's "> s (oder stellenweise vielleicht
Uj "> i'x > /) , entsprechend gj '> d'z'> z (oder gj >> d'y > y) : im griech. wären
endlich die palatalen Spiranten auf dem oben angegebenen wege zu verschlusslauten
X, y geworden*. Es könten auch wol jene Äf» oder Uj gemeinindogerraanisch gewesen
sein: im italischen, keltischen, germanischen wäre dann die palatale affektion auf-
gegeben, ebenso wie heute auf Seeland die gemeindänischen W'jy gj {hj, gj der schrifk)
zu ^^, g geworden sind. Anzunehmen, dass die westeuropäischen verschlusslaute auf
1) U > Vj > te' > s > ;f > k.
2) So könten z. b. ae. cilfor-lamb, ahd. chilburra „lamm*^, aus denen auf
ui-sprünglich g für &iX(fvg^ (tStXiftog und Zubehör geschlossen wii*d, den anlaut k
für kw von ae. cealf, ahd. chalp übernommen haben.
3) Der tönende aspirierte spirant zh zur tonlosen aspirata / = kh nicht auf
dem wege yh >• /h >- kh (wenn ;', / wie oben den tonlosen und tönenden Spiranten
bezeichnen), denn /^ wäre gewiss mit x zusammengefallen, sondern auf dem wege
yh "> gh :> kh.
ÜBER BECHTEL, HAUPTPBOBLKMB DEB INDOGKRM. LAUTLEHRE 393
demselben umwege wie die griechischen entstanden seien, ist (wenn Bechtel für dsa
griech. recht hat) ebenso wonig notwendig, als es um des schwedischen tx (ts, ts)^ j
willen nötig wäre anzunehmen, die seeländischen U^ g seien zunächst aus palatalen
Spiranten / ^^'^^ ^ i^it dazu gehörigem tönenden hervorgegangen.
Bechtel nimt (s. 364 fgg. 370 fg.) mit Joh. Schmidt einen Zusammenhang
zwischen den griechischen t, cf, ^ als Vertretern der beiden ersten reihen und den
indoii'anischen und slavischlitauischen palatalen an. Die grundsprache , meint er
(371), habe eine palatale g'- reihe und eine palatale ä5- reihe gehabt (vor palatalen
vokalen an stelle der q- und A;- laute), für eine dritte palatale ^- reihe an stelle der
Bechtelschen p- reihe sei kein räum. Dieses Iczte argument ist nicht zwingend : waren
diese ältesten palatale schon zur stufe Äf* Qtj) vorgerückt, dann könte daneben wol
eine vom parasiten noch nicht afßcierte ^'- reihe aufkommen. Aber dass die beiden
reinen palatali'eihen , die ^'- reihe und die ^* -reihe, wie in Westeuropa geschehn,
reinlich auseinander gehalten wären, scheint mir höchst unwahi'scheinlich. Ein
palatales oder mouilliertes q hätte auch schwerlich den labialen nachschlag tf erfah-
ren, den das q in Europa ohne das slavisch - litauische erfahren hat. Sicherer
würde es dann sein, wie eventuell die palatale affektion der c- reihe (Hi oder Uj)^
ebenso die labiale affektion der 9- reihe schon der grundsprache als gemeinindoger-
manisch zuzuschreiben , q^ oder qv (woraus vor palatalen vokalen q^ oder qv) *:
die labiale affektion wäre im osten nachträglich wider geschwunden wie die palatale
im Westen.
Den Zusammenhang zwischen der griechischen palatalen affektion der beiden
hinteren A;- reihen und der indo- iranischen will ich durchaus nicht bestreiten, da
lautwandlungen bis in die späteste zeit über die grenzen von dialokten und sprachen
hinweg sich verbreiten können: jedenfals ist dieser palatalismus jünger als die affek-
tion der gi-undsprachlichen palatalroihe. Ein tenninus ad quem für das eintreten
jener affektion im oston ist die indoiranischo Wandlung des e in a. Im slavisch-
litauischen hat noch das gemeinslavolit. f , das an stelle des Bechtelschen 9 ei-scheint,
A:- laute in derselben weise beeiuflusst wie die älteren e und i. Im griechischen steht,
wenn, wie ich zu glauben geneigt bin, Brugmann gegen Bezzenborger und Bechtel
recht hat, natürlich nicht allein die affektion des q^ imd kv, die zu t führte, son-
dern ebenso die durch diese vorausgesezte affektion des k zu U (s. 0.) in x^Xrig, y^Qu-
vog mit der indoiranischen und slavolitauischen palatalisierung beider hinteren A;- reihen
in Zusammenhang. Mie diesen griechischen palatalen, die pc, y, / blieben, verhielt
es sich genau ebenso wie mit den speciell litauischen k, g vor palatalen vokalen,
die auch reine palatale verechlusslaute geblieben sind. Der giimdsprache jedoch kann
diese im osten geschehene affektion dieser beiden reihen nicht mit Sicherheit zuge-
schrieben werden. Bei ansetzung grundsprachlicher formen darf sie (bei dem jetzigen
stände unserer kentnis) nicht in der schrift bezeichnet werden, denn solte sie bereits
indogermanisch gewesen sein, sp wissen wir nicht, ob nicht auch (wie im heutigen
russischen) alle möglichen andern laute durch folgenden palatalen vokal mouilliert
oder palatalisiert worden sind, so dass wir, wenn wir q\ U vor c, i schreiben, vor
denselben vokalen auch t\ p\ n, m\ s usw. schreiben müsten.
Das lezte 10. kapitel (s. 380 — 390) lehrt in der Überschrift: „/ gehört der
Ursprache an". Dies folgt aus „Fortunatovs regel'' (Bezz. beitr. 6, 215 — 220),
1) Sezt man dieses «', ^^ so kann man sich mit einer reihe von zeiohen, kf jr-
gh, begnügen: g^eni-s, ekho-s usw.
394 8UM0NS
naoh welcher / -|~ dental im sanskrit mit schwuDd des / doi'ch den lingual vertreten
wird {ani- „achsennageP aus a/m-, ahd. hm; paiata- „dach, htllle, decke, Schleier"
aus pelt'j gr. n^krt}, altn. feldr „decke*; puta- „falte* ausjöZ^o- oder Bechtels pa/to-),
während r + dental im skr. unverändert bleibt. Ausnahmen von der regel sucht
Bechtel auf den lezten Seiten 385 fgg. zu erklären, entweder durch geschehene dia-
lektmischung innerhalb des indischen oder durch systemzwang (wie wenn das part.
pürnd' „voll" das r seines wurzelverbs, präs. piparmi „fülle* festgehalten hat. Ich
glaube eher, dass ür aus dU überhaupt auszunehmen ist, da hier der dental ursprüng-
lich nicht unmittelbai* folgte, urnä „wolle", fnürdkän- m. „haupt" ae. acc. moldan
m. „Scheitel").
Die nach dem vorwort gestrichenen kapitel und namentlich den „anhang über
den ursprachlichen accent" möchten wir dem Verfasser nicht gänzlich schenken:
hoffentlich kann er uns einmal in der folge seine gedanken und seine resultate auch
betrefs dieser problomo in einer gestalt vorlegen, die ihn selbst und uns befriedigt,
wie das, was er uns in dem vorliegenden buch gegeben, wenn auch wol nicht alle,
doch hoffentlich die meisten leser und jedesfals den unterzeichneten referenten im
grossen und ganzen befriedigt und dem Verfasser zu dank verpflichtet hat.
Einige zu ende des buches nicht berichtigte druckfehler, die ich mir bemerkt
habe, sind: s. 114, z. 3 v. o. lies a//n. (oder a«s/.?) statt aesn. S. 226 in der note
1. 213 statt 253. S. 328, z. 10 v. o. 1. ko statt ky. S. 340, z. 15 — 17 waien nicht
die k unter südeurop., die k^ unter germ. zu setzen, sondern die beiden reihen
kj k^ usw. ohne Zwischenraum zusammenzudrucken.
FREDERIKSBERG (KOPENHAGEN), FEBR. 1893. HERMANN MÖLLER.
Die V<?lsungasaga. Nach Bugges text mit einleitung imd glossar hemusgegeben
von Wilhelm Ranlseh. Beriin, Mayer & MüUer. 1891. XVUI, 216 s. 8.
m. 3,60.
Die bestimmung der vorliegenden ausgäbe ist, wie der herausgeber im vorwort
bemerkt, „für lohrzwocke, insbesondere für die erste nordische lektüre" zu dienen.
Aus persönlicher orfahrung möchte ich der Verwendung der V^lsungasaga für den
angedeuteten zweck, trotzdem sie den nicht gering anzuschlagenden vorteil bietet,
dass sie den aufänger in einen ihm teilweise bekanten stofkreis einführt, nicht
unbedingt das wort reden. Dass die Y^lsungasaga den älteren IslendingasQgur sti-
listisch weit nachsteht, ist bokant. Bedenklicher aber ist ein anderer mangel, der
unmittelbar aus der entstehungsweise der saga hervorgeht. Als paraphrase von alten,
vielfach beai'beiteton und interpolieiten liedern, die dem sagaschreiber häufig genug
nicht mehr verständlich waren, ist die erzählung ohne fortwährende hinzuziehung
und vergleichung der zu gründe liegenden Strophen, die doch dem anfänger nicht
zugetraut werden kann, weder überall leicht fasslich noch besonders genussmch.
Und nun gar in den paiiien, wo durch die grosse lücke des Codex Regius die ver-
gleichung der quellen versagt, lässt sich die erzählung häufig nur unter der Voraus-
setzung verstehen, dass der Verfasser Strophen, deren Zusammenhang und sinn ihm
unklar waren, in ungefährer prosaischer Umschreibung ihres Wortlautes widergegeben
hat. So kann ich in den kapiteln 28 und 29, besonders im lezten, oft nur ein
zusammenhangsloses gestammel entdecken, womit sich „für die erste nordische lek-
türe" nicht viel anfangen lässt.
ÜBER VOLSÜNOASAQA ED. RANISCH 395
Doch soll durch dieses bedenken das verdienst des herausgebers nicht geschmä-
lert werden. Als einzige zugleich ausführliche und zusammenhängende quelle für die
nordische gestalt der Nikelungensage verdiente die saga eine handliche neue ausgäbe.
Bugges text in den „Norröne skrifter af sagnhistorisk indhold*^ (Det norske oldskrift-
selskabs samlinger YHI) ist nicht leicht mehr zu beschaffen und entbehrt sowol einer
einloitung* als eines glossare, während Wilkens ausgäbe (1878) sich über zwei bände
erstreckt (das glossar erschien 1883 besonders) und überdies wegen ihrer verwirrenden
einleitung dem anfänger nicht empfohlen werden kann. Rauisch gibt nach einer eiu-
leitung, die meines erachtens den am wenigsten befriedigenden teil der ausgäbe bil-
det, einen abdruck des textes (s. 1 — 79) und ein ausführliches glossar (s. 80 — 212)
nebst namen Verzeichnis (s. 213 — 16).
Der text ist ein mit Bugges genehm igung vei'anstalteter abdruck dos in den
„Norröne Skrifter" veröffentlichten, doch in der Orthographie verschiedentlich von
diesem abweichend. Ranisch verwendet die typen q, 0, 0 (= 0?), e (= 05), braucht
p auch im in- und auslaut, x statt s nach // und nn (mit nicht streng durchgeführ-
ter Vereinfachung des vorhergehenden consonanten) , ferner x statt eines dontals 4. «
und in der medio- passiven form des verbums (also z. b. ilxka, mcfixkr; sverxy ox;
hafax). Über die consequenz dieser Orthographie liosse sich bekantlich mit dem her-
ausgeber rechten, zumal auch die veree sich derselben haben fügen müssen; ich
unterlasse es jedoch auf diese frage weiter einzugehen. Von den besserungs vorschla-
gen, welche Bugge in semer ausgäbe unter dem texte, in den anmerkungen hinter
dem texte und auf dem mnschlag in den „tillseg og rettelser*^ bietet, sind viele mit
recht aufgenommen, und der herausgeber hätte bei einem für anfänger bestimten
buche in der herstellung eines lesbaren textes ruhig noch etwas weiter gehen können.
Freilich war die grenze schwer zu ziehen, wenn von dem eigentlichen plane, einen
i*einen abdruck des Buggischen textes zu geben, einmal abgewichen wurde. Als bei-
spiel erwähne ich c. 29, z. 113 (Bugge 153*-), wo Sigur{)r, indem er seine unaus-
löschliche liebe zu Brynliildr, auch nach seiner Vermählung mit Gu{)riin, beteuert,
u. a, äussert: en af mir bar eky sein ek 7ndtta, Pat er eh var i komm^shqllj ok
unpa ek Pri pö, at rer vdrum qll saman usw. Ich kann der stelle nur dann einen
vernünftigen sinn abgewinnen, wenn man die von Björner vorgeschlagene, von
Bugge fragend wider aufgenommene conjektur acceptiert: mdtta, pd er ek var (so
auch "Wilken und G. Vigfüsson Cpb. II, 539), oder nach Bugges verschlag in den
,tilljeg^ Pat ganz streicht. Die deutung der Überlieferung in Rauischs glossar s. v.
bera (s. 91**) vermag ich nicht recht zu verst^'hen; richtig übersezt Edzardi: „doch
imterdmckte ich es, soviel ich vermochte, die weil {==pd er oder er) ich im königs-
saale wai". Zum absoluten gelirauch von bera af ser in der hier geforderten bedeu-
tung „sich in etwas finden, sich über etwas hinwegzusetzen suchen" vgl. z. b. Ijaxd.
c. 76 (ed. Kälund 283^*): OvPrünu pötti mikit frdfall porkehj en bar pö skqruli^a
af ser; weitere beispicle bei lYitzner* I, 128*. In diesem wie in manchen ähnlichen
fällen hätte dem zweck der ausgäbe die aufnähme einer leichten emendation besser
entsprochen als die beibehaltnng einer nicht oder schwer veretändlichen losart. Viol-
leicht wäre es auch wünschenswert gewesen, in den dem texte einverleibten Strophen
1) Noch dor Umschlag dos dritten hoftos der ,,Norrüne Skrifter" (1873) verspricht eine einloi-
tong, die n. a. untorsnchangen ,,om vodkommendo sagaor, songe og sagn" enthalten gölte. Wir ver-
danken Bugge so yiol , dass ihn zu mahnen undankbar erschienen könto. So möge sich nur schüchtern
der wonsch hervorwngen, dass auch diese oinleitnng uns noch einmal dio reiche belehnmg und anrogung
spende , ohne welche keinor von oinor Buggiächen arbeit sich trent.
396 siJUONs
erhaltener und verlorener lieder sichere metrische besserungen nicht zu verschmähen,
also z. b. str. 22 "^ vip himni in vip himin zu ändern, das auch sprachlich den Vor-
zug verdient (vgl. Vsp. 57 ^ Hyndl. 42*. Helg. Hund. 11 , 38**^ u. ö.), sowie ande-
rerseits metrisch verderbte zeilen irgendwie als unrichtig zu bezeichnen, wie z. b.
str. 23^ bliku reipi (reid CJd.). Unter dem texte ist auf die quellenstellen verwiesen,
dagegen sind die handschriftlichen lesarten, wo der text von ihnen abweicht, nicht
verzeichnet.
Im glossar liegt entschieden der Schwerpunkt von Ranischs arbeit. Der her-
ausgeber hat es „in nahem anschluss an Wimmers musterglossar zum (sie!) Laßsbog
(sie!) gearbeitet". Ohne sein muster zu en*eichen, darf es doch als sorgfältig, ver-
ständig und seinem zwecke durchaus entsprechend gerühmt werden. Die bedeutungen
sind, soweit ich nachgeprüft habe, in guter an Ordnung aufgeführt, schwierigere aus-
drücke volständig üboi'sezt, die nötigen grammatischen fiugerzeige hinzugefügt, sodass
es den anfäiiger kaum irgendwo im stiebe lassen dürfte. Wilkommcn sind auch die
gotischen entsprechuugen ; hie und da wird auch auf andere germanische sprachen
verwiesen (so s. v. afl, afla, apaldr, drdagar, blautr, rekkr), doch ohne ereicht-
liches System, unter aka wird gar lat. agere angezogen. Richtiger wäre es gewesen,
wenn der herausgeber sich aufs gotische beschi-änkt, hier aber nach möglichster vol-
ständigkeit gestrebt hätte. Für den anfänger ist es femer vei*wirrend, dass nicht
geschieden ist zwischen völliger identität der got. und an. Wörter und loserem zusam-
menhange. Gegen eine formel wie d (got. and) , akr (got. akrs) \ bjarga (got. bairg-
an) ist nichts einzuwenden; aber bei bdpir (got. hajöps)^ borg, bjarg (got. bairga-
hei)^ daupi (got. daupit^) u. ä. wäre ein „vgl.'' als Warnungstafel wol am platze
gewesen. Vor allem aber wie gesagt hätte der herausgeber den gotischen wertschätz
noch eifriger ausbeuten können. Beim durchblättern des glossars sind mir die folgen-
den got. entsprechungen aufgestossen , die nach Ranischs System liätten angeführt
werden sollen: aldr (vgl. got framaldrs adj., ein bahuvrihi- compositum?); zu. aum-
ligr vgl. gut. anns (Noreon Ark. 6, 313 fg.); band: vgl. got. bandi; blaupr: vgl.
got. blaupjan; bl&mi: got. *bldma^; zu dul vgl. got. dtvals und seine sippe; eigna:
got. ga-aiginon; einnhverr: vgl. got. ainhwarjixuh; eyPa: vgl. got. *aups; fdr:
vgl. got. *ferja „ nachsteller " ; zu den compositis mit fjql- waren die entsprochenden
mit got. fdit- hei-anzuziehen; zu fldr wäre dem anfänger eine Verweisung auf got
ga-piaihan nützlich; [frd: got. fra- findet sich nur in der Zusammensetzung]; fripa:
got. ga-fripdn; fyrirkonia: got fauraqiman; gdlgi: got. galga; gaman doch wol
= got. gaman xoiviovUc H Cor. 13, 13 (s. Kluge, Kuhns ztschr. 26, 70. J. Schmidt,
Idg. neutra s. 25); gatdtnr: vgl. got. gaumjan; gipta: vgl. got. fra-gifts; zu gneipr
dürfte got. ganipnan zu vergleichen sein; gnött: vgl. got. ganohs; gramr: vgl. got
gramjan; hamr: vgl. got. -hamön; heit: got. ga-hait; zu hekla wäre zu verweisen
auf got. hakuh (an. hx^kul1)\ hepta: got. haftjan; hljöta: vgl. got. hlaups stm.; zu
hljöpr, hlt/Pa vgl. got. *hliup stn.? (an. Mj6p)\ hlogja: got. uf-hlobjan; hrista:
vgl. got. -hrisjan; keyra entspricht lautlich genau dem got. kausjanj imd auch die
bedeutungen lassen sich vermitteln; leyna: got. ga-laiLgnjan (sik); lifna: got, af-
lifnan; liki: got. ga-leiki; linbrök: vgl. got. lein; zu Ijöp vgl. got. liupön, liupar-
eis; menxkr : goi. mannisks ; mettr: zu got matjan; m^kfa: vgl. got muka-mödei;
1) arkrs 8^b ist ein unschädlicher drnckfehlor. Bedenklicher ist s. v. bitr: got. beUrs; lies
baitrs.
2) Belogt ist nur acc. pl. blötnans, doch vgl. ausser an. biömi auch ags. bläma, as. biomo, ahd.
btuomo.
ÜBER VOLSÜNaASAOA ED. BANISCH 397
ofr (od. of): vgl. got. ufjö ^übei-fluss'' 11 Cor. 9, 1; reyrteinn: vgl. got. ratis;
zu salr vgl. got. saljan „wohnen"; seinn: vgl. got. sainjan; sißr adv. comp.: got.
Pafia-seißs; skapi: vgl. got. skapts; snarpr: vgl. got. at-snarpjan; snjör: got.
snaitcs; sporpr ist wol = got. spaürds; zu staka vgl. got. hleipra - stakeins , auch
* staks (si(ikins)?\ svelta swv.: vgl. got. swiltan (an. sveltay svalt)\ zu toA» vgl. got
tikan; traitst: vgl. got. trausti; uborinthy ükunnr, üviss^: got. unhaüransj un-
kunpSf untoeis; zuün^tr, üvitry üv^'nn vgl. got mmuts, unwita, unweniggo; ullar-
lagPr : zu got. trulla; vargr: got. launa-tcargs; ve: vgl. got weihs; vist: zu got.
msan (an. t^era); t?«7»; vgl. got. fra-weit, id-weit; vq'rUa: vgl. got. wenjan (an.
v(Bna)\ perra: vgl. got. gapairsan; pö = got. j^auÄ (ags. pedJi)\ porpari: zu got.
paürp (an. Porp); zu prutna vgl. got. prutsfdl, us-priutan (an. prj6ta)\ pverliga:
vgl. got. pwairhs; pyrft: got. Paürfts; zu /y^r vgl. got. put-haüm; Pqkk: vgl. got.
Pa>gks; ^vi: vgl. got. aiics; t^drerpr: got. andwairps. Hieimit sei die liste geschlos-
sen, obwol gewiss noch manches übersehen ist.
Indem ich einzelne bemerkungen zum glossar, die sich natürlich unschwer
machen lassen, unterdrücke, hebe ich noch einmal ausdmcklich hervor, dass ich
dasselbe trotz der gerügten ungleichmässigkeiten als eine rühmenswerte und nutz-
bringende arbeit betrachte.
Leider kann der einleitung nicht dasselbe lob gespendet werden, ßanisch
bemerkt über sie im vorwoii;, sie solle „einen überblick über die nordische Nibelun-
gendichtung bis auf die V^lsungasaga " geben, unter besonderer benutzung von Mül-
lenhoffs abhandlungen in der Ztschr. f. d. a. 10, 146 fgg. 23, 113 fgg. und dem
(inzwischen erschienenen) kommentar zu den eddischen 8igur{)sliederu (Deutsche alter-
tumskunde V, 2); manches eigene sei „freilich mehr behauptet, als bewiesen'*.
Schwerlich dürfte diese angäbe über zweck und anläge der einleitung zugleich auch
ihre rechtfertigung enthalten. Was man an ei'stcr stelle in einer einleitung zu einer
neuen ausgäbe der Vglsungasaga zu finden hoft, eine erörterung der litterargeschicht-
licheu Stellung des denkmals, sucht man vergebens; denn die hastigen notizen am
Schlüsse (s. XVIIl), zwanzig zeilen, köimon gewiss nicht dafür gelten. Von der über-
liefeining, dem Verhältnis der saga zur liedersamluiig, zur Ragnarssaga, zur fidreks-
saga, zu den rimur, ist nicht oder kaum die rode. Statt einer wünschensweiten
Zusammenstellung der litteratur über die saga wird der „anfänger" in einer schluss-
note abgespeist mit einem hinweis auf meine Untersuchungen über die V^lsungasaga
iu den Beiträgen und die einleitung zu Edzardis nicht näher namhaft gemachter Über-
setzung — und ist so klug noch wie zuvor, fals er nicht Edzardis ausgezeichnete
einleitung hinzunimt. Anderei-seits darf billig bezweifelt werden, ob demjenigen, der
Hanischs buch als „ei-ste nordische loktüre'' benutzen soll, mit dem zwar vielfach
ansprechenden, aber nirgends über blosse andeutungen und Vermutungen hinauskom-
menden chronologischen überblick über die eddische Nibelungendichtung gedient ist,
der den grösseren teil der einleitung bildet (s. XI — XVIII). Ranisch unterscheidet
von den alten liedern des 10. jalirhunderts — Reginsmal, Fafnismäl, Sigi'drifumal,
das lied (oder die liedor), das c. 26. 27 der Vs. zu gründe liegt, Brot af Sig., das
fast volständig sein soll, anfang und schluss der Sig. skamnia, Atlakvi{)a, Ham[)is-
mal — die gedichte einer zweiten, um 1000 anhebenden litteraturepoche, recapitu-
1) Doch ist in der bedoatung ,,migewiss" wol üvias anzusetzen und in diosfti falle got. 'unwiaa
za vergleicbon. Entsprechend wUren r. v. visa die bodeatungon 1) und 2) zu trennen als vias (got. -weU)
and viss (got. *-tru»). Mit rocht nimt Bernhardt unwinamina I Cor. 9, 2C (die einzige stelle, wo sich
das wort findet) als Schreibfehler für umHasamma.
398 SIJMONS, &BEB V0L8ÜKGA8AGA BD. RANISCH
lationsgedichte, Prophezeiungen, ausmalungen von rührenden Situationen (s. XIV —
XVII). Ais jüngstes unter den heldenlicdern der Edda gilt ihm niit recht die rein
dialogische Gripisspä (s. XVn fg.). Manche gute und fördernde hemcrkung fliesst
dabei unter, kann aber eine blosse aneinanderreihung von behauptungen über eines
der schwierigsten litterarhistorischen probleme an ungeeignetem orte nicht rechtfer-
tigen. Was nützen dem anfänger annahmen, wie die der interpolation von Fafn. 41
(s. XII anm. = DA V, 367), die kritische sichtung der Sig. sk. (s. XIII, vgl. DA V,
373 fgg.), die erörterung über das gegenseitige Verhältnis der drei Gu{)i'unlieder
(s. XVn, vgl. DA V, 370. 392. 396 fgg.) usw., wenn er sich nicht bei MüUenhoff
die nähere begründung sucht? In einer besprechung der Deutschen altertumskunde
V, 2 komme ich auf einige der hier berührten fragen zurück. Zu Ranischs deutung
von 8ig. sk. 34 — 41 (s. XV fg.), die ihm soweit ich sehe eigentümlich ist, darf ich
auf diese ztschr. XXIV, 25 fgg. verweisen.
Der erste teil der einleitung (s. V — XI) skizziert die vorauszusetzende frän-
kische gestalt der Nibelungcnsage, sowie die spociell nordischen lungestaltungen der-
selben, die zwischen der ersten aneiguung der sage und der eddischon dichtung lie-
gen. In allen hauptpunkten schliesst Ranisch sich an Müllenhoff an, sodass auch
für mich zum Widerspruch nur in einzelheiten eine veranlassung vorliegt. Auf die
Brynhildr-Sigrdrifafrage einzugehen darf ich mir durch einen hinweis auf diese Zeit-
schrift XXIV, 1 fgg. ersparen. Mit MüUenhofF verlegt Ranisch auch den wesentlichen
inhalt von c. 1 und 2 der Vs. in die fränkische sage: dem gegenüber beliarre ich
bei meinem Widerspruch (s. Pauls Grundr. 11, 1, 24). Weder für die erzäliluugen
von Sigi und Rerir, deren namen schon genügend ihren nordischen ui-sprung ver-
raten, noch für die abstammung des Welsungengeschlechtes von 0|)inn lassen sich
in der deutschen sage die leisesten audeutungen entdecken, und MüllenhofF gelingt
nur durch die annähme einer lücke in der überliefenmg, die Ranisch s. VI „nicht
unbegründet •* findet, die herstellung eines verständigen Zusammenhanges. Gegen
meine behauptung, dass der ljniivv^o<; des geschlechtcs, Walis, der ältesten fränkischen
sage auch als der stamvater desselben gegolten habe, wendet Maitin in seiner
besprechung der betreffenden lieferung des ginindrisses (diese ztschr. XXIII, .369) ein,
dass dessen name weiter zurück deute, der „echte** sei doch der echte abkömling,
und man frage natürlich, wessen? Aber Walis (got. walis) bedeutet zunächst nicht
„echt", sondern „auserlesen**, wie die etymologie und die Verwendung des got. ac^ec-
tivs* lehren: leider steht die bildung in den germanischen sprachen vereinzelt (doch
s. Müllenhoff, Ztschr. f. d. a. 23, 172 fg.), sie schliesst sich aber ungezwungen au
griechische adjectiva wie rUi;(^iJj; „unverhohlen**, amv^rig „unerforscht", die mit der
für ein westgerm. *tcalis (ags. Wcels) vorauszusetzenden suffixbetonung die bedeutuug
des part. perf. pass. verbinden. Bmgmanns ausspruch: „adjectiva von der art des
gr. \pav$rii dvG-^tvrii; sind [im germ.] wol nicht vorhanden** (Grundriss II, 395)
bedarf demnach einer cinschränkuug. Weshalb nun der stamvater eines geschlechtes
nicht „der auserlesene" heissen solte, ist m'cht abzusehen. Ein Welisung als patro-
nymicum zu * Walis (ZE nr. X, 1) = ags. Wcelsimjj an. Volsungr entspricht seiner
bildung nach dem Berhtuny der Wolfdietrichssage, welches pati'onymicum gleichfals
Col. 3, A^gawalidai guPs, weihans jah walisans ^xXexioi d^eov^ ayiot xal ijyantjfi/voi. Zwar
Phil. 4,3. I Tim. 1 , 2 und Tit. 1 , 4 gr. yy^aiog, aber in der bodeutnng ,, treu befunden".
1) Col.
übersozt es
In der stelle II Tim. 2, 1 hat walisu keine entsprechung im original. Bemerkenswert ist der ausschliess-
liche gebrauch schwacher formen , auch da , wo man die starke erwartete (I Tim 1 , 2. Tit. 1,4), doch
benso II Tim. 1,2: Piawhts apauaiaulus Teimaupadau Uubin bctma.
KAUFFMANN, ÜBER METER, EDDISCHE K0SM060NIE 399
auf einen algemein lobenden namen *Ber(a)ht (got. hairhts) „der glänzende, her-
liche" für den stamvater eines fränkischen heldengeschlechtes hinweist. Wie die
Vs. irt, wenn sie Sigmunds vater V^lsungr nent, so ist in unseren mhd. Wolfdie-
trichen die tradition bereits verdunkelt, wenn sie den vater der Berchtunge selber
patronymisch bezeichnen.
Zum Schlüsse noch ein paar einzelheiten. Attilas tod wird s. V fälschlich 451
statt 453 angesezt. — Zu der von Ranisch s. VI angenommenen Kögeischen deutung
des namens Sintarfizzilo vgl. jczt Sievei*s Beitr. 16, 363, dessen bedenken nicht unbe-
gründet sind. — Banisch hält s. "VTII beide formen der sage von Sigfrids tod —
draussen im waldo oder im bette an Gu|)runs seite — für alt und meint, sie seien
zugleich nach dem norden gekommen. Die frage, die bekantlich in verschiedener
weise beantwortet ist, soll hier nicht erörtert werden, da ich andernorts auf sie ein-
zugehen gedenke. Hier sei nur erwähnt, dass Ranischs bemfung auf Golther Germ.
34, 280 anm. diesem gelehrten, dessen auffassung ich übiigens nicht teile, schwer-
lich behagen wird. Golther hat sich mit aller entschiedenheit für die ursprünglich-
keit derjenigen form der sage erklärt, welche Sigfrids tod in den wald verlegt
(s. namentlich seine Studien zur germ. sagengesch. s. 78 fgg. und neuerdings Litbl.
1891, sp. 264); und auch die citierte Germania- stelle besagt nicht, was Ranisch her-
ausliest.
ORONINOEN, 9. DECRMBER 1891. B. SIJMONS.
Die eddische kosmogonie. Ein beitrag zur geschichte der kosmogonie des alter-
tums und des mittelalters von EL Hngro Meyer. Freiburg i. B., akademische
Verlagsbuchhandlung von J. C. B. Mohr (Paul Siebeck). 1891. VII und 118 s.
3,60 m.
Ln 5. Jahrhundert hatte ein byzantinischer künstlcr es gewagt, Christus mit
den Zügen eines Zeus darzustellen, in der absieht, die Christen einen Chiistus, die
beiden einen Zeus im bilde sehen zu lassen. Theodorus Ijcctor erzählt, ein gericht
gottes habe dem frevler die band gelähmt (L. Dietrichson, Ohristusbilledet s. 162 fg.).
So dachte schon die alte kirche über Synkretismus. Noch besass sie nichts von der
rigorosen strenge der ecclesia triumphans des 11. und 12. jahihunderts. In den kata-
komben sah man den auferstandenen erlöser als Helios auf dem sonnenwagen zum
himmel fahren oder d<3n göttlichen hohcpriester im bilde des Orpheus aller kreatur
seine wunderbaren werte verkündigen (Dietrichson s. 158. 160). Es liegt etwas in
diesen darstellungen von dem goiste jener zeit, da nach Lactanz die missionare von
der heidnischen bevölkerung der antiken weit zu hören bekamen, dass auch sie au
einen gott glaube, dass sie denselben gott anbete wie die Christen — mit dem ein-
zigen unterschied, dass sie ihn nicht Christus, sondern Jupiter nenne. Der gegen-
satz der kirche zu der antiken kultur war ein total anderer als der gegensatz der
kirche zu der germanischen weit'. Von jener borgte die kirche das gewaltige rüst-
zeug, mit dem sie diese sicli unterworfen hat. Es ist folglich ganz und gai* unhisto-
risch, wenn in der vorliegenden studio Juvencus für einen Saomundr zeugnis ablegen
soll. Es ist damit gerade so bestelt, wie mit dem taufstein von Ottravakyrka
1) Man beachte namentlich den nnterschiod dor christlich aufgefärbten heidnischen littoratar
(Aeschylos, Sophokles u. a.), worü})or Giesoler, Kirchongoschichte I, 1, 225 und die daselbst citierte
Schrift von Aug. BOckh za vergleichen ist.
400 EAÜFFMANN
(s. 23), der nach Meyer uins jähr 1000 (!!) gearbeitet ist und unter alten Christus-
symbolen Thor mit hammer und drachen darstelt Ich habe denselben im Stock-
holmer musoum selbst gesehen und kann nur bestätigen, dass die von Hans Hilde-
braud gegeboDO deutung auf den steinhauer, der am taufstein arbeitet, die einzig
mögliche ist, H. Hildebrand, Fränaldre tider s. 24 fg. (Statens Historiska Museum
s. 77). Ich habe nicht die absieht, auch den übrigen „vermummungen ^ die maske
zu lüften. Es bedarf nur des beweises, dass die grund Voraussetzung Meyers, die
heidnischen Germanen könton überhaupt eine kosmogonie gar nicht gehabt haben,
irrig ist. Diesen beweis zu führen, macbt keinerlei Schwierigkeiten. Über den baby-
lonischen Schöpfungsbericht hat sich E. H. Meyer seine eigenen gedanken gemacht,
die um so weniger gegenständ der discussion sein können, als die neuesten auf-
schlüsse der jüngst entzifferten sumerischen tafel einen fachmann zu ganz andci*n
resultaten geführt haben (vgl. Deutsche rundschau 1891, juliheft s. 105 fgg.); und
was den platonischen Timaeus betiift, so ist mit der ganz vereinzelten sogenan-
ten Übereinstimmung, die Meyer s. 107 fgg. darlegt, so lange nichts gewonnen, bis
Meyer den zwergkatalog als gleichzeitig mit den umgebenden partien na(ihgewiesen
und nach den arten der dämonen in gruppen aufgelöst hat — eine Sisyphusarbeit,
die nur in den äugen deijenigen gelingen wird, die mit Meyer glauben, der Völiispa-
dichter könte die von heftiger leidcnschaft ergriffenen weseu des Chalcidius in dem
einen Al|)jöfr zusammengefasst haben (s. 109). Mir fält bei diesen und andern sogenan-
ten Übereinstimmungen die hübsche geschichte von pastor Richardt und Lope de Vcga
ein, die ich bei Joh. Steenstrup, Vore folkeviser fra middelalderen s. 272 fgg. nach-
zulesen bitte.
Den grundirtum der Meyerschen schrift bildet das verurteil, in den eingangs-
Strophen der Vglosp^ sei uns eine kosmogonie überhefert, das wort in dem sinne
genommen, wie wir es z. b. für den mosaischen Schöpfungsbericht zu gebrauchen
pflegen. Meyer kämpft gegen Windmühlen. Schon Wilh. Müller hat darauf hin-
gewiesen, dass die götter im schöpfungsbericht der Scandinavier mehr als ordner
und bildner, denn als eigentliche Schöpfer der naturzustände auftreten. Den göttem
wird kein uibeginn, vielmehr ein begrenzter anfang wie ein begrenztes ende zuge-
messen. Die ewigkeit der materie, die ketzerische philosophenlehre von der priorität
des weltstoffes, welche der mittelalterlichen kirche so viel zu schaffen gemacht hat,
bildet auch den ereten differenzpunkt der christlichen und der heidnisch -gei*manischen
legende. Die germanischen götter haben die geimanische kulturordnung geschaf-
fen, nicht unsern planeten, der vor ihnen gewesen und nach ihnen sein wird. Alles
liegt bogi'iffen in den wollten der VQlva: Bors syner peir es mipgarp mmran scopo.
Die götter sind es, welche die heimflt der menschen wohnlich eingerichtet haben.
Die götter haben weder die riesen noch die zwerge noch die menschen erschaffeo.
V9I. 10 steht klar imd deutlich, von den göttem sei eine art klassenordnung der
zwerge veranlasst worden, und zwar sei Motsogner der oberste, Durenn der zweit-
oberste aller zwerge geworden. Wie ich schon in dieser zeitschr. XXIV, 96 ange-
deutet habe, bin ich ganz mit Meyer einverstanden, wenn auch er die menschen-
schöpfung den zwergen zuweist (s. 1Ö7). Askr und Embla haben die götter bereits,
wenn auch als schwache, hilflose wesen, vorgefunden. Die götter haben am men-
schengeschlecht nach seinen anatomisch -physischen dementen keinen anteil. Ihnen
verdankt der mensch allein, was ihn zum kulturweson gemacht hat: den geist und
die seole mit iliren trieben, die körperliche erscheinung nach form und bewegung der
Organe, dazu das blut. Gerade das lezte ei*scheint für die Germanen besonders
ÜBER KETER, EDDISGHE E08M0G0NIE 401
bedeutsam, wenn man Leist, Gräcoitalische rechtsgeschichte & 76G fgg. vergleicht.
Mit all dem weiss sich Moyer nicht zu helfen (s. 111 fg.), und das ist sehr bezeich-
nend. Die vQlva weiss nichts von der erschaffong der tiere, nichts von der orschaf-
ung der lichtkörper usw. Die natürliche weit des organischen und anorganischen ist
älter als die götter. Das göttergeschenk in die urzeitliche natürliche weit ist die
kultur: die göttor stehen nach germanischer Vorstellung nicht am anfang der Schöp-
fung, sondern am anfang der geschieht e. Man entschliesse sich nur einmal, die
religiöse Überlieferung nicht unter dem bilde eines gewittoi'schauspiels, sondern als
Zeugnisse aus dem Volksleben des altertums zu betrachten — und man wird hier einen
der angelpunkte geimanischer religion erkennen.
Meyer zählt nun aber s. 15 fgg. eine reihe von belegen auf, die seine annähme
bestätigen, dass die Germanen überhaupt nicht reif dazu gewesen seien, eine kosmo-
gonie zu erzeugen. Ich begnüge mich, die reihe dieser belege nur um einen zu
vermehren, der dem belesenen Verfasser nicht hätte entgehen sollen, denn er ist
wichtiger als Babylon und die Ophiten. Er führt uns mitten in das herz Deutsch-
lands. Als nämlich Bonifatius im jähre 719 mit vollmacht von papst Gregor aus-
gestattet die mission in Ostfranken und Hessen eröfnete , wante er sich an den bischof
von AViuchcster, seinen freund Daniel, der ihm schon a. 718 einen geleitsbrief aus-
stelte und der auch im späteren leben dem missionar ein treuer bemter gewesen
ist. Es zeugt für den ungewöhnlichen ernst des verehrungswürdigen mannes, dass
er das bokehrungsgeschäft nicht ohne sorgfaltige Vorbereitung beginnen weite. Er
hat sich von Daniel auskunft erbeten, wie er den praktischen missionsbetrieb werde
einzurichten haben. Auf die anfrage ist bei Bonifatius ein schreiben eingetroffen,
das für beide mäuner ein schönes denkmal acht humaner gesinnung bleiben wird.
Der erfahrene wandorprediger spricht aus jeder zeile dieses bricfes (Jaffo, Monumenta
moguntina s. 71). Er wai*nt den Bonifatius davor, sich zu niediige Vorstellungen
von seinem heidnischen publikum zu machen. Die eiubildungskraft reiche weit genug,
wenn er es unternehmen wolle, den gesichtskreis der beiden von unserer erde auf
das unbegrenzte all zu erweiteiii , und ihr verstand sei scharf und geübt genug, «eine
apologicn zu bekämpfen. Keizc sie nicht, indem du ihre vorstelluugswelt lächerlich
machst; aber bemühe dich in ruhig sachlicher dcbatte ihnen die absurden consequen-
zon ihres glaubens zu gemüte zu führen: guatenus magis confuse quam exasperate
pagani erubescant pro tarn absurdis opinionibus et ne nos latere ipsorum nefa-
rios ritus ac fahulas esttnient. Ich stehe nicht an, diesen brief unter die wert-
volsten denkmäler germanischen heidentums zu rechnen; nicht bloss weil hier einmal
der Vorhang über eine bühne sich lüftet, auf der leibhaftige individuen stehen, noch
mehr weil Daniel seine missionsgrundsätze durch beispiele erläutert hat, und weil hier
einmal ein missionar spricht, der es geradezu verwirft, die heidnische religion ein-
fach zu negieren, vielmehr individuell aus der seele der beiden heraus irtum und
Wahrheit mit einfach logischer conseqiienz sich entwickeln lässt. Den reichhaltigen
brief kann ich hier nicht in seinem ganzen werte behandeln. Meyer konte aus ihm
lernen, wie unhistorisch das bild ist, das er sich von den Gemianen der heidenzeit
gemacht hat, wie irrig es war denselben jede fähigkeit zu kosmogonischer Spekulation
abzusprechen, wie richtig die Y^lospcJ die sogenante Schöpfung nicht auf das weitall
aiLsdehnt, sondern auf unsem planeten einschränkt, und wie lauter sie germanisches
heidentum überliefert, wenn sie von der ungoschalfenen, seit urbcginn vorhandenen
matorio zeugnls gibt. Daniel fordert den Bonifatius ausdrücklich auf: qiiodsi shie
initio seniper exst Hisse rmmduyn rontenderint — qnod viultis refuiare ac co7i'
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXV. 26
402 WÜNDESUCH
vincere doeumeniis aryumentisque stude — tarnen cUtercanies interroga:
quia ante natos deos mundo imperaret? quis regeret? usw. Die fortsetzung der
fragen schliesst schou die tatsache in sich, dass der beide dieselben nicbt ebne
antwort lässt; und wolte man die fragen als ein am grünen tiscb ausgebecktes Schema
betrachten, so widerstritte dem schon die angäbe des briefes: ne nos totere ipso-
rum nefartos ritus ae fahulas estimeni. Schlagende bestätigung für den bericht
der YQlva enthalten die fragen: qtwmodo auteni suo siibdere doniinatui vel sui jtiri^
facere mundum ante se setnper consistentem pottierunt? unde atäem vel a quo vel
quando substitutus aut gentium primus deus vel dea fuerat? Es entspricht völlig
den Intentionen des briefschreibers , dass auf solche weise der missionar sich ganz
an den vorstellungskreis des beiden hingibt, bis er ihn auf dem eigenen gebiete
geschlagen hat. Das theogonische problem bringt den beiden schliesslich in die
schlinge der sohlussfragen: tUrum autem adfiue generare deos deasque alios alias-
que suspieantur? Vel si jam non generant, quando vel cur cessaverunt a concu-
bitu et partu? Si auiem adkuc generant, infinitus jam deorum effectus nume-
rus est,
Meyer erwartet, dass sein buch nur von dem einzig richtigen Standpunkt aus,
nämlich dem historischen beurteilt werde. Ich habe in vorstehendem nur die historie
reden lassen, die Meyer nicht so versäumen solte, wie es in seinen büchem der fall
ist Was Meyer zum Verständnis der Snorreschen comiiilation beigebracht hat, ist
widerom so nützlich, dass ich den wünsch widerhole, er möge nicht länger wasser
in das bodenlose fass giessen und sich begnügen, das theologische quellenmatorial
der Gylfaginning zusammenzutragen. Die arbeit ist notwendig, und man möchte sie
gerne in seiner band wissen. Entschliesst er sich dazu, die composition der Gylfa-
ginning zu zergliedern, dann werden ihm auch ihre heidnischen quellen in anderem
lichte erscheinen.
MARBURQ I. H., DEOEMBEH 1891. FRIKDRICH KAUFFHANN.
Diu Wärheit, eine reimpredigt aus dem 11. Jahrhundert. Von £• Weede.
•
Kieler diss. 65 s. Leipzig, G. Fock. 1891. 2 m.
„Textbearbeitung nebst darstellung der spräche und verskunst*^ ist die auf-
gäbe, die sich der Verfasser vorgezeichnet hat, und er lässt dem gemäss wie in einem
kleinen ausschnitte die verschiedenen gebiete unsei*er Wissenschaft an uns vorüber-
ziehen. Solche mannigfaltigkeit wird leicht auch die leistungen etwas beeinflussen,
vor allem wenn ein so vielumstrittoues gebiet wie die metrik nur neben andern zur
darstellung komt. Freilich Weede lässt die verskunst, die er festgestelt hat, grund-
legend auch auf die textbearbeitung zurückwirken, womit sich seine Stellung in die-
sen fragen sofort kon zeichnet. Er sagt selbst (einleitung s. 8): „Mit grösserer freiheit
bin ich verfahren, wo es sich darum handelte, die zwei verse eines reimpaares auf
die gleiche hcbungszahl zu bringen; in solchen fällen habe ich öfters eine ent-
behrliche Partikel oder eine überflüssige adverbiale bestimm ung als mutmass-
lichen Schreiberzusatz gestrichen. Die berechtigung solcher änderungen glaube ich
kapitel Y nachgewiesen zu haben '^a In diesem kapitel geht der Verfasser jedoch
zunächst von der Voraussetzung aus: „wir dürfen dem dichter nicht zutrauen, dass
er vei-se von ungleicher hcbungszahl zu reimen verband ^ (s. 47) und stieicht dann
ÜBKR WKEDfi, WARHJEIT 403
je Dach bedürfnis nicht nur adverbia wie vil (v. 04. 80)*; tcol (G9), sondern auch
Possessivpronomina wie mhie in mtne vil liebe (v. 27), das doch in v. 126 unbean-
standet blieb; ähnlich iuwer in 69. Auch inhaltsvollere werte werden gestrichen,
wie in 75 (chur%en %iten)\ der parallelismus wird aufgehoben in 68 (für äne wur-
xen unde äne saf ähnlich 27), der sinn verändert in 49. Vor allem fehlen ver-
suche, zu erklären, inwiefern die Schreiber zu einschaltungen kommen konten; z. b.
wäre in einer stelle wie 182 des stUen st die not liden die auslassung des pronomeus
durch einen Schreiber viel leichter erklärlich, als umgekehrt der einschub. In vers
122. 123 tut die Umstellung bei Woede der syntax gewalt an. Wo nun aber die
Streichungen nicht ausreichten, teilt Woede in zwei verse ab, obwol er hier gegen
die reimtechnik verstösst und gegen die verstrennungspunkte, die uns die Schreiber
ziemlich genau erhalten haben. Und doch ist ihm ja nicht entgangen, dass namentlich
zur markierung von abschnitten längere vei'se beliebt sind (s. 48). Ausserdem ist
bei den jüngeren Schreibern hier ein bestreben ersichtlich, überlange verse des Origi-
nals auf kosten der reimtechnik zu kürzen (vergleiche die falschen trennungspunkte
in 90. 91); also scheint es schon hieraus unrichtig, die überlangen verse den Schrei-
bern zuzuweisen. Und verse, wie sie Weode mit 38 Wide leides ansezt, scheinen
noch bedenklicher als die überlangen.
. Nach dieser seite hin möchte ich also die textgestaltung bei Weede nicht unbe-
dingt als fortschritt gegen die ausgäbe von Waag (Kleinere gedieh to des XL
und XII. Jahrhunderts. Halle, Niemeyer. 1890. S. 125 fgg.) ansehen, vor deren
erscheinen Weede anscheinend seine arbeit schon abgeschlossen hatte. Dagegen zeigt
sich nach der philologischen seite Weede entschieden im vorteil. Schon die tren-
nung und Umstellung in 18. 19 muss einleuchten, während bei 37. 38 wol noch
nicht alles in Ordnung ist. Glücklich ist die Icsung touiide in 112, wogegen in 114
wol besser mit Kraus (A. f. d. a. XVII, s. 29) xiuJiet üx, einzusetzen wäre. Die
lesungon lieben (27), triuivun (103), ewarte (111), missetröstan (146), winde (165)
haben jodosfals das für sich, dass sie — ohne grammatikalische bedenken zu erre-
gen — die i*eimtechnik heben. Wenn sie also auch nicht gerade bindend sein kön-
nen,^ so befriedigen sie wenigstens die fordorung, dass eine textbearbeitung auch
etwas von einer arbeit an sich trage.
Die anmerkungen Weodes zu seinem texte vei'dienen von den verschiedensten
gesichtspunkten aus lob. Dass wir freilich solche, wie die zu v. 49. 75 beanstan-
den, erklärt sich aus dem oben gesagten. Die ausführungen über die spräche und
über den vors bau dos gedichtes (abschnitt IV und V) machen den eindruck von
gi-ündlichkeit mid zeigen boobachtungsgabe. Die druckfehler hat der Verfasser selbst
sorgsam berichtigt.
HEIDELBERG, MAI 1892. U. WUNDEBLICH.
Prothese und aphaorese des h im althochdeutschen. Von Uermann Garke»
(Quellen und forschungon 09.) X und 127 s. Sti-assburg, Tiübnor. 1891. 3 m.
„Orthographische uugenauigkeiten '* werden die erscheinungen gerne genant,
die Oarke zu eingehender Untersuchung heitinzieht; und von diesem gesichtspunkte
aus wird zur erkläruug gewölmlich auf das romanische zurückgegriffen, das ja auf
1) In 24 Oevü vü wol ist das vil mit recht als vorschreihung aafgofasst.
2G*
404 WÜNDERUCH, ÜBEB QAREE, PROTHKSB UND APHÄRESB DES h
die schriftliche fixierung unserer spräche so entscheidenden einlluss ausgeübt hat.
Wie im romanischen prothese und aphärese hand in hand gehen als verschiedenartige
zeugen desselben lautvorganges, nämlich der Unsicherheit im vokaleinsatze, so hat
man beide auch für das deutsche aus einer wurzel abgeleitet. Garke stelt sich dem
gegenüber zunächst rein auf deutschon boden; auf diesem sondergebiet löst sich ihm
auch die prothese völlig ab von der aphärese, und er gelangt dazu, dem prothe-
tischen h den Charakter eines volwertigon selbständigen lautes zu sichern, der am
einzelnen werte haftet; wahi'end die aphärese den wechselfällen des satz- und
Wortzusammenhanges unterliegt, der am einzelnen werte das anlautende h nicht
immer zur geltung kommen lässt.
Garke hat also prothese und aphäi'ese ganz und gar auf das phonetische gebiet
verlegt, während beiden bei Braune (Ahd. gi*amm. § 152, 1 und § 153, anm. 2) nur
graphische existenz zugestanden wird^ Diese ist freilich auch für Garke der aus-
gangspunkt, und er hat ihr durch sorgfältige Statistik eine so breite gi'undlage geschaf-
fen, dass er für die prothese 900 belege ins treffen führen kann — eine zahl, die
jene erscheinung über die blosse „ungenauigkeit*^ hinaushebt, auch weim mit Stein-
meyer DLZ. XIII, s. 755 einige belege gestrichen werden müssen. Die stofliche
beschränkung, die in dem thema liegt, wird erfreulich ergänzt durch die volle
beherschuug des eng begrenzten raumes, und aus dieser Verbindung keimen hüb-
sche ergebnisse auf. Es gelang, die räumliche Verbreitung der prothese abzugren-
zen (s. 30), in dem alle dialektisch volkommen gesichci*ten fälle dem westdeut-
schen gebiete angehören, während die b airischen denkmälcr die prothese nur in
spuren fremder dialekte zeigen. Ausserdem ergab sich für die prothese selbst als
mitbestimmender factor der dem vokale folgende konsonant, indem spirantische und
sonore laute in erster linie beteiligt sind (s. 11); und endlich haftet die erscheinung
am werte selbst und von ihm ausgehend auch an gewissen durch die bedeutug zusam-
mengehaltenen gruppen (s. 21).
Dieser feststellung von tatsachen hat der Verfasser nun auch noch den ver-
such einer erklärung zur seite gcstelt, wobei er sich an ein Hamburger programni
von A. Faul anschliesst Mit der lockerung, dem leisenK'erden des vokalischcn
anlautes im Satzzusammenhang soll sich die entwicklung eines leisen hauches ver-
binden, ähnlich wie sich der lateinisch - romanische Spiritus lenis entwickelte, wie
sich auch im silbenanlaute im wortinnem der verba pura ähnliches volzog. An die-
ser entwicklung hatten , wie schon hervorgehoben , die folgekonsonanten ihi'en bestirn-
ten anteil, und der Charakter des leisen hauches wurde dann durch die analogie des
h zum volwertigon hauchlaute verschärft. Ob dieser erklärungsgrund das richtige trift,
kann wol erst nach umfassenden phonetischen Untersuchungen festgestelt werden;
nameuÜich dürfte eine beobachtung des heutigen bairischen vokaleinsatzes im gegcn-
satze zum westdeutschen hier wol nicht umgangen werden.
Die aphärese ist knapper behandelt woi-don, als die prothese; für sie sind
auch einzelne fälle zugestanden worden, in denen „individuelle fehlerhafte ausspräche"
vorliege, die keinen anspruch erheben könne „in das gesamtbild der deutschen
Sprache aufgenommen zu werden *' (s. 45). Vielleicht gilt ein ähnlicher erklärungs-
grund auch für die vereinzelte prothese einiger denkmäler, die Garke dem bairischen
dialekte abgesprochen hat, vgl. Braune im Litt, centralblatt 1892 (s. 650).
1) Wirklichon laatwort teilt Braano einom anderen h zn, «las sich anlautend zwischen zwei
vokalen entwickelt (§ 152 b); Garke spricht aber diesem h za<^animonhang mit der prothese ab (s. 9).
F. VOOT, ÜBEB LIOHTENBEROKB, NIBELUNGEN 405
Die darstelluDg ist klar, die spräche flüssig. Die belegsteilen sind Doch den
denkmälern (s. 49 fgg.) und nach begnfiichen gmppen (s. 83 fgg.) geordnet, wobei
sehr dankenswert ist, dass das pronomen der 3. person^ und worte wie huwo and
ekfant für sich betrachtet werden (s. 110 fgg.)- Auch jüngere prothese und aphärese
(s. 122 fg.) werden aufgeführt, soweit ihnen keine ahd. parallelen zui' seite stehen.
Systematische volständigkeit konte hier natürlich nicht erzielt werden. Das Verzeich-
nis auf Seite 15 fgg. nimt ergebnisse desjenigen auf seite 83 fgg. vorweg, ohne damit
viel nutzen zu stiften. Namentlich die eini*eihung von begriffen wie glatxe, atinn
ohne beifügung eines für prothese empfanglichen lautbildos muss den leser eher ver-
wirren als aufklären. — Die Schlusszeilen auf seite 19 über die beiden Schreiber der
Heliandstellen (102 imd 4144) haben das tatsächliche Verhältnis gerade umgekehrt;
sonst sind mir keine derartigen Verstösse aufgefallen.
HSmELBERO, FEBR. 1892. H. WUNDERLICH.
Le poeme et la legende des Nibelungen par H. Uehtenbergrer, docteur es
lettres, maitre de Conferences ä la faculto des lettres de Nancy. Paiis, Hachetto.
1891, 442 s. Preis?
Es ist ein zeichen für den pai'teigeist, der die deutsche Nibelungenfoi*schung
beherscht oder beherschte, dass uns noch bis heute eine einleitung in unser grosses
nationalepos fehlt, welche mit ruhigem, rein sachlichem urteil die verschiedenen
hypothescn über dasselbe klarlegte und auf grund selbständiger und unbefangener
prüfung und forschung die einschlägigen fragen erörterte und förderte. Ein franzö-
sisches werk ist es, welches unter obenstehendem titel zuerst wenigstens einen
wesentlichen teil dieser aufgäbe löst. Der Verfasser gibt zunächst eine Übersicht über
den inhalt des gedichtes, indem er zugleich auf dessen ungleichmässigkeitcn wesent-
lich im anschluss an Lachmanns kritik aufmerksam macht. Er stelt sodann in kur-
zen zügen Lachmanns, Müllenhoffs, Holtzmanns und Bartschs hypothese dar, wobei
er Holtzmanns aufstellungen und die Vermutungen über des Künibergers beziehungen
zum Nibelungenlied als völlig haltlos von der weiteren Untersuchung ausscheidet; auf
ein ui*teil über die grössere urspiünglichkeit von A oder B verzichtet er von vorn-
herein ebenso wie auf jede orörteiimg des rein formalen; den gegenständ seiner Unter-
suchung soll ausschliesslich einerseits der stoff, andererseits der anschauungskreis
der dichtung bilden; bei beiden sind aber ältere und jüngere demente von einander
zu sondern, und so greifen diese Studien überall in die fi-age nach der entstehungs-
und entwickeluugsgeschichte des Nibelungenliedes ein. Sie sind geeignet zur entschei-
dung darüber beizutragen, inwieweit es ein individuelles werk, in wieweit es das
natürliche erzeugnis der vereinigten tätigkeit österreichischer spielleute ist, und ob
sich dem entsprechend die wage mehr zu Lachmanns oder zu Bartschs gunsten neigt.
So werden denn nun weiter nach einem überblick über die quellen die historischen
bestandteile und der Ursprung der sage kui'z erörtert, sodann die einzelnen teile der-
selben ausführlich in der weise behandelt, dass die verschiedenen berichte verglichen,
die älteste form und deren umwandelungen festgestelt, insbesondere die darstellung
des Nibelungenliedes auf ihre grössere oder geringere ursprünglichkeit, auch auf das
über- oder nebeneinanderliegen von schichten vei*schiedenen alters untersucht wird.
1) Garke leitet diese pronominalfonnen mit h nicht von einem entsprechenden stamme ab, son-
dern erklärt sie dozch prothese. #
406 P. VOGT
Dor Verfasser komt zu dem resultat, dass unserem opos wirklich einzelne lieder zu
grande liegen, um die sich nach und nach jüngere bestandteilo ansezten, so jedoch,
dass alle stücke immer die glieder einer grossen kette bildeten und jedem neu hin-
zutretenden von vornherein sein bestimter platz zukam. Man kann seiner meinung
nach zugeben, dass sich der inhalt eines Lachmannschen und der eines alten licdes
vielfach deckt. Es hat sicher lieder von Siegfrieds ankunft in "Worms (I), von Brün-
hild (IV und V), von Siegfrieds tod (VIII) gegeben, und es ist äusserst wahrschein-
lich, dass sie in den entsprechenden abschnitten des Nibelungenliedes mehr oder
weniger getreu widergegeben sind; ähnliches gilt für den zweiten hauptteil des opos.
Aber darum besitzen wir noch nicht die alten originallieder. Welche Veränderungen
die dichtungen in den bänden der spielleute erfuhren, können wir an anderen epen
sehen. Die einzehien teile des Nibelungenliedes stimmen im stile doch immer viel
mehr überein als irgendwelche selbständigen volksepen. Vor allem setzen die offen-
bar älteren stücke unserer dichtung vielfach die jüngeren voraus oder bereiten sie vor.
Alles das spricht dafür, dass wir das ganze nur in einer durch verschiedene bände
nicht allein erweiterten, sondern auch überarbeiteten gestalt besitzen. Die ursprüng-
liche form dor lieder, auf denen es aufgebaut ist, wird sich daher nicht mehr her-
stellen lassen.
Es folgen einige kapitel, welche die auf den könig, den holden, das weib
bezüglichen anschauungen , sitten und poetischen motive des Nibelungenliedes dar-
stellen. Unter vergleichung der altgermanischen Verhältnisse nach Tacitus und der
behandlung der entsprechenden dinge in der spielmannspoesie und in der höfischen
dichtung wird auch diese Seite imseres epos entwickelungsgoschichtlich beleuchtet
Eine kurze Übersicht über die geschichte der Nibelungensage und -dichtung, wie sie
sich nach allem vorangegangenen darstelt, bildet den schluss. Anhangsweise ist noch
eine recht zweckmässige Übersicht über die quellen der sage, eine Zusammenstellung
der Zeugnisse über sie und ein gut ausgewähltes Verzeichnis der wichtigsten littera-
tui- beigegeben.
Der Verfasser behei-scht seinen gegenständ durchaus; er ist auch in der neue-
ston foi-schung volständig bewandert, und in dem streite der meinungcn trift er mit
klarem und besonnenem urteil seine entscheidung. Bei seiner Stellung zur liedcr-
theorie weiss er sich im einklang mit anschauungen, die neuerdings verschiedene
germanisten unabhängig von einander kundgegeben haben (s. 324 amn.). Da auch die
von mir im Grundriss der germ. philologio ausgesprochenen dazu gehören , so brauche
ich nicht auch meinerseits noch hervorzuheben, dass ich im prinzip mit dem Verfas-
ser zusammentreffe. Doch nehme ich sowol für den als älteste grundlage vorauszu-
setzenden liedercyklus als auch für gewisse elomente der bearbeitung mehr plan und
Zusammenhang an. Die gründe dafür auseinanderzusetzen und des weiteren auf alle
einzelheiten einzugehen, bei denen ich in dieser frage mit dem Verfasser nicht über-
einstimme, muss ich mir hier versagen. Er erhebt ja auch keineswegs den anspruch,
diese dinge irgend erechöpfend behandelt zu haben. Aber schärfer hätte er seine
Stellung zu Lachmanns anschauungen doch wol unter allen umständen bestimmen
können, sowol wo er mit ihnen übereinstimt als wo er von ihnen abweicht.
Dass er sich nicht einmal für die priorität von A oder B entscheidet, hat
allerdings tatsächlich weniger zu bedeuten, als man meinen könte. Bei seinen eror-
terungen folgt er doch Lachmanns ausgäbe, und sie würden wol nirgend anders aus-
gefallen sein, wenn er sich zu A bekant hätte. Wamm er das nicht getan hat,
gestehe ich nicht recht einzusehen. Da ihm z. l^ der unterschied der str. 13 fg^.
ÜBKR LIOHTENBIROER, NIBILTTNOICN 407
vom voTfaergehenden volständig klar ist und er auch hier nach A übersezt (s. 9), so
hat er doch auch sicherlich die überzeuguDg, dass A mit dem selbständigen anfang
der str. 13 ^ troumde Kriemhilie usw. gegen BC, wo die Verbindung mit der ein-
leitung hergestelt ist (In disen hohen eren usw.), das ursprüngliche bietet
Mehr bedeutung hat es, dass der Verfasser sich andrerseits doch hie und da
stärker unter dem banne der Lachmanschen kritik befindet, als es eigentlich seinen
grundanschauungen entspricht; so wenn er gelegentlich die von Lachmann ausgeschie-
denen Strophen an bedeutender stelle stilschweigend bei seite lässi Das geschieht
z. b. bei str. 1528. Es liest sich ja recht schön, wenn er mit forÜassnng derselben
die mitteilung Hagens über die prophezeiung der meeijungfrauen und die Schilderung
ihrer Wirkung folgendermassen berichtet: il leur rephte la pridieWon des ondines,
„Je vats vons annoneer de terribles üouvelles: naus ne reviendrons jamaia au
pays des Burgondes (1527) Et ees nauvelles voUrent de rang en rang et les
heros rapides pcUtrent usw.*^ (1530). Aber: 1. sagt Hagen str. 1527 auch noch nu
enthalt iueh, ritter unde kneht. man sol vriunden volgen: ja dunket ez mich reht.
Er lässt also die schon in marsch befindlichen halt machen, weil er ihnen einen rat
geben will, den sie befolgen sollen. Dieser itit aber wird einzig und allein in
str. 1528 orteilt: nu rät ich wax man tue: dax ir iueh wäfent, helde. ir suU iuch
tcol betcam: wir haben hie starke rinde; dax wir gewerliehen vam. Streicht man
diese Strophe und bezieht man die eindringliche mahnung Hagens ihm zu folgen nur
auf die aufforderung zum halt machen, so muss man denken, er wolle das beer von
der Weiterreise abhalten. 2. Widerum nur in str. 1528 sagt Hagen, dass er seine
Prophezeiung von den meerweibem habe. Diese berufung auf die göttlichen firauen
ist aber ganz unerlässlich , wenn seine werte einen so gewaltigen eindruck hervorrufen
sollen. Nach str. 1452 hat ihm niemand glauben geschenkt, als er von der reise
abriet (von der darstellung im XIII. liede ganz zu schweigen); und jezt soll seine
ohne jede gewähr vorgebrachte behauptung, dass keiner von der reise heimkehren
werde, das ganze beer erbleichen machen, ohne dass irgend jemand fragt, wie er zu
dioser meinung komme! Str. 1528 ist also ganz unentbehrlich. Damit ist aber erwie-
sen, dass die erzählung vom kämpfe mit Else imd Gelpfrat, mag man nun über ihr
alter denken wie man will , jedesfals an dieser einen stelle mit Lachmanns XIV. liede
unauflöslich verknüpft ist. — In anderen fällen sind derartige Verbindungen der nach
Lachmann älteren und jüngeren teile dem Verfasser nicht entgangen. So bemerkt er
mit vollem rechte bezüglich des YIII. liedcs, welches ja als ein rechtes paradestück
von den anhängem der Lachmann -Müllenhoffschen hypotheso vorgeführt zu werden
pflegt, in den vei^sen 921, 4 er sach nach einem bilde an des küenen gewant und
922, 2 er schox in durch dax eriuxe scheine ihm die anspielung auf das VH. lied so
evident wie nur möglich. Er hätte aber, da hier von einer ausscheidbaren interpo-
lation nicht die rede sein kann, ohne jede einschränkung den schluss daraus ziehen
können, dass ein selbständiges VIII. lied nicht mehr hergestelt werden kann, dass
wir es nur in einer fassung besitzen, in der es mit dem (jüngeren) siebenten
auf das engste verbunden ist Es scheint mir noch nicht bostimt genug, wenn
der Verfasser dazu nur bemerkt, die ablohnung der möglich koit, dass die alten
lieder überarbeitet seien, führe zu sehr unwahrscheinlichen hypothesen, und man
würde hier z. b. annehmen müssen, dass der urheber des VIII. liedes ein dem VH.
entsprechendes aber älteres gekaut haben müste. Es handelt sich nicht allein darum,
woher er den zug kent, sondern auch darum, wie er ihn erzählt Er konte ihn so
wio es hier geschieht nur berühren, wenn vorher der nötige aufschluss über das zei-
408 F. VOÖT
eben auf Siegfrieds kloid gegeben wai*. Sonst müsto man ibm ein ungescbick in der
erzäblung zuschreiben, wie es den schlimsten der vielgctadelten interpolatorensünden
würdig zur seile zu setzen sein wüixlo. Denn es handelt sich ja hier durchaus nicht
um ein sagenmotiv, welches ein dichter als albekant und selbstverständlich voraus-
setzen konte; vielmehr um einen zug, von dem keiner der anderweitigen berichte
von Siegfrieds ermordung auch nur das geringste weiss. Wer also eine ältere grond-
lage des YU. liedes voraussetzen wolte, müste schon annehmen, dass der Verfasser des
VIII. diese nicht nur gekaut, sondern dass er sein lied auch im anschluss an sie gedich-
tet hätte, damit es nur mit ihr zusammen vorgetragen würde. Um die Selbständig-
keit des YlII. liedes würde es also dann ebensowol geschehen sein, und die ganze
annähme würde keinen schritt weiter führen. — In andern fällen würde den verÜEis-
ser gewiss schon ein eingehen auf die einzelheiten von Lachmanns textherstellung zu
einer noch entschiedeneren ablehnung der alten liedertheorie gebracht haben, doch
lag ja das seinem progranmi fem. Ich will daher auch meinerseits nur noch auf
einige litterarhistorische und sagengeschichtliche punkte eingehen.
Bezüglich des Eürnberges bemerkt der Verfasser s. 56, dass man über alles
was ihn betrift est aitive au sceptieisme le plus cmnpht. Ich glaube, dass bei den
vielbesprochenen, vom Verfasser auf s. 55 fg. behandelten Strophen MF 8, 1 und
9, 29 vor allem folgendes zu erwägen ist. Wir müssen uns zunächst unter allen
umständen gegenwärtig halten, dass wir es hier nicht mit den bei einer bestimten
Situation gesprochenen woiien, sondern mit einem gedichte zu tun haben. Auch wenn
wir uns mit Steinmeyer A. f. d. a. 14, 122 fg. die strophe 8, 1 an den boten gerichtet
denken, können wir doch unmöglich annehmen, dass sie von der frau diesem wirk-
lich so zugesungen sei. Oder sollen wir glauben, dass sie dem boten ihren befehl
in poetisch musikalischer form vorgetragen habe, dass dieser ihn dann dem ritter,
dem der auftrag galt, wider vorgesungen und dass MF 9, 29 der ritter alsbald in
derselben vers- und strophenform seinen waffenknecht mit dem befehl angesungen
habe, ihm ross und harnisch zu bringen, damit er sich vor der alzu liebebedürftigen
landesherrin rette? Und das alles wäre uns dann urkundlich getreu überliefert?
Denkt man sich aber die erste strophe etwa als eine von der frouwe dem ritter
schriftlich zugestelte poetische liebesbotschaft, so weiss ich, von andern Schwierig-
keiten abgesehen, nicht, wie str. 9, 29, für die man dann doch zweifellos mit dem-
selben rechte eine wirkliche Situation voraussetzen muss, als antwort auf den liebos-
brief in versen erklärt worden soll; und in jedem falle fohlt mir das Verständnis
dafür, wie überhaupt ein weib, und noch dazu eine landesherrin, sich in wiiklichkeit
mit einer so begehrlichen und so kategorischen liebeserklärung, mit einem liebes-
befehl bei strafe der landes Verweisung, einem ihr unbekanten ritter offen an den hals
wei'fcn könte. Die auffassung, welche Steinmeyer für die wahrscheinlichere erklärt,
dass str. 8, 1 überhaupt nicht von einer frau, sondern von dem dichter der dazu
gehörigen str. 9, 35 verfasst sei, ist also doch wol die einzig gegebene. Dann kön-
nen wir natürlich gar nicht wissen, ob und in wie weit diese strophe an irgend ein
erlebnis des dichters anknüpfen mag; aber sicher wissen wir, dass die rede der dame
fingieii;, dass die ganze poetische gcstaltung der Situation des dichters eigentum ist
Zu welchem zwecke kann er nun unter diesen umständen in diesem liedchen den
Kürenberc genant haben? Das singen gerade der Eürenberges vnse lediglich
als Signalement für den aufzusuchenden sängor anzugeben, würde meines orachteos
recht pedantisch und darum auch unpoetisch sein, wenn die bosonderheit dieses
Signalements an sich gai' kein interesso und keinen wert hätte, ebensogut durch ein
ÜBER UCHTENBKBOKB, NIBKLUNQEN 409
anderes , besonders kenzcichoii'^ oi'sezt werden könte. Wo sonst in einem liede ein
dichtemame genant wird, da handelt es sich stets uni irgend eine besondere bezie-
hung zwischen dem Verfasser und jenem anderen dichter, und irgend eine besondere
absieht komt in betracht, sei es auszeichnung, sei es herabsetzong des genanten oder
dergleichen. Wenn nun hier Eürenberc als Verfasser der weise genant wird, deren
gosang einen so überwältigenden eindruck auf die dame macht, so bedeufet das
für ihn als dichter zweifellos ein ganz besonderes lob. Soll der Verfasser des liedes
dies einem kunstgenossen gezolt haben? Wenn er selbst unter dem sänger verstan-
den sein will, durch dessen lied die frouwe sich so hinreissen lässt, so würde diese
Schmeichelei gegen den kunstgenossen eine starke beeinträchtigung der eigenen kunst-
leistong enthalten; und eine solche würde doch hier durchaus nicht am platze sein,
wo der dichter nur die ausserordentliche Wirkung, die gerade er mit seinem gesange
erzielt hat, zur geltung bringen will; sie würde überdies einem so selbstbewusten,
von seiner unwiderstehlichkeit so durchdrungenen dichter, wie er sich sonst in die-
sem liede zeigt, durchaus nicht anstehen. Soll aber unter dem sänger in 8, 1 (und
damit natürlich auch unter dem in 9, 29 redenden) nicht der dichter, sondern eine
unbestimte persönlichkeit gemeint sein, ist also das ganze rein episch oder dramatisch,
nicht lyrisch gedacht, so gewint voUens die in diesem falle einzige beziehung auf eine
bestirnte person, welche durch die nennung des Eürenberc erfolgt, ein ganz beson-
deres interesse, und es wird nicht auch hier noch irgend ein dritter darunter zu ver-
stehen sein. In beiden föllon ist es durchaus das natürliche anzunehmen, die weise,
deren gesang der dichter solche wunder tun lässt, sei seine eigene. Jede andere
auslegung nimt meines erachtens dem liedchen ebensowol seine pointe, wie das bei-
spielsweise bei dem liede MSH I, 151 fgg. (Minor, Ulrich v. Wintcrstetten s. 21)
geschehen würde, wenn man behaupten wolte, der Schenk, dessen lieder da nach
den reden der muttor imd der tochter eine so grosse und so verführerische Wirkung
haben, sei nicht der dichter dieses liedes, es sei nur von dem samler unter seinen
nanien gebracht, weil dieser darin genant sei. Von den beiden möglichkeiten , die
ich botrefs der persönlichkeit des in unserem liede eingeführten sängers andeutete,
ist mir die annähme, der dichter wolle sich mit ihm identificieren , entschieden die
wahrscheinlichste. Das motte, welches er zum schluss für sein ganzes minnewerben
aufstelt: icip unde vederspil diu werdefit Itkte xam, stcer si xe rehte lucket so
suochent si den man gilt auch für dies kecke licdchcn, nach welchem selbst die
horrin eines landes den unwiderstehlichen sänger succhet und er sie dann obendrein
noch ablaufen lässt. Die verhüllende art, in der er, der Kürenberc selbst, sich hier
bezeichnen lässt, entspiicht dem gebrauche, den er beobachtet, wenn er mit dem
ein schoene ritter 10, 21 sich selbst meint, wenn er die frouwe, die sich selbst mit
dem geliebten zusammenwünscht, rufen lässt got sende si xcsamenc die gerne geliehe
wellen sin, und wenn er derjenigen, die sich nach dem manne sehnt, die worte in
den mund legt: was ich wünsche ist den Hüten gel ich, — Für irgend eine der unter
seinem namen überlicfei-tcn Strophen eine frau als Verfasserin anzunehmen, liegt kein
grund vor, da wir einmal wissen, dass schon die ältesten lyriker frauen i-edend ein-
führen. Gerade das als besonders weiblich zsni. gelobte liedchen stcentie ich stän
aleine in mineni hemede 8, 17 gibt ein bild von der geliebten, wie es sich nur die
Phantasie des liebenden ausmalt: dass ihre „färbe erblüht wie die rose am dom-
strauch^ bezeichnet das erröten so wie es ein anderer anschaut, nicht so wie man es
selbst empfindet; sie könte nur etwa sagen: ich fühle, wie mir das blut in die Wan-
gen steigt; sonst würde sie die öusserung ihrer gemütsbewcgung gewissennassen im
410 F. VOGT
Spiegel beobachten, und das wäre mindestens nicht naiv. Ich sehe also keine ver-
anlassung, weshalb wir an der richtigkeit der handsohrifüiclien Überlieferung zweifeln
selten, nach welcher diese unter allen umständen in ritterlichem kreise entstandenen
lieder demselben ritterlichen dichter zuzuschreiben sind. Sein name von Eürenborc
ist in der zeit, in der gegend und in dem stände, in welche wir den Verfasser aus
verschiedenen gründen ohnehin werden setzen müssen, urkundlich nachgewiesen; dass
ein Kürenberc lieder gedichtet hat, geht aus 8, 5 zweifellos hervor; dass er die vor-
liegenden lieder verfasste, wird durch ebendiese stelle nach der vorgeh-agenen aus-
legung nicht widerlegt, sondern bestätigt. Die form der lieder 7, 19 — 10, 24 findet
sich sonst in keinem lyrischen gedichte; sie taucht erst wider im Nibelungenliede und in
späteren epen auf. Daraus schliossen zu wollen , dass der Kürenberc auch das Nibe-
lungenlied gedichtet habe, ist schon deshalb unberechtigt, weil die grundvoraussetzung
dieser annähme, dass kein dichter eines anderen weise entlehnen durfte, nicht durch-
aus zutrift, und weil wir vollens über das Verhältnis der epischen zu den lyrischen
formen in dieser beziehung nichts wissen. Vor allem aber liesse sich niemals fest-
stellen, was denn der Eürenberger an dem Nibelungenliede gedichtet haben solto, da
ja die vorliegende fassimg für ihn gar nicht in betracht kommen kann, bis zu ihrem
Zustandekommen aber verschiedene bände an dem epos tätig gewesen sind. Mit
rocht misst daher auch Lichtenberger dieser hypothese keine bedeutung bei; doch
ii*t er, wenn er s. 57 meint, dass nach der algemeinen ansieht der Eürenberger schon
vor 1150 gelebt habe.
S. 79 bemerkt der Verfasser gewiss mit recht, dass die hj'pothese von der
widergoburt des deutschen volksepos in den Rheinlanden und dessen belobung durch
die nordfranzösischen chansons de geste unzulänglich begründet scheine; aber die
dem Verfasser zusagende ansieht, dass dieselben doch den rheinischen spielleuten eine
grosse anzahl epischer formein geliefert hätten (vgl. auch s. 327), ruht doch, vor-
läufig wenigstens, durchaus nicht auf besserer grundlage. £s wäre gewiss ein dankens-
wertes unternehmen, den stil der französischen und den der deutschen volksepik ein-
gehender zu vergleichen, als es bisher geschehen ist. An bisher nicht bemerkten Über-
einstimmungen würde es wol nicht fehlen; nur müste man nicht alles gleich aufent-
lehnung zurückführen. Gleiche Ursachen können auch in der poesie unabhängig von
einander gleiche Wirkungen haben, und andererseits darf nicht ausser acht gelassen
werden, dass das altfranzösische volksepos, mag man auch seine germanischen
elemente nicht so hoch ansehlagen wie Rajna, jedesfals nicht in der keltischen oder
lateinischen, sondern in der germanischen schiebt des französischen Volkstums wur-
zelt Für verwantschaft und entlehnung von motiven sind auch Heinzeis Zusammen-
stellungen in den Wiener Sitzungsberichten 119, 78 fg. zu beachten.
Auf s. 87 und 434 pflichtet der Verfasser MüUenhoff in der annähme bei,
daraus, dass seit dem 8. Jahrhundert Nibelung als personenname vorkomme, gehe
hervor, dass damals das wort schon seine eigentliche bedeutung verloren hatte, da
kein vater seinen söhn einen demon infernal genant haben würde; während der Ver-
fasser doch ebenda bezweifelt, ob Nibelung jemals demon infernal oder esprit de
tentbrcs bezeichnet habe. Sicher ist in der tat nur der Zusammenhang dos namens
mit nehel; dass dieser nicht mehr empfunden sein könte, als man Nibelung als per-
sonennamen gebrauchte, möchte ich nicht behaupten; auch die mythische beziehung
braucht man dabei nicht vergessen zu haben, so wenig wie bei der wähl der namen
Alf oder Alberich. "Weder die horkunft ihres namens noch ihr gegensatz zu dem
liclitheros nötigt etwas andei^^ als nebelgeistcr, die zugleich auch als dunkelgeister
ÜBKR UCHTENBKROER, NIBELUNGEN 411
gedacht sein werden, in Uinen zu sehen. Es ist sicherlich nicht zufällig, dass sich
in ihrem besitze die ansichtbar machende tamkappe befindet: zu den Nibelungen
gehört auch von vomhorein die nebelkappe. Den zweifei, den der Verfasser s. 98
und 157 an der ursprünglichkeit dieses zuges äussert, weil der zaubermantel alzusehr
an die feenmärchen erinnere, kann ich daher nicht teilen. Bemerkenswert bleibt
auch, dass im Siegfriedsliede der held durch dichte fiusternis dorthin gelangt,
wo er nachher den schätz der söhne Niblings findet; und im Walberan, wo die
unsichtbaikeit des ganzen zwergenheeres zwar erwähnt wird, aber ohne bedeutung
bleibt, auch nicht festgehalten wird, ist gerade Nibelung der ftihrer einer schar, bei
der allein jene eigenschaft wirklich zu praktischer geltung komt, indem sie, von kei-
nem menschen gesehen, schiffe entführt (Walberan 139 fg., vgl. Nibelunge 451/2).
Der Nibelung Eugel reitet im Siegfiiedliede auf einem kohlschwarzen pferde und ist
mit der nebelkappe ausgestattet ebenso wie der Nibelungenmann Alberich im Nibe-
lungenliede; Alberichs unsichtbarkoit spielt auch im Ortnit bekantlich eine grosse
rolle; denselben streich wie Nibelung im Walberan führt er Ortn. 291 fg. aus. Dass
aber nun auch bei der gewinnung der Brünhild die anwendung der tamkappe ursprüng-
licher sein müste als der gestaltentausch, folgt natürlich aus dem allen noch nicht.
Auf die schwierige frage, wie die burgundischen könige in der sage zu Nibelungen
wurden, weiss auch der Verfasser keine antwort, die ihn befriedigte. Die Lachmann-
sche hypothese, dass es neben dem historischen ursprünglich auch einen mythischen
Günther gegeben habe, dünkt ihn immerhin am wenigsten unwahrscheinlich (s 83).
Aber diese annähme stüzt sich doch schliesslich auf nichts weiter als auf den wünsch,
die Vorschmelzung der mythischen und der historischen elomente irgendwie zu erklä-
Yon. Will man einer der personen der sage eine solche doppelrolle zuweisen, so
würde sich ein genügender grund nur bei Gibeche finden, dessen name einerseits
an der spitze der burgundischen könige steht, andrerseits als der eines zwerges, eines
olbischen wesens überliefert ist. Zur Verteidigung dieser ansieht, welche Rieger
zulezt noch in den Quartalblättem dos histor. Vereins f. d. grossherzogtum Hessen
1881 s. 43 fg, vertreten hat, Hesse sich noch darauf hinweisen, dass der herr des
Wormser rosengartens (wenn wir von Kriemhilt absehen, vgl. Germ. 26, 173) könig
Gibeche, nicht etwa könig Günther, ist; während andererseits in den tirolischen ber-
gen eines solchen paradiesgartens ein zwerg waltet, Laurin, ein mit übermenschlicher
Schönheit, stärke, pracht und hcrlichkoit ausgestattetes wesen, wie auch der namo
des zwerges Gibeche auf reichtum und milde deutet. Eine Übertragung der rolle des
elben auf den gleichnamigen burgundischen könig könte also bezüglich der rosen-
gartensage immerhin statgefunden haben; ja es wäre denkbar, dass beide ursprünglich
identisch waren, dass der burgundische Gibica, von dem nach der nordischen Über-
lieferung das königsgeschlocht seinen namen trägt, ursprünglich nur der mythische
stamvater desselben war. Aber alles das ist ja keineswegs sicher, und es würde von
da immer noch ein sehr weiter schritt zur sage von Siegfried und den Nibelungen
sein. Eine andere erklärung scheint mu: hier viel näher zu liegen.
Zu den ältesten bestandteilen dieser sage gehört jedesfals die Vorstellung, dass
der Nibelungenschatz im Rheine ruhe. Sie findet sich in den älteren nordischen
rjuellen ebensowol wie im Nibelungenliede und im Siegfriedsliede. limgst hat man
darauf hingewiesen \ aber nicht überall ist es genügend beachtet, dass dies sagen-
1) Zalezt besonders Riogor a. a. o. und Ueinzol, Nibelangensage s. 12 (Wienor Sitznngsbor.
109, 680).
412 r. vooT
motiv einen tatsächlichen liintergioind in der goldhaltigkeit des Rheines hat. Wenn
auch jezt die goldgewinnung dort nicht mehr lohnt (trotzdem ein Pariser die kühne
rechnung aufgostelt hat, dass zwischen Basel imd Mannheim noch gold im werte von
170 millionen francs im Rheinsande rohe), so ist es doch nicht lange her, dass noch
münzen aus Rheingold geprägt wurden, und das ganze mittelalter hinduix;h hat die
goldwäscherei am Oberrhein eine nicht unbedeutende rolle gespielt. Marquard Freher,
Origines Palat. ed. 2 (1613) lib. 11 cap. XYII s. 84 fg. bemerkt, dass der Rhein das
gold e montium au/riferomm fiMs radicibusque abrasum arenis suis involvat et
in certos vortices cUque caveas (quibus inde nomen natum — Ooltgrüiide, da gegol-
det wurdt) congerat. Wie leicht sich die Vorstellung bilden konte, dass an solcher
stelle ein grosser schätz unter den fluten verborgen sei, leuchtet ein, imd nichts ist
erklärlicher, als dass die Franken den unermesslichen schätz ihres Nibelungenmythus
in ihrem goldführenden ströme, im Rheine suchten. Da schon mn 400 der ägyptisch -
griechische Nonnus den Rhein als den fluss nent, welcher der Beroe bei ihrer Ver-
mählung mit Poseidon das gold als hochzeitgabe herbeibringt (Dionysiaca 43, 410),
so kann den Fi-anken sein goldreichtum damals nicht nnbekant gewesen sein; es
spricht also alles dafür, dass sie den Nibelungenhort, von dem ihre mythen in jener
zeit schon berichtet haben müssen, ebendamals nirgend anderswohin versezten als in
den Rhein. Freilich nicht in den teil, an dessen ufern sie derzeit sassen; denn
unterhalb Mainz scheint kein gold mehr vorzukommen, während unterhalb Worms
bei Gemsheim, in dessen nähe jenes Lochheim liegt, wo das Nibelungenlied nach
Lachmanns auslegung Hagen den hört vei*senkcn lässt, „vor Zeiten eine goldfischerei
und goldwäscherei bestand*^, und ebenso weiter aufwäi*ts in verschiedenen orten der
bairischen und badischen Pfalz. Aber gerade die nicht durch den augenschein kon-
trolierten gerüchte und berichte aus dem nachbai'lande konten sich ins phantastische
steigern, imd der grosse reichtum dieser von der natur gesegneten, durch römische
kultur gehobenen landschaft mochte in der sage, dass dort der gewaltigste schätz,
der Nibelungen hört, ruhe, gi'eifbare voi-stellung gewinnen*. Pflegt der sage doch
auch sonst der schätz zum bilde reicher herschaft und grossen besiztums, zum inbo-
griff aller hilfsquellen des herschors zu werden. Ich erinnere nur an die Ermanrich-
sage. Als daher im jähre 413 das gi'osse ereignis geschah, dass jenes reiche land
einem germanischen stamme, den Burgundionen imter könig Gundahari, anheimfiel,
da wii'd unter den Franken gesagt und gesungen sein, dass diese glücklichen leute
nun den grossen Rheinschatz erworben haben, sie werden die herren des Nibelun-
genhortes genant sein. Das war im gründe nichts anderes, als wenn der Mamer
(Strauch XI, 2) von den reichen Rheinländern singt: in dienet ouch des Rines grünt . . .
der Nibelunge hört Itt in dem Lurlenberge in hi. Als aber später die Burgundionen
den herlichen besitz verlieren, als die Hunnen jenes mittelrheinische Burgundenreich
stürzen und Gundahaii mit den seinen unter ihren seh wertem fält, da heisst das in
die sinliche, alles individualisierende spräche der sage übersozt: könig Attila bereitet
dem könig Gundahari mit seinen verwanten und seinen leuten den Untergang, um
sich des Nibelungenhortes zu bemächtigen. — Waren so einmal Günther und sein
gcschlecht zu den zeitweiligen besitzen) des Nibelungenschatzes geworden, die um
seinetwillen zu gmnde giengen, so musten sie natürlich in irgendwelche Verbindung
mit denjenigen erwerbera und herren des hortos gebracht werden, von denen der
mythus schon berichtete. In diesem wurde erzählt, dass Hagen jenen heros Siegfried,
1) Dahl, Beschreibung des fttrstentams Lorsch s. 251.
3) Vgl. auch Iloinzol a. a. o. s. 11 fg. (679 fg.).
ÜBER UOHTENBBRQER, NIBELUNGEN 413
der sich den schätz erkämpft hatte, meuchlings ermordete. Denn es scheint mir
nicht zweifelhaft, was auch Lichtonberger anzunehmen geneigt ist, dass Hagen, von
dem keine historische quelle etwas weiss, und dessen name mit den alliterierenden
der burguudischen könige gar nichts gemein hat, der nach der f^drokssaga eines
elben söhn ist, von vornherein ebensowohl wie Siegfried zum mythus gehörte. Er
wurde nun in eine enge beziehung zu den burgundischen königen gebracht; die art
derselben schwankt noch in den verschiedenen Versionen: bald ist er der bruder,
bald halbbruder, bald man und mäc, immer aber steht er mit- ihnen in engster genos-
senschaft So gewinnen sie denn auch mit anteil an seiner mordtat, durch die der
Nibelungenhort in seinen und ihren besitz übergeht, und wei'den schliesslich nach
dem Schatze auch selbst Nibelungen genant.
Die Verbindung der beiden haupttoile der sage ist auf diese weise meines
erachtens dui'chaus genügend erklärt Dass damit nun auch jede einzelne beziehung
völlig aufgeholt sei , darf man natürlich nicht erwarten. Verständlich ist es so jedes-
fals, wie Günther weiterhin auch bei der mythischen tradition von Siegfried und
Brünhild in die rolle des geheimen gegenspielers eintreten konto, der den von Sieg-
fried errungenen preis in seine bände zu bringen weiss. Aber etwas näheres lässt
sich darüber nicht feststellen, denn wir wissen nicht, auf welcher stufe der sagen-
entwickelung • das Brünhildenmotiv gestanden hat, als die Verschmelzung mit dem
historischen elemente erfolgte. Ich glaube nicht, dass dieser teil der Siegfriedsage
damals überhaupt eine einheitliche gestalt hatte; hat er sie doch auch in der Über-
lieferung der Edda noch nicht. Die geschichte von der erweckung der Sigrdrifa und
die von der gewinnung der Brünhild konten nur künstlich mit einander verbunden
werden. Wenn Lichtenberger s. 145 meint, es sei zweifelhaft, ob die orstere urspi-üng-
lich noch eine weitere folge gehabt habe als Siegfrieds Unterweisung im runenzauber,
so steht er ja mit dieser ansieht nicht allein; aber für richtig kann ich sie nicht hal-
ten. Denn sobald man mit dem Verfasser annimt, dass auch Sigrdrifa von der lohe
umgeben ist, und sobald man mit ihm die angäbe der prosa für echt hält, dass Odin
der in den schlaf versenkten bestirnt hatte sich zu vermählen, während sie das
gelübde tat, keinen mann zu nehmen, der sich fürchten könne, so muss man doch
den verlauf der erzählung zweifellos so ergänzen, dass der, welcher die flamme
durchreitet und sie aus dem zauberschlaf erlöst, eben derjenige ist, welcher keine
furcht kent und deshalb ihre band erhält. Dass dies wirklich die ursprüngliche
entwickelung war und dass wir andrei*seits keinen grund haben Sigrdrifa und Bryn-
hild für von anfang an verschiedene pei*sönIichkoitcn zu halten, hat inzwischen Sijmons
in dieser Zeitschrift XXIV, 1 fgg. gezeigt. Wir haben also eine Überlieferung anzu-
nehmen, nach welcher Siegfried die von dem undurchdriDglichen hindemis eingeschlos-
sene Walküre für sich erwirbt, imd wir haben demgegenüber in der erzählung von
Brünhild eine andere Überlieferung, nach welcher er sie für einen anderen, den Gün-
ther erringt. Beide traditionen würden sich auf verschiedene fas.sungen eines natur-
mythus zurückführen lassen. Die eine könto das einwecken der schlummernden,
fiustumfangenen erde durch den frühlings- oder lichtheros und die vermälilung der
beiden widerspiegeln; die andere würde zugleich die kehrseite des mythus umfassen,
nach welcher die von jener freundlichen gewalt erol>erte der dunkelen, winterlichen
macht anheimfält, und bei ihr möchten dann verwante Überlieferungen eingewirkt
haben, in denen wie im Freyr-Skirnir- mythus von der stelvoi-tretcnden erwerbung
der eingeschlossenen junj^frau oder wi(» im Mougli^d- mythus von der Verstellung des
eindringenden werbers orzälilt wurde. Sicherheit ist ja in diesen dingen nicht zu
414 P. VOGT
gewinnen;* aber soviel muBS doch wol zugegeben werden, dass kein zwingender grund
vorliegt, hier eine älteste einheitliche, beide motive umfassende sagengestalt voraus-
zusetzen und dass man sich eine solche schwer würde vorstellen können. Denn
wenn der bann der waberlohe einmal duichbrochen ist, wenn die von ihr umgebene
Jungfrau aus ihrem todesschlummer erweckt imd von dem geliebten erworben ist, so
kann die flamme sie doch nachher unmöglich noch umschliessen.
Ganz unaufgeklärt lässt Lichtenberger die deutsche Umgestaltung der sage,
durch welche Kriemhild statt Etzels ihren bi-üdeni den Untergang bereitet. Er meint
— nach dem Standpunkte den er einnimt ohne ersichtlichen grund — dass diese
Umwandlung ebenso wie die einführung des Dietrich von Bern vielleicht seit dem
ende des 6. Jahrhunderts volzogen sei. Jedosfals aber müsse sie nach dem bekan-
ton Zeugnis des Saxo Grammaticus über des sächsischen Sängers gesang von der
notrssima Orimildae erga frcUres perfidia, schon im anfang des 12. jahrhimderts
bestanden haben. Der milderen auffassung des Nibelungenliedes von Etzel schreibt
er einen späten Ursprung zu; er sieht in ihr eine anahnlichung dieser rolle an den
verbreiteten typus des guten königs, die ei'folgen konte, sobald die schuld am unter-
gange der Nibelunge von ihm auf Kriemhild übergegangen war; übrigens sei sie
nicht einmal konsequent durchgeführt, denn auch im Nibelungenliede erscheine Etzel
hie und da noch in imgünstigem lichte, und ganz zu verwerfen sei Thierry's ansieht,
dass Etzel in den gennanischen Überlieferungen von jeher eine ganz andere und
wesentlich vorteilhaftere rolle gespielt habe als in den romanischen. Gegen Thierry's
unzulängliche und widerspruchsvolle ausführungen konte Lichtenberger natürlich mit
vollem recht auf Attilas Stellung in der eddischen und ältesten gestalt der Nibclun-
gensage hinweisen; wenn er aber glaubt, dass diese auffassung vom Charakter des
Hunnenkönigs die gemoiDgermanische gewesen und erst ganz spät geändoit sei, so
veralgemeineii auch er schliesslich wie Thierry seine beobachtungen in unrichtiger
weise. Natürlich ist Attila von seinen germanischen gegnem andei'S beurteilt als von
den ihm verbündeten und unterworfenen Germanenstämmen. In der Dietrichsage ist
von vornherein für den blutdürstigen und habgierigen Attila der Edda gar kein platz.
Schon in ihrer ältesten uns bekanten gestalt, w^ie sie uns im Hildebrandsliede vor-
liegt, geniesst Dietiich in der Verbannung den schütz des beherschers der Hunnen
und kehrt mit seiner hilfe heim. Wir wissen aber, dass darin nur die Übertragung
eines abhängigkeitsverhältnisses liegt, in welchem Dietrichs vater Theodemer tatsäcb-
1) yorge20gen wird jezt im lügemeinen die deatong auf den tageszeitenm^'thufi , nnd die bozie-
hang der waberlohe auf die morgenrOte (Scherer LG^ll, Sijmons im Grondriss II, 1, 26, 'Wilmanns
A. f. d. a. 18, 72) ist Ja an sich recht ansprechend, besonders wenn man berücksichtigt, dass die von
ihr umgebene Brünhild nach der Edda wie nach der doatschen lokalsago aaf einem folson schlnmmort.
Aber weder im Freyr- SkimirmythoH noch in dem von Swipdag nnd Mengl^Ö ist doch der vafrlogi so zu
doaten, un<l ebensowenig läsest sich das DomrÖschonmärchen auf den Wechsel der tageszeiten zurückfüh-
ren. Ein mythisches motiv wird doch anch sicher in dem aufschneiden der brünne der zu erlösenden und
zu erweckenden Jungfrau zu suchen sein; während dies sich sehr gut auf das durchbrechen des die
sehlummerudo natur umschliessenden frostpanzers durch den licht- und sonnenheros deuten lässt, wüste
ijh OS aus dem tagosmythus nicht zu erklären. So habe ich denn anch bedenken , mich Wilmanns anzu-
schliossen , der a. a. o. in seiner nach der niedorschrift des obigen textes erschienenen recension von Lich-
tenbergers buch sehr sinroich den ersten flammenritt und die erweckung der Jungfrau auf morgenrOte und
Sonnenaufgang, den zweiten flammenritt und ihre Verbindung mit Günther -Siegfried auf abendrGte und
nächtliche ruhe dor sonne deutet. Übrigens würde man sich doch auch bei dieser orklärung die beiden
tivo, sobald sie sich zur heldeosago formteu, wogon dor zweimaligen durchbrechung desselben hlndor-
nur in lose nobonoliiondorhon^ohoiidon liodurn, nicht in oinor wirklich einheitlichen, in sich
«onon form behandelt denken müssen.
»»»Ol
ÜBKR LICHTEfTBERGER, ^OBSLUNOKN 415
lieh ZU Attila stand. Diese konte erst nach Dietnchs lebzeiten geschehen, und sie
war nur möglich, wenn damals noch Überlieferungen von Theodomer im Umlauf
waren, in welchen der söhn in die stelle des vaters eintreten konte, Überlieferungen,
welche den Attila nicht sowol als feind und unterwerfer wie als mächtigen und wol-
wollenden schutzhern des Ostgotenkönigs erscheinen Hessen. Attila spielte also in
denselben eine rolle, welche ganz seinem namen entsprach, den die unterworfenen
Germanen, d. h. vor allem wider die Ostgoten, ebenso bildeten oder deuteten, wie die
Russen ihren zaren Täte rohen nennen. Erinnern wir uns, dass gotische spräche und
Sitte jedesfals einen hervon'agenden platz an Attilas hof einnahm, dass an demselben
seine taten in epischen liedom gefeiert wurden , dass abenteuernde germanische recken
dort gonug gelegenheit zu lohnendem und ehrendem erwerbe fanden, dass ostgotische
könige unter ihm und für ihn fochten, so dürfen wir gewiss annehmen, dass sich
schon von Attilas Zeiten her lieder unter den Ostgoten vererbton, in denen er als
der grosse könig dargestelt wai*d, um den sich holden und fürsten verschiedener
germanischer stamme schai-en und der sich ihnen, insbesondere aber den Ostgoten
imd ihrem könig, hilfreich ei'woist. Wie man auch immer die frage nach der foit-
dauer von rüsten der Rugier in Österreich, von trümmom der Ostgoten in den öster-
reichisch-bairischen Alpenländem beantworten mag, soviel ist doch sicher, dass die
reich entwickelte ostgotische heldensage und dichtung am ei'sten und stärksten in jenen
dem Ostgotenreiche einst benachbarten, teilweise auch ehedem zugehörigen gegenden
ausgebreitet war; und wenn nun die ältesten mittelhochdeutschen nationalepen , die
cbendort gedichtet wuixlen, Nibelungen, Biterolf, Klage, den charakter des Etzel und
sein Verhältnis zu geimanischcn fürsten, insbesondere zu dem Ostgotenkönig den vor-
auszusetzenden ostgotischen Überlieferungen entsprechend darstellen, während er in
quellen die auf fränkische und niedersächsische tradition zurückgehen als der grau-
same und herschsüchtigo tyrann erscheint, so wird das gewiss nicht zufällig sein.
Als die fränkische Nibolungensage in die bairisch- österreichischen lande gelangte,
begegnete sie eben Überlieferungen vom könig Etzel, welche von einer anderen, gün-
stigen auffassung desselben ausgiengen; und diese auffassung konte nicht ohne folgen
für die Nibelungensage bleiben, sobald sich ebondort ihre so naheliegende Verbindung
mit der Dietrichsage volzogen hatte und ein ausgleich der verschiedenen Vorstellun-
gen angestrebt wurde. Dieser entwickelung kam nun ein anderer, entscheidender
umstand entgegen. Es war ein unbefriedigender ausgang der Siogfriedsage, dass der
tod des holden uugerächt blieb. Die nordische Überlieferung liess aus diesem gofühl
heraus den sterbenden Sigurd selbst noch seinen mörder töten. Die deutsche wcndung
der sage ist durch eine wandeluug socialer anschauungen bedingt, die auch Lamp-
recht, Deutsche geschichte 1, 106 in Verbindung mit der Nibclungoutradition sezt,
ohne die meines erachteus wichtigste folgerung daraus zu ziehen. Wälirend früher
das Verhältnis zwischen bruder und Schwester als ganz besondei's eng und heilig galt,
heiliger als die ehe, hielt man mit der foi-tsch reitenden entwickelung der geselschaft-
lichen Ordnung die bände, wclclie die beiden gatten verknüpfen, für die festeren und
höher zu achtenden. Kriemhilds oi'sto ptlicht wurde es danach, für den ermordeten
gemahl blutrache zu nehmen; so wuixie der Untergang ihrer mit der blutschuld bela-
denen brüder als die folge davon aufgefasst, dass Kriemhild dieser püicht der gattiu
nachkam, und die Überlieferung, dass sie ihre brüder an Etzel rächt, schwindet damit
natürlich aus der sage. Dass Etzel dahei inmier doch noch als habgieriger mitschul-
diger hätte gelten können, zeigt die I^idrokssaga. Erst die voihindung der in der
bairisch -östen'cicbischcn sage herschenden günstigeren auffassung Etzels mit jener
416 F. VOGT, ÜBRR LICBTENBBRaKB, NIBELUNGEN
vei'ändei*ten anschauung über Eriemhilds vei*pflichtungen gegen den gatten und gegen
die brüder hat die volle und einheitliche Umgestaltung der sage zur folge gehabt
Übrigens zeigt diese wandelung, wie früh die geschichte von Siegfried und Eriem-
hild und die vom untergange derNibelunge als ein zusammengehöriges ganzes gegol-
ten haben muss.
Dass Lichtenberger in den lezten kapiteln für die kenzeichnung des typischen
und des eigenartigen in den motiven und Charakteren des Nibelungenliedes auch die
spielmannspoesie zum vergleiche herbeigezogen hat, ist nur zu loben. Aber er über-
schäzt die verwantschaft der beiden. Er findet in einzelnen fallen ähnlichkeiten, wo
ich durchaus keine zu entdecken vermag, z. b. wenn er s. 328 behauptet: naus
retrouvoiis dans le Nibelungenlied . , , le mativais roi, redouiable ä imis ceux qui
pretendent ä la main de sa fille. Die grosse verschiedonheit des ganzen poetischen
Stiles der Nibelungen und der spielmannsepen entgeht ihm ja nicht, und er macht
einen unterschied zwischen der art der rheinischen und derjenigen der österreichischen
Spielleute; aber nach seiner darstellung erscheint diese mehrfach als eine jün-
gere Veredelung von jener. Und doch kann eine dichtungsweise, wie sie uns im
Orendel, Morolf und Oswald entgegentritt, nun und nimmermehr die voi-stufe der
Nibelungenepik gewesen sein. Das Nibelungenlied weist zweifellos auf eine lange
zeit weit treuerer und ernsthafterer pflege alter epischer Überlieferungen zurück, als
sie aus jenen gedichten spricht. Schon wenn er den herzog Ernst mit zu jener spiel-
mannspoesie zählt, hält der Verfasser verschiedene dichtungsarten nicht genügend
auseinander, obwohl er hier einem alten hei'kommen folgt. Wie wenig berechtigt
dies ist, zeigt Lichtenberger selbst am besten, indem er da, wo er auf die einzelnen
charakteristischen züge der spielmannspoesie eingeht, den Ernst ganz ausser betracbt
lüsst; sie finden sich eben in diesem gedichte nicht (vgl. diese ztschr. XXII, 478 uod
480 fg.). Auch sonst hat der Verfasser bei seiner litterarischen Charakteristik einzel-
nes zu sehr veralgomeinert, und diesem und jenem ästhetischem urteil kann ich
nicht beipflichten. Aber im ganzen finde ich sowol die spielmannsepen wie das Nibe-
lungenlied mit richtigem nachempfinden anschaulich und ansprechend charakterisiert
Im Nibelungenlied wird spreu und woizon meist richtig geschieden, und wenn der
Verfasser auch einiges ohne ausreichenden grund als ridicule bezeichnet, so hat er
doch für das wirklich giossartige in motiven und Charakteren volles Verständnis. Auch
die darstellungsweise unseres grossen epos kenzeichnet er zutreffend durch die sätze,
mit welchen er seine abhandlung beschliesst: Le poete se home ä retraeer lea aven-
tures merveilleiises qve rapparte la tradition, il est sobre dans ses descriptions;
l'acce^it de ses cliatUs est simple et franc, Dans ses vers sans pretention, sans
arnefnenis inutiles, passe un souffle de poesie naive qui etonne par son äpre
vigueur ou seduit par une sorte de gräce archa'ique, et ses lieder pretent wie vie
d'une singuliere puissance ä ces figures ideales un peu raides, mais si expres-
sives, ä ces vieux heros, ä ces types de femmes etranges et mysterieux edos daus
rimagifiation des anciens Oermains.
Lichtenbergers buch ist vortreflich geeignet, in Frankreich zu eingehenderer
besclmftigung mit dem Nibelungenliede anzuregen sowie die richtige histoiische und
ästhetische beui'teiluDg desselben und die erkentnis seiner nationalen eigenart dort zu
fördern. Es kann aber auch deutschen lesern zur einführuug in ein litterarhistorisches
Studium unseres nationalopos recht wol empfohlen worden.
BRESLAU. F. VOGT.
StUKOKR, ÜBRB fiAUV^BK, CA8t»Att SCfiEtDT 41?
Adolf Hauffen, Caspar Scheidt, der lehrer Fischarts. Stadien zur ge-
sohichte der grobianischen litteratur in Deutchland. (Quellen und for-
schungen zur sprach- und kultui'geschichte der germanischen Völker, heft 66.)
Strassburg, Trübner. 1889. X und 136 s. 3 m.
Eine kulturgeschichtlich wichtige aufgäbe hat sich der Verfasser des vorliegen-
den buches gestelt, indem er die klassische Verkörperung dos grobianismus, wie sie
im sechzehnten Jahrhundert durch Dedokind und Scheidt ausgeprägt worden ist, sowie
ihre vor- und nachgeschichte darzustellen unternommen hat. Schorer durch seinen
an grossen gesichtspunkten reichen artikel über Dedekind in der Alg. deutsch, biogr.,
Milchsack durch die sorgfältigen Zusammenstellungen vor seinem neudmcke des
Scheidtschen Grobianus hatten für eine solche arbeit bereits die wege gewiesen. Es
war selbstverständlich, dass die betrachtung von den altdeutschen tischzuchten aus-
zugehen hatte, dann zu zeigen wai*, wie die tischzuchten almählich parodistisch
aufgefasst werden und wie hierauf, nachdem Sebastian Brant den namen Oro-
bianis geschaffen und die litteratur des 15. imd beginnenden 16. Jahrhunderts in
ihren meisten ei'zeugnissen ein gewaltiges material zur näheren ausmalung dieses
dankbaren gegenständes aufgespeichert hatte, der sog. kleine Grobianus von 1538 die
wichtigsten merkmale des zum Grobianerorden gehörenden kurz und bündig zusam-
menfasst Diesen weg ist der Verfasser unter sorgfältiger berücksichtigung des vor-
handenen materials auch gegangen und hat manche neuen hinweise hinzugefügt,
namentlich sei auf die Zusammenstellungen über Brant und Murner sowie die übrige
litteratur im ausgehenden 15. und beginnenden 16. Jahrhundert verwiesen, s. 19 fgg.
Es wird dann weiter gezeigt, wie Dedekind das im Kleinen Grobianus bereits gege-
bene Schema besser ordnet und übersichtlicher gruppiert und der gestalt durch eine
grosse reihe von einzelzügen greifbai'cs leben versohaft hat. Trotz des lateinischen
gewandes (oder vielleicht grade wegen desselben) fand die dichtung eine ungemein
weite Verbreitung und wurde durch Scheidts Übersetzung denen, die des lateinischen
nicht mächtig waren, zugänglich gemacht. Diese Übersetzung wird in der vorliegen-
den arbeit sorgfältig mit dem lateinischen original verglichen , und der Verfasser zählt
in übei-sichtlicher weise die Veränderungen und erweiterungen auf, die Scheidt sich
erlaubt und die im wesentlichen den zweck verfolgen, den ganzen stofT wirkungs-
voller auszugestalten und die parodistischen elemente mehr herauszuarbeiten. Sodann
betrachtet der Verfasser die zweite fassung von Dedekinds Grobianus (1582), die einer-
seits durch aufnähme einer grösseren anzahl meist aus Bebeis Facetien geschöpfter
schwanke, anderseits namentlich durch die oinfügung der weiblichen nebonbuhlerin des
Grobianus, der Grobiana, sich auszeichnet. Wichtig ist hier vor allem der s. 64 fg.
geführte nachweis, dass die bis jezt wol ziemlich algemein angenommene abhängigkeit
der zweiten fassung Dedekinds von Scheidts Verdeutschung volständig hinfällig und
durch nichts zu beweisen ist. Wendelin Hollbachs boarbeitung der zweiten fassung
Dedekinds, Kienheckols prosaischer auszug und Wenzel Scharffers übeiiragung in
Alexandrinern werden ausreichend charakterisiert, worauf dann noch kurz die übrigen
nachwirkungen des Grobianus zusammengestelt werden. — Ein weiteres kapitel behan-
delt Scheidts lobrede von wegen des Meyen, in der er, zum teil ebenfals auf latei-
nischen Vorbildern fusscnd und auch von der französischen litteratur nicht unbeein-
flusst, den mai gegenüber dem herbst herausstreicht. Eine betrachtung über die
beeinilussung Fischarts durch Scheidt, welcher neben dem gereimten Euleuspiegel
namentlich noch die ti-unkeulitauei aus der geschichtsklitterung zu gründe gelegt ist,
bildet den schluss des buchos, welches von hoiTu prof. Erich Schmidt angeregt ist
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXV. 27
4l8 KLLtNai&tt
und einen schätzenswerten beitrag zur kultur- und litteraturgeschichte des 16. Jahr-
hunderts bietet.
Was die kulturgeschichtlichen folgerungen aus dem vorliegenden material
betrift, so möchte ich davor warnen, den werth dieser schildeixingen zu überschätzen.
Grade die durchgeführte ironie und der algemeine beifall, den diese bei den Zeitgenos-
sen iiudet, zeigt doch schon eine gewisse erhebung über die greuliche unilätei'ei. Es
liegt mir gewiss fem, zu bestreiten, dass in den sitten des 16. Jahrhunderts noch
immer eine entsetzliche rohheit sich zeigt, allein nach meiner kentnis des einschla-
genden matetials ist im 16. jahrhundei-t der höhepunkt in dieser richtung bereits
überschritten; dieser fält vielmehr in das vorhergehende Jahrhundert, dessen beispiel-
lose wüstheit im Zeitalter der reformatiou entschieden nicht wider eiTeicht worden
ist. Es ist notwendig auf diese tatsache ausdrücklich hinzuweisen, um unrich-
tigen Vorstellungen vorzubeugen, wie sie neuerdings Johannes Janssen im VI. bände
seiner sogenanten Deutschen geschichte wider zu verbreiten gesucht hat. (Vgl.
darüber meine ausführungen in der Historischen zeitschiift, N. F. bd. XXIX,
s. 150 fgg.)
Zu der nachgeschichte des Grobianius möge noch ein kleiner nachtrag beige-
steueii; werden. Im jähre 1630 erschien in Augsburg eine kleine schrift: AI a mo-
dische Hobelbanck (den langen titel volständig mitzuteilen scheint mir unnötig;
exemplar auf der königl. bibliothek in Berlin, Yy 1391). Sie enthält einen dialog
zwischen zwei adlichen Adolf und Rudolf, der im ganzen von sehr verstän-
digen gesichtspunkten aus sowol das grobianische wesen als die törichte nach-
üffung fremder, namentlich französischer sitten oder Unsitten bekämpft, auf eine
vernünftige und sorgfältige crziehung diingt und die forderung erhebt, dass der
adliche seinen adel ebenso durch sein ganzes inneres wesen wie durch den äus.se-
ren anstand beweisen solle. Dieses gespräch ei'schion dann umgearbeitet, mit sehr
unnötiger pedantischer gelehrsamkeit vermehrt und dadurch entschieden nicht verbes-
sert, später noch einmal unter dem titel: Renovirte Und mercklich vermehrte
Alamodischo Hobel-Banck (exemplar in Berlin, Yyl421; lun 1660, da der
polnisch - schwedische krieg als eben beendet erwähnt wird, s. 181: Darum die bran-
denburgischen Soldaten in jüngst verflossenem schwedisch - und polnischen krieg
nicht vergeblich gesungen, wie schmeckt uns das leder von den gänson so wol!)
In diesem buch schliesst sich an die dem gespräch folgenden kurzen lehren
s. 173 — 188 an ein: Kurtzverfasster Grobianus. Allen Epicurischen
Mast-Schweinen, Venus-Nutzern, Fantastischen Pflaster-Trettern und
Müssiggengern, sich darinnen zu bespiegeln, vorgestellet Der kurze
auszug weist wider 16 abschnitte auf wie der sogenante kleine Grobianus, Grobianus
tichzucht von 1538. Doch hat er mit diesem, der freilich ebenfals noch ziemlich
lange nachgewirkt hat, nichts zu tun. Er ist vielmehr ein kurzer auszug aus
der ersten fassuag des Grobianus; das Verhältnis zu Kienheckeis bearbeitung, an
welche man wegen der prosaischen foim zuerst erinnert wird, konte ich im augen-
blicko nicht feststellen, da mir diese nicht zugänglich war. Am ausfühi'lichsten ist
das kapitol über das trinken behandelt, hier geht die prosa in eine art von reimprosa
über, ganz in Fischarts art, an welchen auch einige maccaronische Wendungen erin-
nern; einzelnes in dieser stelle klingt an die trunkenlitanei an.
Um eine ungefähre Vorstellung von diesem lezten selbständigen ausläufer der
grobianischen litteratur zu geben, lasse ich die oinleitung und die ersten lieiden
abschnitte folgen:
ÜBER HKtNK, SOfiAÜSt^lKt DKft WANDfifttRUPPEK 41 6
Kurtzverfasster Grobianns. Wem nun diese vorgesetzte hobel-banck
allzu rigoros und streng zu seyn scheint, der kann seine fantastische, ungehobelte
Sitten behalten, und nach diesem beygefügten Grobiane vermehren und einrichten, so
i^vird er hie zeitlich nicht allein überall lieb und angenehm seyn, wie die sau in des
Juden haus, und der esel in dem blumen-feld; nach seinem tod aber unfehlbar
nebens andern seinen gesohwomen zunfft-brüdem, in Nobis-krng, wo man die äpffel
aufm sims brfttet, sein loschier finden; dann wie die arbeit, so ist der lohn! Mas-
sen sich nicht wenig finden, welche den Catonem und alle seine nachfolger, so sich
unterstehen, hoff- und tisch -zucht, moralien und tugend- lehren voi'zuschreiben,
verlachen und verachten; den Syrach für einen narren und dilltappen, welcher ver-
mahnet: Wenn du bey eines reichen mannes tisch sitzest, so sperre deinen rächen
nicht auf, und dencke nicht, hie ist viel zu fressen, greiff nicht nach allem, was
du siebest, und nimm nicht, was für einen andern in der Schüssel lieget; Iss wie
ein mensch, was dir fürgesetzet ist, und friss nicht zu sehr, auf dass man dir nicht
gram wird; Wann du bey vielen sitzest, so gi-eiff nicht am ersten zu, usw. Cap. 31.
Und im 42. Schäme dich, dass du mit dem arm auf dem tische liegest Schäme
dich, dass du nicht danckest, wenn man dich grüssei Schäme dich, nach den
huren zu sehen, und fremder mägde zu begehren, usw. Diss alles hält Monsieur
Schwemhardus Grobianns, aus Schlaraffenland gebürdig, für saalbaderey, und lehret
gerad das widerspiel; weiset hingegen seine brüder und mit-glieder auf das natür-
liche schlaff- fress- und sauff- recht, und an die heutiges tages im schwang gehende,
incivilische mores, dann allzuviel gesetze und regeln, machen auf ti-uoknen land
segeln, das ist, verwirrt und näirisch seyn. Giebt ihnen demnach, mit Vergün-
stigung des Plutonischen gross -printzen, nachfolgendes immerwehrendes Privilegium,
dergestalt kürtzlich verfasset, dass unser neumodische welt-fantasten, selbiges desto
leichter mercken und fassen können.
1. Erstlich und zu fördei'st sollen alle dem Grobiam'smo beygethane, für allen
dingen ihren bauch oder wanst, als ihren abgott in ehren halten, und durch die
finstere nacht, biss an das helle mittag -Hecht, schnarchando, ratzen, schnarchen
und schlaffen, die wegen des tages über gepflogener wollust ermüdete glieder fein
ausruhen lassen, und nicht ehe aus dem feder-nest fliegen, biss die teuer auf dem
tische liegen, und die h'ess-glocke in dem magen beginnet zu leuten, dann soll er
aus dem bette schreiten, die kleider auf den nackcn fassen, und sich, wann es son-
derlich kalt ist, hinter dem warmen ofen anziehen, damit die mägde die weissen
beine und das schnee - weisse hälslein sehen, und sich darein verlieben können, auch
desto grossem appetit und lust zu ihm haben mögen; mit dem morgensegen soll er
Inhalten, und selbigen sparen, biss zu dem abendsegen: Nam quod potest fieii per
pauca; non debet fieri per plura; oder es doch kurtz und gut machen, ungefehr die-
ses inhalts: das walte gott, und kein böses weib!
2. Einen guten morgen soll er niemand wünschen, als nur der Jungfer Elisa-
bct, die ihm fein sanfft macht das bett, den andern gruss soll er crspahrcn, und
mit selbigen wind die biühheisse suppen über den tisch blasen.
BERLIN. QEORO ELLINGBR.
Carl Helne^ Bas Schauspiel der deutschen Wanderbühne vor Gottsched.
Halle, Max Niemeyer. 1889. VII und 92 s.
Die geschichte des deutschen volksdramas im siebzehnten Jahrhundert liegt
noch so im argen, dass jeder beitrag, der einen teil des über dem Schauspiel der fah-
27*
4^ ^uttoim
renden liegenden dunkeis zu lüften im stände ist, auf dankbare aufnähme bei den
facbgenossen rechnen darf. Die vorliegende sohrift nun stelt zunächst die stücke
zusammen, die sich nachweislich auf dem repertoire der fahrenden befunden haben
und uns Tolständig erhalten sind. Dankenswert ist dann femer die s. 9 fg. gegebene
aufstellung über die herkunft der aufgeführten stücke, wobei der Verfasser sich nicht
auf die volständig erhaltenen dramen beschiünkt. Das hauptkontingent stelt das spa-
nische drama (darunter befinden sich fünf stücke von Calderon und eins von Lope),
daneben erscheinen französische, niederländische und deutsche originale; ob italieni-
scher Ursprung bei allen den stücken, die der Verfasser hierher rechnet, wirklich
anzunehmen ist, muss dahingestelt bleiben; dass auch Englands dramatische Produk-
tion noch beständig auf das drama der fahrenden einwirkte, sehen wir an dem Yer-
irten Soldaten. Weniger fördernd als diese Übersicht erscheint mir die Zusammenstel-
lung der im ernsten drama der fahrenden verwendeten motive s. 15 fgg.; man erhält
kein lichtiges bild, ebensowenig wie aus der s. 80 fgg. gegebenen Übersicht über die
am häufigsten vorkommenden Hanswurstcharaktere. S. 42 fgg. berichtet der Verfasser
auf grund der erhaltenen dramen über die axt der darstellung, rollenbesetzung, das
aussehen der bühne, die notwendigen requisiten und ähnliches, wobei s. 43 richtig
bemerkt wird, dass in den dramen das extemporieren im wesentlichen auf die komi-
schen scenen sich beschränkte, was sich übrigens auch aus den älteren puppen-
spieltexten ergibt.
Der hauptwert des buches beruht auf den s. 61 fgg. gegebenen analysen aus
dramcnhandschriften der fahrenden, welche die Wiener bibliothek besizt. Ob mit
diesen und den von dem Verfasser früher gegebenen mitteilungen die schätze der
Wiener bibliothek nach dieser richtung hin ei-schöpft worden sind, sagt der Verfasser
nirgends; der referent, der die Wiener bibliothek nicht kent, vermag darüber selbst-
verständlich kein uiieil abzugeben. Das verhältnismässig vollendetste der analysier-
ten stücke, scheint, soweit sich aus den mitgeteilten inhaltsangaben schliessen lässt,
die komödio in 12 personen s. 66 fgg. zu sein.
Kann somit in bezug auf das neu beigebrachte material die arbeit als eine
dankenswerte bereichemng unserer kentnisse des dramas der fahrenden dankbar ent-
gegengenommen werden, so erscheint dem referenten das verfahren des Verfassers,
näheres über das repertoire der Wandertruppen zu ermitteln und festzustellen, bei
weitem nicht ausreichend zu sein. Auf grund der wenigen gleichzeitigen handschrif-
ten, die der zufall vor dem verderben gerettet hat, lässt sich sicher kein auch nur
annähernd richtiges bild von der beschaifenheit und dem umfange dieses rapertoires
gewinnen. Unsere kentnis derselben würde immer eine ganz mangelhafte bleiben,
wenn wir nicht ein wichtiges hilfsmittel mit hinzunehmen: die Puppenspiele. Ein
grosser teil der gedruckten und handschriftlich erhaltenen Puppenspiele reicht in sei-
nem kern in die zeit des endenden siebzehnten Jahrhunderts zurück; bei den meisten
kann, wenn man ihre litterarische abstammung betrachtet, gar kein zweifei darüber
bestehen, dass sie auf der bühne der fahi'euden gespielt sind und als volksdramen das
Publikum orgözt haben. Freilich die aufgäbe, die sich somit ergibt, ist nicht leicht
Zunächst geben die samlungen von Puppenspielen, die wir bis jezt besitzen, so vor-
treflicho diensto sie auch unter umständen der forschung leisten, doch nur einen
verschwindend kleinen bruchteil der auf den puppenbühnen gespielten stücke wider.
Es müste also zu einer derartigen arbeit das reiche handschriftfiche material hinzu-
gezogen werdeü, das noch auf den verechiedeuen deutschen bibliotheken zu finden
ist. Dauu niüsteu natürlich die spiele ausgeschieden werden, von denen ein zurück-
ÜBBH KRAUS, FUFPENSHEL VOM DOCTOR FAUST 421
reichen bis an den anfang des achtzehnten Jahrhunderts oder noch ins siebzehnte
Jahrhundert nicht angenommen werden kann. Natürlich wären auch diese spiele einer
genauen Untersuchung zu unterwerfen, denn nicht selten komt es vor, dass teile
älterer stücke in ganz junge Puppenspiele hineingeraten sind. (Ein beispiol in dieser
Zeitschrift XXI, s. 119. Braunes neudrucke, 90 und 91, s. XIY.) Und ebenso lie-
gen uns ja die älteren Puppenspiele vielfach überarbeitet, korrumpieii; und dui*ch
mannichfache zusätze entstelt, vor. Biese stücke müsten ebenfals einer eingehenden
Untersuchung unterworfen werden; durch vergleichung der verschiedenen fiissungen,
durch ermittelung der stücke, von denen sie abgeleitet sind, durch die mittel, die
die innere kritik an die band gibt, ist dann der versuch zu machen, den ursprüng-
lichen kern in diesen stücken festzustellen.
Eine ähnliche arbeit, wie ich sie eben skizziert habe, ist gewiss nicht leicht
Sie sezt eine ausgebreitete belesenheit, ein nicht geringes philologisches geschick und
eine sichere kombinationsgabe voraus. Dennoch müssen versuche gemacht werden,
sie zu lösen, bevor man zu einer wirklichen erledigung der frage schreiten kann,
deren beantwoiiung der Verfasser in dem vorliegenden buche unternommen hat. Dass
auch das gleichzeitige kunstdrama (z. b. die stücke des Verfassers der Kunst über
alle künste) für die erkentnis des Schauspieles der fahrenden manche wichtigen
anhaltspunkte gewährt, die noch keineswegs genügend ausgenuzt sind — darauf sei
nur mit einem werte vorläufig hingewiesen; ich denke in nicht alzulanger zeit darauf
zurückzukommen.
BERLIN. GEORG ELUNGER.
Das böhmische Puppenspiel vom doctor Faust. Von Ernst Kraus. Abhand-
lung und Übersetzung. Breslau, vorlag von Wilhelm Köbner. 1891. VI und
170 s. 3 m.
Das vorliegende buch hat das verdienst, unsere kentnis von dem czechischon
Faustpuppenspiel, die sich bis jezt im wesentlichen auf Andrees bekanten bericht grün-
dete, beträchtlich zu vormehren und zwei volständige fassungon des Spieles in einer,
wie es scheint, getreuen Übersetzung bekant zu geben. Der Verfasser hat die beiden
texte (neben denen Andrees bericht und aufzoichnungen eines Studenten über eine
aufführung des Puppenspiels nur wenig in betracht kommen) einer sorgfältigen ver-
gleichung unterzogen, deren nachprüfung dadurch wesentlich erleichtert wird, dass
die beiden spiele in sauberem abdruck neben einander gostelt sind. Das rcsultat
dieser vergleichenden Untersuchungen über das Verhältnis der beiden fassungen zu
einander ist dieses, dass die gleiche anläge sowie viele übereinstimmimgen im ein-
zelnen auf eine gemeinsame vorläge liinweisen. Gegen diese annähme wird sich
gewiss nichts einwenden lassen. Über das alter dieser vorläge, die mit C bezeichnet
wird, spricht sich der Verfasser mit der grösten vorsieht aus; die sprachlichen envä-
gungon, die er anstelt, scheinen ihm zur altorsbestimmung entscheidende merkmale
nicht zu gewähren; aus inneren gränden, über die wir indessen keine nähere aus-
kunft erhalten, glaubt er sich aber zu dem Schlüsse berechtigt, dass C weit m das
achtzehnte Jahrhundert hinaufreiche. Auf die weitere frage nach der vorläge von C
geht der Verfasser zunächst durch eine vergleichung der böhmischen texte mit den
deutschen Puppenspielen ein: irgendwelche nonncnswei'te aufschlüsse ergeben sich
indessen auf diesem wcgo nicht, obgleich einzelne gute parallelen angeführt werden.
Noch weniger können aber die andichten befriedigen, die der Verfasser über das ver-
4^0 &uKoim
renden liegenden dunkeis zu lüften im stände ist, auf dankbare aufnähme bei den
facbgenossen rechnen darf. Die Yorliegonde schrift nun stelt zunächst die stücke
zusammen, die sich nachweislich auf dem repertoire der fahrenden befunden haben
und uns volständig erhalten sind. Dankenswert ist dann femer die s. 9 fg. gegebene
aufstellung über die herkunft der aufgeführten stücke, wobei der Verfasser sich nicht
auf die volständig erhaltenen dramen beschiünkt. Das hauptkontingent stelt das spa-
nische drama (darunter befinden sich fünf stücke von Calderon und eins von Lope),
daneben erscheinen französische, niederländische und deutsche oiiginale; ob italieni-
scher Ursprung bei allen den stücken, die der Verfasser hierher rechnet, wirklich
anzunehmen ist, muss dahingestelt bleiben; dass auch Englands dramatische Produk-
tion noch beständig auf das drama der fahrenden einwirkte, sehen wir an dem Yer-
irteu Soldaten. Weniger fördernd als diese Übersicht erscheint mir die Zusammenstel-
lung der im ernsten drama der fahrenden verwendeten motive s. 15 fgg.; man erhält
kein richtiges bild, ebensowenig wie aus der s. 80 fgg. gegebenen Übersicht über die
am häufigsten vorkommenden Hanswurstcharaktere. S. 42 fgg. berichtet der Verfasser
auf grund der erhaltenen dramen über die art der darstellung, rollenbesetzung, das
aussehen der bühne, die notwendigen requisiten und ähnliches, wobei s. 43 richtig
bemerkt wird, dass in den dramen das extemporieren im wesentlichen auf die komi-
schen scenen sich beschränkte, was sich übrigens auch aus den älteren puppen-
spieltexten ergibt.
Der hauptwert des buches beruht auf den s. 61 fgg. gegebenen analysen aus
dramcnhandschriften der fahrenden, welche die Wiener bibliothek besizt. Ob mit
diesen und den von dem Verfasser früher gegebenen mitteilungen die schätze der
Wiener bibliothek nach dieser richtung hin ei'schöpft worden sind, sagt der Verfasser
nirgends; der referent, der die Wiener bibliothek nicht kent, vermag darüber selbst-
vei'ständlich kein uiieil abzugeben. Das verhältnismässig vollendetste der analysier-
ten stücke, scheint, soweit sich aus den mitgeteilten inhaltsangaben schliessen lässt,
die komödie in 12 personen s. 66 fgg. zu sein.
Kann somit in bezug auf das neu beigebrachte material die arbeit als eine
dankenswerte bereichei-ung unsei*er kontnisse des dramas der fahrenden dankbar ent-
gegengenommen werden, so erscheint dem referenten das verfahren des Verfassers,
näheres über das repertoire der Wandertruppen zu ermitteln und festzustellen, bei
weitem nicht ausreichend zu sein. Auf grund der wenigen gleichzeitigen haudschrif-
ten, die der zufall vor dem verderben gerettet hat, lässt sich sicher kein auch nur
aunäherad richtiges bild von der beschaifenheit und dem umfange dieses rapertoires
gewinnen. Unsere kentnis dei'selben würde immer eine ganz mangelhafte bleiben,
wenn wir nicht ein wichtiges hilfsmittel mit hinzunehmen: die Puppenspiele. Ein
grosser teil der gedruckten und handschriftlich erhaltenen Puppenspiele reicht in sei-
nem kern in die zeit des endenden siebzehnten Jahrhunderts zurück; bei den meisten
kann, wenn man ihre litterarische abstammung betrachtet, gar kein zweifei darüber
bestehen, dass sie auf der büline der fahrenden gespielt sind und als volksdrameu das
publikum crgözt haben. Freilich die aufgäbe, die sich somit ergibt, ist nicht leicht.
Zunächst geben die samlungen von Puppenspielen, die wir bis jezt besitzen, so vor-
trefliche diensto sie auch unter umständen der foi*schung leisten, doch nur einen
verschwindend kleinen bruchteil der auf den pupponbühnen gespielten stücke wider.
Es müste also zu einer derai-tigen arbeit das reiche handschriftliche material hinzu-
gezogen werden, das noch auf den verechiedenon deutschen bibliotheken zu finden
ist. Dann müsteu natürlich die spiele ausgeschieden werden, von denen ein zurück-
ÜBER KRAUS, FÜPPENSnEL VOM DOCTOR FAUST 421
reichen bis an den anfang des achtzehnten Jahrhunderts oder noch ins siebzehnte
Jahrhundert nicht angenommen werden kann. Nattirlioh wären auch diese spiele einer
genauen Untersuchung zu unterwerfen, denn nicht selten komt es vor, dass teile
älterer stücke in ganz junge Puppenspiele hineingeraten sind. (Ein beispiol in dieser
Zeitschrift XXI, s. 119. Braunes neudrucke, 90 und 91, s. XIV.) Und ebenso lie-
gen uns ja die älteren Puppenspiele vielfach überarbeitet, korrumpiei-t und durch
mannichfache zusätze entstelt, vor. Diese stücke müsten ebenfals einer eingehenden
Untersuchung unterworfen werden; durch vergloichung der verschiedenen fassungen,
durch ermittelung der stücke, von denen sie abgeleitet sind, durch die mittel, die
die innere kritik an die band gibt, ist dann der versuch zu machen, den ursprüng-
lichen kern in diesen stücken festzustellen.
Eine ähnliche arbeit, wie ich sie eben skizziert habe, ist gewiss nicht leicht
Sie sezt eine ausgebreitete belesenheit, ein nicht geringes philologisches geschick und
eine sichere kombinationsgabe voraus. Dennoch müssen versuche gemacht werden,
sie zu lösen, bevor man zu einer wirklichen erledigung der frage schreiten kann,
deren beantwoiiung der Verfasser in dem vorliegenden buche unternommen hat. Dass
auch das gleichzeitige kunstdrama (z. b. die stücke des Verfassers der Kunst über
alle künstc) für die erkentnis des Schauspieles der fahrenden manche wichtigen
anhaltspunkte gewährt, die noch keineswegs genügend ausgonuzt sind — darauf sei
nur mit einem werte vorläufig hingewiesen; ich denke in nicht alzulauger zeit darauf
zurückzukommen.
BERLIN. GEORG ELUNGER.
Das böhmische Puppenspiel vom doctor Faust. Von £mst Kraus. Abhand-
lung und Übersetzung. Breslau, vorlag von Wilhelm Köbner. 1891. VI und
170 s. 3 m.
Das vorliegende buch hat das verdienst, unsere kentnis von dem czechischen
Faustpuppenspiel, die sich bis jezt im wesentlichen auf Andrees bokanten bericht grün-
dete, beträchtlich zu vermehren und zwei volständige fassungen des Spieles in einer,
wie es scheint, getreuen Übersetzung bekant zu geben. Der Verfasser hat die beiden
texte (neben denen Andi-ees beiicht und aufzoichnungcn eines Studenten über eine
aufführung des Puppenspiels nur wonig in betracht kommen) einer sorgfältigen ver-
gloichung unterzogen, deren nachprüfung dadurch wesentlich erleichtert wird, dass
die beiden s[)iele in sauberem abdruck neben einander gostelt sind. Das i-esultat
dieser vergleichenden Untersuchungen über das Verhältnis der beiden fassungen zu
einander ist dieses, dass die gleiche anläge sowie viele übereinstimmimgen im ein-
zelnen auf eine gemeinsame vorläge hinweisen. Gegen diese annähme wird sich
gewiss nichts einwenden lassen. Über das alter dieser vorläge, die mit C bezeichnet
wird, spricht sich der Verfasser mit der grösteu vorsieht aus; die sprachlichen envä-
gungen, die er anstelt, scheinen ihm zur altersbestimmung entscheidende merkmale
nicht zu gewähren; aus inneren giünden, über die wir indessen keine nähere aus-
kunft erhalten, glaubt er sich aber zu dem Schlüsse berechtigt, dass C weit in das
achtzehnte Jahrhundert hinaufreiche. Auf die weitere frage nach der vorläge von C
geht der Verfasser zunächst durch eine vergleichung der böhmischen texte mit den
deutschen Puppenspielen ein: irgendwelche nennenswerte aufschlüsse ergeben sich
indessen auf diesem wego nicht, obgleich einzelne gute parallelen angeführt werden.
Noch weniger können aber die ansichteu befriedigen, die der vcifasser über das ver-
422 ELUNGEB
hältnis der volksliodor vom Faust zu den czechischeo Puppenspielen vorträgt. Die
an sich nicht alzu schwer zu erkennenden bozichungen zwischen dem volksdi*ama
und dem epischen Volkslieds von Faust sind in neuester zeit durch einen unnötigen
aufwand subtilster Untersuchungen mehr vordunkelt als erhelt worden. Die wichtigste
der dabei in betracht kommenden fragen ist bekantlich die, auf welche weise die in
dem epischen volksliede vorkommende scene, in der Faust sich den erlöser am kreuz
malen lässt, in das drama gekommen ist Kraus versucht den knoten mit einem
kühnen streiche zu durchhauen. Auf dem titolblatt des ältesten druckes des epischen
faustliedes wird ein Prageiisches Comoedi-Lied erwähnt Das bezog man bisher auf
das bekante lyrische Faustlied: ^Fauste, jene Himmelsgaben ^, welches als zweites
stück mit in dem erwähnten druck enthalten ist und dessen bezeichnung als komödi-
liod schon um deswillen keinen anstoss bot, als das liod tatsächlich in mehreren
Puppenspielen vorkomt Kraus stolt nun die ansieht auf, dass nicht das lyrische,
sondern das epische Volkslied als Pragerisches Komödi-Lied bezeichnet werde. Er
schliosst weiter, dass das lied den inhalt einer Prager aufführung widergebe. Da
Prag ausdrücklich ei*wähnt wird, so muss nach seiner meinung diese Prager auffüh-
rung eine ganz besondere bedeutung innerhalb der geschichte des volksdramas haben.
Auf diesem w*egc gelangt Kraus zu der behauptung, dass im siebzehnten Jahrhundert
mit dem deutschen volksdrama in Prag eine entscheidende Umarbeitung vorgenommen
sei ; und aus dieser bearboitung sollen sowol die deutschen Volkslieder als die epische
vorläge von C geflossen sein.
Ist nun schon der reale Untergrund, auf dem diese vennutungen sich aufbauen,
im höchsten masse bedenklich, so wird die ganze hypothese volkommen hinfalhg,
wenn man das titolblatt des ältesten druckes der Faustballado genauer ins äuge lia.sst
])ci unbefangener betrachtung kann es nämlich durchaus nicht zweifelhaft sein, dass
mit dem Pragerischen Comödi-Liod das lyrische gedieht gemeint ist "Was Kraus
s. Ü5 fg. dagegen anfühii;, lässt sich nirgends halten. Der titel begint: „Eine neue
ausführliche Beschreibung dos weit- und wohl -bekannten auch weit -berühmten Johann
Doctor Faust Von Anhalt geboren, Meister der höllischen Geister, wie er sich mit
tlon zwey GeLsteni auf 24. Jahr verschrieben hat^ und nun folgt eine weitere, sum-
marische und grobe Zusammenfassung des inhaltes des epischeu liedes in sätzen, die
meist mit wie eingeleitet werden; am Schlüsse der satz: „wie solches femer im Pra-
gerischen Comödi-Lied zu vernehmen soyn wird*'. Es ist volständig ausgeschlossen,
dass, nachdem so lange von dem ersten liede die rede gewesen ist, dieser satz. der
offenbar auf etwas ganz neues, jedesfals auf et>^'as anderes als das, wovon bisher
gesprochen, hinweist, nun ebenfals auf das epische lied zu beziehen sein solte. Wer
schon viele fliegende blätter des endenden siebzehnten und beginnenden aehtzehnteo
jalirhuiiderts gesehen hat und mit der ait des ausdrueks der titeliassungen vertraut
ist, wird gewiss zugeben, dass der titel weiter oichts sagen soll als: ^Ein Üed von
der persönlich keit und den taten des Faust, femer ein zweites lied (das Pragerische
C'omödi-Lied), in welchem ebenfals von der persönlichkeit des Faust die rede ist^.
Vorausgeschickt hat der Verfasser diesen Untersuchungen eine recht Icsensweite
Übersicht über die ziemlich dürftige böhmische lokalsage vom Faust, eine Übersetzung
dt's Faustbuches von 15S7, eigene czechische dichtungen, die an Faust und verwaute
proMomo anknüpfen, sowie mitteilungen über die cxechischen nachdichtungen des
Goothesohon Faust
BERLIN. GIOBO ILLCCeiB.
ÜBER BOLTI, BAÜBR IM UEDB 423
Der bauer im deutschen liedo. 32 lieder des 15. — 19. Jahrhunderts nebst einem
anhange herausgegeben von Johannes Bolte* Berlin, Mayer und Müller. 1890.
(Acta Germanica, organ f. deutsche philologie, herausg. von Henning und Hof-
fory. m.)
In dem vorliegenden buche hat Bolte aus einzeldrucken, handschriftlichen und
gedruckten liedersamlungen eine reihe von erzeugnissen des volks- imd geselschafts-
liedes znsammengestelt, in denen der bauer und sein leben im mittelpunkto stehen.
Der naive stolz des bauern auf die vortreflichkeit seines Standes komt in diesen lie-
dem ebenso zum wort wie die klagen über die mühseligkeiten, die das bäuerliche
leben mit sich bringt; fast alle Verhältnisse des bauemlebens worden gesheift. Das
bäuerliche liebeslied in den verschiedensten formen fohlt ebensowenig wie derbe trink-,
neck- und scheltlieder und die volkstümliche baliade; die leiden dos bauern, etwa
im kriege, werden uns in chai'akteristischen liedem ebenso vorgeführt wie seine
freuden im Wirtshaus und bei der kinns. Durch diesen umfassenden Charakter erhält
die samlung einen besonderen kulturgeschichtlichen wert, zumal die äusseiningen aus
bäuerlichen kreisen und über bäuerliches leben, die hier vereinigt sind, nicht einer
einzigen periode angehören, sondern aus den verschiedensten Zeitaltern stammen und
somit zu vergleichenden beobachtungen hier reiche gelogenheit geboten wird. — Die
meisten der mitgeteilten lieder waren bisher noch nicht bekant; aber auch wo bereits
irgendwo publicieiie lieder mitgeteilt werden, gibt der herausgeber aus dem reichen
schätze seiner samlungen neue und bessere fassungen.
Die einleitung skizziert kurz die Stellung, welche der bauer in den ver-
schiedenen Perioden der deutschen litteratur eingenommen hat, und verfolgt die
Wandlungen dos geschmacks in dieser beziehung bis auf die gegenwai't Im anhang
werden zunächst zwei Sprüche, ein lob der bauern und eine klage über die hof-
fahrt der bauern, aus einer Münchener handschrift des fünfzehnten Jahrhunderts
mitgeteilt; femer enthält der anhang ein sehr wertvolles Verzeichnis von liedem über
den bauemstand aus samlmigen , Zeitschriften und fliegenden blättem. Namentlich ist
die reichhaltige samlung von fliegenden blättern des 18. und 19. Jahrhunderts, welche
die königliche bibliothek in 25 miscellaiibänden besizt, von dem Verfasser für dieses
Verzeichnis ausgenuzt worden.
Jeder freund der volkspoesie wird dem herausgeber für seine gäbe von herzen
dankbar sein.
BERUN. GEORG ELUNGER.
Egberts von Lüttich Fecuuda ratis. Zum ereten mal herausgegeben, auf ihre
(juellen zui*ückgefühi*t und erklärt von Ernst Voigt. Halle a. S., Max Niemeycr.
1889. LXVI und 273 s. 9 m.
In dem geleitsbriefe ad Alb ol dum episcopum bezeichnet sich der Verfasser
der Fecunda ratis, die uns hier in volständigor commentierter ausgäbe geboten wird,
als E. seruomm dei humillimus prosbiter. Joner kann nur sein bischof Adalbold von
Utrecht (seit 1010), vorher archidiaconus an der kathodrale zu Lüttich, der 1026,
27. nov. starb. Zwischen 1010 und 1026 also ist das werk verfa.sst; genauer zwi-
schen 1022 und 1024, da der dichter der von Cluguy aus über die Niederlande sich
verbreitenden askcse mit rücksichtsloser schrofheit entgegentritt, dor sich doch Adal-
bold in seinen lezten jähren zuwante, und unter der von westen vordringenden ketze-
rei, die er in dem stücke de malis Francigenis brandmarkt, die Neumanichaeer
424 popEB
zu vei-stoheu sind, die durch dio synode von Orleans 1022 verdamt wurden. Adal-
bold würde auch in seiner zwischen 1018 bis 1022 verfassten Schilderung der taten
kaiser Heinrichs II., in der er die Thietmarsche gnmdlage mit Sentenzen und Sprich-
wörtern verzierte, dio Fccunda ratis zum schmuck seiner darstellung verwant haben,
wenn dieselbe ihm vor dieser zeit zugekommen wäre. Der Verfasser hatte das
50. jähr überschritten, als er schrieb, war also ungefähr 972 geboren. Er war Adal-
bolds gleichaltriger Schulkamerad; dieser aber war nicht in Laubach erzogen unter
Heriger und hatte nicht zu Oerberts füssen gesessen, wie fälschlich angenommen
worden ist (Lobiensis bei Sigebert ergibt sich als Schreibfehler für Leodiensis): er
hatte zu Lüttich unter Notker seine ausbildung erhalten und ist zwischen d99 imd
1003 Vorsteher einer dom- oder stiftsschule — nicht der kathedralschule selbst, die
sich Notker vorbehalten — gewesen. — Unter der Lütticher geistliohkeit und den
Zöglingen der dortigen schule unter Heinrich II. und Eonrad H. findet sich mit dem
anfangsbuchstaben £ (ausser dem bereits 1012 verstorbenen Erluin) nur ein Egbert,
von dem Sigebert von Gembloux c. 146 berichtet: Egebertus clericus Leodiensis scrip-
sit metrico stilo de aenigmatibus rusticanis librum primo breuem sed ampliato
rationis tenoro scripsit de eadem re metrice alterum librum maiusculum (was Trit-
heim mit formelhaften Zusätzen ausgeschmückt und mit falscher datierung versehen
hat). Damit ist inhaltlich unser werk bezeichnet (wie sich auch sonst Sigebert mit
der angäbe des sachlichen Inhalts statt des titeis begnügt), vgl. scholion zu I, 3 eo
quod plena iocis et rusticis instrumentis ; auch weite sich der dichter anfanglich nur
mit der uulgi sententia, dem communis sermo befassen. Der ausdruck aenig-
ma aber ist ein umfassenderer und wird neben parabola und proverbium gebraucht,
wie u. a. Alani über parabolarum, d. h. sprich wörtersamlung, zeigt. Im weiteren
verlauf hat er freilich die grenzen nicht innegehalten und teilt diesen fehler mit allen
sprichwörtei-samlungen des mittelalters. Was endlich Sigebert von einer doppolten
bearbeitung sagt wii-d durch unsre dichtung bestätigt, in der die kürzere urform in
der ausführlicheren bearbeitung noch kentlich ist: v. 1 — 4 bilden den prolog, 1(X)5—
1008 den epilog einer aus rund 1000 versen (einer im mittelaltor beliebten verszahl)
bestehenden spruchsamluug.
Für zeit, ort, namen, stand ist somit eine feste grundlage gewonnen. Er lohte
unter Otto II. und III, Heinrich H. und Konrad II., unter den Lütticher bischöfen
Notker f 1008, Balderich f 1018, Wolbodo f 1021, Durand f 1025 und vieUcicht
Keginai-d (f 1036).
Von seinem Jugend- und manneslebon ist wonig bekant: aus einem deutschen,
adlichcn geschlechte stammend und wie sich aus seinen äusscrungen ergibt, für die lauf-
bahn des weltgeistlichen bestimt, kam Egbert um 979 in dio schule Notkers, trat in
ihr seinem mitschülor Adalbold nahe und ergriff mit eifer, was ihm dio schule bot;
von eingehenden fachstudien nach dieser zeit zeugt seine umfassende belesenhcit und
gründliche kontnis der bibel wie der kirchenvätcr. Er wurde dann presbyter und
erlangte einen festen platz in der domgeistlichkeit. Eine lange mühselige Unter-
suchung widmet der herausgeber der frage, an welcher anstalt Egbert gewirkt
habe: es kann keine kloster-, auch keine der sieben Lütticher pfarschulen niederer
art gewesen sein; es bleibt für ihn nur die eine höhere lehranstalt, die Lüttich um
jene zeit besass, die dom schule. Die namen der Scholastiker aber, dio sie geleitet,
und ihre anitsjahre sind durchaus bekant; unter ihnen findet sich für ihn kein platz.
Aber eine bischöfliche domschule kann nicht der tätigkeit eines einzelnen mannes
anvertraut gewesen sein, tiivium und quadrivium nicht in einer band gelegen haben;
ÜBER EORIRTS nCUVDA RATI8 ED. VOIGT 425
es hat unter den scholastici auch prosoholi, submagistri gegeben, und ein solcher ist
nach ansieht des herausgebers auch Egbert gewesen für das gebiet dos trivioni: er
lehrte grammatik und Wortschatz der lateinisohon spräche, rhetorik, dialektik. Und
zum zwecke der erweitorung und ergänzung des trivialen profanunterrichts hat er seine
prora geschrieben. Der herausgeber stelt nun sorgsam aus dem werke zusammen
alle hindeutungen auf Egberts erfahrungen im lehrerberufe und seine pädagogischen
maximen; er zeichnet ein freundliches bild des fünfzigjährigen, der einst einen höhe-
ren Wirkungskreis gehabt und sich nun auf die Unterstufe beschränkt sieht, für die
er dies lehr- und lesebuch abgefasst hat Zum erstenmale ist in diesem die ein-
heimische Spruch- und beispielspoesie in ausgedehntem masse berücksichtigt; es
ist für die didaktische dicbtung der sächsischen kaiserzeit das geworden, was der
Waltharius für die epische ist. Es sind drei gruppen^ in die sich das ganze werk
Egberts zerlegt: A. die Catogruppe, die in der hauptsache nur proverbien und Sen-
tenzen enthielt, in einzeiligen (bis 596) und zweizeiligen (bis 1006) Sprüchen; da die
fabel, das zweite eloment des primärunterrichts , in dem engen räume nur in ihren
pointon angedeutet werden konte, nahm er in der zweiten gruppe B. in drei-, vior-
und mehrzeiligen gedichten (bis 1768) den wetstreit (?) mit der römischen fabeldich-
tung auf und führte darin zugleich ein buntes allerlei weltlichen, vorhersehend bio-
graphischen Charakters vor (die elemente von B sind hauptsächlich 1) spruchartigo
betrachtungen aus der Bibel, den kirchenvätem, den klassikem, den einheimischen
Spruch- und formelschatz , 2) solche, welche des dichters individueller empfindung
klagenden oder satirischen ausdruck geben, 3) fabeln imd fabelelemente, nebst lehr-
haften erzählungen und schwanken); da endlich der trivialunterricht nicht Selbstzweck,
sondern nur Vorläufer und grundlage der theologischen Studien war, so fügte er eine
dritte hauptgi*uppo C (605 verso) hinzu, welche katechismusstüoke, ethische, alle-
gorische, legendenhafte abschnitte umfasste (aus der bibel, Gregor, Augustinus, Am-
brosius u. a.) zur Vorbereitung und einführung in die geistliche gelehrsamkeit. Die
dem profanen lehrstoff im wesentlichen gewidmeten gruppen A und B machte er zum
ersten, die theologische gruppe C zum zweiten buche der dichtung und nanto das
ganze, das wie die arche Noah die ganze weit im kleinen umschloss, das vol-
beladeno schiff, und seine beiden bücher bug und Spiegel.
Von der älteren prosa, der gruppe A, v. 1 — 1008 (warum nicht in gleicher
weise für die anderen teile des werks?) stelt der herausgeber sodann die quellen (A:
römische litteratur, prosa und poosic, B: bibel, C: die kirchenväter) , soweit sie zu
ermitteln waren, zusammen und zeigt, dass der Verfasser aus einer altem rccension
der contradictio Salomonis geschöpft haben muss. Egbeit bietet unmittelbare
fruchte umfassender auf die quelle zurückgehender loktüre; seinem werke liegen nicht
bloss cxceri)te und ilorilegien zu gründe. Seuie auswahl aus den quellen war keine
erschöpfende; nur für die einheimischen Sprichwörter strebte er nach möglichster vol-
zähligkeit. Es ist ein schätz von über 200 wirklich einheimischen Sprich-
wörtern und beispielon durch ihn überliefert, ein schätz, der von jedem kenner
der Volkskunde im vergleich mit der gnomik anderer nationen als ebenso gross und
mannigfach wie sinnig und poetisch bewundert wei-den wird und hinter dem alle
neueren samlungsvereucho geradezu verschwinden.
in welcher weise Egberts dichtung auf ihre und die folgende zeit gewirkt hat,
ist schwer zu sagen. Sie ist nur in einer handschriit (cod. 196 der Kölner dombiblio-
thek) und in einem excerpte (n. 51 — 60 der Proverbia Rustici s. XIU in., s. Rom.
Forsch. III, 639) überliefert; aber vereinzelt ist sie, wie die scholien der handschrift
426 PEIPRB
beweisen, im Unterricht benuzt worden, und als schulmann wird Sigebert von Gem-
bloux sie kennen gelernt haben. Es sobeint doch, dass es das vorgehen Egberts
ist, welchem wir die weiteren Spruchdichtungen des XI. Jahrhunderts verdanken:
Arnulfe Deliciae cleri, Otlohs über prouerbiorum, die Prouerbia Wiponis, die
ßcheftlarer Sprüche, vor allem die Prouerbia Heinrici, an die sich im XII. und
XIII. Jahrhundert anschliessen das floiilegium Yindobonense, die alphabetische blü-
teniese von St. Omer, die Proverbia Rustici, das Morilegium Gottingense, die durch
die in den nationalsprachen abgefassten, teils mit teils ohne lateinische version
erscheinenden deutschen und französischen spruchwerke vervolständigt werden.
Das Verhältnis dieser samlungen zu Egbert, mit dem sie oft im Wortlaut auf-
fällig übereinstimmen, darzulegen hat der herausgober wol mit absieht in rechter
erkentnis, dass dazu mancherlei vorarbeiten gehören, noch nicht versucht (vgl. I, 146.
224. 336). So ist auch das Verhältnis des scholiasten zu Egberts arbeit (s. s. VIII)
nicht völlig klar gelegt; manchmal irt der scholiast (nicht überall, wo Voigt einen
irtum annimt), manches hat er selbst nicht verstanden; manches versteht er, was
wir nicht belegen können (z. b. I, 334); sein scholion steht einigemal den original-
Sprichwörtern näher, als die fassung, die Egbert dem Spruche gegeben hat (z. b. I,
154 verglichen mit dem Friesischen Sprichwort), oder er kent offenbar die quelle des
Spruchs (wie I, 189). Ist es einer, der die schollen verfasst hat? Sind sie das werk
mehrerer? wai-en ihm oder ihnen die quellen Egberts bekant und zur band? Die
nächstliegende Vermutung ist wol die, dass der scholiast ein ehemaliger schüler des
dichters gewesen ist
Gehen wir nach dieser darlegung der grundzüge der einleitung zu dem werke
Egberts selbst über, so können wir nicht verhehlen, dass Voigt den wert des Werkes
unserer meinung nach doch überschäzt und ihm zu viel ehre angetan hat. Wenn
wir auch Egberts samlung der deutschen Sprichwörter hochschätzen und an seiner
auswahl bezeichnender, origineller stellen der bibel wie der kirchenväter unsere freude
haben, so iässt sich doch bei der metrischen und sprachlichen beb an diu ng, die
dieser stoff durch ihn gefunden hat, eine förderung der schüler, die er durch das buch
beabsichtigte, kaum als möglich denken — sie kann noch viel weniger, bei aller noigung
zu jenen Studien, uns heute irgend anmuten. Um so mehr ist es zu bewundern, was
der herausgeber, um jenen deutschen schätz zu heben, mit hingehendstem eifer und
entsagungsvoller unverdrossenheit aus diesem werke gemacht hat: ein buch voll des
interessantesten Stoffes, das keiner, der für den sprach sinn hat, ohne gewinn aus
der band legen wird; ein unentbehrliches rüstzeug für alle, die mit dem sprich wör-
terwesen im algemeinen und besonderen sich befassen. Der text selbst bot dem her-
ausgeber bei der beschaffenheit der einen handsclirift nicht gar grosse Schwierigkei-
ten; w&s wir im einzelnen dagegen zu sagen haben, reihen wir später in imsre
bemerkungen ein. Das Verständnis desselben konte nur durch' den bewunderns-
werten fleiss und die staunenerregende findigkcit (eigenschaften, die uns am heraus-
geber nicht mehr neu sind), mit der Voigt die beziehungen der einzelnen verse (ja
Worte) und ihre quellen aufspürte und von allen Seiten her und aus allen zeiten
belege sammelte, gefördert, meist überhaupt erst ermöglicht werden'. Wie versteht
er 08, selbst aus einem scheinbaren nichts etwas zu machen, was band und fuss hat,
1) DiLs ungoschick des dichtors ist besonders zn beklagen in den monosticha (vgl. I, 131; ohne
kommontar ist vieles ganz unverständlich , wie 1 , 269. 323 u. a. ; die konstraktion macht gar oft die
grOsten Schwierigkeiten I, 222 fg. 333 n. a.). In den zwei- and mehrzeiligen Sprüchen vezriDgert sich die
Unklarheit: sie war also folge des metrischen Zwanges.
ÜBSB EGBERTS FECÜNDA BAUS ED. VOIGT 427
und aus taubem gestein goldkörner zu gewinnen! So ist das buch eine reiche fund-
grube edlen erzes geworden, aus der man erquickung gewint für die mühseligkeit
des textstudiums, und die man auch ohne den text zu berücksichtigen gern wider
aufsucht
Bei den Schwierigkeiten, mit denen der erkiärer auf schritt und tritt zu ringen
hatte, ist es für ihn kein Vorwurf, dass er manches oft recht naheliegende übersehen,
dass er widerum öfters Schwierigkeiten gefunden hat, wo solche nicht vorliegen, und
über das ziel hinausgeschossen hat Wir wollen im folgenden zusammenstellen, was
wir im einzelnen einzuwenden oder hinzuzufügen haben.
Zum öfteren hat der herausgeber in dem teile, der zumeist monosticha enthält,
mehrere derselben zusammengegliedeii. Sicherlich gibt es doppelverse, z. b. 222 fg.
244 fg.: aber die grössere zalil derer, die Voigt dazu stempeln will, dürfen wir nicht
als solche anerkennen. Abgesehen von unrichtiger erklärung (siehe unsere weiteren
bemerkungen; sodann 575 fg.) ist doch zu bedenken, da.ss der dichter in derselben
zeit ganze versreihen geschaffen hat, wo dann ein gedanke den anderan erzeugte;
so ists nicht wunderbar, wenn mehrere verse hinter einander verwanten sinnes sind.
Auffällig ist das, um ein beispiel von vielen anzuführen, bei v. 50 und 51, die auf
bcobaohtung verwanter erscheinungen beruhen. Zu doppelversen verbinden dürfen
wir dieselben darum doch nicht Ich beanstande also diese Verbindung bei 12 fg.
30 fg. 34 fgg. 46 fg. 148 fg. 161 fg. 205 fg. 218 fg. 333 fg. u. a.
Zur erklärung möchte ich mir erlauben folgende kurze bemerkungen anzu-
fügen.
46 poleirintts kann hier nimmermehr „füllen*^ bedeuten; es ist dasselbe wie
poltron, deaidtosiM, segnis s. Du Gange. Der folgende vers hat nur entfernte verwant-
Schaft damit und ist abzuti*ennen.
174 kann pro meines erachtens nur praeposition sein.
178 tiertit ist gleich euertit im gegensatz zu stantes zu fassen.
180 Die erkläi'ung «ganz abgesehen usw.*^ ist entbehrlich.
319 Wenn der scholiast^/o« als sororuxoria erklärt, so möchte ich sein zeugnis
doch nicht ohne weiteres ablehnen. In die namen verwantschaftlicher beziehung hat
sich allenthalben eine erweiterte bedeutung eingeschlichen, und grade die bezeichnun-
gen Schwager und Schwägerin zeugen davon. Die ehe mit der Schwester der verstor-
benen frau ist noch heute in vielen landen nicht ohne anstoss. — Der sinn des ver-
ses ist bei dieser annähme ein guter.
327 Ich interpungiei'e : Cur . . . elitellas ? propter asellos. Ich finde keine diffe-
renz zwischen Egbeii; und seinem scholiasten.
415 Man kann die stelle auf die feuer- und rauchsäule des Exodus (13, 21)
deuten, oder auf Frontiu n, 5, 16 verweisen: ifüerdiu fumo^ noctu igne aignificare.
Das in der anmerkung beigebitichte scheint mir fremdartig.
428 Ich interpungiere: Omne, quod est, in pr. stat limite casus {casus geni-
tiv). Alles auf erden ist dem zufall unterworfen. Die erklärungen und parallelen
die Voigt gibt, scheinen mir nicht zu passen.
434 Man darf nicht anstand nehmen, hanor in seiner eigentlichen, weiteren
bedeutung festzuhalten; vgl. 510.
459 Die Zusammengehörigkeit mit 458 steht nicht so fest Mit hoo cckmien
ist der ruf oder ton „ but but ^ bezeichnet — also die klammem müsten fort Was
de comibtM besagen will, ist nun nicht schwer zu enträtseln. Die knaben „tutten*^
auf den hörnern {comutant)^ bringen leider keine anderen töne als das ewi^ wider-
428 PEIPER
holte hut but hervor; nicht besser, deutet er damit an, sind ihre schoUeistungen.
Die huccina wird in Dieffonbach Gloss. 85 butietna oder auch buticitina genant,
butare (neben buffare d. h. buffas inflare) erwähnt Du Gange: das hängt wol beides
mit dem naturlaute but but zusammen.
464 TVer sein leben bedroht sieht und sich nicht zur wehr sezt, ist an einem
morde schuldig, ist so gut wie ein Selbstmörder.
523 Die erklärung passt nicht; so trivial der vers ist, muss sich doch Egbert
etwas dabei gedacht haben; wahrscheinlich: „kein genuss ohne arbeit; jeder genuss
will errungen sein."
531 Ich tilge das komma hinter, humi^ denn nee ist nur verstärktes non
oder soviel wie ne — quidem,
538 Ich sähe lieber et statt est*
571 Das komma muss hinter, nicht vor bellum gesczt werden:
dum iocus est bellum, cessare (sc. a bello) et omittere debes.
572 donis: natürlich ein ganz frostiges Wortspiel, wenn nicht ein bittrer tadel
gegen die lohrer drin steckt, welche geschenko nehmen — wie übrigens Voigt selbst
schon s. Xn anm. 7 vermutet.
605 Ich verstehe den vers nicht, wenn stipulas imitatus verbunden werden
soll; ich würde lieber constmieren: eattuhis inprimis oberrat stipulas (vorwurf der
Oberflächlichkeit, vergleich aus dem leben geholt: wer hätte nicht schon wildernde
katzen über die stoppeln streichen sehen?) imitatus artem (nicht initiatus oder
institutiis arte), ad quam sollers uix producceris ueterem. Es wird trotz deiner
anstrengung, trotz langen Unterrichts nie etwas anderes als eine näscherin aus ihr.
628 Ich nehme iurgia im eigentlichen sinne : irrita iurgia iactabit == ipsa
suas nolit pondus habere preces? post pretium dandum == quae poscet munus.
659 Die zweite hälfte der erklärung scheint mir entbehrlich: („andrerseits darf
nicht*^ usw.); ich kann curruca nur als hahnrei gelten lassen.
701 nmic scheint mir keine gute bosserung der hds. lesart non: es dürfte sich
noua . . uxor empfehlen , wie z. b. Ouid M. IX , 103 noua cum eoniuge bietet
717 edita kann nicht richtig sein (geboren?), es soll doch „bedeckt*^ heissen.
Könte scherzhaft condiia gesagt sein?
722 Wie Voigt diesen vers mit 721 verbindet, ist mii- nicht klar gewoixien.
Ich würde s. 721 als ausruf der mutter in anfühiiingszeichen einschliessen : da (als
die mutter das kaum gesagt) ist auch der wolf schon da. Auch bei uns üblich.
871 Ich sehe keinen grund, aiebat zu ändern.
877 Solte nicht besser komma hinter salubres, kolon hinter atnor gesezt
werden?
909 Der vers hat meines erachtens mit dem Soldaten bei Horaz nichts zu tun;
er steh|; in gedanklicher verwantschaft mit den ihn umgebenden verson 997 fg. und
1001.
1023 Ich würde lieber amorem schreiben.
1129 Der gedanko muss sein: mit der indignatio ist es nicht getan , trotz deren
gedeihen sie wol; sie müssen zertreten werden. Daraus ergibt sich mir tarn non
minus illa uigescunt; ans uiescunt , wie man wol schrieb, war leicht der fohler ^«w-
scunt gemacht.
1180 Der vers kann nicht dem fuchse in den mund gelegt werden. Natürlich
hat der bär als bowerbor an der wähl nicht selbst teilgenommen; aber er hat seine
hinterträger gehabt und durch sie des fuchses misgünstiges votum erfahren; dafür
ÜBIR KQfiBRTS ITBCÜÜDA &ATt8 KD. VOIGT 429
hat er ihn denn später (inde) derb abgestraft, und danach {hine muss man statt hie
schreiben) berichtet der fuchs den brüdem sein leid. Also die anführungszeichen vor
und hinter 1180 müssen \veg, hinter 1181 muss kolon gesezt weixien.
1205 Erwünscht wäre eine samlung von besonders hervortretenden stellen mit
allitteration gewesen, wie sie hier in tero ter tria iura, 1308 loca late lumine
liistrans und anderwärts erscheint.
1218 indoles egregia lässt sich wol halten.
1243 Ich schreibe hine statt hicy wofür Voigt hoc will.
1322 aliquid maius gehört zusammen.
1323 Das komma setze ich hinter protinus, nicht hinter poteris.
1341 Ich möchte dentihus inlisis der hds. lesart inuisis vorziehen. Beleg-
stellen dafür gebe ich nachher an: für jenes finde ich keinen beleg.
1347 Es ist kein grund von der Überlieferung cmisueta mali uesania uentria
abzuweichen: im gegenteU spricht alles für dieselbe. TVarum %o\iQ consuetus hier
nicht absolut stehen dürfen, da es die alten so gebraucht haben? ich sehe nicht, wie
1425 dagegen sprechen könto. mali uentris uesania ist gut gesagt: statt mala u. i.
II. 185 quae res wird kein Icser alter und mitlercr zeit anders haben verste-
hen, kein schriftsteiler anders haben gebrauchen können als im recipierten sinne {id
quod): die werte zu trennen und als verschiedene casus zu erklären, geht schlech-
terdings nicht an, und wenn sich ein logischer fehler ergäbe bei der gebräuchlichen
auffassung der werte, so müsto dieser dem schriftsteiler schuld gegeben werden. Das
scheint aber doch hier nicht der fall zu sein. „Dieser umstand (diese auseiuander-
setzung auf grund der Hiobworte) lässt deutlich erkennen, dass [womit auch der
evangelische bericht übereinstimt] selbst in die Schweine der böse nur auf gottes geheiss
fährt. "Wer den ausdruck porei auf sich beziehen solte, wird Egbert wol gewusst
haben.
Zu den Auetores vei*mag ich noch viel weniger zu bieten, abgesehen von dem
hinweis auf eine quelle, die seitdem so gut wie verschollen war.
23 Vgl. Dracontii Satisf. 261 de laud. dei I, 295 fgg.
52 Vor allen gehört natürlich Hercules -Juno hierher.
73 Gerstenbrot: auch als strafkost zuerkant von Marcellus bei IJv. 23, 17, 9.
Geringe kost der Pullanen s. Ersch und Grubor II, 1, 137. I, G2. G9. Schenkl.
Bibellexicon s. v. gorste.
440 Ihiyiut plectrum: vgl. Avitus I, 88. Fortunat. vita Martini 4, 39.
448 Ähnliches erzählt Gregor von Tours de gloria conf. 75 und das kürzhch
von AV. Braudos herausgegebene gedieht de hiudibus domini (Progr. Brauuschweig
1887).
520 Vergil. G II, 103 (I, 137) vgl. Dracont. de laud. dei I, 215. 111, 8,
Boet. Conf. II c. 2 u. a. Otto Spr. s. 159 und 321 fg.
701 Ein kleiner beitrag zu der samlung von belegen sei mir vergünt Rabbi
Jose bar Rabbi Bun sagte: Auch wenn ein mann eine frau heiratete, welche nicht
für ihn passte, brachten seine verwanten körbe und fülten sie mit feigen und nüs-
sen; darauf zerbrachon sie dieselben in gegen wart der kinder, und diese suchten den
iuhalt auf und sprachen: N. N. ist von seiner familie abgeschnitten worden. Schied
sich ein mann von seiner frau, so geschah dasselbe, nur sprachen die kinder: N. N.
ist zu seiner familie wider zurückgekehrt. Aug. Wünsche, der Jerusalemische Tal-
mud. Zürich 1880 8. 200.
480 PKIPBR, ÜBBR IGBIBTS yiCÜNDA fiATtS BD. VOtOT
931 uentrieulus deus: in jener zeit und später oft gebraucht C. Bur.
CLXXXVI.
907 Ouid. M Yl, 386 a non est ,. tibi tanti,
1005 qui eondidit mnnia soltis: so wörtlich Dracontius de laud. dei m, 11.
1015 commutat fortuna uices: Boet Consol. phil. I c. 5, 29 tiersat Fortuna
uices. Vgl. Dracont de laud. dei 11, 54 ac mutent elementa uices III, 306 ignorat
mutare uices Satisf. 247 (= Columbani ad Seth. 64) altemant elemenia uices,
1080 Horaz Ars. 417 oceupet hune Scabies.
1205 Ouid. F II, 573 tria tura.
1237 Jierbarum uires: Catonis dist II, 3. Ebenda: menstira et pondere: Sa-
lomon. Sap. 11, 21.
1275 <id unguem: Horat S. I, 5, 32 ad unguem Factus homo.
1341 dentibus itüisis: Draconi Carm. 8, 355. Orest. 618. Man wird nach
den finiher aus Dracontius belegten stellen, zumal zu 1005, nicht zweifeln dürfen, dass
Egbert ihn wirklich gekant hat. Nach den jüngsten mitteilungen von Manitias im
Rhein, niuseum 46, 493 ist daran nichts verwunderliches.
1469 Horat. Ep. I, 18, 84 nam tua res agitur, paries cum proximus ardet.
1582 Ouid. M. XIÜ, 901 Mbula . . arena. Prudent. P. XI, 141 hibulae
arenae.
n. 33 Vergil. G I, 85 crepitantibus urere flammis.
66 contento uiuere paucis^ ebenso 11, 593, vielleicht aus Horaz S I, 3, 16
huic parco paueis contento?
373 non hostia dignior tdla, und 420 hostia grata deo, erinnern wider ao
eine reihe Dracontius -stellen: Carm. 10, 243 non est haec uicthna digna. Orest
881 non est haec fiostia grata. Carm. 10, 246 iam non erit hostia grata, de laud.
dei III, 113 hostia grata iacens.
433 qui dum carpit iter: Ouid. M. X, 709 carpit Her XIV, 122 durnque
iter . . carpit. Dracont Orest 108 interea dum c. i. Satisf. 313 sessorem dum c. i.
444 ante malorum: Vergil. A I, 198.
463 incircumscriptfts circumscribenda : vgL H, 106 (g.
Die zahl der druokversehen ist bei dem schwierigen druck eine zum ver-
wundem geringe. S. 122 erkl. zu 635 z. 6 lies einst mehr statt nicht mehr, s. 211
vor 99 wird doch wol in HERVSALEM das I ausgefallen sein. Das wäre ausser
einigen abgesprungenen punkten alles, was mir in dieser beziehung aufgestossen.
Glossar, metrischer index, namen- und Sachregister sind mit Sorg-
falt, wie man es beim verf. gewöhnt ist, gearbeitet Jedoch ist im glossar die beschrän-
kung auf werte und bedeutungen , die nicht im Georges ^ stehen , bei einem so schwie-
rigen Schriftsteller, der allerhand spätlateinische ausdrücke gebraucht, zu bedauern.
Wir haben ähnhches schon beim Isengrimus empfunden. Wer weiss ohne nachzu-
schlagen mit afites, capulare, uoluiabra, uitulamina b^scheid? und es ist doch
auch von vorteil, die belege für die ganze spätere latinität möglichst vereint zu
linden.
BRESLAU. R. PKIPKR.
lltSOKLUtN 431
MISCELLEN.
Koeh eiBMial täte im bedlnfimipssatze.
Mit bezag auf die in der Ztschr. f. d. phil. widerholt (zulezt XXIV, 202. 504)
angeregte frage nach erklämng und gebrauch der Wendung y^wenn ... thäte^^ die
bisher nur für das 16. und 17. Jahrhundert belegt war, macht dr. 0. Bottich er
mich auf eine stelle bei Geliert aufmerksam. In der fabel „Damötas und Phyllis*
heisst es str. 6:
0, thäte nicht sein böser Hund,
Ich müsste diesen Schäfer küssen.
Hier ist die negation nickt hinzugefügt, ohne welche der satz dem 18. Jahrhundert
ebenso unverständlich gewesen wMre, wie uns; aber das verbum tun in der beden-
tung: wirksam sein, d. h. vorhanden sein (vgl. diese Zeitschrift XXIII, 42) ist noch
in alter weise erhalten.
Eine ganz ähnliche stelle finde ich so eben noch in der anonymen satirischen
Schrift Karrikaturen (Frankfurt und Leipzig 1788) s. 64: Wenn heut xu Tage die
romehmen Weiber nicht thäten, würde niefnand mehr von Stipendien leben können,
KIEL. 0. ERDMANN.
NEUE ERSCHEINUNGEN.
Comparetti, Domenico, der Ealewala und die traditionolle poesie der Finnen. Histo-
risch - kritische studio über den Ursprung der grossen nationalen epopöen. Deutsche
vom Verfasser autorisierte und durchgesehene ausgäbe. Halle, Max Niemeyer.
1892. XU, 327 s. 8 m.
CosUn, P. J., Aanteekeningen op den Beowulf. Leiden, E. J. Brill. 1892.
32 s. 1 m.
Der als Beowulfkenner und als forsches auf dem gebiet altenglischer gram-
matik rühmlichst bekante holländische gelehrte erörtert und erklärt in scharfsin-
niger, bedächtiger und oft überzeugender weise eine anzahl schwieriger Beowulf -
stellen, meist im anschluss an die neueste, von Socin besorgte G.S. ausgäbe
des Heynischen Beowulf.
Festsehrift zur begrüssung des fünften algemeiuen deutschen ncuphilologentages zu
Berlin pfingsten 1892. Vorfasst von mitgliedem der Berliner geselschaft für das
Studium der neueren sprachen, der geselschaft für deutsche philologie und der
geselschaft für deutsche littcratur. Ilerausgeg. von Jul. Zupitza. Berlin, Weid-
mann. 1892. IV, 202 8.
Wir verzeichnen aus dem reichen inhalt dieser festsehrift die beiden artikel,
die für germanisten von intoresse sind: Job. Bolte, „das märchen vom tanze
des mönches im dornbusch*^ und Erich Schmidt, „ein verschollener aufsatz
A. W. Schlegels über Goethes Triumph der empfindsamkeit*^.
Gillholf, Joh., Das meklonburgische volksrätsel. Gesammelt, eingeleitet und
mit den Varianten herausgegeben. Parchim, H. Wehdemann. 1892. XVI und
142 s. 2 m.
Samlung von 931 volksrätseln in folgender anordnung: 1) der mensch; 2) die
tierweit; 3) die pflanzen weit; 4) haus und hof, häusliche und feldarbeit; 5) stand
und handwerk; 6) jähr und Jahreszeit; 7) rechenaufgaben und verwantes; 8) Wort-
spiele; 9) biblische scherafragen; 10) rätselmärchcn; 11) verschiedenes. — Die
432 NSÜB RRSOHEtNÜKOlK. — KACRmcfitEK
einzelnen abteiluDgen sind durch gut orientierende und anregende algemeine
bemerkungen, die ganze schrift durch ^beitrage zur lehre von der inclination im
niederdeutschen^ eingeleitet» Unter den litteraturausgaben sind die beiden sam-
lungen Frischbiers in dieser zeitschiift bd. IX und XI berücksichtigt, nicht
aber die noch umfangreichere XXIV, 240 — 264, welche gerade viele parallelen
und Varianten zu den von Gillhoff veröffentlichten rätseln bietet.
Hess, Oeorgr, Geist und wosen der deutschen spräche. Eingeleitet durch eine
kurze lebensbeschreibung des Verfassers (f als direkter des gymnasiums zu Erfurt
1891) von K. H. Keck. Eisenach, M. Wilckens. 95 s. 1,60 m.
Inhalt: I. Lautbeschaffenheit. *II. Formenbildung und forraenvenvertung.
m. Wortbildung und wertschätz.
SehiUer, Geschichte des dreissigjährigen krieges (buch III). Abridged and
edited hy Karl Breul, university lecturer in Oerman. Cambridge, university
press 1892. XXXn und 194 s.
Diese schön ausgestattete ausgäbe beweist in erfreulicher weise, dass mao
auch in England den schriftstellerischen und pädagogischen wert des Schillerschen
geschichtswerkes zu schützen weiss. Die (englische) einleitung ebenso wie die
erläuteiiiden anmerkungen zeigen eine achtungswerte bekantschaft mit der deut-
schen litteraturgeschichte und Sprachwissenschaft. o. e.
NACHRICHTEN.
Die revidierte Lutherbibel ist im vorläge der v. Cansteinschen bibelanstalt
in Halle a. S. erschienen; der preis ist für die gewöhnliche ausgäbe (mitteloktav iu
Petitschrift) ungebunden 1,()0 m., gebunden 3 — 10 m.; für die feine ausgäbe mit
breiterem rando ungebunden 5 m., gebunden 7 — 13,50 m. Das noch von dr. 0. Frick
(t im Januar 1892; das angekündigte ausführlichere , begleitwort " ist nicht ei-schie-
nen) geschriebene voi-wort gibt eine* dankenswerte Übersicht über die seit 1857 für
die sachliche und sprachliche revision des bibeltextes geführten Verhandlungen und
arbeiten, deren resultate 1883 in der „probebibel'* (vorlag der buchhandlung des Wai-
senhauses) öffentlich vorgelegt wurden. Die von verschiedenen Seiten gegen die probe-
bibel ausgesprochenen bedenken (vgl. darüber diese Zeitschrift XVII, 125 fg. XVIII,
376 — 380. XX , 30 fg.) sind von den zur supeiTOvision berufenen sorgfältig erwogen
worden; sie haben (nach den treffenden werten von 0. Frick) sich ernstlich bemüht,
dass die ehrwürdige kraft der alten Luthersprache mit der spräche der gegenwart
immer mehr in einklang gesezt werde, und zwar so, dass die alte Lutherbibel uns
als schul-, gemeinde-, volks- und kirchenbibel erhalten bleiben kömie.
Am 24. juni starb zu Kopenhagen der assessor beim oberappellationsgencht
und ohreudoctor der Kopenhagener univeraität, Yilhjälmur L. Finsen, rühmhch
bekant als herausgeber der altisllindischeu rechtsquellen (geb. 1. april 1823 in Reyk-
javik).
Der privatdocent dr. F. Holthausen in Giessen wurde zum ausserordentlichen
Professor befördert.
HaJle a. S., Buchdruckeroi des Waisenhauses.
HBEEKS SAGA UND NIFLUNGA SAGA.
In meiner abhandlung über die handschriften und redaktionen der
fidreks saga im Arkiv för nord. fii. VII, s. 205 — 243 gelangte ich
s. 226 fgg., 242 — 43 zu folgenden resultaten:
Die von einem Norweger geschriebene PS. ist uns in einer
kürzeren ursprünglicheren fassung und einer weitläufigen Umarbei-
tung überliefert. Die kürzere redaktion ist nur teilweise, und zwar
in einer einzigen handschrift erlisten, die längere hingegen ziem-
lich volständig und in mehreren handschriften, deren keine das
original der Umarbeitung ist. Die einzige membrane, nr. 4 fol.
der königl. bibliothek in Stockholm ist eine mischhandschrift, da
sie teils die kürzere fassung, teils die längere Überarbeitung wider-
gibt; dies erklärt sich daraus, dass die handschrift unter der lei-
tung zweier redaktoren, die von einander abweichende vorlagen
benuzten, geschrieben ist. Der erste teil der handschrift, nach
ihrem redactor membr.^ genant, hört im c. 196 auf, der zweite teil
aber, membr."*, fängt schon bei c. 152 an; der Schreiber von membr.^
hat nämlich in die arbeit seines Vorgängers mehrere blätter ein-
geschoben.
Ausser membr.^ kommen noch drei handschriften der längeren
redaktion in bctracht, nämlich eine schwedische Übersetzung der
vorläge voji membr.^ (S) und zwei verhältnismässig junge papier-
^ handschriften (AB), welche eine isländische bearbeitung der saga
repräsentieren. AB bilden demnach membr.'^S gegenüber eine gruppe
(I) und zusammen mit menibr. ^S eine grössere gruppe, deren vor-
läge wir U nanten.
Durch hcranziehung von membr. 2, welcher handschrift leider
c. 1 — 20 fehlen, ist es möglich einen teil der Umarbeitung zu con-
trolieren. Durch vergloichung der handschriften hat sich ergeben,
diiss diejenigen capitel innerhalb des abschnittes c. 21 bis 196,
welche zwar in ü, aber nicht in membr. - überliefert sind, der
ureprünglichen saga nicht angehört haben. Es sind c. 152 — 169
ZKITSCllRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIK. BD. XXV. 28
434 noKR
(vSigurfls Jugend und eine von c. 170 abweichende erzählung von
HQgnis geburt), c. 172 — 188 (die beschreibung der beiden und
ihrer rüstungen). Weiter ergab es sich, dass in U eine zweite
redaktion von c. 21 — 56 (Vilkina saga) und eine von c. 144 abwei-
chende nachricht über Osantrix tod (c. 191 — 192) hinzugefügt
wurde und dies die veranlassung gewesen ist, dass in den meisten
uns überlieferten handschriften der redaktion ü die ursprüngliche
Vilkina saga fortgelassen und der inhalt des c. 144 in I insofern
geändert wurde, dass Osantrix mit dem leben davonkomt. Schliess-
lich, dass der prolog unecht und wahrscheinlich nicht einmal älter
als die isländische bearbeitung der I^S ist.
So leicht nach erörterung der handschriftenfrage, wenn man
membr.2 heranzieht, die kritik von c. 21 — 196 ist, so schwierig ist es,
in bezug auf den zweiten teil der PS, welcher nur in der Umarbeitung
vorliegt, zu entscheiden, was ursprünglich ist und was später hinzugefügt
wurde. Aus dem Verhältnis der handschriften lässt sich nur auf die
Wahrscheinlichkeit schliessen, dass auch dieser teil manche interpolation
enthalten wird, eine Vermutung, welche an dem mangelhaften zusam-
menhange vieler in ihm enthaltenen episoden, der uns noch weiter
beschäftigen wird, eine stütze findet; es ist aber äusserst schwierig,
einen richtigen massstab für die beurteilung der einzelnen abschnitte
zu finden. Der zweite teil der I^S fordert demnach eine selbständige
Untersuchung, welche ausserhalb der grenzen meiner vorigen abhand-
lung lag, aber doch auf grund der dort erreichten resultate geführt
werden kann. Diese Untersuchung bildet den hauptinhalt der folgenden
blättcr. Bevor wir aber die einzelnen episoden der PS in betracht
ziehen, ist es durchaus notwendig, dass wir über die principion klar
werden, welche bei der kritik der PS im äuge zu behalten sind. Es
ist in dieser hinsieht viel gesündigt, und die resultate entspraclien
durchweg der methode. Ein fehler, den man selten vermieden hat,
ist der, dass man die ursprünglichkeit der einzelnen partien der PS
nach ihrer gr('>sseren oder geringeren Übereinstimmung mit hochdeut-
schen epen beurteilte. Dass eine solche Übereinstimmung nichts beweist
da ein umarbeiter quellen benuzt haben kann, welche der hochdeut-
schen Überlieferung vei*schiedener sagen sehr nahe, teilweise sogar
näher standen als die des verfassei*s, wurde a. a. o. s. 229 fgg. mit
besonderer berücksichtigung der Vilkina saga ausgeführt Man muss
demnach in der PS selbst das kriterium zur beurteilung der PS suchen,
und zwar zunächst in dem teile der saga, der luigefähr in seiner
ursprünglichen form erhalten ist, d. h. in c. 21 — 196. Die quellen-
I>IDREKS SAGA UND NIFLUNOA SAGA 435
frage, obgleich von der frage nach der komposition der saga nicht
ganz zu trennen, nrnss doch genau von ihi- unterschieden werden.
Schon bei oberflächlicher betrachtung der c. 21 — 196, wie sie
in menibr.2 überliefert sind, muss es auffallen, dass der sagaschreiber
nicht alles das in die saga aufnahm, was ihm nur von fremden beiden
zu obren kam, sondern dass er seinen stoff zu einem einheitlichen
ganzen zu gestalten versuchte. Alle erzählungen, auch solche, in denen
die hauptrolle anderen personen zufält, gruppieren sich um Pidrekr,
den beiden des ganzen. Der zweite teil der fS, der nur in der Um-
arbeitung U überliefert ist, ist dagegen überaus reich an episoden, in
denen I^idrekr gar keine, oder nur eine bedeutungslose rolle spielt
Da liegt denn doch die Vermutung nahe, dass dieser zustand wenig-
stens bis zu einem gewissen grade dem umarbeiter zuzuschreiben sein
wird. Es ist weiter von vorn herein wahrscheinlich, dass eine scharfe
gi'enzlinie zwischen dem, was ursprünglich, und dem, was interpoliert,
nicht überall nachweislich -sein wird, denn nicht nur sind in der
längeren redaktion neue episoden hinzugefügt, sondern es sind auch
mehrere in abweichender fassung mitgeteilt, wodurch die kritik der
betreffenden abschnitte sehr erschwert wird ^ Wir müssen daher
bedächtig zwischen den vielen einander manchmal widersprechenden
nachrichten der Umarbeitung hindurch die spuren des Verfassers
suchen, dazu an die stellen anknüpfend, wo durch ein versehen des
umarbeiters etwas stehen geblieben ist, was an eine ältere einheit
malmt; denn aus c. 21 — 196 lässt sich mit gutem gründe schliessen,
dass die PS, soweit sie die arbeit 6ines Verfassers ist, einmal ein orga-
nisches und woldisponiertcs ganzes gebildet hat.
Den ersten abschnitt der PS schlicsst die erzählung von Pidreks
zug nach Bertangaland, welche mit c. 224 zu ende ist. An und für
sich ist es nicht unmöglich, dass schon zwischen c. 196, wo membr.^
und damit die kürzere redaktion der PS aufhört, und c. 224 ein oder
mehr spätere Zusätze vorkommen. Direkte merkmale der Überarbeitung
sind mir hier freilich nicht aufgefallen; es scheint auch kein anlass dazu
vorhanden gewesen zu sein. C. 224 verabschiedet Pidi-ekr sich bei
1) Dio Vilkina saga, welche zufälligenvoise in beiden redaktionen erhalten ist,
zeigt, "svie einige teile der PS in IT behandelt sind. Es muss einleuchten, dass auf
ähnliche weise überarbeitete episoden, fals dio ui*sprüngliche fassung nicht zufällig
überliefert ist, durch keine kritik mehr widerhergestelt werden können, ebensowenig
als es möglich wäre, aus der zweiten Vilk. s. die erste zu rekonstruieren. Allerdings
ist CS oft tunlich, an einzelnen stellen die Überarbeitung deutlich nachzuweisen.
28*
436 BORR
könig Isungr; darauf reitet er mit seinen mannen heim. Es folgt in
c. 225 als einleitung zu dem zweiten teile der saga ein programm für
tidrcks nächste tiitigkeit: Nu er piärecr komuigr oc aUir lians moni
hafa rceynt sie at pvi, at eyigi maSr l verqldu er sd, er nü pari
slxjqld at hera peim i yegn d höhn, pd vilja Jicir nü setja sUi rlki oe
horgir störhqfdingjuin til fa?rdda oc stjOrnar, Pidrekr will also sein
reich befestigen, und zwar dadurch, dass er die regierung über die
verschiedenen provinzen vertrauten personen überträgt. Dieser plan
gelangt sofort wenigstens teilweise zur ausführung: Ferr Hornbogi jarl
heivi til Vinlands oc med honum Omliingr son haus med stna lonn
Fallborg, oc rdda peir sinu rild Iwiga stufid med veg oe satmd, Nü
ferr Shitram austr i Foiidi oc gerix par hertugi oc er enn fragsti
madr, son hans cettmenn liafa vcrit. Nü ferr Herbrandr heim til
slns rikis oc er kann enn rtkasti hertugi.
Aber durch das aussenden einiger vasallen hat iMdrekr doch seine
aufgäbe daheim noch nicht vollendet; man würde erwarten, dass jezt
die weiteren Veranstaltungen erwähnt werden selten, welche er im
intcresse seines landcs trift — c. 223 eröfnct einen durchaus neuen
abschnitt der saga und muss doch mit dem folgenden in irgend einem
Zusammenhang stehen — ; es kann uns daher nur wundern, wenn wir
c. 226 auf einmal vernehmen, dass iMdrekr mit Gunnarr nach Niflunga-
land zieht und den könig sogar auf der brautfahrt nach Sipgardr beglei-
tet, eine nachricht, welche sich übrigens nur in der PS findet, und
die nur den zweck hat, die folgende erzählung an Pidrekr zu knüpfen.
Eine bessere fortsetzung des c. 225 bietet c. 240: Nti er pat eitthrert
sinn, at pidrecr lionungr gcrir ferd slna nordr um fjall, oc med ho-
num Fasold oc petlcifr dmisld, oc alx hcfir hann XL riddara, oc
par til ferr hann, er hann kemr til borgar l}recanfih, oc er honum
par vel fagtmd oc han^ mqnnum, par rdda peim borg IX dr/'fr
Ih'usians lontmgs, oc pcira mödir hefir andaxc af peim harmi, er
hau fecl', pd er drepinn rar Ecka. Oc nti segir pidrecr konungr sitt
cerendi, at hann vil bidja scr til cignarko)iu ennar clxtu döttttr Drus-
iayis konungs, en sü heitir Gudilinda, oc a7inar(rar) peira sgslnr
til handa Phsoldi, cn ennar III systur til handa petlcifi danska . . .
.... Oc nü er efnad til mikillar veixlu oc gqfuglcgrar, oc at pcssi
rei.du kvdngax pidrecr kommgr oc Fasold oc petlcifr danski .... Oc
mi setx P\sold oc petlcifr at riki pvt, er dtt hqfdu d(vtr Drusians
konungs, oc gerir pidrecr komingr pd bdda hertoga, en sjdlfr ridr
hann heim til Dernar ind adra sina menn, oc med honum hans
kona Gndilind; oc er hann kemr heim, sitr hann nü i sinn riki.
I'IDBKKS SAGA UND NIFLUNOA SAGA 437
Die Veranstaltungen, welche PiSrekr im anscliliiss an c. 225 trift,
bestehen also darin, dass er zweien seiner freunde, welche noch kein
land haben, durch eine heirat dazu verhilft, und dass er selbst sich
verheiratet. Was sich zwischen diese capitel gedrängt hat, kann nicht
ursprünglich sein. Es sind zwei episoden: 1. Sigurds und Gunnars hoch-
zeit, zu welcher interpolation der umstand mitgewirkt haben kann,
dass in c. 223 ^ und dem folgenden c. 240, und, was noch näher erör-
tert werden wird, auch in dem capitel, welches unmittelbar auf c. 240
folgt, von verschiedenen hochzeiten die rede war, wozu aber Sigurds
und Gunnars begegnung an könig Isungs hofe die nächste veranlassung
war, 2. die erzählung von Herburt und Hilde. Diese ist so äusserlich
mit I'idrekr verbunden, dass man sie schon aus dem gründe für eine
zutat zu erklären geneigt sein wüi-de; auch steht die erbärmliche rolle,
die Pidrekr in dieser episode spielt, in direktem gegensatze zu der
Schilderung des beiden in denjenigen teilen der saga, die wir als
ui*sprünglich ansehen dürfen. Dass Herburt mit Pidreks braut entflieht,
nimt dieser nicht nur ganz ruhig auf, sondern als ob nichts geschehen
wäre, reist er darauf c. 240 wolgemut nach Drekanfils, um sich eine
andere braut zu holen. Dass dei*selbe mann, der c. 240 verfasste, auch
die gesehichte von Herburt und Hilde solte geschrieben haben, ist aus
dem gründe sehr unwahrscheinlich; ein abschreiber aber, der selber
eine liebesgoschichte, an der Pidrekr beteiligt war, zu erzählen hatte,
wusto sie nirgends besser anzubringen als unmittelbar vor fidreks
hochzeit
Gegen die. ausgeführte auffassung von c. 226 — 239 Hesse sich
anführen, dass c. 224 von c. 226 — 230 nicht getrent werden kann.
Dort vernehmen wir, dass Sigurdr Tidrekr aus Bertangaland nach Bern
heim folgte; wenn also im folgenden nicht mitgeteilt wäre, dass Sigurdr
Bern wider verlässt, müste man annehmen, dass er fortwährend an
Pidreks hofe verweilte; es wäre in dem fall doch zu verwundern, dass
er dort nachher gar nicht mehr genant wird, auch Aväre diese annähme
mit der Niflunga saga — wenn man ihre auffassung in dieser hinsieht
gelten lassen Avill — in offenbarem Widerspruch. Welcher wert aber
auf den anfang von c. 224 zu legen ist, erhelt aus c. 223. Als Pidrekr
und seine holden sich bei könig Isungr verabschieden, bietet Sigurdr
Tidreks mannen Hornbogi und ()mlungr grosse ehrengaben; er hat also
die absieht, selber zurückzubleiben, und dass er seinen plan ändert,
wird nicht mitgeteilt. Dennoch berichtet c. 224 in einem tone, als ob
1) C. 22i5 boriolitet Qnilungs liochzcit mit Isungs tochter Falborg.
438 BOKR
solches sich von selbst ergäbe, dass Sigurfir Pidrekr begleitet Diese
nachricht ist also vom Schreiber von c. 226 — 230 ersonnen i; dasselbe
gilt von dem berichte c. 222, dass Sigiirdr dadurch, dass er genötigt
wird, den Zweikampf gegen Pidrekr aufzugeben, dessen mann wird.
Es ergibt sich, dass der hier besprochene abschnitt der redaction
U sich dem originale gegenüber ebenso verhält als der durch membr.^
kontrolierbare teil: Umarbeitung und interpolation gehen durchweg zu-
sammen. Auf c. 240 folgt die zweite Vilkina saga; wir gehen vorläufig
an ihr vorüber und kommen zu
C. 241 — 274, der kurzen saga von Walther und Hildegunde und der
langen Irons saga jarls. Beim lesen von c. 275 fält es sofort auf, dass
dieses capitel, in dem die Vermählung Vidgas mit Bolfriana, der wit-
we des Aki Qrlungatrausti erzählt wird, die natürliche fortsetzung zu
c. 240, und zusammen mit c. 225 und 240 die einleitung zu den gros-
sen Verwicklungen des zweiten teiles der tS bildet. Die grosse Ver-
stärkung von fidreks macht, welche hier in friedlicher weise vor sich
geht, ruft Erminreks neid hervor, und dieser veranlasst fidreks flucht
C. 275 gibt darüber aufschluss, wie es komt, dass Vidga in den fol-
genden kriegen auf Erminreks seite kämpft, einerseits schliesst es an
c. 240, andererseits enthält es den keim, aus dem sich die späteren
ereignisse entwickeln; im Zusammenhang ist es also unentbehrlich, und
zwar gerade am ende der einleitung, welche die zunähme von Pidreks
macht erzählt Doch könte man noch zaudern, c. 241 — 274 für unecht zu
erklären, wenn nicht auch andere tatsachen die unui-sprünglichkcit die-
ser capitel sicher stelten. In c. 275 wird Akis witwe Bolfriana, welche,
wie das capitel selbst mitteilt, in der Lombardie zu hause ist, Bolfrmna
af Drekanfil genant, ein versehen, das offenbar darin seinen grund
hat, dass ein abschreiber an die drei c. 240 genanten Jungfrauen, welche
in der tat zu Drekanfils wohnten, dachte und vielleicht auch den eben-
fals in c. 240 erwähnten Ekki mit Aki Qrlungatrausti verwechselte.
Dass dieses nicht hätte geschehen können, wenn c. 240 und 275 schon
damals durch 34 capitel ganz fremden inhaltes von einander getrent
gewesen wären, leuchtet ein; dagegen lässt sich der fehler leicht durch
die annähme erklären, dass in der vorläge jenes Schreibers c. 241 — 274
1) AVie es scheint folgten unmittelbar nach c. 223 die worte: Oc nü ferr
pidrekr konungr aptr alla sina leid enu sqtnuy sem äctr för kann fram usw.; es
sind dann am anfang von c. 224 57, zellen hinzugefügt; man braucht nicht anzuneh-
men, dass vom urspmnglichen texte etwas verloren ist Hingegen müssen c. 226 —
230 einige woi-to verdrängt haben, welche die nachricht enthielten, dass Gunnarr und
HQgni aus Bern nach Niflungaland zurückreiten.
!>IDIiKK8 SAGA UND NIBXUKGA SAGA 439
fehlten. In AB sind die werte af Drekanfil wider fortgelassen; S
kürzt.
Auch der Zusammenhang, in dem c. 241 — 274 überliefert sind,
beweist ihre un ursprünglichkeit. C. 275 wird von Aki und Bolfriana
als von noch nicht genanten personen gesprochen; es ist daher unmög-
lich, dass der Verfasser von c. 275 unmittelbar zuvor eine lange erzäh-
lung solte mitgeteilt haben, in der Aki und Bolfriana die hauptrolle
spielen ; eine solche erzählung ist aber die Irons saga jarls. Ebensowenig
ist die sage von Walther und Hildegunde hier richtig angebracht. Sie
weist eine merkwürdige Übereinstimmung mit der kurz vorhergehenden
sage von Herburt und Hilde auf — es liegt nahe, bei diesen liebes-
geschichten, deren es in der PS mehrere gibt, an öinen und denselben
Verfasser zu denken. Valtari af Vascannsteini tritt c. 151 als Ermin-
reks stathalter in Gerimsheimr auf; seitdem wurde nicht mitgeteilt, was
c. 241 voraussezt, dass er als geisel an Attilas hof kam, wozu auch
gar kein grund vorhanden war, denn nach der Vorstellung der PS war
das Verhältnis zwischen Attila und Erminrekr bisher ungetrübt Im
gegensatz zu allen sonstigen berichten der PS tritt Hcjgni als Attilas
dienstmann auf ^. Aus diesen gründen geht klar hervor, dass auch die
episode von Walther und Hildegiuide interpoliert ist^.
C. 276 — 290 enthalten die erzählung von Pidreks flucht vor Er-
minrekr. Als die Ursache alles unhcils, welches f idrekr erfährt, wird
c. 276 die von Erminrekr dem weibo seines ratsherrn Sifka zugefügte
Schmach genant, Avas diesen dazu reizt, Erminrekr durch falschen rat
ins verderben zu stürzen. C. 278 — 283 berichten sodann, wie Ermin-
rekr auf Sifkas anstiften selbst den tod seiner drei söhne herbeiführt,
darauf seine beiden neffen Egard und Aki unschuldig hinrichten lässt.
Darauf bringt Sifka den könig c. 284 dazu, dass er von fidrekr von
Bern tribut fordert; als dieser in einem stolzen tone die forderung
abschlägt, ontschliesst sich Erminrekr zu dem kriege. Nach dem vor-
hergehenden würde man nun erwarten, dass Sifka, der jezt als heerfüh-
rer Erminrcks loos in seiner band hat, keine gelegenheit, um den könig
1) Auf die nachricht, dass Valtari Hijgni ein äuge auswirft, wird zwar in der
Niflunga saga angespielt; daraus lässt sich aber nur, und nicht einmal mit gowiss-
hoit, auf einen Zusammenhang mit der NS, über den weiter unten die rede sein wird,
schliessen.
2) Meine benierkung Arkiv VII, 237 anm. muss demnach insofern gcändeit
werden, dass die episode zwar von einem anderen Verfasser als die 2. Vilk. saga zu
sein scheint, deshalb aber nicht urspiünglich zu sein braucht. Ich komme darauf
zurück.
440 DORR
zu beeinträchtigen, unbenüzt lassen würde, dass er, wenn es z. b. zu
einer Schlacht käme, zum feinde überlaufen oder auf eine andere weise
seinen könig verraten würde. Statt dessen tritt Sifka von diesem augen-
blicke an als Erminreks treuer freund, dagegen als Hdreks schlimster
gegner auf, vor dessen gewalt dieser schliesslich das land räumen muss.
Später bleibt Sifkas betragen den beiden königen gegenüber dasselbe,
so in der schlacht bei Gronsport; fidrekr betrachtet ihn persönlich,
mehr noch als Erminrek als seinen erklärten feinde Wenn demnach
Sifka nach der auffassung des sagaschreibers mehr fidreks feind als
ein Verräter gegenüber Erminrekr ist, so passen c. 276 — 283 sehr
schlecht in den Zusammenhang dersaga^. Zum vci'ständnis von c. 284
sind sie entbehrlich: fidreks wachsende macht, die c. 240, 275 beschrie-
ben wurde, erklärt genügend, dass Erminrekr ihn zu fürchten anfängt
und zu demütigen versucht; wenn zumal Sifka für den krieg gegen
f idrekr eiferte, ist es nicht nötig, den grund dieses Verfahrens in hass
gegen Erminrekr zu suchen; im gegenteil lässt es sieh sehr gut vor-
stehen, dass er als ratsherr zuerst die seitens des mächtigen nachbam
drohende gefahr einsah, und davor warnte. Zugleicli erklärt sich
daraus Pidreks bitterer hass gegen Sifka.
Man könte vielleicht diesen mangel an Übereinstimmung zwischen
c. 276 — 283 und den übrigen berichten der fS einer inconsequcnz
von Seiten des sagaschreibers zuschreiben, wenn nicht das folgende
hinzukäme. C. 278 gibt Sifka Erminrekr den rat, seinen söhn Fridrekr
nach Vilkinaland zu senden, um von Osantrix tribut zu verlangen;
Osantrix aber ist schon c. 144 umgekommen. Zieht man nun in
betracht, dass die zweite Vilkina saga, in der Osantrix eine hauptroUe
spielt, in IT auf c. 240 folgt, also von ihrem bearbeiter beinahe unmit-
telbar vor c. 276 gestelt wurde — über c. 241 — 274, welche jezt
dazwischen stehen vgl. unten s. 441 — weiter, dass unmittelbar nach
iMdreks flucht die zweite redaktion der erzählung von Osantrix' tode
folgt, so wird man sich dem Schlüsse nicht entziehen können, dass
c. 276 — 283 die arbeit desselben verfassen sind, der die zweite Vil-
kina saga bearbeitete und c. 291 — 292 schrieb. Schliesslich führt eine
nähere betrachtung von c. 281 — 283 zu demselben Schlüsse. Nach
allen früheren berichten residieren Egard und Aki, und seit seiner
Verheiratung mit ihrer mutter Bolfriana auch Vidga zu Fritila (Ver-
1) C. 325: yfir her Emiurcls lonumjs er chin hcrtttgi Vidga, yäarr hinn
gödi vinr, oc atmarr er Sifka, y(tarr hijin mikli licinr; vgl. c. 326, 413 u. a.
2) C. 401 tritt Sifka wider als venätor auf, aber, wio unten nachgewiesen
werden wird, in einem gleichfals interpoliei-ten capitel.
PlDHKKR SAOA UND NIFLUXOA SAOA 441
celli). C. 282 aber halten sie sich auf einmal zu Trelinnborg d Rhiar
backa auf. Diese Stadt zerstört Errainrekr; ViÄga, der während der
belagerung in Bern war, komt c. 283 zurück und: kittir nü stiia borg
hrevda. Zur sühne gibt Erminrekr ihm ])d borg er liana heitir, oe
nü rceä)' Viäga feirri borg. Fritila wird gar nicht genant; doch hcisst
Vidga c. 323 wider: Viäga VcIentsso?i af fVitila.
Uberselicn wir von dem gewonnenen Standpunkte aus unsere bis-
herigen resultato, so crhelt es schon jezt, dass in der PS zwei grup-
pcn von intorpolationcn deutlich zu unterscheiden sind. Es wurde
schon s. 439 anm. 2 bemerkt, dass der Verfasser von c. 241 — 244 mit
dem umarbeiter der Vilkina saga nicht identisch ist. Da es wahr-
scheinlich ist, dass der Icztgenante die 2. Vilkina saga aus dem gründe
hinter c. 240 einfügte, weil er die absieht hatte, bald auf Osantrix
zurückzukommen (vgl. oben s. 440), muss man nicht nur annehmen,
dass damals, als er die PS umarbeitete, c. 240 noch nicht durch meh-
rere ausserhalb des Zusammenhanges der saga stehende episoden von
284 fgg. getrent war, sondern auch dass der Schreiber der 2. Vilk. saga
diese episoden nicht geschrieben hat; mit andern werten, wenn c. 241
— 274 älter oder von demselben Verfasser wie die 2. Vilk. saga wären,
so würde er diese lezte hinter c. 274, nicht vor c. 241 gestelt haben.
Zwischen der 2. Vilk. saga und c. 270 Hess er nur c. 275 stehen, weil
dieses capitel nach seiner, allerdings richtigen, auffassung nicht von
dem folgenden getrent werden konte. Die sage von Walther und Hilde-
gunde, sowie die Irons saga jarls sind also jünger als die zweite Vil-
kina saga, c. 276 — 283, c. 291 — 292.
Nach ausscheidung der interpolierten c. 276 — 283 bleiben für
Tidreks flucht c. 284 — 290 übrig. Diese capitel, obgleich im grossen
und ganzen ursprünglich, sind doch nicht in ihrer ältesten fassung über-
liefert; aus dem inhalt ergibt sich, dass die erzählung überarbeitet ist.
Als Heimir c. 285 vernimt, was Erminrekr gegen Pidrekr im
Schilde führt, macht er dem könige und Sifka heftige vorwürfe; das-
selbe tut Vidga, der darauf (c. 2S0) nach Bern reitet und Pidrekr
erzählt, was Erniinrekr im sinne hat. Während Hdrekr und die sei-
nen sich schnell rüsten, komt c. 287 Heimir mit derselben botschaft
angeritten. Darauf kehren Vidga und Heimir c. 288 zusammen nach
Rom zurück, wo Heimir den könig und Sifka aufs neue in bittern
Worten tadelt (hier finden sich anspielungen auf c. 276 — 283, was
allein schon beweisen würde, dass die geschichte umgearbeitet ist) und
Sifka ins angesiclit schlägt. Von Vidga geschüzt entkomt er; von dem
augenblicke an plündert er als räuber Erminreks lande.
442 BOKR
Diese erzählung entliält ziemlich viel unerklärliches. Dass Vidga
Erininrekr treue schwur, wurde c. 275 mitgeteilt Heimir hingegen
wurde bisher nur als fidreks mann genant; was ist die Ursache, dass
er sich jczt auf einmal an Erminreks hofe aufhält? Vidga und Heimir
sprechen zusammen ihre schmachreden gegen Sifka; weshalb reiten
sie denn jeder für sich nach Bern? Der umarbeiter hat wol ein-
gesehen, dass Heimir, solte seine ankunft in Bern nicht ganz zweck-
los erscheinen, wenigstens eine nachricht bringen mäste, welche eini-
germassen neu war; deshalb lässt er ihn erzählen: at Erminricr konimgr
imin eiga sJccwit paiigat, was freilich zur folgenden mitteiking, dass
I*idrekr, bevor er zu Attila flüchtet, einen heftigen einfall in Ermin-
reks land tut, ohne irgend einem feinde zu begegnen, schlecht stimt.
Durch die widerholung geht der eindruck, den Heimirs schelten machen
soll, ganz und gar verloren. Diese Widersprüche lassen sich alle aus
dem umstände erklären, dass der umarbeiter Heimir zu Erminreks
dienstmann machte, und zwar im anschluss an eine abweichende Über-
lieferung, welche den hochdeutschen gedieh ten, die denselben sagen-
stoff behandeln (Rabenschlacht, Dietrichs flucht, Alpharts tod u. a.)
näher steht ^, der auffassung der I^S dagegen widerspricht. Dass der
sagaschroiber, auch als er c. 284 fgg. schrieb, sich Heimir noch als
Hdreks mann vorstelte, beweisen die folgenden werte, welche der
umarbeiter durch ein versehen hat stehen lassen (c. 287): pd srerr
Ileiinir Jmt inä guä, at vM Mtmn ver vdrt rikl vict uswmd firir snk-
ar Ermhtrix komings, oc cnn mä hann fd af oss meira skaSa en
gagn, dar cn ver skUjum, J)6ti hayiJi tald Bern ok alt Omhnigalandy
wo unter vdrt rtki doch nur Bern ok Omlungalmid zu verstehen ist.
Dass Heimir mit Vidga nach Rom reitet und Sifka schilt, kann ein
alter zug sein; dass er räubcr wird und Erminreks land plündert
bestätigt c. 4:29, wovon noch die rede sein wird.
Nachdem fidrekr c. 287 Erminreks land verheert hat, zieht er
c. 289 nordwärts über die Alpen und komt bald nach Bakalar zum
markgrafen Rodingeirr, der ihm mit seiner frau Gudilinda entgegen-
reitet und ihn gastlich aufnimt. Hier erhebt sich zuerst die frage, eine
der wichtigsten für die kritik der saga: wie verhält sich Rodingeirr zur
PS? Um sie zu lösen, werden wir diejenigen teile der saga, in denen
er genant wird, in ihrem Zusammenhang prüfen müssen. Es sind: die
zweite Vilkina saga, I'idreks flucht, Attilas kriege mit Valdemar, die
1) Hieran orlvoiit man denselben umarbeiter, der auch in dio Vilk. saga zügc
aus der süddeutschen Überlieferung aufnahm.
PlDHKKS SAGA UND NIFLUNOA SAOA 443
Schlacht bei Gronsport, die Niflunga saga, fidreks klage über Rodin-
geirs tod auf seiner heimreise nach Bern und eine kurze bemerkung
über ßodingeirr c. 415.
Was die Vilkina saga anbelangt, wurde Arkiv VII, 229 — 238
nachgewiesen, dass die redaktion, in der der name Rodingeirr nicht
begegnet, die ursprünglichere ist; statt Rodingeirr tritt dort Rodolfr,
gleichfals margi'eifi zu Bakalar auf. Es wäre in der tat auffallend,
wenn derselbe Verfasser dieselbe person, der er denselben rang zuer-
kent, etwas weiter Rodingeirr genant hätte. Der bearboiter der zwei-
ten Vilkina saga machte aus Rodolfr zwei personen, nämlich Rodin-
geirr, der zu Bakalar regiert und einen herzog Rodolfr, dessen land
er nicht nent, der aber in der Vilkina saga eine hauptperson ist, und
scliliesslich für Attila Erka, ihre Schwester Berta für sich selbst ent-
führt. Aus dem leztgenanten umstände wird es klar, weshalb der
umarbeiter, anstatt überall den namen Rodolfr durch Rodingeirr zu
ersetzen, aus Rodolfr zwei verschiedene personen machte; nach seiner
meinung nämlich heisst Rodingeirs weib Godilinda, nicht Berta. Daher
konto es ihm gar nicht einfallen, dass der entflihrer Erkas und Bertas
mit Rodingeirr af Bakalar identisch sein solte. Wenn der sagaschrei-
ber, was nach dem vorhergehenden wahrscheinlich ist, und noch näher
ausgefülirt werden wird, nur Rodolfr, keinen Rodingeirr kante, so ergibt
sich daraus unmittelbar:
1. dass der umarbeiter in der PS, abgesehen von der Viik. saga,
welche er anders behandelte, überall Rodingeirr statt Rodolfr
schrieb ;
2. dass die stellen, wo Godilinda als Rodingeirs weib genant wird,
nicht zur ursprünglichen saga gehören, denn in dieser heisst
Rodolfs weib nicht Godilinda, sondern Berta.
Dass der name Rodingeirr in der tat in der ältesten fassung der
PS nicht vorkam, beweisen zwei stellen, welche der umarbeiter zu
ändern vergessen hat.
C. 293 berichtet, dass Valdemar af Hölmgardi in Attilas reich einfält
und von dort einn gödan riddara Rodolf sendimatni gefangen mit
sich führt. Dieser ritter kann niemand anders als der aus der Vilk.
saga bekantc Rodolfr af Bakalar sein; wahrscheinlich hat ihn der
umarbeiter an dieser stelle nicht als mit Rodingeirr identisch erkant,
den er bald darauf viele beiden taten volbringen lässt, ohne dass es
klar würde, wie er aus der gefangenschaft entkommen ist. Man hat
hier die wähl zwischen der annähme, dass alles, was weiter von Ro-
dingeirr erzählt wird, eine zutat ist, und der, dass die erzählung von
4i4 BOKR
Rödolfs befroiung fortgelassen wurde. Die zweite annähme hat die
grössere Wahrscheinlichkeit für sich, denn noch einmal wenigstens tritt
Ro^olfr später in der ursprünglichen saga auf. Doch ist ohne zweifei
ein teil der hier von Rottingeirr berichteten hcldentaten die arbeit des
umarbeitcrs, und Rodolfs ursprüngliche rolle in der episode wird
ungleich geringer gewesen sein. Wenn z. b. Pidrekr c. 297 vom feinde
umzingelt ist, fölt es auf, dass er anstatt zu Attila einen boten zu
Rodingeirr sendet; dieser wird zwar in dieser und der folgenden episode
(Schlacht bei Gronsport), sowie in der Niflunga saga als I'idreks vor
allen anderen ausgezeichneter freund dargestelt, aber auch dieses wider-
spricht der sonstigen auffassung der saga. Auch sonst ist in Pidreks
kriegen mit Waldemar ein mislungener versuch, Rodingoirr nachträg-
lich zu einer hauptperson zu machen, deutlich wahrnehmbar ^
Am abend vor der Schlacht bei Gronsport reitet Hildibrandr allein
aus und begegnet Erminreks ritter Reinaldr, der ihm die zelte des
feindlichen lagers zeigt (c. 326). Hildibrandr zeigt darauf auch Pidreks
lager, und in dem lager Rodingeirs zeit. Hier ist in membr. Rodolfs
stehen geblieben, was ich a. a. o. s. 234 anm. noch für einen zufall
hielt, was aber im zusammenljang mit dem vorhergehenden nur so
erklärt werden kann, dass der umarbeiter hier den namen zu ändern
vqrgass, ein Versäumnis, das erst von den späteren abschreiborn , aus-
genommen den von membr., nachgeholt wurde. Übrigens tritt hier
die neigung des umarbeiters, Rodingoirr zu einer hauptperson zu
machen, noch viel deutlicher hervor als in der erzählung von Attilas
kriegen mit Waldemar. Als I^idrekr nach dem siege, der ihm seinen
bruder Pether, Attila seine beiden söhne Erp und Ortwin gekostet hat,
nach Hünaland zurückgekehrt ist, will er vor Attilas äugen nicht
erscheinen, sondern er geht / eitt Uta hüs (c. 338). Rodingoirr dage-
gen begibt sich in Attilas halle, wo ausser dem könig und Erka, wie
aus dem Zusammenhang hervorgeht, noch einige ritter sich aufhalten.
Attila fragt nach des krieges ausgang, den Rodingoirr ausführlich erzählt
Darauf fragt Attila, wo Pidrekr zu suchen sei. pd svarar einn mactr
((jardtxtirr A) : l cino steiharahüsi par sitr mi pidrekr koniingr ok
, meisiari Hildibrandr usw. Hier würde es schwer, eine antwort auf
die frage zu geben, was einn madr bedeuten soll. Ist damit einer
von Attilas mannen gemeint? Diese wüsten vor Rodingeirs eintreten
nicht einmal, dass Hdrekr aus dem kriege zurückgekehrt war. Ist es
1) Man beachte die ornüidendo widerholung von kampfsccnen c. 308, die dis-
cussion bei der bclagerung von Palteskja c. 311. Kodiugoirs namen wird hier jedes-
mal genant; die gi'ossen schlaohten aber worden ohne ihn geschlagen (c. 312 fgg.).
I*1DRKKS SAGA UXÜ XIFLUXOA SAGA 445
ein mann Roftingeirs? Aber Eoctingeirr ist allein in Attilas hallo
gegangen, und auch wenn er begleitet gewesen wäre, so würde doch
ein dienstmann sich nicht hei-ausnehmcn , eine frage, welche an seinen
herrn gerichtet war, zu beantworten, am wenigsten unter umständen
wie diesen. Es ergibt sich schon wider, dass auch diese erzählung
nicht in ihrer ältesten gestalt überliefert ist: in der ursprünglichen I^S
hat nämlich Attila sicherlich die nachricht von dem tode seiner kinder
nicht aus Rodingeirs munde, sondern von einer grösseren anzahl per-
sonen erfahren, obwol es nicht klar wird, wo er dejiselben begegnete.
Auch die unmittelbar folgenden werte setzen ein andere sagenform
voraus, als sie hier vorliegt. Attila sagt: Minir treir riddarary gan-
(jid nt ok hidid pidrck Ivmmg yiiinn vin hin koma usw. Aus dem
Zusammenhang lässt sich nicht ermitteln, wer diese trcir riddarar ^mA^
obgleich sie in einer weise erwähnt werden, als ob sie dem leser schon
bokant seien, was in der ursprünglichen saga auch zv/eifelsolnie der
fall war.
Obige erörterungen genügen um darzutun, dass der sagaschreiber
nur Rodolfr, keinen Rodingeir kante. Wo also Godilinda als Rodingeirs
wcib genant wird, muss mau entweder annehmen, dass sie in der
ui^prünglichen T'S als Rodolfs wcib vorkam, was mit rücksicht auf die
Vilk. sage unmöglich ist, oder — und nur diese möglichkeit bleibt
übrig -- dass wir es mit einer interpolation zu tun haben. Das ist
denn auch, was c. 289 anbetrift, ganz bestimt der fall. C. 290, obgleich
niciit in seiner ältesten fassung überliefert, ist doch zum teil echt; das
capitel erzählt t'idreks ankunft bei Attila.
In der Niflunga saga (ich bezeichne mit diesem namen hier
nur c. 342 — 348 und 356 — 394) ist Rodingeirr nicht nur eine haupt-
person an Attilas hofe, bis zu dem grade sogar, dass er im gegensatz
zu andern berichten der 1\S Tidreks bester freund genant wird, aber
auch (Jodilinda spielt keine geringe rolle: ich weise auf c. 368 fgg.,
wo HcxlingeiiT und (Jodilinda die Nibc^lungen auf eine weise bewirten,
welche an das Nibelungenlied eriiuiert. Der schluss, dass auch die
Niflunga saga eine interpolation, und zwar vom bearbeiter der zweiten
Vilkina saga ist, liegt nahe. Es fragt sich, ob eine nähere betrach-
tung der NS an und für sich zu demselben Schlüsse führt.
Der Inhalt der NS bildet ein ziemlich abgeschlossenes ganze und
enthält nur wenig ansiuelungen auf ereignisse, welche die f*S auch an
anderer stelle mitteilt. Wo solches der fall ist, stimmen die nachrich-
ten der NS nicht immer zu denen der I*S. So wird am anfang der
446 BOKR
NS (c. 342)1 YOTL Gunnarr, H(jgni und Sigurdr gesprochen als von per-
sonen; welche noch nicht genant wurden, obgleich Gunnarr und Hqgni
als tidreks gaste mit ihm nach Bertagaland gezogen sind und Sigurdr
dort mit ihm gekämpft hat. Auch die Überschrift der NS^ lässt ver-
muten, dass hier eine selbständige erzählung folgt, obgleich die NS
innerhalb der f S nur eine episode sein soll. In Übereinstimmung mit
dem interpolierten c. 169, im gegensatz zu dem echten c. 170 nent die
NS Gunnars vater Aldrian (Arkiv VII, 228). C. 342 erwähnt die härte
von Sigurcts haut als etwas neues, obgleich davon schon c. 190 erzählt
wurdet C. 375 berichtet, dass ÜQgni nur 6in äuge hat, dasselbe in
der interpolierten heldenbeschreibung c. 184; die Ursache teilt das inter-
polierte c. 242 mit; in der ursprünglichen f S findet sich keine ähn-
liche bomerkung. C. 373 erwähnt eine ausserordentliche freundschaft
zwischen fidrekr und H(jgni; c. 375 erinnert Attila sich, dass HQgiii
früher an seinem hofe verweilt hat; dasselbe in dem interpolierten
c. 242; weder die eine noch die andere benierkung wird durch eine
echte stelle der f S gestüzt Die angaben der NS stimmen also nicht
überall zu denen der PS; hingegen scheint zwischen der NS und
einigen Interpolationen ein gewisser Zusammenhang zu bestehen; doch
würden die wenigen angeführten stellen zur entscheidung nicht genü-
gen. Wichtiger ist es zu prüfen, wie weit die NS in den Zusammen-
hang der ganzen PS passt
C. 316 berichtet, dass Pidrekr zu der zeit, als er zuerst sein land
wider zu erlangen versuchte (schlacht bei Gronsport), bereits 20 jähre
im exil zugebracht hatte; in dieser angäbe stimmen alle handschriften
überein. Wenn in der ursprünglichen tS auf die schlacht bei Gron-
sport die ereignisse, welche die NS erzählt, gefolgt sind, so müssen
verschiedene jähre zwischen jener schlacht und Pidreks rückkehr nach
Bern angenommen werden. Nach c. 396 ist iHdrekr denn auch 32 jähre
1) A pessum tima i Kiflungalatidi i peirri borg, er heitir Vemika, pdf
rcvär firir Qimnurr konnngr ok med honom hans brödtr ü^gnty oc hinn Priäi
peira mdgr, sä er ägtetastr hefir rcrit firir allum k<^ppom oc h^fäingjom hvdr-
tocggja i suärlfpidmn oc norärlandu7n en petta var Sigurär sveinn, er pd
(ittl Grimildi, duitor Aldrixins konungs oc systor Peira Ounnars oc Ht^gtia (1. jF%>w
oc Gunnars?), er pd dtti Brynilldi hlna riko oc hlna fagru.
2) Her he fr upp sagu Niflunga oc frd vidskiptum Peira Sigiiränr sreim oc
ITogna oe Ounnars konungs oc af bardaganom i Susat. oc hverso Qrimildr hef(n}di
sinnar osaimdnr er henni var gqr ai saclauso i fyrstunni.
3) Über das Verhältnis der NS zu dem intcrpoliei-ten c. 166, welches die erwer-
iDg der liornhaut erzälilt, wird weiter unten gesprochen werden.
I'IfJREKS SAGA UND NIFLUNOA SAGA 447
landesflüchtig gewesen, sodass für die NS 12 jähre übrig bleiben. Aber
c. 429, wo wir erfahren, dass Heimir viele jähre lang Sifka's reich
verheert hat, fahrt der Verfasser fort: A pessa lund f&r frarn XX vetr
alla pd hriä, er piärekr Itonujigr var 6r simi rtkL So A, membr.
fehlt, S nent die dauer von Pidreks exil nicht, in B ist XX in XXX
geändert, was auf keinen fall das richtige trift, denn nimt man an,
dass die NS echt ist, so müste hier in Übereinstimmung mit c. 396
XXXII stehen. Die lesart von A findet eine stütze an c. 413. Als
Sifka durch Alibrandr gefallen ist, sagt fidrekr: cf pat liefäi kann
gqrt IX vetru^n fyrt', pä mundi betr standa riki ßmlunga. So A,
B hat XI statt IX, membr. fehlt Weder die lesart von A noch die
von B gibt einen verständlichen sinn, denn ebensowenig vor neun als
vor elf jaliren war eine besondere veranlassung dazu vorhanden, Sifka
zu töten, und vor elf jähren war tidrekr schon seit langer zeit ver-
trieben. Allerdings würde es im Amelungenlande besser aussehen,
wenn Sifka getötet wäre, ehe er die feindschaft zwischen fidrekr und
Erminrekr angefacht hätte. Dieses steht in S c. 355: hadhe tfiei tva-
rith giorth for XX aar, tho stodhe bceth^r i humlungha landhK
Pidreks rückkehr hat also nach c. 413, 429 statgefunden, unmittelbar
nachdem er aus der schlacht bei Gronsport sich nach Hünaland zurück-
begeben hatte.
Derselben Vorstellung begegnen wir, wie es scheint, c. 397. Pid-
rekr verabschiedet sich bei Attila, der ihn bittet zu bleiben oder,
wenn er durchaus nach Bern ziehen wolle, wenigstens seine hülfe
anzunehmen (pd tnl ek fd per lid Hmia lier) , fidrekr weist das aner-
bieten mit den folgenden werten, die eine anspielung auf die schlacht
bei Gronspoi-t, nicht auf die NS enthalten, ab: eigi vil ek optar spilla
phimn dffrligmn drcn^um at vinna mitt land. Abgesehen von dieser
antwort ist es nicht wahrscheinlich, dass Attila unmittelbar nach dem
Untergänge der Nibelungen im stände gewesen wäre, ausreichende hülfe
anzubieten; man beachte die werte c. 393: oc epier pessa orrostu hefer
vordit svd mikil andn i HiUmlande storynennis, at ei d dqgum Attila
konungs hefer ordit jamugott manniml i HmiaUind^', sem ddr var en
pesse öfridr höfx.
C. 340 enthält die erzählung von Erkas tode, welche Pidrekr vor
ihrem hinscheiden ihre verwante Herad zur gemahlin gibt. Aber iMdrekr
1) Auch das algemeiuo: hadhe thet narith in S ist der lesart ef pat Jiefäi
kann gort vorzuziehen, denn damals, als fidrekr vertrieben wurde, war Alibrandr
noch nicht geboren, und konto abio Sifka nicht töten.
448 BOEB
hat sich c. 240 mit Gudilinda af Drekanfils verheiratet, welche, soweit
wir wissen, noch nicht gestorben ist Das auftreten der frd Herad in
der I^S ist demnach verdächtig,^ -und die stellen, wo sie genant wird,
bedürfen einer gründlichen prüfung. Abgesehen von c. 393, welches zur
NS gehört, tritt frü Herad hauptsächlich in der erzählung von Pidreks
rückreise nach Bern auf (c. 395 fgg.). Was dort über sie mitgeteilt
wird, spricht nicht dafür, dass sie in der ursprünglichen tS erwähnt
wurde. Derjenige, welcher die Überschriften in membr. oder deren
vorläge, vielleicht schon in U, verfasst hat, wolte augenscheinlich die
aufmerksamkeit auf sie lenken: über c. 393, in welchem sie gar nicht
genant wird, das aber die erzählung von fidreks rückreise eröfnet,
steht: frd piäreld kümmgi oc fru Herad, als ob sie die hauptperson
der ganzen episode wäre, und über c. 397: frd pUtreld honungi oc
hans frü. Nichtsdestoweniger weiss der Verfasser manchmal nichts mit
ihr anzufangen. C. 395 verabredet f idrekr mit Hildibrandr, dass sie
zusammen ohne begleitung nach Bern reiten wollen, tidrekr sagt:
oc vceri svd vel, ät elc hemi l Omlungaland med cigi fleiri menn
cn tveir vceri viä saman, pd vil ek sverja usw. Etwas weiter Hildi-
brandr: pessi ferä mun pickja vera sieftid med lUilli scemd, ef vit
fqram, heira! tveir einir sama?i; eti heldr ea cigi komim v6r i
Onihuignland, pd em ek füss, at d pessa leid gcri?n vit. Unmittelbar
darauf sagt tidrekr c. 396: Frü Herad sJcal fara med okr, ef hon vil^
was darauf verabredet wird. In der tat wartet Hildibrandr im anfange
von c. 397 bei der pforto mit drei reitpferden und einem saumross, wel-
ches mit gold, Silber und kleidern belastet ist. Als aber Pidrekr darauf
Attila lebewol sagt, antwortet er auf dessen anerbieten, ihm mit hilfs-
truppen beizustehen: diinsaman vil ek heim fara oc Icynilega, oc mcisl-
ari Hildibrandr med mer. Über frü Herad kein wort Am Schlüsse
von c. 397 taucht sie wider auf, an Pidreks seito auf einem pferdo
reitend. C. 398 wird sie nicht genant — das capitel erzälilt Pidreks
klage über Kodingeirs tod und ist also von demselben Verfasser wie
die NS. Auch wird hier Rodingeirs weib Godilinda genant, was die
unechtheit des capitels entschieden beweist ^ In c. 399 — 402, welche,
wie aus des jarls Eisung auftreten hervorgeht (vgl. -c. 365), ebensowenig
1) Boiläufig bemerke ich, dass der veifasser von c. 398 poetische quellen
Ix'nuzt hat, \vahi"Schoinlich nonvegische oder dänische volksliodor, denn der reim ist
sogar in der altn. prosaerzähhmg l^oi behalten. Die Zeilen lauten: hon ijaf mcr ciim
f/rffiian gumifanaj sd vard maryum Ilnnum at bona, oc eitt hü Pycka jmrptira
pell, fiat pordi at bcra ütloidr hqfdlngi cd. Die werte vorweisou auf c. 280,
vgl. oben s. 445.
I*IDRRKS SAOA XOHD NIFLTJNOA SAOA 449
•
wie c. 398 von der NS getrent werden können \ spielt Herad eine frei-
lich passive rolle, in c. 403 fgg., welche echt zu sein scheinen, ist sie
wider ganz überflüssig. Pidre^r und Hildibrandr reiten südwärts über
die Alpen* in einen wald, wo Pidrekr vom pferde steigt und zurück-
bleibt, während sein genösse die gegend recognosciert. Natürlich ver-
weilt Herad inzwischen bei Pidrekr im walde. Nach verschiedenen
merkwürdigen abenteuern kehrt Hildibrandr c. 405 zurück, begleitet
vom herzöge Lodvigr und dessen söhn Konrädr, die beide den könig
mit der grösten ehrfurcht begrüssen, vor ihm auf die kniee fallen und
seine bände küssen, auf frü Herad aber gar nicht achten, ja, sie eben-
sowenig wahrzunehmen scheinen als der leser. Mit derselben blindheit
ist eine schar ritter geschlagen, die c. 411 unter Alibrands führung
an dei'selben stelle im walde ankommen, par er fyrir var piärekr
konungr ok heriugi Lodvigr. Keine spur von fru Herad ist zu
erkennen.
Die einzig mögliche erklärung aller genanten widerspräche ist
die, dass die figur der frü Herad zuerst von einem interpolator in die
tS aufgenommen ist; dieser folgte derselben methode wie auch früher:
er fügte nicht nur ganze erzählungen hinzu, sondern er änderte auch
in der saga das, was ihm unrichtig oder ungenügend erschien. Die
werte: oc fru Herad hjd honutn in c. 403 sind z. b. sein werk; ebenso
die mitteilung c. 404, dass Elsu7igr jarl i Babilon (sie) tot ist (vgl.
oben s. 448).
Dass c. 415, welches Herads tod berichtet, unecht ist, versteht
sich nach dem vorhergehenden von selbst In demselben capitel wer-
den Eodingeirr und Gudilinda noch einmal genant, ohne jeden gewinn
für die saga. Hildibrands strohtod und die Verurteilung von Arius'
ketzerei, die in demselben Zusammenhang mitgeteilt werden, sind also
auch ein späterer zusatz; das leztgenante ereignis hat für die fS gar
keine bedeutung, das erste ist entbehrlich, denn von verschiedenen von
ftdreks beiden wird der tod nicht erzählt; eine anspielung auf Hildi-
brands tod bietet c. 414: Kn meistari Hildibrandr sMlx aldri tnd
piärek konung, svd letigi sern peir Ufa bdäir. Diese bemerkung wird
die erzählung in c. 415 veranlasst haben.
1) C. 401 , wo Sifka wider als Verräter dargestolt wird (er gibt den rat, Ermin-
rekr das eingeweido auszuschneiden!), ist aus dem gründe auch nicht von der 2. Vilk.
saga zu trennen. Ein argument für den Zusammenhang zwischen der 2. Vilk. saga
und der NS.
2) fara alla sina leid [suär um MundtufjallJ. Hier hört die interpola-
tion auf, die c. 397 mit denselben werten anfangt
ZEITSCHRIFT P. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXV. 29
450 BOKB
■
Mit frü Herad, die in der urspTünglichen PS nirgends als I^idreks
gemahlin erwähnt wurde, falt nun auch c. 340, wo Erka auf dem toten-
bette Pidrekr mit Herad verlobt. Aber ohne c. 340 kann die NS nie-
mals zur PS gehört haben. In der PS ist Erka eine hauptperson; die
NS ist die geschichte von Attilas ehe mit Grlmhildr, die natürlich
nicht zu Stande kommen konte, so lange Erka lebte. Es leuchtet ein,
dass c. 340 — 341 eine einleitung zur NS bilden, und von demselben
interpolator geschrieben wurden, der ausser der NS auch c. 396, den
schluss von c. 397, c. 398 — 402 hinzufügte und Pidreks reise nach
Bern zum teil umarbeitete. Mit der NS ist nun auch c. 423 — 428.
Attilas [tod zu streichen, eine erzählung, die als fortsetzung der NS
nicht älter als diese sein kann. Die möglichkeit, dass sie jünger sei,
ist nicht ausgeschlossen (vgl. unten s. 465 fgg.).
Es ist hier am platze, der einwendung zu begegnen, dass die
ursprüngliche PS nicht mit Sicherheit einem einzigen Verfasser zuge-
schrieben werden könne. Man könte fragen, ob es mcht denkbar wäre,
dass der erete Verfasser nur den ersten teil der saga bis zum Schlüsse
von Pidreks zug nach Bertangaland geschrieben hätte, und dass ein
zweiter autor später eine fortsetzung hinzudichtete, oder dass wenig-
stens der erste autor noch am anfange des zweiten toiles von einem
andern abgelöst wurde. Wenn dem so wäre, liesse sich der unter-
schied in der bearbeitung und der Widerspruch zwischen den berichten
des anfanges und der späteren teile der saga einfach daraus erklären,
dass an der bearbeitung der saga verschiedene Verfasser beteiligt gewe-
sen, ohne dass man deshalb gezwungen wäre, Überarbeitung und Inter-
polation anzunehmen. Es muss aber bemerkt werden, dass, obgleich
die zweite hälfte der PS mehr als der anfang umgearbeitet ist, doch
kein bestirnter punkt bezeichnet werden kann, wo die arbeit des ersten
Verfassers aufhörte, die des zweiten anfienge. Im gegenteil sind die
spuren des ersten autors bis ans ende der PS zu verfolgen: er war es,
der c. 293, 328 Rodolfr schrieb anstatt Rodingeirr, wie die Umarbei-
tung hat, der c. 413, 429 erzählte, dass Pidrekr 20 jähre landesflüch-
tig gewesen ; der Verfasser der NS aber fängt, abgesehen von den inter-
polationen im ersten teile der PS, für welche die möglichkeit, dass sie
jünger sind, vorläufig zugegeben wird, doch unmittelbar hinter c. 240
an, denn die NS ist von der 2. Vilk. saga nicht zu scheiden (vgl.
s. 449 anm. 1 ; s. 463). Da nun der erste Verfasser auf jeden fall bis
c. 429, und, was später nachgewiesen werden wird, wahrscheinlich
noch weiter schrieb, der zweite aber nicht später als unmittelbar nach
c. 240, vielleicht sogar noch früher, anfieng, so ist die möglichkeit,
I^DRKKS SAOA UND NIFLÜNOA SAGA 451
dass die NS mit dem was dazu gehört keine interpolation, sondern etwa
eine fortsetzung wäre, ausgeschlossen.
Wir kehren zur uDtersuchung der verschiedenen partien der PS
in der reihenfolge der Überlieferung zurück. Auf fidieks flucht folgt
zunächst die mit der 2. Vilk. saga zusammenhängende zweite erzäh-
lung von Osantrix' tode c. 291 — 292, über die ich Arkiv VII, 213
gehandelt habe. Daran schliessen sich Attilas kriege mit Waldemar^
an. Dass diese geschichte, ein ursprüngliches dement der I^S, erwei-
tert wurde, um Rodingeirr zu einer hauptperson zu erheben, wurde
oben s. 443 — 44 ausgeführt. Ausserdem weist die episode andere spuren
einer freilich so ungeschickten Umarbeitung auf, dass man dabei an
den Schreiber der 2. Vilk. saga und der NS kaum denken kann. In
der erzähluDg von Hdreks kämpf mit I^idrekr Valdemarsson (c. 303 —
307) ist nämlich eine interpolation aufgenommen, welche an unwahr-
scheinlichkeit alles, was abschreiberweisheit ersinnen kann, Übertrift.
Pidrekr Valdemarsson ist als kriegsgefangener nach Susat geführt; Erka
erlangt von Attila die Zustimmung, während er in den krieg zieht, die
schweren wunden ihres vetters zu verbinden, muss aber mit ihrem
leben dafür einstehen, dass er nicht entflieht. Sobald I^idrekr Valde-
marsson genesen ist, begibt er sich, ohne auf Erkas flehen zu achten,
auf den weg nach Ruziland. In der not wendet die königin sich zu
dem im vergangenen kriege gleichfals schwer verwundeten I*ictrekr af
Bern , der infolge maugelhafter pflege noch sehr leidend ist Doch rei-
tet er auf Erkas bitten iMdrekr Valdemarsson nach und erreicht kurz
nach ihm die wälle der stadt Vilkinaborg, die hier also auf dem wege
von Soest nach Ruziland liegt. Einen augenblick später holt er seinen
feind im Borgarskogr zwischen Pulinaland und Hünaland ein. Dieser
wald liegt so nahe bei Vilkinaborg, dass tidrekr, als er nach langem
kämpfe auf demselben woge zurückkehrt, eine dame, welche sich c. 303
auf der Stadtmauer befand, daselbst noch antrift, und die damals mit
ihr angeknüpfte Unterhaltung fortsezt. Wir wollen uns durch diese
wunderbaren geographischen anschauungen nicht stören lassen und
unsere aufmerksanikeit darauf richten, was weiter von Vilkinaborg
erzählt wird. Zunächst fält es auf, dass Pidrekr Valdemarsson, dessen
verwanten dort regieren, sich nicht in die Stadt geflüchtet hat. Hier
bekommen wir in Übereinstimmung mit dem interpolierten c. 278 den
aufschluss, dass dort ein jarl regiert, dessen namen nicht genant wird,
der aber nach demselben c. 278 Osantrix' dienstmann ist und also dazu
geeignet wäre, Osantrix' neffen zu retten. Die tochter dieses jarls —
29*
452 BOSS
d. i. die dame, mit der tidrekr sich vor der Stadtmauer unterhielt —
verbindet c. 305 seine wunden, und, damit die zeit in Vilkinaborg
ihm nicht zu lang werde, liegt sie — wie es scheint mit Zustimmung
ihres vaters — die nacht über bei ihm; nichtsdestoweniger muss noch
c. 306 die firage in erwägung gezogen werden, ob man besser daran
tue, den gast zu töten, oder ihn ehrenvoll aufzunehmen. An dem hofe
jenes jarls hielt sich nämlich ein verwanter Sifkas auf, der sich des-
sen erinnerte, dass vor einigen jähren in derselben stadt Erminreks
söhn fridrekr, Pidreks vetter ermordet war*; dieser fürchtet Pictreks
räche und gibt daher den rat, ihn zu töten und dadurch zugleich Sif-
kas freundschaft zu verdienen; der jarl aber entschliesst sich, Pidrekr
durch ein fest zu versöhnen, was c. 307 geschieht Nach beendigung
dieses mehrtägigen festes reitet Pidrekr nach Hünaland zurück; als er
dann Pidrekr Valdemarssons köpf, den er während der ganzen zeit ver-
borgen gehalten hat, vor Erkas füssen hingeworfen hat, gengr pidrekr
tu sinnar smngar oc liggr par nü i särom sem fyrt\ Dass Pidrekr
verwundet und krank, wie er war — das blut floss durch die maschen
seines kollers (c. 303) — aufstand, um seinen feind zu verfolgen und
mit ihm zu kämpfen, war schon eine äusserst merkwürdige heldentat;
dass er aber, statt nach dem kämpfe heimzukehren, einige tage lang
in einer fremden Stadt feste feiert, und erst, als er darauf nach
hause komt, wider an die wunden denkt, die ihm nicht nur kurz vor-
her das aufetehen schier unmöglich machten, sondern ihn auch jezt
noch zwingen, sich sofort zu bette zu legen, das wird doch kein eini-
germassen vernünftiger mensch selbst einem beiden zutrauen. C. 303
von den werten: Nü i'iär kann par iil, er kann keim' firir Vilcina
borg bis zum ende und c. 305 — 307 bis zu den werten: H& epiir
leypr usw. sind also ein zusatz, und zwar von einem anderen Schrei-
ber als die 2. Vilk. saga, was sowol aus dem sinlosen inhalt wie aus
dem Widerspruch mit c. 278 hervorgeht*.
Da an manchen stellen ein bestimtes kenzeichen der Interpolation
fehlt, ist es oft schwer zu entscheiden, ob ein capitel die arbeit des
Sagaschreibers ist oder nicht. Zuweilen beleuchtet die vergleichung
mit solchen teilen der saga, über deren Verfasser kein zweifei mögUch
ist, die frage. So wird in c. 295 und 308 berichtet, dass die Hunnen
1) C. 278 ist der jarl selber Sifkas verwanter. Die anspielimg auf Fridreks
tod beweist schon genügend, dass diese orzählung nicht älter als c. 278 ist
2) Dasselbe gilt für einzelne sätze und sazteile in c. 307, welche mit dieser
interpolation zusammenhängen: oc med honom hans VI riddarar; etwas weiter: oc
huns riddara; so der lezte satz dieses capitels.
!*IDREKS SAGA UND NIFLUN6A SAGA 453
vor den Bussen fliehen. Es ist nicht wahrscheinlich, dass der bear-
beiter der 2. Vilk/saga, der Attila sonst mit grosser verliebe behandelt
und sogar in der Vilk. saga eine niederlage seines lieblings in einen
sieg verwandelt hat (Arkiv VEH, 235), diese capitel geschrieben habe.
Auf die kriege mit Valdemar folgt c. 316 — 339 die schlacht bei
Gronsport, worüber schon s. 444 fgg. gehandelt ist. Dass c. 340 — 341
nur eine einleitung zur NS bilden, wurde s. 450 ausgeführt Im an-
schluss an das dort gesagte muss noch bemerkt werden, d$iss der Schrei-
ber der NS in dem lezten texte von c. 339 etwas geändert hat; wo
nämlich von Pidrekr gesagt wird: oc er nü med Ättila konungi enn
langar hridir, können mit rücksicht auf Kdreks noch im selben jähre
folgende reise nach Bern (vgl. s. 447) die werte langar hridir nicht
ursprünglich sein (1. um hrid?)
C. 342 — 348 enthalten den schon besprochenen ersten teil der
NS. Darauf folgt c. 349 — 355 die erzählung von Fasolds und Petleifs
tod. Dass dieselbe jünger als die NS ist, beweist die s. 446 citieite
Überschrift von c. 342, woraus hervorgeht, dass die NS einmal ein
einheitliches ganze innerhalb der PS bildete. Auch wenn man annimt,
dass die Überschriften in membr. nicht ursprünglich sind, so leuchtet
es doch ein, dass diese Überschrift, welche sich auch auf den nach
c. 355 folgenden abschnitt bezieht, älter als c. 349 — 354 sein muss,
die ausserhalb des Zusammenhanges der NS stehen. C. 356 — 394 ent-
halten den schon besprochenen zweiten teil der NS.
Über c. 395 — 416, Pidreks rückreise nach Bern, vgl. s. 447 fgg.;
ausser den dort nachgewiesenen Interpolationen sind keine spuren der
Umarbeitung deutlich wahrnehmbar, obgleich man durchaus nicht mit
gewissheit bekaupten kann, dass eine solche nicht statgefunden hat
Was c. 414 von den bildsäulen, die iMdrekr sich selbst zu ehren errich-
ten lässt, mitteilt, erregt verdacht; es lässt sich jedoch hierüber nichts
sicheres sagen.
Hingegen erhelt es beim ersten anblick, dass c. 414 — 422 nicht
alt sind. Nachdem es sich ergeben hat, dass alle stark romantisch
gefärbten episoden der I^S zusätze sind, welche ganz äusserlich mit
Pidrekr in Verbindung gesezt wurden, kann unser urteil über diese
episode voll der wunderlichsten abenteuer, welche nur den zweck hat,
Pidrekr noch einmal sich verheiraten zu lassen, und zwar mit einem
weibe, das für die weitere entwicklung der erzählung nicht die
geringeste bedeutung hat — wir vernehmen nicht einmal, dass
f idrekr mit ihr einen nachfolger erzeugt — nicht zweifelhaft sein.
454 BOEB
Sämtliche auftretenden personen stehen ausser dem Zusammenhang der
saga: Hertnit I Bergara, sein weib Isolde (c. 422) und ein jarl Artus,
systurson Isungs konungs (c. 422): die leztgenanten namen sind natür-
lich dem brittischen Sagenkreise entnommen und erinnern an die unech-
ten c. 245 fgg., während der name Isungr zu gleicher zeit eine Ver-
bindung mit c. 189 — 224 herstellen soll, was völlig mislingt. Die
geographischen Vorstellungen sind unklar: Bergara, wo Hertnit mit
seinem brittischen weihe regiert, wird c. 417 mit Hünaland verwech-
selt. Schliesslich falt es auf, dass Kdreks pferd hier zuerst Blanka
heisst — so in c. 437, 438, worüber noch gesprochen werden wird — ,
während das tier sonst die ganze saga hindurch Falka genant wird.
Die geschichte scheint, nach dem Zusammenhang mit c. 245 fgg. zu
urteilen, die arbeit des zweiten interpolators zu sein.
C. 423 — 428 erzählen im anschluss an die NS Attilas tod, vgl.
s. 450. C. 429 fängt wider eine echte episode an, was schon aus der
dort erhaltenen bemerkung, dass fidreks exil 20 jähre gedauert, her-
vorgeht. Hier tiitt Heimir wider auf, der nach c. 288 seit I^idreks
flucht Erminreks land verheert hat, nun aber seine Sünden bekcnt
und in ein kloster geht. Obgleich Heimirs auftreten zweifelsohne
ursprünglich ist, scheint doch die folgende erzählung nicht in ihrer
ältesten form erhalten zu sein. Wir erfahren, wie Heimir dadurch,
dass er den riesen Aspilian tötet, so berühmt wird, dass Pidrekr
an dieser heldentat seinen alten genossen wider erkent und nicht
ruht, bevor er ihn aus dem kloster geholt und wider an seinen
hof gezogen hat. Die hauptpersonen sind von früher bekant, der Zu-
sammenhang ist klar; man wäre deshalb geneigt, die episode dem
sagaschreiber zuzuschreiben. Im Widerspruch mit früheren berichten,
(z. b. c. 45) ist der Schauplatz der erzählung nach der Tx)mbardei ver-
legt (c. 429), wo Aspilian nach der darstellung der PS nicht zu hause
ist; dieses könte eine spätere änderung sein; zu beachten ist es wenig-
stens, dass Heimirs kloster Vadincusan zuerst c. 4^34 genant wird, als
Pidrekr dahin reitet, um Heimir abzuholen. C. 433 reitet Aspilian ^ einn
alpandil (Schreibfehler für alpandir)^ er menn kalla /?/; das wort alpan-
dir begegnet auch in dem echten c. 118; unserer stelle ungleich näher
stehen aber die folgenden werte in dem interpolierten c. 180: pat er
pyäeskir metin kalla alpandyr en Vceringjar fil, Dass der umarbeiter
an der episode teil hat, sei es nun, dass er sie geschrieben hat, oder
1) So heisst er in U, in mombr.' Asplian.
I^ORKKS SAGA UND NIFLÜKGA SAGA
455
dass er sie nur umarbeitete, beweist übrigens die Übereinstimmung im
einzelnen mit der erzähiung von Vidgas kämpf mit Edgeirr c. 195 ent-
schieden. Man vergleiche nur die beiden capitel:
C. 195: Nu teer risinn
oc sk^tr at Vidga. En Vütga
leypr i möt hanom, oc flygr
atgeirrinn ifir kann oc svä
i jqräifia at ecki stöä tipp
af. Nu heggr Vidga til ri-
Sans ä Uer hanom, oc svä
mikit af vqdvamim, at engl
hestr berr meira, oc ^d heggr
hann annat h(}gg fäda^ma mik-
it oc hvert at adro, par til
er risinn fellr, oc hevir mqrg
sär ok stör oc keir
hann (risinn) nü fallax til
jardar, ptyiat hann hyggr, at
Vidga man verda undir hau-
mn oc drepa hann svä. En
Vidga leypr aptr i milli föta
fianom, pä er hann reidir
sui til fallx, oc svä hell Vidga
Sinti lifi.
C. 433: Nu keyrir Heimir sinn best
sporum oc rldr at honum ok leggr spjöt-
inu undir hqnd risans .... petta lag
sakar hann ekki. En ri^nn skytr i
gegn Jionum sffium atgeir, en Heimir
lytr ufidan fram^ ä sqdulbogann ok fl^gf*
atgeirrinn firir ofan hann ok i jqt^ä'
ina par setn nidr kam, svä at ekki tök
tipp, ok engl madr sidan hefir fundit
{)enna atgeir — Pä hleypr Heimir ör
SQdlinum .... prifr um medalkafla slns
sverdz ok bregdr skyndiliga. Risinn
hleypr ok ofan, hann bregdr ok sverdi
ok reidir upp ok hoggr til Heimis. En
Heimir bregz undan hqgginu, ok missir
risinn hans ok heggr 1 JQrdina. Heimir
snV^z aptr — ok heggr af risanum hqnd-
ina hcßgri firir ofan sverdzhjaltit . .
Heimir veitir pegar annat slag risan-
um ä hans l^r; sneid ofan IceHt alt
med beininu, ok svä segja p^dersk kvcedi
(tyske men S), at svä mikit leysti harnt
af hans keri, at eigi mundi einn hestr
draga meira Hanyi (?^7i7i) reidir
sik til ok viU nü falla ä Heimi, ok veit,
at hann mä fä bana, ef hann verdr
undir honum, En S'vä er Heimir föt-
hvatr ok djarfr, at pä er hann sir, at
ri^nn viU falla ä hann ofan, vill hann
eigi undan renna at /leldr; hanyi hleypr
at risanum, vid, ok s^vä berr til at
risinn fellr, fcetr risans koma äjqrdina,
en ä vinstri hlid Heimir annarr fötr
risans en annarr ä hegri, En Heiynir
stendr heill ä milli leggja risans.
Die PS enthält kein anderes beispiel davon, dass der Verfasser
seine eigene arbeit so im einzelnen nachgeschrieben hätte. Nichtsdesto-
456 BOKB
weniger ist die anwendung stereotyper ausdrücke und beschreibungen
eine in der altn. litteratur so bekante erscheinung, dass man auch hier
annehmen könte, der Verfasser habe zur beschreibung einer ähnlichen
Situation dieselben worto widerholt, welche er c. 195 benuzt hatte,
wenn sich gegen diese anschauung keine wichtigen einwendungen
erheben Hessen. Zunächst ist die zweite erzählung viel länger als die
erste und mahnt an die geschwätzigkeit der beiden umarbeiter, wäh-
rend andererseits mehr die ähnlichkeit der berichte als die der werte, in
denen sie mitgeteilt werden, aufFäJt. Vor allem aber ist es schwer,
wenn der sagaschreiber sich selbst plagiiert hat, die Verweisung auf
die aussage deutscher gewährsmänner in c. 433 zu erklären. Wir müs-
ten in dem fall von selten des sagaschreibers absichtliche falschung
annehmen. Es ist bekant, dass die oben citierten umstände nach sei-
ner auffassung zu Vidgas kämpf mit Edgeirr gehören; wir wissen,
dass die quelle von c. 195, obgleich er sie nicht nent, ein deutsches
gedieht ist^ Er verweist aber selten oder niemals auf deutsche quel-
len 2; welchen grund könte er denn wol dazu gehabt haben, in einer
erzählung, welche nur eine uachbildung eines früher von ihm selbst
geschriebenen capitels wäre, eine solche quelle anzugeben? Anderer-
seits ist die verliebe des umarbeiters für dergleichen Verweisungen auf-
fallend, und wird uns noch öfter beschäftigen. Absichtliche falschung
braucht man bei ihm nicht anzunehmen, er braucht nicht c, 195 nach-
geschrieben zu haben: es ist nämlich möglich, dass ihm oder seinen
gewährsleuten einige verse desselben gedichtes zu ehren gekommen
sind, welches die quelle von c. 195 ist, und dass diese verse in seiner
quelle in einem anderen zusammenhange vorkamen 3, oder etwa zuerst
von ihm auf Heimirs und Aspilians kämpf bezogen wurden.
Die geschichte von Heimirs kämpf mit Aspilian ist also in der
form, in der sie vorliegt, nicht die arbeit des sagaschreibers. Es ist
sogar die frage, ob der ausgang nicht ursprünglich ein ganz anderer
war, und ob nicht Heimir in der ursprünglichen saga von Aspilian
getötet wurde. Es folgt nämlich c. 436 eine erzählung, die den ein-
druck macht, als sei sie nur eine Variation von jener. Heimir komt
im kämpfe mit einem rieson um; der kämpf ist dem mit Aspilian sehr
ähnlich. — pessi risi er nü ga^nall at aldri ok er allra risa inestr
1) Gmndtvig, D. G. F. IV, G26 fgg.
2) Die ganze tS enthält keine Verweisung auf .deutsche quellen, welche sicher
von ihm ist.
3) Es ist eine in Volksliedern des nüttelalters bekante erscheinung, dass die-
selben veree zuweilen in verschiedenen gedichten widerkehren.
I*IDBEX8 SAGA UND MIFLUMGA 8AGA 457
ok sterkasir, svd at engt fiU fcer kann borit Hann pHfr sina
stqng, er beeäi er Iqng ok digr; hann reidir hana upp ok lystr Heimi
usw.^ — Die erwähnung eines elefanten als des tieres, auf dem der
riese reiten solte, erinnert an c. 195 und c. 433; die eisenstange ist
in der tS das feste attribut Asplians und seiner brüder. Der riese
hütet einen schätz wie Asplians bruder Etgeirr; man hat demnach grund
anzunehmen, dass dieser riese der lezte der vier brüder ist, die im
ersten teile der I^S eine so wichtige stelle einnehmen. Es komt hinzu,
dass die widerholung der kämpfe mit riesen ermüdend wirkt und kaum
lursprünglich sein kann. Wenn die hier ausgesprochene Vermutung,
die sich freilich auf grund des vorhandenen materiales nicht zur Sicher-
heit erheben iässt, richtig ist, wird man sich die Sachlage so vorstellen
müssen, dass der umarbeiter der PS, der eine von c. 436 durchaus
abweichende Überlieferung dieser sage kante, zunächst c. 433 hinzu-
fügte, und darauf, damit doch ein bericht über Heimirs tod nicht feh-
len möchte, in c. 436 das nötigste änderte, an die stelle des namens
Aspilian einn risi schrieb, und das schon c. 430 angewendete motiv,
dass Aspilian vom klostor tribut forderte, durch die mitteilung ersezte,
dass Heimir im namen Pidreks den riesen auffordei'te, Steuer zu zah-
len. Wie weit c. 429 — 432, welche die veranlassung zum kämpfe
erzählen, alt sind, Iässt sich nicht entscheiden.
Wenn c. 433 imd 436 sich so verhalten, wie oben ausgeführt
wurde, so geht daraus hervor, dass c. 434, wo Pidrekr Heimir aus
dem kloster Vadincusan holt, und c. 435, wo Heimir das kloster nie-
derbrent, zusätze sind und von demselben Schreiber herrühren, der
Heimir Aspilian besiegen liess. Aus dem inhalte der betreffenden capi-
tel lassen sich in dieser hinsieht keine genügenden Schlüsse ziehen.
Die quelle von c. 434 ist zweifelsohne ein gedieht, was u. a. aus den
refrainartig mit geringer abweichung stets widerkehrenden werten:
j^Brödir, vü hqfmn s6t 7nargan störan snjd, sidäfi vit skildumx gödir
1) Merkwürdig ist auch hier, sowie in c. 195, 433 und auch sonst, wo die
riesischen brüder in der I^S beschrieben werden, die Übereinstimmung mit einer
beschreibung Asprians im könig Rother 652 fgg.:
dö sdn sie in deine nielme gdn
einin wmiderlichen mun,
den nemochte nichein ros getragen,
der duMe sie ein seltsene knape.
der tröch eine stäline stanyin,
vier und xweinMch ellene lange.
des wart sie ein michil kaffen an getan;
sie hrähte ein riese, der hiex Aspriän.
458 BOEB
vinir^ hervorgeht, und zwar ein gedieht, welches viele anspielungen
auf früher von tidrekr und Heiniir zusammen erlebte abenteuer ent-
hielt Darunter findet sich eine anspielung auf die Irons saga jarls,
was den gedanken an den zweiten interpolator der PS nahe legen würde,
wenn das capitel nicht daneben anspielungen auf ereignisse enthielte,
welche die I^S gar nicht mitteilt^, sodass die Übereinstimmung mit der
Umarbeitung ebensowenig wie mit der ursprünglichen saga volständig
ist. Der schluss, dass der dichter des liedes, welches später die quelle
von c. 434 wurde, sagen kante, welche sowol dem sagaschreiber wie
den beiden interpolatoren unbekant waren, liegt nahe, was nichts daran
ändert, dass das lied selbst diesen sowie jenem bekant gewesen sein
kann. Die oben ausgesprochene auffassung von c. 434 beruht also auf
der einfachen Vermutung, dass c. 433 und 436 ursprünglich zusam-
men 6ine erzähl ung bildeten, welche Heimirs tod enthielt, und ist daher
nicht über jeden zweifei erhoben. Dasselbe gilt von c. 435. Mit
gewissheit kann man über c. 429 — 436 nur behaupten, dass in der
ursprünglichen tS mit c. 429 eine episode anfieng, deren held Heimir
war, und die damit endete, dass Heimir von einem riesen, wahrschein-
lich Asplian, erschlagen wurde.
C. 437 teilt mit, wie Pidrekr Heimirs tod rächt. Die einzelhei-
ten des kampfes stimmen wider zum teile wörtlich mit denen von Vid-
gas resp. Heimirs kämpf mit Etgeirr resp. Aspilian überein 2. tidreks
pferd heisst hier, wie in c. 416, in Widerspruch mit den übrigen berich-
ten der PS Blanka^; es unterliegt also keinem zweifei, dass c. 437 ein
Zusatz ist Denselben namen Blanka trägt Pidroks pferd im lezten
capitel von üngers ausgäbe c. 438. Pidrekr wird vom teufel in der
gestalt eines schwarzen pferdes fortgeführt Der lezte abschnitt der PS
1) BrödiVf minnxtu nu d ßat^ hversu okkrir Iiestar drukku lU cid Fristd,
svd at vatnit ßvarr, svd mikit sem ßcU er ok nü skaltu minnax, hversu
vcr kömum l Romaborg Hl Erminreks konungs, ok hversu vdrir hestar gneggjudu
ok allar kurteisiskonur stödu ok sd.
2) Ok stendr upp skjött ok tekr sina stqng ok hleypr i gegn honutn, pidrekr
konungr bregdr nu sinu sverdi hinu hvassa Ekki^ax. Risinn reidir nü stqngina
bddum h(pi(lum af qllu afli. pidrekr konungr ser mi, hversu stqngin ridr ok legpr
at risanum ok vill eigi flt/ja. Risinn lystr stqnginni svd^ at endirinn kemr i
jqrdiiia d baki pidreks konungs. pidrekr sngx ml fast i moii hqgginu ok heggr
i einu hf^ggi af bddar liendr risans vid stqngina^ ok er hann nü sigrlauss ok
handlauss. pidrekr gengr nii eigi fgrr af en ßessi ri^i er daudr.
3) Storm, Sagiikredseno, 125 erklärt diesen umstand daraus, dass züge von
Wolfdietrich auf Pidrekr von Bern übertragen seien; die inconsequenz eines Verfas-
sers, der in demselben buche dasselbe tier einmal Falka, dann Blanka genant hätte,
wird dadurch aber nicht erkläi-t
toBfiKS SAGA UND NIFLUNGA SAGA 459
ist ausser in AB nur in der schwedischen überzetzung erhalten; da nun
die Übersetzung membr.^ näher steht als die hss AB, ist die frage,
wie die lezten capitel in S lauten, für die kritik der PS vom grösten
interesse. Auch hier begegnet dieselbe erzählung wie in AB, es folgt
darauf aber unmittelbar eine ganz andere nachricht über f idreks tod.
Es liegt also, wie so oft in früheren partien dertS, ein fall von dop-
pelter redaktion vor; somit erhebt sich die frage, welche redaktion die
ursprünglichere ist Dass das fehlen der zweiten in AB nichts beweist,
leuchtet ein: auch sonst fehlt in AB, was doch in einem der alteren
Codices, von denen A und B abstammen, gestanden haben muss (z. b.
die erste Vilkina saga). Dass die redaktion, welche mit AB überein-
stimt, in S vor der anderen steht, beweist auch nichts, denn auch
sonst steht in der umgearbeiteten tS bisweilen eine interpolierte redak-
«
tion vor der ursprünglichen, (z. b. das interpolierte c. 169 vor dem
echten c. 170). Es muss also der inhait beider erzählungen entschei-
den, welche ursprünglich in der fS gestanden hat. Bei dieser Sach-
lage wird das vorkommen des namens Blanka in c. 438 zu einem
umstände von grossem gewicht. Man müste wenigstens sehr gute
gründe für die priori tat von c. 438 anführen, wenn man, um diese zu
behaupten, annehmen wolte, dass der sagaschreiber dem tiere in dem
lezten kapitel einen namen gegeben hätte, der sonst in der ganzen
fS nicht begegnet; dieser name, und somit das ganze kapitel, kann
nur die arbeit desselben Verfassers sein, der c. 416 und 437, wo Blanka
gleichfals genant wird, schrieb. Femer ist noch die Verweisung auf
deutsche gewährsleute ^, welche in der arbeit des sagaschreibers ganz
vereinzelt dastehen würde, zu beachten.
Die zweite erzählung von Pidreks tod, nach S c. 383 — 385 teilt
uns mit, dass Vidga nach der schlacht bei Gronsport von einer haffru
Jians fadher fadher modher (vgl. c. 23) nach Seeland geführt wurde.
Dann hält er sich auf der insel Fimber verborgen, bis Pidrekr, der
ihn lange gesucht hat, schliesslich seinen Schlupfwinkel entdeckt und
ihn im Zweikampf erschlägt Pidrekr reist darauf durch Holstein und
Sachsen südwärts, stirbt aber unterwegs an seinen wunden; er wird
für einen kaufmann angesehen und begraben. Es folgt die natürlich
nicht ursprüngliche mitteilung, dass die erstere erzählung mit der deut-
schen Überlieferung übereinstimme, während die Römer dafür halten,
dass tidrekr gestorben sei, som for scrifvith stör. Obgleich es nicht
1) en svd segja pyäccrskir memi, at vitrax hafi i draumum, at pidrekr
konungr haß notU af guäi ok Sancte Marin, at kann miniix ßeira nafns vid
bana sinn.
460. BOBE
sicher, ja nicht einmal wahrscheinlich ist, dass die geschichte in S ihre
älteste form bewahrt hat — S kürzt fortdauernd — , so muss man doch
erkennen, dass sie im ganzen sehr gut in den Zusammenhang der fS
hineinpasst Der Verfasser behandelt Vidga mit grosser verliebe; es ist
daher durchaus nicht unwahrscheinlich, dass er ihn am Schlüsse der
saga noch einmal auftreten liess, damit er weniger schmählich umkom-
men möchte, als man nach c. 336 glauben würde. Vidgas wunderbare
errettung bei Gronsport hängt, wie schon angedeutet wurde, mit c. 23
zusammen; was aber am meisten für die ursprünglichkeit dieser redak-
tion spricht, ist der umstand, dass die erzählung, wie in anderen tei-
len der saga, in Nord -Europa (Seeland, Holstein, Sachsen) lokalisiert
ist. Man denkt dabei, nicht wie S angibt, an eine tradition, die
in Italien zu hause ist, sondern vielmehr an eine Volksüberlieferung,
welche aus Nord -Deutschland über Dänemark ihren weg nach Nor-
wegen fand, wie das auch mit andern erzählungen der tS der fall ist
(Arkiv VII, 242). Die sage hingegen, welche Pidrekr vom teufel fort-
führen lässt, ist in Rom (piäreks baä) lokalisiert und eher süd- als
norddeutschen Ursprunges; ein merkmal mehrerer Interpolationen.
In S folgt noch ein capitel (386), welches fast ganz ausserhalb
des Zusammenhanges der tS steht; wie weit es ursprünglich ist, wage
ich nicht zu entscheiden; die drei verse am Schlüsse sind, wie der
inhalt beweist, vom Übersetzer.
Zu dem teile der tS, der nur in der Umarbeitung (U) auf uns
gekommen ist, gehören auch c. 1 — 20. Dass diese zum grossen teile
alt sind, beweist der Zusammenhang sowie die bekante tatsache, dass
wenigstens ein beträchtlicher teil davon einmal in membr. gestanden
hat. Doch ist auch hier an ein paar stellen die band eines umarbei-
ters deutlich wahrnehmbar.
Nachdem in c. 13 erzählt ist, dass Samson jedem seiner beiden
söhne Eiminrekr und fetmarr ein reich gegeben habe, heisst es wei-
ter: ok borg pd, er heitir Fritila, er Vceringjar kaUa Fridscelu, gaf
hann syni sinum, er Akt hat, ok "par med herttiga nafn, Möäemi
ha7is var ekki mikit Aki ist also ein unechter söhn Samsons. Aber
etwas ganz anderes erfahren wir c. 123, wo membr.* berichtet: Hafa
peir (tidrekr, Vidga, Heimir) tekit s6r gisting i hüsum pess mannXy
er heiter Aki Amlungatrausti , hann er brödir Erminreks konongs
sammcedra oc petmars konoiigs af Bern, pessi stadr heitir Fritilaborg.
Abgesehen von der richtigen lesart Aurlungatrausti statt Anihmga-
trmcsti in A (Storm, Aarboger 1877, s. 303), weichen AB insofern ab,
^IDREKS SAGA ÜNI> NIFLUNOA SAGA 461
dass die mitteilung über Akis mutter, welche c. 13 widerspicht, fehlt —
AB haben nur: Hann er brödir Enninreks konungs ok petmars.
Man könte daher die lesart von membr.* für verderbt halten, wenn
sie nicht durch c. 275 gestüzt würde, wo membr.^ hat: En7i gamli
Akt var samfeäri viä Erminric konung oc enn rikasti maär, A dage-
gen hat: Hinn gamli Akt var hrödir Ertninreks konungs sammceddr
ok var rikr nuiär; der satz fehlt in B, S kürzt an allen genanten
stellen und beleuchtet die frage nicht. Der Vorstellung, dass Aki die-
selbe mutter wie Erminrekr und fetmarr hat, begegnen wir also in A
sowie in membr.*, sie ist demnach , soweit wir sehen, die der ursprüng-
lichen tS; die nachricht, dass Erminrekr und tetmarr denselben vater,
aber eine andere mutter als Aki haben, bieten membr.^ und AB; sie
stamt daher aus der gemeinschaftlichen quelle dieser hss., d. h. aus U.
Zu dieser nachricht stimmen die oben aus c. 13 citierten, im Zusam-
menhang leicht entbehrlichen werte, welche demnach ein zusatz sind;
zweifelsohne haben sie die späteren änderungen in c. 123 und 275 ver-
anlasst^. In demselben c. 13 heisst es von Erminrekr in volständigem
Widerspruch mit dem Inhalte der f S: Jiann er vinsceU ok friäsamr hinn
efra lut cefi sinnar; auch diese werte werden ein zusatz sein.
C. 18 nent zum ersten male Brynhild und zwar in Verbindung
mit Heimir. Die Stadt, .wo sie regiert, heisst wie im interpolierten
c. 226 Ssegardr. In der nähe ist Brynhilds gestüt, was Zusammenhang
mit dem gleichfals interpolierten c. 168 verrät. Vor allem verdient es
beachtung, dass Brynhildr später nur in den jüngeren teilen der saga
erwähnt wird. Was hier über sie mitgeteilt wird, hat also in der
ursprünglichen f S gar keinen sinn und kann nur von jemand geschrie-
ben sein, der die absieht hatte, später auf sie zurückzukommen. Die
Ursache, dass sie gerade an dieser stelle zuerst genant wird, ist zwei-
felsohne diese, dass sie in der nordischen sage mit Heimir verbunden
begegnet; ein interpolator hat hier also nordische züge in die nieder-
deutsche sage gemischt. Es ist kein grund vorhanden, in c. 13 den
beweis zu suchen, dass die Verbindung Brynhilds mit Heimir auch
niederdeutsch ist. Nirgends in der I^S greift Heimir sonst in Bryn-
hilds geschichte ein.
1) Eine andere önderung hat c. 275 nur in AB statgcfunden , um das capitel
mit c. 13 in Übereinstimmung zu bringeo. In membr. steht: andax eitm greift j er
lieUir Aki Orliingatrausti; AB haben hertugi statt greift. Nur durch einen zufall
ist hier in meinbr.^ greift bewahrt; über dem capitel steht: (laude Aka hertuga;
am Schlüsse aber: oc er hann (Yidga) greiß (so auch AB) Erminriks konungs.
462 BORR
Dass c. 188, welches erzählt, wie Heirair dem fidrekr das pferd
Falka verschaft, an der stelle, wo es jezt steht, nicht ursprünglich ist,
wurde Arkiv VII, 226 ausgeführt. Da nun dieses capitel in S an
anderer stelle (als ein teil von c. 16) vorkomt, erhebt sich die frage,
welche damals unbeantwortet gelassen wurde, ob es auch dort als ein
Zusatz aufzufassen ist Dass es nicht vom sagaschreiber herrührt, wird
durch c. 91 erwiesen, wo dieser Falka zum ersten male nent und zu-
gleich über seine herkunft aufschluss gibt^, was er doch gewiss unter-
lassen hätte, wenn dasselbe schon früher viel breiter von ihm erzählt
worden wäre. Es ist daher kaum wahrscheinlich, dass das capitel
jemals in doppelter redaktion bestanden hat. Da es nun in AB an
derselben stelle wie in membr. steht, also auch in der vorläge dieser
handschriften, von der auch S stamt, an jener stelle gestanden hat, so
erhelt daraus, dass es zugleich mit c. 172 — 187 interpoliert ist. In S
erhielt es zuerst den platz in c. 16, der zur Chronologie der erzählten
ereignisse besser stimt.
Im vorhergehenden wurde nachgewiesen, dass beträchtliche par-
tien von dem, was die handschriften als teile der fS überliefern, spä-
ter hinzugefügt sind. Gleichfals hat es sich ergeben, dass nicht alle
änderungen und zusätze von 6inem Schreiber herrühren. Es erübrigt
die frage, wieweit es möglich ist, im einzelnen zu entscheiden, wel-
cher interpolator die betreffenden teile der saga hinzugefügt resp. um-
gearbeitet hat. Zunächst unterscheiden wir die Niflunga saga im engem
sinne, d. h. die beiden abschnitte c. 342 — 348, 356 — 394, welche,
wie die Überschrift von c. 342 ausweist (vgl. s. 446 anm. 2), zusam-
mengehören. Da c. 340 — 341 (Erkas tod) in keiner anderen absieht
geschrieben ist, als um die NS anbringen zu können, so ergibt es
sich, dass auch diese capitel von demselben Schreiber sind, und ebenso
die mit c. 340 nahe zusammenhängenden c. 396 — 402, welche auch in
anderer hinsieht der NS nahe stehen (vgl. s. 447 fgg.) Eine zweite
gruppe von interpolationen hängt unmittelbar mit der zweiten Vilkina
saga (der widerholung von c. 21 — 56 nach c. 240) zusammen. Hierher
gehören c. 276 — 283, wo Osantrix, der in der ursprünglichen saga
schon c. 144 umkomt, als lebend erwähnt wird, und c. 291 — 292, die
zweite redaktion von Osantrix' tode.
1) hann var brödir Skemmings, er Vidga dtti oe brodir Rispa, er Heimir
dtti. In gleicher weise heisst es c. 190 voiiGrani: Imnn er brodir Falkn ok Skemm-
ings ok Rispa (so auch S; der bericht fehlt in AB). Diese worto köDDen die
kombiiiatioii, welche in c. 168 vorliegt, veranlasst haben.
I>IDREK8 SAGA UND NIFLUNOA SAOA 463
Zwei tatsachen weisen darauf hin, dass diese beiden gruppen
zusammengehören, mit andern werten dass der Schreiber der zweiten
Vilk. saga und der NS identisch sind:
1. In dem mit der NS zusammenhängenden c. 401 treffen wir die-
selbe der ursprünglichen pS widersprechende auffassung von
Sifkas Charakter an wie in den mit der zweiten Vilk. saga
zusammenhängenden c. 276 — 283 (s. 449 anm. 1).
2. In der NS, sowie in der zweiten Vilk. saga ist Rodingeirr,
der dem Verfasser der ^ unbekant war, eine hauptperson.
Aus diesem gründe ist es wahrscheinlich, dass auch die änderun-
gen in c. 284—290 (j^idreks flucht), c. 293 — 315 (Attilas kriege mit
Waldemar) und c. 316 — 339 (schlacht bei Gronsport), die den zweck
haben, Eodingeirr zu einer hauptperson an Attilas hofe zu erheben,
dem Schreiber der NS zuzuschreiben sind.
Von einem späteren umarbeiter rühren einige jüngere zusätze
her. Mit Sicherheit gehören hierher c. 349 — 355, die den Zusammen-
hang der NS stören, sodann ein bruchstück von c. 303, sowie ungefähr
die ganzen c. 305 — 307, welche dem vom ersten interpolator geschrie-
benen c. 278 widersprechen, vgl. s. 451 fgg.), c. 241 — 274, welche den
Zusammenhang zwischen der zweiten Vilk. saga und c. 278 stören und
also jünger als diese sind.
In den leztgenanten erzählungen (sage .von Walther und Hildegunde,
Irons saga jarls) herscht, wie schon Treutier (Germania XX, 171) be-
merkte, eine starke verliebe für romantische episoden, liebesgeschich-
ten usw. vor; die Vermutung hat daher guten grund, dass auch c. 231
— 239, die geschichte von Herburt und Hilde, c. 416 — 422, pidreks
drachenkampf und seine hochzeit mit Isolde, und wenn dieses der fall
ist, auch das damit zusammenhängende c. 415, welches Herads tod
berichtet, sowie c. 437, pidreks räche an dem riesen, der Heimir
getötet, c. 438, die erste redaktion von |)idreks tode, (in diesen bei-
den leztgenanten erzählungen heisst pidreks pferd wie in c. 416 Blanka*)
die arbeit desselben Verfassers, nicht desjenigen, der die zweite Vilk. s.
und die NS schrieb, sind.
Für einige Interpolationen ist die verfasserfrage, obgleich von gros-
ser bedeutung, nicht so leicht zu lösen; es sind Sigurds Jugend und
1) Die Verweisung auf deutsche gewälii*sieute in c. 438 köute den gedanken
an den ersten interpolator nahe legen (s. 459 anm.); dieser hätte dann auch c. 416
— 422, 437 geschrieben; jedocli ist es natürlich sehr wol möglich, dass auch dei
zweite umarbeiter eine solche hinzugefügt haben kann.
464 BOKR
die erste redaktion von Hqgnis geburt (c. 152 — 169), Sigurds und Gun-
nars hochzeit (c. 226 — 230), Attilas tod (c. 423 — 428). Für die hei-
denbeschreibung (c. 171 — 188), ist die frage von geringerem belang.
Es kommen die änderungen in c. 13 und c. 18 und die Umarbeitung
von c. 429 — 436 (Heimirs lezte heldentaten) hinzu. Mit ausnähme von
c. 13, 171 — 188 und 429—436 enthalten alle diese stücke die Vor-
geschichte oder die fortsetzung der NS, was freilich noch nicht beweist,
dass sie von demselben Verfasser herrühren, wie diese. Schon Rass-
mann ^ hat darauf hingewiesen, dass sie dem NL gegenüber sich ganz
anders verhalten als die NS. Er macht die bemerkung^, dass die NS
im engeren sinne viel öfter im einzelnen mit dem NL übereinstimt als
die hier genanten abschnitte, und schliesst daraus, dass die quellen
der NS der süddeutschen Überlieferung sehr nahe stehen, während
0.152—168, 226 — 230, 423—428 eine davon abweichende sagen-
form repräsentieren; eine folgerung, die sich mit den bisherigen resul-
taten dieser Untersuchung treflich vereinigen lässt Es wurde nämlich
oben schon öfter darauf hingewiesen, das der Schreiber der NS auch
in anderen teilen der tS von süddeutschen sagenformen stark beein-
tlusst worden ist Wie man sich die Überlieferung, welche später die
quelle der NS wurde, vorzustellen hat — ob als eine süddeutsche,
welche, noch auf einer älteren entwicklungsstufe als das NL stehend,
sich im 12. oder 13. Jahrhundert über Nord -Deutschland verbreitet
hatte, oder vielmehr als eine norddeutsche Überlieferung, welche durch
berührung mit der süddeutschen mehrere züge aus dieser in sich auf-
genommen hatte ^, entscheide ich hier nicht; es genügt, mit Raszmann
und Edzardi (Germania XXIII, 92), dessen anzeige Kassmanns resul-
tate ergänzt, zwischen den quellen der NS und denen der stotlich mit
ihr zusammenhängenden episoden der tS zu unterscheiden, und die
erste im gegensatze zu den zweiten, welche zum teile wenigstens rein
niederdeutsch sind, süddeutsch zu nennen.
An und für sich ist es nicht unwalirscheinlich, dass zwischen der
tatsache, dass die quellen der Interpolationen der F*S zweierlei art sind,
und der, dass die Interpolationen von zwei verschiedenen Schreibern
1) Die Niflunga saga und das Nibelungenlied, Heilbronn 1877.
2) A. a. 0. 8. 97 — 102.
3) Von einer rein süddeuischon Überlieferung kann aus vorsobiedenen gründen,
— u. a. der lokalisation in Westfalen (Raszmann, s. 14 — 22) — nicht die rode sein; doch
enthält die NS von anderm abgesehen auch geographische reminiscenzen an ihren
süddeutschen Ursprung. Dies ist z. b. die einfachste «rkläining für den so vielbe-
sprochenen bericht, dass die Donau und der Rhein zusammenfliessen.
T*I0REK8 SAGA UND NIFLÜNOA SAGA 465
herrühren, ein gewisser Zusammenhang besteht, zumal da es sich erge-
ben hat, dass bekantschaft mit hochdeutschen sagenformen ein beson-
deres kenzeichen 6ines dieser umarboiter ist; wenn somit eine episode,
welche die Vorgeschichte oder die fortsetzung der NS enthält, auf quel-
len weist, die nicht hochdeutsch sind, liegt die Vermutung nahe, dass
sie vom zweiten interpolator, dessen arbeit keine bekantschaft mit
hochdeutschen quellen verrät, geschrieben sei. Diese Vermutung ist
um so mehr begründet, wenn eine solche episode mit der NS in vol-
ständigem Widerspruche ist.
Die erzählung, welche sich mit der NS am wonigsten vereinigen
liisst, ist die von Attilas tode. Während Grlmhildr in der NS ver-
gebens Attila gegen ihre brüder aufzureizen sucht, und schliesslich
ohne seine hilfe und gegen seinen willen ihre räche volzieht, begegnen
wir c. 423 — 428 der Vorstellung, als sei Attilas habgier die Ursache
von der Nibelungen Untergang, weshalb auch ihn die räche tritt, und
zwar durch einen söhn Hqgnis, Aldrian, den er nach c. 393 in der
nacht vor seinem tode mit einem weibe, das Pidrekr ihm verschaft,
erzeugte Ein Verfasser, der Attila c. 376 auf Grlmhilds unaufhalt-
sames flehen, Sigurdr zu rächen, antworten lässt: Fru, hrett oc mml
ei petta optar, Ilvt ynunda ek svikja mi)ta mdga, er peir Jiafa gerigit
d inina trü; oc ei shaltu pai gera n6 einn niailr at 7Hwbjöita peim, und
der c. 392 erzählt, dass Attila Pidrekr aufträgt, Grimhildr, die Ursache
alles Unheiles, zu töten, niüsto doch aller vemunft beraubt sein, wenn
er c. 423 fgg. mitteilte, dass Attilas tod die strafe für seinen verrat an
den Niflungar war. Wenn c. 423 — 428 von einem anderen Verfasser
als die NS herrühren, so hat derselbe in der NS einiges geändei-t,
denn c. 393, welches von H(jgnis lezter nacht berichtet, stelt zwischen
der NS und Attilas tod eine verbindiuig her, welche nur dem Schrei-
ber der loztgenantcn episode zugeschrieben werden kann. Vielleicht
ist auch er es, dei* c. 359 die worte hinzufügte: Eit Atiila hmungr
er allra maima fegjarnasir, ok pykkir iUa, er liami skal ei fd Niflunga
skatf^, was mit der unmittelbar folgenden Weigerung, zum untergange
1) Dass dieso voi-stelluug iiorddoutsch ist, beweist dio üboreinstimmung mit
den Eddaliodern, wo Attila der feind der NibeluDgen, Gudrun -Oriinhildr ihre rächerin
ist; Atlamul 88. 89 erzählt, class IfQgnis söhn Huiflungr den Atli getötet habe. Einen
söhn Hi^gnis, Ranclie, der Urimhildr tütet, nennen die Hvoenscho kionik und das
faröisoho H^gnilied. Tn <lor süddeutschen sage Iiiogegon ist alles, was sich auf Atti-
las tod bezieht, bis auf wc^nige spuren vergessen (Edzardi, a. a. o. s. 93).
2) Edzardi (a. a. o. s. 7G) erklärt Attilas worte als eine reniiniscenz an eine
übergangsfonn der sage, nach der Grimhildr Attila als Werkzeug ihrer räche benuzt.
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXT. 30
466 BOBB
der Niflungar mitzuwirken (fö er OunrjMrr konungr vä/tr enn k(Brste
vtnj , und mit seiner ganzen haltung während des kampfes schlecht
harmoniert An und für sich ist gegen die annähme, dass der zweite
interpolator, der Attilas tod in die PS aufnahm, auch in der NS eini-
ges änderte, nichts einzuwenden: dasselbe tut er auch anderswo, z. b.
in der erzählung von Pidreks kämpf mit Pidrekr Valdemarsson c. 303.
307, um die Interpolation c. 305 — 306 anbringen zu können (vgl.
s. 452 anm. 2); ebenso in c. 224 (vgl. s.437 — 38). Andererseits sprechen
ausser den genanten noch einige andere tatsachen dafür, dass die NS
ursprünglich mit c. 394 aufhörte. Zunächst c. 394 selbst. Wenn der
Verfasser der NS seine arbeit hier als nur zum teile vollendet betrach-
tet hätte, wäre es doch mindestens auffallend, dass er seine lange aus-
führung über die glaubwürdigkeit seiner berichte schon an dieser stelle
und nicht erst nach c. 428 angebracht hat Die schon citierte Über-
schrift von c. 342 lässt vermuten, dass die NS ein geschlossenes ganzes
bildet, und dass der Schreiber nicht die absieht hatte, sie stückweise
mitzuteilen (vgl. s. 446); Attilas tod aber ist durch ein stück der
ursprünglichen I'S von der NS getrent Mag der leztgenante umstand
seinen grund darin haben, dass Attila c. 397 noch als lebend genant
wird, so ist damit doch nur eine von den Schwierigkeiten, welche der
annähme von der Zusammengehörigkeit der NS mit der erzählung von
Attilas tod sich entgegenstellen, gelöst Nachdem in c. 393 HQgnis tod
erzählt ist, heisst es weiter: oc nü e?' lokit cepi Niflmiga, eine nach-
richt, die der unmittelbar ^vorhergehenden mitteilung über Aldrian Hcjgna-
sons künftige geburt und der ganzen erzählung c. 423 fgg. entschie-
den widerspricht Herrad, welche doch niemand anders als Pidreks
u. a. c. 340. 396 genante gemahlin Herad sein kann, heisst c. 393 eine
frce^ilcona piäreks konungs und wird von Pidrekr gesant, um Hcjgnis
wunden zu verbinden. Verweisungen auf deutsche quellen begegnen
in Attilas tod nicht Aus all diesen gründen scheint es sicher, dass
der anfang von c. 393 bis zu den werten: oc h&r eptir dceyr Hqgni
und die episode c. 423—428 von dem zweiten interpolator herrühren;
dieser hat dann c. 392 einen abweichenden bericht über Hcjgnis tod
fortgelassen ^
Wenn seine auffasstmg richtig ist, liegt hier eine von den kleineren inconsequenzen
vor, wie sie in der NS öfter sich finden.
1) Es verdient weiter beachtung, dass c. 393 den Sigisfroä Igallara nent,
den die NS sonst nicht ei^wähnt, womit aber die höhle angedeutet wird, in der Attila
c. 426 umkomt. Auch die namensform Sigisfroä j die ausschliesslich hier vorkomt,
legt den gedauken an einen anderen Schreiber nahe. Am nächsten steht Sigfrad
wie Sigurilr in der erzählung von seiner Jugend öfter heisst.
^IDREKS 8A0A T7ND NITLUNaA SAGA 467
Die betrachtung der composition der saga führt also zu demsel-
ben Schlüsse wie die ergebnisse unsrer erforschung der quellen, näm-
lich dass die NS und die erzählung von Attilas tod keine einheit
bilden. Dem scheint nun die tatsache zu widersprechen, dass auch
sonst, und zwar in der Hveenschen chi'onik und dem damit nahe ver-
wanten färöischen Högniliede^ die sagenform der NS mit der von At-
tilas tode verbunden vorkomt Wie seit Grundtvigs Untersuchungen
(D. G. F. IV, 586 fgg.) algemein angenommen wird, ist ^S nicht die
quelle von H; ebensowenig kann natürlich H die quelle der viel älte-
ren fS sein; scheinbar bleibt daher keine andere erklärung der Ver-
bindung beider sagenformen in fS sowie in H übrig als diese, dass
fS und H beide eine dritte quelle benuzt haben, in der diese Verbin-
dung schon vorlag. Doch dürfte sich die sache dennoch anders ver-
halten.
Als die süddeutsche sagenform — ich bezeichne damit hier die
der NS, ohne dadurch im einzelnen ein urteil über ihre entstehung
auasprechen zu wollen (vgl. s. 464 fg.) — sich stets mehr in nördlicher
richtung ausbreitete und der andern echt niederdeutschen begegnete,
entstanden daraus mischformen. Diese finden wir in der PS und der
viel jüngeren H. Den mit H nahe verwanten dänischen liedern von
Orfmhilds räche fehlt diese Verbindung noch*. Bei der vergleichung
von H mit der PS falt sofort ein wichtiger unterschied auf. In der
PS wird Grimhildr von pidrekr von Bern auf eine weise erschlagen,
die an das NL erinnert; H(^gnis söhn tötet Attila. Im HQgniliede tritt
HQgni Hcjgnasons räche sowol Attila als Grimhildr; in der Hveenschen
Chronik, welche Attila gar nicht nent, komt nur Grimhildr in dem mit
schätzen eifülten berge um. Es leuchtet ein, dass die darstellung der
PS ursprünglicher als die des Högniliedes und der chronik ist. Diese
ist mehr zusammenhängend und daher vom ästhetischen gcsichtspunkte
aus betrachtet mehr befriedigend; aber dieser Zusammenhang ist durch
die entfornung oder entstellung alter züge, welche anderen widerspra-
chen, entstanden. Das Högniliod bildet in dieser hinsieht eine über-
gangsform von der PS zur Hveenschen chronik. Da es nun undenk-
bar ist, dass eine minder ursprüngliche Überlieferung die quelle einer
ursprünglicheren sein solte, so können in einer eventuel gemeinschaft-
lichen quelle der PS und H die beiden sagenformen nicht so conibiniert
1) Bio Hvcensühe chrouik und das Högnilied haben eine gemeiuschaftliche
quelle (Gruiulriss der gerin. phil. IT, 16), welches ich hier H nenne.
2) Die redaktion C dieses liedes, wo sie vorkomt, ist nach Grundtvig (I, 35)
eine kombination Vedels und hat also keinen wert
30*
468 BOKR
gewesen sein, wie das im Högnilied, viel weniger, wie es in der Hveen-
schen chronik der fall ist. Im gegenteil müste eine solche quelle alle
alten züge, welche die fS aufweist, enthalten haben; mit andern wer-
ten: auch dort müste Grimhildr allein die schuld am untergange der
Niflungar tragen, die räche aber ausschliesslich Attila treffen. Solch
eine quelle ist aber als mündliche Überlieferung undenkbar; am wenig-
sten könte man sich ein Volkslied vorstellen, das solche Widersprüche
enthielte. Die annähme einer gemeinschaftlichen quelle für die J)S und
H, in der die nord- und die süddeutsche sage schon kombiniert waren,
führt also zur annähme einer schriftlichen quelle, welche mit der fS
durchaus übereinstimte, an der also wahrscheinlich auch zwei Schrei-
ber teil hätten; eine Vermutung, zu der gar kein grund vorhanden ist,
und welche die frage zwar verschiebt, aber zu ihrer lösung keineswegs
förderlich ist. Die lieder von Grlmhilds räche beweisen ausserdem
klar genug, dass im volksmunde lebende lieder die quelle von H sind.
Andererseits geht es auch nicht an, die Übereinstimmung zwischen der
fS und H für zufällig zu erklären, um so weniger, da die entwick-
lung der sage von der f S über das Högnilied zur chronik deutlich zu
verfolgen ist. Die einzig mögliche erklärung der vorliegenden tatsachen
ist daher diese, dass der bearbeiter von H die f S kante. Man braucht
deshalb nicht anzunehmen, dass die PS die einzige quelle von H war.
Es ist möglich, ja wahrscheinlich, dass der bearbeiter von H nur für
die räche die PS als quelle benuzte; man könte sogar mit gutem
gründe annehmen, dass er, wenn beide sagen ihm bekant waren, aus
der PS nur den gedanken, sie zu verbinden, entlehnte. Das fehlen
der räche in den dänischen liedem, worauf schon hingewiesen ist,
spricht auf jeden fall dafür, dass diese Verbindung in der volks Über-
lieferung jung ist.
Einen söhn Högnis kennen ausser der PS und H nur Atlamäl
und VqIs. s. Man könte sich aus diesem gründe zu zweifeln veran-
lasst fühlen, ob in Attilas tod in der tat eine norddeutsche und nicht
vielmehr eine skandinavische Überlieferung zu suchen sei. Aber das
schon von Edzardi (a. a. o. s. 93) angeführte märchen vom Simeliberg
(Grimm nr. 142) beweist, dass dieser zweifei nicht berechtigt ist Auf
deutschen Ursprung weist auch der name Sigisfrod (c. 393), vgl. dazu
oben s. 466 anm. Aus den übrigen namen (Attila, Grimhildr usw.) las-
sen sich für die episode keine Schlüsse ziehen; dieselben könten sich
nämlich der form nach an die namen der NS angeschlossen haben,
wie z. b. die ganze NS hindurch namen wie Gunnarr, H<}gni sich an
die nordische Überlieferung anschlössen.
I*IDBEKS SAGA UND NIFLÜNQA SAGA 469
In bezug auf c. 152 — 168 (Sigurds Jugend), 226 — 230 (Sigurds
und Gunnars hochzeit) kann man zugeben, dass keine dieser beiden
episoden sich mit der NS in so volständigem Widerspruch befindet,
dass sie schon deswegen unmöglich von demselben Verfasser sein kön-
ten wie diese. Doch lassen sie sich in mehreren punkten nicht mit
ihr in Übereinstimmung bringen. Zunächst muss hier widerholt wer-
den, was schon s. 466 bemerkt wurde, dass die Überschrift, und, wenn
diese auch nicht für echt gelten darf, doch der anfang der NS^ vor-
auszusetzen scheint, dass die auftretenden personen noch nicht genant
sind, was sehr auffallend wäre, wenn ihn der Verfasser von c. 152 —
168, 226 — 230 geschrieben hätte 2.
Ferner gilt auch hier, dass die beiden episoden vom NL ungleich
weiter abstehen als die NS (s. 464)^; dass sie vielmehr eine nieder-
deutsche sagenform zu repräsentieren scheinen, welche sonst in der
arbeit des ersten interpolators selten oder niemals begegnet Schliess-
lich fehlen auch hier die Verweisungen auf deutsche quellen. C. 152 —
168, 226 — 230 scheinen demnach vom Schreiber der episode von Atti-
las tod zu sein. Scheinbar spricht der umstand dagegen, dass die bei-
den erzählungen von Sigurds Jugend und Gunnars hochzeit einander
an einer stelle widersprechen. C. 168 nämlich, wo Sigurdr sich bei
Brynhildr ein pferd holt, ist von einem vertraulicheren Verhältnisse
gar nicht die rede; doch wirft c. 227 Brynhildr Sigurdr vor, dass er
sich früher mit ihr verlobt hat. Diese lezte bemerkung ist augenschein-
lich ein zug aus der nordischen sage, welche auch sonst demselben
Schreiber vorgeschwebt hat. Dieser Schreiber ist es nämlich, der c. 18
die ihm aus der nordischen sage bekante Verbindung Brynhilds mit
Heirair hergestelt hat*.
1) Citiort oben s. 446 anm. 1.
2) Hierher gehört auch das mitteilen von einzelheiten , welche schon in einer
der genanten episoden erzählt sind; so die nachricht über Sigui'dr c. 342: hans harond
var svd hart sem sigg villigaltar eda horn^ oe engiskmiar vdpn rndtti d festa nema
tnilli heräanna; ßar var hans horond sem annarra marma, vgl. c. 166, welches die
erwerbung der homhaut im einzelnen berichtet. Dieselbe bemerkung, aber ganz kurz,
findet sich in der ui*sprünglichen sage c. 190; vgl. s. 446.
3) Die abenteuerliche erzählung von Sigurds geburt. Seine erziehung bei Alimir,
wie im Siegfriedsliede. Ganz anders im NL.
4) Wahrscheinlich war es auch dieser Schreiber, der c. 359 in der NS eine
anspielung auf den schätz , welchen Sigurdr in dem lager des getöteten drachen findet,
hinzufügte: ek veit früy at Sigurdr sveinn dtte mikit güll; ßat fyrst, er hann tök
undan peim mikla dreka er hann hafde drepit. Das von ihm geschriebene c. 166,
wo Sigurdr Roginn tötet, nont den schätz nicht, was gewiss darin seinen grund hat,
470 BOJEB
Dass Sigiirds Jugend und Gunnarrs hochzeit trotz des Wider-
spruches zwischen c. 168 und 227 von demselben Verfasser sind, beweist
der Zusammenhang beider episoden mit c. 18 (vgl. s. 461) zur genüge.
Dieses capitel ist neben c. 226 das einzige, das SaBgardr als Brynhilds
Wohnsitz nent; andererseits lässt sich c. 18 von c. 168 nicht scheiden,
wo Sigurdr aus Brynhilds gestüte ein pferd holt. Dass c. 152 — 168
und 226 — 230 zusammenhängen, geht weiter daraus hervor, dass Si-
gurdr c. 226 der weg nach Brynhilds Stadt bekant ist.
fjine einwendung, die sich gegen die Scheidung von Sigui'ds
Jugendgeschichte von der NS erheben liosse, muss noch widerlegt wer-
den. Brynhildr, von Grlmhüdr beleidigt, klagt Gunnarr und Hqgni
ihre not und sagt c. 344: Oc svd kmn harnt iil inin fyrsta s^iniii, at
eigi vissi kann sinn fador eäa sifia mödor ok enya sina cett, werte,
die auf c. 168 anzuspielen scheinen. Abgesehen von der freilich gerin-
gen möglichkeit, dass die quellen von c. 168 und 344 in diesem punkte
mit einander übereinstimten, sodass aus der gleichheit der berichte
noch nicht auf die identität der Verfasser geschlossen werden könte,
muss bemerkt werden, dass der angeführte satz in einem Zusammen-
hang vorkomt, durch den die Übereinstimmung mit c. 168 zu volstän-
digem Widerspruch wird. Unmittelbar vorher sagt nämlich Brynhildr:
Sigurär sveinn kom hingat iil ydar sevi einn vaUari, en nü er hann
svd stolx ok svd rikr, at ciffi md langt hedan lida^ dar en pör mtmod
allir honom pjöna. Diese werte setzen eine ganz andere sagenform
als c. 168 voraus. Meines erachtens können sie nur so gedeutet wer-
den, dass Sigurdr wie ein umherirrender ritter (sem einn vallari), also
auf dem wege, Brynhildr zu suchen, zufq-Uigerweise nach Gunnars hofe
kam und dort — wie sich versteht, Grimhildr zu liebe * — blieb, eine
Vorstellung, der man in mehreren Eddaliedern begegnet (vgl. Sijmons,
Ztschr. f. d. phil. XXIV, 17. 21 fgg.), und die auch einmal in Deutsch-
land verbreitet gewesen sein muss. Aber auch wenn man die worte
sem einn vailari nicht in dem eben angegebenen sinne verstehen wolte,
so Hessen sich Brynhilds worte doch auf keinen fall mit c. 168 in
Übereinstimmung bringen, wo Sigurdr von Brynhildr sofort zu könig
Isungr in Bertanga reitet, ohne Gunnarr oder Högni zu begegnen.
Dass die von Brynhildr gesprochenen worte echt sind, geht aus Gun-
dass dio quelle des capitels den schätz nicht kante; die NS und Attilas tod nennen
beide einen schätz, der Sigurdr gehört hat; dieser stamt nicht von Reginn - Fafnir
her, wie der namo Niflungaskattr ausweist (c. 424 u. a.). Die angeführten worte
scheinen also eine reminiscenz an die nordische sage von der tötung Fafnirs zu aein,
was sich beim Schreiber der NS sonst nicht findet.
I>IDREK8 SAGA UND NIFLUNOA SAGA 471
nars antwort hervor i; merkwürdigerweise lässt er die anspielung auf
Sigurds besuch bei Biynhildr, welche doch zwischen jenen werten und
seiner antwort steht, unbeachtet Diese stört also einigermassen den
Zusammenhang und dürfte eine zutat des Schreibers von c. 168 sein.
Für einen näheren Zusammenhang zwischen c. 168 und c. 344 beweist
sie jedesfals nichts.
Gegen die Vermutung, dass die erzählungen von Sigurds Jugend
und Gunnars hochzeit von einem andern Schreiber als die NS herrüh-
ren , lässt sich also nichts zwingendes einwenden. Das entgegengesezte
aber, die identität beider Verfasser liesse sich nur verfechten, wenn
man annehmen weite, dass der interpolator der NS viele quellen benuzt
hat, welche der süddeutschen üborlieferimg sehr fem stehen (was gerade
ein charakteristisches kenzeichen des zweiten interpolators ist), dass er
nordische züge in die erzählung aufnahm (was in den episoden, die
sicher von ihm sind, nirgends der fall ist), dass er sich selbst manch-
mal plagiierte, indem er in der NS vieles als etwas neues mitteilte,
was er schon früher, zum teil ganz ausführlich erzählt hatte; schliess-
lich, dass er die Verweisungen auf deutsche quellen, die er sonst mit
so freigebiger band ausstreut, in einem teile seines werkes, der doch
auch nach deutschen quellen bearbeitet ist, ganz beiseite liess. Da es
überdies feststeht, dass die fortsetzung der NS von einem anderen Ver-
fasser als die NS selbst ist, wird man lieber annehmen, dass dasselbe
mit den episoden c. 152 — 168 und 226 — 230 der fall ist, welche
sich mit der von Attilas tod treflich verbinden lassen, als seine Zu-
flucht zu solchen gewagten und wenig wahrscheinlichen hypothesen zu
nehmen.
Es kann nach dem vorhergehenden nicht länger zweifelhaft sein,
wer der Verfasser von c. 169 (Hcjgnis geburt) ist Das capitel widerholt
nachrichten, welche c. 342 richtiger erzählt werden (Vemiza, die haupt-
stadt in Niflungaland wird c. 169 nicht genant); sodann enthält es eine
aus der luft gegriffene anspielung auf c. 391 ^ und eine ungeschickte
anspielung auf c. 390. Bei der erwähnung Gislers unter Aldrians söh-
nen wird nämlich hinzugefügt: kann er pä eitt bam, er pessi tiäendi
gerax, C. 390 berichtet, dass Gisler ein kind war, als Sigurctr getötet
1) Fru, eigi skaltu grata y ok ßegi pii ßegar i staä, Stgurär sveinn tnun
eigi lengi vera vdrr herra^ ok min systir Orinihildr man eigi vera ßin droining.
2) Oc vid vor st(^dd ein kona oc heyräi, oc sü var sidan fridla pidreks
konungs af Bern ok sagde honum af trwmdi ßenna lut, oc ßar af kam upp aU
ßeita mal um siäir.
472 BOSB
wurde; c. 169 aber erzählt nicht Sigurds tot, sondern H^gnis gcburt
Die anspielung in c. 169 ist somit an ungeeigneter stelle angebracht
Übrigens gelten für die beurteilung dieses capitels zum teil dieselben
aigumente wie bei c. 152 — 168, vor allem was s. 469 über den anfang
des NS gesagt ist.
C. 172 — 188 hängen mit keiner andern Interpolation unmittel-
bar zusammen; mit Sicherheit ist es kaum zu entscheiden, ob diese
partie die arbeit des ersten oder des zweiten interpolators ist. Die
vielen Verweisungen auf deutsche gewährsleute ^ lassen das erste ver-
muten 2. Aus demselben gründe ist es wahrscheinlich, dass c. 429—
436 vom Verfasser des NS umgearbeitet sind. Abgesehen davon, dass
c. 433 sich auf deutsche quellen beruft (vgl. s. 456), fält noch der s. 454
besprochene Zusammenhang mit der holden beschreibung (c. 180) auf,
der zur selben auffassung führt Wer der umarbeiter von c. 13 ist,
geht aus dem zusammenhange nicht hervor; vgl. aber imten s. 474 anm.
Als ergebnis dieser Untersuchung lässt sich die geschichte der tS
auf folgende weise in kurzen zügen darstellen:
Der sagaschreiber hat nach den ihm bekanten quellen, wie schon
der titel angibt, das leben tidreks von Bern und seiner beiden be-
schrieben. Dabei war ihm der könig bis zu dem grade die hauptper-
son , dass mehrere beiden nur eine Zeitlang in seiner Umgebung auf-
treten, ohne dass der leser erfährt, was weiter aus ihnen wird^. Der
Verfasser hat seine arbeit breit entworfen und verweilt im anfang oft
bei den Schicksalen von nebenpersonen, später hält er sich mehr an
seinen stofif, was leicht zu verstehen ist, da Kdreks leben stets interes-
santer wird^. Seine quellen waren teilweise niederdeutsche Volkslieder,
vielleicht auch mündliche mittcilungen von personen aus Nord -Deutsch-
land; dass er ausschliesslich deutsche quellen benuzt habe, ist nicht zu
1) C. ISO: d hans vdpnum er markaä ßat^ er Pydeskir menn kalla alpan-
dyr en V<eringjar fd. — C. 181: Vildiffqltr, fat er d Pyäcsku Vüdifer. — C. 184:
Pat er 7tu aflekit i sqgum ßf/äeskra manna, at engt skal bera d hölm süfrlcujdan
skJQld eäa buklara. — C. 187: oe viä ßat samn er hans (Hildibrands) getity hvar
seni hans nafn er ritad eäa frd honum sagt. (Hier nur eino ganz algemoine Ver-
weisung auf fremde quellen).
2) Man beachte noch, dass der von Sigurdr getötete dracho hier (c. 185) Fadmir
hoisst, beim zweiten intorpolator hingegen (c. 163) Reginn.
3) Z. b. Sintram, Fasold, fetleifr.
4) Die arbeit des sagaschrcibers sind c. [1 — 21], 22 — 56 kurze redaktion,
57 — 151, 170, 171, 189 — 225, 240, 275, [284 — 290, 293 — 339, 395, 397, 403-
414, 429 — 436], schliesslich ein oder mehr capitel, deren inhalt in S als c. 383 —
385 (386?) mitgeteilt wird. Die zwischen klammem gestalten capitel sind nur in
volständiger oder partieller Umarbeitung erhalten.
I1DBIK8 8AGA. UND NIFLTJNeA SAGA. 47S
erweisen: es ist sehr wol möglich, dass ein teil der von ihm bearbei-
teten sagen ihm nur in nordischer Überlieferung bekant waren. In
den fallen, wo die mitgeteilten sagen sicher deutsch sind, weisen sie
gewöhnlich eine von anderen quellen, namentlich von den süddeutschen
epen abweichende sagengestalt auf. In den teilen der fS, welche, so
weit man sehen kann, nicht umgearbeitet sind, begegnen keine grossen
Widersprüche, was neben der Sorgfalt des Schreibers dem umstände
zuzuschreiben sein wird, dass auch die quellen des sagaschreibers ein-
ander selten oder nie widersprechen.
Ein abschreiber, der viele sagen aus dem mimde deutscher ge-
währsleute in einer den süddeutschen epen ziemlich nahe stehenden
form vernommen hatte, wunderte sich über den in mancher hinsieht
sehr bedeutenden unterschied zwischen dieser Überlieferung und der
der PS. In der Überzeugung, dass die abweichenden berichte der ^S
unrichtig seien, fieng er an sie umzuarbeiten und berief sich dabei
fortwährend auf seine deutschen quellen. Seine tätigkeit ist von zweier-
lei art:
1. er fügt neue stücke hinzu, welche nach seiner meinung in der
PS nicht entbehrt werden konten (Sifkas räche c. 276 — 283,
die NS mit dem was dazu gehört c. 340 — 348, 356 — 394, 396,
398 — 402; wahrscheinlich auch die heldenbeschreibung c. 172
-187);
2. er bearbeitete stücke, welche in der PS bereits vorhanden waren
auf seine eigene art Diese wurden wider auf zwei weisen in
die saga aufgenommen:
a. die Umarbeitung tritt an die stelle der ursprünglichen redak-
tion (Pidreks flucht c. 284 — 290, die kriege mit Valdemar
c. 293 — 315, die schlacht bei Gronsport c. 316 — 339, Hei-
mirs lezte heldentaten c. 429 — 436);
b. die ältere redaktion bleibt stehen, die Umarbeitung folgt
später (Vilkina saga c. 21 — 56 nach 240, Osantrix tod
c. 132—144 als c. 291 — 292).
Eine genügende erklärung der tatsache, dass der umarbeiter ver-
schiedene teile der saga, die er doch in derselben weise beurteilte,
auf so verschiedene art behandelte, ist noch nicht gefunden. Als die
ansprechendste erscheint diese, dass er sich in einer ähnlichen läge
befand wie der Schreiber nr. 3 von mcmbr., dass nämlich ein teil der
handschrift, die er bearbeitete, und zwar mindestens bis c. 144, höch-
stens bis c. 171 schon von ihm oder einem andern geschrieben war,
ehe er sich vornahm, die saga umzuarbeiten. Was vor cap. 144 schon
474 BOEB, I^IDBXKB SAGA UND KIFLÜNQA SAGA
erzählt war, muste somit, wenn es dem umarbeiter unrichtig erschien,
widerholt werden, was nach c. 171 (wo die erste interpolation von sei-
ner hand anfangt) folgte, wurde in solchem fall nur umgearbeitet^.
Ein zweiter abschreiber, der gleichfals viel kentnis von fremden,
besonders romantischen sagen hatte, sah die |>S als ein zur compilation
äusserst geeignetes buch an, und fügte eine anzahl erzählungen hinzu,
deren inhalt von haus aus der J)S völlig fremd war. Der umstand,
dass die NS einen teil der ^S bildete, veranlasste ihn, an den dazu
geeigneten stellen hinzuzufügen, was er weiter von Sigurdr und Grlm-
hildr, von Gunnarr, Hqgni und Attila zu erzählen wusste. Um seinen
berichten den schein zu geben, als seien sie integrierende teile der ^,
lässt er ]^ictrekr zuweilen eine statistenrolle spielen, welche niemals
anders als in seiner Imagination bestanden hat; so zieht z. b. J>idrekr
in Widerspruch mit allen anderen Überlieferungen auf der brautfahrt
nach Sa)gardr mit Gunnarr. Mehrere ganz fremden Sagenkreisen ent-
lehnte erzählungen verknüpft er in der ungeschicktesten weise mit der
geschichte pidreks. Um zwischen der pS und seinen Zusätzen den
gewünschten Zusammenhang darzustellen, ändert er mitunter einiges in
der arbeit des Verfassers oder des ersten umarbeiters (c. 224, Jidreks
kämpf mit J)idr. Valdemarsson, NS); diese änderungen aber scheinen
nicht von tief eingreifender art zu sein. Bei kleineren episoden, die
seiner auffassung widersprechen (H(jgnis geburt, Jidreks tod), nimt er
seine Zuflucht zur doppelten redaktion; ein anderer grund dafür ist
nicht anzugeben, als etwa dieser, dass er schon in der JS, wie er sie
kante, falle doppelter redaktion vorfand. Beide male stelt er die von
ihm geschriebene redaktion vor die ältere.
Für die sagenforschung besteht die bedeutung der hier gewon-
nenen resultate darin, dass es hinfort leichter sein wird, in dem bun-
ten gemische hochdeutscher, niederdeutscher und nordischer sagenzüge
den weg zu finden. Allerdings verliert die J>S durch die erkentnis,
dass drei Schreiber an ihrer gestaltung ihren selbständigen anteil haben,
ihren einheitlichen Charakter. Dieser verlust aber ist nur scheinbar.
Denn es muss anerkant werden, dass viele Widersprüche, welche, so
lange man die längere redaktion der J)S als die arbeit 6ines Verfassers
auffassen wolte, unlösbar schienen, aufgehoben werden, wenn man ein-
mal zur einsieht gelangt ist, dass in ihr sehr verschiedene sagenschich-
1) Wenn diese auffassung der tätigkeit des ersten interpolators das richtige trift^
so geht daraus hervor, dass nicht er c. 13 (vgl. s. 472) umgearbeitet hat Denn seine
arbeit fängt erst nach c 144 an.
BÖHBICHT, BERICHT ÜBBB SINE JEBUSALBMFAHBT. H 475
ten über einander gelagert sind. Hoffentlich werden die vorhergehen-
den blätter dazu beitragen, diese schichten wenigstens in hauptzögen
zu unterscheiden.
LEEUWASDEN, DECEMBER 1891. B. C. BOER.
ZWEI BERICHTE ÜBEE EINE JERUSALEMFAHET (1521).
(Fortsetzung zu s. 163 — 220 dieses bandes.)
Am Freyttag vmb Vesper Zeit do khamen wir in die Haylig statt
Jherusalem^ vnd ritten dos Ersten auff den borg Sion für das kloster,
do stunden mir ab, do khamen die Barfusser Münch heraws vnd
empfingen vns mit grossen frewden. Do giengen wir gleich inn die
kirchen vnd danckten got seiner gnaden; nach dem fürt man vnns in
ain gartten, da gab man vnß die Brüder ein Collation zimlich genung,
des wir notturiftig waren, dann wir vonRama auß nichts betten, dann
Wasser, keß vnd brot vnd nit den zehenden thayl wein, also sazte man
vnns hoch thewtschen als an ain TafFel, nach demselben alls wir gös-
sen betten, do gab man vns herberg auch in ain hawß, da wir auch wol
versehen waren, do schickten die Prüder ainen yetlichen ain tcppich
vnd ain lydero küß daruff zw ligen. Also plyben wir dieselb nacht
in der herberg vnnd richten vnns eyn. —
Vnnd am Sambstag Morgen ^ stunden wir hoch thowtschen frw
auff, zwu stund vor tags vnd gingen hinaufF den berg Sion zw den
uier . A bruder, do hortten wir ain stund vor tags meß vnd betten die
brudor vnnd annder bilger, so mit vnns khomen warn, stets Meß, das
allso bis in drew stund weret. Darnach hub man ain loblich ampt
an. Nach dem thet man vns ain schone predig vnd vnderweysung,
wie wir unß hallten sollten, Lateinisch, Thewtsch vnd Welsch. Nach
sollicher scheuer ermanung zw andacht, do zaigt man vnns des ersten
in der kirchen auff dem berg Sion in Chor der fron Alltar, das ist die
Stat, da got mit seinen lyben Jüngern das letst Abentmal gössen hat
vnd das New Testament anfing vimd machet laut des Euangeliums, da
ist Vergebung aller sündt. Oleich daneben ain wenig auf die Recht
handt, da ist auch ain Alltar, da ist die Stat, do vnnser lieber herr
seinen Jüngern die fuß wusch, da ist Vergebung aller sündt. Das
ward alles mit scheuer proceß vnd lobgesang gezaigt vnnd ersucht,
1) Itinerariuin ins b. land. II.
2) Vgl obün s. 178 (19. juli). 3) 20. juli, vgl. oben s. 178. 4) Lücke.
476 BÖHBICHT
auch mit schenen ermanungen zw Andacht den Bilgem inn Latein,
Teutsch, Welsch gesagt vnnd füigehalten. Also gingen mir aus bemal-
ter kirchen mit der proceß hinaus auif ain scheue Altar, do zaigt man
vnnß oben auf diser kirchen ain Cappel, doch yetz zerstert von den
Hayden beschechen, da ist die Stat, da got der herr den hayligen
gayst am Phingstag zw vnnser lieben frawen seiner Rainen Mutter
Maria vnd den hayligen Zwelflf potten sendet laut des Euangely, da
ist Vergebung aller sündt. Damach giengen wir ain stigen ab in den
krewtzgang vnd zw ennd des krewtzgangs, aufF der Rechten handt ain
Capell, da ist die khamer gewest, da vnnser lieber herr zu seinen Jün-
gern zwaymal durch verschlosne thür einkham nach seiner hayligen
Vrstennde, vnd das andermal lies er im Sant Thoma in seine haylige
wunde greyfifen Inhalt des heyligen Euangeliums. In dem Altar dyser
Capell ist auch ain stück stain einer Ellenbogen hoch von dem seull,
daran vnnser lyeber herr gegayslet worden ist In dyser KapeU ist
auch Vei^gebung aller sündt —
Wen man herauß gat auß dem kloster auf die gerecht hanndt,
lygt zwen schritt von der Brüder kirchen, do zaigt sich an ain groß
aller geraain, ain scheue kirch, darin sein die hernach volgenden stet
als in begriffen gewest Erstlich gleich neben der Stiegen aussen an
der Kirchen auf die gerecht hanndt, da ist die Statt, do vnser liebe
Fraw gewonet hat, vnd ain schlafiFkamer gewest ist, vnnd auch von
den Engeln oflFt da erhept worden, da ist ablas Syben Jar 7 Karen.
Etwa X schritt dar von auff die lingk handt für sich gegen der Stat
zw ist die stat, do sant Matheus zu ainem zwelffpotten an Judas stat
erweit worden ist, da ist ablaß 7 Jar 7 Karen. Von dyser stat an
XII schrit da ist Sannt Jacob der minder zw ainem Bischoff erweit
worden, ist ablas 7 Jar 7 Karen. Darnach gleich ain XV schrit weit
wider für sich, da ist die Stat, do vnnser liebe fraw nach irm todt
gesalbet vnd balsamiert worden ist, da ist ablas 7 Jar. Noch ain wenig
für sich da ist die Stat, ist ain Capell gestannden, do vnnser fraw
XIIII Jar nach Cristi vnsers herrn todt gewonet vnd enthalten hat vnd
auch an diser Stat verschyden, da ist Vergebung aller sünd, pein vnnd
schwld. Ain wenig baß hinumb leicht sechs schrit, dahe ist die Stat,
do Sannt Johanns vnnser lieben Frawen oflFt meß gehallten hat, da ist
Ablas 7 Jar 7 Karen. Viertzig schrit von dyser Stat auff die lincken
hannd sein zwen stain, bedewtten die Stott, do vnnser lyber herr sei-
nen lieben Jüngern gepredigt vnd dem Volck, so im nachgeuolgt hat,
da ist vnnser Fraw gemaincklich gegen dem herren, als da ain stain
stat, gesessen, da ist Ablas 7 Jar 7 Karen. Sechs schritt fürwartz auf
BESICHT ÜBER EINE JERÜSALElfFARRT. n 477
die Rechten hannd an der kloster Maur ainwarts da ist Dauids grab,
das haben die Hayden inn , lassen nymand darein von Christen. Syben
schrytt förwarts auch an dem Closter, da ist die Stat, do das Oster-
lamp gepraten worden ist, da ist ablas 7 Jar 7 Karen. Drey schrit
dameben ist ain Altar, da ist der erst Marterer sannt Steffann vnden
begraben worden, ist nit mer dann auch sonst etlich fronfasten, da ist
ablas Syben Jar 7 Karen. Drey schrit wider hinder sich auf die ge-
rechten handt gegen dem Closter ist ain hocher stain, da hat.vnnser
lieber herr Jhesus seinen Jüngern beuolhen, sy sollen ausgan in alle
Land ynd sein vrstennd vnd das Euangelium predigen, also haben sich
daselbs die lieben Jüngern von stund an nach dem gepott des heiTen
zerthailt in alle Lannd vnd von ainander vrlaub genomen laut der
hayligen geschriflft, da ist ablas 7 Jar 7 Karen. Dyse haylige Stet
sein all in vorgemellten kirchen gwest vnnd in eren gehalten worden
mer dann yetz, so sy zerstert seind, das ist durch die hayden zerstört
worden. —
Von dem borg Sion biß in das hawß Caiphe ist* . . schrit, da
ist yetz ain kirchen gepawt —
Vngefer* .. schritt, da ist ain stain, bezaichnet die Stat, do die
lieben Jünger den todten leyb unser lyben frawen in das Thal Josaphat
wollten tragen, da haben sie gerwet, da sein die Juden khomen vnd
haben in den hayligen leyb wollen nemen, da hat ainer die bahr
angriffen, da ist er von stund an krumb worden vnd seind im die
hend erdort, do das die anndem ersachen, das hat ir gar vil zw dem
Christennlichen glawben kert, da ist ablas 7 Jar 7 Karen. —
Darnach gingen mir fürpas etwo^ . . schrit, do khamen mir abwärts
zw ainem Alten gemaur vnd ainem Velsen, da ist die Stat, da Sant
Petter sein stind bewainet vnd büß wircket vmb die verleugung Christi,
laut der hayligen geschrifft, da ist ablas 7 Jar 7 Karen. —
Damach ain wenig abwärts do sahen wir gar sehen staine geng,
do das Wasser in Salomons Tempel gelauffen ist. Also gingen wir ain
wenig fürbaß, do zaigt man vnns auf der lingken handt hinauf in den
Tempel Salomonis ain gezew, da ist die Jungfraw Maria auffgeopffert
worden in den Tempel dreyunddreyssig Staffel hoch, do mag man nit
hinkhomen, dann die hayden lassen khain Christen in im Tempel, wo
aber ainer darinn khem, so müst er sterben oder verleugnen seins
glawbens, da ist Vergebung aller sünd vnnd missethat, die stat anzu-
sehen als man vnns zaigt hat. —
1) 2) 3) Lücke.
478 BÖBRICHT
I
Von dannen gingen wir abwartz bis zw ainer stainen brugk, die
vber den pach Cedron gat, daselbst ist gelegen vor der Marter Christi
dos holtz das man nitt mochten brawchen zw dem Tempel Salomonis,
wo man das hin maß so was eß zw kurtz oder zw lanng, da wolten
die khunig(in) von Saba ainßnials spacieren gan an den berg Oliueti,
do khamen sy an den stegg, da wolten sy nit hinüber gon sunder sy
knieten nider vnd betten das holtz an vnd sagten: 0 du Edels holtz,
an dir, wirt leyden vnd sterben der sun gottes, der himel vnd erdtrich
beschaffen hat! Vnd ist durch den pach Cedron geganngen, also sich
weytter ausweyst die geschrifift der propheten die Künigin Sibilla von
Saba genant, in dem alten Testament Damach ist das holtz hinw^
genomen worden vnd in ain Weyr gesenckt für den Tempel Salomonis,
als ich weytter melden will, vnd ward ain ander holtz da her gelegt,
da yrtz die brugk stat, da ist vnser lieber herr vfift durchganngen in
den gartten mit seinen lyben Jüngern. Vnd als er gefangen worden
ist, da haben die Juden den lieben herrn Jhesum Cristum an der stat
mehr vnbarmhertzlich mit schlagen vnd Ziehen durch den Pach ge-
schlayfft. Da ist Vergebung aller sünd für pein vnd schwld. Vnd als
mir vber die pruck khomen, da ist ain thurn von ainem gantzen Vell-
sen gemacht, den hat der schön Absolon lassen machen, ain sun Salo-
monis, vermaint sein aigen Vatter dardurch zw bezwingen, seins wil-
lens zw leben. Er beschlieff auch dem Vatter seine weyber, als sy
dann in der alten Ehe vil weyber gehapt haben, vnd vmb der vnge-
horsam willen des Suns dem Vatter, so haben die hayden ain prawch,
wen ainer fürgat, so wirfft er mit ainem stain in den Thurn vnd ver-
fluchen den Sone in abgrund der hellen, des werfiFen ist so vil gewest,
das zw diseer Zeit ain großer hawff Stain in vnd vor dem thurn lygen
vnd haben ain groß loch durch den gantzen Velssen geworffen. Also
gingen wir ain wenig auf die gerechten hanndt abwärts vnd darnach
auf der lincken hannd, da ist ain holer berg, da hat sich Sanct Jacob
inn verborgen nach der gefenncknus Christi, bis er gekrewtziget ist
worden, vnd nit weyt dauon ist das grab Zacharie, der was ain Sun
Bacharie \ von welcher vnser herr vnd heyland sagt im euangelio. Also
gingen mir widerumb hinder sich der brugk zw vnd für auß etwa von
der brugk bis zw der Stat, da ist gewesen das Doiff Bethsemani'
. . . schrit, in welchem Derffle vnnser lyber her(r) sein acht Apostl ließ
vnd die drey mit im nani. Da ist Ablas 7 Jar 7 karen. —
1) Benichja; vgl. Matth. XXIII, 35.
2) Gethsemane; lücke.
BERICHT ÜBER EINE JERÜSALEMFAHBT. U 479
Darnach gingen mir noch bey^ . . schrit aufifwarts gegen der gerech-
ten handt, do fanden mir in dem garten ain großen Stain Yellsen, do
ließ vnnser lyber herr die andern drey Jüngern, Petrum, Johannem
vnd Jacobum, da sieht man auf dyse stund in dem hertten stain
Vellsen, wie die lieben Jünger gelegen seind. Da ist ablas 7 Jar
7 karen. —
Also gingen wir etwas bey ^ . . schritt hinder sich wider abwartz,
do khamen mir zw der Stat, do vnnser herr dem Verretter Juda ent-
gegen ging vnd sagt: Frunt, warzw ist es khumen? vnnd zw den Juden
redt Er: Wen sucht Ir? Do antworten sy: Jhesum von Nazareth. Do
sagt der Herr: Ich bins, do fielend die Juden alle nider zw Kuck, nach
laut des Euangeliums vnd Passions. An derselben stat ist gleich die
stat, do der herr von inn auch angefallen vnd gefianngen ward, ain
wenig hinder sich auf die Rechten hannd abwärts ist das ort, do Pe-
trus Malchum das ohr abhawt. In dysen stetten ist Vergebung aller
sünd. —
An welcher stat man gleich gerad gegen der gülden Portten sieht
in Tempel Salomonis, do der kayser^ frechlins das haylig krewtz mit
großem Triumpf wolt entfuer, do erschin der Enngel auf der portten
vnd thet sich die portten zw als ain Maur, da sagt in der Engel: Dein
got(t) vnd dein schöpffer ist in großer diemutigkhait auß Jherusalem
gangen, du solt die nit mit solchem Triumpf eingon! Da stund der
kayser abzw fuß mit großem schrecken vnd demutiget sich, do thet
sich die portten wider auff vnd do trug er das Crewtz Cristi in dem
Tempel Salomonis, als die haylig geschriflft weyter außweyst Auch ist
durch dyse porten der Herr Jhesus von dem garten hineingangen vnd
hat die khauffer vnnd verkhauffer außgetryeben. —
Zw dyser Portten noch in den Tempel mag man nit khomen vor
der hayden annderst haimlich doch mit großem gefer, daß nit wol zw
wogen ist Hie dyse portten zw sehen mit Andacht vnnd ein pater
noster betten und ist Vergebung aller sündt —
Damach gingen wir wider auffwarts ain wennig auff die Rechten
handt bey* .. schrit, da ist der Stain Vells, darauff sannt Thoma geses-
sen was, do die aller Rainost Jungfraw Maiia von den engehi erhebt
ward vnnd zw den hymeln gefürt AufF dysem Stain Velß ließ die
hochwirdig Mutter aller gnaden sannt Thoman die gürttel vnd Ir hay-
ligen klaider. Da ist aplas 7 Jar 7 karen. —
1) 2) Lücke.
3) Heraclius; über diese sage vgl. G. v. Zezschwitz, Vom römischen kaiser-
tum 58. 174 fgg. 4) Lücke.
480 RÖHRICHT
Demnach gingen wir wider abwärts auff die lingen handt, als die
Stat auff die Rechten handt ligt Etwo^ .. schrit, do khamen mir in ain
holl des Velssen, do der herr Jhesus sein gebet verbracht vnnd plut-
tigen schwayß schwitzet vnnd gott sein himlischen Vater patt, Vatter
(sprach er), ist es raüglich, so nim den keich des leyden von mir, doch
nit mein, sonnder dein will geschech! Do ist der Stain, drauff der
Enngel gestannden ist vnd kham zw dem herrn vnnd tröstet die raen-
schait, das ist ain ernstlich andechtige statt zw sehen, das warlich khain
mensch glawb ich daher kompt, er ersewfftzet von hertzen vnd wird
gotforchtig. Da ist aplas Vergebung aller sünd. —
Ain wenig abwartz von dem gartten auff die linck hannd in das
thal Josaphat Etwo ^ . . schrit, da khomen mir zw ainem schonen Alltar
kirchen, ist gar inn die Erd gepawen, Achtundviertzig Staffel ain Ste-
gen ab. Damach in dem vordern pogen des Krewtz auff die Rechten
hanndt, da ist der Mutter aller gnaden vnnser lieben frawen der Rai-
nen Jungfraw Maria begrebnuß, das ist ain klains Capellen, in deren
großen vnd klainen Capelln ist das wirdig grab wie ain alltar gemacht,
brennen stets der gantz bogen voller ampeln, gar andechtlich zw sehen,
gat zw ainem klainen thürlin fürwarts gegen dem grab hinein vnd auff
die lingk hanndt wider heraws. In der kirchen ist ain brunnen vnd
vast kalt wasser darinn, vnd so man die stygen wider auf gat, so ist
auff dem halbthayl der Stegen auff der Rechten seytten das grab in die
seytten Mur in ainer Kapeil des hayligen Sannt Joachims, vnnd auf
der ander seytten in ainer Capell das grab der hayligen Mutter Sannt
Anna. Die hayden haben die kirchen inn vnd verpringen ir beth, da
ist gar Vergebung aller sünd für pein vnd schwld. Auffwarts von dyser
kirchen auff die gerechten hannd etwo 15 sehritt da ist der Stain, do
der erst Marter sannt Steffan auffgelegen ist vnnd mit stainen auff der
Stat erworffen, da ist er also pelyben, bis die Christen khomen sein
vnd in vergraben, do sieht man noch scheinbarlich in stain Vellsen,
wie der lieb haylig gelegen ist. Da ist ablaß 7 Jar 7 karen. —
Noch baß hin auffwarts gegen der Stat Jherusalem ongefer acht-
undzwaintzig schrit, do ist ain stain Vells, darauff Sannt Paulus geses-
sen vnd hielten den Buben, die Sannt Steffan verstaingeten, ir klay-
der, damit sy deß ringer zu werffen hotten, dann er deßmals noch
jung vnd nit kristen was. Weytter gingen mir fürhin in die Stat Jhe-
rusalem, nit weyt, do khamen mir auff die lingk hannd in ain gassen
für ain portton des Tempels Salomonis, daselbs auf die gerechten handt
1) 2) Lücke.
UERICHT ÜBER BINK JERÜSALEMFAHRT. II 481
ist der weyer gewest, do das holtz oder stog, der vber den pach Cedron
gelegen was (alls ich vor auch gemelt hab), in demselben weyer, wan
ainer kranck was vor dem leyden Christi, vnd sobald er sich darinn ...^
so ward er gesund. Zw der Zeyt des leyden Christi kam dasselb
heraws vnd schwam empor, ward eß herauß genomen vnnd das haylig
krewtz von gemacht Da ist aplas 7 Jar 7 karen. —
Der weyer hayst Depissyna^. Deßmal gingen mir gestracks die
lanngen gassen, do vnnser lieber herr das krewtz getragen hat, zw
Herberg. —
Am Sonntag zwu stund aufif den tag, do ließ man vnns wider
auß dem hayligen Tempel des hayligen grabs vnd berg Caluaria, do
gingen mir zw herberg vnd aßen, nach mittag do rwentten mir biß
zw Vesper Zeit, do kham der brüder ainer ab dem berg Sion vnd fürtt
vns weitter, haylig Stett zw besuchen vnnd zw sehen. Erstlich gingen
wir dem Schloß zw, das auf der Rechten hanndt des wegs gen dem
berg Sion ligt, daruor ist ain platz vnd ain stain bey aineni Brunnen,
do mag man die drey hayligen Tempel sehen. Erstlich den Tempel des
hayligen grabs Cliristi vnnd des bergs Caluarie, der annder den Tem-
pel Salomonis, den dritten Tempel vnd Berg Oliueti. Dyse Stet zu
sehen mit andacht vnd ain Pater nostcr zw sprechen, ist ablas 7 Jar
7 kai'en. —
Weytter für sich gen dem berg Sion, do khomen mir zw ainer
kapeilen, da ist die Stat, do vnnser lieber herr zw den drey Maria
khani nacli der vrstenndo vnnd sprach: Seyt gegrüßt Ir Maria, laut
tJuangelio. Da ist ablas, wie offtgemelt. Ein wenig bas für sich auff
der linckcn handt ist ain kirchon, haben die Armenier innen, da ist
der groß Sannt Jacob, der yetz in Oallicia^ ligt, von Herode enthawpt
worden, die statt ist ain wenig hinfür auff der linck hannd, so man
hinein gat, ist ein kapellcn, da ist 7 Jar 7 karen. —
Von dann gingen mir in das haws Cayphe, da ist ain kirchon
in, die haben die Sürgani^ inn, sein auch Christen, da ist auff dem
vordem Alltar der Stain, der vor dem hayligen grab Cristi gelegen,
darufT der Elnngel stundt, nach dem Euangelio. Auff der Rechten
hanndt ist ain klains thorlin, darinn ain gewelblin vast enng, da ist
vnnser herr eingefencklich gelegt worden, dieweyl die Juden Rath bet-
ten wider den lierrn zw todten, vnd alß man auß der kirchen gat
hinauß, da ist ain Ijoch auff der linck hannd in der Maur, da ist der
1) Lücko. 2) Probatioa pis(;inA. 3) Santiago di Compostella.
4) Surianer, syrische Christen.
ZUTSCIIBIFT F. DKUTSCHK PiriLOLOOIE. BD. XXV. 31
482 BdHRICHT
han gesessen, (do Petrus verlaugnet) do er dreymal 'krehet. Vnd ain
wenig für sich auff die Rechten hannd, da ist ain platz vmbmaurt,
vnd stat yetz ain bäum darinn, do ist das fewr gewest, do Petrus bey-
stund vnd vnsern lyben herm dreymal verlaugnet In dyser kirchen
vnd stat ist dem herm aller verschmacht bescheen vnnd auch von
Kayphe beschworen. Da ist Vergebung aller sünd, pein vnd schwld. —
Von Kaiphes hawß in das hawß Anne 309 schritte Aber der
herr ist auß dem gartten in Anne hawß gefüert worden, ist auch ain
kirch, haben die Armenier, auch Christen, inn. Bey dem vordem Al-
tar auf der lingken hannd, da ist der herr von Anne gefragt. Da
gab im der knecht Anne ain backen straich laut des hayligen Euan-
geliums, da ist Vergebung aller sündt Vnnd alß man wider ausgat
auf die Rechten band, da statt ein Ölbaum yetz in ainem Eck, do ist
zw der Zeyt des leyden Christi ain Feygennbaum gestannden, da ist
vnnser lieber herr angebunden worden, ehe das er für Anne gepracht
was in das hawß. Da ist ablas 7 Jar 7 karen. —
Von dann gingen wir für sich auff die lingk hannd fürt hinab
ain lange gassen, darnach auf die Rechten hannd ein lange gassen
vnnder ainem gewelb hinauf zw ainer Portten des Tempels Salomonis
porta speciosa genant, da sahen wir hinein mit gepett ains Patter noster,
gingen also vber der hayden gewonhait oder prawch die stigen mehr
den halb auff, das sollten wir nit gethon haben, sonnder die schwch
ausgezogen, deshalb die hayden äer zornig wurden vnd vnnser Vatter,
der vnns füret, die hennd zerkretzt, auch mit wasser geschüdt vnd
etlich Bilgern vbl geschlagen vnnd gestossen, welche vast hindennach
giengen. —
Also gingen wir dieselb lang gassen wider hinder sich vnnd auff
die gerechten hanndt ab, vnnd darnach wider ain gassen ein zw ainer
anndem portten, den Tempel Salomonis zw sehen, do vnns kain layd
beschach, da ist auch aplas usw. —
Von dann gingen wir wider auffwarts in die lang gassen, do
vnnser lieber herr das krewtz in getragen hat, do khomen mir zu dem
hawß, do Maria Magdalena vnserm erloser die fuß gewaschen laut vnd
Inhalt dos Euangely, do ist gleicherweyß aplas 7 Jar 7 karen. Da ist
ir sünd vergeben worden. Ain wenig baß auffwarts do khamen mu*
zu des reichen Manns hawß, der Lazarum ließ vor der thür lygen lauts
Ewangely. Noch baß hinauff khomen mir zw dem hawß, do vnnser
1 — 7) Alle diese angaben sind neu und variieren erheblich von den bei Tob-
1er, Topogr. I, 240 gegebenen entfernungen.
BRRICHT ÜBKR BIKB JERÜSALEMFAHRT. H 483
liebe Fraw die Mutter aller gnaden iren lieben sun dias erstmal sach
das krewtz auf seinem bayligen Bücken tragen, do ir ain schwert
durch ir hertz ging, da ist gleicher ablas wie gemelt ist Darnach
khamen mir zw dem hawß Pilati, do zaigt man vnnß den gang vber
die gassen herüber vnd die zwen stain in die Mawr gemaurt, darauif
vnnser lieber herr vnd Pilatus gestannden, als er den herni den Juden
zaigt vnnd sprach: Ecce Homo, da schryen sy all: Crucifigie eum,
lauth deshalb Euangeliums. Da ist gemelter Ablas 7 Jar 7 karen. —
Damach gingen mir in das Hawß Pilati, do mustlan mir auch
ainer ain Medin geben, da waren Mamelucken in, zaigt man vnnß ain
schon hoch gewelb, ist oben noch gemalet, inmitten desselben gewelbs
da ist die stat, do vnnser lieber herr gegaislet worden, auch in dem-
selben gewelb gekronet, da ist es aber alls in vneer gehallten, stond
yetz Roß darinn, das die Chiisten pillich zw hertzen sollten nemen
vnnd helffen die vnglawbigen von sollichen Stetten vertreyben. Da
ist auch Vergebung aller sünd. Es wurden auch etlich bilgerri daselbs
vbel geschlagen vnd von den Mamülugken vnderstunden zw versper-
ren, vmb gelt auff zw hallten, das aber durch den herm, so mit vnns
ging, abgestelt ward. Von Pilattus hawß khomen mir den rechten weg
fürwartz bis aufF ain krewtz gassen, do kham auff der rechten hanndt
der arm Simon von ainem Dorff her ganngen, der da must das krewtz
nemen vnd dem herm tragen helffen, da ist aplas 7 Jar 7 karen. Ain
wenig furpaß an einem Eck, alß man vff die rechten hanndt in die
gassen wil gon gen dem Berg Caluarie, da stat ain stain, ist die stat,
do der herr sprach zu dem Volck: Nit wainet vber mich, sunder vber
ewch vnnd ewre khindter! Das ist Ablas, wie obstet Ain wenig baß
auffwarts gar nach bey der Alten Statt Thor gen borg Caluarie, da ist
das hawß der hayligen Frawen Veronica, die heraws ging vnd dem
Herm ain Tuch gab, sich daran zw trucken, auch im also nachuolgt,
da ist ablas 7 Jar syben karen. —
Von Pilatus hawß bis zw dem hawß vnnser lyben frawen, do sy
in sach das krewtz tragen, 122 schrit, vom haws^ Pilati bis an das
Ennd, da Simon das krewtz nam, ist 210 schrit 3. — Mer vom hawß
Pilati bis au den berg Caluarie ist* 950 schrit*. —
Vom Bach Cedron biß zy dem hoel Petre vorgemelt vnd angezaigt
ist 225 schritte —
Von dem hoel biß zw der Stat, do sy vnnser fraw nidersatzten,
als sy zw grab trugen, schritt 303^. —
Von der Stat bis an die Staffel des Bergs Sion, do der herr das
nachtmal aß mit seinen lyben Jüngern, ist schrith 370^. —
31*
484 RÖHRICHT
Montag, der do was der tag Maria Magdalena frw da gingen mir
ain stund vor tags den perg Sion zw vnd namen die prüder sampt
vnserm Patron ainsthayls mit vnnß, des Ersten gein der lingken hannd
für die vorgmelten stet, so da lygen bis an den bach Cedron vber die
priigk, do der herr vnnser Erloser durch das wasser geschlaiffl; ward,
da ist, als ichs vor auch gemeld hab, Vergebung aller sünd. Do gin-
gen mir auff die Rechten hanndt hin vnnd aufF die linck band dem
perg auif etwon ain halb welsche meyl, da khomen mir zw dem hawß,
ist nit mer dann noch ain alt gemaur, zw des verretters Judas, auch
dapey hat er sich selbs erhennckt, das ist ain böse statt, da khain
andacht ist zw suchen. Also gingen wir den weg für vnnß liin mer
etwo ain halb welsch meyl, da zaigt man vnns die Stat, do derfeygen-
paum gestannden ist, den vnnser herr verflucht, da sein noch mehr
feygenbaum, aber sy geben noch khain guete frucht nit Weytter gin-
gen mir fürbas noch ain halbe welsch meyl, do khomen mir gen Be-
thania, ist gar zerstört, aber ain zimliche große Stat gewest, alls sich
der Zirckel des allten gemewr außweyst, vnd ist vast stainig, boß,
rauch gepirg, hat doch gut frucht, das zuuerwundem ist. Da gingen
mir des Ersten in das hawß Simonis leprosi, da hat Maria Magdalena
dem herm die füß gewaschen vnnd gesalbet, da ist ablas 7 (Jar) 7 ka-
ren. Aber ir sünd ist in da nit vergeben. Baß abwärts ain wenig
auff die Recht hannd für sich, do khomen mir zw dem Castell Tjazari,
von dann noch bas für sich zw dem grab Lazari, ist ain Kirchen,
haben die hayden inn, must ainer ain Medin geben. Hinder dem
grab binden in der kirchen da ist die stat, da Jhesus vnser haylmacher
gestannden ist vnnd Lazarum hieß auffston. Darnach gat man noch
baß hinder sich in ain gewelb, do muß man vnnder der Erd in ain
loch schlieffen, kompt man wider in ain klains niders gewelblin gantz
on licht, das ist newn schwell brayt vnd X schweb lanng, das ist die
stat, do Maria Magdalena in büß gewürckt hat 7 Jar, an den drey
stetten ist Vergebung bey yedem ort alle sündt Darnach gingen mir
zw dem hawß Martha, do ist gar khain Maur mehr, aber man sieht
noch, daß ain schoen Zister oder ...^ da gewest ist, da ist vnnser herr
vast vil gewest Auch khamen mir gleich zw dem hauß Maria Mag-
dalena, das hat noch gemeur, da ist der herr auch ye gewest. In
yctlichem hawß ist Ablas 7 Jar 7 karen. Also gingen wir abwartz zw
dem Stain, do vnnser lieber herr aufirwhet, als er vom Jordan khomen
was. Do khamen die Maria Martha zw dem herm, klageten: 0 herr,
1) Lücke.
BSRICHT ÜBER EINE JEBUSALKMFAHBX. n 485
vnnser bruder ist gestorben, werst du hie gewest, Er lebt noch, also
sagt der herr weyter (im Euangelio): Gat hin, Lazarus wirt wider auff
ston; da ist ablas 7 Jar 7 karen. Damach zugen wir weytter für auf
die gerechten hanndt den berg binden auf Oliueti, do khamen mir an
die stat, do das dorfflin Betphage gewest ist, da vnnser herr die zwen
Jünger von im in die stat schickt auf den palmtag, ime die zwen Esel
zw pringen. Da ist ablas, wie nechstgmelt ist —
Ain wenig fürpas, do khamen mir zw ainem großen stain, ist ein
Yelß, do der herr auf den Esel saß vnnd noch all Jar so khomen alle . . .^
von Cristen vnd die briider vom berg Sion dahin, vnd setzen den Gar-
dion auf ain Esell auf den palmtag vnnd werffen im Zwoyg von dem
Ölbaum vnnder, gleich wie vnnser Erloser eingeritten ist biß auf den
berg Sion. Da ist aplas 7 Jar 7 karen. —
Vnnd alls mir auff den berg Oliueti khomen, do gingen mir
abwärts vnnder die Erdt, da ist ain kirch der hayden, ist die stat, do
sant Pelagia büß gcwürckt hat, mir musten auch ain Medin geben. Da
ist aplas wie vorgmelt Demnach gingen mir wider auffwarts in den
hayligen Tempel des hayligen berg Oliueti, da ist ain schone große
kirchen gewest, darinn ist auch ain Mindere Gapell, die ist noch ganntz,
darinn ist der Stain, daraufF vnnser lyber herr gestannden, do er zw
Himel fuor, do sieht man noch den drith^ gerayt von ainem fuß des
herm, wie Er gestanden ist. Die kirchen haben die Hayden inn vnd
in Eeren, verpringen auch ir gepett, da ist Vergebung aller sünd für
pein vnd schwld. Darnach, als wir auß der kirchen khomen, do gin-
gen wir ain wenig auff die Rechten hanndt, da ist die Statt, do die
zwolflf Jünger boy ainander waren vnd den glawben machten, vnd
hynach den an allen orten vnd Lannden predigt Da ist auch souil
Ablas. —
Darnach gingen wir wider auff die lingk hanndt hinumb, nach
aincr stain Maur, da sein stain Vells vnd locher darinn, da hat vnnser
lyber herr vnd heyland seine Jünger das Paternoster gelernt Da ist
Ablas wie uorgmelt 7 Jar 7 karen. —
Demnach gingen mir wider ain wenig auff die Rechten hanndt, do
ist die stat, do die Jünger zw dem herrn khamen vnnd fragten in: Herr:
wie baldt wird das Jüngstgericht? Antwort der Herr: Ir solt nit wis-
sen die haimlichait meins himlischen Vatter vnd mein, sonnder Er ver-
sprach In da den hayligen gaist zw schicken , der sy solt aller warhait
vnnderweysen laut Euangeliums. Da ablas, wie vorstet Baß abwärts
1) Lücko. 2) Tritt
486 BÖHEICHT
auf die ling hanndt, da ist die stat bev ainem gartten Thor, da ynnser
liebe Fraw ofift geniet hat nachdem, alis sy die hayligen Stett nach
dem leyden Christi gesucht hat. Da ist auch gemelter aplas. Darnach
gerad für sich abwärts khomen mir an die haylig statt, do der herr
vber die Stat weinet, dauon stond noch zwelf Ölbaum, die zw der Zeit
gestannden seind, do die Juden die Zweig abprachen vnd dem herrn
vnderwurffen, als er auf den palmtag gen Jherusalem ryth. Die stat
ist auch gerad gegen der gülden portten vber, aber ligt hocher dan
der gartten, do der herr in gepettet hat. Do gerad darob da haben
die hayden auch ein bethhawß, aber offen, da ist auch aplas wie berürt
7 Jar 7 karen. —
Demnach gingen wir wider abwartz in das gewelb, do der herr
bettet, vnd von dan in vnnser lieben frawen kirchen, do sy ward be-
graben, da musten mir aber ain Medin geben, do holten mir den Aplas,
do ist vergebimg aller sünd. Nach dem gingen wir heim vnd rwheten
in der herberg bis nach dem nachtmal. —
Am Montag zw Abent am tag Maria Magdalena, do gingen mir
auß mit zwen brüder von dem Berg Sion, zaigt vnns etliche mechtige
allte bow, die Christen gethan haben, auch die Kodisser, dieweyl sy
Jherusalem inngehapt Do khamen mir zw der ersten Portten, als
Hcrodes Peti-um gefanngen hatt vnd wolt in todten lassen vnd die Chri-
sten vertreyben, alls das die Christen vernomen, do gingen sy in ain
Tempel, do waren man auch inn vnd haben in noch die ...^ seind die
eltstcn kristcn, wir Rochen seyd des leyden Christi ^ vnd betten ain
vcrsamlung, wie sy sich hallten sollten, waren ganntz verzweyfflt, da
ir Herr BischofF Petrus gefanngen was vnd also solt gedoet werden,
do kham Sannt Petter auß der gefenncknus vnd ging die eysse portten
gen inne aufif^, vnd ging zw den Christen in das hawß, trost sy laut
der Episteln: Misit Herodes Rex*. —
Da ist an bayden orten aplas 7 Jar 7 karen. —
Demnach gingen mir wider hinder sich zw dem hauß, do Sannt
Joannes in geporen was, ist gar ain alten kirchen, haben die Grecy
innen, die haben nur ain got, ain glauben, ain bett, ain Alltar, musten
wir auch ain Medin geben. Da ist Aplas wie gemelt ist 7 Jar 7 karen.
Am Zinstag morgen frw komen mir auff den perg Sion, do hor-
ten mir Meß, nach demselben gingen wir auf die Rechten, den borg
hinfücr, da wardt vns gezaigt der berg, der ligt am tall Ennon^, do
1) Lücke. 2) üuverständüch. 3) Vgl. Tobler, Topogr. I, 413 fg.
4) Actor. Xn, 19. 5) Hinnoin.
BERICHT ÜBER EINS JEBU8AHMFAHRT. n 487
der Eangel zw Abraham kam vimd zaigt im den berg Galuarie, da soll
er sein sun opffern, des er^ ...
Weytter abwärts gingen wir hinab in dem Thall Sillo^, da ist
ain brun auff der gerechten hanndt tieff in Felssen, da hat vnnser liebe
Fraw dem Herrn Jesu, irem Sun, die windlen oder tüchlen gewaschen
in seiner Jagend, da ist khain aplas nit Wir gingen auffwarts das
thal auff die gerechten hannd, do khamen mir zw ainem Wasserfluß
still. Da ist ein schon allt gepew, der fluß eingefaßt, auch ain weyer
vnnd ain schonen gartten gewest, yetz aber alls zerstört, dan der fluß
ist noch vnnd das allt gemeur in der Erden stat noch. Dis hat Salo-
mon gepaut. Es haben auch die Eünig gemaingklich an diesen enden
triumphiert vnnd auch die Abtgotter angebett In dysem wasser ist
der vssatzig gesund worden, alls in der herr hieß darinn gon sich
waschen, laut im euaugelio. Da ist alles 7 Jar 7 karen. Auff die
ling hannd hinder sich da zaigt man vns die stat bey ainem bäum,
da ist vor Zeitten ain HoUderbaum gestannden, da ist Elesias^ der
prophet eingestossen worden vnd mit ainer hilltzen seggen enntzway
geschnitten. Da ist ablaß, wie oben gemelt ist. —
Darnach bas auffwarts auff die gerechten hanndt an berg der
lincken hannd, da khomen mir zu vill Jüdischen begreben vnd dar-
nach zw ainer Hoell im berg, do sich die lieben Jünger den merer-
thayl in verporgen vnd vorschlüffen in dem leyden Christi, drey tag
vnd drey necht Da ist gleicher Aplas. —
Ain wenig bas autfwartz des bergs kamen mir auff den Acker
Achel domach, der vmb die dreyssig pfenning ward kaufft, darumb
vnnser erloser verkhaufft vnnd verraten was worden, den hat Sannt
Helena lassen vmbmuoren vnd oben gewelben, hat oben newn loecher,
dreyssig schritt lanng, XXV braith*, do pflicht man die Christen, so
es begern, die zw Jherusalem sterbennd, einzulegen, da wirfft man sy
hoch hinab durch die loecher. Da ist ablas 7 Jar 7 karen. —
Von dissera gotsacker gingen wir durch ein Weingarten vnnd in
ain thayl, haist Ennon, do sahen mir auf die lingk hannd oben lygen
für sich ain wenig das hauß malo consilio des bössen Bats, do Judas
einkam zw den phariseyen vnd vnsern herrn verkhaufft ^ —
Demnach ain wenig für sich in dem Thal, da ligt gar ein schone
Statt aines weyors gewest, auf der gerechten hannd ain alter thum,
dapey ein schöner lustgartt, das hat Dauidt im zw lust gepawen^ Zw
1) Lücke. 2) Siloah. 3) Jesaias; vgl. Tobler, Topogr. IT, 205 — 6.
4) Andere masse obd. 262—263. 5) Vgl. ebd. 6 — 12. 6) Ebd. 82.
488 BÖHBICHT
sollichem wasser was daß weyb Vrios ain Ritter, den Dauidt in krieg
schickt mit beuelch, das er seit erschlagen \yerden, Potsebea genant,
vnd ließ ir ain magt ire fiißh waschen, deshalb Dauidt vor der thür
durchgesiebt der weyssen pain, in lieb entzünt wardt vnd sündet,
darumb er darnach büß gewürckt vnnd die puß Psalmen gemacht
Darnach gingen wir das thall auö' an dem berg Sion auff die gerecht
hannd, do khamen mir zw dem starcken schloß, das die von Pissa
gepawet haben, aber es ist auch zerstört, sonnder eß haben ytz die
Ttirckischen herrn hawß darinn. Do gingen wir in vnser herberg vnd
rweten bis zw Vesper Zeit usw. —
Nach vesper ließ man vns wider in den Tempel des hayligen
grabs usw. —
Am Sambstag nach mittag vmb vesper Zeytt wurden wir in den
wirdigen hayligen Tempel des hayligen grabs gelassen. Vnnd als wir
hinein khomen, da samleten wir vnns in der Brüder Capell von dem
berg Sion, vnd darnach hüben die brüder ain schone proceß an vnnd
gingen des ersten in die Kapelle der vrstennd Cristi, geweicht der eer
vnnser lyeben frawen, mit andechtigem gesanng vnnd hotten wir Bil-
ger all brünnend kertzen in den henden. Also des ersten so zaigt man
vnns den ober mitler altar der Capell , da hat vnnser liebe fraw genvet
nach dem tod Christi, biß sy warlich die vrstennd Christi ires lieben
Sun gewust hat, in der Capell au£F der Rechten hannd ist ain altar,
darinn von ain stuck von der seul, daran Christus vnnser erloser ge-
gayslet worden ist. Auff der lingken hannd der Capelln vnnd das halb-
thayl von dem hayligen krewtz verborgen in die maiir, da ist auch
ain altar, das ander thayl ist gen Constantinopel gefürt worden. Doch
so soll noch ain stuck in dyser Mur lygen von dem krewtz, ich habs
aber nit gesechen. Mer inmitten dyser Capell ist ain Rund verzaich-
net mit mancherlay stain in Zircken, do ist die Stat, do man nitt hat
erkhent nach erfindung des krewtz Christi vnnd der zwayer Jünger,
welches deß herrn Jhesu gewest wer, das ward daselbs auff ain todte
frawen gelegt, die man da begraben sollt, die ward von dem hayligen
Crowtz Christi lebenndig laut außweysung Inuentionis crucis. In der
Kapel ist von der 4 heyligen stetten Vergebung aller sünd. —
Darnach gingen wir in loblicher proceß mit schöner Andacht vnd
Lobgesanng des Salue Regina fünff sprossen ab auß der Capell, gleich
ain schrit daruon da ist die stat, da der herr Jhesus Maria Magdalena
nach der Vrstennd in ains Gärtners weiß erschynen ist, vnd gleich für-
paß ain 4 schritt da ist die Stat, da Maria Magdalena gestanden ist vnd
den herrn Jesum fraget, ob er nit west, wer den herrn auß dem grab
BKBICHI ÜBEB VOSS JIBüSALEMFAHBT. n 489
hett, oder ob er eB thoa hett Das beschach auß hytzigem inbrünsti-
gem liebe, so sy zw dem herrn hett, dann sy erkhannt in nit, biß
das der Herr Jesus sy anredt laut Euangely, ist ablas 7 Jar 7 karen. —
Darnach gingen wir mit der proceß 53 schritt, gat auff die ling
hannd die abseytten auf vnd drey sprotzel ab in ain Gapell, da ist ain
altar, da ist die spelunca oder gefenncknus gewcst, do vnnser lyber
herr Jhesus in gelegen ist am berg Caluarie, biß das krewtz gemacht
ist vnd die Juden ir sach zw dem Marter des vnschwldigen lamp auf
das best zwgericht hetten. Da ist aplas vei^gebung aller sünd, haben
die Gersy oder Grecy inn. —
Weytter so gingen mir darnach wider ain wenig hinder sich,
vnnd vmb ain bogen hinumb, noch auff ain abseytten neben dem Chor
oder kriechischen kirchen hin vngefer bey 80 schritten, da ist ain offne
Capell vnd ain Altar, da ist die stat, do die Juden vmb vnnsors Üben
herrn ßock gespilt haben, den im vnnser lybe fraw die Mutter gots
in seinen Jüngern^ gemacht hett Da ist vorgebung 7 Jar 7 karen,
haben die Armenier inn. —
Von der Capellen gingen wir drey sprossen ab vnnd drey schritt
für sich auff die lingk handt, do gingen mir ain stiegen ab acht und
zwantzig staflfel in ain Eapel, ist in der Eer sant Helena gepawen, es
ist auch ir bett vnud schlaffhawß gewest, da haut sy sich stets geübt
vnd graben lassen das haylig Orewtz zw finden. Es ist noch ain fen-
ster in der Kapell auff die Rocht hannd pey dem großen Altar, daraus
sy stets gelügt hat irn leutten zw, die in ain Vellsen geprochen haben
nach dem hayligen Crewtz, da ist in dem graben gelegen der alten
Stat Jherusalem das Vest, sieht noch in die Capell, vnnd die haylig
Fraw Sannt Helena die ligt zw Venedig, da hab ich ir hayligen leyb
gesehen. In diser Capell ist aplas vnd Vergebung aller sünd, haben
die Armenier in. In diser Capell gingen mir von dem Alltar vmb ain
pfeyller zwainer stygen dreyzehen schrit vnnd die stigen ab 12 Staffel
vnnd von dann in ain Capell, 12 schrit lanng, da ist die stat, do das
haylig Crewtz in gefunden ward, vnnd ift auch ain alltar, da ist ablas,
Vergebung aller sünd. Die Capell ist oben ain halber velß vnd das
annder thayl geweiht vnd durch die stiegen ab ist es auch ain Vellß.
Das gemaurt ding ist der stat graben gewest, als ich vor auch gmel-
det, die stat do das in gefunden, haben die Grei inn vnd den Alltar
die Brüder vom berg Sion. Also gingen mir wider die gmelten stigen
auff vnd gleich sechs schrit hinumb aufT die lingk Hannd in ain Capel-
1) Mass wol hüisscn: iu seinen jüngeren jähren.
490 BÖHBICHT
len, do ist aia stain, drauff oder daran ynser her Gristus gesessen ist,
als er krönet worden ist, ligt in ainem Altar. Da ist aplas 7 Jar
7 karen. —
Dise Capell haben die Indier innen, von dyser Capell auch hin-
umb für sich auff die lingk Hanndt als in ainem Bund hinumb zw
gan gen dem berg Galuarie, da ist XYIII schritt, vnd von dann ist
noch gar den berg hinauf zw gan biß an die stat Golgatha, da das
krewtz gestanden ist, zu dem hayligesten loch zweintzig Staffel hoch,
wiewol der berg vil hocher ist, aber der gantz Tempel ligt auf dem
porg, das macht, das die minder hoche daher nit gerechnet wirt, bey
dem hayligen loch ist kain AUtar vnnd ist weyt mit gar ainem . . .i vnnd
Rund, auch oben mit ainem Silbern ploch besetzt, das mir nit daruon...'
vnd ist vmb das loch zwen schritt brayt vnd 3 lanng, mit merbel
schoen besetzt vnnd ist das loch ain elenbogen tieff, daruon auff die
gerechten Hanndt ist der Yellß von ainander gespalten, alls das ich
wol nach der seytten, dannen nähet durch den velß ab vnnd ab vnd
gleich hinumb ain schrit, ain wenig herfuer da ist ain alltar, die statt,
do vnnser lyeber Herr Jesus Gristus der aller Rainester Jungfraw sei-
ner lyben mutter ward tod von dem krewtz in die schoos gelegt, gleich
dameben ist ain Alltar vnd 3 oder vier schrit daruon ist die stat, do
der herr vnser Erloser erstlich ann das krewtz vnbarmhertzigkUch
geftreckt vnd genaglet ward, auff der. lingen seytten dyser Gapeil ist
ain Alltar, do deß gerechten Schachers krewtz gestannden ist, so man
aber in der Gapell ist, so sieht man den . . .^ Schacher auff der gerechten
Hannd. Dyse kapeil ist ganntz gefiert vnd mit schoen marbel gemacht
versetzt an die altar vnd Staffel oder bennck gleich XH schrit braytt
vnd 12 lanng. Da ist Vergebung aller sünd vnd haben das halbthail
dyser Gapell auff der Rechten Hannd auch die prüder vom perg Sion
inn, das annderthayl die Grey oder Gersy. —
Zw der lincken Hanndt ausserhalb des Tempels an der kapeil do
ist die stat auch in ainer kapeil, do die Jungfraw Maria das letzstmal
stund vor dem herm wol 10 schritt weyt neben im, do er sy trost
vnd ir Johannem zw ainem beschirmer gab vnnd Sant J. ir zw ainem
Sun gab laut des passions. Da ist auch usw. —
Auß dyser kapell gingen mir wider hinab in die weytte des tem-
pels mit der proceß, vnden an dem berg Sechszehen schritt von der
stiegen vnnd doch glich vnnder der Gapell, da sahen mir noch mer der
grawssamliche Riß, so in den vellsen gethon ist in dem pitter leyden
1) 2) 3) Lücke.
BEBIGHT ÜBEB ONl JXBU8ALKMFAHBI. n 491
vnd sterben Jhesu Christi, des Sun gottes. In dem vmgang der kapei-
len lygen zwen Christenlich kunig von Jherusalem, gnant Gottfridas
vnd Gontabundus^ Bex. Da ist aplas 7 Jar 7 karen, haben die Gersy
oder Grey inn. —
Auß diser Capell khomen wir wider in die wit des tempels, gleich
neben dem oingang des Tempels fünff schrit von dyser kapeil da ist
die haylig stat, do vnnser liebe Praw Maria Magdalena vnd ire Schwe-
ster vnd Joseph von Arimathia sampt dem fromen Vatter Nicodemo
den herrn salbeten vnd balsamierten, des der silß Herr nit bedorfiPt
het. Da ist vil vorgiessungh der ausserwelten mutter Maria vnd ir
gesellschafft der traer^ geschechen, es ist fürwar gar ain andechtig Hay-
lig Statt, da ist Vergebung aller sünd für pein vnd schwld. Do gin-
gen wir fürpaß noch XHI schritt, da ist die statt, do die Jungfraw
Maria ir lyeben Sun das erstmal am staine des hayligen Crewtz ersach,
das ist auch gleich gegen dem krewtz, da hat der herr nichts mit der
Bainen mutter geredt, des sy beschweret besonnder, dann sy was im
zw weyt, nach dem ist sy erst an die vorgmelt stat khomen, ain wenig
gegen dem krewtz auff die Recht Hanndt, außwaits vor der stat
halben die kriechen vast vil. Von der Stat, do der herr gesalbet
ward, da ist XLI schritt bis in das haylig grab, da mag ain yeder
wol denncken, was die betrübt Muttor Maria sampt ir hayligen gesell-
schafit für groß sclimertzen vnnd Hertzlayd gehapt hat mit irem lieben
Sun Jhesu Christo, der ir doch gar ser verwannt was vnnd allen leip-
lich trost verloren hat. 0 we des grossen schmertzen, die deßmals die
khunigin aller gnaden hott omb vnnser willen vnd sünd, ir lieber sun
da also vbel gemartert. Das sollen wir pillich bedenncken vnd got
seins pittern leydon, sterben vnd marter, samt seiner gebenedeyten
mutter Maria, vmb alle gnad vnnd Barmhortzigkait dannckpar sein.
Also gingen mir in das Haylig grab, das stet binden im Tempel vnnd
ist der Tempel oben nyt gedeckt vber das grab, also das eß vnnderm
Himel statt Das grab hat droy Capellen, in der mitten das grab, aber
außwendig sieht eß, alls sey es nur ain Capell, da ist Vergebung aller
sünd, das haben auch die prüder vom perg Sion in, doch haben die
annder Secten . . .^ auch darin meß. Do gingen wir vnd machten kelch,
gaben vns die prüder wein, doch betten mir selbs, das mir des nit
bedoriften, das Haylig grab haben auch die Brüder vom Berg Sion
innen. —
1) Balduinus I. 2) Trauer.
3) Lücko.
492 RÖHBICHT
Zuuerstan, das ich die schrit, so ich do uor schreyb, also man^
wie ainer sunst zimlich gatt. —
Die Capell hiaden am Heyligen grab haben ina die Jacobitter,
sein der kirchen vnderworffen. —
Hinder demselben an der Bechten kirchmaur ist ain Capell, seind ...'
Mer ain Capell aufF die lingk hannd des Hayligon grabs, Priester Johan
glauben vnnderworfifen, doch auch Cristen heyssen die...^ Auf dersel-
ben Capell in dem hoch mer dan 30 Staffel ain stigen auff, do ist ain
Capell, haben die Armenier in, sein aber vil der Nation, die vnnder
dem Türeken vnd Soldan seindt —
Der kor, aber die groß mitlest Capell in der kirchen haben inn
die Grey vnd haben ain guten glawben, seind auch frum vnd recht
Christen, dann das sy der kirchen oder Bepstlichem stul nit vnder-
worffen wollen sein, vnnd das Sacrament ny essen sy in zwayerlay
gestalt vnder wain vnnd prot, glawben sonst alle ding Recht vnd
sing(en) all Horas, die Gersy hangen in an, seind ine in allen dingen
gleich, dann das sy nit ir sprach reden. —
In dyser grossen kapeil ist inmitten ain stain, darin ain Bund
loch, da soll es mitten in der weit sein, das mag sein, aber doch lautt
vns Weyssagung der Bibel oder prophocey, so hat Cristus vnnser erlo-
ser inmitten der Wellt gemartert sollen werden, das ist nun alß im
Hayligen templ des bergs Caluarie, welches ja dasselb mittel sey, will
ich gutlich glawben. —
Am Zinstag abent khomen mir in den hayligen Tempel vnd ver-
prachten die nacht Vnser gepett, vnd am Mitwoch morgen, am Abent
des hayligen zwolffpotten Sant Jacobs abent, khomen mir wider her-
aws. —
Nach dem gingen wir zw der Herberg vnd rwten biß vesper Zeyt
do sasson wir auff die essel vnd ritten geen Bethlehem. —
Am mitwoch zw Abenndt do gingen wir zw dem kloster auff den
borg Sion, funden wir die Esel vnnd ritten auß gen Bethlehaim. —
Zw dem ersten von Jherusalem auß bey zwü wellisch meyln mit-
ten mir durch schon weingartten, daselbs ist ain paum, da zaigt man
vnns die statt bey ainem stain in ainer Maur aines Weingartten, do
vnnser Fraw ofPt gerwhet hat, als sy wider vnd für ging von Jheru-
salem vnd Botlehaim. —
Nit weytt dauon khamen mir zw ainem Zistern, sollen noch zwen
gewest sein, darob soll der stern den hayligen drey khünigen erschin-
1) Verschrieben für: nain. 2) 3) Lücke.
BESICHT ÜBRR UNS JERUSALEM PAHRT. 11 493
nen sein, alls sy zw Jherusalem wider außritten von dem Künig Herode,
als sy in verloren betten gehapt, baß hinfür auff der gereebten Hannd,
do ist die stat, da Abacuck ward von dem Engel bey dem schopff
genumen, vnd zw Daniel in die Lewen grub gefiirt wart laut der Bibell.
Auff der lincken hanndt, da stat ain kirch Sant Elia genant, die haben
die Kriechen inn, da ist Helias gepom worden. —
Darnach khonien mir fürpaß zw ainem grab, ist vmbmurt wie
ain kirch, da ist Rachahelis, Jacobs des patriarchen hawsfraw begra-
ben. —
Nach dem für sich auff der lingken hanndt ligt ain Acker, do
hat zw der Zeit, allß vnnser lybe fraw etwo von Bethlaem gen Jheru-
salem wandlet, ain pawr geackert vnd gesehet erbß, da ist vnnser liebe
Fraw die mutter aller gnaden für ganngon vnd dem pawrn zwgespro-
chen vnd in gegrüst, darzw in gefragt, was er doch guts see. Da hat
der pawr gesagt: stain, vnnd der mutter gots Christi gespott, da hat
vnnser lybe Fraw gesagt: So pleyben eß stain! Also sein auf dysem
Acker auß den erbisen, so der pawr geseet hat, also stain worden,
denn ich auch hab scheut, wie die arbais, vnnd fint man noch hewt
zw tag stets derselben stain. —
Von dann ritten mir gen Bethleheim, daselbs musten mir in das
kloster eingon, gaben ein Modin, do gab man vnns alle gut g^ vnnd
wein vnnd prott zimlich genung, vnd gleich do gingen mir wider auß
in Sanct Katharina Capell, do machten mir ain proceß. Erstlich, do
gingen wir mit schonen proceß, alls mit brünnenden lichtem auß der
Capell sannt Katharina in den krewtzganng, daraus in ain kapell Newn-
zehen Staffel ab in ein schon Capell vnnder der erd. Da hat Sannt
Jheronimus büß gewirckt, vnnd die Bibel von Hebraysch vnd von He-
bräisch * zw kriechisch vnd auß kriechisch zw latoin gemacht Da ist
aplas 7 Jar 7 karen. —
Auff der Rechten handt, hinein baß in die kapell binden ein da
ist der haylig Jheronimus dos ersten begraben bewest vnd sein Sun
Eusebius auff der lingen hannd in dyser kapellen. Do ist auch Ablas
7 Jar 7 karen.
Damach gingen wir auß vnnd khomen in den grossen Tempel,
ist gar ain schone, kostliche kirch gewest, aber zergat vast, do khamen
mir femer auff dis die Rechten hannd neben dem Chor zw ainem AH-
tar, da Cristus vnnser erloser das erstmal sein hayliges plutt von vnn-
ser aller süud wegen vergossen, daselbs ist der Herr, als er acht tag
1) Nicht ausgeschrieben. 2) Sic.
494 RÖHKICHT
allt was, beschnitten worden, das ist Vergebung aller sündt Von dan-
nen gingen mir durch den Chor ein durch vnnd auf die linck hanndt
des Chores in der grossen kirchen, da ist ain Altar, do der stem, der
die Haylig drey khünig wyset, still stund zw ainem Zaichen, das da
der grosmechtig khünig der Juden vnd allen gnaden gebom was, do
legten sich die hayligen drey khünig an, vnd richtet ir opfFer zw, bey
diser stat des altars ist ablas Vn Jar TIl karen. —
Darnach gingen wir auff die Rechten hannd ain stiegen ab Sech-
tzehen staflfel gleich an der dem Chor der grossen kirchen, do khamen
mir zw dem hayligisten, frolichsten stat, so ich nie gesehen hab, die
hallt ich für die hayligsten vnnd frolichsten, dann da der an&ng aller
erlosung des Christenpluts gewest is für war. Es waren vnnser bey
130 auff einmal in dyser Capell, do hortte ich von dem Maister. Es
war mir auch also, es bezaigt es auch vil mit den Wercken, das ainem
das hertz im leyb vor frewden lacht in diser Capell zw khomen vnnd
die haylig Stat zw sechen. Ich will das glawben, an allen andern
haylig Stott zu veracht, so ist es ain stat, die in mir grossen frewden
vnd gar innigklich zw Andacht ermant vnd warlich ainem yeden Chri-
sten besonder danckbar macht, vmb alls guts. Die stat ist vnder
ainem alltar, von marbell gemacht, gantz Bund . . .^ nit gleich auf die
lingk hannd, wen man hinabgatt etwa drey schrit von der stiegen vnnd
auf der anndern seytten gat man auch ain stygen wider auff, do der
Altar der beschneydung. Hie ist Vergebung aller sünd, gleich vor den
altar vber auf die gerecht hannd. Sechs schritt hinder sich, drey Staf-
fel ab, ist ain Hoel in dem Vellß, da ist ain altar, darpey hinder dem
altar auff der Rechten Hannd das kripple, do der Herr Jhesus yngele-
gen was, für das ochsle vnd Esele, das ist aber yetz mit Marbel vber-
zogen. In welchem Marbel ainer das angesicht Sannt Jheronimos
gewichst ist, wie er büß gewürckt hat. Hie ist auch Vergebung aller
sündt. —
Weytter gingen wir hinder sich die leng der Capell vnd binden
pey der thür da ist ain loch, do der stern durch das haws vnd da in
die erdt vei'schwunden ist, durch das loch vnnd nit mer gesehen wor-
den , dan den hayligen drey khünigen geleucht hat zu dem Opffer. —
Auf diser Capell auff die gerecht Hannd abwärts khamen mir in
ain Capell, da sein vill der vnschwldig kindle durch gewalt Herodis
getodt worden vnd da begraben. Da ist Aplas Syben Jar 7 karen.
Darnach auf die lingk handt auffwarts wider in Sanct Katharina Capell,
1) Lücke.
BKRicHT Ober unb jkrusalkmfahrt. n 495
die ist in der Eer der hayligen Jungkfraw Sant Eatharina gewicht
worden, vnnd yetz allen aplas da den man haben mag auf Sannt Ea-
tharina berg, vnd wen ainer ain fart zw dem hayligen berg verhayssen
hat, so wirt sy im abgenomen, das er nit dahin darff, das ist darumb
beschehen, das man so hart dahin khomen mag durch die wüsty vnd
man die glait nit vberall hellt In dyser Gapeil, auch in allen vorge-
melten hoyligen stetten, so in dyser Kirchen Bethlaem begrifTen sein,
thet ain prüder alweg ain schone predig vnd ermanung zw Andacht,
auch mit anzaygung der geschieht der hayligen Stett mit schöner Redt
Latein, Thewtsch, yo wellisch auch, allso was die loblich proceß dysen
Abent auß, vnd ging yederman, wo er wolt, die ganntz nacht die hay-
ligen Stett zw besuchen. Hie ist Vergebung aller sündt —
Ymb mit Nacht fing man an, meß lesen, das treyb man bis auff
ain stund im tag. —
Zw Morgen am Donerstag zaigt man mir, wie ain track an ainer
glatten wandt gebrochen was neben dem hochen Alltar auf der gerecht
Hanndt, von wegen das ain Soldan . . .^ wollt denselben stain etlich hin-
weg haben lassen füren vnd seinen pallast mit bawen, dan eß vast
schon ...2 marbel in dyser kirchen seind, also die ...^ ain wenig also
durch den glatten stain gemacht, das doch schier vnglawbig ist, hot
er sein fiimemen abgestellt vnd die stain da gelassen. —
Also am Dunerstag morgen, als wir nun vnnser gepett verpracht
hatten, wiewol wir gern lenger an der hayligen stat belyben waren,
yedoch musten wir auflf sein der hitz halb wollten mir annderst die
hernach volgenden stett auch besehen, vnnd sassen aufT die Esell,
anderhalb stund auff den tag vnnd rytten auß von Petlehem. Alls
wir ain wenig außwarts khomen, do sahen mir aufT die lingk hannd
sannt Jheronimus kloster, auff die gerecht hanndt die stat, do Sannt
Jörg gefangen ward. —
Darnach sahen wir ain Dorft' gerad vor vnnß ain wenig auflf die
lingk hanndt, hayst ...* da sein eytel Christen inn, müssen aber dem
Türeken vast groß tribut geben. —
Do ritten wir ain längs thall ein, vast boß weg, vier Wellisch
meyl zw ainem Brunnen, da hat sannt Philippus Enochuni getöflft vnd
vil hayden. Da ist Ablas 7 Jar 7 karen. —
Von dem prunnen khanien mii* ain hochen berg auff vnd wider
ab, vast boß weg, auch wol vier Wellisch meyl, do khamen mir zw
1)— 3) Lücke.
4) Der name Bezoth ist zu ergänzen; vgl. Conrady 147. Zur sage von des
Sultans beabsichtigtem und vereiteltem raube vgl. Tobler, Bethlehem 87.
4d6 RÖHRICHT '
ainem Allten gemeur, da ist das hawß Elizabeth, do die mutter gots
zw ir kham vnd sy haimsucht vnd Sant Elizabeth sy grüst laut Euan-
geliums. Da hat vnnser liebe Fraw das Magnificat gemacht, das ist
ain stat vnnden in ainem gewolb. Da ist Vergebung aller sündt —
Demnach oben auff demselben gewolb da ist die Statt, ist auch
ain Capell gewest, do sanntt Johaims Baptista beschnitten ist worden.
Da ist aplas 7 Jar 7 karen. —
Darnach auf die gerechten Hannd, da ist ain kirch, aber wirdt
dyser Zeyt nit in eren gehallten, da ist das hawß Zachary gewest, gat
man aufP die gelingk hannd neben dem Altar hinab, do ist die stat,
do Sannt Elizabeth sant Johann Baptista geporn hat. Vnnd als sy
empfanngen hat, do waß die haylige Fraw ob 40 Jaren, do kham der
Enngel vnnd verkhündt, Zacharias sein fraw würde ain Sun geporn,
den solt er Johannes hayssen. Das wolt er nit glawben vnnd ward zu
ainem stummen, vnnd als die haylig fraw gepar, do weiten die frawen
das khindt dem Vatter nach gehaissen hab(en), do stund der Vatter
auff, der nichts hot mügen Reden, von der Empfengnus biß daliervnd
schrieb: Mein Sun soll hayssen Johannes, aißbald das beschach, do
wart Er Reden vnd macht das Benedictus dominus deus Israbel. Da
ist Vergebung aller sünd. —
Demnach khamen mir auf die lingk hanndt ain borg auff vnd
in ain weytte...^ ongefer zwu wellisch meyl von der Statt, do khamen
mir zw ainem kloster, haben die Ebron innen, ain zimlich schone
kirch, davomen vnnder den ...^ Alltar ist ain loch, da ist die Stat, do
der bäum des hayligen krewtz gewachssen ist, suchten mir auch haim
von andacht wegen. Hie ist ablas 7 Jar 7 karen. —
Also zochen mir fürttcr hinein gen Jherusalem vnnd plyben die-
selb nacht Rowen. —
Am freytag Morgen gingen mir zw Meß in das kloster vnd dar-
nach den tag spaciern vnd Rwheten ein yeder, wo er wolt Wiewol
man vnns gern in tempel het gelassen, mir weiten aber nit, biß mir
von dem Jordan khomen, aus vrsach, wie Ich noch hernach melden
will. —
Am freytag abent, do was der hayligen Mutter Sannt Anna tag,
do schickt der patron zw vnns vnnd ließ vnns sagen, Er het mit dem
Türeken gehanndlet, sy weiten vnns in die kirchen lassen, do Sancta
Anna die haylige fraw vnd mutter aller geben ^ hat, do must ainer geben
ain Modin, noch must der Patron zwen Ducatten darzw geben. Es ist
1) 2) Lücke. 3) Soll wol heissen: geboren.
BERICHT ÜBER EINE JERUSALEMFAHRT 497
ain kirch, aber man helts für ain hawß, vnd vnnder dem fron AUtar
ist ein gewelb, da ist die statt, do die Jiingfraw Maria vnnd mutter
gots geporn ist worden, ist ain andechtige statt, ir geschieht aber wenig
Eer. Hie ist Vergebung aller sündt. —
Am Hingan wurden etlich Bilgern ir Bareth genomen vnd sunst
ain tail geschlagen vnd mit stainen geworfifen, dann eß vast spat was
worden. Aber ich ging den nechsten mit vnnserm Fürsten vnnd sei-
ner gesellschafft in das kloster auff dem berg Sion, do plyben wir
vbernacht vnd in der nacht do beychten wir. Vnd am Sampstag mor-
gen ging(en) wir Hochthewtschen bey zwaintzig zw dem hochwirdig-
sten Sacrament an der hayligen stat, do der herr Jhesus vnnser erloser
das auffgesetzt vnd das new Testament gemacht hat, do hett(en) mir
vor mitnacht messen bis schier mittag vnd ain schon ampt. Do dannck-
ten wir got dem herrn, das wir das haylig Sacrament an der heyligen
statt, do eß der güttig Herr auffgesetzt hat, empfangen haben. Hie
ist Vergebung aller sünd, als ich vor auch gemeldt. —
Nach tisch plyben mir zw Herberg, dann eß so gar haiß was,
das wir nindert hinmochten. Aber zw Abendt waren wir des willens,
an den Jordann zw reytten, do khamen mer wie wol hundert pferdt
vnd etlich knecht Arabier an, den anndern bilgern gewest weren Ara-
biern, das in die khainn^ entflohen sein, die dasselb mal gen Bethle-
hem ritten, die auft' der andern Naffen gefaren waren. —
Am Sambstag den dritten tag Augusti gingen wir hinauf zw den
Brüder auf den berg Sion, do funden mir vnnser Esell. Also namen
mir vrlawb vnd beualchen sy got vnnd sassen etwo vmb vesper Zeit
auf vnnd ritten auß der hayligsten Statt Hierusalem vnd namen gleich
den weg für vnns, den mir vordar geritten hetten, vnnd als wir nun
bey 2 wellisch meyl geritten waren, do khamen mir zw ainem AUten
gemeur, ist ain schloß gewest, darpey was gut wasser vnd vil Oelbaum,
also legten wir vnns Nider vnd Ruheten bis zwu stund auf den tag,
do waren wir wider auf vnnd ritten fürtter gegen Rama zw. Vnnder-
wegen, als mir etwo 3 meyl geritten waren, do wolt(en) die glaytslewt
von Jherusalem wider hinder sich, wollten nit mer gelaytten, dann
sy sich vast hart forchten von den Arabiern, hielten den Patron für,
die Herrschafft Jherusalem hett yetz ain ennd vnd gehört wider dem
HeiTn von Rama zw. Also hatten sv vnnsern Patron so hoch vnnd
schannckten im XV Ducaten, das sy gar plyben bis durch das Thall
hinaus oder zw dem schloß Aladron, das sy thctten, ging aber hart
1) keine. 2) Lücke.
ZEITSCHRIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXV. 32
498 RÖHRICHT
ZW, dan ir waren wenig, zwar eß half vnns nit vil, dann khaum 1 meyl
daruor, do het eß gar ain engepaß, musten mir durchziehen, do vber-
fylen vnns bey zwayhundert pawren auß der Lanndschafit oder Herr-
schaflft Rania vnnd all mit bogen, verhielten vnns den weg mit gewalt
vnd weiten von jedem Bilger haben XV Modin. Daruor halff vnns
der Türeken geklagt gar nichts, dan sy vil lieber dan vor geflohen
weren. Es waren vber Fünffzehen pterd nit vnnd XX zu fuß vnd
schrien : die pawren komen oben im perg Arabia. Das sind der Türeken
findt, also flohen die ainsthayls, die vnns beschirmen vnd belayten
sollten , ir der Ritter zwen oder drey herren vnd vnnser patron hinfüer
vnd die Tollmetschen vnd^ in der sach, das man die pawm stillet, doch
must er in etlich Ducaten schenncken, das sy zwfryden, aber es wur-
den dannocht vil Bilgern gestossen, verspott vnd geschlagen, welche
etwo zw ferr binden plyben, das must man gedulden. Dieselben paa-
ren sein all halb schwartz wie die weyssen Moren vnd sein geschickt
mit ir wehr oder bogen zw dem schiessen. —
Als mir mer dann ain stund da wurden auflgehalten , do zochen
mir wider fürt vnd an dem zerprochen Stettlin Alladron hin auf Rama,
vnd plyben die Türckischen glaitslewt hinder biß an fünfiF, die ritten
noch mit vnns biß gen Rama. Do gingen mir wider in vnnser alt her-
berg, das ist das hawß, das hertzog Philips von Burgundi den bilgern
gestifift hat. Da bracht man vnns zw khaufiFen gnung aller ding ain
gut nottui-fiPt. —
Also plyben mir am Sonntag da vnd am Montag weiten mir gern
hinweg sein, da wolt der herr von Rama vnnsern Patron nit lassen
faren. Er wolt in zwingen. Er sollt im wol vmb Viorthawsent gülden
aschcn abkhauffen, das wolt er kurtz nit thun, sonnder wolt er in nit
ziehen lassen, so wolt er in vorclagen vor dem grossen Türeken. Des
verschmacht in haii; vnd sucht allerlay boß weg vnd vrsach wider vnn-
sern Patron, damit er im schmach bewyse, auch vnns hindert vnd den
Patron noch vmb mer gelts prechte, alls auch beschach. —
Am Montag den V. tag Augusti zw Abent mainten mir hinweg
zw reytten, dann mir fanden khain wein mer zw khaufiFen im ganntzen
Rama, dann die hayden trinckon nit wein, offenbar dergleich der art
Türeken nit, es ist wider ir gesetz. —
Vnd wie mir schier auf sollten sein, do begab sich, das ain Pil-
ger, ain Frantzoß auß der anndeni Naft'en ain haiden ins maul sclilug,
1) Lücke.
BEaUCHT ÜBER EINE JERUSALEMFAHRT. 11 499
deshalb er gestrafift von der Herrschaflt vmb 4 Ducaten, vnd wart gar
ein seltzams gericht vber das gesetz, deßgleich ich nie gehört hab, der
pracht Zewgknus, das er deß gut vrsach het, das halff alls nit, sonnder
er solt ain hannd verloren hab(en) vnd khain annders, doch hanndlet
vnnser Patron so vil, das sy die 4 Ducatten namen für den frefell,
Hessen im die handt, dan sein Patron nit geschickt was, die vnd ann-
der Sachen bey dem Ttirgken zwhanndlen. Also plyben mir den Mon-
tag auch gar da. —
Am Zinstag Morgens den VI. tag Augusti frw hieß man vnns
aber auf die Esel sytzen vnd wir sollten reitten, mitler Zeit wolt der
herr von Rama kurtz aber mit sampt den anndem, das die zwen Pa-
tron die Aschen sollten khauflfen vnd khain annderß oder hie pleyben,
des sy vnains wurden vnd khamen mit wortten an ainander, das vnn-
ser patron sagt: Wer Ich zw Jaflfen bey mein schiffen, Ich wolt von
Euch khomen, es wer ewch lieb oder layd. Deshalb der herr vnd die
anndern erzürnet vnnd Hessen vnns ab den Eseln schlagen vnd wider
in vnnser herberg jagen, wie das Viech, vnd namen vnnsern Patron
gefanngen vnd fürtten mit in in ir hawß. —
Das weret bey zwu stunden, das der Patron dannocht so vil
hanndlet, das sy doch die pilgern wegliessen reytten, dann sy khein
wehr mer hetten vnd man sunst auch nit vill speys mer fand, das
beschach. —
Also zochen mir on vnnser bayd Patron dahin auff Jaffa zw, do
waren die Türeken vnnd hayden im abschyd gantz hitzig auff vnns,
was sy vnns khunden layds thon, damit sy sich letzsten, das beschach
vast vnd wurden vil gezannck, also thet man vnns wider in die loecher,
do plyben mir also bey 4 stunden, wiewol mir die nacht sollten da-
plyben sein, aber wir waren in zw geschickt. Do mir Sachen, daß
anfachen wolt also der Neyd zwischen den Christen vnnd vnglawbigen,
do thet der Fürst ains vnd macht predick^, ob er solbs fünfift mocht
zw schiff faren vmb etlich gelt. Doch kant man in nit, sonnder man
maint, es weren gesellen, die kranck weren oder die den andern ir
khamer wollten zwrichten. Das ward von der Herrschafft zugelassen,
also füren ii' fünff vnd ich auch vmb etlich gelt. Damach, alls das
beschach, do die warcken^ würden zw lannd khomen, do fielen die
pilgern mit gewalt zw schif, doch ainsthails vbel dapey geschlagen,
also nach vnd nach, bis das dieselb nacht am Zinstag den 6. tag Au-
1) predica ital. (straOpi'cdigt.
2) Barkou.
32*
500 RÖHRICHT
gusti die Bilgern all in die naifen khomen, doch mit grosser mühe,
dan der sack mit dem^ gar zerprochen was. —
Demnach ritten vnnser glaitslewt vnnd Tolmetsch wider hinder
sich zw dem Patron gen Rama, der da sampt dem anndem Patron mit
gwalt vnd wol verhütt aufgehalten ward, bis auf den Sampstag, der
do was der tag Sant Lorentzen^, aber das sy in mit gwalt weiten
zwingen mer dann vmb Tawsent Ducaten Aschen von in zw kaufiFen.
auch schetzten sy in vmb mehr gelt dorumb, das die Bilgern ains-
thayls am** zw schiff gefallen waren. —
Mir hetten vnns vnsers Patrons ain weyl vorwogen, ails ich wol
weyter melden will, mir schickten ime auch püchssen, damit man in
her vor den Arabiern zu \tis belaitten mocht. Do vnnser Patron zw
schif kham am Sampstag morgen, do hub man von stund an die Anckei
vnd zogen die Segeil auff, als das wir ain stund nacher von Jaffa hin-
weg fuorn mit zimlichen guten windt. —
Am Suntag morgen waren beyde schif zwsamen gefaren vnnd
waß vnnser groß schif auf das klain ganngen, daß eß ain stück binden
daraus gestossen hett. —
Ynnser patron sagt vnns, wir hetten Recht thun, das wir zw
schiff geeylt hetten, dann weren mir noch dieselb nacht hie auß blyben
am lannd, wer vnns nit wol erganngen, Vrsach, das sy den Fürsten
erst erkhannt hetten vnd sy inen* worden. Vnd het sein Hoffraaister
Rainhart von Neweneck ain Türeken mit ainem stain in das gesiebt
geworffen, doch nit gern. Darfür het er im ain Ducatten geschennckt
das er schwig vnd der Herrschaft^ nit klagt, Er wer sonnst vmb groß
geschetzt worden. Vnnd wie wir hinweg warn zw schiff, do der das
geklagt, vnd sucht man den vnnder den Andern Bilgern. —
Auch solt der Herr von Damasto^ gestorben sein, do schrien die
Türeken, als ir gewonhait ist, wan das hawpt stürbt, ist kain Recht
im lannd, biß man ain anders setzt. Da hielten sy den patron auch
des lanng auf vnnd hetten sy vnns noch zw lanndt gehebt, wer vnns
nit wol erganngen. —
Am Sonntag nachmittag sahen mir khain lannd mer vnnd füren
also Zipern zw, doch mit klain em Windt, der hat vast nachgelassen. —
Also füren mir hin vnnd her vnd lauierten, dann mir nie kain
Rechten fort wint hetten vnd sahen nie khain lannd, hetten auch kain
frisch prett, sonnder mir musten^ essen bis in Zypern. Was vast hayß,
1) Lücke. 2) 10. aiifjnst. 3) 4) Lücke. 5) Damascus.
0) Lücke.
BKRICHT ÜBKR KINE JKHUSALKMFAUHT. II 501
das khain wint nit mocht Recht gan, das weret also Sonntag, Montag,
Zinstag, Mitwoch, der was der viertzehend Augusti vnd vnnser lyeben
frawen Abent himelfart. —
Was sich mitler Zeit von den Bilgern vnd im schiff zwtragen hat,
ist nit vii von zw schreyben, mag ain yeder selbs gedenncken, was
solch lanngweylig wesen erfordert vnd kurtzweyl sucht. —
Am Donerstag hetten mir auch nit ander windt, doch auif den
Abendt, der ain wenig starck, also das mir verhoiften, noch eÜich ann-
der Lanndt zu sehen, aber die Sonn was zw bald iiider, das wir nit
aigenntlich wüsten, ob mir Landt gesehen hetten oder nit —
In der Nacht was der Windt vast starck worden, doch hetten mir
in nur halb, füren aber wol von statt, also das mir am Freyttag mor-
gens frw die Insel Cypem gar nache vor vnnß sahen. Demnach als
wir nur neben die Inssel, do wardt der windt ye lenger ye stercker,
das er vnns nur mit gwalt an das Landt wolt werfFen, mir waren auch
noch wol X mevl von der Porta Sallina, also wendten mir vnnser
schiff wider zw Rück mer dann zwu stundt vnnd füren darnach wider
der Port zw, do kundten mir noch mer dann vier Meyl nit Recht in
die portten zw anndern schiffen khomen. Do wurfFen mir ein Ancker
vnnd plybcn also den Freyttag necht da am angker ligen. Zw Abendt
do ließ der wint nach, do richtet man die Segell wider auflf vnd rüsten
zw, das mir in der Nacht auf den Angker furon, vnnd zw Morgen am
Sampstag gegen tag hub man den Angker wider, was gar ein feiner
zimlicher hifft, mit dorn füren mir in die portton. AllJbald darnach
fingen an die Bilgern hinausfaren zw lanndt. Mir fundon auch in der
Portten drey Naflfen auß andern lannden, sagten vnns newe merr, wie
das der Hertzog von Venedig^ todt was vnnd der Khünig von Vngern
ain Schlacht dem Türeken abgewonnen haben solt.^
1) 2) Vgl. oben s. 213 dieses bandes.
BERLIN. R. RÖHRICHT.
JOHANN SEBASTIAN MITTERNACHT.
Ein bcitrag zur gcseliichte der schulkomffdie im 17. jahrliundert.
Die dramcn Johann Sebastian Mitternachts (geb. am 24. jiili 1613
zu Hardesleben in Thüringen, seit 1646 rektor am gynmasium zu Gera,
seit 1667 Superintendent in Zeitz, wo er am 25. febr. 1679 stirbt^)
1) Näheres über sein loben bis zu soinem weggange aus Gera bei dr. R. Bütt-
ner, rektor Joh. Seb. Mitternacht und seine Wirksamkeit am Oeraer gynmasium.
502 ELLINQER
haben eine eingehende Würdigung bis jezt noch nicht erhalten. Zwar
hat Wolfgang Menzel in dem betreffenden abschnitt der „Deutschen
dichtung" (II, 412 fg), der, obgleich grade er die gröbsten flüchtig-
keiten des ganzen buches enthält, dennoch ein zur Orientierung noch
immer wichtiges hilfsmittel bietet, der Politica dramatica mit warmer
anerkennung gedacht; auch neuerdings ist gelegentlich auf dieses und
das zweite drama Mitternachts hingewiesen worden. Aber eine genauere
betrachtung der dichterischen, insbesondere der dramatischen tätigkeit
Mitternachts ist noch nicht versucht worden. Und doch verdienen
seine beiden dramen namentlich eine solche Würdigung durchaus; durch
die lebendigkeit ihrer spräche, die kraft, mit der die darzustellenden
Situationen erfasst und zur veranschaulichung gebracht worden sind,
vermögen sie viel besser als die meisten Alexandrinertragödien uns
eine Vorstellung von dem dramatischen können Deutschlands im 17.
Jahrhundert zu geben.
In der nachfolgenden Untersuchung soll der versuch gemacht wer-
den. Mitternachts dichterische produktion zu charakterisieren und ihr
innerhalb der deutschen poesie des 17. Jahrhunderts ihren platz anzu-
weisen. Wir beschränken uns hierbei nur auf die Würdigung des dich-
ters; die wissenschaftliche tätigkeit, die er auf dem gebiete der philo-
logio und theologie entfaltete, bleibt ausserhalb des kreises unserer
betrachtung; ebenso seine pädagogische Wirksamkeit, zumal dieselbe
bereits in R. Büttner einen kundigen darsteller gefunden hat. Das
material zu der vorliegenden arbeit boten die königliche bibliothek in
Berlin, die Universitätsbibliothek in Göttingen und die gymnasialbibUo-
thek in Gera^ Namentlich die leztgenante gewährte reiche aufschlüsse;
denn in der reichhaltigen samlung der programme Mitternachts, welche
die Geraer gymnasialbibliothek besizt, fanden sich Inhaltsangaben ein-
zelner von Mitternacht in der schule veranstalteten aufführungen, welche
nicht allein um ihrer selbst willen beachtung verdienten, sondern auch
für die betrachtung der beiden deutschen dramen wichtige gesichts-
punkte boten 2.
Programin des gj^mnasiums von Gera. 1888. Vgl. daselbst namentlich die schildeniDg
der drangsalo, welche Mitternacht auszustehen hatte, als, während er pfarror in Tcot-
Icben war (seit 1638), dieser ort von den Schweden geplündert wurde. S. 6.
1) Herr dr. R. Büttner in Gera liat mich durch seine Unterstützung bei der
bcschaffung dos in (icra bofnidlichen materials zu grossem dank veipflichtet.
2) Der einer predif^t Mitt£)niacht,s: Kochtschaffenor Christen heim, schilü
und wa^on. Zeitz 1670. (Exemplar auf der grossh. bibliothek von Weimar) ange-
fügte „Catalogus oder Verzeichnis derer wenigen opusculonun oder Schrififten, welche
J. S. MITTERNACHT 503
Die frühsten dichtungen Mitternachts, die sich erhalten haben,
sind lyrische stücke, eine kleine samlung kirchenlieder, die im jähre
1652 erschienen ist^. Der gröste teil der lieder stamt indessen nach
Mitternachts eigenen Zeugnissen aus früherer zeit, und zwar sind die
meisten stücke (57) im jähre 1640 entstanden. Am Schlüsse finden wir
auch einige (10) später gedichteten stücke. Das buch wird durch eine
längere vorrede eingeleitet, die sich in heftiger polemik gegen das
papsttum wendet 2. Die gleiche streitbare gesinnung tritt übrigens auch
in den liedem selbst zu tage und äussert sich in einer weise, der wir
heute unmöglich noch geschmack abgewinnen können. So malt er z. b.
in der „pindarischen Danck-Ode vor die Offenbahrung des reinen Got-
tes-Dienstes'' (nr. 58) gegenüber der widerherstellung des göttlichen
wertes die in Rom herschende Verfinsterung mit den schwärzesten fär-
ben aus:
Zu Rom pflegt iederman zu huren.
Zu Rom ist viel Abgötterey;
Die Sund' und Schand ist mancherley.
Da feiert man nichts als Figuren
Die Ehre, die nur Gott gebühret.
Gibt man zu Rom der Bilder- Schaar:
Da ist das Volck ersoffen gar:
Die Bilder sind mit Gold gezieret.
Das Hertz des Mensclien bleibet leer.
Versündigt sich ie mehr und mehr.
Wenigstens in der form originell ist eine klage der religion (zu-
Ich, Joh. Sobast. Mittemacht, Füi*stl. Sachs. Ploffprediger nach und nach auß-
gefertigot" enthält folgende drei wahi-schoinlich poetische oder sich mit der poesio
beschäftigende Schriften, die ich leider nicht habe auftreiben können:
" 1. SoufTtz- Sing und Betstunde auf die höchst gefährlichen damaliligen Kriegs -
Zeiten gerichtet anno 1639. Erfurt.
* 3. Betrachtung der vier Letzten Dingo, des Todes, des jüngsten Gerichtes, der
Höllen und des ewigen Lebens. Jena. 1042.
V 7. Tractätlein von der deutschen Keimkunst. Altenburg. 1648. Leipzig. 1653.
• 1) M. Johann Seba- | stian Mitter- | nachts | Feuer -heisso | Liebes- tlammon. |
Einer in Jesu verliebte | und in der Welt betmbten | Seelen. | Leipzig, | Auff Chri-
stian Kirchners Vorlag, | Drukkts Qvirinus Bauch. | 1653. 67 lieder. kl. 8°. Exem-
plar in Göttingen.
2) Gelegentliche polemik gegen das papsttum findet sich auch in dem Vnglück-
seligen Soldaten und voi*witzigen Barbieror, (111, 5) in welchem die werte des Muso-
philus, der für seinen verschollenen söhn Seelenmessen halten will, vom Morio mit
folgender bemerkung begleitet worden: „Sind denn alte Leute auch Narren? Was
wei*den den Sohn die Seelmesson helfen?"
504 KLLINGKR
gäbe nr. 3) über den unglückseligen zustand, in dem sie sich vor Luthers
auftreten befunden; wir finden in diesem gedieht den keim zu den
klagen der Pietas und Hospitalitas im Unglückseligen Soldaten und zu
ähnlichen scenen in der Politica dramatica. Dieser klage steht unmit-
telbar gegenüber ein jubellied der religion „nach des antichristes falle**,
in welchem wider das papsttum heftig angegriffen wird.
Der gesamtein druck, den man von den gedichten erhält, ist ein
günstiger. Natürlich fehlt es in ihnen nicht an geschmacklosigkeiten,
ohne die es im siebzehnten Jahrhundert nun einmal nicht abgeht, so
wenn der dichter singt (nr. 4):
Wenn ich dich, o Jesulein
Nicht empfind' im Hertzen- Schrein,
Werd' ich schwach und sterbe -Kranck:
Alles ist mir lauter Stanck.
Oder nr. 10: Ein kurtzes Liebes-Fünckloin.
Jesu Breutigam,
Low' aus Judas Stamm',
Ein Trost Abraham,
Hilff: ich lig im Schlamm!
Geradezu isu einer gewissen komik versteigt sich der dichter in
seiner „pindarischen Liebs- und Lobs-Ode'', nr. 39:
Keine Wort kan ich erfinden.
Die da meine Liebes- Glut
Gegen dich, du Höchstes Gut
In die Reime möchten binden.
Ob ich gleich die Cantzelley
Und die gantze Liebrarey
Von dem Anfang biß zum Ende
Durch und durch herummer wende.
Find' ich doch mein wünschen nicht.
Indessen würde man sehr ungerecht sein, wenn man aus diesen
stellen, bei denen wir den abstand der zeiten fühlen, ein gesamturteil
über die lyrische poesie Mitternachts ableiten wolto. Der gröste teil
der lieder ist frei von derartigen geschmacklosigkeiten und zeigt ein
warmes und lebhaftes empfinden. Und von besonderer Wichtigkeit sind
die lieder um ihrer litterarhistorischen Stellung willen, eine tatsache,
auf die, so viel ich weiss, bis jezt noch nirgends hingewiesen worden
ist. Mitternacht vertritt nämlich in der protestantischen liederdichtung
ganz dieselbe richtung wie Spoe und später Scheffler in der katholischen.
J. S. MITTERNACUT 505
Von Spee beeinflusst kann Mitternacht nicht sein, da die Trutznach-
tigall erst acht jähre nach der abfassung dieser lieder erschien; wir
haben es also mit verschiedenen äusserungen der gleichen Weichheit des
gefühls zu tun, eine Stimmung, die demgemäss doch damals schon
nicht mehr ganz selten gewesen sein kann und wie eine blurae unter
Schutt und moder aus den gräueln und der rohheit des entsetzlichen
krieges auftaucht.
Zunächst wird ebenso wie bei Spee und später bei Scheffler auch
bei Mittemacht das geistliche lied förmlich zum liebeslied. Die Sehn-
sucht, welche die seele Jesu entgegenbringt, wird mit den färben der
weltlichen liebesglut ausgemalt. Wenn bei Spee die seele Jesum sucht
(Trutznachtigall, nr. 9 und 10, s. 29 fgg. und 34 fgg. der ausgäbe von
Balke), so findet sich die gleiche Situation mehrfach bei Mitternacht,
vgl. nr. ni Str. 2:
0 mein Freund, mein Freund und Ehre,
Meines Lebens höchste Freud',
Ach komm wieder und beschere
Deine schönste Freundligkeit.
Jesu! Jesu! Süß und Hold,
Lieber will ich dich als Gold;
Wirst du dich bald wiedergeben?
Ohne dich kan ich nicht leben.
Man vgl. auch nr. 5:
Alle Winckel seyn durchkrochen,
Sevt ich suche meinen Freund.
*.
Mein Hertz ist mir fast zerbrochen.
Jesu komm! Ach komme heunt!
Weiter fliehen kan Ich nicht,
Weil mir Wind und See gebricht.
Keine Lieder noch Gesänge
Stillen mir mein Hertzeleyd.
Denn mein Schmertz ist gar zu strenge,
Tieff ist meine Traurigkeit.
Jesu diese scharife Pein
Führ ich nur von wegen dein. usw.
Wenn nun gelegentlich wohl andre gegenstände auftauchen, bit-
ten, klagen, danksagungen, so bleibt doch der grundzug derselbe wie
bei Spee: die liebe der seele zu ihrem bräutigam Jesus, dieser mysti-
sche grundton wird immer aufs neue wider angeschlagen, und der
506 BLUNOER
dichter sucht in die behandluagen des gleichen themas möglichst viel
abwechslung zu bringen, wenn ihm dies auch nicht' immer gelingt ^. —
Aber nicht allein im Inhalt, sondern auch in der äusseren form ähneln
Mitternachts gedichte denen Spees in auffallender weise. Spee begint,
wie bekant, seine gedichte sehr häufig mit einem natureingang, der zu-
weilen nur kurz angedeutet, manchmal aber auch breiter ausgeführt ist;
die betreffenden stücke gehören durch die innige naturempfindung, die
aus ihnen spricht, und den zarten duft der poetischen spräche mit zu
dem besten, was nicht nur Spee, sondern was die ganze deutsche dich-
tung des siebzehnten Jahrhunderts hervorgebracht hat Diese eigentüm-
lichkeit finden wir nun in den geistlichen dichtungen Mitternachts oft
wider, man vgl. z. b. die anfange der beiden ersten lieder:
Nr. 1: Der Morgen kömt gegangen,
Last sehen seinen Glantz:
Nechst Purpur-Farben-Wangen,
Schmückt ihn ein güldner Krantz.
Die Vöglein tireliren
Mit ihrer Stimmen Klang,
Die Nachtigall muß führen
Den süssen Lobgesang.
Der Tag hat abgeleget
Das schwartze Trauerkleid:
Was hin und her sich reget.
Das ist nunmehr erfreut.
Und nr. 2: Die Sonn hat sich verkrochen
Ins tieffe Meer hinein:
Es ist schon angebrochen
Der bleiche Monden -Schein.
1) Zuwoilen werden die ausdrucksmittel der weltlichen liebespoesie etwas zu
unbefangen verwendet; man vgl. z. b. nr. 11 str. 2, wo es von Jesus heisst:
0 wie mit so hellen Schein,
Wie Rubin im Ringelein,
Leuchtet deiner Augen Licht,
Wenn es ist auf mich gericht.
Ganz im geiste Spoos und Schefflei-s ist folgende stelle nr. 39, der andere satz:
Berg' und Thälor müssen zeugen,
Wie ich offt so jämmerlich
RufFe Jesu, Jesu dich.
Keine Stunde kan ich schweigen.
J. S. MITTBRNACHT 507
Am Himmel läßt sich sehen
Das blancke Sternen -Heer:
Die Fischer lassen stehen
Das aiifgeschwöllte Meer.
Das Feld beginnt zu schlaffen
Mit Winden zugedeckt:
Die Hirten bey den Schaffen,
Die liegen ausgestreckt.
Ähnliche natureingänge kommen auch sonst vor (z. b. nr. 24, wo
nr. 2 ziemlich genau kopiert worden ist; vgl. auch nr. 53). Die frage,
wodurch Mitternacht zu diesen frischen und einfachen naturschilderun-
gen angeregt ist, wird bei ihm ähnlich zu beantworten sein, wie bei
Spee: wir haben es hier offenbar mit einflüssen des Volksliedes zu
tun^. Die ein Wirkung des Volksliedes auf die lyrische dichtung Mit-
ternachts tritt aber noch stärker hervor, wenn er, ganz wie das Volks-
lied, in einem gedieht zuerst ein naturbild entwirft, daneben ein
kontrastierendes ereignis aus dem Seelenleben stelt und dieses in der
volkspoesie so häufig auftretende Schema dann durch alle Strophen
durchführt. So in dem liede nr. XH, Trochaische nachtklage:
1. Aller Bäume Blätter gläntzen
Von dem Grase -grünen Saflft:
Und die Blumen in den KJräntzen
Geben des Geruches Krafft:
Und ich muß bekleidet sein
Mit der schwartzen Angst und Pein.
Vor des hellen Glantzes Zierde
Schutt' ich aus mein' Hertz -Begierde.
2. Sanfifte blasen letzt die Winde,
Und erqvicken was da lebt,
Wenn der Abend -Wind gelinde
Durch die blöden Blätter schwebt.
1) Es möge wonigstens mit einem werte ei'wähnt werden, dass der anfang des
liedes nr. 50: "Wo soll ich mich hin wenden,
0 tausent- schöner Hold?
an ein älteres Volkslied anklingt:
Wo soll ich mich hinkehren,
Ich tummos Brüderlein?
Vgl. auch das spätere Volkslied (Mittler, s. 880):
Wo soll ich mich hin wenden
Bei der betrübten Zeit?
508 KLLINOKR
Auf mich stürmet Ungestüm m,
Manches kalten Nordens Grimm.
Ach daß doch die Gnaden -Winde
Bliesen aufiF mich fein gelinde!
3. Jetzo fallt aus hohen LüflFfcen
Honigsüsser Silber-Thau,
Und zerfleusset in den Klüffteu
Auf das Graß in feuchter Au';
Aber ich bin ausgedürrt
Meine matte Seele girrt.
Ach ich muß vor Durst vergehen,
Weil mich auch die Freunde schmähen.
In der gleichen weise verlaufen dann auch die drei übrigen
Strophen.
Neben diesen einflüssen des Volksliedes auf die lieder Mitternachts
fehlt natürlich auch die einwirkung der kunstpoesio nicht. Äusserlich
zeigt sie sich zunächst in der sehr häufigen Verwendung der damals
in der lyrik so beliebten daktylischen metren, ohne dass es Mitternacht
gelungen wäre, dieses metrum wirklich für das kirchenlied frachtbar
zu machen, was erst Neander vorbehalten blieb. Die fast bei jedem
der damaligen modepoeten vorkommenden, aus der neulateinischen dich-
tung stammenden, echospielereien dienen zur grundlage eines gedich-
tes (nr. 26); bekantlich hat auch Spee diese Spielerei für die geistliche
dichtung verwendet. Dass Mitternacht auch von Opitz nicht unbeein-
flusst geblieben ist, ergibt sich aus der tatsache, dass er von Opitzens
berühmten lied: „Wol dem, der weit von hohen dingen'' eine art
geistlicher umdichtung gegeben hat (nr. 16); an die stelle der worte
Opitzens: „Ein jeder lobe seinen sinn — Ich liebe meine Schäferin",
tritt bei ihm : „Dies mag die weit nach lüsten treiben : — Ich will bey
meinem Jesu bleiben." Von der art der bearbeitung möge str. 5 eine
Vorstellung geben:
Viel brennen nach den hohen Gnaden
Der Fürsten, die doch Menschen seyn:
Und wollen, ob sie gleich nur Maden,
Doch prangen in dem falschen Schein.
Diß mag die weit nach lüsten treiben.
Ich wil bey meinem Jesu bleibend
1) Auch hierin zeigt sich eine Übereinstimmung mit Scheffler, der ebenfals das
liod geistlich umgedichtet hat; vgl. v. Waldberg, Rcnaissancelyiik, s. 121 fg., der
J. S. MITTKRNAOHT 509
Unter dem kriegselend hatte Mitternacht selbst schwer zu leiden;
wir werden später noch davon zu reden haben, wie die schmerz-
lichen erfahrungen aus dieser trüben zeit für den dramatiker fruchtbar
geworden sind. Es ist daher nicht wunderbar, dass wir auch in sei-
nen gedichten nachklängen der not, schmerzlichen klagen und bit-
ten begegnen. In dem sonnet nr. 29 bittet er Jesus um abwendung
der durch den krieg verursachten hungersnot; die gleiche bitte spricht
er in dem folgenden gedieht aus. In dem liede nr. 43 fleht er Jesus
um schütz in der schlacht an für die, die ihm anhängen. Und in zwei
gedichten aus dem jähre 1646 und 49 (zugäbe nr. 6 und 8) hat er
seiner freude über die almähliche besserung der zustände und die end-
liche erlangung des friedens ausdruck gegeben.
Von der günstigen seite, von welcher Mitternacht sich im wesent-
lichen doch in diesen liedem zeigt, lernt man ihn aus einem sechs
jähre später entstandenen gelegenheitsgedicht eben nicht kennen. Diese
„lob- und wünsch-gedanken'' ^, die zur feier des fünfundzwanzigsten
geburtstages des fürsten Heinrichs X. von Beuss verfasst sind, stellen
sich als ein ziemlich trockenes machwerk dar, das sich durch nichts
von dem gewöhnlichen banalen stil der gelegenheitspoesie des siebzehn-
ten Jahrhunderts unterscheidet.
Indessen so lohnend es auch ist, Mitternacht als lyrischen dich-
ter kennen zu lernen, ein weit grösseres Interesse flöst er uns doch
durch seine dramatischen Schöpfungen ein. Mittemacht ist erst durch
sein amt zur dramatischen dichtung angeregt worden. In der Ordnung
der schule, deren leitung er übernahm, war vorgeschrieben, dass der
rektor in jedem jähre mit seinen schülem eine theatralische aufführung
halten solte. Und wenn auch die ausführung dieser Vorschrift unter
dem elend des krieges lange zeit unterblieben war, so erkante der
trefliche pädagoge doch, welchen wert ihre befolgung für die belebung
des Unterrichtes gewinnen könte. Deshalb begann Mitternacht bereits
ein jähr nach seinem amtsantritt wider in der schule dramatische auf-
führungen zu veranstalten. Wenn wir von der darstellung der „mate-
ria von dem Päbstischen Fasten" — wahrscheinlich ein stück mit star-
ker antipäbstlicher tendenz — , dem concilium Deorum ac Dearum de
statu Germaniae deliberantium — offenbar ein rückblick auf den krieg,
eine an zahl von umdichtungen zusamnienstelt. Zwei weitere geistliche parodien siehe
Blätter f. hymnologie, 1889, s. 23.
1) Den nach der bekannten anordnung der gelegenheitsgedichte des 17. Jahr-
hunderts sehr ausgedehnton titel widerzugeben, schien mir unnötig. Exemplar in
Göttingen, Poet. Genn. 1719.
510 ELLINQEB
eine betrachtung über die wunden, die er Deutschland geschlagen,
vielleicht mit einem hofnungsvollen ausblick auf die Zukunft — , der
geschichte der Stiftung des gymnasiums zu Gera und dem „philoso-
phischen gedieht von den tugenden und lästern", wovon wir uns keine
deutliche Vorstellung zu machen im stände sind, absehen, so begegnen
wir in diesen schulkomödien ^ durchweg stofiFen, die im drama des 16.
und beginnenden 17. Jahrhunderts vielfach behandelt worden sind. Die
„reformation der kirchen durch Lutherum geschehen" erinnert uns an
die stücke zur hundertjährigen Jubelfeier der reformation, unter denen
Kielmanns Tetzelocramia so bedeutsam hervorragt. Unter den bibli-
schen stücken finden wir ausser den noch gleich zu besprechenden:
Judith, Isaacs geburt (Abraham) und Tobias; novellistische Stoffe behan-
deln die bereits von Frischlin dramatisierte geschichte von Hildegard,
Karls des gr. gemahlin, und Griseldis, der im 16. Jahrhundert u. a.
durch Hans Sachs, Mauricius und Pondo eine dramatisierung zu teil
geworden war. Die reichhaltige samlung von programmen Mitternachts,
seiner kollegen und nachfolger, welche die Geraer gymnasialbibiiothek
besizt, bietet uns einige Inhaltsangaben der von Mittemacht veranstal-
teten auffuhrungen, die uns eine ungefähre Vorstellung von diesen
stücken gewähren.
Von den biblischen komödien liegen vier Inhaltsangaben vor. Die
erste, im jähre 1650 aufgeführte, behandelt die geburt Jesu. Das
stück muss sich nach dem lateinischen berichte recht seltsam ausgenom-
men haben; denn in seinem bestreben, die aufführung so viel als
möglich für seine schulzwecke auszunützen, gieng Mittemacht so weit,
ein wunderliches sprachgemenge eintreten zu lassen, indem er die
Juden hebräisch, die griechen griechisch reden liess und auch die
lateinische und deutsche spräche gelegentlich verwendete. So weit man
aus der Inhaltsangabe schliessen kann, war in diesem stücke die dra-
matische form noch nicht streng durchgefühi-t, sondern manches wurde
ohne weiteres erzählt. Zuerst traten die patriarchen und propheten auf
und beklagten in hebräischer spräche das elend des menschlichen ge-
schlechtes, indem sie zugleich ihre hofnung auf die baldige ankunft
des messias aussprachen; ihnen gibt gott aus dem feuer einen gün-
stigen, ihren wünschen erfüllung verheissenden boscheid, ebenfals in
1) Die titel der von ihm iu der schule aufgeführten stücke verzeichnet Mitter-
nacht selbst in den widmungsworten dos Vnglückseligen Soldaten und vorwitzigen
Baibierors, iij bf., wo er sich auch für den nutzen theatralischer Vorstellungen auf
Luthoi*s bekaute und verbreitete äusserung beruft.
J. 8. MITTRRNAGHT 511
hebräischer spräche. Damit auch die deutsche spräche nicht fehle \
folgt ein Zwischenspiel, in welchem Pamphilus, Thraso und Philumena
betrachtungen über die menschen anstellen, die an den hohen festen
in prachtvoller kleidung erscheinen und einen glaubenseifer an den tag
zu legen sich bemühen, den sie tatsächlich doch nicht besitzen. Hier-
auf folgt die eigentliche geburtsgeschichte von Gabriels Verkündigung
bis zum erscheinen des engeis bei den hirten. Dann unterhält sich ein
priester von Delphi mit einem bauer über den verfall des orakels,
worauf auch noch Apollo selbst erscheint und sich heftig darüber
beklagt, dass ihm durch einen hebräischen knaben der mund verstopft
werde. Die wunder bei der geburt Christi, die uns von vier Jünglin-
gen in lateinischer spräche erzählt werden, sind unterdessen auch nach
Rom gedrungen, und kaiser Augustus erbittet sich über diese wunder
und deren bedeutung aufklärung bei der Sibylla, die ihm den rat gibt,
dem erstgeborenen Gottes einen altar aufstellen zu lassen.
Das zweite, 1652 aufgeführte stück: Hlustratio vaticinii Jacobaei,
quod Genes. XLIX. v. 10. habetur, scheint von Harsdörffers gesprächs-
spielen beeinflusst worden zu sein, deren einfluss auf Mitternachts dra-
matische Produktion wir auch sonst verfolgen können. Das stück ist
eigentlich noch weniger ein wirkliches drama als das vorhergehende.
Ein fürst hört mit seinen hofleuten einem gespräch seiner geistlichen
zu, in welchem über die Weissagung Jakobs gesprochen und die
falschen auslegungen der Juden und einzelner katholischer schrift-
stoller bekämpft werden. Der fürst verfolgt das gespräch mit sol-
chem an teil, dass er sich auch nicht stören lässt, als ihm ein Sekre-
tär die nachricht überbringt, ein verwanter von ihm sei angekommen
und wünsche sogleich mit ihm zu sprechen. Erst nachdem das gespräch
beendet ist, verlässt er unter danksagung das haus.
Während das 1652 aufgeführte drama: Magorum historia, soweit
sich aus der Inhaltsangabe ersehen lässt, nur eine trockene schulübung
in der hebräischen und griechischen spräche war und keine ausätze
zur selbständigen ausgestaltung des Stoffes zeigt, ist das 1657 gespielte
stück: de cruento Herodis infanticidio wider selbständiger gearbeitet.
Hier erscheinen zuerst die vier magier — Mitternacht hatte bereits in
dem soeben erwähnten stück die vier weisen aus dem morgenlande auf-
treten und mitten im stück durch einen schüler die katholische ansieht
von der drei zahl der weisen oder könige bekämpfen lassen — und
1) Mitternacht sagt hierüber in dem programm, welches die inhaltsangabe ent-
hält: Nam et huic liuguao suus non doost decor, et adsuefaciendi sunt etiam pau-
latim inferiores, et primis coloribus imbuendi.
512 ELLINaER
rüsten sich zu der heimfahrt. Hierauf tritt ein kaufmann aus Betle-
heni auf, der einen lobspruch auf Betlehem vorträgt, und zwar latei-
nisch, da er häufig in Rom gewesen ist; während die weisen grie-
chisch sprechen. Es folgt ein gespräch zwischen Herodes und sei-
nem rat; jener klagt über die nichtigkeit der menschlichen anschlage
und über die treulosigkeit der weisen und fragt, wie sich wol der
neugeborene Judenkönig werde beseitigen lassen. Der rat sucht ihn
zu beruhigen und ihm die furcht vor dem leeren gerücht auszureden.
Ein gespräch Josephs mit Maria und das geheiss des engeis an beide,
mit dem kinde nach Ägypten zu ziehen, schliessen den akt, nachdem
vorher noch ein studiosus der theologie mit einem theologon einige fra-
gen über die engel erörtert hat. Der zweite akt führt uns zunächst
Simeon und Hanna in freudigem gespräche über die endliche geburt
des erlösers vor. Sie werden von einem edlen aus der Umgebung des
Herodes belauscht; dieser berichtet den Inhalt ihrer Unterredung dem
Herodes und entflamt diesen dadurch zur wut. Sodann werden uns
Joseph und Maria, einander gegenseitig tröstend, auf der flucht gezeigt,
und nachdem das stück wider durch ein z^vischen vier personen geführ-
tes theologisches gespräch über die flucht nach Ägypten unterbrochen
ist, wird der akt mit einer auseinandersetzung zwischen Herodes und
seinem rat geschlossen, der, da er die Unmöglichkeit einsieht, den
Herodes zu beruhigen, sich ihm endlich fügt. Im dritten akt erscheint
zuerst die Conscientia, die dem Herodes seine vielen morde vorhält
Die Tyrannis dagegen bestärkt den Herodes in seinem vorhaben. Ein
Sekretär Thrasybulus überbringt dem Herodes das dekret, welches den
kindeimord befiehlt, zur Unterschrift, worauf Herodes durch einen die-
ner zwei centurionen herbeirufen lässt, um diesen die ausführung zu
übertragen. Mit einer klage der Conscientia über ihr loos schliesst der
akt. Die beiden hauptleute erscheinen am anfang des vierten aktes;
der eine erklärt sich zu dem kindermorde bereit, der andre verweigert
seine mithilfe. Hierauf wird uns nun in einer reihe von scenen der
kindemiord vorgeführt: drei frauen, die die Soldaten flehentlich um das
leben ihrer kinder bitten, aber von ihnen verhöhnt und ihrer kinder
beraubt werden; eine frau, die ihrem manne jammernd die ermordung
ihres kindes erzählt, worauf dieser in der Verzweiflung dem Soldaten
mit gezücktem schwort entgegentritt und von diesem getötet wird. Auch
die klagen des älteren sohnes über den tod des vatere bleiben uns
ebenso wonig erspart wie die freude, die der entmenschte soldat bei
der erinnerung an den kinderinord äussert. — Im fünften akt hören
wir zunächst wider khigeii über das elend; dann wird Herodes vor-
J. 8. MITTERNACHT 513
geführt, gequält von den geistern derer, die er gemordet, und unter
denen Mariamne zuerst erscheint. Auch Conscientia und die schatten
der gemordeten kinder beängstigen ihn; hierauf erscheinen auch noch
die drei furien, und vergeblich bittet Herodes seine höflinge und
Soldaten, diese zu verscheuchen. Nachdem dann noch Maria und Joseph
die gute Gottes gepriesen haben, der sie so wunderbar behütet, berich-
tet Fama das traurige ende des tyrannen.
Um seines Stoffes willen noch interessanter ist das Celeberrimi
pictoris Apellis fatum (aufgeführt 1655), die dramatisierung der bekan-
ten erzählung von der Verleumdung des Apelles durch einen neben-
buhler — eine fabel, welche schon der vortref liehe Micyllus während
seines Frankfurter rektorats (1531) dramatisch behandelt hat, um, da
er wie der griechische maier von einem nebenbuhler verdächtigt wor-
den war, in dem Schicksal des Apelles sein eignes abzuspiegeln. In
Mitternachts stück tritt zuerst der maier Antiphilus auf und beklagt
sich über die Verachtung, der er anheim gefallen; Invidia erfült dann
sein herz noch mit immer heftigerem hass gegen Apelles; Calumnia
gibt ihm rat; trug und hinterlist treten ebenfals auf und gewähren ihm
Waffen, Audacia endlich reizt ihn zur tat und erweckt die nötige Unver-
schämtheit in ihm. Im zweiten akt wird dem könig Ptolemäus nach-
richt von einem aufstand gegeben, der in Syrien durch Theodota ent-
standen ist und viele anhänger gefunden hat. Nachdem der könig die
üblichen klagen über das schwere loos der könige und die vielen
gefahren, denen sie ausgesezt seien, vorgetragen und sich mit seinen
raten beraten hat, lässt er durch einen herold dem einen hohen preis
bieten, der ihm mitschuldige des empörers angebe. Im dritten akt
erscheint nun Antiphilus und nent den Apelles als mitverschwörer; in
der Umgebung des königs stimt man für einen schnellen tod des Apel-
les. Dieser, durch Fama von dem, was ihm droht, benachrichtigt,
bejammert das schwere Schicksal, das ihn trotz seiner Unschuld getrof-
fen, und wird deshalb von Calumnia verspottet. Am anfange des drit-
ten aktes treten wider drei allegorische personen: Innocentia, Justitia
und Conscientia auf, diese tröstend, jene sich über das unrecht beklagend,
das dem Apelles angetan. Dann ei*scheint des Apelles söhnchen vor
Ptolemäus, fält vor ihm nieder und fleht um gnade für seinen vater;
da es beim königo nichts erreicht, wendet es sich mit seiner bitte
an den kanzler. Dieser bestimt, dass die sache von einem gerech-
ten richter untersucht werden soll. Jedoch dieser wird von den ran-
ken des durch trug und list unterstüztcn Antiphilus so bestrickt, dass
er den Apelles für schuldig erklärt und ihn zum tode verurteilt. Im
ZEITSOHIUFT F, DEUTSCHE PHII.OLOOIK. BD. XXV. 33
514 ELLINGER
fünften akt endlich erfolgt die befreiung: der kanzler befragt die gefan-
genen, ob Apelles zu ihnen gehört habe; sie sagen für ihn aus, und
so spricht der könig den Apelles los und übergibt ihm den Äntiphilus
als Sklaven.
So weit man aus den inhaltsangaben einen schluss ziehen kann,
wird das drama vom betlehemitischen kindemiord die stärkste Wir-
kung ausgeübt haben. Namentlich die scene, in der Herodes von den
schatten der von ihm gemordeten geängstigt wird und vergeblich den
furien zu entrinnen sucht, scheint, wenn wir uns ähnliche Situationen
aus den beiden deutschen stücken vergegenwärtigen, gross angelegt
gewesen zu sein. Freilich ein künstlerischer eindruck konte mit die-
sen stücken, so stark auch das eingesezte dramatische talent des Ver-
fassers war, kaum erzielt werden: eine wirkliche entfaltung der hand-
lung, eine anpassung des ausdrucks an die darzustellende Situation war
durch das seltsame sprachgemenge sehr erschwert, welches selbstver-
ständlich in der spräche viel Schablonen- und phrasenhaftes herbeifüh-
ren muste.
Daher lernen wir die eigentliche kraft des dramatikers erst aus
den beiden deutschen dramen kennen. Jedesfals aber sind für die cnt-
wicklung des dichtei-s diese schulkomödien nicht zu unterschätzen: sie
haben ihm zweifellos eine gewisse theatralische gewantheit, eine bedeu-
tendere Sicherheit in der handhabung der form gegeben. Im aufbau
ähneln denn nun auch diese vielsprachigen schulkomödien den deut-
schen dramen volständig, wie wir noch sehen werden, wenn wir uns
von der art der bühneneinrichtung, die seine stücke voraussetzen, eine
Vorstellung zu machen suchen. Auch andre züge, wie das auftreten
der gleichen allegorischen figuren, die neigung zum ausmalen leiden-
schaftlich bewegter und rührender scenen finden wir in den deutschen
stücken wider; ja einzelne scenen der deutschen dramen scheinen in
diesen stücken gewissermasson schon im keim enthalten zu sein, so
z. b. die scene, in der die kinder des barbiers den richter um gnade
für ihren vater anflehen (s. u. s. 525 fg.), in dem gleichen oben s. 513
angeführten Vorgang aus dem Apelles. Ebenso muten uns andre sce-
nen wie Vorstudien zu ähnlichen auftritten in den deutschen stücken
an. Dass der gleiche reichtum an pcrsonen hier wie dort vorhanden,
ist selbstverständlich imd erklärt sich ebenso wie später bei Christian
Weise aus dem wünsche, möglichst viele schüler an der aufführung teil-
nehmen zu lassen.
Bevor wir uns indessen den deutschen dramen Mitternachts selbst
zuwenden, sei ein kurzer ausblick auf die nachwirkung gestattet, die
J. S. MITTERNACHT 515
sein eifer für schul aufführungen in Gera ausübte. So führte rektor
Köber, Mitternachts nachfolger, mehrfach eine komödie zum lobe des alten
Griechenlands auf, mit benutzung des Cornelius Nepos. In dieser wird
im ersten akt Jupiter vorgeführt, den die Providentia divina auffor-
dert, Griechenland aus seinem jetzigen zustande zu befreien, worauf
dann Griechenland, gefesselt von der Barbaries (in der Inhaltsangabe
der späteren aufführung ist es der Türke selbst: vinculis Turci con-
stricta) erscheint und ihr trauriges Schicksal beklagt. Im zweiten akt
erscheint dann Jupiter auf der erde mit Graecia und Attica, und er
lässt durch Mercurius götter, holden, totenrichter, gesclüchtsschreiber
und viele allegorische figuren herbeirufen, welche entweder das los
Griechenlands verkünden oder dieses durch ihr zeugnis bekräftigen
müssen. Man sieht: es ist eigentlich mehr ein redeakt als ein wirkliches
draraa; nur im fünften akt komt durch die klagen der aus der unter-
weit heraufbeschworenen Athener Themistokles, Aristides und Cimon über
die Ungerechtigkeit ihrer ehemaligen Verbannung aus dem vaterlande
ein neues motiv in die handlung. Überhaupt nehmen sich diese stücke,
ebenso wie die, welche Mitternachts kollegen noch während seiner
amtszeit aufführten (wie die vom conrektor Berger 1657 zur darstellung
gebrachte vergilischc tragödie : Aeneas und Lavinia) Mitternachts stücken
gegenüber recht kahl und dürftig aus, so dass man aus dieser verglei-
chung erst erkent, mit wie grossem theatralischen geschick Mittemacht
seine aufgäbe angriff.
Grösseres Interesse bringen wir von diesen späteren schulkomö-
dien in Gera nur einer entgegen, nämlich der vom rektor Köber 1669
veranstalteten aufführung, die ähnlich wie Mitternachts deutsche
stücke auf dem rathause zur fei^r des landtagsschlusses statfand. Das
stück verdient um deswillen beachtung, weil es eine neue bearbeitung
von Cornoilles Polyeuct ist, und deshalb möge hier die inhaltsangabe,
die sich erhalten hat, mit auslassung der namon der dai-steller wider-
gegeben werden. Corneilles name selbst ist freilich in dem dnicke
nicht erwähnt, wie denn auch in demselben nirgends vermerkt wird,
dass das stück nach einem fremden vorbilde gedichtet ist. (Es sind
4 blätter in 4®; auf die bcschrcibung des ausführlichen titelblattes kann
wol verzichtet werden). Das offenbar in deutscher spräche geschriebene
stück führte den titel: „Der Christon Marter -Krohn und Ehren -Thron."
Nach den üblichen worton des Prologus, des Argumentator generalis
und des Admonitor folgt zunächst in der ersten abhandlung der „Ar-
gumentator specialis", den inhalt der gantzcn ersten handlung mit kur-
zen Worten erzehlend: Im I. auftritto dancket Antonius, ein einsie-
33*
516 ELUNGEB
del Gott vor friede und ruhe, so er bisher seiner kirchen verliehen.
Im IL auftritt praesentirt sich Szaramuza als ein unwissender und in
christlicher religion unerfahrener bauem -junge, welchen der einsiedel
mit sich nimt, und in der erkäntnus Gottes unterrichtet Im III. tritt
ein der kaiserliche herold und eröfnet aus des kaysers Decii ernst-
liches edict, die Verfolgung der Christen betreffend. Im IV. tut Sza-
ramuza dem einsiedel sein erlerntes glaubens-bekäntnüs. Im Y. dis-
curriren Polyeuctus das haupt des adels in Armenien und Majoranus
ein rat des füi*sten in Armenien von dem kayserlichen befehl, und
improbiren denselben, als heimliche Christen. Im VI. erkläret sich
Felix, ein Fürst in Armenien dem kayserlichen befehl treulichst nach-
zukommen, welches ihm, wie wol vergeblich, Polyeuct widerratet
Im VII. erzählt Scaramuza, was er in der stadt von der Christen Ver-
folgung gehört, und gehet hin, solches seinem alten einsiedel zu erzäh-
len. Im VIII. kömt Polieuct und Nearcus, ein afrikanischer landes-
fürst, vor diesmal ein mitglied des hohen rats in Armenien, und
erinnern einander ihres Christentums und der beständigkeit, bey dem-
selben zu verharren. Im IX. stellt sich ein Felix mit seinen raten,
so da sind Polyeuct, Majoran, Seleucus, Nicander, Brutus und Aure-
lius, teils Römer, teils Persianer; vor sie werden gebracht, und zum
tode verurteilet zween pei'sianische Christen, sonst vornehme reichs-
vasaJlen. Im X. klagt Scaramuza über den todes-fall seines frommen
einsiedlei-s. Im XL begegnen Polyeuct und Nearc der Paulinae und
Stratonicae, und eilen von diesen hinweg. Daher Paulina, des fürsten
tochter und vertraute des Pulyeucti, im XII. eintritt über Polyeuct klagt,
Scaramuza aber um die Camillam freyet, und repuls bekömt Im XIIL
bittot Paulina bey ihrem vater, dem füi*sten Felici, umb gnade vor die
gefangenen Christen, bekömt aber abschlägliche antwort, weil er sich
vor des Severi, eines römischen ritters und des kaysers geheimdesten
freundes ankunfft, so ihm Albin, ein römischer kriegsbedienter in Arme-
nien, ankündiget, gar hefTtig fürchtet, in sorgen stehende, Sever möchte
vom römischen kayser abgeordnet seyn , uft* Felicis beginnen wider die
Christen achtung zu geben. Im XIV. agirt Scaramuza und Pantalon
und gibt jener bey dieser seyner tochter Freyens vor. Im XV. falleo
Severus und Fabian nider uff die knie, und dancken den Göttern vor
verliehenes glück zur reise. Im XVI. kömt Albin und mit ihm Seleu-
cus, Brutus, Nicander, Aurel, Majoran und Scaramuza, Severum zu
benoventiroii. Im XVII. reden Severus imd Fabian, beyde römische
rittor und vertraute freunde, von der Paulinen Vermählung an den Po-
iyouct Denn die Paulinani hatte hiebovor Severus zu Rom geliebet,
J. S. MITTERNACHT 517
kam auch niinniehro, sie ihme zur gemahlin zu begehren, und, damit
solches desto heimlicher möchte zugehen, gab er vor, er hätte den
göttem in Armenien ein grosses opfer zu tun, und das sei die Ursache
seiner ankunfft von Rom. Im XVIII. kommen zu diesen beyden rit-
tem Paulina und Stratonice, so denn Severus die unglückseligkeit sei-
ner liebe beklagt. Scaramuza menget sich hiermit ein und agiert. Im
XIX. tröstet Polyeuctus die Paulinam, dass sie sich vor Sever nicht
zu fürchten, noch etwas böses zu befahren habe. Im XX. berufft Cleon,
hauptmann über die leib -wache, den Polyeuct im tempel zum opfFer,
ufif des fürsten befehl. Im XXI. Polyeuct sich stellend, als wolte er
dahin gehen, wird von Nearc seines christenthumbs scharfF erinnert:
Daher sie beyde beschliessen zu öffentlicher bekäntnus ihres glaubens,
den öffentlichen angestelten götzen- dienst zu zerstören Zu der
andern abhandlung wird einen anfang machen Argumentator 11. Im
1. eintritt aber agiert Pantalon und Scaramuza, da jener diesen als einen
Christen höhnisch hält, dieser aber jenes heidnische götzen verlacht.
Im n. auguriert ein heidnischer wahrsag -priester, wie treulich die
götter in zukunfft ihre religion beschützen würden. Im III. agiert
Scaramuza. Im IV. steht der hohepriester vor Jupiters altar mit dem
räucher-fass, der opffer- priester beym opffor und verrichten nebenst
dem wahrsag -priester ihren götzendienst. In welchem sich auch befin-
det fürst Felix mit fünff raten, wie auch Stratonice. Zu ihnen kom-
men im V. eintritt Polyeuct, und Nearc, ihnen den schändlichen götzen-
dienst verweisende, die anwesenden verjagende, die bilder stürmende.
Im VI. kömt Albin mit der wache und nehmen Polyeuct und Nearc
gefangen. Im VII. lässt fürst Felix seinen zorn und Unwillen wider
die missetäter hören. Im VIII. erzählt Stratonice der Paulinen, was
im tempel vorgegangen, worüber diese gar sehr bestürzt wird. Im
IX. praesentiert sich das gefängnis mit den gefangenen Polyeuct, Nearc,
obgedachten 2 Persianern und Scaramuza. Im X. kömt Albin vors
gefängnis mit der wache, und holt Nearcum vors hohe gerichte ab. Im
XL bringt Albin den gefangenen, Felix und seine rate verdammen
Nearc zum tote, und befehlen, dass ihm das hertz solle aus dem leibe
gerissen werden. Im XII. tröstet Majoran die Paulinam, berichtend,
dass Polyeuct noch lebe, und dass er sich wolle angelegen seyn lassen,
ihn vom tode zu erretten. Im XIII. wehklagt Paulina über den elen-
den zustand ihres liebsten Polyoucts, wird aber von Stratonice getrö-
stet. Im XIV. werden die bevden Persianischen Christen im feuer
geschmäuchet. Im XV. wird Noarcus nach gcfältem ui'teil justificiert,
und siehet diesem handel Polyeuct mit hertzhafftigkeit zu. Im XVI.
518 ELLINaSB
wehklagt die christon -Unschuld, ein engol aber tröstet sie. Im XVII.
berichtet Oleen den Felicem, wie die hinrichtung des Nearei abgelauf-
fen. Im XYIII. fält Paulina ihrem herrn vatter zu fusse, vor ihren
breutigam, Polyeuct, umb gnade bittende, aber Felix will sich darzu
nicht bcqvemen. Im XIX. erzehlt gleicher massen Albin, was bey
justificierung des Nearei vorgelauffen, und bittet zugleich um des Po-
lyeucts erledigung, erlanget aber nichts Und hierauf wird gesdirit-
ten zur dritten und lezten abhandlung. Den Inhalt derselben erzehlet
Argumentator III. Und darauf? in dem I. eintritt erscheint des ertö-
teten Nearei geist mit einer krohnen und palmenzw^eige dem Polyeuct,
so uff einem stule sitzet und schläift. Im 11. eintritt erscheinet ihm
die ewigkeit im schlaffe, ihn mit betrachtung der ewigkeit auffrichtende.
Im III. praesentiert sich Cleon mit der wache vor dem gefangnis, Po-
lyeuct begehrt mit seiner Paulina noch nicht zu reden. Im IV. erklärt
sich Polyeuct zur beständigkeit in seiner christlichen religion. Inzwi-
schen kömt im V. eintritt Paulina zu ihrem Polyeuct, weil sie ihn
aber durchaus uff keinerley weise von dem christenthumb abwendig
machen kann, gehet sie endlich in unmuth darvon. Im VI. imploriert
Paulina den Sever, er w^oUe ihr doch zu liebe und gefallen ihren Po-
lyeuct vom tode erretten, worzu er sich auch erklärt, iedoch dass ihm
solches Fabian, nach der princessin hinwegscheiden, eiferichst wider-
räthet, wiewohl Sever uff seiner gefassten meinung bleibt, und die
gethane verheissung in der that zu leisten gedenket. In dem Vn.
kömt fürst Felix mit einem mohr, sezt sich an einen tisch, und nach-
dem er den mohr von sich gelassen, und schreiben w^ill, schlummert
er darüber ein. DaraufF erscheinet das Fatum und erinnert den for-
sten im träume, wie vergeblich sein beginnen sey wieder den rath-
schluss gottes. Und so Felix hier auff erwachet, und von neuem das
blut-urtheil wieder seinen eydam den Polyeuct unterschreiben will
kömt Nearei geist, löschet ilime das liccht aus, rüttelt an dem tisch
und nimt ihm das pappier aus der hand, und fleucht darvon^; worüber
Felix zwar bestürtzt wird, doch aber bey seiner meinung wieder den
Polyeuct zu verharren gedenkt. Im VIII. tritt Severus ein, den für-
sten zu bereden, dass er Polyeuct möchte das leben schencken, aber
Felix, als der ihm nicht trauote, will sich nicht bereden lassen. Im
IX. hält Felix rath wieder Polyeuct, welcher sich auch als einen
gefangenen im X. vor dem hohen rath darstellig macht: wird zum
1) Derai-tigo Situationen kommen im drama des siebzehnten Jahrhunderts sehr
häufig,' vor, man vgl. z. 1>. den ganz ähnlicluui Vorgang in Beckhs: Polintc oder die
klägliche liodizoit; vgl. Viorteljahrsschrift f. litteraturgcsuhichte V, 372.
J. S. BOTTKRNACHT 519
todte verurtheilt. Im XL wird Polyeuct zur richtstätte hinaus geführt,
Pauline eilt ihm nach, bekennet sich öffentlich zum christenthumb,
und kniet nieder, mit bitte, man wolle ihr doch noch eher, als ihrem
Polyeuct den kopff nehmen. Über dieser wunderlichen geschieht wird
alles perplex, und werden die gefangenen uflf des fürsten befehl, bis
uff fernere anordnung zurücke geführt. Fürst Felix wird durch so
wunderseltzame begebenheiten hefftig coustemirt, und zugleich in seinem
hertzen kräfftiglich gerührt, dass er sich zum christlichen glauben zu
bekennen nicht wenig geneigt ist, und solches wird er bekennen im
XII. eintritt. Im XIII. wird er rath halten und deliberiren, ob es
nicht rathsam, dass man sich zur Christen -religion wende, lind nach
dem allerley discurrirt worden, erklärt er sich mit den räthen dahin,
dass sie mit dem gantzen lande Christen wollen werden. Im XIV. wer-
den die heydnischen priester aus dem lande gejagt. Im XY. und letz-
ten wird Gott vor die bekehrung zur göttlichen warheit von Feiice,
Polyeuct und Paulina gedancket, sie auch werden von einem engel
zur beständigkeit im glauben angemahnet. Und also wird frölich, was
sich so traurig und jämmerlich anliess, beschlossen
Diese bearbeitung darf gewiss Interesse für sich in anspruch neh-
men. Wir erhalten keine sich genau an das original anschliessende
Übersetzung, wie sie vom Polyeukt drei jähre vor Köbers stück Tobias
Fleischer in seinen „Erstlingen von Tragoedien, Helden -Reimen vnd
anderen Tichteroyen (1666. Exemplar in Berlin; vgl. Goedeke, IIP,
222 und die freilich nicht zui*eichenden mitteilungen in Sehnorrs archiv
f. 1. III, 249 fgg.) gegeben hatte, sondern eine auseinandergezogene
und mit vielen zutaten verbrämte Überarbeitung. Tatsachen, die Cor-
neille erzählt, werden auf der bühne selbst dargestelt, namentlich
dann, wenn sie gelegenheit zu pomphaften scenen geben. Die scene
im tempel, die bei Corneille nur berichtet wird, führt der Verfasser
unmittelbar vor, ebenso die hinrichtung des Nearch; wodurch aller-
dings der übelstand entsteht, dass das, was wir eben auf der bühne
haben vorgehen sehen, nachher noch zweimal erzählt wird.
Ein teil dieser änderungon, wie die einfügung der komischen
personen und des einsiedlers rührt offenbar von Köber selbst her; die
wesentlichsten zusätzc dagegen berühren sich so mit einer in dem
gleichen jähre erschienenen bearbeitung des Polyeukt, dass ein Zusam-
menhang nicht in abrede gestclt werden kann. Es ist der „Polyeuctus
oder Christlicher Märtyrer" von Christophorus Kormart (1669; exem-
plar in Berlin Xv 3590; Analyse in Gottscheds Beyträgen zur criti-
schen historie der deutschen spräche und beredsamkeit, VI, 385 fgg.),
520 ELUNGEB
bekaot namentlich durch die, freilich so wie sie überliefert wird,
unglaubwürdige nachricht, dass in diesem von Studenten dargestelten
stück Veitheim zuerst aufgetreten und infolge dieser aufführung nei-
gung zum theater gewonnen haben soll. Die Umarbeitung Kormarts
zeigt in ihren steifen gedrechselten prosaischen reden, den unerträg-
lichen reimereien, die hie und da neben der prosa auftauchen, nament-
lich aber in den von Köber zum teil entlehnten „eigenen erfindungen**
einen sehr schlechten geschmack. Dieses stück muss bald nach seiner
drucklegung Köber zugekommen sein, denn die wesentlichsten Verän-
derungen sind aus ihm entnommen, sowol die kleineren wie der dialog
zwischen Severus und Fabian nach ihrer seereise (Köber I, 17. Kor-
mart II, 1), die einfügung der um ihres Christentums angeklagten Per-
ser (Köber I. 9. 11, 14. Kormart I, 2. III, 9^, als die vorführuog
der scene im tempel und die geistererscheinungen des Nearch (die
scene ÜI, 7 bei Köber ist genau Kormart lY, 11 nachgebildet). Die
von Kormart verwendeten mythologischen imd allegorischen figuren
sind von Köber fortgelassen ; doch werden bei Köber gelegentlich andere
allegorische gestalten verwendet. Dagegen ist die rettung Polyeukts
am schluss Köbers eigentum; der schluss Kormarts schliesst sich im
wesentlichen an Corneille an. —
Die beiden deutschen dramen Mitternachts, denen wir uns jezt
zuwenden, können eigentlich nicht durchweg als schulkomödien betrach-
tet werden. Sie wurden zwar von schülern, aber nicht in der schule,
sondern öffentlich auf dem rathaus dargestelt, und zwar das eine zur
feior des landtagsschlusscs, das andre, um die tätigkeit Mitternachts
als rektor bei seinem weggange nach Greiz würdig abzuschliessen.
Wenn nun aber auch diese Art der ontstehung dem autor mehr frei-
heit sowol in der wähl des Stoffes als in der ausführung des einzelnen
gab, so lässt sich doch, wie bereits oben hervorgehoben ist, nirgends
der Zusammenhang mit den eigentlichen schulkomödien verkennen. —
Mitternacht hat auf die ausarbeitung der dramen grosse Sorgfalt gewant
Er wendet sich daher aufs schärfste gegen die stücke der fahrenden
englischen und deutschen komödianten und die nach seiner ansieht in
diesen dramen herschenden regellosigkeiten und Unsitten. „Zwar die
Engollünder'', lässt er den Prologus zu seinem Vnglückseligen Soldaten
und Vorwitzigen barbierer sagen ^, „und andere im lande herumbstrei-
chendc comoedianten, als welche entweder gar nichts, oder nicht viel
1) Ein teil der stelle ist sclion augefühi-t worden von C. Reuling, die komi-
sohe figur in den wiclitigsten deutschen dramen bis zum endo des XVH. Jahrhunderts.
1890. S. 131.
J. S. MITTEBNACHT 521
besonders studiret haben, sind hierumb wenig bekümmert, wie aus
denen Engelländischen comoedien, so in zwoyen voluminibus zusam-
mengedrückt, satsam zu ersehen stehet, als in welchen fast nicht eine
einige zu befinden, die nach den vorgeschriebenen legibus und prae-
ceptis durchgängig eingerichtet wäre; und pflegen doch nichts desto
weniger solche comoedianten hin und wieder beliebet und gelobet zu
werden, alldieweil sie, was ihren comoedien ermangelt, theils durch
kloider-pracht, theils durch einen geübten und kurtzweiligen Jean puta-
gen ersetzen , und sich getrösten , dass unter viel hundert Spectatoribus
oder zuschauem offt kaum einer sey, der da, was zu einem solchen
wercke gehöret, gründlich vei-stehe, und consequenter davon judiciren
könne, sondern die meisten Spectatores mit hindansetzung des haupt-
werkes sich an den.possen, und gemeiniglich groben zoten belustigen''.
(A 2 a.) — Namentlich darauf hat Mitternacht grosse mühe verwendet,
jeden die spräche sprechen zu lassen, die seinem bildungsgrade ent-
spricht, „sintemahl am hellen tage lieget, dass anders ein vornehmer
potentat, anders ein gelehrter mann, anders ein bescheidener bürger,
anders ein knecht oder magd, anders eine manns- und anders eine
weibs-person, anders ein erwachsener mensch, und anders ein kind zu
reden pflege", (a. a. 6. liij b.) Für die borechtigung dieses strebens
nach natürlichkeit des ausdrucks und abstufung der spräche nach
herkunft und bildung der einzelnen personen beruft er sich auf Plau-
tus, während Teronz alle figuren in der gleichen eleganten spräche
reden lasse.
In seinem trauei-spiel : Der unglückselige soldat vnd vorwitzige
barbirer^ ergriff Mitternacht ein eroignis zur dramatischen behandlung,
welches unmittelbar vorher geschehen war. Die schauererzählung, die
durch fliegende blättor in Deutschland verbreitet wurde, kam dem
erfahrenen pädagogen offenbar rocht gelegen, denn sie eignete sich vor-
züglich zur einscliärfung einzelner cardinalsätze, die der Jugend einzu-
piägen waren. Zunächst predigte die geschichte laut und vernehmlich
den gehorsam gegen eitern und lehrer, und Mitternacht unterliess es
nicht, das bereits im Stoffe liegende motiv noch deutlicher herauszu-
arbeiten. Das drama zeigte an einem erschütternden beispiele, wie es
einem Jüngling ergieng, der sich durch ungehorsam, trotz und Undank-
barkeit an seinen eitern vergangen hatte. Aber noch nach einer andern
1) 1662. Goodcko 1^I^ 221. Gottscliod, Nüthiger vorrath I, 225 hat das
stück irtümli(;bor weise unter das jalir 1670 ^'cstelt. Daraus ist denn die voi^stcllmig
ontstandon, als oh das stück noch eionial in spätf.Tor aufläge erschienen wäre; tat-
sächlich existiert aber keine ausgäbe von 1670.
522 BLLINGEB
richtiing hin war die geschichte für den erzieher auszubeuten. Nach
dem entsetzlichen kriege waren noch nicht anderthalb Jahrzehnte ver-
flossen; der schwedisch -polnische krieg war soeben verübergegangen,
und die neigungen der Jünglinge, an dem wilden kriegstreiben teilzu-
nehmen, das ihnen befreiung von jeder fessel verhiess und rühm, ehre
und reiche beute vorspiegelte, werden zwar nicht mehr ebenso stark
gewesen sein wie im dreissigj ährigen kriege, waren aber noch immer
keineswegs verschwunden. Da galt es, warnende beispiele vorzuführen,
welche davon zeugnis ablegten, wie trügerisch die von der phan-
tasie vorgespiegelten träume seien und wie anstatt rühm und reich-
tum nur mühsal, besch werden und ein siecher oder verstümmelter
körper dort zu holen wären; es galt, die abneigung vor den Studien
und die abenteuerlust zu bekämpfen. Diese pädagogischen tendenzen
beherschten Mitternacht, als er an die dramatisierung der geschichte
gieng, deren inhalt kurz folgender ist:
Musophilus, ein kaufmann von Trient, hat einen söhn Ariophilus,
den er sorgfältig hat unterrichten lassen, da er ihn später in einem
hohen amte zu sehen wünscht Des sohnes gedanken aber sind nur auf
den krieg gerichtet; und als sein vater ihn auf eine Universität senden
will, komt der Zwiespalt in beider anschauungen zum ausdruck. Ario-
philus lässt sich anwerben; er verlangt von seinem vater ungestüm das
mütterliche erbteil und zieht, nachdem er es erhalten, von dannen in
der stolzen hofnung, bald zu den höchsten militärischen ehren empor-
zusteigen. Aber um sein geld betrügen ihn die andern Soldaten; an-
statt der erwarteten ehren lernt er nur die mühseligkeiten und placke-
reien seines neuen Standes kennen, auch schlage werden ihm nicht
erspart. Da deseitiort er, wird verfolgt und sucht bei einem berühmten
arzt (barbier) in Padua Zuflucht. Der arzt ninit ihn scheinbar freund-
lich auf, gedenkt ihn aber zur ausführung eines entsetzlichen planes
zu gebrauchen. Schon längst hatte er nämlich den wünsch gehabt,
einem lebendigen menschen die brüst aufzuschneiden, um die bewe-
gung des herzens zu beobachten. Er hatte schon vordem versucht,
diesem wünsch auf gesetzliche weise zu genügen, indem er den padua-
nischen gerichtshof ersucht hatte, ihm zu diesem zwecke einen zum
tode verurteilten Verbrecher zu überliefern. Damals war er abgewiesen
worden. Darum komt ihm jezt der landflüchtige Soldat sehr gelegen.
Er nimt seinen gehülfen einen cid ab, dass sie über alles schwei-
gen wollen; hierauf wird das grausige werk vor den äugen der
Zuschauer volzogen, und Ariophilus stirbt einen entsetzlichen tod.
Aber trotz der furchtbaren eidc bleibt die tat doch nicht verborgen.
J. S. MITTEBNACHT 523
Der arzt wird eingezogen, muss seine tat gestehen und wird hinge-
richtet.
Gleich der erste akt führt uns alle für den weiteren fortgang des
Stückes wichtigen faktoren vor. Der akt begint mit einem gespräch
zwischen Musophilus und Ariophilus: jener wünscht seinen söhn auf
die Universität zu schicken, um ihn dereinst in amt und würden zu
sehen; dieser bekent seine abneigung gegen die Studien und reizt durch
die einwürfe, die er den emiahnungen seines vaters entgegensezt,
diesen so, dass er zornig abgeht Ein werber, der allen denen, die
sich zum kriege Spaniens gegen Portugal anwerben lassen wollen, gol-
dene berge verheisst, wird von Ariophilus begierig angehört; bei Muso-
philus, der das gespräch von fern vernommen, überwindet die väter-
liche liebe die Verstimmung, er komt und warnt seinen söhn, dem er
den allerdings für die gemütsart dos Jünglings möglichst unpassen
den rat gibt, sich aus der weit zurückzuziehen und ein mönch zu wer-
den. Aber die antwort des Ariophilus überzeugt ihn bald, dass alle
seine Vorstellungen nutzlos sind. Deshalb geht er, und nun erscheint,
umgeben von gewafneten, Mars. Nachdem er erzählt hat, wie trotz
der verschiedenen versuche, seiner herschaft ein ende zu machen, sein
reich doch nicht aufhöre, fordert Martis lieutenant die „junge Pursche
und generöse, lebhaffte Gemühter" auf, herbeizukommen und dem Mars
in dem bevorstehenden feldzuge zu dienen. „Zwar ich kan wohl
geschehen lassen, dass ihr zu hause hinter dem Ofen oder Kamin sitzet,
und die Aepffel bratet: aber dadurch werdet ihr wenig Ehre, und
noch viel weniger Geld und Gut erlangen. Im Gegentheil, wer sich
in meines Generals, den ihr da in seiner Majestät stehen sehet,
Dienste einlassen wird, der darfif weder vor dignität und Ehre, noch
vor Güter und Reichthum, am wenigsten aber vor Lust und Ergetz-
Hchkeit sorgen". Ariophilus, ohnehin schon geneigt soldat zu werden,
erklärt sich bereit sich anwerben zu lassen und erscheint gleich darauf
voller freudc, um sich von dem handgelde eine schöne ausrüstung
anzuschafiTen und so verändert vor seinen vater zu treten. Aber wie
trügerisch die hofnungen sind, mit denen er in den krieg zieht, wird
uns schon jezt gezeigt, zunächst durch einen monolog des Secretarius
Martis, der die Verblendung der Jugend beklagt, die in dem kriege
nur angenehmes zu finden hoffe, tatsächlich aber die bittereten erfah-
rungen mache und auf sein eignes Schicksal hinweist, da er sich eben-
fals als junger mann durch den scheinbaren glänz des kriegcs habe
betören und von den büchern weglocken lassen. Dann tritt ein alter
verstümmelter soldat an krücken auf und bejammert sein Schicksal:
524 XLIJNGEB
trotz der Warnungen seiner eitern hat er sich in den krieg begeben
und dort nichts als elend, Jammer und not kennen gelernt; als betler
und krüppel muss er jezt in der weit umherziehen; er beklagt die jun-
gen leute, die es ebenso machen wie er es einst gemacht und so auch
demselben Schicksal entgegengehen. Ein neuangeworbener, junger Sol-
dat, gewissermassen das ebenbild des Ariophilus, komt dazu, fahrt ihn
heftig an und meint, der alte werde wol seinen elenden zustand durch
feigheit verschuldet haben ; er selbst lässt sich in seiner Zuversicht durch
den alten nicht irre machen. Nach einem improvisierten Zwischenspiel
von narren wird die scene gewechselt (wovon der dichter freilich nichts
sagt); wir befinden uns in Padua. Der barbierer tritt auf und erzählt
von dem rühm, den ihm seine chirurgischen bücher erworben hätten,
und wie er nun nur noch über die bewegung des menschlichen her-
zens unsicher sei und diese an einem lebendigen menschen kennen zu
lernen wünsche. Sodann erscheint der präsident und die beisitzer des
gerichtes, bei deren auftreten sich der barbier zurückzieht Der Präsi-
dent eröfnet den beisitzern die schriftlich an ihn gelangte bitte des
barbierers, ihm den zum tode verurteilten Verbrecher auszuliefern,
„damit er seinem curieusen Gemüht ein Genügen thun, und nach dem
er denselben lebendig auffgeschnitten, besehen möge, wie das Mensch-
liche Hertz im Leibe beweget werde", und fordert sie auf, sich über
diese angelegenheit zu äussern. Der erste beisitzer spricht sich dage-
gen aus, worauf der präsident den barbierer hereinrufen lässt und ihm
den abschläglichen beschcid des gerichtshofes mitteilt. Der barbierer
aber beschliesst, von seinem plane doch nicht abzulassen, und nach-
dem die gerichtspersonen sich entfernt, sagt er „trutzig'': „So muss
ich doch noch zu meinem Zwekke gelangen, es geschehe recht- oder
unrechtmässiger weise. Aber hiervon ist ietzo nicht viel zu sagen.
Die Sache wird sich wol geben. Ich weiss schon, was ich thun will''.
Man wird aus der analyse dieses aktes schon eine ungefähre Vor-
stellung von der art des Stückes erhalten haben; es ist natürlich unmög-
lich, die anderen akte in der gleichen ausführlichkeit durchzugehen.
Trotz aller Ungeschicklichkeit und eckigkeit sind doch überall hübsche
ansätzc zu einer wirklichen Charakteristik der auftretenden personen
vorhanden. So finden wir auch in dem zweiten akte, in welchem
Ariophilus die eigentliche natur des soldatenlebens kennen lernt, die
gestalten des lagers ganz hübsch herausgearbeitet: die Soldaten, die
sich an den neugeworbenen horandrimgen und ihm schmeicheln, um
ihm sein gold abzulocken, ihn aber hinter seinem rücken auslachen
nud verspotten; die geldgierige, aber wenigstens bis zu einem gewis-
J. 8. MITTERNACHT 525
sen gi-ade gutherzige soldatendirne; den armen, von den Soldaten ge-
plagten, aber von dem officier in schütz genommenen baiier. Auch
zur Charakteristik der mutter des Ariophilus werden am ende des aktes
einige gute züge beigebracht. Im vierten akt sind die gesellen des
barbierers in ihrer rohen umbarmherzigkeit nicht ohne glück gezeich-
net, und die kinderscenen im fünften akt, wo der barbierer nach län-
gerem läugnen seine tat eingesteht und zum tode verurteilt wird, zeu-
gen ebenfals von guter beobachtung und zeigen uns, wie die neigung,
kinderscenen rührend auszumalen, welche im Zeitalter der reformation
so stark war* auch im siebzehnten Jahrhundert sich noch erhalten hatte.
Die frau und die kinder des barbierers treten im fünften akt dreimal
auf, zuerst vor dem gericht, wo sie die gnade der richter anflehen,
dann im kerker, um von dem vater abschied zu nehmen, schliesslich
widerum vor dem gerichtshof, dessen barmherzigkeit sie nochmals ver-
geblich anrufen. Der dichter hat sich bemüht, das verschiedene alter
der kinder durch eine gewisse abstufung in den empfindungen und
Worten, die er sie äussern lässt, zu charakterisieren, und es ist ihm
das bis zu einem gewissen grade gelungen. Man vgl. z. b. folgende
stelle, in welcher die kinder unmittelbar vor der angesezten hinrich-
tung noch einmal um gnade für ihren vater bitten (V, 7. Ib. f.):
Der andere Sohn. Ach ihr hertzliebsten Herren, können eure
sonst so sanfftmüthigen Hertzen durch kein bitten und flehen erweichet,
und zur Barmhertzigkeit beweget werden? Ach sehet doch mich armes
Band in Gnaden an, und gebet mir meinen liebsten Vater wieder. Denn
wer wolte mir zu essen geben, wenn ich keinen vater hätte? Ach!
unsre liebste Mutter will auch sterben. Ach! wo wollen wir denn
hin? Ach! wer will uns aufnehmen? Ach! wer will uns essen und
trinken geben? Ach! wer will uns neue Schuhe und Kleider kaufen?
Darum ach hertzliebste Herren, erbarmet euch doch über uns und
schenket uns unsren Vater. Wenn ich nur ein wenig grösser werde,
so will ich euch gerne die Schuhe putzen, und hin gehen, wohin ihr
mich schicken werdet. Ihr sollt mir so lieb seyn, als mein Vater
selbst.
Praeses. Wir erbarmen uns recht hertzlich über euch, ihr lie-
ben kinder. Aber euren Vater können wir euch nicht wieder geben.
Denn demselben muss nach Urtheil und Recht der Kopf abgeschlagen
werden.
Der andere Sohn. Wenn mein liebster Vater todt ist, so be-
gehre ich nicht mehr zu leben. Bitte dcrowegen, dass ihr mir auch
den Kopf wollet abhakken lassen.
526 ELLINQER
Der dritte Sohn. Wenn meines lieben Vaters und meiner lie-
ben Brüder Kopf abgehakket ist, so will ich meinen Kopf auch abhak-
ken lassen. Denn wenn mein lieber Vater kein Wammes hat angehabt,
so hab ich meins flugs auch ausgezogen. Wenn nun er keinen Kopf
hat, so begehre ich auch keinen.
Das kleine Töchterlein. Schweigt stille, ihr lieben Brüder,
und lasst euch den Kopf immer abhakken. Ich will eure Köpfe und
des lieben Vaters Kopf wolil wieder aufsetzen. Neulich setzte ich auch
meiner Dokken ihren Kopf wieder an.
Der erste Sohn. Ach liebes Schwesterlein, mit ansetzen ist es
nicht aussgerichtet. Der liebe Vater bliebe doch todt, wenn du ihm
gleich den Kopf wieder ansetztest. Darum bitte die lieben Herren, da.ss
sie dem Vater den Kopf nicht abhakken lassen.
Das Töchterlein. Wenn der liebe Vater gleich todt und gestor-
ben ist, so will ich beten, dass ihn der liebe Gott wieder lebendig
mache.
Der erste Sohn. Ach! sehet doch, hertzliebste Hen-en, was das
vor ein Jammer ist, wenn ein solch armes Kind keinen Vater haben
soll. Dai-um bitt ich nochmals um Gottes willen, erbarmet euch unser.
Der dichter bemüht sich auch im verlauf des Stückes noch, die
verirrung des Ariophilus zu erklären. So erfahren wir z. b. im drit-
ten akt, dass der präceptor des Ariophilus sich über diesen bei der
mutter oft hatte beklagen lassen, dass aber die mutter dann immer die
Sache vertuscht, ja gradezu die schuld auf den lehrer geschoben und
dadurch mit zu dem unglück ihres sohnes beigetragen habe. Natürlich
unterlässt der Verfasser es nicht, auch hieraus seine pädagogische nutz-
an Wendung zu ziehen und den eitern zu empfehlen, sich bei klagen
der kinder gegen die lehrer nicht immer auf die seite der kinder zu
stellen: ,.Wenn nun die Eltern den Verleumdungen der Kinder glau-
ben, und den treuen praecoptoribus des wegen feind werden, was ists
wunder, dass sie hernach an den kindern alles Hertzelevd erleben?
Gott, dessen stelle treue praeccptores vertreten müssen, hat ein lang
Godächtnüs, schreibet hinter ein Ohr, was den praeceptoribus vor
Lohn wiedoL-fahret, und pflegets zu rechter Zeit zu vindiciren und zu
straften".
Von den im drama des siebzehnten Jahrhunderts so beliebten
allegorischen liguron hat Mitternacht einen reichlichen gebrauch gemacht.
Wenn wir von der prologisch eingeführten Veritas absehen, sind nicht
weniger als acht begriffe allegoi'isiert und dargestclt worden; den mei-
sten sind wir schon in den schulkonuklien begegnet Sobald Ariophi-
J. S. MITTERNACHT 527
Ins der bösen folgen seiner veriming inne wird, erscheint sein gewis-
sen, die Conscientia Ariopiiili „in einem zwar weissen, aber mit viel
blut besudelten hemde*' und hält ihm in eindringlicher rede seine Sün-
den vor; ebenso wird das gewissen des barbierers und das eines seiner
gehülfen personificiert, der sich vergeblich bemüht, den anklagen der
Conscientia zu entgehen. Bevor der barbierer seine blutige tat aus-
führt, treten Ambitio und Conscientia zu ihm (IV, 1), jene reizt ihn
an, diese mahnt ab; jene spiegelt ihm vor, dass er die tat ja nur zum
besten der menschheit unternehme und gewint ihn dadurch, während
die Conscientia ihn zornig verlässt. Ebenso klagen nach dem volbrach-
ten mord Hospitalitas und Pietas, dass sie nicht mehr geachtet werden
und in der Verbannung herumziehen müssen, und vor dem gericht,
das über die tat des barbierers zu urteilen hat, erscheint Justitia und
ermahnt die richter, gerechtigkeit zu üben (V, 2, vgl. auch IV, 5). —
Eine halb allegorische figur ist der treue Eckhard, der einmal auftritt
(III, 5), um den vater daran zu erinnern, wie alle seine früheren War-
nungen vergeblich gewesen sind.
Will Mittemacht durch derartige allegorische figuren, wie sie
ganz ähnlich in derselben zeit z. b. in den dramen Joh. Jos. Beckhs
verwant wurden, zuweilen offenbar die Schwierigkeiten eines monologs
umgehen, so fehlen die monologe doch sonst nicht. — Uns von der
art der bühneneinrichtung, die das stück voraussezt, eine Vorstellung
zu machen, hält nicht leicht. Die wahrscheinlichste annähme, die sich
ergibt, wird die sein, dass dekorationen überhaupt nicht zur anwen-
dung kamen oder eine dekoration von anfang an durch das ganze stück
beibehalten wurde, und dass die Zuschauer aus den autftretenden per-
sonen und ihren werten schliessen musten, an welchem ort die hand-
lung vor sich gienge. Anders lässt sich der schnelle scenenwechsel
nicht erklären. So spielt z. b. im vierten akt die erste scene in Padua
(es ist die Unterredung des chirurgus mit Conscientia und Ambitio),
in scene II befinden wir uns aber in Tricnt: die mutter des Ariophilus
äussert in einem ganz kurzen monolog ihre trüben ahnungen über das
Schicksal ihres sohnos und klagt sich der mitsehuld an. Die übrigen
scenen spielen dann wider in Padua. Ähnliche ortsveränderungen
begegnen uns auch sonst in dem stücke.
Ti'otz des schalten tadols, den ilitternacht über die dramen der
englischen komödianten ausspricht, ist der dichter doch von dieser
dramatik nicht unbeeinflusst geblieben und hat sich manches daraus
angeeignet. Die beiden spassmacher, moriones, von denen der eine
den Ariophilus begleitet, dann aber plr)tzli(rh vei-schwindet, während
528 ELLINOKB
der andere zu hause bleibt, weisen zwar schon durch ihren namen auf
das lateinische drama des 16. Jahrhunderts hin, zeugen aber in der art
ihres auftretens und ihrer witze ebenfals von dem einfluss der komi-
schen person der fahrenden komödianten. Auch andre moriones treten
auf, und zwar bringen sie ihre extemporierten spässe meist am ende
eines aktes oder vor einem scenenwechsol vor. — Auch die neigung
greuelscenen auf die bühne zu bringen und der realismus, mit dem
dieselben ausgemalt sind, erinnert an die art der englischen komödian-
ten. Man vergleiche in dieser beziehung nur die scene, in welcher
Ariophilus getötet wird, und man wird den einfluss des englischen
komödianten nicht verkennen. (IV, 4.)
Ariophilus. Ach! um Gottes willen, schonet meiner! schonet
meiner! Ich hab euch ja niemals etwas gethan.
Barbirgesel 1. Hier ist kein schonen zu hoffen, fort, fort, mein
Kerlat, fort.
Ariophilus. Was wollt ihr denn mit mir armen Soldaten machen?
Der dritte Gehülfe. Hast du nicht wohl ehe neben andern
Soldaten gesungen: Ein Soldat und ein Mast-Schwein
Sollen immer lustig seyn.
Denn sie wissen beyde nicht,
Wenn man ihnen den Hals absticht?
Ariophilus. Das hab ich freylich wohl ehe gesungen.
Der vierdte Gehülfo. Drum soll ietzt erfüllet werden, was du
gesungen hast. Sperre dich nur nicht gross. Du kriegst sonst 14 maul-
schellen nach einander, und eine zur Zugabe, dass die mandol voll
werde.
Ariophilus. Ach! erbarmet euch doch! erbarmet euch doch um
Gottes willen! erbarmet euch doch über mich junges Blut.
Barbirsgesell. Ich habe nie gewust, was erbarmen sey. Barm-
hertzig seyn, und einen Barbirer agii^en, fallen nicht zusammen.
Ariophilus. Ihr werdet ja nicht Christenblut vergiessen.
Der andere Gehülfe. Nicht Christenblut, sondern Soldatenblut
wollen wir vergiessen.
Ariophilus. Die Soldaten werden ja auch Christen seyn.
Der dritte Gohülfc. Hier ist nicht disputirens, sondern schlacli-
tens Zeit.
Ariophilus. Ach schonet doch meiner Eltern.
Der vierdte. Was gehen uns deine Eltern an?
Ariophilus. Lasset mich lebendig, und bringet mich nachTriont
Ich will euch 600 Kronen vor mein Leben geben.
J. S. lattfcRKACHT 52d
Chirurgus. Was wechselt ihr viel Wort mit dem Soldaten?
werffet ihn stracks zu Boden. Haltet ihn fest an Händen und Füssen.
Kniehet auf seine Schenkel und Arme, und halte ihm einer das Maul zu.
Ariophilus. Ach mein Herr, ist dies das gute, das ihr mir zu
thun versprochen habt? Ach vergeh euchs Gott, dass ihr mich junges
Blut so grausamlich aufopfern wollet. Was hab ich euch denn zuwie-
der gethan? worum dürstet euch denn so sehr nach meinem Blute?
Chirurgus. Es antworte ihm mir niemand nicht.
Ariophilus. Ach hertzliebster Vater! Ach hertzliebste Mutter!
Ach hertzliebster Praeceptor! Ach was hab ich gethan? letzo denk
ich erst an eure Worte, die ich zu unterschiedenen mahlen von euch
gehöret habe. Ach dass ich doch nur so glückselig seyn solte, dass
ich euch eine Abbitte thun könnte! Ach hertzliebster Vater! Ach
hertzliebste Mutter! Ach hertzliebster Praeceptor!
Chirurgus. Haltet dem Hunde das Maul zu.
Ariophilus. Ach! ich bitte ums jüngsten Gerichtes willen, wenn
ihr mich ja ums Leben bringen wollen, gönnet mir doch einen Prie-
ster, dem ich meine grossen Sünden beichten, und absolution von ihm
erlangen könne.
Chirurgus. Bei dieser Sachen, die ich vorhabe, sind die Pfaf-
fen nichts nütze. Sie verstehen sich auch nicht darauf. Wissen viel
weniger davon, als der blinde von der färbe.
Ariophilus. Ach die Angst meines Herzens ist gross! Ach
schonet doch!
Chirurgus. Die Hertzens- angst soll dir bald benommen wer-
den. Jetzo will ich gleich den ersten Schnitt in deine Brust thun,
und dir Raum zu deinem Hertzen machen.
Ariophilus. 0 ihr Steine erbarmet euch meiner, weil sich die
Menschen nicht erbarmen wollen! Gute Nacht hertzliebster Vater! gute
Nacht, hertzliebste Mutter! Ach dass nur mein Bruder wissen solte,
wie mirs ergangen: dass er auch desto fleissiger gehorchte.
Chirurgus. Seht doch, seht doch, wie sich das Hertz beweget.
Barbirgeseil. Zappele nur nicht, du guter Kerl, wenn wir dein
Hertz genug besehen haben, werden wir dich wieder gehen lassen,
wo du hin willst
Ariophilus röchelt.
Der andere Gehülfe. Soll ich ihm das Maul zuhalten?
Chirurgus. Es ist unvonnöthen. Er wird nicht mehr schreyen.
Trotz des grauenliaften realismus, mit welchem diese scene aus-
geführt ist, schlägt doch aucii in ihr die pädagogisch- moralische ten-
ZMJTSCURIFT F. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXV. 34
530 ELLINORR
(lenz hervor, wie sich aus dem beständigen hin weis des Ariophilus auf
die folgen seiner nichtachtung der befehle von eitern und praeceptor
ergibt; wir haben gewissermassen einen abkömling der dramen vom
verlornen söhn vor uns. Diese moralische tendenz überall durch das
stück selbst hervortreten zu lassen, genügte indessen dem Verfasser
nicht, sondern er liess am Schlüsse jedes aktes, zuweilen auch inner-
halb eines aktes bei einem grösseren einschnitte, die sich aus den
einzelnen vergangen ergebenden lehren ausdrücklich formulieren. Die-
ses fabula docet wurde einem Philosophus in den mund gelegt, deren
sich mehrere im laufe des Stückes ablösten, und von denen jeder nach
dem akt oder innerhalb des aktes hervortrat und sich in längerer rede
über das, was geschehen war, aussprach. Natürlich sind diese mora-
lischen auseinandersetzungen, die also gewissermassen den chor der
alten vertreten selten, zuweilen nicht frei von der pedanterie des sieb-
zehnten Jahrhunderts; aber einzelne dieser betrachtungen sind, wenn
man den verschiedenen geschmack der Zeitalter in erwägung zieht, als
wolgelungen zu bezeichnen.
Das fünf jähre später verfasste drama: Politica Dramatica^ über-
trift das erste Schauspiel in den drei ersten akten und in der fassung
einzelner scenen, bleibt aber als ganzes hinter ihm zurück. Die schuld
dafür ist weniger dem dichter selbst als dem stoflf zuzuschreiben, den
er sich ausgewählt. Mittemacht weite zeigen, wie eine bedrückung
der unteren stände, Verletzungen der Interessen der oberen stände und
Verweigerung der gerechtigkeit zu algemeinem aufruhr gegen die Obrig-
keit führen müsten, wie dann nach der gewaltsamen beseitigung der
regierenden ein zustand algemeiner rechtsunsicherheit eintrete, jeder-
manns band gegen die andre sei, so dass die meisten einer derartigen
beschaffenheit des Staatswesens gegenüber den früheren druck von sel-
ten der Obrigkeit noch immer für das bessere halten werden. Er wolte
dann ferner zeigen, wie die königliche macht vertreten, beschränkt,
unterstüzt und beraten werden muss, wenn sie wirklich zur wolfahrt
des landes gereichen soll. Auch die Schilderung des gesetzlosen zustan-
des solte natürlich mit dazu dienen, die Vorzüge eines wolgeordneten,
den billigen ansprüchen der einzelnen stände nach kräften gerecht wer-
denden, Staatswesens um so deutlicher hervortreten zu lassen. Natür-
lich liess sich der aufruhr der einzelnen stände gegen die obrigkeit,
ebenso wie die algemeine Verwirrung, die nachher entsteht, im drama
1) M. Joh. Sebast. Mitternachts Politica Dramatica. Das ist Die Edle Regi-
ments-Kunst In der Form oder Gesalt einer Comoedien, in Hoher Standes- und
anderer vornelimer Poreonen Gegenwart vorgestellet.
3. S. HITTKRNACHT 531
leichter darstellen als die darauf folgende widerherstellung des könig-
tums. Gab jene die möglichkeit, leidenschaftlich bewegte volksscenen
auf die bühne zu bringen und gut beobachtetes in kräftiger darstellung
lebendig werden zu lassen, so muste diese bei den absiebten Mitter-
nachts zu einer blossen lehrhaften abhandlung werden, die auf die
dauer unmöglich zu fesseln im stände war. So komt es, dass in die-
sem drama zwar die ersten drei akte starke und wirkungsvolle scenen
aufweisen, die beiden lezten aber keinen bedeutenden eindruck hin-
terlassen.
Der erste akt führt zunächst zwei parallele Vorgänge aus dem
bäuerlichen und bürgerlichen leben vor. Zunächst treten zwei bauern
Corydon und Menalkas auf und beklagen sich über die mühseligkeiten
ihres Standes und die schlechte nahrung, die ihnen zu teil wird, beson-
ders aber darüber, dass sie den geringen erwerb, den sie gern für ihre
familien verwendeten, als steuern zu geben gezwungen werden. In
ihren Zwiegesprächen werden sie durch das weib eines anderen bauern
unterbrochen, welches sie unter jammern und schreien anfleht, ihr zu
hilfe zu kommen; die bauern versehen sich mit stocken und folgen ihr.
Wir erfahren nachher, dass der mann des weibes durch den büttel aus-
gepfändet werden solte und dass dieser dem einen bauern, der dem
ausgepfändeten zu hilfe kommen wolte, mit dem seh wert über den
arm gehauen und ihm eine wunde beigebracht hat. Zwei bürger, Eras-
mus und Urbanus, beklagen sich im gespräch über die Steuerlasten,
welche ihnen der rat auferlegt; ein dritter bürger, namens Ernst komt
jammernd hinzugelaufen und erzählt, dass der stadtknecht in seiner
abwesenheit in sein haus eingedrungen sei und ihm das bett weggenom-
men habe. Sie sind noch im gespräch, als drei musketiere hinzukom-
men und den Ernst unter mishandlungen gefangen nehmen, weil er
Schmähungen gegen den stadtknecht und gegen den rat ausgestossen
habe. Nachdem uns auf diese weise die härte veranschaulicht ist,
mit der die regierenden bürgern und bauern gegenüber ihre rechte
ausüben, erscheint es erklärlich, dass es der auftretenden Anarchia leicht
gelingt, zuerst die bauern und dann die bürger zum aufstand zu rei-
zen. Schliesslich tritt dann noch ein ratsherr auf, der sein bedenken
über die harte behandlung der unteren stände ausspricht, einen auf-
stand voraussieht und sich deshalb entfernt, um seines lebens sicher
zu sein. — Im zweiten akt bricht nun die empörung wirklich los, und
zwar sind es jezt nicht, allein die bürger und bauern, die sich an ihr
beteiligen, sondern auch der adel erhebt sich gegen den könig. Am
anfang des zweiten aktes erscheint vor dem könig ein adliger, der
34*
532 KLUNOER
sich darüber beklagt, dass ein anderer beim könige in grosser guüst
stehender adliger seine tochter mit gewalt geschändet, so dass die
Jungfrau sich aus Verzweiflung selbst den tod gegeben hat Er verlangt
die bestrafung des schuldigen; der könig aber, der seinen liebling nicht
preisgeben will, weist ihn mit harten werten ab. Als er dringender
wird, will ihn der könig fesseln und in das tiefste gefängnis werfen
lassen; da zieht der adlige eine pistole hervor und erschiesst sich vor
den äugen des köuigs. Die dabeistehenden äussern ihre bedenken;
Fama verbreitet die tat, unter den adligen entsteht eine gährung.
Sie beschliessen, einen abgesanten zum könig zu schicken und um
bestrafung des Schänders zu bitten. Unterdessen hat die empörung von
bauern und bürgern schon zu blutigen taten geführt; in höchst leben-
digen scenen wird uns gezeigt, wie der amtmann und schöffe von
den bauern, der bürgermeister und die büttel von den bürgern mis-
handelt und getötet werden. Aber schon bricht unter den empörem
Zwietracht aus; die beiden bauern, die uns im ersten akt begegnet
sind, geraten mit einander in streit; der eine schlägt den andern, und
als dieser erklärt, er werde ihn verklagen, ruft jener ihm höhnisch zu:
„Bey dem toten Hunde? Da hast du noch eine auf diesen Bakken.
Gehe hin und verklage mich!^, worauf der andere erwidert: „Lebte nur
der Amtmann noch. Es selten dich die 2 Maulschellen theuer genug
ankommen!" Am anfange des dritten aktes komt nun auch die empö-
rung der ritterschaft zum ausdruck. Wir erfahren im ersten auf-
tritt durch einen königlichen lakaien, wie der könig das iinheil, das
ihn betrift, selbst heraufbeschworen hat, indem er den an ihn abge-
santen adligen, welcher die bestrafung des schuldigen verlangte, anstatt
ihn anzuhören, in das gefängnis hatte werfen lassen. Wie die auf-
tretende Fama mitteilt, hat er ihn sodann auf der bastei erschiessen
lassen und die ärgsten drohungen gegen den adel dabei ausgestossen.
Der adel, darüber aufs höchste empört, rottet sich zusammen, belagert
und stürmt die residenz, haut den ehrenschänder zusammen, tötet die
gemahlin des königs samt ihren kindern und nimt den könig selbst
gefangen, um ihn vor ein gericht zu stellen. Unmittelbar darauf wird
dann auch der könig von einem bürger vor das gericht des adels
geführt und von dem bürger angeklagt. Von dem versitzenden des
gerichtes und den einzelnen adligen beisitzern aufgefordert, sich zu
rechtfertigen, bestreitet der könig die kompetenz des gerichtshofes und
verweigert jede antwort auf die ihm vorgelegten fragen, indem er
erklärt, dass dem Untertanen nicht die macht zustehe, den könig zu
richten. Diese hartnäckigkeit erbittert die ritter; der könig muss sich
J. S. MITTERNACHT 533
entfernen, das gericht beschliesst seinen tod; hierauf wird der könig
wider herbeigerufen und ihm das urteil angekündigt, gegen welches er
vergebens protestiert. Durch einen alten bürger erfahren wir darauf,
dass das urteil volstreckt worden ist. Er schildert uns die traurige
scene und knüpft seine betrachtungen daran ^. Nach dem tode des
königs bricht nun im lande algemeine rechtsunsicherheit aus. Schon
nach seiner gefangennähme treten die uns aus dem ersten akte bekan-
ten bürger Erasmus und Urbanus auf; zuerst geben sie gemeinsam
ihrer freude über die ermordung von bürgermeister und büttein ans-
druck, bald aber geraten sie um der Verteilung des geraubten gutes
willen in streit, und da der dichter uns schon im ersten akte
gezeigt hat, wie schnell Streitigkeiten zwischen den beiden zu tätlich-
keiten führen (I, 2), so ist es leicht zu begreifen, dass der zank end-
lich in gewaltsamkeiten ausartet. Urbanus ersticht den Erasmus mit
den werten: „So muss man den Schnarchern begegnen. Und ist mein
Glükk, dass wir keine Obrigkeit haben". Weiter ersehen wir dann aus
einem gespräch zwischen einem gastwirt, einem kaufmann und einem
kaufinannsdiener, wie schlecht dem volke die empörung gegen die
Obrigkeit bekommen ist: jeder klagt über Ungerechtigkeiten und placke-
1) in, 6. Civis senex: Ach war das nicht ein jämmerlich Spectacul! Ach
dz ichs doch nicht angesehen hätte! Ich kan den König nimmermehr vergessen.
Wer hätte meinen sollen, daß einen so hohen und gewaltigen Potentaten ein so
schmählicher, ein so erbärmlicher Tod begegnen könte? Wie Elend war er anzu-
sehen, da er auß dem Rahthause herauß auff die Bühne gebracht wurde? Wie rung
er die Hände? Wie blikkto er nach dem Himmel, die Götter vielleicht um Hülife
oder Rache aniniffende? Aber da war keine Gnade weder bey den Göttern noch bey
den Menschen. Wie sähe er sich auff allen Seiten um, da er itzt niederkniehen und
den Kopf auif den Stock legen solte? Aber es wolte nichts helffen. Der Scharfrich-
ter hieb zu, daß der Kopf in die Höhe spniug, und er mit dem Königlichen Blut
überall besprenget wurde. Dieser Fall soll uns sterbliche Menschen lehren, daß den
Göttern keiner so hochgesessen, oder so mächtig sey, den sie nicht stürtzen könten,
wenn er Tugend und Gerechtigkeit aus den Augen setzet. Zwar der liebe König war
vor sich gut genug, aber die Hofschrantzen verführten ihn, weil er ihnen allzu viel
gehör gab, und sich durch sie regieren ließ. Man schwatzte ihm vor, wenn die
Unterthanen nur so viel hätten, daß sie das leben erhalten könten, so hätten sie
genug. Das übrige wäre des Königes. Darauff denn die Unter -thanen so außgomer-
gelt wurden, daß sie endlich in desperation gerahten. Zu erbarmen ists, daß der
König so gar wenig darvon genossen, was den Unterthanen unrechtmässiger weise
abgepresset worden. Denn thoils die Hofschrantzen, theils die Beamten auf dem
Lande, theils die Rathsverwandten in den Städten wurden dadurch bereichert. Aber
Sie haben nun alle ihren Lohn bekommen, den sie verdienet. Und wie wird es uns
armen Leuten gehen, weil niemand vorhanden, der Gericht und Gerechtigkeit admi-
nistxiret?
534 ELUKOER
reien, die er erdulden muss, und gegen die ihn niemand in schütz
nimt. Das gleiche ergibt sich aus den klagen eines entehrten bauem-
mädchens, deren eitern bei dem versuch, sie vor der schände bewah-
ren, ums leben gekommen sind, und die nun hingeht, um sich selbst
den tod zu geben. Daher bricht denn die auftretende Salus publica
in bittere klagen über die herschende rechtlosigkeit aus; ihre bitte an
Jupiter um hilfe wird erhört, dieser verspricht ihr, die Politica zu
schicken, die das reich wider aufrichten solle. Die Politica erscheint
dann auch, mit kröne und scepter versehen, und verspricht der Salus
publica, die Ordnung im lande wider herzustellen.
Die beiden lezten akte schildern nun diese neuordnung des regi-
mentes; eine ausnähme bildet nur die episode, die uns die Verzweif-
lung der einzigen hinterbliebenen tochter des hingerichteten königs vor-
führt, die vor kummer über den verlust ihrer freiheit sterbenskrank wird,
während ihre mit ihr gefangene hofmeisterin aus gram sich durch gift
tötet; einen eigentlichen zweck dieser scene im drama vermag man
freilich nicht einzusehen. {II, 6.) Abgeordnete des adels, der bürger
und der bauern treten zusammen und beraten, wie man dem elende
des landes am besten abhelfen könte: Politica steht ihnen in ihren
beratungen bei, wägt die verschiedenen Verfassungen ihrem werte
nach gegen einander ab und komt schliesslich zu dem ergebnis, dass
eine durch gute gesetze und die mitwirkung erfahrener rate weise
beschränkte monarchie für das land die angemessenste regierungsform
sei. In einem gespräch zwischen einem priester des Jupiter und Mer-
cur erfahren wir dann, dass ein neuer, in jeder beziehung zu dem
amte geeigneter könig dem lande gegeben werden soll. Dann sezt
Politica mit den abgeordneten ihre Verhandlungen fort; der könig tritt
selbst auf und verspricht sich die beschränkungen, die eine ausartung
der königlichen macht verhüten sollen, gefallen zu lassen. P]ndlich
ermahnt dann noch Politica die Pietas, Justitia und Fides, sich
des königs anzunehmen. Im fünften akt finden sich dann die tugen-
den bei dem könige ein, dieser sezt tüchtige rate und lässt sich von
ihnen in den wichtigsten regierungsgrundsätzen unterweisen. Die freude
des Volkes über die widererlangte Ordnung komt in einem gesprach
zwischen edelmann, bürger und bauer zum ausdruck.
Im algemeinen muss man sagen, dass im vergleich zu den drei
ersten akten die schlussakte dürftig und trocken sind. Es ist Mitter-
nacht nicht gelungen, die wideraufrichtung des reiches lebensvoll
darzustellen; von dem neuerwälilten könig erhält man kein richtiges
bild, während der angeklagte und hingerichtete könig eine gut cha-
J. S. lOTTERNACBT 535
rakterisierte gestalt ist, bei der dem dichter vielleicht Karl I. vorge-
schwebt hat An einzelnen hübschen zügen fehlt es zwar auch den
beiden lezten akten nicht, man vgl. z. b. die treuherzige naivetät, die
aus den werten des bauern am anfange des vierten aktes zu uns
spricht; das ganze indessen zeigt nicht aus dem leben gegrifPenes und
gut beobachtetes, sondern bewegt sich in abstraktionen. Die gründe
dafür sind leicht zu finden. Wo es darauf ankam, rohe Vergewaltigun-
gen, empörungen des bedrückten volkes zu schildern, da konte Mitter-
nacht aus lebendiger anschauung schöpfen. Man vergegenwärtige sich
nur immer, wie schwer er selbst unter dem grauenhaften elend des
dreissigjährigen krieges hatte leiden müssen. Wie oft mag er scenen
selbst mit erlebt haben wie die, welche er in den ersten drei akten
der Politica dramatica und auch im Unglückseligen Soldaten geschildert
hat Wie Grimmeishausen, so gab auch ihm das unmittelbare erleb-
nis die kraft zu so anschaulicher Schilderung. Während er hier also
aus dem vollen schöpfen konte, fehlte ihm bei den vergangen, die er
im vierten akt schilderte, die rechte anschauung, und er kam daher
über ein unsicheres tasten und suchen nicht heraus.
Indessen so sehr die drei ersten akte auch litterargeschichtlich
zu beachten sind und eine so hohe bedeutung ihnen in der entwick-
lung der dramatischen litteratur des siebzehnten Jahrhunderts auch zu-
komt, weit bedeutungsvoller ist das ganze stück, wenn man es vom
kulturgeschichtlichen Standpunkt aus betrachtet Man hat sich gewöhnt,
die zeit nach dem dreissigjährigen kriege bis zum anfange des sieb-
zehnten Jahrhunderts hin als die blütezeit des servilismus zu bezeich-
nen; aber man hat bei dieser abschätzung, wie mir scheint, zu viel
wert auf einzelne, allerdings ungeheuerliche, äusserungen dieser art
gelegt Die sitliche und geistige Verwilderung, welche der entsetzliche
krieg mit sich bringen muste, legt ja allerdings die meinung nahe,
dass das übrig gebliebene gebrochene geschlecht nun zu nichts weiter
als zu hündischer Unterwürfigkeit fähig gewesen wäre. Allein man
übersieht dabei, welche summe von unverwüstlicher kraft doch damals
im deutschen volke gelebt haben und im wesentlichen unversehrt aus
dem kriege hervorgegangen sein muss. Nur so lässt sich die Wirksam-
keit etwa des grossen kurfürsten erklären; nur so die gewaltige kraft,
mit der die bösen folgen des dreissigjährigen krieges in verhältnis-
mässig kurzer zeit überwunden wurden. Und hier haben wir auch
den^erklärungsgrund für die verhältnismässig freie politische gesinnung
zu suchen, die das ganze stück atmet Zwar die frage, ob die bürger
einen offenbaren tyrannen umzubringen das recht haben, wird von
536 ELUNGER, J. S. MITTERNACHT
Mitternacht vorsichtig zurückgeschoben. Aber aus den vorgetragenen
erwägungen spricht, wenn wir den aus der zeit sich ergebenden mass-
Stab anlegen, so viel gesunder politischer sinn, so viel ruhe und mäs-
sigung in der abwehr der übergriffe von oben und unten, dass man
sich der besonnenen und freidenkenden persönlichkeit freuen muss und
durch sie ein ganz andres bild von den schulmeistern unmittelbar
nach dem dreissigjährigen kriege erhält, als es sich aus den landläu-
figen Vorstellungen ergibt.
Die politischen nutzanwendungen sind widerum mehreren Philo-
sophen in den mund gelegt; in diesem stück aber hält der betrefTende
Philosoph nicht wie in dem Unglückseligen Soldaten einen monolog,
sondern er wird im gespräch mit einem jungen prinzen voi^eführt,
dem er auf seine fragen antwortet und der aus den vorgeführten ereig-
nissen wie aus den erläuterungen der nacheinander auftretenden philo-
sophen heilsame lehren schöpft und diese in seiner zukünftigen regen-
tentätigkeit zu befolgen verheisst. Durch diese anläge erhält das ganze
stück noch mehr den Charakter eines fürstenspiegels, und die Widmung
an seinen landesherm zeigt, dass Mittemacht wol auch in dieser bezie-
hung eine praktische absieht verfolgte. — Einen praktischen zweck
hatte Mitternacht mit seiner komödie auch insofern im äuge, als es
ihm darauf ankam , mit ihr den Unterricht zu unterstützen und gewisse
hauptsätze der politik besser einzuprägen, ähnlich wie etwa Isaak 6il-
husius im 16. Jahrhundert mit seiner Grammatica den grammatischen
Unterricht zu fördern gedachte. Ja Mittemacht beklagt es in der vor-
rede, dass es ihm nicht möglich gewesen wäre, alle lehrsätze des Prä-
torius in das stück hineinzupacken und es dergestalt zu einem vol-
ständigen compendium der politik zu machen. Das werk, auf das er
sich bezieht, ist doch wol das buch von Martin Praetorius, opusculum
de administrando principatu, cum praeceptis politicis. Strassburg. 1594;
es ist mir leider nicht zugänglich gewesen. Beziehungen Mitternachts
zu den gleichzeitigen politischen theorieen (etwa zu Hobbes, an den
manches in der konstruktion des Verhältnisses von fürst und volk erin-
nert) sind wol nicht anzunehmen; die vorhandenen Übereinstimmungen
scheinen zufälliger natur zu sein.
Eine nachwirkung auf die dramatische litteratur war den beiden
dramen, wenn wir von den späteren schulkomödien in Gera absehen,
nicht beschieden. Dennoch hätten sie eine solche viel eher verdient
als manches elende stück, das auf der bühne der fahrenden fortlebte.
Denn die verhältnismässig einfache und schlichte spräche, die sich im
wesentlichen frei von hochtrabenden werten und schwulst halt, die
ENQLBRT, HANDSCHRIFTEN IN ZWEIBRÜCKEN 537
unverkenbare kraft, mit der Situationen herausgearbeitet und persön-
lichkeiten gezeichnet worden sind, sichern den beiden stücken inner-
halb der dramatischen poesie des siebzehnten Jahrhunderts einen her-
vorragenden platz zu.
BERLIN. G. ELLINGER.
MITTEILUNGEN ÜBEK HANDSCHEIFTEN DER ZWEI-
BEÜCKENER GYMNASIALBIBLIOTHEK
Die älteren werke der Zweibrückener gymnasialbibliothek stammen
zum grösten teil aus der von herzog Wolfgangs jüngstem söhne Karl
(gest. 1600) gegründeten Birkenfelder bibliothek, die um die mitte des
lezten Jahrhunderts nach Zweibrücken verbracht wurde; zum teil auch
aus Überresten der alten herzoglichen bibliothek zu Zweibrücken, deren
gründer Wol%angs Zweitältester söhn Johann I. gewesen war, sowie
aus der bibliothek des ehemaligen herzoglichen gymnasiums. Leider
ist die alte herzogliche bibliothek zu Zweibrücken, die den vorhan-
denen berichten zufolge neben einer sehr grossen anzahl gedruckter
werke auch eine menge von handschriftlichen schätzen barg, durch
zweimaligen kriegsraub fast gänzlich abhanden gekommen. Während
des dreissigjährigen krieges, in dem für Zweibrücken schreckensvollen
jähre 1635, wurde die bibliothek von den kaiserlichen geplündert. Es
blieben damals nur c. 5000 bände übrig. Der Zweibrückener gelehrte
G. Chr. Crollius, der in seiner schritt „De illustri olim bibliotheca
ducali Bipontina", Bip. 1758, die Schicksale dieser bibliothek beschreibt,
hat (nach s. 29) noch selbst ein Verzeichnis eines grossen teiles der
damals übrig gebliebenen werke vor äugen gehabt und teilt daraus die
titel von 33 handschriften , fast ausschliesslich geschichtlichen Inhalts,
mit^. Dieses Verzeichnis scheint leider verloren gegangen zu sein.
Mit den französischen eroberungskriegon brach ein neues geschiek über
die bibliothek herein. Im jähre 1677 wurde dieselbe bis auf einige
Überreste nach Frankreich fortgeführt*^.
1) Dai'unter (s. 30 a. a. o.): ^Pfaltzgraf Friedrich des sieghaftigen
leben, reimen weis geschrieben'*. Crollius widerholt hioboi die von G. Chr.
Joannis in seiner vorrede zu „Dan. Parei Histoiia ßav.-Palat.", Frf. 1717, s. 35,
ausgesprochene Vermutung, dass diese handschrift ein exemplar des von Michael
Beheim verfassten gedichtos gewesen sei, worin dieser das leben des genanten pfalz-
grafen beschrieben hat.
2) Einer nachricht zufolge wurde sie nach Metz verbracht. Nach einer ande-
ren mitteilung wäre sie dem erzbischof von Reims Charles Maurice Le Tellier, dem
538 ENQLEBT
Gegenwärtig besizt die Zweibrückener gymnasialbibliothek an 5000
werke, von denen weitaus die meisten älteren datums sind^ Darunter
befindet sieh eine grosse anzahl von Seltenheiten aus den verschieden-
sten gebieten der litteratur. So z. b. besizt die bibliothek wertvolle
Originalausgaben von werken französischer schriftsteiler des 16. und
17. Jahrhunderts, eine grosse anzahl älterer theologischer Schriften,
wertvolle ausgaben deutscher gesangbücher des 16. Jahrhunderts und
andere seltene werke aus der deutschen litteratur des reformationszeit-
alters-. Auch befinden sich in der bibliothek noch c. 50 handschrift-
liche werke, von denen ich nachstehend einige in das gebiet der deut-
schen dichtung einschlägige in kürze beschreiben will^.
1) Kat. nr. 33. Lederband in 4®. ^Pfalzgrav Friedrichs des II,
Kurfürstens Vermählung mit Dorothea, gebohmen Prinzessin von Dä-
nemark, König Christierns des 11 und Isabella, einer Schwester Kaiser
Karls V, Tochter, vollzogen d. 27. Sept. 1535 zu Heidelberg, poetisch
beschrieben*'. Dieser titel, auf dem ersten blatte, ist von späterer
band geschrieben. Ebenso der titel auf dem folgenden blatte: „Teut-
sche Keime von Pfaltzgrav Fridrichs Hochzeit. 1535 *'. Das gedieht
selbst umfasst 246 blätter. Auf einer seite stehen durchschnitlich
16 — 18 verszeilen. Reimpaare.
Anfang: König Salamon von Gott begabt
Das er die höchste Weissheit gehabt,
bnider des marquis do Louvois, geschenkt worden. Vgl. Molitor, Zweibrücken, bürg
und Stadt, Zweibrücken 1879, s. 63 und Crollius, a. a. o. s. 33, anm. CroUius
bemerkt hier noch: Si illius Catalogi ab Ant. Fabro [Faure] et Nie. Clementio [Cle-
ment] . . . doctissime conscripti ... et Parisiis a. 1693 fol. editi copia mihi fuisset,
melius cognoscere licuisset fatum bibliothecae Bipontinae. Telleriana illustrissimi soi
possessoris liberalitate legata est Abbatiae S. Genovefao, ea lege, ne unquam dissi-
pata ex huius carceribus emitteretur. — Ich habe ein in der k. hofbibliothek zu
Aschaifenburg befindliches exemplar des genanten kataloges genau durchgesehen und
dabei nichts gefunden, was auf die einverleibung der Zweibrückener bibliothek in die
Bibliotheca Telleriana hindeuten könte.
1) Kat. der bibl. der kl. b. studienanst. zu Zweibrücken, herausg. von Butters,
Zweibrücken 1871.
2) So die 2. und die 3. ausgäbe des „ Teuerdank **, Fischarts „Lautenstück*
(1572), „ Jesuitonhütiein «^ 1580, „Feldbau'' 1580, „Binenkorb*' 1581 (ausg. b nach
Goedekes l)ezeichnung) , ^cheits „Grobianus** 1551.
3) Über ein handschriftliches betgesangbuch von einem unbekanten liederdich-
ter des 16. Jahrhunderts und eine ältere geschriebene samlung geistlicher lieder habe
ich in dem vorjährigen progranmi der kreisrealschule München „Beiträge zur litte-
ratur des geistlichen liedes" berichtet
HANOSCHBIFTEN IN ZWEIBBÜCKSN 539
Für andere Menschen hie auf Erdt
Hat in Sprüchbuchlin wolgemehrt, usw.
2) Kat. nr. 3547. Lederband in folio. ^Dialogus oder Gesprech
zwayer Personen Nemlich aines Büchsenmaisters mit ainem Fewrwerckher
von der waren kunst vnd rechtem gebrauch des Büchsen geschoss vnd
Fewrwerckhs. Inn zwen Theil getheüt . . . Durch Samuelen Zimmer-
mann vonn Augspurg ... 1574". 166 gezählte blätter, 16 blätter regi-
ster. Der eigentliche dialog ist in prosa verfasst und durch ein ge-
spräch in versen eingeleitet, welches 4 blätter einnimt Das exemplar
gehörte ursprünglich dem bereits oben erwähnten pfalzgrafen Karl, wie
aus der eigenhändigen einzeichnung desselben auf dem titelblatt „Carll
Pfaltzgrawe 1584*^ hervorgeht. Vgl. Goedeke, Grundr. U, 276 (91. 1).
3) Kat. nr. 47. Pergbd. in 8^. „Christliche Reütter Lieder gestelt
durch Herrn Phüipsen den Jungem Freiherrn zw Winnenberg vnd
Beihelstein. Nicht spot mit Gott mein Sprichwort ist Wolt Gott solchs
thet ein jder Christ Der reVter Wels VnD gVt gesang FVr Gott
haben ein anDem kLang". Auf das titelblatt folgt ein leeres blatt,
dann 3 blätter vorrede, dann ein leeres blatt, hierauf 46 ungezählte
blätter (einige darunter unbeschrieben) mit den reuterliedern. Damach
1 leeres blatt, 12 blätter „Zeugnus, usw.", 4 blätter mit einem liede:
„Der vollen bruderschafft zw Ehrenn". Den liedem sind melodieen
vorgesezt. Auf dem vorderen deckel des einbandes ist in gold ein-
gepresst: PDJFHZWVB [= PhUip d. J. freih. z. Winnenb. u. Beih.].
1581. Auf dem hinteren deckel stehen in den ecken die 4 buchstaben:
NS I MG [= „Nicht spot mit Gotf — Wahlspruch des Verfassers].
Auf der inneren seite des vorderen deckeis ist ein holzschnitt
aufgeklebt, das Winnenbergsche wappen darstellend i.
Vielleicht rührt das manuscript von der band des dichters selbst
her. Leider ist das vorsetzblatt, das eine diesbezügliche notiz enthal-
ten mochte, herausgerissen.
1) Dasselbe befindet sich auch auf der fahne des geharnischten ritters, welcher
das titelblatt der 1582 zu Strassburg erschienenen gedmckten ausgäbe (s. unten) ziert.
Der dichter war pfälz. rat und burggraf zu Alzey. Nach L. A. Gebhardi Geneal.
gesch. der erbl. reichsstände in Teutschl., I (Halle 1776), 684 war sein vater im jähre
1571 reichshofratspräsident. Seine niutter, Ursula, war eine geb. gräfin von Ritberg.
Eine tochter unseres dichtere heiratete 1586 den grafen Henrich von Ortonburg.
Wenn das geschlecht im jähre 1636 ausstarb, wie Gebhard angibt, so ist dessen
Vermutung, dass der dichter der lezte des Stammes war, unrichtig, da deraelbe 1619
schon verstorben war. Im jähre 1613 lebte er noch; in diesem jähre unterschrieb
er den reichstagsabschied. S. anm. a. a. o. Vgl. Goedeke, Elf bücher deutscher dich-
timg I, 225 und Grundriss II, 518 fg.
540 KN6LEBT
Der umstand, dass sich auf dem deckel die Jahreszahl 1581 befin-
det, während das eteostichon in das jähr 1582 verweist, erklärt sich viel-
leicht in der weise, dass die handschrift 1581 fertig gestelt wurde,
das eteostichon aber auf das jähr berechnet war, in welchem der druck
erscheinen solte. Für diesen mag die handschrift als vorläge gedient
haben.
Die erste gedruckte ausgäbe ist die im jähre 1582 bei Jobin in
Sti'assburg erschienene, welche Wackernagel in seinem „Deutschen kir-
chenlied" I, 522 nach einem in Wolfenbüttel befindlichen exemplar
genau beschrieben hatK Die reihenfolge der stücke ist hier dieselbe
wie in der handschrift, nur mit der ausnähme, dass das in dieser
am ende stehende lied „Der vollen bruderschafFt zw Ehrenn" in der
gedruckten ausgäbe sich an die „Keuter Lieder" anreiht. In dieser
ausgäbe ist auch ein register hinzugekommen. Der text des druckes
weicht, von der Orthographie abgesehen, nur wenig von dem der hand-
schrift ab. Die Verschiedenheiten beschränken sich auf kleinere Vari-
anten.
Die Zweibrückener bibliothek besizt auch ein exemplar dieses
druckes, welches nach dem auf dem titelblatte befindlichen handschrift-
lichen monogramm PWB [= Philip Winnenberg Beihelsteyn] ursprüng-
lich dem dichter selbst gehörte 2.
4) Kat. nr. 36. Pergbd. in breitem quartformat. Titelblatt:
„Historische Reimen vonn dem Vngereimbtem Reichstage Anno 1613.
Durch einen kurtzweiligen liebhaber der Warheit ans licht gebracht
desselben Jars, inn der Weinlese, nach der Stroerndte".
Das gedieht umfasst 108 gezählte blätter; meist stehen 12 vers-
zeilen auf einer seite. Es schildert in satirischer weise den verlauf
des reichstages, welchen kaiser Matthias auf kardinal Klesls treiben im
jähre 1613 nach Regensburg berief, um einen ausgleich zwischen den
1) Die angäbe in Goedekes Grundr. II, 519, nr. 2, ist ungenau. — Die Jah-
reszahl 1580 der daselbst an zweiter stelle angeführten ausgäbe ist wol unrichtig.
2) In der Zweibrückener bibliothek befindet sich auch ein exemplar der von
Philip d. J. 1588 veröffentlichton psalmen. (Vgl. Wackemagel, a. a. 0. 547 undOoe-
deko, Grundr. II, 519.) Auf der inneren soite des vorderen deckeis ist eine holz-
schnittabbildung des AVinnenbergschen Wappens, auf der des hinteren deckeis eine
abbildung des Beihelsteinschen Wappens eingeklebt. Auf dem ersten holzschnitt steht:
„Niclit spot mit Gott'', auf dem zweiten: „Gott allein dielEhre**. Vgl. das namenlied
auf den dichter, Wackernagel a. a. 0. V, 38 (nr. 46), wo sich diese beiden symbola
aus den anfangswortcn der lezten strophe ergeben. — Das Zweibrückener exemplar
gehörte dem oben er^vähnten pfalzgrafen Karl. Derselbe hat eigenhändig seinen
nanicu, seine symbola und die Jahreszahl 1589 in das buch eingetragen.
BANDSOHRIFTSN IK ZWEIBRÜCKEN 541
kathüliken und Protestanten zu erzielen, der jedoch an der unversöhn-
lichkeit der religionsparteien scheiterte. Der imbekante Verfasser der
Satire, welcher nach einer darin enthaltenen andeutung der katholischen
konfession angehörte, steht auf dem Standpunkte absoluter Unparteilich-
keit Sein spott und sein unwille richtet sich in gleichem masse gegen
die unnachgiebigkeit seiner glaubensgenossen wie gegen die der ande-
ren Parteien. Was den dichter zur satire herausfordert, ist die tiefste
entrüstung über die starköpfigkeit der geistlichen und weltlichen grossen
und das aufrichtige bedauern mit dem loose des volkes, das in ahnungs-
vollem bangen dem grenzenlosen elende entgegensieht, welches der
hader der parteien über Deutschland heraufbeschwören wird.
Die spräche des dichters ist nicht frei von härte und unbehol-
fenheiten. Immerhin ist ein entschiedenes satirisches talent in dem
gedieh te zu erkennen, das für den litterarhistoriker sowol wie für den
kulturhistoriker sehr beachtenswert ist
Nachfolgend teile ich eine sehr gelungene stelle als probe der
darstellungsweise des dichters mit
Der Keiser^ solte reissen vnnd hat kein heller gelt,
Welches ein grosses Creutz in dieser argen weit.
^ Man hilt geheimen rhat, wie man solt gelt bekommen,
Vnnderschiedtliche weg wurden da vorgenommen.
Einer schlug vor, man solt die gemähldt all verkaufFen*,
Weil sie da ohne das legen vber einem hauffen,
Es könne diese wahr keinem menschen nicht nutzen,
Oder man solt damit die Oottes heusser putzen;
Vnnd wass sie kosten möchten, solt man dargegen nehmen
Auss den kirchen gefellen, dass wer nit vnbequemen.
Fändt man aber drunder etlich weltlich Sachen,
So solts diess nötig werck drumb nit stutzig machen;
Dann man hett in Gott lob des weihewassers gnug.
Mit dem könnt man abwaschen allen diesen vnfug.
Hernach muss man mit vleiss vf die weltliche Sachen
Ein Catholisch aussieg darüber zierlich machen.
Nemlich waun man solt finden die geschieht von der Biblis^,
1) Matthias.
2) Rs handelt sich um gem«älde aus der von kaiser Rudolf IL im Hradschin
zu Prag angelegton kunstsamluug. Voraus geht:
Zu Prag inns Kaisers schätz, fannde mann inn der erdt
Sehr kunstereich gemähldt, die soindt viel tausent ¥rordt, usw.
3) Biblis (Byblis), tochter des Miletos und der Eidothea, war von heftiger
542 ENQLERT
So schreibe man drunder, es sei Cathrin von Senis.
Findt man auch Jouis Schwanschneblein mit seiner Leda,
Macht man drauss die andacht von St. Eliesabetha.
Findt man den BlumentopfF, so Geyn^ hat gemacht,
So kann kein besser schein darüber werden erdacht,
Alss das er komme her auss Dorothee garten.
Des Heiligen St Frantzen sein hellische wallfarth.
Wie er vmb ein seei sich mit 3 teufein geschmissen.
Die hat der Goltzius* sehr künstlich abgerissen.
Da er ein Satyram mit der feder abgemahlet
Die schieff, darfür Vroom^ viel tausent hat gezalet,
Drunder schreib mann, es sei die gross blutige schlacht,
Welche St Michael mit dem Teufel volbracht
Des Brogels^ Fassnacht grillen, dess Vulcani gedieht^,
Kann aufF die Hochzeit zu Cana werden gericht
Da der vmb Ganimedes, der Jovem hett entzündt,
(Wie mann von Bäbsten auch, solch ding geschrieben findt) ^,
Drumb ihn sein vogel muss aufheben von der Erden,
Loiolae himmelfarth kann drauf gedeutet werden.
Findt man wie Juppiter inn seinem gülden regen ^
Von oben kombt vnnd sich zu Danae thut legen,
Mann schreib drunder, es sei, wie an dem borg Syna
Auff die Söhne Jacobs Gott regnen liess Manna.
Wenn Venus vnnd Atonis vfif heimlich discuwiren,
So kann man diess gespräch gar geistlich figuriren
Auff vnsem St Albanum, von dem geschrieben steth,
Dass er an vnser frauwen brüsten gesogen hett,
Vndt dass er mit derselben nicht anders sei vmbgangen
liebe zu ihrem brud«r Kaunos entbrannt und starb, da sie dieser vei-schmähte. Aus
ihren tränen entstand ein quell. Ovid, Met. 9, 446 fgg.
1) Gheyn. Es gibt mehrere niederländische künstler dieses uamons. Der
hier genante ist wahrscheinlich Jakob Jansz de G. (gest. 1582) oder sein söhn, Jakob
de G. Vgl. Nagler, künstlerlexikon.
2) Wol Hendrik Goltzius, der berühmteste von den künstlern dieses namens
(gest. 1616).
3) Vroom Hendrik Conielissen , geb. zu Haarlem 1566, gest. daselbst 1640,
malte viele marinebilder. Auch zwei söhne von ihm waren maier.
4) Brueghel, Pieter — der ältere? oder der jüngere?
5) Apposition? Oder solte ein bild des von Nagler erwähnten Zeichners und
kupferstech ers H. Vulcanus gemeint sein, dessen lebensverhältnisse Nagler nicht
bekant sind? (N. vermutet, dass er dem 17. Jahrhundert angehörte.)
G) Am rande steht: Paulus 3. Julius 3.
HANDSCHRIFTKN IN ZWEIBRÜCKBN 543
Alss wie ein Breutgam sein braut pflegt zu vmbfangen.
Da Pyramis vnnd Thysbe sich selber thun erworgen,
Das kann man füglich deuten vf den Ritter St. Görgen;
Pyramis sei St Görg, Thysbe sei königs kindt,
Der drach sei die löwin, welche den Schleyer findt,
Vnnd auss St. Görgen lantz mach man Pyramis schwerdt,
Der bäum, darbeys geschach, das sey St Görgen Pferdt
Findet man aber gar vnzüchtige geberdten,
Darauf kein geistlich geschieht könnt abgebildet werden,
Die muss ein reicher Abt oder Bischoff bezalen,
Vnnd schlag sie bei sein bett, so darf ers nit mahlen;
Wann er etwa vor lieb nit schlaffen kann die nacht,
So kann er drauss schöpffen manch geistliche andacht
Noch sei der epilog des gedichtes hier mitgeteilt, der in einer
von herbem Unwillen beseelten apostrophe an die geistlichen und welt-
lichen herm und in einem verzweiflungsvollen hülferuf zu Gott den
bangen gefühlen des Volkes in jener gewitterschwülen zeit ergreifenden
ausdruck gibt
Ihr Herren alzumal, wie ihr euch möget nennen,
Catholisch, Evangelisch, ihr müst es wol bekennen.
Ihr habet harte köpf, keiner will gerne weichen;
Wie könt ihr dann zu häuf kommen vnd euch vergleichen?
Ein theil soll von dem andern nichts vnbillichs begeren.
So soll ein theil dem andern wass recht ist auch nit wehren.
Befleisst euch ja dess Medens, fanget kein krig nit ahn,
Sonnsten muss es entgelten der arme Pauwers Mann,
Welcher vnschuldig ist, weiss nichts von euerm Zanck,
Den wolt ihr so mutwillig legen vf die schlachtbanck.
Woher nembt ihr das gelt zufüUen euere Taschen,
Wann Dörfer, Stett vnd Schlösser da liegen in der aschen?
Ihr Herrn weltliche, wie man euch also nennet.
Bleibt doch bei euerer Jagt, weil ihr die weit selbst kennet
Wolt ihr ja führen krieg, so lasts beim alten pleiben,
Last eure Secretarios vnnütze Briefe schreiben,
Zanckt euch ein weil mit werten, dörft ihr euch doch nit schlagen.
Es muss einer den andern inn etwas vbertragen.
Greift ia nit zum schwerdt, dan das ist auss dem schertz,
Dass verderbt nur landt vnd bringt euch auch in schmertz.
Ihi- Herren geistliche, wolt ihr es recht besehen.
So würdt nur vber euch der krieg allein aussgehen;
544 JEITTKLBS
Ihr wist wol, das ihr nur ad vitam Fürsten seit,
Das auch viel euers todts warten mit schwerem leidt,
Weil ihr zu lange lebt: drumb dan eure Bastarten
Von eurigem erbgut nichts haben zugewarten. — —
Herr Gott, behüt für krieg, wendt vns ab vnser schmertzen.
Tröste doch mit gnaden alle betrübte hertzen,
Stercke mit deiner kraflft, welche für angst verschmachten,
Lass die zuschanden werden, die nach ihrem vnglück trachten,
Erhalte deine kirch vnd zerstreuw ihre feinde.
Vermehre vns den glauben vnd sterck deine gemeinde.
So werden dan die frommen hoch loben deinen nahmen,
Diess wünsch ich von hertzen, drumb Sprech ich fröhlich Amen.
Dominus misereatur nostrj
Et
Sustentet Egenos.
MÜNCHEN. ANTON ENGLERT.
LIED, GENANT: DAS MENSCHLICHE LEBEN EIN
TEAUM.
Unter diesem titel befindet sich in meinen reichhaltigen hand-
schriftlichen liedersamlungen, wie mich eine kürzlich vorgenommene
durchsieht lehrte, u. a. ein aus einem gedrückten fliegenden blatte
stammendes gedieht, das die zehn altersstufen des menschen in
engem anschluss an den spruch, über welchen in dieser Zeitschrift
widerholte erörterungen gepflogen wurden (XXIH, 385. XXIV, 161
fg.), behandelt. Da es in weiteren kreisen schwerlich bekant und zu-
dem nicht ohne eine gewisse poetische gewantheit verfasst ist, so dürfte
es sich für einen Widerabdruck wol empfehlen.
Unterhalb des titeis steht die angäbe: „Iglau, 1864. Johann
Ripp". Der Verfasser ist ungenant. In Hoffmanns v. Fallersleben
„Unsere volkstümlichen lieder" (3. aufl. 1869) ist das lied nicht ver-
zeichnet. Erwägt man einerseits, dass die ausführung der dem spniche
von den altersstufen zu gründe liegenden gedanken nicht nur lebens-
voll, sondern im ganzen auch formell ziemlich gelungen ist, dass aber
andrerseits die Strophenbildung und beschafienheit der reime — man
vergleiche die assonanzen Jüngling — Dümmling, Mitte — Blicke,
Oreis — Lebenszeit — einen berufsmässig geschulten dichter nicht
erkennen lässt, so wird man kaum irre gehen, wenn man annimt, dass
UED vom MKNSCfiLICHBN tEB£N 545
der Verfasser den halbgebildeten volkskreisen angehöre. Ob die auf
dem titelblatte stehende jahrszahl 1864 das jähr der entstehung, bezie-
hungsweise ersten Veröffentlichung, oder aber, was wahrscheinlicher,
des blossen neudruckes einer älteren dichtung bezeichnet, muss dahin-
gestelt bleiben. Die in Strophe 4, vers 4 — 5, vielleicht auch nur
scheinbar, enthaltene corruptel habe ich dadurch einigermassen zu ord-
nen gesucht, dass ich vor „sich nützlich" und nach „Geschäften" ein
komma sezte. Strophe 10, vers 5 dürfte als optativischer ausruf zu
fassen sein.
Wird euch das Lied denn auch gefallen,
Von zehn! bis hundert angeführt?
Es wird hier in den zehen Zahlen
Das Menschenalter explizirt.
Was ist der Mensch? —
Ein Meisterstück aus Schöpfers Händen,
An Körper schwach, an Weisheit blind.
Trotz seiner Gaben und Talenten
Ist er noch bis zehn Jahr ein Kind.
Und dann mit zwanzig —
Ist er ein lebensfroher Jüngling,
Der alles wißen, können will;
Da kommt die Lieb, macht ihn zum Dünmiling,
Verdirbt sein ganzes Lebens -Ziel.
Und dann mit dreissig —
Ist er ein Mann in vollen Kräften
Und die Vernunft tritt wahrhaft ein.
Weil er, sich nützlich in Geschäften,
Kann einstens sich des Lebens freun.
Und dann mit vierzig —
Das ist die schönste Lebensstufe,
Sie schaukelt Sprossen in der Schooß,
Und ist er glücklich im Berufe,
So ist beneidenswerth sein Loos.
Und dann mit fünfzig —
Umrungen im Familien -Kreise,
Wo er als Vater sich entzückt,
1) Sämtliche in dem gedieht vorkommende zahlen sind in dem originale durch
zifTem bezeichnet. Sonst habe ich an der Schreibweise nichts geändert, nur die Inter-
punktion geordnet.
ZKITSCHRIFT P. DEUTSCHE PHILOLOGIE. BD. XXV. 35
546 BBEBfER
Steht er nun still an seiner Reise
Und lebt zufrieden und beglückt
Und dann mit sechzig —
Da sieht man schon am Angesichte,
Daß sich nun fängt das Alter an,
Erwartet er die süßen Früchte,
Wenn er einst Gutes hat gethan.
Und dann mit siebzig —
Sitzt er in seiner Lieben Mitte
Und freut sich immer noch als Greis
Und wirft empfindungsvolle Blicke
Zurück auf seine Lebenszeit.
Und dann mit achtzig —
Da geht die Weisheit schon zu Gru^ide,
Er bittet täglich Gott den Herrn
Um eine süße Abschiedsstunde,
Und lebt doch immer herzlich gem.
Und dann mit neunzig —
Da wird er, was er einst gewesen.
Ein End, doch andern nur zum Spott;
Drum sind die Worte auserlesen:
Lebt' er noch hundert Jahr, bei Gott!
Und dann mit hundert —
Dieß Loos ist wenigen beschieden.
Drum, Menschen, strebt nach Tugend, Ruhm
Und wandelt froh im süßen Frieden
Hinüber ins Elisium.
WIEN. A. JEITTELES.
LITTEEATUE.
Deutsche alter tumskundo. Yod Karl MUllenhoiT. Dritter band. Berlin, Weid-
mannsche buchhandlung. 1892. XVI, 352 s. 10 m.
„Der in den vorarbeiten so gut wie ganz, in der ausarbeitung nur zum teil
vollendete dritte band soll aus der Stellung und dem sprachlichen Verhältnis der
ältesten, historisch bekanten Völker des mitleren Europas in dem striche von deo
Pyrenaeen bis zum Kaukasus den beweis führen, dass die väter der Germanen nicht
später'' ihren wohnsitz um Oder und Elbe „eingenommen haben können, als die urver-
wanten stamme der Italiker und der Griechen ihre sitze in Italien und Griechenland,
und auf grund der nachrichton der Römer und Griechen darauf die aiLsbreitong und
Verzweigung der Germanen um den anfang unserer Zeitrechnung darlegen*^. So schrieb
ÜBER MÜLLENHOFF, DEUTSCHE ALTERTUMSKUNDE, m 547
Müllenhoff am 2. decbr. 1881. Tatsächlich enthält der vorliegende dritte band folgen-
des: 1) Cber die Skythen, Sai-maten, Geten und Daken (s. 1 — 163); 2) einwanderung
der Arier und Urbevölkerung Europas (s. 164 — 170); 3) eine unvollendete abhandlung
über dieligurer (s. 171 — 193); 4) einige sprachliche bemerkungen (s. 194 — 204); dazu
5) anhänge (s. 205 — 332). Und dieser band, das fünfte buch, nent sich „der Ursprung
der Germanen^! In der tat, die enttäuschung konte nicht grösser sein! Zwar hatte
schon 1887 Eoediger gesagt, dass Müllenhoff den dritten band „nur zu einem gerin-
gen teil*^ ausgearbeitet habe; doch vertröstete er uns auf „beträchtliche ungedruckte
samlungen und entwürfe*^ und die Vorlesungen über Tacitus Geimania und meinte,
dass „wir selbst hier nicht ungünstig gestelt^ seien, „wo es sich um den schwierig-
sten der noch fehlenden bände handelt**. Im vorwort zum dritten bände berichtet
nun Eoediger, dass der kommentar der Germania ungeteilt im vierten bände vor-
gelegt werden soUe. Und das ist allerdings nur zu billigen, da Müllenhoff über das
besondoi'S wichtige kapitel der ausbreitung und Verzweigung ddr Germanen gar nichts
hinterlassen hat Die aufgäbe der herausgeber, Eoediger und Pniower, war unter
diesen umständen nicht eben eine dankbare. Die 130 selten, welche dieser band an
ungedrucktem bringt (s. 1 — 90, 164 — 204), stammen in dieser fassung gröstenteils
aus den jähren 1872 und 1873. 200 Seiten dieses bandes (s. 91 — 163 und 205 —
332) sind nur verbesserte abdrücke früherer abhandlungen aus den jähren 1851,
1856, 1857, 1862, 1866, 1869, 1870 und 1875. Ich kann mein befi-emden nicht
unterdrücken, dass diese samlung einzelner abhandlungen uns unter dem titel einer
Deutsehen altertumskunde geboten wird. Da es sich herausgestelt hat, dass lei-
der Müllenhoff sein grosses werk mehr im köpfe als auf dem papiere fortig gehabt
hat, so hätten, w^enn sich keiner fand, der in seinem sinne den bau volständig
auszubauen gowagt hätte, die herausgeber violleicht besser getan, solche fragmente
wie diese nicht unter dem titel von Müllenhoffs Altertumskunde herauszugeben. Mül-
lenhoff selbst würde schwerlich einen derartigen schritt gebiUigt haben. Alles, was
dieser band bringt, gehört ausnahmelos allein in eine samlung von Müllenhoffs
Schriften zur deutschen altertumskunde. Es ist gewiss dankenswert, dass die älteren
abhandlungen, in verbesserter gestalt, zusammenhängend wider abgedruckt werden;
aber nicht an dieser stelle! Und sollen wir auf die in der „Altertumskunde" nicht
zum abdruck kommenden, anderen aufsätze verzichten? Oder sollen in einer ausgäbe
der kleineren Schriften die arbeiten fehlen, welche in der „Altertumskunde" stehen,
oder sollen diese dann zum dritten mal gedmckt werden?
Eine besprechung des inhaltes des vorliegenden buches kann sich naturgemäss nur
auf die 130 soiten erstrecken, welche dasselbe an bisher ungedruckten abhandlungen
enthält. Es sind dies 1) mehrere aufsätze über die Skythen (s. 1 — 90); 2) ein auf-
satz über die einwanderung der Arier (s. 164 — 169); 3) ein solcher über die Urbevöl-
kerung Europas (Finnen s. 169 — 170, Iberer s. 171, Sikanen, Sarden, Corsen s. 172
— 173, Ligurer s. 173 — 193); 4) unter der verlockenden Überschrift „der Ursprung
der Gormanen" bemerkungen über die ältesten und wesentlichsten sprachlichen noue-
rungen, durch wolclie sicli die germanische spräche von der indogermanischen abhebt
(s. 194 — 204). Wie diese inhaltsangabe zeigt, betreten wir eigentlich nur mit dem
leztgenantcn aufsätze den boden der germanischen philologie. Die anderen aufsätze
betreffen die germanische altertumskunde nur insofern, als sie mittelbar „den beweis
führen", dass die Gormanen sich im nordöstlichen Deutschland nicht später angesie-
delt haben als die Italikor und Griechen in ihrer heimat. Wir fragen: ist dieser beweis
geführt?
35*
548 fiftRIUEft
Ich möchte zuvor die frage aufwerfen: ist es überhaupt möglich, einen sol-
chen beweis zu führen? Gewiss dürfen Müllenhofis werte nicht gar so genau
genommen werden, als ob die Germanen völlig gleichzeitig mit den Griechen und
Italikem ihre späteren sitze eingenommen hätten. Es liegt ja auf der band, dass es
sich nur um eine ganz ungefähre gleichzeitigkeit handeln kann, bei der es auf ein
paar Jahrhunderte nicht ankomt. Ist es aber möglich nachweisen zu können, ob die
Germanen auch nur vor dem jähre 1000 v. Chr. bereits die gebiete an der Oder und
Elbe eingenommen haben? Ich muss diese frage verneinen. Keinerlei geschichtliche
Zeugnisse lassen eine beantwortung auch nur insofern zu, als sich etwa daiiun Hesse,
dass seit 1000 v. Chr. andere Völker diejenigen gebiete bewohnt hätten, welche die Ger-
manen notwendigerweise durchzogen haben müsten, um nach Deutschland zu gelangen
Als einen vorsuch nach dieser richtung hin müssen vnr im rahmen seiner „Alter-
tumskunde*^ offenbar Müllenhoffs auseinandersetzungen über die Skythen betrachten.
Dass dieser versuch resultatlos sein muste, zeigen Müllenhoffs eigene worte (s. 9):
„Das innere des heutigen Russland, das ganze gebiet des obem Dnjeprs, die quellen
des Dons wie der "Wolga waren den gewährsmännom Herodots unbekant". Und He-
rodot danken wir unsere ältesten nachrichten über die länder nöixilich des Pontus.
Es steht uns also kein mittel zu geböte, um die frage zu beantwoiien , ob zu Hero-
dots zeit Gormanen etwa in Polen oder am Waldai-gebirge gesessen haben. Doch
vielleicht hat Müllenhoff es für ausgeschlossen gehalten, dass die Germanen durch
das mitlero Russland gezogen seien. Vielleicht hat er allein den weg durch das
Skythenland für möglich gehalten. Selbst dann würden wir nicht mehr sagen kön-
nen, als dass die Germanen um 500 v. Clir. schon an der Weichsel gewohnt haben.
Für die erste hälfte des ersten jahitausends v. Chr. aber wäre damit gar nichts aus-
gesagt. Müllenhoff fi*agt (s. 29), „ob unser weitteil bereits vor der einwanderung der
Skythen über den Don seine spätere geschichtliche bevölkerung hatte, oder ob sie
durch die Skythen oder violleicht noch spätere zuzüge erst ihren abschluss erhalten
hat**. Er durchmustert daher einmal „auf der von Herodot gegebenen grundlage die
übrigen alten diathesen des östlichen Europas*^, um „die tatsache festzustellen, dass
nach der skythischen in alter zeit nur noch eine grosse invasion über den Don stat-
gefunden hat**. Sodann — dieser teil ist aus den Monatsberichten der Berliner aka-
demie von 1866 abgedmckt — sucht er „aus den übeiTOsten ihrer spräche die ethno-
logische Stellung der Skythen und Sarmaten zu bestimmen" und komt zu dem ergebnis,
dass diese keine Slawen, vielmehr Asiaten gewesen seien, und sieht hierin den
beweis dafür, „dass schon vor der oinwanderung jener die bevölkerung des Weltteils
abgeschlossen war**. „Der wert dieses ergebnisses", sagt Müllenhoff (s. 31), „für die
geschichte der bevölkerung unseres Weltteils, insbesondere auch für die entscheidung
der frage wegen der herkunft der Germanen wird sich dann schon später herausstel-
len". Leider bringt er hierüber nichts. Ich wüste auch nicht, was aus diesem
ergebnis, welches bereits lange gem eingut der Wissenschaft ist, weiter gefolgert wer-
den könto, als dass um 500 v. Chr. die Germanen bereits an der "Weichsel gesessen
haben. Ein früheres datum würde nur dann zu gewinnen sein, wenn sich die zeit
der skythischen einwanderung bestimmen liesse. Herodot und Ephorus glaubten,
dass die Skjihen um 634 die Kimmerier aus dem lande nördlich des Pontus ver-
trieben hätten. Diese nachricht verwirft Müllenhoff mit recht und zeigt (s. 22 fg.),
dass die Skythen wenigstens schon im 8. Jahrhundert am Pontus gewohnt haben.
"Weiter können wir nicht kommen. Wir köimen also auf grund der darlegungen
Müllenhoffs höchstens sagen, dass, gosezt die Gormanen sind einmal nördlich des
ÜBKB MÖLLENHOFF, DEUTSCHE ALTERTUMSKUNDE. III 549
Schwarzen meeres westwärts gezogen , sie diese sitze schon spätestens im 8. Jahrhun-
dert mit westlicheren vertauscht haben müssen. Der beweis aber, dass sie die Oder
und Elbe schon im zweiton Jahrtausend v. Chr. erreicht haben, ist weder von Mül-
lenhoff erbracht worden, noch lässt er sich überhaupt erbringen — es sei denn, dass
diese gebiete als ein teil der Urheimat der Indogermanon nachgewiesen würden.
Die frage nach der Urheimat der Indogermanon behandelt oder richtiger streift
Müllenhoff auf zwei und einer halben seite (s. 164 — 16G). Ohne auf die auch von den
herausgebern nicht citierte neuere litteratur über diese frage näher einzugehen, nimt
er das „nordöstliche Iran, auf der Westseite von Hochasien " als den sitz des urvolks
an und fragt, auf welchem wege die Indogermanon in Europa eindrangen. Er
entscheidet sich für die Strasse, „die südlich um das kaspische meer an dem niedem
Östlichen Kaukasus vorbei führte^. „Auf ihr sind sämtliche Arier in die neue heimat
gezogen**. Müllenhoff fährt fort, über die „marschordnung** der Europäer berichtend:
„An der spitze des keilförmigen zuges befanden sich die ahnen der Kelten, hinter
ihnen folgten Schulter an Schulter die häufen der Urgermanen und Uritaliker, den
Italikem die Urhellenen, den Gormanen die Eisten und Slawen*. „Geteilt haben
müssen sie sich an den Karpaten*. „Auf deren ostseite" „trenten sich" „die Urger-
manen von den künftigen Italikem **, um „nordwärts um das gebirge herum* zu zie-
hen und in dem „lande zwischen Oder und Elbe sich zu einem volk* auszubilden.
Wiewol man hieraach auf manches vorbereitet sein solte, wirkt die Schlussfolgerung
doch überraschend (s. 169): „Bestand aber vor der trennung der Westainer an den
Karpaten* die „periode der einheit des volkes* und erfolgte die besiedelung Europas
in der geschilderten weise*, „so muss, wenn auch die urväter der Germanen, wie
nicht zu bezweifeln ist, an dieser periode teil haben, wenigstens irgend ein punkt
des grossen gebietes, den wir im anfang unserer künde von Germanen bewohnt sehen,
ebenso früh oder doch nicht wesentlich später eine arische bevölkerung erhalten
haben als etsva Griechenland und Italien*. — Allerdings, wunderbar einfach! Der
beweis ist geliefert! Es hätte der Skythen gar nicht bedurft.
Als einen oxkurs dai*f man die folgende Untersuchung über die vorindogerma-
nische Urbevölkerung Europas ansehen. Die Finnen durften nach der daretellung, die
sie im zweiten bände gefunden, auf einer seite abgetan worden. „Ihre ausbreitung
von dem Ural und der Wolga um die "Waldaihöhe herum bis an die Ostsee nach
Scadinavien muss entweder gleichzeitig mit oder nach der einwanderung der Arier
in die südlicheren teile Europas erfolgt sein* (s. 170). Über die Sikanen und Bar-
den wird (s. 171 — 173) gesagt, dass sie keine Iberer, über die (Morsen (s. 373), dass
sie Ligurer seien. Die ethnographische Stellung der Ligurer solte dann eine grössere
abhandlung dartun. Leider hat sich im nachlass nur der anfang derselben vorgefun-
den (s. 173 — 193). Müllenhoff zeigt zunächst das geographische Verbreitungsgebiet
der Ligurer und sucht dann aus der spräche ihre etlinographische Stellung zu bestim-
men. Viel zu kurz ist die frage abgetan , ob sie zu den Iberern in näherer beziehung
stehen. Es hätte wol einer „weiteren ausfühnmg* bedurft, ehe man den satz unter-
1) Dieses yrird begründet durch 1) das bewahren der idg. urvokalo 0, E, A gegenüber ostari-
schem A, 2) „eine strengoro unterscheidang des LundR, ja überwiegend sogar eine neue bildang des L
ans dem R'^, 3) ,,gonanero begrifsl)estimmnng alter wörtor wie z. b. die >>edeatung der prttposition abhi
im skr. noch sehr unbostimt ad ist, gr. ri/n(fi% lat.-kelt. ambi, ahd. umbi dagegen fest eingeschränkt
erscheint", 4) ,,die bildang neuer oder die bewahning alter, im osten nicht mehr bekanter wurzeln and
stftmme'S „ modiiicationen an wurzeln, wortstämmen und suftixon", 5) „die Schöpfung einer grossen
anzahl neuer würter, von denen einige zugleich auf deren cnlturfortschritt , wie den Übergang vom hirten-
lebon zam ackerbaa deuten".
550 BREMER
schreiben kann: „an einen näheren Zusammenhang der ligurer mit den Ibereiii ist
auf keinen fall zu denken*^. Müllenhoff fragt weiter, „ob sie den Ariern vei-want
waren", und findet neben wesentlichen abweichungen eine reihe von sprachlichen
Übereinstimmungen mit dem italischen und keltischen. Der hauptteil, in welchem
bewiesen werden solte, dass die Ligurer, wie die Baeter, zu der voiindogermanischen
bevölkei-ung Europas gehörten, fehlt.
„Den eigentlichen inhalt der Urgeschichte eines volkes bildet — das lehrt die
geschichte der Griechen so gut wie die der Gormanen — die ausbildung und Schei-
dung seiner stamme. Nirgend können wir diese phase in der entwicklung einer nation
besser erkennen als bei unsern vorfahren". „Vor der ausbildung und Scheidung der
Stämme gibt es im leben einer nation nur noch eine epoche : das ist die genesis der nation
selbst, ihre entstehung und bildung zu einem von ihi^er Umgebung und ihren stam-
verwanten imterschiedenen , eigentümlichen, in sich gleichen ganzen. Zu bestimmen,
wann die genesis des ganzen germanischen volksstammes zum abschluss gekommen
ist, dafür besitzen wir zwar nicht das einzige, aber doch sicherste, untrüglichste und
volkommen ausreichende mittel in der spräche. Die spräche macht die nation. Sie
ist dasein und loben eines volkes, und ohne sie ist es tot. Die giossen perioden und
Wandlungen, die es bald rascher und gewaltsamer, bald langsamer und almählichcr
durchmacht, prägen sich daher auch ihr ein, und so unvertilgbar, dass es die merk-
zeichen einer jeden und damit die seiner ganzen Vergangenheit in ihr allezeit gegen-
wäiiig mit sich herumträgt. Je gi'össer aber die Wandlungen, desto tiefer greifen sie
auch in die spräche ein, und die Wirkung seiner grösten epoche, des anfangs seines
eigentümlichen und selbständigen lebens, muss in ihr am deutlichsten sichtbai* sein*^.
Ich habe diese herlichen werte (s. 194) unverkürzt widergeben wollen. Sie entrollen
ein verheissungsvolles programm. Der leser erwartet hiernach ein zwiefaches: ein-
mal auf grund sprachlicher unterauchungen eine ungefähre Zeitbestimmung der „gene-
sis der nation"; zum andern vor allem eine psychologische analyse der urgerma-
nischen Sprachgeschichte. Es bedarf wol nicht des hinweises, dass diese analyse,
welche Müllenhoff allein gibt, nicht auf 10 Seiten erschöpft werden kann. Und doch
hätte Müllenhoff, wäre es ihm beschieden gewesen sein werk zu vollenden, wol
kaum erheblich mehr und erheblich andres gegeben, als uns vorL'egt. Nach dem
ui'sprung unseres volksstammes fragend, bestimt Müllenhoff als den anfangspunkt
germanischen sonderlebens, „sprachlich ausgedrückt", „die Verschiebung der stummen
konsonanten, die sogenante lautverschiebung". „Sie ist das erste und älteste merk-
mal der volzogenen abtrennung und das erste anzeichen einer besonderen entwicklung
der Gei-manen" (s. 196). „Trägheit oder erschlafifung der organe offenbart sich" in
der vei*schiebung der idg. aspiraten und tenues. „Dagegen zeigt sich in dem Über-
gang der alten medien zu tenues augenscheinlich ein aufraffen zu neuer kraftan-
strenguug". „Die regebnässigkeit, mit der" sich die ganze lautverschiebung volzioht,
offenbart eine „stätigkeit und ruhig ausdauernde kraft" (s. 197). „Dieselbe ausdauer
und energie muss die nation oder der stamm bewiesen haben, als er sich in die
rauhe natur seiner heimat einlobte". „Das aufraffen zu neuer kraft lässt uns die
Sprachgeschichte auch weiterhin noch erkennen" (s. 198). Ebenso unzulänglich ist,
was Müllenhoff über das „euphonische" konsonantische auslautgesetz beibringt, über
das vokalische, „wonach alle kurzen A imd I im wertende oder in der lezten wort-
silbc abfallen rauston", über das Vemereche gesetz und über den germ. acceni In
dem „ betonungsgesetz " und dem durch dieses bewirkten vokalischen aoslautsgesetz
sieht Müllenlioff „das eigentlich unterscheidende moment zwischen dem alt- und
ÜBER MÜLLENHOFF, DEUTSCHS ALTERTUMSKUNDE, m 551
ui'germanischon und dorn neugeimanischen. Hierdurch erst wird eine neue epoche
der entwicklung herbeigeführt, der eintritt des rechten Germanentums, der abschluss
und die Vollendung des eigentümlichen wesens und chai'akters unserer nation" (s. 200
fg.). Es „entspricht die durchgängige betonung der haupt- und stamsilbe ganz und
gar der wucht und einseitigkeit des kriegerischen chai'akters, mit dem die Gennanen
in die geschichte eintreten* (s. 201). „Die verlüsto namentlich in der conjugation . . .
zeugen, wenn nicht von einem mangel und einer abnähme au feinem sinlichen unter-
scheidungsvermögen, so doch von einer trägheit, unlust und lÄssigkeit, feinere unter-
schiede festzuhalten, auf der andern seite die neue accentregel von einer gewissen
rohheit. Aber durch die schliessliche gestaltung unserer flexion geht wie schon durch
die lautverschiebung derselbe mächtige zug nach einfacher, klarer Ordnung, der zum
siege verhalf imd wodurch der spräche neben dem starken auch nicht das zarte,
neben dem rauhen nicht das milde versagt blieb. Das zeigt sich auch in der her-
schaft, die die melodie des ablauts in ihr gewann, in dem gegengewicht, das der
nebenaccent dem hochton gegenüber behauptete. Zugleich aber verrät sich hierin ein
tiefer musicalischer und rhythmischer sinn, der unserer nation von anfang an eigen
war* (s. 203 fg.). Dies ist im wesentlichen Müllenhoffs psychologische analyse.
Nichts von den einer solchen doch in erster reihe zugänglichen nicht -lautlichen neu-
bildungen, nichts über syntax, nichts über Stilistik! Was würde die kritik wol
sagen, wenn ein anderer forscher uns heute derartiges brächte? Es ist kein zweifei:
dieser aufgäbe ist MüllenhofP nicht gewachsen gewesen. Seine sache war es, das
deutsche altertum lebendig nachzuempfinden und vor unseren äugen wider erstehen
zu lassen, soweit es galt geschichtliche zusammenhänge äusserer wie geistiger art
aufzudecken. Tiefere blicke in das leben der spräche zu tun ist ihm versagt geblie-
ben. Und die aufgäbe, um welche es sich hier handelt, ist wol die allerschwierigste,
welche der historisch - vergleichenden Sprachwissenschaft harrt: sie ist (oder sie solte
sein!) das endziel aller Sprachforschung.
Ich habe das, was das buch neues bietet, geglaubt an dieser stelle nur in-
soweit besprechen zu sollen, als es das gebiet der germanischen philologie betrift. Es
braucht bei einem werke Müllenhoffs nicht besonders hervorgehoben zu worden, dass
im übrigen die grosse gelehrsamkeit und die scharfsinnige kritik des Verfassers übeitdl
eine fruchtbare ist. Den hauptgewinn aus dem buche zieht, wie es bei dem ersten
bände der fall gewesen ist, die antike geographie, welcher dieser band eine kritik der
nachrichten über das östliche Europa von Hekataeus von Milet und Herodot an bis auf
Ptolemaeus und Ammianus Marcellinus bringt. Roediger hat diesem abschnitt (s. 1 —
90) die abhandlung MüUenhofife über Ptolemaeus und Marinus aus den Berliner monats-
berichten 1866 (s. 91 — 100) angefügt, dann diejenige über die spräche der pontischen
Skythen und Sannaten ebd. (s. 101 — 125), dann den aitikel Geten aus Ei-sch und
Gruber (s. 125 — 163). Die anhänge bringen 1) „Griechische Inschriften aus Südruss-
land* aus Hermes bd. 3 und 4 (s. 205 — 211), 2) „Über die weitkarte und chorogra-
phie des kaisers Augustus* Kieler Universitätsprogramm 1856 (s. 212 — 295), 3) „Die
Völkertafel der Genesis* aus den Gott. gel. anz. 1851 (s. 295 — 298), 4) „Über die
römische weltkarto" aus Hermes bd. 9 (s. 298 — 311), 5) „Über den anliang zu dem
provinzialverzeichnis von 297*, abhaudlungen der Berliner akademie 1862 (s. 311 —
325), 6) „Die fränkische völkertafel *, ebd. (s. 325 — 332). Das meiste ist mit Ver-
besserungen Müllenhoffs abgedruckt. Sehr dankenswert ist das von B. Wenzel ange-
fei-tigte register (s. 333 — 352).
552 KAUFFMANN
Es liegt jezt von Mülleuhoffs lebooswcrk der erste, zweite, dritte und fünfte
band vor. Schon jezt können wii* nach einer richtung hin ein abschliessendes ai*teil
über das ganze werk fällen, das schwerlich anders ausgefallen sein wiirde, wenn es
dem veifasser vergönt gewesen wäre, dasselbe selbst zu vollenden. Es galt eine
zwiefache arbeit zu tun: eine kntik unserer quellen war die erste und notwendigste
aufgäbe; die zweite war eine zusammenfassende darstellung. Müllenhoff hat wesent-
lich nur die erste aufgäbe angegriffen, wie sehr es seinem herzen auch um die zweite
zu tun war, und wie sehr er auch geglaubt haben mag, in diesem sinne zu schrei-
ben und zu wirken. Er ist über jene elementarere tätigkeit, in der seine gelehrsam-
keit und sein kritischer Scharfblick glänzend zu ihrem rechte kommen, im gründe
nicht hinausgekommen. Auch in der anläge des ganzen Werkes zeigt sich, wie wenig
Müllenhoff den einen gesichtspunkt dem andern unterzuordnen vermocht hat. Der
erste band gibt ausschliesslich eine quellenkritik ; er endigt mit Pytheas. Der zweite
band fängt von neuem an und gibt, wenn auch gröstenteils eine solche kritik im rah-
men grösserer, algemeiner gesichtspunkte, so doch zum teil auch wirklich zusam-
menfassendes (besonders über Aestier, Finnen und Slawen). Der dritte band sezt
wider ein, wo der erste aufgehöi't hat: auf Pytheas folgt Herodot. Dann abermals
ein ganz neuer anfang in jenem andern sinne: die Indogeimanen. Der vierte band
scheint wesentlich ein kommentar zu der Germania des Tacitus werden zu sollen.
Der fünfte band war als eine gormanische mythologie gedacht — und ist doch nur
eine kritik der Edda und ihrer mythen.
Müllenhofifs werk ist — und das tut seinem Verdienste keinen eintrag — eine
Vorarbeit. Eine zusammenfassende germanische altertumskunde soll noch geschrie-
ben werden.
HALLE A. 8., DEN 2. JULI 1892. OTTO BBEMSR.
Zur geschichte der altdeutschen verskunst. Von Andreas HeuBlen [Ger-
manistische abhandlungen, herausgegeben von Karl Wein hold. 8. heftj Bres-
lau, Wilhelm Koebner. 1891. VIÜ und 161 s. 5,40 m.
Das buch ist flott und frisch geschrieben: besizt der autor doch in seltenem
masso die gäbe, sich von der gebundcnheit unseres Wissens frei zu machen. Die
schwungvollen prolegomena zu einer neubegründung der metrischen principienlehre
(s. 38 fgg.) habe ich mit besonderem gonusse gelesen. In der diction liegt hier ein
packender rhythmus, der den zweifelnden mitreisst. Nur steht nach meinem geschmack
der abschnitt nicht an der richtigen stelle. Er stört an seinem orte den Zusammen-
hang des 3. und 4. kapitels und wirft eine anzahl von begriffen in die diskussion,
die nicht gründlich genug für ihre Verwendung gerüstet erscheinen. Die stilistischen
Vorzüge und der standpimkt des Verfassers (s. 58), dass in der Verslehre nur selten
beweise und Widerlegungen möglich seien, binden zuweilen dem rccensenten die band.
Heusler spricht von kinder- und ammenversen, kindersprüchen, kinderlie-
dern. Er vergleicht s. 10 einen abzählspruch, dessen strophe er im anord. /brtiyr-
dala^ widerfindet, mit gliedern des Ijöpahdttr, Nun ist es unter allen umständen
unzulässig, wie s. 9 geschieht, einzelne halbverse des Hildebraudsliedes und Mu-
spilli nicht bloss an dem masstab einzelner strophentcile moderner reimverse, son-
deiTi gar an dem Ijöpahdttr zu messen, ohne bewiesen zu haben, dass auch jene
halbverse nicht stichisch, sondern strophisch zu verstehen sind. Möller hat ganz
richtig die konsoquonz seines Systems gezogen, wenn er die ahd. bruchstücke in Stro-
phen auflöst. Heusler hat in seiner anzeige des Möllerschen buches und jezt wider
ÜBER BEUSLER. ALTDEUTSCHE VERSKUNST 553
in dem vorliegeuden werko sich gegen strophische ciuteiluug ausgesprochen, muss
sich nun aber selbst zu strophischen gebilden flüchten, uni seine theorio zu illustrie-
ren. Das ist ein cardinalfehler, dass Heusler die taktmessung strophischer ictan-
reihen auf die unstrophischen gedichte des alliterierenden Zeitalters übertragen
hat. £s nüzt nichts s. 5 zu dekretieren: „der vors uiksorer hauspoesie ist die unmit-
telbare foi'tsetzung des altgormanischen verses^ (vgl. bei Möller s. 171), wenn s. 2
gesagt ist, der einzelvers führe keine sondorexistenz. Den kindervers kennen wir
nur als festgefügtes glied der strophe. TVenn er die fortsetzung des altgermanischen
vorses wäre, müste auch dieser als glied einer strophe überliefert sein. Da dies nach
Ileuslers entscheidung nicht der fall ist, so kann die Identität des altgermanischen und
des kindcrliedverses nicht aufrecht erhalten werden, und sie hätte nicht behauptet
werden sollen. Wie wäre es auch möglich! Heusler legt so viel gewicht darauf,
dass die metrische forschung sich von der last der buchstaben frei mache. Aber
ihm selbst hängt diese last noch am ränzel. Denn was soll es hoissen, den kinder-
vers mit dem alliterationsvers zu identificieren, ohne dabei zu beachten, dass w4r das
kinderlied nur kennen als „gesungen oder gesprochen zu den ringeltänzen, zum gänsc-
marech, während man die kinder auf armen oder knien schaukelt" (s. 38), also nur
als getanztes oder algemein ausgedrückt von taktmässiger, rhythmischer körperbewe-
gung begleitetes. Wo wäre von alle dem bei unserer alliterationsdichtung auch nur
entfernt die i*edeV Es hat noch niemand den versuch gewagt, das versmass des
Hildebrandsliedes als getanztes auszugeben. Denn es ist etwas ganz anderes, wenn
Schei-er behauptet hat, an die tanzbewegungen seien ursprünglich auch die werte
gebunden gewesen. Scherer hat auch betont, dass darnach eine zeit gekommen ist,
in der das lied sich vom tanze losgelöst hat, und er ist es auch gewesen , der behaup-
tet hat, schon in gi'auer vorzeit habe es eine poesie — die epische — gegeben, die
weder getanzt noch gesungen worden sei, für deren rhythmik folglich auch ganz
andere Voraussetzungen zu gelten haben. "Weder Möller noch Heusler haben die durch
die Verschiedenheit der poetischen gattung bedingte vei"schiedenheit der
rhythmischen sti'uktur bedacht. So ist also von vornherein die unmittelbare Zusammen-
gehörigkeit des heutigen kinderverses mit dem alliterationsvers unserer epen hinfällig ^
Dann verliert aber Heusler jegliche stütze für seine einschi-änkung der dipodie
auf die ictenfolge x' x* x' x\ Sievers hat gerade im volkstümlichen vers wechselnde
gruppierung von haupt- und nebenictus belegt. Heusler gibt das Volkslied ganz preis
und lässt nur in den kiudcrsprüchen die uralte sitte nachklingen. Er hat auch
nichts dazu getan, was den methodologischen fehler ausgliche, die Strophen dos min-
nesaugs mit der stichischen alliterationsdichtung zu verknüpfen (s. 91 fgg.)- Es wäre
die aufgäbe gewesen, sich ernsthaft mit Müllenhoif Z. f. d. a. 23, 151 auseinandei-zu-
setzcn, der in der bündigsten weise die annähme strophischer gliederung für die
westgermanische cpik ad absurdum geführt hat. So fält auf Heusler selbst zurück,
was er von dem zur voi*sicht mahnenden Wilmanns sagt: sein oxperiment erinnert
an das niesser ohne klinge, dem der griff fehlt. Die frage: warum muss denn mit
dem stabreimvei-s selbst aucli alles andere der stabreimdichtung vei-schoUen sein? —
diese frage hätte Heusler nicht stellen sollen. Wird doch s. 11 fg. eine reihe von
faktoren, die den eigentlichen cliaraktor der Stabreim verse bestimmen, wie die lang-
reihigen auftakte, die alliteration selbst, ja sogar die straffe regel von der hebungs-
1) "Was (liosen selbst bolrift , so ist , nebonboi bomorkt . «lio Roansion , die Mnilcr und Heuslor
vertioten, mit den nfu«^n an«chauniigen ü>»er die gormanipchon iKJtonnngyformon nicht vereinbar (Beitr.
14, 68. 15, 262 u. a;.
554 KAUFFMANN
ftihigkeit der verschiedenen Wortklassen preisgegeben — was bleibt aber dann noch
vom alten stabreimverse übrig?
Die bedeutung der alliteration ist von Möller und Heusler nicht genügend
gewürdigt worden. Zwar hält auch Heusler den grundsatz aufrecht, dass die gewich-
tigen Satzglieder im guten taktteil stehen und durch den reim noch energischeren
nachdruck bekommen haben werden. Auch Möller hat s. 165 anm. hervorgehoben,
der takt des allitcrationsverses Verstösse niemals gegen die nachdrucksaccente. Ich
sehe mich ausser stände, auf dem boden dieses grundsatzes verse wie her was Oia-
chrcj cnti mit fastun , sumifatarungo u. a. zu verteidigen. Wenn nämlich seoli-
ddnth. simufätarüngö nicht zulässig, so bleibt nur sunu — fdtarungo übrig, d. h. dann
müssen die compositionsglieder um takt und dipodie zu retten durch eine ^/^^a,nsQ
getrent werden. Hoinzel hat sich bereits (Anz. XVII, 3) hiergegen ausgesprochen.
Heusler sucht diese Schwierigkeit möglichst zu umgehen. Otfrids fuaxfallonti soll
die form | | i | i | ( haben. Warum denn nicht f \ " | f f [ f 1 ? oder Otfrids
ubar sunnun Höht als * f | | | | | | und nicht als p U I T' J I 1 ' " ? Wenn
Otfrids vors nicht unter 4 silben sinken kann, so wird zunächst jeder unbefangene
darin eine bedeutsame Übereinstimmung mit dem Stabreim vere erkennen; wenn aber
Heusler sich auf den Ijöpahdttr bezieht, so folgt doch aus der zweigliedrigkeit des
Schemas, das mindestens duich 2 silben vertreten sein muss, nicht die viergliedrig-
koit der taktierung, die Heusler als gegeben betrachtet.
Nun ist aber nach Heusler, was man im gewöhnlichen sinne Volkslieder nent,
nicht dipodisch (s. 5), vielmehr wie Otfrids vers monopodisch; d. h. nicht, dass im
vei"se die 4 hebungen mit gleicher stärke scandieii: würden, die icten sind nur prin-
cipiell gleichwertig; es besteht freie abwechslung, es dominieren nicht immer diesel-
ben hebungen (hebung 1. 3 wie im kinderlied), sondern auch 2. 4 usw. Der vier-
gliodrige vers könne von seinen 4 guten taktteilen nach belieben bald diese bald jene
stärker hervortieten lassen. Heusler gibt zu, dass gegen die von Sievers gegebene
formulierung des begrifs dipodie an sich nichts einzuwenden, dass wenigstens ein teil
germanischer reimdichtung auch in seinem sinne dipodisch gemessen sei. Die beschran-
kung des Schemas x' x x' x auf den kindervers erklärt sich ganz einfach aus dessen
schon erwähnter besonderheit, dass er mit gleichmässig wechselnder körperbewegung
vorgetragen wird. Wo diese fehlt, haben wir auch jene strenge abfolge des nach-
druckswechsel nicht zu erwarten. Die freiheit Otfridischer versraessung mit ihren
principiell gleich- und ungleichwertigen icten eignet der gesamten reimdichtung. Die
aussonderung der kinderlicder aus dem gesamtschatze der volkspoesie kann ich nicht
gutheisscn. Hier gilt es nach einer höheren einheit für den volkstümlichen vers zu
suclien und diese ist von Sievers gefunden woixien.
S. 13 fgg. gibt Heusler eine neue bourteilung von Otfrids ictenzeichen
Hier finden sicli ganz ausgezeichnete beobachtungen, denen ich freudig beistimme.
Sehr richtig wird s. 15 als kern des ganzen problems die frage gestelt, ob für Otfrids
Sprache überhaupt noch jene satztongosetze gegolten haben, von welchen wir die
spräche der stabreimenden dichtmigen gebunden wissen. Heusler meint nun, ohne
leider auf eine diesbezügliche Untersuchung sich einzulassen, eine acceutuation wie in
himilgiiallichi mit ictus auf zweiter hebung solte vcrhindeni, dass dieselbe unter
die dritte herabsinke, solte mit andern werten verhüten, dass der vertrag in die
dipodie " " verfalle. Dies zugegeben, wird man die von Heusler gezogenen folge-
ÜBER HKÜ8LKR, ALTDEUTSCHE VERSKUNST 555
ruDgen nicht in den kauf nehmen. Otfrid selbst und seine hörer und leser seien an
dipodische dichtung gewöhnt gewesen. Kurz vorher hatte Heusler es abgelehnt,
Otfrids versmessung als einen ummodelungsprocess aufzufassen — und hier lässt er
Otfrid abwägend vorbeugen, dass ein vers wie tcortmi frenkisgen ja nicht als wor-
tmi frhnkisghi gelesen werde! Hält es Heusler überhau)>t für denkbar, dass bei der
auch von ihm giundsätzlich anerkanten einheit von wort- und versbetonung über-
haupt jemand zu Otfrids zeiten auf die ganz unmögliche sprechform frenkisgen hätte
verfallen können? Und wenn man gerne zugeben wird, der ictus sei in solchen fäl-
len mahn zeichen podischen Vortrags, was folgt daraus anders, als dass gerade diese
vei'so des £vangelienbuchcs nicht wie die andern gelesen werden solten; dass tatsäch-
lich auch Otfrid die mehrzahl seiner verse dipodisch, die minderheit podisch gelesen
haben wolte (auf die saeculares voces hätte sich Heusler nicht berufen sollen, denn
sie sind formelhaft und stammen vermutlich aus dem Sedulius, vgl. Huemers ausg.
s. 361 fg.)^ Heusler geht doch selbst so weit, dass er sagt, der erste takt habe
accentlos bleiben können, da er auch im dipodischen vertrag den starkton getragen
habe. Das hat aber docli nur dann sinn, wenn wie gesagt die majorität unserer
Otfridverse dipodisch (sowol als 1. 3 wie 2. 4 vgl. s. 19 fg.) gelesen worden ist —
(juod erat demonstrandum. Heusler selbst erhebt s. 20 gegen seine theorie noch den
durchschlagenden einwand, dass, wenn es dem urheber der accentzeichen darum zu
tun gewesen, monopodische lesung zu markieren, er nicht bei den versen 1. 3 und
2. 4 die stärksten Silben, gerade die gipfel als dipodien bezeichnet hätte, während
umgekehrt bei vei-sen 1. 3 die Senkungen 2. 4 (vgl. s. 22), bei versen 2. 4 die Sen-
kungen 1. 3 hätten ausgezeichnet werden müssen, wenn die absieht bestand, dipo-
dische lesung zu verhüten. Ich erkläre mich aber mit Heusler einverstanden, dass
ein Zusammenhang der ictenzeichen mit der structur des alliterationsverses , ^ie ihn
Sievers durchzuführen verauchte, tatsächlich niclit besteht (s. 25 fgg.). Es kann von
einem widerstreit zwischen rhythmischem Schema und Satzbetonung schlechterdings
nicht die rede sein. Ich gehe jezt noch weiter als Heusler. Diejenigen verse, deren
accentuicrung sich nicht mit der prosabetonung deckt, sind nicht bloss nicht aus den
alten typen, sie sind überhaupt nicht aus der Vortragsweise alliterierender dichtung
zu erklären; es handelt sich auch nicht um einen konflikt zwischen dem neuen
monopodischen versmass und der alten gewöhnung an die dipodie, sondern es handelt
sich um die erst mit der i*eimposie volzogene einführung dipodisoher versmessung.
Die Stabreimdichtung hat nichts vergleichbai'es. Otfrid hat zum ersten mal ein um-
fängliches deutsches buch in dem versmass lateinischer rhythmen geschrieben,
nachdem scliou geraume zeit vor ilun mit der alten technik gebrochen worden war.
Die kurz verse des lateinischen rhythmus — man solte nicht immer auf den hym-
nonvei-s sich berufen' — zeigen ganz denselben bau wie die kurz verse Otfrids, wovon
man sich leicht überzeugen kann, wenn man einen beliebigen lateinischen rhythmus
nach den regeln deutscher Satzbetonung liest. Das von W. Meyer aufgestclte priii-
cip des taktwechsels ist nichts anderes als die freiheit der ictenstellung. Es ist auch
für die lateinischen rhythmen nicht zulässig, das dipodische mass auf " '* einzu-
schriiiiken, sondern hier wie dort bilden das gerüste zwei volle icton, neben denen
2 schwUchoro nebonicten das taktmass füllen. Dazu komt, wie R. M. Meyer schon
1) ^^S^- jozt dio guten darlegungen boi J. Kello, Gcschichto dor doutschen littoratur s. 17 fg.
60 u. ü.
1) })eda, do arte mothca z. b. citiort hymnon, dio nach klassischen metron gel>aut sind. Vgl.
Walahfridus Strabo, do oxurdüä ot incremontis usw. c. 2C (ed. Kuuopflor).
- 554 KAUFFMANN
fähigkeit der verschiedenen Wortklassen preisgegeben — was bleibt aber dann noch
vom alten Stabreim verse übrig?
Die bedeutung der alliteration ist von Möller und Heusler nicht genügend
gewürdigt worden. Zwar hält auch Heusler den grundsatz aufrecht, dass die gewich-
tigen Satzglieder im guten taktteil stehen und durch den reim noch energischeren
nachdruck bekommen haben werden. Auch Möller hat s. 165 anm. hervorgehoben,
der takt des alliterationsverses Verstösse niemals gegen die nachdrucksaccente. Ich
sehe mich ausser stände, auf dem boden dieses grundsatzes verse wie her was Ota-
chre, cnti mit fastun, sunufatarungo u. a. zu verteidigen. "Wenn nämlich seoU-
däntl, sünufätarungö nicht zulässig, so bleibt nur sunu — fätarungo übrig, d. h. dann
müssen die compositionsglieder um takt und dipodie zu retten durch eine ^/^^Buse
getrent werden. Hoinzel hat sich bereits (Anz. XVII, 3) hiergegen ausgesprochen.
Heusler sucht diese Schwierigkeit möglichst zu umgehen. Otfrids fuaxfallonti soll
die form | | i | | | | haben. Warum denn nicht f \ " | f f | f i ^ ^^®^ Otfrids
ubar sunnun lioht als * f | f | | | | und nicht als p p I T' P I 1 l ^ Wenn
Otfrids vers nicht unter 4 silben sinken kann, so wird zunächst jeder unbefEugene
darin eine bedeutsame Übereinstimmung mit dem Stabreim vei*s erkennen; wenn aber
Heusler sich auf den Ijößakdttr bezieht, so folgt doch aus der zweigliedrigkeit des
Schemas, das mindestens duich 2 silben vertreten sein muss, nicht die viergliedrig-
keit der taktierung, die Heusler als gegeben betrachtet.
Nun ist aber nach Heusler, was man im gewöhnlichen sinne Volkslieder nent,
nicht dipodisch (s. 5), vielmehr wie Otfrids vors monopodisch; d. h. nicht, dass im
vei-se die 4 hebungen mit gleicher stärke scandiert würden, die icten sind nur prin-
cipiell gleichwertig; es besteht freie abwechslung, es dominieren nicht immer diesel-
ben hebungen (liebung 1. 3 wie im kinderlied), sondern auch 2. 4 usw. Der vier-
gliodiige vers könne von seinen 4 guten taktteilen nach belieben bald diese bald jene
stärker hörvortreten lassen. Heusler gibt zu, dass gegen die von Sievers gegebene
formulierung des begrifs dipodie an sich nichts einzuwenden, dass wenigstens ein teil
germanischer reimdichtung auch in seinem sinne dipodisch gemessen sei. Die beschrän-
kung des Schemas x' x x' x auf den kindervers erklärt sich ganz einfach aus dessen
schon erwähnter besonderheit, dass or mit gleichmässig wechselnder körperbewegung
vorgetragen wird. "Wo diese fehlt, haben wir auch jene strenge abfolge des nach-
druckswechsel nicht zu erwarten. Die freiheit Otfridischer versmessung mit ihren
principiell gleich- und ungleichwertigen icten eignet der gesamten reimdichtung. Pw
aussonderung der kinderlioder aus dem gesamtschatze der volkspoesie kann ich nicht
gutheissen. Hier gilt es nach einer höheren einheit für den volkstümlichen vers ro
suchen und diese ist von Sievers gefunden worden.
S. 13 fgg. gibt Heusler eine neue beurteilung von Otfrids icten zeichen
Hier finden sich ganz ausgezeichnete beobachtungen, denen ich freudig beistimme.
Sehr nchtig wird s. 15 als kern des ganzen problems die frage gestelt, ob für Otfrids
Sprache überhaupt noch jene satztongesetze gegolten haben, von welchen wir die
Sprache der stabreimendon dichtungen gebunden wissen. Heusler meint nun, ohne
leider auf eine diesbezügliche Untersuchung sich einzulassen , eine accentuation wie in
himilgüallichi mit ictus auf zweiter hebung solte verhindern, dass dieselbe unter
die dritte herabsinke, solte mit andora werten verhüten, dass der vertrag in die
dipodie " " verfalle. Dies zugegeben , wird man die von Heusler gezogenen folge-
ÜBEB HEÜ8LRR, ALTDEUTSCHE VER8KÜN8T 555
ruDgen nicht in den kauf nehmen. Otfrid selbst und seine hörer und leser seien an
dipodische dichtung gewöhnt gewesen. Kurz vorher hatte Heusler es abgelehnt,
Otfrids versmessung als einen ummodelungsprocess aufzufassen — und hier lässt er
Otfrid abwägend vorbeugen, dass ein vers wie ivortan frenkisgen ja nicht als wör-
ton frhnkisghn gelesen werde! Hält es Heusler überhaupt für denkbar, dass bei der
auch von ihm gnindsätzlich anerkanten einheit von wort- und versbetonung über-
haupt jemand zu Otfrids zeiten auf die ganz unmögliche sprechform freiikisgen hätte
verfallen können? Und wenn man gerne zugeben wird, der ictus sei in solchen fäl-
len mahn zeichen podischen voilrags, was folgt daraus anders, als dass gerade diese
vei*se des Evaugelienbuches nicht wie die andern gelesen werden selten ; dass tatsäch-
lich auch Otfiid die mehrzahl seiner verse dipodisch, die minderheit podisch gelesen
haben wolte (auf die sa^culares voces hätte sich Heusler nicht berufen sollen, denn
sie sind formelhaft und stammen vermutlich aus dem Sedulius, vgl. Huemers ausg.
s. 361 fg.)^ Heusler geht doch selbst so weit, dass er sagt, der erste takt habe
accentlos bleiben können, da er auch im dipodischen vertrag den starkton getragen
habe. Das hat aber doch nur dann sinn, wenn wie gesagt die majorität unserer
Otfrid verse dipodisch (sowol als 1. 3 wie 2. 4 vgl. s. 19 fg.) gelesen worden ist —
quod erat demonstrandum. Heusler selbst erhebt s. 20 gegen seine theoiie noch den
durchschlagenden einwand, dass, wenn es dem urheber der accentzeichen darum zu
tun gewesen, monopodLsche lesung zu markieren, er nicht bei den versen 1. 3 und
2. 4 die stärksten silben, gerade die gipfel als dipodien bezeichnet hätte, während
umgekehrt bei vei-sen 1. 3 die Senkungen 2. 4 (vgl. s. 22), bei versen 2. 4 die Sen-
kungen 1. 3 hätten ausgezeichnet werden müssen, wenn die absieht bestand, dipo-
dische lesung zu verhüten. Ich erkläre mich aber mit Heusler einverstanden, dass
ein Zusammenhang der ictenzoichen mit der structur des alliterationsverses , wie ihn
Sievers durchzuführen verauchte, tatsächlich nicht besteht (s. 25 fgg.)« Es kann von
einem widerstreit zwischen rhythmischem Schema und Satzbetonung schlechterdings
nicht diu rede sein. Ich gehe jezt noch weiter als Heusler. Diejenigen verse, deren
accentiüerung sich nicht mit der prosabetonung deckt, sind nicht bloss nicht aus den
alten typen, sie sind überhaupt nicht aus der Vortragsweise alliterierender dichtung
zu erklären; es handelt sich auch nicht um einen konflikt zwischen dem neuen
monopodischen versmass und der alten gewöhnung an die dipodie, sondern es handelt
sich um die erst mit der reimposie volzogene einführung dipodischer versmessung.
Die Stabreimdichtung hat nichts vergleichbares. Otfrid hat zum ersten mal ein um-
fängliches deutsches buch in dem versmass lateinischer rhythmen geschrieben,
nachdem schon geraume zeit vor ilun mit der alten technik gebrochen worden war.
Die kurz verse des lateinischen rhythmus — man solte nicht immer auf den hym-
nenvers sich berufen' — zeigen ganz denselben bau wie die kurz verse Otfrids, wovon
man sich leicht überzeugen kann, wenn man einen beliebigen lateinischen rhythmus
nach den regeln deutscher Satzbetonung liest. Das von AV. Meyer aufgestelte prin-
cip des taktwechsels ist nichts anderes als die freiheit der ictenstellung. Es ist auch
für die lateinischen rhythmen nicht zulässig, das dipodische mass auf " " einzu-
schränken, sondern hier wie dort bilden das gerüste zwei volle icton, neben denen
2 schwächere nebenicteu das taktmass füllen. Dazu kernt, wie R. M. Meyer schon
1) Vgl. jozt die ffuton darlegungeu bei J. Kollo, Goschichto dor doutschen littoratur s. 47 fg.
69 a. ö.
1) Beda, do arto motnca z. b. citiort hymnou, die nach klassischen metron gebaut sind. Vgl.
Walahfridus Strabo , do oxurdiiä ot incrtimcntis usw. c. 'JG (od. Kuuopftor).
556 KAUFFMANN
gezeigt hat, dass die existenz einer halbierenden cäsiir bei Otfrid wie in den latei-
nischen rhythmen das gewichtigste argument für dipodische versmessung liefert (QF.
58, 38 fgg.). Nicht bloss die Spielerei mit dem akrostichon in den widmungsgedich-
ten weist uns in die lateinische schule, in der Otfrid seine reimerei gelernt hat. Es
lassen schon Commodian und Sedulius genau wie Otfiid die namensformen durch
anfangs- und endbuchstaben der vei-sreihen gebildet werden; ich verweise noch auf
Poctao Latini aevi Cai'olini I, 4. 35. 423. 620 (der herausgeber hat hier das doppelte
akrostichon nicht bemerkt); U, 4. H, 421 (wie bei Otfrid und "Walahfridus Strabo,
so auch bei ihrem gemeinsamen lehier 11, 167). Der ganze apparat, mit dem das
Evangelienbuch in die öffentlichkeit gegeben worden ist, zeigt die mode der zeit und
die liebhabereien lateinischer schulpoesie. Wandalbert von Prüm schickt seinem Mar-
tyrologium (c. a. 848. Poetae latini IT, 567. Neues archiv IV, 305) nicht bloss
eine epistola voran: ad illustrem virum Otricum clericum super eis quae sequenii
opere continentur metrarum gmieribus — dem grammatisch -metrischen Sendschreiben
an Liutbert vergleichbar — , sondern er fügt auch widmungsgedichte ad Caesarem sowie
an seinen freund Floru^s bei und vei^säumt so wenig als Otfrid die vorbildlicho bedeu-
tung der Juvenous Arator Prudentius hervorzuheben ; vgl. auch Neues archiv IV, 523.
Es ist bekant, dass auch Otfrid in seinen lehrreichen selbstbekentnissen die
eigene verskunst als nicht-metrische bezeichnet hat (no^^ quo series scriptionis
hvjus metrica sit subtilitate eonstrieta) und widerholt davon spricht, dass der
reim das einzige gesetz für seine verse abgegeben habe. Zamcke hat mit präciser
deutlichkeit dargestelt (Bor. d. sächs. geselsch. 1871, 38 fgg.), wie almählich unter
rhythrmis eo ipso ein gereimtes gedieht verstanden worden ist Es sei auf die bedeu-
tende Stellung, welche die Afrikaner mit ihrer verliebe für den endreim einnehmeo,
verwiesen; vgl. die samlungen im Archiv für lat. lexicographie und grammatik I, 350.
576*. Der erete, der systematisch den [vorerst stets einsilbigen] endreim durch-
geführt hat, scheint Ck)mmodian gewesen zu sein; sodann hat Augustin seinen psalm
gegen die Donatisten durchgereimt (jede verszeile endet auf — e). In dem zweiten
hymnus des Sedulius ei*scheint der endreim gleichfals eingebürgert, aber noch der
hymnus rex aeierne domine (Daniel I, 85 fg.) zeigt unvolkommene reime; etwas
genauer ist der hymnus: apparebit repentina (Du Meril s. 135 fgg.). Im gegensatz
zu dem hymnus des Sedulius können die reimunvolkommenheit^n merkwürdig erschei-
nen. Es unterliegt keinem zweifei mehr, dass die im mittelalter ganz algemein ver-
breitete ansieht, der reim stamme aus der rhetorischen figur des homoeoteleuton, das
richtige getroffen hat (Zarnoke, Ber. d. sächs. geselsch. 1874, 56). Diese rhetorische
figur ist von einer unbekanten autorität zum zwecke volkstümlicher Wirkung in
die poesie eingeführt worden (Augustin sagt: ad ipsitis humillimi vulgi ei
omnino Imperitorum atqtie idiotartun notitiatn). In älterer zeit ist der gewohoheit
der rhetoren folgend nur hie und da der endreim am Schlüsse rhythmischer kola nutzbar
gemacht worden, während andere teile der gedichte ungereimt blieben (vgl. z. b. die
von Beda citierien hymnen). Otfrid verlangt consequenz in der Verwendung des
homoeoteleuton (assidue). Trotzdem sind auch ihm bekantlich einzelne reimlose verse
entgangen, die sich nicht alle als stabroimende reste auffassen, dagegen als auslaufer
eines älteren stils lateinischer dichtung sich vortreflich deuten lassen. Otfrid ist
indessen nicht der erste gewesen, der den endreim als gesetzmässige veraregel anem-
pfohlen hat. Lange vor ihm bewundern wir den wolklang stetig reimender gesänge
1) Korrekturnoto : Inzwischon ist erschienen 0. Dingeldoin, Der reim bei den Griechen und
Kömom. Leipzig 1802.
ÜBER HEVSLER, ALTBRÜTSCHE TERSKüNST 557
in dem kunstgeübten kreise irischer klosterdichter. Indem ebenmass irischer roim-
technik komt uns zum ersten mal die schöne errungenschaft der harmonio des laut-
Spiels zum bewustseiu. Es wäre ein falscher anachronismus mit Zeuss gram. celt. II,
910 fgg. die in den irischen klöstern üben-aschende reimfülle aus der einheimischen
verskunst herzuleiten (vorsichtiger ist Edzardi, Beitr. Y, 581). Die lateinischen Vor-
bilder sind für die poesie der muttersprache massgebend gewesen. Unmittelbare
Schüler irischer gelehrter waren die strebsamen Angelsachsen, die wie vieles andere,
so auch die reimkunst von Iren gelernt haben. Aldhelm, Aethelwald, Bonifatius,
ohne weitere namen zu nennen, stehen in der pflege des reims auf demselben Stand-
punkt wie Hiboruicus exul-Dicuil. Die ganze scala der dazumal üblichen reim-
formen lässt sich dui'ch die gedichte der genanten Angelsachsen vei-folgen (JafTe, Mo-
numenta Moguntina s. 38 fgg.). Gibt nicht das akrostichon in den versen des Boni-
fatius an Nithardus die beste antwoii: auf die frage, wo Kynewulf es gelernt hat, in
der Elene endreime anzuwenden und seinen namen akrostichisch einzulegen (vgl. auch
Kluge, Beitr. 9, 443)? Gewiss sind es die Angelsachsen gewesen, die in die pflauz-
stätten deutscher klöster die roimtechuik gebracht haben. Auf dem hintergrunde der
angelsächsischen mission in Deutschland hebt sich wie eine unscheinbare coulisse —
aber die scenerie des geistigen lebens im 8. — 9. Jahrhundert vervolständigend — die
durch die einführung des lateinischen rhythmus reformierte verskunst ab.
AV. Grimm hat in seiner geschichte des reims viel mühe aufgewendet, die ent-
stehung des endreims im hexameter zu verfolgen, ohne andere i*esultate zu erzielen,
als dass jahrhundeiio hindurch assonanzen oder reime in dem heroischen versmass
anklingen. Weltliche und geistliche gedichte sind lange durchgereimt worden, ehe
der leoninische hexameter für deutsche dichtung anregung bringen konte. Es ver-
dient nur die ansieht gründliche envägung, ob tatsächlich regelmässig zweisil-
biger reim zuerst im hexameter herschend geworden und von da in rhythmische
dichtung übergegangen ist (Sitzungsber. d. Münch. akad. 1882, 143 fg.).
"Wenn wii- für Otfrid nach dem meister fragen , in dessen schule er zur pflege
des endreims erzogen worden sein mag, so bietet sich der name Hmbanus Maurus
ganz von selbst. Das grosse gedieht de fide catholica ist von Hrabanus selbst als
rhythmo Carmen cmnpositum bezeichnet worden (Poetae lat. II, 197). Es finden
sich in der lateinischen dichtung alle Schattierungen des ein - und mehrsilbigen reims
bis zum rührenden reim. Wir haben hier die kategorien der deutschen reime Otfrids
(vgl. auch Bartsch, Sequenzen s. 129 fgg.)- Ich möchte nicht versäumen, auf die
versus de eversiono monasterii Glonnensis aufmerksam zu machen (c. a. 850. Poetae
lat. n, 14G. Sitzungsber. der Münch. akad. 1882, 96. Neues archiv IV, 296.
W. Grimm a. a. o. s. 164). Denn das lied besteht aus einer zweizeiligen Strophe,
die mit der Strophe Otfrids identisch ist. Da jede möglichkeit ausgeschlossen
ist, dass die strophe der versus aus deutscher kunstübung übernommen sei, so dürfte
die abhängigkeit Otfiids evident erscheinen. Seine strophe stamt aus dem repertoire
der lateiner.
Es ist zu bedauern, dass Heusler die volkstümUch lateinische rhythmik nicht
in den bereich seiner arbeit gezogen und die ältere deutsche verskunst, statt sie an
ihr geschichtliches Vorbild anzulehnen, durch seine übei"schätzung der kinderheder in
eine falsche Perspektive gebi-acht hat Auf die weitgreifende bedeutung der lateiner
gerade auch für die modernen volkstümlichen gesangsformen ist neuerdings von
Tobler in höchst lehrreicher weise aufmerksam gemacht worden, wie ich der Viertel-
jahrsschrift für musikwissenschaft 1891, 444 fgg. entnehme (Kühreihen oder kührei-
558 KAUTFMANN
gen, jodel und jodellied in Appenzell). Man wird der Wahrheit um ein beträchtliches
näher kommen, wenn man den kindervers, den volkstümlich deutschen vers, nicht
an die alliterationsdichtung, sondern an die vulgären lateinischen rhythmen unmittel-
bar anschUesst.
liegt nun aber in der deutschen reimdichtung ein radikaler bruch mit der
einheimischen älteren tradition — wer wolte es füi* zulässig halten , wenn Heusler sich
ein hinterpföiichen offen halt und am schluss eines durch schärfe der kritik ausge-
zeichneten kapitels behauptet: mehr als Otfrid haben andere, spätere dichter von dem
germanischen verse herübergenommen! Jüngere sollen in engerem Zusammenhang
mit dem alten stehen als ältere. D&s erscheint geschichtswidrig. Auch Notker baut
im Boothius eine doppel- Strophe wie
Unde in der tvuoft scuntay der luxxel getnaktaf
Unde in des wibes niinna lerta diu imo den wuoft rakia.
Dax sang er unde rox unx is kella erdrox
Und sus suoxo bat er gnadon die herren dero selon.
Heusler ist der meinung, eine unterströmung der metiischen Überlieferung habe
Otfrids reform nicht mitgemacht (s. 56). Er constatiert selbst, wie nahe die kleine-
ren deutschen reimdichtungen in ihrem versbau an Otfrid sich anlehnen und findet
sodann uin wonig mehr als ein Jahrhundert später eine grosso reihe geistlicher und
weltlicher dichtungen, die sich in wesentlich anderen bahnen bewegen. £s fallen die
sehr kurzen und sehr langen reimzeilen ins äuge. Heusler glaubt, dass für die dich-
tungen des 11. 12. jahrhundei-ts dreihebige veree ausreichen, und die verse, bei
denen man meist mehr als 4 hebungcn angenommen hat, doch viertaktig zu lesen
sind. Auf einen beweis hat Heusler freiwillig verzichtet (s. 58). Bei dreihebigen
versen ist die lezto hebung durch eine pause ereezt. Während nun aber Heusler
mit eifer dagegen kämpft, die silbenfolge ^ x von _ x metrisch zu unterscheiden
(z. b. s. 46) — ich stimme ihm darin, soweit die gesamte deutsche reimdichtung in
betracht komt, volkommen und mit freuden zu — , während er selbst behauptet, dass
bei Heinrich von Veldeke die dreihebigen verse sowol bei dem ausgang ^ x als bei
— X vorkommen, hält er es aufrecht, dass in diesem falle ^ x nicht als ^ x' ge-
nommen sein könne! Es streitet von Seiten des satzrhythmus durchaus nichts gegen
die annähme (s. 65 anm.), dass auch Vorsilben wie ne ge ir fir xe (Germ. 11, 445)
den schwachen taktteil füllen könten. Es ist folglich eine grosse zahl von belegen
zu streichen. Es bleiben nur 11 fälle übrig, die nach dem Wortlaut der Überlieferung
als dreihebig in anspruch genommen weitien können. Bei den sog. überlangen ver-
sen lässt Heusler nun auch das lebende Volkslied als verwante formen bergend mit-
reden (s. 67), und er unterscheidet sehr treffend zwischen leichter und schwerer
taktfüUung, die in der metrik der klassischen werke einem säubern, gefalligen gleich-
gewicht der taktglieder gewichen ist. Ich hätte in diesem abschnitt nur gewünscht,
dass das vorkommen von doppel versen in grösserem umfang anerkant worden wäre-
Noch schroffer gegen Otfrid stehen die sogenanten verse mit 4 hebungen bei
klingendem ausgang. "Wenn Heinrich von Veldeke stotide : gonde wie dage : kla9^
reime, so stehe er damit auf dem boden der altheimischen alliterationsdichtung, wah-
rend Otfrid dem lateinischen usus folge. Andere werden an der romanischen her-
kunft dieser klingenden roime noch länger festhalten. Es kann doch nicht zufall sein,
dass klingender reim nach fester regel angewendet sich zuerst bei höfischen dichtem
findet (Pilatus. Veldeke); wie solte höfische dichtung gerade in diesem stück etwas
einheimisch volkstümliches conserviert haben, während sie sonst so willig das ein-
ÜBER HEUSLER, ALTDEUTSCHE VERSKUNST 559
heimische vornehm bei seite geschoben hat? "Wenn es nun Heusler gar untemimt,
den rhythmus der ältesten minnolieder unmittelbar an den Stabreim vers anzuknüpfen,
wenn er z. b. MF. 39, 18 den dipodischen bau des vierhebungsverees in einer roin-
heit findet, wie er seit der stabreimenden zeit kaum in einem denkmal altdeutscher
dichtung zu tage trete, so wollen wir über die duichführbarkeit dieser sogenanten
rein dipodischen voiiragsweise mit Heusler nicht rechten, wol aber die stabreimdich-
tung dagegen verwahren, als ob in ihr Verstösse gegen den satzrhythmus vorkämen,
gegen die Heusler bei Otfrid so tapfer ins treffen gegangen ist. Mir ist es unerfind-
lich, wie man Musp. 37 als etwas anderes denn als reim vers aufifasson konte.
Sehi' schön hat Houslor den dipodischen bau der ältesten minnelieder nach-
gewiesen, womit nicht gesagt sein soll, dass ich seine ictensetzung in allen fällen
korrekt finde. Trotz der begoisterung für den rhythmus jo enicds ich niht ein kher
mildty ziehe ich . . 2cäs . . . eber wilde vor und kann nicht mit moderner empfind-
samkeit eber unter den tisch fallen lassen. Ich sehe nicht ein, waiiim nie frö wer-
den sit ein schlechter vierhebiger vers sein soll; man müste sich denn der besseren
einsieht verschliessen , dass nie frö' werden stt eine ebenso gute dipodie ist wie
d^ engdn ich dir ntet. tciex- nnder ufis xwein ist getan, iemer darbende sin,
ex ist den livihi gelich. Es rächt sich, dass Heusler nicht die dipodien ' " ' und
'* ' ' (z. b. göt d^n dinen Ifp) zulassen will. Sievers formulierung bewährt sich bei
der reiradichtung ebenso wie die mannigfaltigkeit seiner typen für die alliterations-
dichtung.
Für die bedeutung der Nibelungenstrophe (s. 104 fgg.) hebt Heusler zu-
nächst hervor, dass reichere taktfüUung (mehrsilbige Senkung) eine altertümliche
erscheinung ist, wie unreiner reim und mehrsilbiger auftakt, und dass die verschie-
denen redaktionen von dem bestreben geleitet waren, die reichere taktfüUung zu
beschränken. Auch in den versschlüssen ist eine glättondo band zu verspüren. So
wenig als die Kiirefiberges uise ein kiystallisches Strophengebilde gewesen, so wenig
wird in dem original des Nibelungenliedes gleichmässigkeit des vei'sausganges gegol-
ten haben *. Der normalschluss der ungeraden halbverse ist klingend. Es ist zu ver-
muten, dass das original zahlreiche halbvei'se mit stumpfem ausgang enthalten hat,
desgleichen eine nicht unbeträchtliche zahl von vei*sen mit klingendem schluss in
der zweiten Strophenhälfte. Beim Kürenberger sind diese lozteren entschieden 4 -hebig
zu lesen, für das Nibelungenlied soll das nicht gelten, weil verse wie dise degene,
sich ux hnobeii vorkommen: als ob diese nicht 4 -hebig gelesen werden könten. Den
Nibelungen fehlt, was beim Kürenberger bestimmend war, der dipodische bau. Mag
auch da und dort eine strophe in leidlich dipodischem tonfall erklingen (s. 112), im
Nibelungenlied ist dies zufällig. Wo bleibt hier der eifer, der in der ungleich mässig-
keit der Kürenbergstrophen so viel sinn zu ahnen wüste und zu linden glaubte? Auch
Uas Nibelungenlied geht in vortreflichcn dipodien, nur lassen sie sich in das enge
Schema Heuslers nicht einzwängen, so wenig als die lyrischen Strophen. Dass die
bearbeiter vielfach unter anschluss an formen der höfisch -romanischen kuost in
3 -hebige messung übergegangen sind, ist gerne zuzugeben. Heusler meint nun
aber, auch die 8. halbzeile sei ursprünglich 3 -hebig gewesen und (um vierhebigkeit
zu gewinnen) von den rodaktoreu geändert worden ; es habe sich der hang nach zwei-
silbiger taktfüUung mehr oder weniger stark geltend gemacht. In diesem .sinn recon-
1) Es wäro mit fremlen /u iHigrüsson, wonn künftii,' niclit mohr von oiner (bloss thuorotischon)
Nibelangen - , Qadran-, Murolt - strophe usw. als von absolut oinheitlichon systemon (wie die griechischen)
die rede wEre.
560 LÖBKKfi
struiert Heusler dreihebige schlusszeücn und ist dor ansieht, dass durchschnittlich
von 6 Strophen eine dreihebig in der schlusszeüe gewesen sei. Was mochte die
bearbeiter, die nach Heusler ausserhalb der volkstümlichen tradition stehen und in
andern fällen dem glcichmass höfischer kunst so willig nachgeben, vei'anlassen , die
Schlusszeile um eine hebung zu erweitern? Eine solche cadenz will mir gänzlich
unwahi-scheinlich vorkommen. Der volle schlussvers hat sich nach Heuslers eigenem
urteil nicht als lebenskräftig ei'wiesen, die jüngeren Strophenformen gehen bekantlich
immer nachhaltiger gerade auf dreihebigkeit des Schlusses aus.. Von den zahli'eichen
dreihebigen Schlusszeilen der handschrift A stimmen nach Heuslei'S Zählung nur 16
mit erschliessbaien original versen. Ich glaube auch, dass unter den formalen rück-
sichten das streben nach goregelter strophenform eine der wichtigsten gewesen ist;
aber nach Heusler müstc den bearbeitem ein ideales strophenschema vorgeschwebt
haben, wenn sie einheitliche gleichmässigkeit überhaupt hätten erreichen w^ollen. Das
Strophenschema war vielmehr für sie gegeben durch die modernere form der 1. — 3.
langzeile. Mir scheint bei Heusler der Sachverhalt geradezu auf den köpf gestelt zu
sein; die ästhetischen anforderungen, die er s. 158 geltend macht, wird wol die mehr-
zahl der leser mit einem fragezeichen versehen.
HALLE A. S. FRIEDRICH EAUFFHANN.
„Vom Rechte" und „Die Hochzeit**. Eine littei^ar- historische Untersuchung von
Carl Kraus. Wien 1891. In kommission bei F. Tempsky. (Sitzungsberichte der
kaiserl. akademie der Wissenschaften in Wien, philosophisch -historische klasse.
Band CXXllI. IV. Ausgegeben am 22. mai 1891.) 126 s. 2,50 m.
In meiner dissertation über die hochzeit 1887 hatte ich eine kritische und
kommentierte ausgäbe des gedichtes in aussieht gestelt. Äussere vorhältnisse nötig-
ten mich, meine arbeiten hierzu abzubrechen. Inzwischen erschien die ausgäbe von
AVaag, später das vorliegende vortrefliche buch von Kraus, das sich zum teil mit
meinen materialien deckt, zum teil aber (in der suche nach der theologischen quelle
des mutmasslich echten gedichts und in den übrigen nachweisungen aus der theolo-
gischen litteratur) mir, wie ich gern bekenne, weitaus den rang abgelaufen hat.
Indem ich, was die erörterungen über herkunft, spi'ache, reimkunst, text und
Verhältnis zu anderen geistiichen gedichten betrift, mich an die auch durch glückliche
emendationen bereicherte besprechung Edw. Schröders im Anz. f. d. a. XVII, 287 fg.
anschliesso, möchte ich mich hier mehr an verfahren und ergebnis der höheren kritik
und an die untorauchung der theologischen grundlage halten.
Ich hatte Diss. 36 gesagt: über dem gedieht vom Recht und über gewissen
interpolationen der Hochzeit ist dieselbe band beschäftigt gewesen, und 38: nur die
(von mir angenommenen) interpolationen weisen die verwantschaft mit dem Recht
auf. Später — hiervon konte Schröder leider nichts wissen (vgl. a. a. o. 289) —
erkante ich eine direkte mnarbeitung der parabel duich den dichter des Rechts, deren
Wirkungen sich sowol auf die erzählung als auf die deutungen ersti'eckten ; bis zu
einer reinlichen und befriedigenden Scheidung der demente war ich noch nicht gekom-
men. Eine weitere arbeit ist für mich durch das vorliegende buch überflüssig gewor-
den; ich habe aber wenigstens den trost, dass ich auf dem richtigen wege war.
Kraus ist durch verändeiie Stellungnahme weiter gekommen als ich, schliesst
jedoch an manchen punkten noch immer mit einem non liquet: die höhere kritik ist
zurückhaltender geworden. Dies ist natürlich kein Vorwurf; der fehler hatte auf mei-
ÜBER EltAUS, VOM RECHTE UND DIE UOOHZEIT 561
ner seite gelegen. Kraus geht vom Hecht aus. Stil, ideeokreise und anscbauungen
des gedichtes ergeben das bild einer dichterischen pei'sönlichkeit, die sich auch in
fremder Umgebung widererkennen liosse. Sie ist zu finden in der Hochzeit, und
sEwar vorwiegend in den stücken, die bereits Scherer — der uns alle in dieser sache
den richtigen weg gewiesen hat — als interpolationen erkante. Die beweisfüh-
rung von Kraus ist für die partien 7 — 144 (der eingang ist vielleicht — vers 6 doch
noch echt?), 484—580, 607—695, 707—779 (rund 400 verse) überzeugend und
abschliessend. Die grosse Schlussinterpolation 821 — 1054 weist in stil und ideen-
kreis dasselbe bild auf, wenn auch mit echten teilen durchsezt. Die partie von der
himlischen Jerusalem und den arbeitern im Weinberge 405 — 481 hat in der Überlie-
ferung gelitten , enthält aber vielleicht auch noch einiges echte. Von diesen 6 stücken
unterscheidet sich nach erfindung und stil die erzählung von der Hochzeit: sie weist
nur eine — schon von Schcrer erkante — einschaltung auf. Einige echte deutungen
sind erhalten, die meisten kleineren partien lassen keine sichere beurteilung zu, die
verlorenen deutungen können nicht umfangreich gewesen sein. — So weit Kraus.
Ungefähr so stellte sich auch mir das Verhältnis der teile dar, nur dass ich an
einigen punkten wegen Unterbrechung des Zusammenhanges einschaltungen innerhalb
einer interpolation annehmen zu müssen glaubte. Ich beruhige mich jezt bei der
ansieht von Kraus; das für den dichter aufgestelte stilprincip der ideenassociation (die
manchmal am blossen wort klebt) und logischen inkonsequenz reicht volkommen aus,
die auoh für diese partien von ihm behauptete einheit der herkunft zu erhärten.
Eins nur vermisse ich in seinen ausführungen: er erkent einflüsse der Überlieferung
auf das vom Verfasser des Rechts interpolierte gedieht von der Hochzeit an, lässt
aber nicht deutlich genug werden, wie weit er sich etwa noch eine dritte band, und
sei es die des lezten abschreibcrs, über dem uns vorliegenden texte beschäftigt denkt.
Die alternative: ursprüngliche parabel oder zutat, bez. Umarbeitung des dichters vom
Recht, ist nicht immer gestelt; es ist aber in solchen fällen das m'teil über die etwaige
lierktuift des betreffenden Stückes überhaupt ausgesezt.
Ich hatte eine dii-ekte lateinische vorläge für das echte gedieht angenommen,
aber nicht nachweisen können. Der grundstock schien mir, nach Schere rs vorgange
(den Kraus an der entscheidenden stelle: dax der brotäegom dar cham unde die
braut xuo im nam, dax bexeiehent aller meist den heiligen geist, der in dax nien-
niseh chumet, da ex mit [minjnefi (weitienj? ende genimit 839 fg. bekämpft) der
mystischen ausdeutuug des motivs von der geistlichen hochzeit zu entsprechen,
wonach der bräutigam der heilige geist, die braut die seelc, die hochzeit das zu
bezeichnen habe, was die deutsche mystik später „vcrgottuug" nante; die deutimgen,
die auf das geistliche motiv Christus sponsus ccclesiae hinauslaufen, schienen
mir hineingearbeitet, die auf Maria fremder anhang. Ich habe später eingesehen,
dass die konsequente durchführung der einen mystischen deutung, ohne abschwen-
kong nach der viel geläufigeren heilsgeschichtlichcn , von einem geistlichen dichter
des Xn. Jahrhunderts zu viel vorlangt wäre. Kraus geht auch hier von einem ande-
ren punkte aus. Er stelt zwei lateinische parabeln zusammen, eine aus Ilonoriius
Spec. Eccl. Dominica 29 Migno 172, 1065 fg. (dazu 1. c. 1093 D), und eine pseudo-
bemhardinische parabel ebd. 183, 767 fgg. de Christo et ecclesia, welche im stil
imseres gedichtes erzählen, wie Christus die Ecclesia als braut sich en^ählt, boten
zur Werbung schickt, sie heimholt, sich ihr vermählt, sie der hut starker männer
übergibt, fortzieht, um sein reich einzunehmen, und wie dann Lucifer, der schon
firfiher aus neid gegen gott sich erhoben, ihm die l)mut verunebi-t: das ist der jetzige
ZraSCHRin F. ÜKUTSCHK PHILOLOail::. BD. XXV. 36
562 LÖBNEB, ÜBEB KRAUS, VOM RECHTK UND DIE HOCHZEIT
stand der kirche, wir hoffen aber und harren der erlösung (d. i. der hochzeit am
jüngsten tage). Eine derartige bereits kontaminierte parabel sei, meint Ki*aus, die
vorläge unseres gedichtes. Ich hatte in meinen späteren Untersuchungen von diesen
parabeln, die ich in ähnlicher Fassung auch anderwärts fand, abstand genommen,
weil dabei eine sache, an der auch Kraus anstoss nimt, nicht zum austrag komt
nämlich die geschichte mit Luzifer. In den Ecclesiaparabeln ist sie integriei'onder
bestandteil, in der erzählung des gedichtes findet sich ein kurzer hinweis, in den
deutimgen fehlt sie, an ihre stelle tiitt die ausführliche Interpolation vom fall der
ongel, Schöpfung, sündenfall und erlösung. Mit der mystischen doutung hat sie
nicht viel zu tun, wenn auch bei der weit ausholenden manier der geistlichen dich-
tung ihre erwähnung am anfang nicht besonders aufTält. Für die Ecclesiaparabel ist
die bewachung der braut wichtig, das gedieht dagegen sagt: si mohten si vil lihte
hewarerij sine wolde doch nicht missesaren. Eine bereits in die erzählung einge-
schobene und deswegen verdächtige deutung bezieht die hut auf die anfechtungen,
die die seele vom teufel zu erleiden hat Dem widerspiicht: do vUxxete sich diu
fnaget ha% ir iccBte, danne si e tcpie, was aber sehr gut zur Ecclesiaparabel stimt,
nach der die braut sich in Ägypten in luto et latere befand. Dem schluss der
Ecclesiaparabel, welcher die venrnglimpfung durch Luzifer enthält, entspricht der
schluss des gedichtes, die fröhliche hochzeit, in keiner weise. Kraus hat zu allen
motiven der parabel theologische gnindlageu nachgewiesen; das bild, das er von der
direkten vorläge gibt, ist auch deutlich genug, aber eine herzhafte Stellung zu den
dennoch bleibenden Widersprüchen nimt er nicht. Nur so viel entnehme ich, dass
or sich eine Ecclesiaparabel als vorläge denkt, deren deutungen zum teil erbalten,
zum teil verändert und ausgangspunkte für die erweiternden zusätze des dichters vom
Recht geworden sind. Seine nachweisungen für die deutungen ergeben, dass der
bearbeiter sich nicht an eine bestimte der \ier bekanten auslegungen des motivs von
der Hochzeit hat binden wollen. Die mystische auslegung der pai'abel hat Kraus wol
absichtlich weniger bemcksichtigt. Ob mit recht, ist allerdings schwer zu entschei-
den, zumal da er mit seiner auffassung weit genug gekommen ist. — Da Kraus die
metrik als kriterium aufgegeben hat, konte er in der aufhellung der bedeutenden
Schwierigkeiten des interessanten gedichtes auch nicht weiter kommen. Die Unter-
suchung dos Rechts hat nicht mit solchen Schwierigkeiten zu kämpfen , da das gedieht
keine interpolatiouon erfahren hat. Die noch vorhandenen dunkelheiten bat Kraus
meiner Überzeugung nach durch seine von umfassender belesenheit zeugenden nach-
weisungen aus der theologischen litteratur gehoben.
Man gestatte mir einige kleine nachtrage.
Vom Recht 363 fg. got mage vil wol sin undir ir (der eheleute) dechin
der dritte geselle: Tertullian sagt: Wo solche zwei (nämlich christliche eheleute), da
ist er (Christus) der dritte. Hase, Kirchengeschichte I, 375. Genaueres anzugeben
ist mir nicht möglich.
Hochzeit 854: die cngel sollen den ersten menschen anbeten, geht zurück auf
Hebr. 1,6: Und widerum da er den erstgeborenen auf den erdkreis eingeführt, da
heisst es: Und alle engel gottes sollen vor ihm niederfallen (= Ps. 97, 7). — Vgl.
Droyer, Der teufel in der d. dichtung des m.-a. Diss. Rostock 1884, 13. Er ver-
weist auf Hagen, Ges. Ab. I, Adam und Eva. Der hinweis auf die biblische grund-
lago findet sich bei Dreyer nicht.
Zur mystischen hochzeit: Hugo v. St. Victor. Migne 175, 798 De amore Sponsi
ad Spousam: Spousus est Deus, sponsa est anima. Tunc autem sponsos doml est,
BOLTE, ÜBER RBULIN6, DIR KOMISCHE FIOUR IM DEUTSCHEN DRAMA 563
quaodo per ioternum gaudium mentem replct; tunc recodit, quando dulcedinem con-
templationis subtrahit. Sed qua similitudine anima sponsa Dei dicitur? Idco sponsa,
quia donis gratiamm subarrhata. Idee sponsa, quia casto amore Uli sociata. Idco
spoDsa, quia per aspirationem Spiritus sancti prolo virtutum fecuDdanda . . . quod
quisquc habet, hoc cuiquo arrha est.
LANDSBERG A. W. H. LÖBNER.
Die komische figur in den wichtigsten deutschen dramen bis zum endo
des 17. Jahrhunderts. A^on C. Reuling:. Stuttgai-t, G. J. Göschensche ver-
lagshandlung. 1890. 181 s. gr. 8. 4 m.
Eine geschichte der lustigen pei*son und der wichtigen rolle, die sie in ver-
schiedenen Perioden auf der deutschen bühne von den mittelalterlichen mystorien bis
zur feierlichen Verbrennung des Hanswurst durch Gottsched gespielt hat, wäre ein
dankbares, freilich auch umfassende Studien erforderndes unternehmen. Die vorlie-
gende arbeit zeigt schon durch den titel, dass sie diese aufgäbe nicht in vollem
umfange lösen will, sondern sich auf eine auswahl von dmmen beschränkt. Reuling,
ein Schüler Baechtolds, behandelt in zehn kapiteln (leider fehlt sowol eine inhalts-
übei-sicht wie ein register): 1. das erste orecheinen der komischen figui* in den
geistlichen spielen, 2. die fastnachtspiole, 3. das schweizerische drama, 4. Uans
Sachs, 5. die englischen komödianten, G. Jacob Ayrer, 7. herzog Julius [soll hoissen:
Heinrich Julius] von Braunschweig, 8. die zeit des dreissigjährigen krieges, 9. Chri-
stian Weise, 10. die extemporierte komödie Sti*anitzkys. Fleissig und genau, aber
etwas trocken excerpiert der autor die einzelnen stücke auf ihre handlung und die
mehr oder mindei' gelungene Verbindung der lustigen person mit derselben und stelt
am Schlüsse jedes kapitels die erhaltenen charakterzüge in einer tabellarischen Über-
sicht zusammen. Seit der ältesten zeit erscheint der lustigmacher, sei er nun teufel
oder bauer oder ein knecht niederer abkunft, als ein fressgieriger, trunkliebondcr, gei-
ler und zugleich feiger geselle, spottlustig, boshaft und unflätig wie Eulenspiegel und
dann wider gutmütig oder bitter moralisierend; auch die einzelnen komischen motive,
Wortwitz, wörtliche auslegung von befehlen, mis Verständnis fremden dialekts, pantof-
felhoi-schaft, hanreitum u. a., werden aufgezählt und durch vergleich mit früheren
kapiteln die neuheit einzelner züge hervorgehoben. Die Verwendung des narren als
cinschreiers und prologsprechei*s in schweizerischen stücken des 16. Jahrhunderts
ist nicht vergessen, die verechiedenen namen des Hanswurst vom knecht Rubin bis
zum Fuchsmundi werden angegeben (s. 86. 79. 107. 125. 150. 166), auch über seine
kleiduug wird berichtet (s. 69. 84). Damit bietet Reuling uns ein verlässliches und
gut geordnetes material, das als Vorarbeit für eine umfassendere und eingehendere
Untersuchung sich jedesfals nützlich erweisen wird.
Denn wenn auch die auswahl der dramen verständig getroffen ist, so zeigen
sich doch in der betrachtung des 16. und 17. Jahrhunderts manche lückon. Dass
s. 50 der name des Valentin Apelles (Goedeke, Gmndriss' 2, 368) fehlt, ist ein
geringes versehen; aber wir hören gar nichts von der niederdeutschen, von der neu-
lateinischen komödie, von Macropedius, Frischlin, Gramer, Rosefeld; das drama der
fahrenden komödianten wird nur eben gestreift, während doch eine Untersuchung des
Juden von Venedig, der stücke Kormarts, auch Christian Reutera hier zu fruchtbaren
betrachtungen hätte führen müssen. Eine tiefergehende quellenuntersuchung der
komischen stoffe und motive wird allerdings auf manche seitcnpfade leiten, an denen
36*
564 HOLTE, ÜBEB RBULIN6, DIE KOMISCHE HGUB IH DEUTSCHEN DRAMA
der Verfasser als an irwegen rasch vorübergeschritten ist, aber auch vielen gewinn
bringen. Die oinflüsso des französischen, des italienischen, des englischen theaters
dürfen nicht übergangen werden. S. 2 heisst es: „Der knecht Rubin ist die erste
frei erfundene figur in der dramatischen deutschen litteratur^. Nun hat aber Martin
im Anzeiger für deutsches altertum 8, 311 gerade hierin eine nachahmung des altfran-
zösischen Robin nachgewiesen. Der name Oalliopius für den als regisseur auftre-
tenden nai'ren (s. 37) mahnt uns an den fortwirkenden einfluss des Terenz; vgl. Bolte,
Märkische forschungen 18, 213 zu Wolfg. Herman; femer Gnapheus, Hypocrisis 1544.
Ziegler, Abel iustus 1559. A. Moyenbrunn, Johannes der tfiuffer 1573. Rollenhagen,
Terentius 1592 vonede. Pape, Christiani hominis sors 1612 vorrede. Für Hans Sachs
wäre die neuerdings wider von Stiefel vorgenommene betrachtung seiner unmittelbaren
quellen, ebenso bei Ayrer die rücksicht auf die von ihm benuzten schwanke Kirch-
hoffs (Wendunmut 1, 139. 363. 371. 425), Valentin Schumanns u. a. förderlich gewe-
sen, trberhaupt wird man den engen Zusammenhang von bühnendichtung und anek-
dotensamlungen nicht aus den augcn verlieren dürfen imd auch die Stellung der
lustigen person im wirklichen leben als hofhan*, pritschmeister und Spruchsprecher
beachten müssen. Die zunehmende bedeutung des Hanswursts während des 17. Jahr-
hunderts erkent man daraus, dass viele beliebte darsteller dieser rolle sich zu prin-
cipalen von schauspielergeselschaften emporgeschwungen haben, wie sie ja auch
bestirnte charaktermasken bildeten und schufen. So trat Robert Reynolds als Pickel-
häring, Sackeville als John Bouset, Andreini als capitano Spavento auf, Spencer als
Junker Stockfisch, Tiberio Fiorilli als Scaramuzza\ Job. Valentin Petzold als Kilian
Brustfleck ^, Stranitzky als Fuchsmundi, Kurz als Bernardon. In den hauptaktionen
wüsten diese komiker in ihren dienerrollen durch unflätige karikatur der hauptper-
sonen das wolgefallen des grossen publikums auf sich zu lenken und trugen gerade
dadurch zur herabziehung des ernsten Schauspieles am meisten bei. Der schon
genante Kormart gibt durch seine bearbeitung des Timocrate von Thomas Corneille
hierfür ein lehrreiches beispiel (vgl. Herrigs archiv 82, 120 fg.). Die wachsende
berühm theit der clowndarsteller lässt sich kaum besser illustriei'eu als durch die
häufige tatsache, dass schwanksamlungen unter ihrem namen veröffentlicht wurden.
Ich stelle, da hierauf bisher kaum geachtet worden ist, kurz zusammen, was mir zur
band ist:
1) Außbündige gute bossen, oder außgeklaubte schnadriaken, durch herm Hen-
sel Wui-st. 0. 0. 1610. 8*^. — auch 1618. 8^ (Hayn, Bibl. Genn. erot. 1885 s. 354).
2) De geest van Jan Tamboer of uyt-gelese Stoffe voor de kluchtlievende
jonckheydt. Amsterdam 1656 (Grässo, Tresor 3, 450). — Amsterdam 1664. 3 bl. -f
268 s. 12°. (Berlin Zh 10176). — Amsterdam o. j. (Leiden). — Deutsch: Der
geist von Jan Tambaur. gedruckt in diesem itzigen jähre [vor 1692]. 290 s. 12*.
(Berlin Yt 9901, 3. Hayn citiert deutsche ausgaben von 1669 und 1673). — Jan
1) La vio de Scaramoache par Mezetin (A. Constantini) 1695. r^impr. par L. Moland 1876. —
Crebiirth, liOben und Todt des berühmten Scaramozza. 1728 zugleich mit dem italienischen texte (Berlin
Xx 7098). — Ck)nstantini , Het leven van Scharamonche door L. L. 2. drack. Amsterdam 1715 (Leiden).
Vgl. Hayn , Bibliotheca Gennanoram erotica 1885 s. 274 , der deutsche ausgaben Leipzig 1696 und o. j.
anführt.
2) Vgl. Scherer, Aus Goethes frühzeit 1879 s. 122—125. R. M. Werner, Ztschr. f. d. altert.
26, 289. - Eulonspiogel streiche des Kilian Brustfleck werden erzählt bei O. G. Ruckard, Die lachende
schul. Hall 1725 nr. 2. 51. 93. 127. 155 fg. 162 (Berlin Tt 10631) und in den ScheiT^iafften einfiUen und
lustigen historien 1753 nr. 50. 71. 72. 75. 172 (Berlin Yt 10431, 2).
EBDMANN, ÜBER RKIGKE, GOTTSCHEDS LEBBJAHBE 565
Tamboer war ein Amsterdamer Schauspieler; vgl. Worp, Tijdschrift voor noderL taal-
en letterkonde 3, 64.
3) FilamoD aus Miseioen, Der geist von monsieur Pickel -bering oder histori-
scher blumenthal. gedruckt im jähr 1666. 87, bogen 12®. (Berlin Yt9266, 1.) —
1670. 8 bogen 12«. (Berlin Yt 9380a, 2).
4) Philamon aus Miseinen, Der geist von monsieur Cortesan, oder historischer
lust-wald. gedruckt im jähr 1666. 200 s. 12<». (Berlin Yt 9266, 2). — Hayn citiert
noch einen druck von 1670.
5) Filamon aus Miseinen, Der geist dos pussierlichen Pussonellon. o. o. 1668.
(Hayn a. a. o.) — Auszüge aus nr. 2, 4 und 5 in „Des uhralten jungen Leyor-Matzs
lustiger correspondentz- geist''. 1668 und 1670. (Berlin Yt 9376 und 9380. Goe-
deke, Grundriss* 3, 266).
6) Der kurtzweilige und noch niemals auff der schau -bühne dieser weit auff-
getretene Arlequin . . . durch J. M. M. Leipzig 1691. 2 + 549 s. 12°. (Berlin Y't
9901, 1).
7) Der schnaack und geckhaffte, dabey ergötzende Scai*amutza, worin allerhand
lustige unp lächerliche begebenheiten enthalten. Leipzig, verlegts Hieron. Frieder.
Hoffmann. (Leipziger messkatalog ostern 1694, bl. H 1 a).
8) Der kurtzweilige Hanß -Wurst von Frölichshausen . . . von N. L. 1718. 334 s.
12°. (Berlin Yt 10431, 1).
9) Halecius Eyer- platz [= Joh. Paul Waltmann], Der in allen wissenchaftcn
erfahrne und wohlstudirto Pickelhering. 1720. 2 + 334 s. 12°. (Berlin Yt 10511). —
Röthenbach 1733. 308 s. 12°. (BerUn Yt 10516).
Man sieht also, dass der forschung auf diesem gebiete noch viel zu tun
übrig bleibt.
BERLIN. JOHANNES HOLTE.
Zu Joh. Christ. Gottsched's lehrjahren auf der Königsberger Univer-
sität. Von Johannes Reieke. [Abdruck aus der Altpreussischen monatsschrift
XXIX, 1. 2.] Königsberg i. Pr., Ferd. Beyer. 1892. 81 s. 2 m.
Die abhandlung, deren kleinerer teil (s. 1 — 16 und anmerkungen s. 40 — 60)
als Königsberger doctordissertation 1892 erschienen ist, gibt alles, was aus neuer
durchforsch ung der quellen — Schriften Gottscheds und seiner Zeitgenossen, kirchen-
bücher, universitätsacten und seltene drucke von gelegenheitsschriften — für die
kentnis von Gottscheds äusserem und innerem leben bis zu seinem unfreiwilligen
fortgange aus dem geliebten vaterlande (1724) zu gewinnen war. Auf Gottscheds
eigene persönlichkeit wie auf die seiner freunde, lehrer und gönner (namentlich
Pietsch's, dessen 1718 verteidigte, sehr pharakteristische thesen über dichtkunst und
Stil im anhange s. 72 — 81 abgedruckt sind), wirft dr. J. Reickes schritt neues licht.
Der pfaiTorssohn aus Juditten hat fast ein jahrzehent an den brüsten der Albertina
gelegen und galt — wie z. b. aus der ihm bei seiner promotion gewidmeten fest-
schrift hervorgeht, vgl, s. 38. 68 fg. — als ein besonders hervorragender und viel-
versprechender Zögling der Universität. Zu fest allen bestrebungen , die er in seinem
späteren leben mit eifer und Zähigkeit verfolgte, hat er den grund schon in Königs-
berg gelegt. Eigene anschauung des theaters freilich hat er nach seiner ausdrück-
lichen angäbe in der vorrede zum „Cato'' (dr. Reieke machte mich brieflich auf die
stelle aufmerksam) dort nicht gewinnen können; aber seine auf buchgelehrsamkeit
gegründeten ansichten von der „theatralischen poesie** sind, wie man aus derselben
566 lOSGKLLBN
voiTede schliessen kann, ebenfals schon in Königsberg im wesentlichen ausgebildet
worden. Die fleissige und von bibliothekarischer Sorgfalt zeugende schrift J. Reicke's
ist lehrreich für jeden, der eine richtige Würdigung des oft oberflächlich beurteilten
und verurteilten mannes gewinnen will; viele der gesammelten Zeugnisse haben aber
auch, typisch gefasst, ihren wert für die erkentnis des geschmackes und der geistes-
richtung, die zu anfang des 18. Jahrhunderts in den gelehrten kreisen Preussens und
Deutschlands vorhersehend waren.
KIEL. 0. EBDMANN.
MISCELLEN.
Zu den neutraleii engreln.
Mit bezug auf die von prof. Seeber in unserer Zeitschrift XXIV, 32 — 37
gegebene darstellung macht prof. dr. Ph. Strauch darauf aufmerksam, dass die dort
8. 35 angezogene baudschrift Sentlingoi's zu den sogeoanten Schwellhandschriften der
Weltchronik gehört. Die von den „neutralen engein* handelnden verse, die s. 35 fg.
unter 2) und 3) citiei-t sind, finden sich schon in der "Weltchronik von Jansen Eni-
kel, siehe Strauch, ausgäbe derselben (Monumenta Germanica, deutsche chroniken
m, 1. Hannover, Hahn. 1891) v. 229—236. 259—270. 320—326.
Die Zeichen > und <•
Da Hugo Schuchardt seinen zuei'st im Litteraturblatt für germanische und
romanische philologie (1892, sp. 40) veröffentlichten vorachlag (es handelt sich darum,
eine gleichmässige Verwendung der zeichen > und <C in sprachwissenschaftlichen
Publikationen herbeizuführen) auch in der Zeitschrift für vergleichende Sprachfor-
schung (bd. 32, s. 595 fg.), in den Beiträgen zur geschichte der deutschen spräche
und litteratur (bd. 16, s. 566) und vielleicht noch andei*wärts hat abdrucken lassen,
mithin seine meinung nach kräften zu verbreiten sucht, scheint es mir nötig, hier-
durch ausdrücklich darauf hinzuweisen, dass ich in dem zuerst genanten blatte (1892,
sp. 182 — 184) den beweis geführt habe:
1) dass die zeichen >* und '^ ungefähr gleichzeitig von Francis A. March
und Karl Yerncr zuerst angewendet worden sind und dass beide gelehrte sie in der-
selben geltung gebrauchen (x > y heisst: x wird zu y; x <. y heisst: x ist aus
y entstanden);
2) dass die Verwendung der zeichen in dem umgekehrten, von Schuchardt ver-
teidigten sinne nur ganz ausnahmsweise statgefunden hat, vielmehr die weit über-
wiegende mehrzahl deijenigen, die sich später dieser zeichen bedient haben, dem bei-
spiele von March und Yemer gefolgt sind.
Meine ausführungen scheinen algemein als zutreffend anerkant worden zu sein;
wenigstens habe ich nicht erfahren, dass auch nur eine stimme für Schuchardt sich
erhoben hat, während mir zahlreiche briefliche Zustimmungen zugegangen sind und
öffentlich Behaghel (Germania 37, 375), Sievers (Beiträge 16, 566) und Gaston
Paris (Romania 21, 469 fg.) für mich sich erklärt haben. Gaston Paris sieht sogar
die ganze frage als abgetan an und ist der Überzeugung, dass nun einmütig sämt-
liche Sprachforscher den beiden zeichen den von March und Verner ihnen beigelegten
wert belassen werden. Diese erwartung des berühmten französischen romanisteu ist
leider (wie z. b. nr. 9 des litteraturblattes beweist) alzu optimistisch gewesen; doch
NEUE ER8CHEINTJN0EN 567
darf ich meinerseits wol die hofnung aussprechen, dass die herausgebor linguistischer
Zeitschriften in ihren spalten fortan nur die Verwendung der beiden zoichen dulden
werden, die von mir als die historisch allein berechtigte und fast algemein im in-
und auslande gebräuchliche erwiesen ist.
KIEL. HCGO GERING.
NEUE ERSCHEINUNGEN.
Engelien, Angrust, Grammatik der nhd. spräche. 4. aufläge. VUI und 608 s.
7,50 m. — Leitfaden für den deutschen Sprachunterricht. II: für die
mittelklasson. Neue stereotypierte aufläge. 160 s. Im. — Die deutsche
Wortbildung für den schulgebrauch methodisch dargestelt. 45 b. 0,30 m. Ber-
lin C, W. Schnitze. 1892.
Die weite Verbreitung, welche die beiden ersten bücher bereits gefunden
haben, ist nicht unverdient; sie sind aus gründlicher arbeit und von nachdenken
begleiteter pädagogischer erfahrung ei'wachsen und bewältigen in klarer dai'stellung
eine grosse menge lehn-oichen Stoffes. Über manche theoretische frage kann man
abweichender meinung sein; unter den grammatischen benennungen beklage ich
die beständig gebrauchte „ imperfectum " für das geiinanische praeteritum. Die
tatsächlichen mitteilungen sind aus fleissigem Studium ginindlegendcr wissenschaft-
licher werke, sowie aus eigener lektüre der nhd. litteratur geschöpft und fast
durchweg zuverlässig; eine ausnähme macht die unrichtige notiz über ahd. fieixan
und giheixan (s. 176 der grammatik). Wenig eindringend ist, was s. 100. 375
über den artikel, s. 514 (nur ganz nebenbei!) über die woi*tstellung gesagt ist —
In döm dritten, jezt zum ersten male erschienenen büchlein über die Wortbildung
wären die ableitungen von getrost s. 20, glück s. 21 bosser fortgeblieben, o. s.
Heyne 9 Moriz, Deutsches Wörterbuch. Vierter halbbaud: licht — Quittung,
XXIV (erstes quellenverzeichnis !) und sp. 641 — 1238. Leipzig, S. Hirzel. 1892.
5 m.
Learned, Marion Dexter, the sage of Walther of Aquitaine. Baltimore 1892.
VI, 208 s.
Marold, K», Die schriftcitate der Skeireins und ihre bedeutung für die text-
geschichte der gotischen bibel. 10 s. 4. [Festschrift des königl. Friedrichskolle-
giums zu Königsberg i. Pr. 1892. s. 65 — 74.]
Wunderlich, Hermann, Der deutsche satzbau. Stuttgart, J. G. Cotta nachfol-
gor. 1892. XIV und 252 s. 4 m.
Inhalt: I. Verbum (1. abgrenzung von anderen Wortklassen; 2. formen;
3. Stellung). 11. Substantivum (1. algemeine abgrenzung; 2. gebrauchsformen).
III. Adjectivum. IV. Pronomen. V. Partikeln (1. algemeinos; 2) praepositionen ;
3. bindepartikeln.) — Der herr Verfasser teilt uns mit: „Im Verzeichnis der druck-
fehler und nachtrage (s. 252) sind einige berichtigungen leider in folge eines mis-
vcrständnisses ausgefallen. Wenn auch der sinn in den meisten fällen unschwer
zu erraten ist (so auch wol 212, 17 Verstrennung für Vertrennnng; 182, 21
bedrängt statt bedingt)^ so muss doch zu 59, 11 bemerkt werden, dass der satz
wie überhaupt — Präsens zu streichen ist, und dass 236, 17 die ursprüngliche
fassung in einem Falle sich bei der korrektur irtümlich in einmal umgewan-
delt hat ^
568
NACHRIOHTKN
NACHKICHTEN.
Es habilitierteu sich für deutsche philologie: in Wien dr. Max Hermann
Jellinek, in Münster dr. Karl Drescher, in Bern dr. 0. v. Greyerz. Der pri-
vatdocent dr. Oswald von Zingerle wurde als extraordinarius nach Czemowitz
berufen.
Am 15. august 1892 verschied zu Weimar dr. Reinhold Köhler, grossher-
zogl. sächsischer oberbibliothekar (geb. in Weimar 24. juni 1830). Er war ein her-
vorragender forscher auf dem gebiete der vergleichenden litteraturgeschichte, besonders
auch ein feinsinniger kenner der mittelalterlichen novellistik und der märchenlitte-
ratur. Unserer Zeitschrift hat er bis zum XVI. bände eine reihe wertvoller beitrage
gesani
Am 17. September 1892 verstarb dr. Ignaz Vinzenz Zingerle, edler von
Summersberg, k. k. regieinmgsrat, von 1859 bis 1890 professor der deutschen philo-
logie an der Universität Innsbruck (geb. 6. mai 1825 in Meran). Eine Schilderung
seines lebensganges von der band K. Weinholds enthält die beilage zui* Allg. zeitung
vom 1. Oktober; eine Übersicht seiner Schriften (vgl. auch C. v. Wurzbach, österr.
biograph. lexicon XL) ist in demselben blatte am 22. September gegeben. Eine reihe
kleinerer arbeiten Zingerles enthält Pfeiffers Germania, sowie unsere Zeitschrift (in
band n. IV. VI. IX. XI. XIE. XVII. XVIÜ. XXI. XXIV. XXVI).
Am .30. Oktober 1892 starb zuAarau der sagenforscher Ernst LudwigRoch-
holz (geb. 3. märz 1809 zu Ansbach).
Beriehtigrnng:.
In der anzeige des buches von Bechtel ist zu lesen: s. 368, zeile 12: „mit
Brugmaim; s. 372, z. 11: >); s. 374, z. 12: a'; s. 375, anm. 1, z. 2: ä', s. 376, z. 8
V. u.: skr. de'va, lit. devt; s. 377, z. 3 v. u.: pddm\ s. 378, z. 17: lit. nakt'(f\ s. 379,
z. 7 V. u.: gkveres\ s. 385, z. 27: erklärt **.')
I. SACHREGISTER.
Acrosticha in lateinischen gedichten und
bei Otfrid 556.
Adelungs Wörterbuch: Wielands wertschätz
im Geron verglichen damit 240 — 252.
alamodischo hobelbank 418 fg. vgl. gro-
bianische Schriften.
alliteration siehe raetrik.
altnordisch: eddische kosmogonie siehe
Edda.
Arnolds lateinische Übertragung des Hart-
mannschen Gregorius 126 fgg. vgl. Hart-
mann.
begräbnis moro Teutonico 139.
bibel Übersetzung, niederdeutsche, Bugen-
hagens anteil daran 134 fg.
Boccaccio : Hans Sachs als nachahmer des
B., siehe H. Sachs.
Bugenhagons anteil an der nd. bibelüber-
setzung 134 fg.
(.-apions schauspielerti'uppe siehe dieses.
Carmina Burana 27.
Chauken, Wohnsitze 129.
Cicogninis stück Statua in Dänemark ge-
spielt 321; vgL Schauspielertruppen.
Comeilles Polyeuct: deutsche bearbeitun-
gen 519.
Dänemark: deutsche schauspielertruppen
in D. 313 fgg.
Dennei-s schauspielertruppe 324.
drama vom verlornen söhn 140. deut-
sche schauspielertruppen in Dänemark
314 fg. kinderscenen 525. allegorische
figuren 527. komische figuren 563 fg. —
Vgl. Faust, A. Gryphius, Klinger, Mit-
temacht, Puppenspiele, Gottsched.
Eckenbergs schauspielertruppe 338.
Eckenlied: metiische abhängigkeit der
Carmina Burana von der weise des
Eckenliedes 1 fg., 27 fg. die in Car-
mina Burana überlieferte Strophe stelt
den ursprünglichen an£Emg des Ecken-
liedes dar 2 fg. — Helfrich von Lutrin-
gen oder Lune ursprünglich aUein in
der ersten strophe der alten dichtung
I. SACHBEGISTES
569
vertreten 3 fgg. bedeutau^ des namens
5 — 11. — ursprüngliche reihenfolge der
Strophen vom anfemg des originales bis
zum beginn des kampfes in der näch-
sten grundlage von L das 11 — 22. Ver-
hältnis der texte bei der Überlieferung
des kampfes 22 — 24. Dietrichs kämpf
mit Fasolt und Dietrichs besuch bei den
königinnen 24 — 27.
Edda: eddische kosmogonie 399 — 402.
Egbert v. Lüttich, fecunda ratis 423 — 430.
englische komödianten, ihr einfiuss auf
Mitternacht 527 fg.
Enikel, Weltchronik 566.
Faust: Verhältnis des böhmischen Puppen-
spieles zu den volksliedera von Faust
421 fg.
(loraer gymnasium : aufführungen von dra-
men im 17. jahrh. 510 fg.
Germanen: zeit ihrer ansiedlung im nord-
östlichen Deutschland 547 fgg. — Urhei-
mat der Indogermanen 549. vorindo-
germanische bevölkerung Europas 549.
— bestimmung des anfanges der ger-
manischen Sondersprache 550 fg.
geselschaftslied des 17. Jahrhunderts, siehe
liederbücher.
Gloim: briefe Herders und seiner gattin
an ihn 36 — 70. briefe Gleims an Her-
der 37 fg. 51 anm. 7; an Herders gat-
tin 42 anm. 2. 54 anm. 1. — sein urteil
über Jean Paul 40 anm. 6. über Stol-
borgs übertritt zum katholicismus 58
anm. 1. über die Xenien 47 anm. 1.
(Inaphaous Acolastus, Schaffhauser manu-
script 140.
Goethe: urteil Gleims über die Xenien 47
anm. 1. — gedieht: Der ewige Jude,
zeit der entstehung 289 fg. das gedieht
als angebliches zeugnis für Goethes
damaligen religiösen Standpunkt 289 —
300. einfluss der Verlobung auf seine
Stimmung 294 fg. widei*aufnahme des
planes auf dem wege nach Rom 296 fgg.
tendenz des gedichtes 299 fg. Verhält-
nis zu gleichzeitigen dichtungen 300 fg.
Goethes späteres urteil 301 fgg.
Gottsched in Königsberg 565.
grammatik. neuhochdeutsche: gebrauch
des pronomens: persönliches, unge-
schlechtiges pronomen 305 fgg. per-
sönliches, geschlechtiges pronomen 307
— 311. pronomen j)0ssessivum 311 fgg.
— hauptprobleme der indogermani-
schen lautlehre: Verhältnis von ablau-
tendem e und o 368. Schwächung des
mit muten und Spiranten verbundenen
vokals 369. des mit nasalen oder liqui-
den verbundenen vokals vor folgendem
vokal 370 fg. vor folgendem konsonan-
ten 371 — 374. Schwächung der Ver-
bindungen, eu 374 fg. dehnung 375 —
382. ^gen und diphthonge mit lan-
gem ersten komponenten 382 — 390.
die gutturale 390 — 393. / der Ur-
sprache 393 fg.
grobianische Schriften: alamodische hobel-
bank 418 fg.
Gryphius, Andreas: sein Papinian nach
Haskerls bearbeitung gespielt von der
Spiegelbergschen schauspielertruppe 331.
Hanswurst 564.
Hartmann von Aue: Gregorius, Verhältnis
der einleitung zur lateinischen überti-a-
gung Arnolds 126 fg.
Haskerls bearbeitung des Papinian von
A. Gryphius 331 fg.
Helfrich von Lutringen oder Lune in der
ersten Strophe des alten Eckenliedes,
bedeutung des namens 3 fgg. vgl Ecken-
lied.
Herder: briefe von ihm und seiner gat-
tin an Gleim 36 — 70. brief Gleims an
Herder 37 fg. 51 anm. 7. an Herders
gattin 42 anm. 2, 54 anm. 1.
höfisches leben zur zeit der min-
ne Singer: fragespiel 91. tanz 91 fg.
musikinstrumente 92 fg. vorlesen 93.
spielleute, das spilwip 93 fg. Stellung
der kirchonfüi'sten zu den spielleuten
93. s. Gertruden , s. Johannis minne 95.
lebenswandel der geistlichkeit 95 fg. sit-
lichkeit 96. ideale des ritters, minne-
dienst 97 fg. einteilung der frauen 98.
eheschliessung 98 fgg. sper 100 fg. ban-
ner 101. rüstung, kleidung 102 fg.
waffenröcke 103 fg. zimier 104. reise-
gewand 104 fg. schild 105 fg. kover-
tiure 106. turnier 106. 109. ordale
109. zeit 110 fg. kampflieder 111.
heilmittel für wunde, Operation 111 fg.
die gefallenen 112. schwur 113.
Jean Paul : Gleims urteil über ihn 40 anm. 6.
Jerusalemfahrt des pfalzgrafen Otthein-
rich 166 — 220. 475 — 501. Vgl. pü-
gerfahrten.
indogermanische lautlehre, haupt-
probleme derselben siehe grammatik. —
Urheimat der Indogermanen 549. vor-
indogeimanische bevölkerung Europas
549. bestimmung des anfanges einer
gennaoischen Sondersprache 550 fg.
Joacliims Karl von Braunschweig lieder-
buch 29 — 32. vgl. liederbücher.
klage, diu: Unterscheidung von zwei tei-
len 146. inhalt des zweiten teiles 146 —
150. rechtfertigung Kriemhilts 150 fgg.
Hagens veiiirteüiing 153. degeneration
der alten recken 153 — 157. wörtliche
Übereinstimmungen mit dem Nibelun-
570
I. SACHREGISTER
genliedo 158. widersprücho zwischen
beiden teilen dos gedieh tes 158 fg. Ver-
knüpfung beider teile 159 fg. lateinische
und deutsche quelle 160 fg.
Klinger, Maximilian v. : Henri P^ons L'Hi-
stoire des trois fils quelle seines lust-
spiels: Der der wisch 357 fgg. bearbei-
tung Kliugers 359 — 362.
Köbers auffühiningen am Geraer gymna-
sium 514.
Köhler, Reinhold 568.
Konrads von Hirschau dialogus super aucto-
res sive didascalon: inhalt 268 — 272.
Sprache, quellen, pädagogischer Stand-
punkt 272. methode 272 fg.
Kormaiis Polyeuctus siehe Mitternacht.
Kümberger, der: als Verfasser der ihm
zugeschriebenen Strophen 408 fgg. als
angeblicher dichter des Nibelungenliedes
408 fgg.
Lassonius, Johann, seine angebliche lauf-
bahn als Schauspieler 314 anm. 7.
lautlehre, hauptprobleme der iodogerma-
nischon, siehe grammatik.
Lexer, Matthias von, nekrolog 253 — 256.
liederbücher des 16. und 17. Jahr-
hunderts: liederbuch des prinzen Jo-
achim Karl von Braunschweig 29 — 32.
der Prinzessin Luise Charlotte v. Braun-
schweig 32 — 36. — Venusgärtlein : nach-
weise zu nr. 50 s. 65. 273 fg. zu ni*.
53, s. 68. 274 — 280. zu nr. 63 — 65
s. 280. zu nr. 69 s. 280—283. zu nr.
81, s. 122. 283. zu nr. 107 s. 283. zu
nr. 114 s. 283. Charakter des gesel-
schaftsliedes 283 fg. Verhältnis zum mo-
dernen volksliede 284. s. 138: Ein
hirschlein usw. anfang der modernen
jägerromantik 284. nachgeahmt von
SchefPler 284 fg. — Des Neu weltlichen
liederbüchleins imd ähnlicher Verhältnis
zum modernen volksliede 285 fg. —
vgl. Zweibrückenor handschriften.
Luise Chai'lotte von Brandenburg, lieder-
buch derselben 32 — 36.
metrik: zur geschieh te der altdeutschen
verskunst 552 fgg. alliteration 554. Ot-
frieds iktenzoichon 554 fgg. endreim
556 fg. der reim bei den irischen klo-
sterdichtern 557. in der lateinischen
dichtung 557. drei-, vier- und mehr-
hebige vei-se nach Otfried 558 fg. Ni-
belungenstropho 559. — motiische ab-
hängigkeit der Strophen der Carmina
Burana von der weise des Eckenliedes
1 fg. 27 fg. — vgl. Eckonlied.
minncgesang: natureingänge der minnelie-
dor 122 fg. 124. — höfisches leben zur
zeit der minuesinger 91 — 113.
Mitternacht: lioder 503 — 509. drameo
509 fg. seine lateinischen dramen auf-
geführt von Schülern des Geraer gym-
nasiums 510 — 514. aufführungen durch
roktor Köber, den nachfolger Mitter-
nachts 514; darunter eine bearbeitung
von Corneilles Polyeuct 514 — 519; Zu-
sammenhang mit Korroarts Polyeuctus
519 fg. — die beiden deutschen dramen
Mitternachts 520 fg.: 1) der unglück-
selige Soldat vnd vorwitzige barbierer
521 — 526. auftreten allegori.scher figu-
ren 526 fg. einfluss der englischen ko-
mödianten 527 fgg. pädagogisch -mora-
lische tendenz des Stückes 529 fg. 2)
Politica dramatica 530 — 537.
Müllers, Wilhohn, romanze: Est, est 142 fg.
nekrologe: Friedr. Zarncke 71 — 90. Mat-
thias V. Lexer 253 — 256. Theodor Wi-
son 362—366.
Neuberin, die, mitglied der Spiegelberg-
schen schauspielerinippe siehe das lozte.
Nibelungenlied: Verhältnis der klage
zum N., siehe klage. — Verhältnis des
VIT. und VIII. Lachmannschen liedcs
407 fg. der Kümberger als angeblicher
Verfasser des N. 4Cß fgg. bedeutung
des namens Nibelung, Nibelungen 410 fg.
burgundische könige 41 1 . goldhaltigkeit
des Rheinsandes hat zur sage von dem
Nibelungenschatze beigetragen 411 fg.
Verhältnis der geschichte von der or-
weckung Sigrdrifas zur gowinnung Bnin-
hilds 413 fg. Wechsel der rollen des
Etzel imd der Kriemhilt im nordischen
und deutschen Nibelungenliede 415 fg.
Verhältnis des epos zur spiolmannspoesie
416. — Nibelungenstrophe 559.
Otfrieds iktenzeichen 554.
Ottheinrichs, pfalzgrafen bei Rhein, Pil-
gerfahrt 164.
PajoDS, Henri, L'Histoire des trois fils
usw. quelle von Klingers derwisch, siehe
Klinger.
Pandszensche schauspielertmppe 315 fg.
Paulsensche schauspielertimppe 315 fg.
Pilgerfahrten: entstehuug sogenanter
pilgerbrüder 163 fg. pilgerfimrt des
pfalzgrafen Ottheiniich 164. bericht
eines bäuerlichen Schweizers darüber
164. 166-220. 475—501. bericht
eines geistlichen daiübcr 164.
Puppenspiele : Zugehörigkeit zum reperteiro
der Wanderbühnen des 17. Jahrhunderts
420 fg. — böhmisches Puppenspiel von
dr. Faust 421 fg.
von Quotens schauspielertruppe 340 fg.
reim: siehe metrik.
i'outerlioder, siehe Zweibrüokener hand-
schriften.
n. YERZEICHlilS D£B BESPROCHENEN STELLEN
571
Sachs, Hans: behandlung des Boccaccio
344 fg. erklärang des von ihm beibe-
haltenen anstössigen 845 fg. Verhältnis
der menschen zu Gott in den fastnacht-
spielen 346 fgg. Verhältnis der men-
schen mitereinand er: Warnung mächtiger
348 fg. achtbarkeit aller stände 349 fg.
tadel unzüchtigen lebens 351 fg. lob
der ehe 352 fgg. kindererziehung 354
fgg. quellen 564.
schauspielortruppen, deutsche, in
Dänemark: des Wulff und Treu 314.
des Pandszen 315. des Paulsen 315 fgg.
des üblich 316 fg. der witwe Veiten
317. theaterzettel ihrer truppe, betr.
das stück Statua und Inhalt desselben
318 — 321. vergleich mit dem italieni-
schen onginal des Cicognini 321. —
anschlagzettel, vermutlich des Denner,
betr. das stück: Der verirte liebes -stand
322 fgg. die Denner -Spiegelbergsche
truppe 324 fgg. Neuber und frau Neu-
berin mitglieder dei-selben 325. plan
des von der Spiegelbergschen truppe in
Kopenhagen gespielten Stückes : der ver-
wirto Soldat 326 — 331. des von Has-
kerl bearbeiteten Papinian des A. Gry-
phius 331 — 334. änderungen des ori-
ginales 334 fgg. nachweis eines zweiten
im norden spielenden Spiegelberg 337 fg.
Call V. Eckenbergs auftreten 338 fg.
Etienne Capions bühüe 338 fg. v. Quo-
ten und die von seiner tmppe gespiel-
ten stücke 340 — 342. — Puppenspiele
im repertoire der Wandertruppen des
17. Jahrhunderts 420 fg.
SchclTler ahmt lieder des Veuusgärtleius
nach 284.
Scheror, Wilhelm, urteile über ihn 287 fg.
Schiller: Gleims urteil über die Xenien
47 anm. 1.
Spiegelbergsche schauspieleiiruppen 326
spielmannspoesie , Verhältnis zum Nibe-
lungenliede 416.
Sprachvergleichung, siehe grammatik.
Stolbergs übertritt zum katholicismus, ur-
teil Gleims 58 anm. 1.
Thidreksagaj ui-sprüngliche und inter-
poliei-te teüe: c. 197 — 283. 433 — 441.
c. 21 — 196 435. vgl. 455 fg. c. 197 —
240 435—438. c. 241—274 438 fg.
c. 276 — 290 439 — 442. Verhältnis Ro-
dingeirrs zur sage 442 — 445. Stellung
der Niflungasaga (342 — 348. 356 — 394)
zur sage 445—450. c. 303 — 307 451
fg. c. 295. 308 452 fg. c. 316 — 339
444 fgg. c. 340—341 450. c. 349—
355 453. c. 395—422 447 fgg. 453 fg.
c. 423 — 428 450. 454 fg. c. 429 — 436
454 — 458. c. 437 458 fg. S c. 383 —
386 459 fg. c. 1 -20 460 fgg. Schei-
dung der intei-polationen nach den Ver-
fassern 462—475.
Treusche schauspielertruppe 314.
ühlichsche schauspielertruppe 316.
Veltensche schauspielertruppe 317.
Venusgäitlein, lioderbuch des 17. jahr-
hundei-ts 273 fg.
Volkslieder des 16. Jahrhunderts: einfluss
auf das moderne Volkslied 285. — Ver-
hältnis des böhmischen Puppenspieles
von dr. Faust zu Volksliedern von Faust
421.
Wanderbühnen, siehe schauspielertrnppen.
Wielands dichterische manier 221 fgg.
Geron: composition des gedichtes und
Verhältnis zur quelle, Gyron lo Cour-
tois 221 — 236. Wielands auffassung
vom hochdeutschen 236—240. Verhält-
nis zu Adelungs Wörterbuch 240 fg.
Wortvorrat im Geron verglichen mit
Adelung 241 — 252.
Winnenbergs, freiherrn von, reuterliedcr
in einer Zweibrückener handschrift 539.
Wisen, Theodor, nekrolog 362—366.
Wulffscho schauspielei-truppe 314.
Xenien: urteil Gleims 47 anm. 1.
Zarncke, Friedrich, nekrolog 71 — 90.
zehn altersstufen des menschen, gedieht
544 fg.
zeichen > und <. 566.
Zingeiie, I. v., 568.
Zweibrückener handschriften: ge-
dieht auf die Vermählung pfalzgraf Frie-
drichs II. 538 fg. dialogus 539. reu-
terliedcr des freiherrn v. Winnenberg
539 fg. historische Reimen voun dem
Vngereimbden Reichstage Anno 1613
540—544.
IL VERZEICHNIS DER BESPROCHENEN STELLEN.
Mittellateinisch.
Egberts von Lütticli Fecunda
ratis 2';i s. 429.
46 - ''^
52
s. 427.
s. 429.
73 s. 429.
174. 178 S.427.
319. 327. 415 s.427.
428. 434 8. 427.
440. 448 s. 429.
459 s. 427 fg.
464. 523 s. 428.
526—538 S.429.
571 fg. 605 S.428.
628. 659 8. 428.
701—722 8.428.
871 fgg. s. 428.
572
in. WOBTBEaiSTER
Egberts von Lüttich Focunda
ratis.
931. 967 S.430.
999 s. 428.
1005. 1015 s. 430.
1023 S.428.
1080 s. 430.
1129. 1180 s.428.
1205 S.429. 430.
1218 s. 429.
1237 S.430.
1243. 1322 s. 429.
1341 S.420. 430.
1347 s.429.
1469. 1582 s. 4.30.
II. 33. 66 s. 430.
185 s.429.
373. 433. 444. 463
s. 430.
Altnordisch.
Volsungasaga ed. Ranisch.
C.29, z. 113 s. 395.
Str. 22* S.396.
Thidreksaga siehe das Sach-
register.
Mittelhochdeutsch.
Altdeutsche predigten, her-
ausgegeben V. «ohönbach
29, 8 s. 261.
29, 22. 40, 7 s. 259.
42, 24 s. 261.
49, 2. 52, 24 s. 259.
59, 2 s. 261.
64, 7. 25 8. 259 fg.
80, 8 s. 261,
101, 21. 105, 28. 107, 5
8. 260.
132, 33. 38 s. 260 fg.
133, 31 s. 260.
139, 6 fg. s. 261.
142, 3 s. 260.
147,31. 149,38. 154,28
s. 26] .
159, 21. 161, 32 s. 260.
162, 3. 167, 9 8. 260.
173, 38 s. 261.
184, 6 8. 260 %
186, 9. 192, 22 s. 261.
208, 29. 212, 9 s. 261.
355, 1 8. 262.
I Nibelungenlied.
1528 s. 407.
i Klage.
I 1398 fgg 8. 161 ig.
i 1473—1555 s. 162.
1633 s. 161.
Minnesangsfrühling
8, lund 9, 29 8. 408 fgg.
Neidhart
48, 20 fg. s. 124.
Vom rechte.
363 fg. 8. 562.
Hochzeit
. 854 8. 562.
I Niederdeatseh.
, Stricker, De Dudosche
Schlömer.
185. 733. 2242 s. 130.
! 3599. 5009 s. 131.
Altnordisch.
Walls (eigenuanie) s. .398 fg.
AltMesisch.
T'NVoii (eigeimanio) s. 129.
Mittelhochdeutsch .
arm brüst s. 109 fg.
barmhcrzunge s. 262.
hast (f. pabst) s. 257.
bezocheneu (f. bezeichnen)
s. 258.
brutgou s. 258.
büwewerch s. 262.
chunschc (f. kiusche) s. 258.
dietland s. 262.
doruslehe s. 263.
ebeugenozsam s. 263.
ebenmäzunge s. 263.
eigensuu s. 263.
ergrauten s. 263.
erscemen s. 263.
vorteilaero a. 263.
visk-schiflin s. 263.
viwer-eitor s. 263.
flatscho, fletsche s. 110.
Vül-Gren s. 263.
III. WOETREGISTER.
vül-lOnen s. 263. I
vurfrit s. 257.
gcmande s. 263.
gomüozegen s. 263.
gcnozsamen s. 263.
giegen (giengin) s. 258.
gigirsch, gigirschhoit s. 263.
gots-gelichnusse s. 263.
gotsun s. 257 fg.
hei-sal s. 264.
hersedol s. 264.
hersenier s. 110.
heimladunge' s. 264.
hinnebedcs s. 264.
horwelin s. 264.
ir (pron.) s. 258 fg.
kiulc, kolbe s. 110.
kolzo s. 102, anm. 1.
kouft (f. gek.) s. 258.
lantsite s. 264.
lecken s. 259.
leigolich s. 264.
mirrensraac s. 264.
uedehein s. 264.
paore s. 262.
pfaffensanienunge s. 264.
reismantel s. 264.
riusaerinne s. 264.
sumbalde s. 264.
I sce£stiuraore s. 264.
I sines willen s. 258.
j spaldenier s. 102.
I toufbotege s. 264.
; unanesihtik s. 264.
uugewislicheu s. 264.
wenig! s. 264.
woldan s. 1 10.
zuo weten s. 264.
MittelfransMseh.
haubergeon s. 130.
NenhoehdeatBeh.
Füglisthal (orten.) 8. 267.
Giuxiinenwiese 8.286 fg.
thäte (im bedingungssatxe)
8. 138. 431.
Wölflingen (ortan.) s. 267.
NiederdeutBeh.
dribolde scheren s. 140 fg.
grindt s. 131.
putz s. 131.
NenfhuuMBeh«
Vauffelin (ortsn.) s. 267.
Halle u. S. , Budidnickorei des WaiseiihaUbes.
THE UNIVERSITY OF MICHIGAN
GRADUATE LIBRARY
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